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Full text of "Ergebnisse der Geistesforschung"

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RUDOLF  STEINER  GES AMT AUSG ABE 

VORTRAGE 

OFFENTLICHE  VORTRAGE 


RUDOLF  STEINER 

bnisse  der  Geistesforschun 


Vierzehn  qffenrfiche  Vortrdge 
gehalten  zwischen  dem  31.  Oktober  1912 
und  dem  10.  April  1913 
im  Architektenhaus  zu  Berlin 


1988 

RUDOLF  STEINER  VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 


Nach  vom  Vortragenden  nicht  durchgesehenen, 
nicht  wortlichen  und  teilweise  liickenhaften  Nachschriften 
herausgegeben  von  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die  Herausgabe  besorgten  Ernst  Weidmann  und  Johann  Waeger 


1.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1960 

2.  Auflage,  Gesamtausgabe  Dornach  1988 

Friihere  Veroffentlichung 

«Ergebnisse  der  Geistesforschung» 
dreizehn  Einzelhefte  als  Reihe,  Basel  1941-1942 


Bibliographie-Nr.  62 

Alle  Rechte  bei  der  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
©  1960  by  Rudolf  Steiner-Nachlafiverwaltung,  Dornach/Schweiz 
Printed  in  Germany  by  Konkordia  Druck  GmbH,  Buhl/Baden 

ISBN  3-7274-0620-8 


Zu  dm  Veroffentlichungen 
aus  dem  Vortragswerk  von  Rudolf  Steiner 


Die  Grundlage  der  anthroposophisch  orientierten  Geisteswis- 
senschaft  bilden  die  von  Rudolf  Steiner  (1861  -  1925)  geschrie- 
benen  und  veroffentlichten  Werke.  Daneben  hielt  er  in  den 
Jahren  1900  bis  1924  zahlreiche  Vortrage  und  Kurse,  sowohl 
offentlich  wie  auch  fur  die  Mitglieder  der  Theosophischen,  spa- 
ter  Anthroposophischen  Gesellschaft.  Er  selbst  wollte  ur- 
spriinglich,  dafi  seine  durchwegs  frei  gehaltenen  Vortrage  nicht 
schriftlich  festgehalten  wiirden,  da  sie  als  «mundliche,  nicht 
zum  Druck  bestimmte  Mitteilungen»  gedacht  waren.  Nach- 
dem  aber  zunehmend  unvollstandige  und  fehlerhafte  Horer- 
nachschriften  angefertigt  und  verbreitet  wurden,  sah  er  sich 
veranlafit,  das  Nachschreiben  zu  regeln.  Mit  dieser  Aufgabe  be- 
traute  er  Marie  Steiner-von  Sivers.  Ihr  oblag  die  Bestimmung 
der  Stenographierenden,  die  Verwaltung  der  Nachschriften 
und  die  fur  die  Herausgabe  notwendige  Durchsicht  der  Texte. 
Da  Rudolf  Steiner  aus  Zeitmangel  nur  in  ganz  wemgen  Fallen 
die  Nachschriften  selbst  korrigieren  konnte,  mufi  gegeniiber 
alien  Vortragsveroffentlichungen  sein  Vorbehalt  beriicksich- 
tigt  werden:  «Es  wird  eben  nur  hingenommen  werden  miissen, 
dafi  in  den  von  mir  nicht  nachgesehenen  Vorlagen  sich  Fehler- 
haftes  findet.» 

Nach  dem  Tode  von  Marie  Steiner  (1867-  1948)  wurde  ge- 
maS  ihren  Richtlinien  mit  der  Herausgabe  einer  Rudolf  Steiner 
Gesamtausgabe  begonnen.  Der  vorliegende  Band  bildet  einen 
Bestandteil  dieser  Gesamtausgabe.  Soweit  erforderlich,  finden 
sich  nahere  Angaben  zu  den  Textunterlagen  am  Beginn  der 
Hinweise. 


INHALT 


Zu  dieser  Ausgabe   8 

I.  Wie  widerlegt  man  Geistesforschung  ? 

Berlin,  31.  Oktober  1912   9 

II.  Wie  begrundet  man  Geistesforschung? 

Berlin,  7.  November  1912  46 

III.  Die  Aufgaben  der  Geistesforschung  fur 
Gegenwart  und  Zukunft 

Berlin,  14.  November  1912  84 

IV.  Die  Wege  der  ubersinnlichen  Erkenntnis 

Berlin,  21.  November  1912  117 

V.  Ergebnisse  der  Geistesforschung  fiir  Lebensfragen 
und  das  Todesratsel 

Berlin,  5.  Dezember  1912  150 

VI.  Naturwissenschaft  und  Geistesforschung 

Berlin,  12.  Dezember  1912  185 

VII.  Jakob  Bohme 

Berlin,  9.  Januar  1913  220 

VIII.  Die  Weltanschauung  eines  Kulturforschers  der  Ge- 
genwart, Herman  Grimm,  und  die  Geistesforschung 
Berlin,  16.  Januar  1913  249 


IX.  Raffaels  Mission  im  Lichte  der  Wissenschaft  vom 
Geiste 

Berlin,  30.  Januar  1913  286 

X.  Marchendichtungen  im  Lichte  der  Geistesforschung 
Berlin,  6.  Februar  1913  321 

XI.  Lionardos  geistige  Grofte  am  Wendepunkt  zur 
neueren  Zeit 

Berlin,  13.  Februar  1913  353 

XII.  Irrtumer  der  Geistesforschung 

Berlin,  6.  Marz  1913  382 

XIII.  Die  Moral  im  Lichte  der  Geistesforschung 

Berlin,  3.  April  1913    .   ,  416 

XIV.  Das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts 

Berlin,  10.  April  1913  445 

Hinweise   489 

Namenregister   507 

Ausfuhrliche  Inhaltsangaben   510 

Ubersicht  iiber  die  Rudolf  Steiner  Gesarntausgabe  .  .  .  .  519 


ZU  DIESER  AUSGABE 


Die  Vortrage  dieses  Bandes  gehoren  dem  Teil  von  Rudolf  Steiners 
Vortragswerk  an,  mit  dem  er  sich  an  die  Offentlichkeit  wandte. 
«Berlin  war  der  Ausgangspunkt  fiir  diese  offentliche  Vortragstatigkeit 
gewesen.  Was  in  anderen  Stadten  mehr  in  einzelnen  Vortragen  behan- 
delt  wurde,  konnte  hier  in  einer  zusammenhangenden  Vortragsreihe 
zum  Ausdruck  gebracht  werden,  deren  Themen  ineinander  ubergrif- 
fen.  Sie  erhielten  dadurch  den  Charakter  einer  sorgfaltig  fundierten 
methodischen  Einfuhrung  in  die  Geisteswissenschaft  und  konnten  auf 
ein  regelma&g  wiederkehrendes  Publikum  rechnen,  dem  es  darauf 
ankam,  immer  tiefer  in  die  neu  sich  erschliefienden  Wissensgebiete 
einzudringen,  wahrend  den  neu  Hinzukommenden  die  Grundlagen 
fiir  das  Verstandnis  des  Gebotenen  immer  wieder  gegeben  wurden.» 
(Marie  Steiner) 

Die  vorliegenden,  wahrend  des  Winterhalbjahres  1912/13  gehalte- 
nen  14  Vortrage  bilden  die  zehnte  der  offentlichen  Vortragsreihen, 
welche  Rudolf  Steiner  in  Berlin  seit  1903  regelmafiig  durchfuhrte. 

Kurz  zusammengefafit  wird  darin  folgendes  dargestellt:  Die  Gei- 
steswissenschaft in  ihrer  Begegnung  mit  der  Vergangenheit,  Gegen- 
wart-  und  Zukunft,  ihre  moglichen  Begrundungen  und  Widerlegun- 
gen,  ihre  Verhaltnisse  zu  Naturwissenschaft,  zu  Leben  und  Tod,  zu 
Moral  und  Ubersinnlichem.  Den  Geistesschiiler  erwarten  auf  seinem 
Erkenntnisweg  schwere  moralische  Priifungen  und  grofie  Gefahren 
des  Irrtums.  Grofie  Personlichkeiten  der  Geschichte  wie  Jakob  Boh- 
me,  Raffael  und  Leonardo  im  Licht  der  Geistesforschung.  Goethe,  das 
19.  Jahrhundert  und  deren  wiirdiger  Erbe  Herman  Grimm  und  deren 
Beziehung  zur  Geisteswissenschaft. 


WIE  WIDERLEGT  MAN  GEI STESFORS CHUNG? 


Berlin,  3LOktober  1912 


Wie  in  den  verflossenen  Wintern  werde  ich  mir  gestatten, 
im  Laufe  dieses  Winterhalbjahres  eine  Anzahl  von  Vor- 
tragen  iiber  Geisteswissenschaft  hier  an  diesem  Orte  zu 
halten.  Aus  dem  Programm  wird  ersichtlich  sein,  dafi  diese 
Vortrage  sich  zuerst  auf  das  erstrecken  sollen,  was  die  Gei- 
steswissenschaft von  ihrem  Gesichtspunkte  aus  iiber  die 
Fragen  des  Lebens  vorzubringen  hat,  dafi  dann  der  Uber- 
gang  gemacht  werden  soil  zur  Beleuchtung  einiger  wich- 
tiger  Kulturerscheinungen,  hervorragender  Kulturtatsachen 
und  hervorragender  Personlichkeiten  der  Vergangenheit, 
wie  etwa  Raffael,  Leonardo  da  Vinci,  und  dafi  zuletzt  noch 
die  Beziehung,  das  Verhaltnis  der  Geisteswissenschaft  zu 
mancherlei  Erscheinungen  im  unmittelbaren  gegenwartigen 
Geistesleben  beleuchtet  werden  soil.  Heute  sollen  diese 
Vortrage  in  einer  eigenartigen  Weise  begonnen  werden.  Es 
soil  irn  Eingange  nicht  das  vorgebracht  werden,  was  zur 
Erhartung  und  zur  Bekraftigung  dieser  Geistesforschung 
gesagt  werden  kann,  sondern  im  Gegenteil  das,  was  an 
moglichen,  an  bedeutungsvolleren  Einwanden  gegen  diese 
Geisteswissenschaft  vorgebracht  werden  kann. 

Es  liegt  in  der  Natur  der  Tatsachen,  dafi  diese  Geistes- 
forschung in  unserer  Gegenwart  infolge  des  Standes  unserer 
Zeitbildung  und  infolge  mancherlei  anderer  Tatsachen  viele 
Gegnerschaft  nach  sich  zieht.  Aber  nichts  ware  gerade  die- 
ser Geisteswissenschaft  unangemessener,  als  wenn  sie  in  Fa- 
natismus  verf alien  wiirde  und  sozusagen  nur  das  sehen 


wollte,  was  von  dem  Gesichtspunkte  ihrer  Vertreter  an 
Griinden  f iir  sie  auf  gebracht werden  kann.  Fanatismus  mufi 
gerade  —  und  wir  werden  sehen,  aus  welchen  Griinden  - 
dieser  Geistesforschung  vollig  fernliegen.  Daher  mufi  sie, 
mehr  als  dies  vielleicht  von  irgendeinem  anderen  Stand- 
punkt  aus  notig  ist,  darauf  bedadit  sein,  die  Einwande 
ihrer  Gegner  zu  verstehen,  ja,  sie  mufi  sie  in  einem  gewissen 
Sinne  geradezu  tolerieren,  und  begreiflich  mulS  es  ihr  er- 
scheinen,  dafi  eine  ganze  Anzahl  gerade  ehrlicher  Wahr- 
heitssucher  der  Gegenwart  merit  mit  ihr  gehen  konnen.  Es 
ist  ja  meine  Gewohnheit  gewesen  —  die  verehrten  Besucher 
der  friiheren  Vortrage  werden  das  wissen,  und  diese  Ge- 
wohnheit soli  auch  in  der  Folge  fortgesetzt  werden  -,  bei 
den  einzelnen  Vorbringungen  zugleich  auf  die  moglichen 
Einwande  Rucksicht  zu  nehmen.  Heme  sollen  sozusagen 
bedeutungsvollere,  gewichtigere  Einwande  vorweggenom- 
men  werden.  Denn  Einwande  gegen  das,  was  von  dem 
Standpunkte  der  Geistesforschung  zu  sagen  ist,  ergeben  sich 
wahrlich  nicht  blofi  von  den  Gegnern  her,  sondern  bei  einem 
gewissenhaften  Betriebe  der  Geistesforschung  fiihlt  sich  die 
Seele,  die  einem  solchen  Betriebe  hingegeben  ist,  auf  Schritt 
und  Tritt  selber  vor  diese  moglichen  Einwande  gestellt. 
Weil  ja  die  Wahrheiten  der  Geistesforschung  in  der  Seele 
errungen,  erkampft  werden  miissen,  so  mufi  die  Seele  in 
einer  gewissen  Weise  dem  Gegner  in  bezug  auf  solche  Ein- 
wande, die  in  der  Seele  selbst  geltend  gemacht  werden,  auch 
gewachsen  sein,  und  viel  besser  wird  man  auf  diesem  Ge- 
biete  fortkommen,  wenn  man  sich  von  vornherein  dariiber 
klar  ist,  was  alles  eingewendet  werden  kann. 

Nun  soli  es  allerdings  nicht  meine  Aufgabe  sein,  auf  die- 
jenigen  Einwande  oder  angeblichen  Widerlegungen  hier 
einzugehen,  welche  sozusagen  auf  der  Strafie  gefunden 
oder  aus  den  Fingern  gesogen  werden  konnen,  sondern  es 


soil  auf  die  Einwande  Riicksicht  genommen  werden,  die 
man  sich  als  ehrlicher  Wahrheitsucher  aus  unserer  Zek- 
bildung,  aus  den  geistigen  Grundlagen  unserer  Gegenwart 
heraus  selber  machen  kann  und  in  einem  gewissen  Grade 
sogar  machen  mufi.  Audi  nicht  auf  die  Einwande  gegen  gar 
mancherlei  soli  eingegangen  werden,  was  sich  heute  oft  Gei- 
stesforschung  oder  Theosophie  nennt;  denn  von  vornherein 
soil  zugegeben  werden,  dafi  man  mit  vielem  -  namentlich 
in  der  Form  -,  was  heute  als  «Theosophie»  auftritt,  nicht 
gerade  Staat  machen  kann.  Aber  das,  was  hier  vertreten 
wurde  und  vertreten  wird,  das  soil  in  meinen  heutigen  Ein- 
wanden  beriicksichtigt  werden.  Wenn  wir  uns  aber  auf 
solche  Einwande  einlassen  wollen,  so  mufi  mancherlei  von 
dem,  was  schon  im  Laufe  der  vorhergehenden  Zyklen  ge- 
sagt  worden  ist  und  was  in  den  nachsten  Vortragen  noch 
zur  Sprache  kommen  wird,  gleichsam  im  Umrifi  vor  die 
Seele  geriickt  werden.  Kurz  wollen  wir  uns  also  dariiber 
verstandigen,  was  unter  Geistesforschung  nach  ihrem  In- 
halte  und  ihren  Quellen  hier  gemeint  ist. 

Zunachst  kann  man  ganz  im  allgemeinen  Geisteswissen- 
schaft  dadurch  charakterisieren,  dafi  man  sagt,  die  Geistes- 
wissenschaft  stelle  sich  auf  den  Standpunkt,  dafi  sie  iiber 
alles,  was  der  Mensch  durch  seine  Sinne  wahrnimmt,  was 
er  mit  einer  Wissenschaft  zu  ergriinden  vermag,  die  vor- 
zugsweise  auf  die  Sinne  und  auf  den  Verstand  gebaut  ist, 
der  aus  den  Sinnen  seine  Schlixsse  zieht  -  dafi  sie  iiber  alles 
dieses  hinausschreiten  mufi  zu  den  geistigen  Ursachen  der 
sinnlichen  und  durch  den  Verstand  erf  orschbaren  Tatsachen, 
so  dafi  sie  iiberall  hinter  diesen  sinnlichen  Tatsachen  eine 
geistige  Welt  nicht  nur  annimmt,  sondern  zu  beweisen  ver- 
sucht,  eine  geistige  Welt,  in  welcher  die  Ursachen  zu  alle- 
dem  liegen,  was  die  Sinne  sehen  und  der  Verstand  erf  orschen 
kann. 


Von  mancherlei  anderen  Geistesrichtungen  der  Gegen- 
wart  und  der  Vergangenheit  unterscheidet  sich  diese  Geistes- 
wissenschaft  dadurch,  dafi  sie  nicht  nur  im  allgemeinen, 
etwa  hypothetisdi,  behaupten  will,  es  gabe  iiber  den  Ver- 
stand  und  die  Sinne  hinaus  eine  geistige  Welt,  sondern  dal$ 
sie  davon  ausgeht,  der  Mensch  sei  imstande,  seine  Erkennt- 
niskrafle,  seine  Seelenkrafte  so  auszubilden,  so  zu  entwik- 
keln,  dafi  sie  in  eine  geistige  Welt  hineinzuschauen  ver- 
mogen-wozu  sie  ohne  diese  Entwickelung  nicht  fahig  sind. 
Also  nicht  nur  die  MogHchkeit  einer  geistigen  Welt,  son- 
dern die  Erkennbarkeit  einer  geistigen  Welt  ist  das  Eigen- 
tumliche  dieser  Geistesf  orschung  oder  Anthroposophie,  wenn 
wir  sie  so  nennen  wollen.  Dafi  man  mit  der  Eigenart  der 
Seelenkrafte  und  mit  den  Eigenschaften  der  Erkenntnis- 
krafte,  wie  sie  der  Mensch  zu  seinem  gewohnlichen  Tages- 
gebrauch  -  wenn  wir  so  sagen  diirfen  -  besitzt,  nicht  in  die 
geistige  Welt  hineindringen  konne,  das  wird  von  vorn- 
herein  zugegeben.  Dafi  es  aber  richtig  sei,  diese  Erkenntnis- 
krafte  seien  unentwickelbar,  dafi  sie  sich  nicht  dazu  ent- 
falten  konnten,  um  nach  ihrer  Hinauf organisation  zu  die- 
sem  hoheren  Standpunkte  in  eine  geistige  Welt  hineinzu- 
schauen, wie  die  Augen  in  die  Sinneswelt  hineinschauen, 
das  bestreitet  die  Geisteswissenschaft.  Damit  stehen  wir 
aber  schon  an  den  Quellen  dieser  Geistesforschung. 

Diese  Quellen  ergeben  sich  der  Seele,  wenn  diese  Seele 
durch  innerliche  Arbeit,  durch  innere  Entwickelung  -  und 
oft  wurde  hier  von  den  Methoden  dieser  inneren  Entwicke- 
lung gesprochen  -  sich  selber  zu  einem  hoheren  Stand- 
punkte ihrer  Anschauung  hinaufarbeitet.  Dann  steht  zu  der 
Sinneswelt,  die  uns  umringt,  so  zeigt  die  Geisteswissen- 
schaft, eine  andere  da,  eine  geistige  Welt,  von  der  die  wah- 
ren  Ursachen  aller  Erscheinungen  der  Sinneswelt  ausgehen. 

Durch  die  Erforschung  der  geistigen  Welt  kommen  wir 


aber  dazu,  den  Menschen  als  ein  viel  komplizierteres  Wesen 
anzusehen,  als  er  es  fur  die  gewohnliche  sinnliche  oder  ver- 
standesmafiige  Anschauung  ist.  Wir  kommen  dazu,  den 
Menschen  als  ein  viergliedriges  Wesen  anzusehen.  Dasjenige, 
was  man  den  physischen  Leib  nennt,  betrachtet  die  Geistes- 
forschung  nur  als  einen  Teil  der  gesamten  menschlichen 
Wesenheit.  Diesen  physischen  Leib  kann  das  gewohnliche 
Sinnesleben  beobachten,  kann  der  Verstand  begreifen.  Die- 
ser  Sinnesleib  ist  der  Gegenstand  der  gewohnlichen  Wissen- 
schaft.  Fiir  einen  groften  Teil  unserer  heutigen  Zeitanschau- 
ung  ist  dieser  physische  Leib  die  Gesamtheit  der  mensch- 
lichen  Wesenheit.  Fiir  die  geisteswissenschaftliche  Forschung 
ist  er  nur  ein  Teil  unter  vier  Gliedern  dieser  menschlichen 
Wesenheit. 

Ober  diesen  physischen  Leib  hinaus  unterscheidet  die 
Geistesforschung  den  sogenannten  Atherleib  oder  Lebens- 
leib,  der  dem  physischen  Leibe  eingegliedert  ist.  Aber  nicht 
so  spricht  sie  von  diesem  Atherleib  oder  Lebensleib,  wie 
wenn  er  blofi  dem  Verstande  erschlossen  ware,  sondern  so, 
daft  die  entwickelten  Seelenkrafte  ihn  zu  schauen  vermogen, 
wie  das  entwickelte  Auge  die  Farben  Blau  oder  Rot  schauen 
kann,  wahrend  das  farbenblinde  Auge  diese  Farben  nicht 
schauen  kann.  Und  sie  spricht  dann  davon,  daft  sich  die 
notwendige  Folgerung  ergibt,  dafi  der  physische  Leib  durch 
die  ihm  eigenen  Krafte  mit  dem  Tode  selbstverstandlich 
zerfallt,  weil  die  Krafte,  die  dem  physischen  Leibe  ange- 
horen,  seine  Zersetzung,  seinen  Zerfall  bewirken  und  nur 
dadurch  zusammengehalten  werden,  daft  wahrend  der  Zeit 
des  Lebens  zwischen  Geburt  und  Tod  diesem  physischen 
Leibe  der  Atherleib  oder  Lebensleib  eingegliedert  ist,  der 
als  ein  fortwahrender  Kampfer  gegen  den  Zerfall  des  phy- 
sischen Leibes  da  ist.  Erst  wenn  mit  dem  Momente  des 
Todes  die  Trennung  von  dem  Atherleibe  eintritt,  folgt  der 


physische  Leib  seinen  eigenen  Kraften,  die  aber  dann,  weil 
sie  in  ihrer  Eigenart  wirken,  seine  Zersetzung  hervorrufen. 
Den  physischen  Leib  hat  der  Mensch  gemeinschaftlich  mit 
der  ganzen  mineralischen,  unlebendigen  Welt.  Den  Ather- 
leib  hat  er  gemeinsam  mit  allem  Lebendigen,  mit  der  gan- 
zen Pflanzenwelt. 

Dabei  kann  aber  die  Geisteswissenschaft  noch  nicht  stehen- 
bleiben.  Sie  erkennt  noch  ein  drittes  Glied  der  mensch- 
lichen  Wesenheit  an,  das  so  selbstandig  ist  wie  der  physische 
Leib.  An  Ausdriicken  braucht  man  sich  dabei  nicht  zu  sto- 
len; sie  werden  noch  zur  Erklarung  kommen  und  sind 
zum  Teil  schon  erklart  worden.  Als  drittes  Glied  wird  der 
astralische  Leib  unterschieden.  Er  ist  der  eigentliche  Trager 
der  Leidenschaften,  Begierden,  Triebe,  Affekte,  also  alles 
dessen,  was  wir  unser  Seelenleben  nennen,  was  im  Innern 
verlauft.  Und  von  diesem  astralischen  Leibe  unterscheiden 
wir  in  der  Geistesforschung  dann  wieder  den  eigentlichen 
Ich-Trager.  Wahrend  der  Mensch  den  astralischen  Leib  mit 
allem  gemeinschaftlich  hat,  was  zum  Beispiel  in  der  tie- 
rischen  Welt  AfFekte,  Leidenschaften  hat  und  ein  inneres 
Vorstellungsleben  entwickeln  kann,  hat  er  als  die  Krone 
seiner  Eigenheit  den  Ich-Trager  als  das  vierte  Glied  seiner 
Wesenheit  fur  sich.  In  dem  physischen  Leib,  in  dem  Ather- 
oder  Lebensleib,  in  dem  astralischen  Leib  und  in  dem  Ich- 
Trager  liegt  zunachst  des  Menschen  Wesenheit  fiir  die 
Geistesforschung. 

Weiter  erzeugt  sich  fiir  den,  der  in  die  geistige  Welt  ein- 
zudringen  vermag,  die  Erkenntnis,  wie  sich  ein  grofier  Teil 
unserer  Lebenszustande,  denen  wir  unterworfen  sind,  von 
dem  gewohnlichen  Leben  unterscheidet,  namlich  das  Schlaf- 
leben.  Der  Schlaf  unterscheidet  sich  fiir  den  Geistesforscher 
von  dem  wachen  Leben  dadurch,  dafi  beim  schlaf enden 
Menschen  der  Ich-Trager  und  der  astralische  Leib  des  Men- 


schen  abgetrennt  werden  von  semem  Atherleib  und  phy- 
sischen  Leib.  Die  beiden  letzteren  bleiben  wahrend  des 
Schlafes  wie  ein  pflanzliches  Gebilde  im  Bette  liegen,  der 
Ich-Trager  mit  dem  Astralleib  und  mit  den  Aff ekten,  Trie- 
ben,  dem  Vorstellungsvermogen  und  so  weiter  bewegen  sicb 
dagegen  wahrend  des  Schlafes  aus  dem  physischen  Leib  und 
Atherleib  heraus  und  entfalten  in  einer  fur  sich  bestehen- 
den  geistigen  Welt  dann  ein  eigenes  Leben.  Nur  ist  fiir  den 
heutigen  normalen  Menschen,  wenn  Ich  und  Astralleib  im 
Schlafe  fiir  sich  sind,  das  gewohnliche  Leben  unmoglich, 
weil  dieser  Astralleib  und  das  Ich  keine  Organe  haben,  urn 
die  Umwelt  wahrzunehmen,  nicht  Augen  und  Ohren  haben 
wie  der  physische  Leib.  So  ist  es  unmoglich,  dafi  Astralleib 
und  Ich  die  Welt  wahrnehmen,  in  der  sie  dann  sind. 

Darin  besteht  gerade  die  hohere  Entwickelung  der  Seele, 
da£  Astralleib  und  Ich  f ahig  werden,  Organe  auszubilden, 
um  ihre  Umgebung  wahrzunehmen,  und  dafi  dadurch  fiir 
den  Geistesforscher  ein  Zustand  eintreten  kann,  in  welchem 
er  die  geistige  Welt  wahrnimmt;  so  dafi  er  dann  aufier  dem 
Wachzustand  und  dem  Schlafzustand  noch  einen  wachen 
Schlafzustand  hat,  wenn  wir  ihn  so  nennen  diirfen,  der 
gerade  der jenige  Zustand  ist,  in  welchem  der  Geistesforscher 
die  geistige  Welt  wahrnehmen  kann,  welcher  der  Mensch 
seinem  eigentlichen  Ursprunge  nach  angehort.  So  versucht 
die  Geisteswissenschaft  aus  den  geistigen  Tatsachen  heraus 
den  Obergang  des  Menschen  zwischen  je  vierundzwanzig 
Stunden  in  Wachen  und  Schlafen  zu  erklaren. 

Das  Weitere  fiir  die  Geisteswissenschaft  ist,  dafi  sie  an 
das  grofie  Ratsel  von  Tod  und  Leben  herantritt,  das  heifit 
mit  anderen  Worten  an  die  Frage,  die  das  Menschenherz 
so  bewegt:  an  die  Frage  nach  der  Unsterblichkeit  des  Men- 
schen. Da  kommt  die  Geisteswissenschaft  dazu,  dafi  das 
eigentliche  geistige  Wesen  des  Menschen  nicht  etwa  nur 


ein  Ergebnis  seiner  physischen  Organisation  ist,  sondern 
eine  selbstandige,  einer  geistigen  Welt  angehorende  Ein- 
heit  und  Wesenheit,  welche  sich  den  physischen  Leib  auf- 
baut,  welche  vor  der  Geburt,  ja,  vor  der  Empfangnis  exi- 
stiert  und  von  dem  ersten  Momente,  wo  der  Mensch  als 
Keimzelle  ins  Dasein  tritt,  an  seinem  Organismus  aufbauend 
wirkt.  Es  ist  dies  mit  anderen  Worten  das  Geistig-Seelische, 
das  eigentlich  Tatige  und  Aufbauende,  das  den  Menschen 
durch  sein  Leben  hindurch  organisiert,  das  nur  die  Friichte 
seiner  Lebenserfahnmgen  durch  das  Tor  des  Todes  hin- 
durchtragt  und  das  mit  dem  Tode  in  eine  geistige  Welt 
iibergeht,  um  dann  weitere  Erlebnisse  zu  haben,  und  das 
sich  dann  einen  neuen  physischen  Leib  fur  ein  weiteres 
Leben  organisiert,  um  ein  neues  Leben  durchzumachen  und 
den  Zyklus  zu  wiederholen. 

Die  Geisteswissenschaft  spricht  mit  anderen  Worten  von 
wiederholten  Erdenleben,  spricht  von  wiederholten  Erden- 
leben  so,  dafi  wir  von  unserer  gegenwartigen  Verkorperung 
innerhalb  des  Sinnendaseins  zuruckblicken  zu  anderen  Ver- 
korperungen  in  der  Vergangenheit,  aber  audi  in  die  Zu- 
kunfl:  blicken  zu  spateren  Verleiblichungen  unserer  Wesen- 
heit.  So  dafi  wir  das  Gesamtleben  des  Menschen  teilen  in 
ein  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod  und  in  ein  anderes, 
welches  fur  die  Sinne  und  fur  den  Verstand  rein  geistig 
verlauft  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten  Geburt.  Aber 
nicht  in  einer  ewig  wiederkehrenden  Art  stellt  sich  die  Gei- 
steswissenschaft dies  vor,  sondern  so,  dafi  sie  in  diesen  Wie- 
derholungen  nur  Zwischenzustande  anerkennt,  das  Gesamt- 
leben des  Menschen  aber  auf  ein  ursprungliches  Geistiges 
zuriickfiihrt,  welches  allem  Leben,  vor  allem  unserem  Pla- 
neten,  vorangegangen  ist;  so  dalS  die  Erdenleben  einmal 
einen  Anfang  genommen  haben,  als  der  Mensch  aus  einem 
rein  geistigen  Dasein  heraustrat,  und  da$,  nachdem  sich 


einst  die  Bedingungen  erfiillt  haben  werden,  der  Mensch 
wieder  in  rein  geistigeZustande  eintreten  wird,  welche  in  sich 
die  Friicbte  alles  dessen  enthalten  werden,  was  der  Mensch 
durch  die  verschiedenen  Erdenleben  durchgemacht  hat. 

Das  ist  allerdings  nur  ein  Umrifi,  der  in  den  kommen- 
den  Vortragen  mit  einzelnen  Farben  ausgefiillt  werden 
soil,  der  aber  zeigen  kann,  zu  welchen  Ergebnissen  eine 
geisteswissenschaftliche  Forschung  kommt.  Wenn  wir  uns 
dieses  ganze  Tableau  vor  Augen  stellen,  dann  muli  man 
allerdings  sagen,  fiir  einen  grofien  Teil  der  denkenden 
Menschheit  unserer  Tage  wird  dieses  Bild  nicht  nur  etwas 
Unverstandliches,  Unbeweisbares,  sondern  vielleicht  sogar 
etwas  Verletzendes  haben,  etwas  sogar,  was  Ironie,  Hohn 
und  Spott  herausf ordern  kann,  Schon  wenn  von  dem  Wesen 
der  Geistes  wissenschafl  gesprochen  wird,  mulS  der  Mensch, 
der  alles  fiir  ihn  Wichtige  heute  auf  den  rechten  Boden  der 
Wissenschaffc  beziehen  will,  gewichtige  Einwande  machen. 
Der  Mensch,  der  auf  diesem  Boden  der  Wissenschafl  stent, 
mufi  sich  sagen:  Was  bedeuten  einer  solchen  Vorbringung 
gegeniiber  alle  die  grofien,  nicht  nur  einzelnen  Errungen- 
schaften  der  Wissenschafl,  sondern  was  bedeuten  denn  die 
wissenschaftlichen  Methoden,  was  bedeutet  gegeniiber  der 
Geistesforschung  der  Ernst,  die  Wiirde,  die  Exaktheit,  was 
bedeuten  alle  die  Anstrengungen,  welche  die  Wissenschafl 
in  den  letzten  Jahrhunderten  und  Jahrzehnten  gemacht 
hat,  um  zu  einer  Sicherheit,  zu  einer  objektiven  Sicherheit 
zu  kornmen?  Es  will  die  Geistesforschung  selbstverstandlich 
nicht  etwa  gegen  die  Wissenschafl  arbeiten,  das  ist  ofl 
betont  worden,  sondern  im  vollen  Einklange  mit  der  Wissen- 
schafl stehen.  Daher  mufi  sie  sich  bewufit  sein,  was  die 
Wissenschafl  gegen  sie  einzuwenden  hat,  nicht  nur  von 
ihrem  Inhalte  aus,  sondern  namentlich  von  ihrem  Ernste 
und  ihren  Errungenschaflen  der  letzten  Jahrhunderte  aus. 


Da  kann  man  mit  Recht  sagen,  es  werde  von  der  Geistes- 
wissenschaft  darauf  hingewiesen,  dafi  diese  Quellen  der 
Geistesforschung  in  einer  gewissen  Entwickelung  der  Seele 
liegen,  indem  die  Seele  gewisse  innere  Vorstellungs-,  Emp- 
findungs-  und  Willensprozesse  durchmacht,  das  durchmacht, 
was  man  Meditation  nennt,  so  dafi  sie  dadurch  innere  Er- 
lebnisse  hat,  die  naturlich  rein  beschrankt  sind  auf  die 
eigene  Seele,  die  kein  anderer  kontrollieren  kann,  als  der 
sie  selber  erlebt,  und  dann  wird  so  etwas  durch  nichts  zu 
Kontrollierendes  als  wissenschaftliches  Resultat  iiber  die 
geistigen  Welten  hingestellt.  Wo  bleibt,  kann  die  Wissen- 
schaft  sagen,  das,  was  gerade  die  schonste  Errungenschaft 
dieser  Wissenschaft  ist,  dafi  sie  durch  die  Forschungen  der 
letzten  Jahrhunderte  nur  das  gelten  lafit,  was  von  jedem 
Menschen  objektiv  und  iiberall  und  zu  jeder  Zeit  kontrol- 
liert  werden  kann?  Das  aufiere  Experiment,  die  aufieren 
Beobachtungen  haben  die  Eigentiimlichkeit,  dafi  jeder  an 
sie  herangehen  kann.  Nicht  so  dasjenige,  was  im  Innern 
errungen  und  erkampft  wird.  Wenn  man  auf  Menschen 
hinblickt,  die  so  in  ihrem  Innern  erleben,  zeigt  sich  denn 
dann  nicht  an  der  grofien  Mannigfaltigkeit  dessen,  was  sie 
fortwahrend  an  "Widerspruchsvollem  zum  Ausdruck  brin- 
gen,  das  ganz  Unsichere,  wie  wenig  die  Erlebnisse  iiber- 
einstimmen,  die  durch  ein  mystisch  vertieftes  Bewufitsein 
gegeben  werden?  Wie  miissen  dagegen  die  Forschungen 
ubereinstimmen,  welche  die  einzelnen  Forscher  in  der  Kli- 
nik,  im  Laboratorium  und  so  weiter  machen!  Man  wird 
darauf  hinweisen,  dafi  dies  gar  nicht  anders  sein  konnte, 
so  dafi  also  das,  was  der  Mensch  subjektiv  erlebt,  sich  da- 
durch  als  unwissenschaftlich  zeigt,  und  dies  besonders  auch 
deshalb,  weil  es  durch  keinen  anderen  kontrolliert  werden 
kann,  da  der  andere  nicht  hineinschauen  kann  in  die  Seele 
des  betreffenden  Geistesforschers. 


Haben  nicht  diese  Erlebnisse  der  Seele,  kann  man  sagen, 
eine  voile  Ahnlichkeit  mit  alledem,  was  nachweislich  aus 
irgendwelchen  krankhaffcen  Zustanden,  aus  Obertreibungen 
der  Seele,  in  der  Ekstase  und  so  weiter,  in  der  Seele  erlebt 
wird?  Wenn  der  Geistesforscher  einwendet,  dafi  er  ja  nicht 
gewillt  ist,  jede  beliebige  Vision,  die  in  der  Seele  auftritt, 
als  Forschungsergebnis  gelten  zu  lassen,  sondern  dafi  er  nach 
bestimmten  Methoden  vorgeht,  dann  kann  man  doch  ein- 
wenden,  und  dieser  Einwand  erscheint  durchaus  berechtigt: 
Ja,  zeigt  es  sich  denn  nicht  bei  allem,  was  die  Menschen 
durch  Visionen,  Halluzinationen  und  so  weiter  erleben, 
dafi  solche  Menschen,  wenn  sie  derartigen  Seelenzustanden 
ausgesetzt  sind,  einen  viel  grofieren  Glauben  an  ihre  fixen 
Ideen,  an  ihre  Halluzinationen  und  Visionen  entwickeln 
als  an  das,  was  ihnen  aufterlich  die  Sinne  geben  oder  was 
ihnen  der  Verstand  aufdrangt?  Wenn  man  auf  den  starren 
und  unbeugsamen  Glauben  der  Illusionisten  hinblickt,  so  mufi 
man  bedenklich  werden  gegeniiber  dem,  was  der  Geistesfor- 
scher aus  den  Tiefen  seiner  Seele  heraufholen  will  als  etwas, 
was  nicht  eine  Illusion  ist,  was  einen  objektiven  Bestand  in 
der  geistigenWelt  haben  soil.  Es  kann,sokonnte  man  sagen, 
so  etwas  sein,  was  einen  objektiven  Bestand  in  der  geistigen 
Welt  hat,  aber  gegen  die  Gultigkeit  eines  solchen  Seelen- 
Experimentes  mufi  gesagt  werden,  dafi  der  Illusionist  zu 
seinen  Wahnideen  ein  ebensolches  Vertrauen  hat  wie  der 
Geistesforscher  zu  seinen  Forschungsresultaten,  die  er  dem 
verdankt,  was  aus  den  Tiefen  der  Seele  heraufkommt. 

Nur  wer  die  Entwickelung  der  objektiven  Forschung,  der, 
wie  man  sagen  kann,  gesunden  Wissenschaft  der  letzten 
Jahrhunderte  und  Jahrzehnte  nicht  mitgemacht  hat,  kann 
etwa  mit  einem  Lacheln  iiber  einen  solchen  Einwand  hin- 
weggehen.  Er  ist  gewichtiger,  als  man  gewohnlich  meint, 
bei  denen  meint,  die  aus  einer  einseitigen  Richtung  zu  ihren 


geisteswissenschaftlichen  Resultaten  kommen.  Es  muiS  ge- 
sagt  werden,  zum  Beispiel  mit  Bezug  auf  das,  was  in  meinem 
Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Wel- 
ten?»  mitgeteilt  ist,  wo  gewisse  Angaben  fur  die  einzelne 
Seele  gemacht  sind,  dafi  die  Seele,  wenn  sie  sich  bei  einem 
solchen  Erleben  ganz  sich  selber  iiberlalk,  nirgends  einen 
Anhaltspunkt  hat,  der  sie  kontrolliert.  Das  alles  bezeugt, 
dafi  man  sich  in  der  ernstesten  Weise  mit  einem  solchen,  fur 
einen  oberflachlichen  Geistesforscher  sogar  trivial  erschei- 
nenden  Einwand  auseinandersetzen  mufi.  Es  wird  so  viel 
uber  die  Natur  der,  wie  man  sagen  kann,  unwahren  Vor- 
stellungen  vorgebracht,  da£  das  dagegen  Vorgebrachte  sich 
auch  auf  die  Geisteswissenschafl;  anwenden  lafit,  indem  man 
sagt:  Alles,  was  ihr  da  vorbringt  als  Methoden,  um  die 
Seele  auszubilden,  braucht  nichts  anderes  zu  sein  als  nur 
ein  raffinierteres  Illusions-  und  Halluzinations-Vermogen. 

Dann  aber  nimmt  sich  besonders  die  Geisteswissenschafl; 
deplaciert  aus  gegeniiber  der  ernsten,  kontrollierbaren  Wis- 
senschaft,  wenn  sie  auf  die  einzelnen  Ergebnisse  hinweist. 
Da  konnte  der  gewissenhafte  Wahrheitsucher  der  Gegen- 
wart,  der  mit  der  Entwicklung  der  letzten  Jahre  bekannt- 
geworden  ist,  sagen:  Wifk  ihr  denn  nichts  von  alledem,  was 
vorgegangen  ist?  Da  sprecht  ihr  von  einem  Atherleib  oder 
Lebensleib,  der  gegeniiber  dem  physischen  Leibe  ein  selb- 
standiges  Dasein  haben  soli.  Wifit  ihr  denn  nichts  davon, 
dafi  bis  ins  neunzehnte  Jahrhundert  herein  das  gespukt  hat, 
was  man  Lebenskraft  nannte,  und  dafi  durch  ernste  wissen- 
schaflliche  Anstrengungen  der  Glaube  an  diese  Lebenskraft 
endlich  beseitigt  worden  ist?  Wifit  ihr  denn  nichts  von  der 
folgenden  Tatsache:  Man  hat  in  fruheren  Jahrhunderten 
gesagt,  zwischen  den  einzelnen  chemischen  StoflFen  spiele  sich 
in  der  leblosen  Natur  draufien  ein  chemischer  Prozefi  ab. 
Wenn  aber  dieser  selbe  Zusammenhang  von  StofFen  in  den 


menschlichen  Organismus  eintrete,  so  bemachtige  sich  seiner 
die  sogenannte  Lebenskraft;  da  wurde  unter  den  einzelnen 
Stoffen  nicht  das  vor  sidi  gehen,  was  wir  in  der  Chemie 
und  Physik  lernen,  sondern  es  wirkten  da  die  einzelnen 
Stoffe  unter  dem  Einflusse  der  Lebenskraft  aufeinander  ein. 
Ein  grower  Fortscbritt  war  es,  dafi  diese  Lebenskraft  tiber 
Bord  geworfen  worden  ist,  dafi  man  versucbt  hat,  zu  sagen: 
Diese  Lebenskraft  hilft  gar  nichts,  sondern  man  mufi  so  zu 
Werke  gehen,  dafi  das,  was  man  in  der  unlebendigen  Welt 
erforschen  kann,  im  lebendigen  Organismus  weiter  ver- 
folgt  werden  mufi,  dafi  man  nur  die  kompliziertere  Art, 
wie  dort  die  Stoffe  zusammenwirken,  berucksichtigen  miisse 
und  dafi  man  sich  nicht  auf  das  Faulbett  der  Lebenskraft 
zu  werfen  habe. 

Gerade  als  ein  solches  «Faulbett  der  Wissenschaft»  wurde 
die  Lebenskraft  beseitigt,  indem  man  zeigte,  wie  die  Wirk- 
samkeit  gewisser  Stoffe,  die  man  sich  friiher  nur  unter  dem 
Einflusse  der  Lebenskraft  denken  konnte,  audi  im  Labo- 
ratorium  zustande  kommt.  Und  weil  es  noch  nicht  aller 
Tage  Abend  ist,  so  miisse  sich  die  Wissenschaft  doch  jenes 
hohe  Ideal  stellen,  auch  jene  Zusammensetzung  der  Stoffe 
ins  Auge  zu  fassen,  wie  sie  in  der  Zelle  der  Pflanze  vorhan- 
den  ist,  und  diirfe  sich  nicht  auf  das  Faulbett  einer  Lebens- 
kraft legen,  wenn  es  darauf  ankommt,  zu  untersuchen,  wie 
die  Stoffe  und  Krafte  im  Organismus  wirken. 

Solange  man  nicht  imstande  war,  gewisse  Stoffzu- 
sammensetzungen  im  Laboratorium  zu  erzeugen,  war  es 
berechtigt,  zu  sagen,  sie  kamen  nur  zustande,  wenn  die 
einzelnen  Stoffe  durch  die  Lebenskraft  eingefangen  wer- 
den. Seit  es  aber  gelungen  ist  -  besonders  durch  Liebig 
und  Wobler  -,  nachdem  man  an  die  Lebenskraft  nicht  mehr 
glaubt,  gewisse  Stoffe  ohne  die  Lebenskraft  darzustellen, 
seitdem  mufi  gesagt  werden,  dafi  auch  die  komplizierteren 


Zusammenfugungen  im  menschlichen  Organismus  die  Zu- 
hilfenahme  einer  besonderen  Lebenskraft  nicht  mehr  notig 
haben.  So  trat  im  Lauf e  des  neunzehnten  Jahrhunderts  vor 
die  Wissenschaft  das  hohe  Ideal,  das  die  meisten  Forsdier 
festhalten,  selbst  wenn  es  audi  «Neo-Vitalisten»  gibt,  das 
Ideal,  das  sich  erfullen  wird:  solche  StofTzusammenhange, 
wie  sie  sich  im  lebendigen  Organismus  zusammenfiigen,  zu 
erkennen  und  ohne  die  Zuhilfenahme  einer  nebulosen,  my- 
stischen  Lebenskraft  herzustellen,  die,  wie  die  ernste  wissen- 
schaftliche  Forschung  des  neunzehnten  Jahrhunderts  immer 
behauptet  hat,  gar  nichts  niitzt,  weil  sie  gar  nichts  beitragt 
zur  objektiven  Erkenntnis  der  Natur. 

Wer  diese  Tatsachen  erkennt  und  vor  allem  den  Ernst 
und  die  Wiirde  ins  Auge  fafit,  die  dieser  Entwickelung  der 
Wissenschaft  zugrunde  liegen,  der  darf  wohl  einwenden: 
1st  es  erhort,  dafi  nun  eine  Anzahl  von  Menschen  als  so- 
genannte  Geistesforscher  auf treten,  die  in  Form  ihres  Ather- 
leibes  oder  Lebensleibes  die  alte  Lebenskraft  wieder  auf- 
warmen?  1st  es  nicht  ein  Zeichen  eines  wissenschaftlichen 
Dilettantismus?  Sie  mogen  «glauben»,  sie,  die  nichts  von 
dem  Ideal  der  Wissenschaft  wissen;  der  wissenschaftliche 
Forscher  selber  aber  kann  nicht  von  dem  ergrifFen  werden, 
was  ja  doch  nur  als  eine  Aufwarmung  der  Lebenskraft 
erscheinen  kann.  So  arbeitet  die  Geisteswissenschaft,  kann 
man  sagen,  dilettantisch  mit  Aufierachtlassung  alles  dessen, 
was  gerade  zu  den  schonsten  Idealen  der  modernen  Wissen- 
schaft gehort,  und  sie  benutzt  nur  den  Umstand,  dafi  es 
heute  der  Wissenschaft  noch  nicht  gelungen  ist,  gewisse 
Stoffe,  die  im  lebendigen  Organismus  anzutreffen  sind,  auch 
im  Laboratorium  herzustellen,  um  einstweilen  behaupten 
zu  konnen,  es  sei  zur  Erzeugung  des  Lebens  ein  besonderer 
Atherleib  oder  Lebensleib  notig.  Man  kann  sagen,  die  fort- 
schreitende  Wissenschaft  werde  dem  Menschen  diesen  Ather- 


leib  oder  Lebensleib  schon  austreiben.  Solange  es  der  Wis- 
senschaft in  ihrem  Schreiten  von  Triumph  zu  Triumph  noch 
nidit  gelungen  ist,  zu  zeigen,  dafi  kein  Atherleib  da  ist  und 
dafi  die  Zusammenfugung  der  StofFe  des  lebendigen  Orga- 
nismus  audi  in  der  Retorte  erzeugt  werden  kann,  solange 
mogen  die  Theosophen  oder  Geistesforscher  Staat  machen 
mit  dem  Atherleib,  der  doch  nur  eine  Aufwarmung  der 
alten  Lebenskraft  ist!  -  So  konnte  dieser  Vorwurf  erhoben 
werden  zunachst  als  eine  Tatsache  des  Dilettantismus. 

Wenn  nun  gar  die  Geisteswissenschaft  von  dem  Schlaf- 
leben  sagt:  AfTekte,  Triebe,  Begierden  des  Menschen  seien 
an  einen  besonderen  Astralleib  gebunden,  und  dieser  trete, 
wenn  der  Sdilaf  den  Menschen  iibermannt,  aus  dem  Ather- 
leib und  physischen  Leib  heraus  und  fiihre  ein  eigenes 
Dasein,  so  kann  man  sagen:  Es  ist  sehr  leicht,  von  einem 
inneren  Seelenleben  zu  sprechen,  wenn  man  sich  die  Sache 
einfach  macht,  indem  man  dieses  innere  Seelenleben  nicht 
mit  alien  Schwierigkeiten  und  Ratseln  hinnimmt,  welche 
sich  der  Wissenschaft  bieten,  sondern  wenn  man  sagt:  Da 
ist  ein  Astralleib,  und  daran  ist  das  gebunden,  was  sich  im 
Innern  abspielt.  -  Da  kann  man  wieder  mit  den  Fort- 
schritten  der  Wissenschaft  kommen  und  sagen:  Was  be- 
deuten  denn  da  die  grofien  Fortschritte,  welche  besonders 
in  den  letzten  Jahrzehnten  gemacht  worden  sind,  um  eine 
Erscheinung  wie  das  Schlafleben  oder  das  Traumleben  rein 
naturwissenschaftlich  zu  erklaren?  -  Es  wiirde  lange  dauern, 
wenn  ich  Ihnen  alle  die  Anstrengungen  der  Wissenschaft 
vorfuhren  wollte  ~  die  durchaus  mit  Ernst  und  Wiirde  zu 
nehmen  sind  -,  um  das  Schlafleben  und  Traumleben  zu 
erklaren.  Namentlich  deshalb  wiirde  es  eine  lange  Zeit  in 
Anspruch  nehmen,  weil  gerade  in  der  letzten  Zeit  eine 
grofie  Anzahl  von  Forschungen  zutage  getreten  sind,  die 
durchaus  diskussionsmoglich  sind. 


Es  geniigt,  einen  Gesichtspunkt  ins  Auge  zu  fassen,  der 
zeigen  kann,  wie  schwer  es  dem  ernsten  Wahrheitsforscher 
der  Gegenwart  wird,  sich  zu  dem  zu  bekennen,  was  zunachst 
nur  wie  eine  Behauptung  erscheinen  kann:  das  Ich  und  der 
Astralleib  des  Menschen  ziehen  sich  mit  dem  Einschlafen 
aus  dem  physischen  Leib  und  Atherleib  zuriick. 

Wenn  wir,  eine  grofte  Anzahl  von  verschiedenen  Hypo- 
thesen  und  Aufstellungen  iiber  das  Schlafleben  zusammen- 
fassend,  gleich  eine  Pauschalerklarung  dieses  Schlaflebens 
nehmen,  so  ist  es  die  folgende:  Es  wird  gesagt,  daft  man 
zur  Erklarung  des  Schlaflebens  durchaus  nichts  anderes 
brauche  als  ein  unbefangenes  Hinblicken  auf  die  Erschei- 
nungen  des  menschlichen  oder  tierischen  Organismus.  Es 
zeige  sich,  daft  das  wache  Leben  darin  bestehe,  daft  die 
Erscheinungen  der  Umwelt  auf  die  Sinnesorgane  Eindruck 
machen,  daft  sie  auf  das  Gehirn  Reize  ausiiben.  Den  ganzen 
Tag  hindurch  iiben  sie  solche  Reize  aus.  Wie  wirken  sie  auf 
das  Gehirn  und  Nervensystem  des  Menschen?  Sie  wirken 
so,  daft  sie  die  Substanz,  aus  der  das  Nervensystem  besteht, 
zerstoren.  Den  ganzen  Tag  hindurch  -  sagt  die  moderne 
Naturwissenschaft.  -  haben  wir  es  damit  zu  tun,  daft  die 
aufteren  Farben,  Tone  und  so  weiter  auf  unsere  Seele,  das 
heiftt  auf  unser  Gehirnleben,  eindringen.  Dadurch  werden 
Dissimilationsprozesse  hervorgerufen,  das  heiftt  Zersto- 
rungsprozesse.  Es  lagern  sich  bestimmte  Produkte  ab. 

Der  Mensch  ist,  solange  diese  Prozesse  stattfinden,  nicht 
in  der  Lage,  den  umgekehrten  Prozeft,  den  des  Wieder- 
aufbauens  seines  Organismus,  zu  bewirken.  Daher  wird 
jedesmal,  nachdem  wir  aufwachen,  das  innere  Seelenleben 
in  gewisser  Beziehung  zerstort,  so  daft  wir,  bis  wir  mude 
geworden  sind,  dazu  gelangt  sind,  daft  wir  unseren  Organis- 
mus zerstort  haben  und  daft  er  kein  inneres  Seelenleben 
mehr  entwickeln  kann;  es  hort  auf.  Man  braucht  nichts 


anderes  vorauszusetzen,  als  daft  sich  durch  das  Tagesleben 
Ermiidungsstoffe  in  unserem  Organismus  ablagern.  Man 
braucht  nur  die  Auf reibung  der  organischen  Substanz  anzu- 
nehmen,  daft  die  organische  Substanz  fiir  eine  gewisse  Zeit 
nicht  mehr  imstande  ist,  ihre  inneren  Prozesse  zu  entwickeln. 
Dann  aber  wirken  die  aufteren  Reize  nicht  mehr,  und  die 
Folge  ist,  daft  der  innere  Organismus  jetzt  anfangt,  seine 
Ernahrungsprozesse  zu  entwickeln,  das  Gegenteil  von  den 
Dissimilationsprozessen,  die  Assimilationsprozesse,  daft  er 
jetzt  die  zerstorte  organische  Substanz  wiederherstellt,  und 
dadurch  wird  der  Nachtschlaf  bewirkt.  Ist  die  organische 
Substanz  wiederhergestellt,  so  ist  audi  das  innere  Seelen- 
leben  wiederhergestellt,  und  so  kann  das  wache  Leben 
wieder  neue  Reize  ausiiben,  bis  wieder  Ermiidung  eintritt. 
So  hat  man  es  dabei  mit  dem  zu  tun,  was  man  eine  Selbst- 
steuerung  des  Organismus  nennt. 

Darf  man  nicht  zugeben,  daft  der  gewissenhafte  Wahr- 
heitsforscher,  der  mit  den  Ergebnissen  der  heutigen  Wissen- 
schaflbekannt  ist,  sagen  muft :  Wenn  so  durch  Selbststeuerung 
des  Organismus  das  Wachleben  und  Schlaf leben  in  ihrem 
Wechsel  ganz  gut  erklarbar  sind,  dann  ist  es  nicht  nur  iiber- 
fliissig,  sondern  direkt  schadlich,  wenn  ihr  den  Fortschritt 
einer  solchen  menschlichen  Wissenschaft  dadurch  beeintrach- 
tigt,  daft  ihr  sagt,  nicht  eine  Selbststeuerung  liege  vor,  son- 
dern weil  der  Mensch  selbstandig  ist,  trete  etwas  aus  dem 
Organismus  heraus.  Da  es  durch  den  Organismus  ganz  allein 
erklarbar  ist,  daft  der  Wechsel  von  Schlaf  und  Wachen  zu- 
standekommt,  so  ist  es  unnotig  und  schadlich,  anzunehmen, 
daft  das  Bewufttsein  etwas  Besonderes  sei  und  aus  dem  Or- 
ganismus heraustrete,  umwahrendderNacht  ein  besonderes 
Leben  zu  entwickeln. -Wieder  kann  man  darauf  hinweisen, 
daft  auf  sei  ten  der  Geisteswissenschaft  ein  furchtbarerDilet- 
tantismus  vorliegt,  an  den  nur  solche  glauben,  die  den  Weg 


der  Wissenschaft  selbst  nicht  kennen,  urn  den  Organismus 
aus  sich  selbst  zu  erklaren. 

Wenn  von  Selbstandigkeit  des  Geisteslebens  gesprochen 
wird,  wenn  davon  gesprochen  wird,  was  ja  plausibel  er- 
scheint,  dafi  das  Geistesleben  selbstandig  sei,  da£  wir  den 
menschlichen  Organismus  als  physischen  durch  unsere  Sinne 
vor  uns  haben  und  durch  die  Methoden  der  Wissenschaft 
erforschen,  wie  die  physischen  Vorgange  verlaufen,  wah- 
rend  dann  aber  doch  noch  das  Geistige  da  ist,  so  ist  das 
etwas,  was  oft  betont  worden  ist,  zum  Beispiel  von  Du 
Bois-Reymond  und  audi  von  anderen,  die  sich  nicht  ohne 
weiteres  zum  Materialismus  bekennen.  Denn  man  nehme 
beispielsweise  irgendeineGehirnvorstellung:  wenn  man  sich 
das  menschliche  Gehirn  so  vergrofiert  dachte-das  hat  schon 
Leibniz  gesagt  dafi  man  darin  spazierengehen  konnte, 
so  wiirde  man  darin  nur  materielle  Prozesse  sehen.  Das 
geistige  Leben  sei  aber  noch  etwas  Besonderes,  und  das  be- 
zeuge,  dafi  man  es  doch  mit  einem  von  den  Vorgangen  des 
physischen  Lebens  abgesonderten  Geistesleben  zu  tun  habe. 
Wenn  das  berechtigt  sei,  so  zeige  dies  doch  das,  was  zum 
Beispiel  Benedikt  sagt:  Die  Tatsache  des  Bewufitseins  ist  im 
Grunde  genommen  von  keiner  anderen  Ordnung,  als  die 
Tatsache  der  Wirkung  der  Schwerkraft  in  Verbindung  mit 
der  Materie.  Denn  wir  sehen  die  physische  Materie  zum 
Beispiel  eines  Weltenkorpers.  Diese  iibt  nach  Annahme  der 
physischen  Wissenschaft  Schwerkraft  aus,  und  da  ist  etwas, 
was  angezogen  wird,  zum  Beispiel  von  der  Sonne.  Bei  sol- 
chen  Wirkungen  zwischen  Sonne  und  Erde  oder  Mond 
sprach  man  dann  fruher  von  etwas  Dbersinnlichem.  Aber 
das  ist  nur  so,  wie  wenn  wir  ein  Stuck  weiches  Eisen  haben 
und  aufier  ihm  die  elektrische  Kraft  oder  den  Magnetismus. 
Und  wenn  wir  das  Gehirn  vor  uns  haben  und  in  ihm 
zusammengedrangt  Vorstellungen,  Leidenschaften,  Affekte 


und  so  weiter,  so  ist  das  ebenso  wie  die  Tatsache,  dafi  um 
die  materielle  Erde  die  Schwerkraft  und  andere  Krafte  wal- 
ten.  Warum  sollte  es  also  von  einer  anderen  Wirkung  her 
sein,  wenn  um  das  Gehirn  herum  Prozesse  spielen,  die  eben- 
so auf  treten  wie  die  Schwerkraftprozesse  um  die  materielle 
Erde  herum?  Die  Erde  in  Verbindung  mit  der  Schwerkraft 
und  dem  anderen,  was  unsichtbar  um  sie  waltet,  ist  nichts 
anderes,  als  was  um  das  Gehirn  als  Affekte,  Vorstellungen 
und  andere  Vorgange  waltet.  Wie  hat  man  da  ein  Recht, 
so  konnte  gefragt  werden,  von  einer  Selbstandigkeit  des 
Geisteslebens  zu  sprechen,  wenn  man  sich  kein  Recht  zu- 
schreibt,  davon  zu  sprechen,  dafi  die  Schwerkraft  audi  dann 
ausgeiibt  werde,  wenn  kein  anziehender  Korper  vorhanden 
ist?  -  Und  man  kann  weiter  sagen:  Wie  man  kein  Recht 
habe,  in  solchem  Falle  im  freien  Weltenraume  von  einem 
die  Schwerkraft  entwickelnden  Weltenkorper  zu  sprechen, 
so  habe  man  kein  Recht,  von  einem  besonderen  Seelischen 
zu  sprechen,  das  nicht  an  materielles  Dasein  bei  einem  Ge- 
hirn gebunden  sei. 

Dafi  nicht  mit  einem  unwissenschaftlichen  Fanatismus 
iiber  solche  Dinge  hinweggegangen  werden  darf,  das  sollte 
jedem  erristen  Geistesf  orscher  klar  sein. 

Wenn  sich  nun  schon  gewichtige  Einwande  erheben  gegen 
die  geisteswissenschaftliche  Annahme  iiber  das  Schlaf-  und 
Wachleben,  gegen  die  Selbstandigkeit  des  Bewufitseins  uber- 
haupt,  wie  kann  dann  der,  welcher  mit  den  wissenschaft- 
lichen  Methoden  der  Gegenwart  Ernst  macht,  sich  irgend- 
wie  in  Ubereinstimmung  versetzen  mit  dem,  was  von  der 
Geisteswissenschaft  iiber  die  wiederholten  Erdenleben  ge- 
sagt  wird,  uber  ein  Vorhandensein  eines  menschlichen  We- 
senskernes,  der  uber  den  Tod  hinaus  ein  Dasein  fiihrt,  der 
Erlebnisse  durchmacht  in  der  Zeit  zwischen  dem  Tode  und 
einer  neuen  Geburt  und  dann  in  einem  neuen,  nachsten 


physischen  Erdenleben  wiedererscheint!  Hier  wird  nicht 
nur  ein  Einwand  gemacht  von  denen,  die  auf  naturwissen- 
schaftliche  Tatsachen  bauen,  sondern  auch  von  denen,  die 
heute  selber  Geisteswissenschaftler  in  vieler  Beziehung  sein 
wollen:  von  den  Psychologen,  von  den  Seelenforschern  der 
Gegenwart.  Es  wird  gefragt:  Was  ist  denn  das  notwendige 
Kennzeichen  dafiir,  dafi  der  Bestand  der  menschlichen  We- 
senheit  verbleibt?  Dies  kann  der  Seelenforscher  der  Gegen- 
wart in  nichts  anderem  als  darin  finden,  dafi  das  mensch- 
liche  Bewufitsein  gedachtnismafiig  von  seinen  Zustanden 
weifi,  die  es  wahrend  des  Lebens  durchgemacht  hat.  Fort- 
dauer,  Kontinuitat  des  Bewufitseins  ist  das,  was  der  Psy- 
chologe  der  Gegenwart  besonders  ins  Auge  fafit.  Er  kann 
sich  nicht  auf  das  einlassen,  was  nicht  in  das  Bewufksein 
der  menschlichen  Personlichkeit  hereinf allt,  und  er  wird  sich 
immer  darauf  berufen  miissen,  dafi  der  Mensch  zwar  ein 
Gedachtnis  iiber  seine  besonderen  Zustande  in  seinem  Leben 
zwischen  Geburt  und  Tod  habe,  dafi  aber  nichts  Analoges 
gezeigt  werden  konne  fur  den  Bestand  der  menschlichen 
Wesenheit,  die  aus  friiheren  Erdenleben  heriiberkame. 

Gegen  mancherlei  andere  Dinge  noch,  die  im  Verlaufe 
dieser  Vortragsreihen  vorgebracht  worden  sind,  wird  man- 
cher  ernste  Wahrheitsforscher  der  Gegenwart  etwas  ein- 
wenden  konnen.  Da  kann  gesagt  werden:  Du  kannst  zwar 
vorbringen,  gewisse  Dinge  im  Menschenleben  erscheinen  so, 
dafi  man  sie  aus  den  Vorgangen  des  einzelnen  Lebens  nicht 
erklaren  kann,  sondern  dafi  man  annehmen  mufi,  dafi  sich 
der  Mensch  gewisse  Anlagen,  Talente  und  so  weiter  durch 
die  Geburt  hindurch  mitbringt,  so  dafi  man  annehmen  kann, 
die  Seele  existiere  schon  vor  dem  Eintritt  in  das  physische 
Leben.  Aber  das  bleibt  denn  doch  alles  nur  gewagte  Hypo- 
these.  Das  bleibt  alles  gegeniiber  der  modernen  Seelen- 
forschung  insofern  ungeniigend,  als  diese  wieder  einen  Weg 


nimmt,  der  scheinbar  ganz  gewissenhaft  nach  einem  Ideale 
hinsteuert. 

Was  hier  vorliegt,  kann  man  in  folgender  Weise  charak- 
terisieren :  Wer  das  menschliche  Leben  unbef  angen  betrachtet, 
wie  es  sich  abspielt  mit  diesen  oder  jenen  Leidenschaften, 
mit  dieser  oder  jener  Gefuhlsschattierung,  mit  einer  Hin- 
neigung  zu  diesen  oder  jenen  Vorstellungen,  der  wird,  wenn 
er  sich  ohne  viel  Bedenken  auf  den  Standpunkt  der  Geistes- 
wissenschaft  stellt,  sagen:  Durch  unsere  Erziehung  haben 
wir  uns  ja  mancherlei  errungen;  aber  nicht  alles  kann  da- 
durch  erklart  werden,  sondern  wir  bringen  uns  durch  die 
Geburt  hindurch  etwas  mit,  was  aus  f riiheren  Erdendaseins- 
stufen  stammt.  -  Aber,  so  kann  der  ernste  Wissenschaftler 
entgegnen,  haben  wir  nicht  damit  einen  Anfang  gemacht, 
das  erste  Kindheitsleben  zu  erforschen,  jenes  Kindheits- 
leben,  an  das  man  sich  spater  nicht  zuriickerinnert? 

Der  moderne  Naturforscher  oder  der  Philosoph  wird 
dann  vielleicht  sagen:  Da  will  der  Geistesforscher  einen 
genialen  Menschen,  wie  zum  Beispiel  Feuerbach,  dadurch 
erklaren,  dafi  er  sich  gewisse  Krafte  aus  dem  vorhergehenden 
Leben  mitgebracht  hat  und  dadurch  in  die  Lage  gekommen 
ist,  kiinstlerisch  zu  arbeiten.  Nun  hat  man  aber  die  folgende 
Entdeckung  gemacht:  Ein  soldier  Maler  malt  mit  einer  ganz 
besonderen  Farbenstimmung,  bevorzugt  einen  bestimmten 
Gesichtsausdruck  und  so  weiter  nach  einer  ganz  bestimmten 
Richtung.  Geht  man  dem  nach,  so  findet  man,  dafi  er  in 
seinen  ersten  Kinderjahren  zum  Beispiel  in  seinem  Zimmer 
eine  Biiste  sah  und  dafi  eine  besondere  Art,  wie  das  Licht 
immer  darauf  fiel,  sich  in  die  Seele  des  Kindes  eingegraben 
hat.  Das  tritt  dann  spater  wieder  auf,  und  es  zeigt  sich 
dann,  so  kann  man  sagen,  dafi  solche  Eindrucke  tief  wirk- 
sam  und  bedeutsam  sind.  Es  ist  dadurch  moglich,  vieles  zu 
erklaren.  Die  Geisteswissenschaft  will  alles  auf  friihere 


Erdenleben  zuriickfuhren,  wahrend  man  vielleicht  durch 
eine  sorgfaltige  Beobachtung  und  Erforschung  der  ersten 
Kindheit  alles  erklaren  kann. 

Man  kann  dann  welter  hinweisen  auf  die  moderne  Na- 
turwissenschaft,  die  durch  das  biogenetische  Grundgesetz 
zeigt,  wie  der  Mensch  die  Tierformen,  von  denen  man  an- 
nimmt,  daft  sie  das  Menschengeschlecht  in  friiheren  Erden- 
zustanden  durchlaufen  habe,  wirklich  im  vorgeburtlichen 
Zustande  audi  durchmacht,  so  dafi  es  also  eine  Berech- 
tigung  habe,  dies  zu  zeigen.  Daran  ankniipfend,  kann  man 
sagen:  Wo  hat  die  Geisteswissenschafl:  auf  so  etwas  Ahn- 
liches  hinzuweisen,  dafi  sich  im  einzelnen  individuellen 
Leben  etwas  wiederholt,  was  der  Mensch  in  friiheren  Erden- 
leben durchgemacht  hat?  Das  muftte  man  fordern  konnen, 
wenn  man  als  rechtmaftiger  Wahrheitssucher  der  Gegen- 
wart  glauben  soil,  dafi  in  dieser  Beziehung  in  der  Geistes- 
wissenschafl jener  Ernst  und  jene  Wurde  angewendet  wer- 
den,  die  bei  einer  ahnlichen  Behauptung  auf  dem  Boden  der 
Naturwissenschaft  da  ist.  So  ist  es  gekommen  -  und  mit 
einem  gewissen  Recht  kann  man  sagen  — ,  dafi  der  Mensch, 
wenn  er  sich  xiber  das  menschliche  Leben,  iiber  das  tierische 
Leben  und  auch  iiber  das  planetarische  Leben,  das  uns  durch 
die  Astronomie  zuganglich  wird,  ein  wenig  naturwissen- 
schaftliche  Erkenntnisse  angeeignet  hat,  seiner  Phantasie 
dann  freien  Lauf  lassen  kann,  Schlufifolgerungen  zieht  und 
allerlei  andere  Welten  ersinnt,  die  einen  recht  starken  Ein- 
druck  von  Wirklichkeit  machen.  Gewifi,  bei  dem,  der  keine 
naturwissenschaftlichen  Erkenntnisse  hat,  wird  sich  die 
Sache  sehr  bald  in  Widerspruche  verwickeln,  und  seine  Un- 
kenntnis  wird  sich  bald  zeigen,  indem  er  alles  Mogliche 
herausprojizieren  wird,  was  mit  den  naturwissenschaft- 
lichen Ergebnissen  nicht  ubereinstimmt.  Wer  aber  die  Na- 
turwissenschaft kennt,  der  wird  zeigen,  dafi  sich  seine  Ideen 


sehr  hubsch  in  das  hineinftigen,  was  die  Naturwissenschaft 
zeigt.  Dann  wird  man  ihn  nicht  widerlegen.  Aber  wer  tritt 
in  der  Geisteswissenschaft  dafiir  ein,  so  kann  man  jetzt 
wieder  fragen,  dafi  so  etwas  nicht  unberecbtigterweise  aus 
solchen  Behauptungen  herausprojiziert  und  dann  phanta- 
stisch  ausgebildet  worden  ist?  Wer  biirgt  dafiir,  dafi  man 
sich  auf  den  Standpunkt  stellt,  dafi  nur  das  von  jedem 
Erforschbare  Geltung  haben  soli?  Daher  muftte  man  sich 
darauf  einlassen,  aus  dem  einf achen  Grunde,  weil  man  sieht, 
wie  im  neunzehnten  Jahrhundert  etwas  heraufgekommen 
ist,  das  sich  auch  in  der  modernen  Geisteswissenschaft  gel- 
tend  macht. 

Wir  haben  es  ja  erlebt,  dafi  sich  im  neunzehnten  Jahr- 
hundert im  deutschen  und  im  franzosischen  Geistesleben  die 
Dinge  geltend  gemacht  haben,  welche  die  Geisteswissen- 
schaft behauptet.  1854  ist  von  Reynctud  ein  Werk  erschienen, 
«Terre  et  ciel»,  und  von  Figuier  ein  Werk  iiber  das,  was 
mit  dem  Menschen  nach  dem  Tode  folgt.  Es  hat  zahlreiche 
Gegner  mit  naturwissenschaftlicher  Bildung  gegeben,  welche 
gesagt  haben:  Ja,  was  ist  denn  besser,  dafi  ihr  euch  auf 
Grundlage  der  Naturwissenschaft  Tatsachen  ausdenkt  iiber 
eine  Vielheit  der  menschlichen  Erdenleben,  iiber  ein  Leben 
nach  dem  Tode,  und  so  weiter,  oder  ist  es  besser,  irgend- 
eine  andere,  ebenso  ausgedachte  Hypothese  iiber  diese  Dinge 
anzunehmen? 

Wenn  solche  Einwande  gemacht  werden,  und  wenn  sie 
nicht  in  frivoler  Weise  gemacht  werden,  sondern  durchaus 
auf  dem  Boden  ernsten  Wahrheitssuchens,  dann  mufi  man 
sagen:  Es  sind  nicht  Einwande,  die  nur  aus  Widerspruchs- 
geist  entstehen,  sondern  solche,  die  sich  die  menschliche 
Seele  selbst  machen  mul5,  sich  um  so  mehr  machen  muE,  als 
man  auf  der  anderen  Seite  wieder  sieht,  wie  wenig  gewissen- 
haft  auf  seiten  derer,  die  Geisteswissenschaft  pflegen  wollen, 


oft  vorgegangen  wird,  wenn  «Beweise»  dafiir  vorgebracht 
werden,  dafi  das  menschliche  Leben  ein  individuelles  sei 
und  gesagt  wird,  dafi  man  auiRerhalb  des  individuellen  Le- 
bens  keine  Erklarung  finden  konne  fur  Erscheinungen,  wie 
es  zum  Beispiel  das  menschliche  Gewissen  und  das  Verant- 
wortlichkeitsgefiihl  sind,  wenn  man  nicht  gewisse  Anlagen 
und  Tendenzen  aus  fruheren  Erdenleben  heraus  annehmen 
wollte.  Da  sagen  manche:  Wenn  ich  mich  verantwortlich 
halte,  so  mufi  ich  mir  die  Anlage  dafiir  erworben  haben.  Da 
ich  sie  mir.  in  diesem  Leben  nicht  erworben  habe,  so  mii  es 
in  einem  fruheren  gewesen  sein. 

Es  wird  auch  gesagt,  das  menschliche  Gewissen  sei  eine 
Erscheinung,  welche  beweise,  daft  eine  innere  Stimme  in 
uns  hereinspricht,  die  wir  nicht  aus  dem  jetzigen  Leben 
ableiten  konnen,  und  deshalb  miissen  wir  sie  aus  einem 
fruheren  berleiten.  Dann  wird  auch  gesagt:  Man  sehe  sich 
die  verschiedenen  Kinder  des  gleichen  Elternpaares  an,  sie 
weisen  ganz  verschiedene  geistige  Eigenschaften  auf .  Wenn 
aber  alles  auf  dem  Wege  der  Vererbung  von  den  Eltern 
auf  die  Kinder  iibergegangen  sein  soli,  wie  kann  man  sich 
dann  solche  Verschiedenheiten  erklaren,  wie  sie  ja  selbst 
bei  Zwillingen  auftreten?  Daher  diirfe  man  schliefien  -  so 
sagen  die  Leute  dann  dafi  die  Kinder  des  gleichen  Eltern- 
paares verschiedene  Individualitaten  haben,  die  nicht  ver- 
erbt  sein  konnen,  sondern  aus  einem  fruheren  Erdenleben 
in  das  jetzige  heriibergezogen  sein  miissen. 

Da  wird  der  gewissenhafte  Wahrheitsforscher  einwen- 
den:  Berucksichtigt  ihr  denn  gar  nicht,  dafi  die  Indivi- 
dualitat  eines  Menschen,  wie  er  uns  entgegentritt,  aus  der 
Vermischung  des  vaterlichen  und  des  miitterlichen  Elementes 
entsteht,  und  dafi  daher  bei  den  einzelnen  Kindern  die 
Mischung  eine  verschiedene  sein  mufi?  Miifiten  denn  nicht 
selbst  bei  Zwillingen,  weil  eben  verschiedene  Mischungen 


da  sind,  die  Individualitaten,  wenn  man  sie  nur  aus  der 
Vererbung  erklart,  verschieden  sein? 

Ein  soldier  Einwand  ist  riicht  ein  hergesuchter,  sondern 
einer,  der  sich  aus  der  Sache  selbst  aufdrangt.  Wenn  man 
alles  beriicksichtigt,  so  findet  man  es  durchaus  verstandlich, 
daft  die,  die  immer  eine  «kontrollierbare»  Wissenschaft 
verlangen,  die  Geisteswissenschaft  nicht  aufnehmen,  weil  sie 
nicht  kontrollierbar  ist;  und  wenn  man  bedenkt,  daft  solche 
Gegner  ein  Bedeutsames  fiir  sich  haben,  so  begreift  man 
sie.  Sie  haben  das  fiir  sich,  daft  neben  dem  kritischen  Geist 
in  unserer  Zeit  noch  etwas  anderes  vorhanden  ist.  Dieser 
kritische  Geist  ist  wohl  durchaus  vorhanden,  und  wenn  die 
Geisteswissenschaft  etwas  sagt,  so  ruft  sie  ja  sofort  die  Geg- 
ner auf,  die  nicht  nur  logisch  irritiert,  sondern  auch  sittlich 
entnistet  sind,  daft  solche  Theorien  vorgebracht  werden. 
Solche  Gegner  werden  aufgerufen,  und  die  Kritik  ist  etwas, 
was  wir  iiberall  hervorsprieften  sehen.  Und  weil  sich  die 
Geisteswissenschaft  mit  ihren  Ideen  als  etwas  Schockieren- 
des  in  unsere  Zeit  hineinstellt,  so  ist  eine  solche  Kritik  durch- 
aus begreiflich. 

Aber  neben  dem  kritischen  Geist  lebt  in  unserer  Zeit  die 
Leichtglaubigkeit,  das  Nachlaufenhinter  einem  jeden,  wenn 
von  ihm  nur  etwas  aus  der  Geisteswissenschaft  behauptet 
wird.  Die  Sehnsucht,  die  Dinge  so  zu  bekommen,  daft  man 
sie  auch  einsehen  kann,  ist  bei  den  Menschen  wenig  vor- 
handen, ist  ebensowenig  vorhanden,  wie  stark  vorhanden 
ist  der  kritische  Geist  und  die  Leichtglaubigkeit.  So  sehen 
wir,  daft  durch  die  Leichtglaubigkeit,  durch  das  Auf-Au- 
toritat-Hinnehmen  eines  leichtglaubigen  Publikums,  das 
alle  moglichen  Dinge  aus  der  Geisteswissenschaft  hinnimmt, 
geradezu  demjenigen  Vorschub  geleistet  wird,  was  sich 
gegeniiber  der  wirklichen,  ernsten  Geistesforschung  jeder- 
zeit  geltend  gemacht  hat,  namlich  der  Scharlatanerie.  Es  ist 


eine  Herausforderung  zu  Sdiarlatanerie,  wenn  die  Leute 
allem  leichtglaubig  nachlaufen.  Und  es  ist  eine  grofie  Ver- 
suchung  fiir  den  Menschen,  wenn  ihm  alles  Mogliche  ge- 
glaubt  wird,  wenn  er  der  Schwierigkeit  enthoben  ist,  diese 
Dinge  wirklich  vor  dem  Forum  der  Wissenschaft,  vor  dem 
Forum  des  Zeitgeistes  zu  rechtfertigen.  Audi  in  unserer 
Zeit  ist  das,  was  hier  angef  iihrt  ist,  nur  zu  weit  verbreitet. 
Wir  sehen,  wie  die  Leichtglaubigkeit,  wie  der  krasseste 
Aberglaube  sehr  stark  grassiert.  Daher  gibt  es  wohl  kaum 
zwei  andere  Dinge  in  der  "Welt,  die  so  verschwistert  sind 
wie  Geistes wissenschaft  und  Sdiarlatanerie.  Wenn  man  die 
beiden  Wege  nicht  unterscheiden  kann,  wenn  man  alles  nur 
auf  blinden  Autoritatsglauben  hin  annimmt,  so  wie  schon 
seiner  Natur  nach  manches  auf  Autoritat  hin  angenommen 
werden  mu£,  was  ja  oft  in  der  Gegenwart  der  Fall  ist,  dann 
fordert  man  heraus,  was  mit  Recht  von  ernsten  Wahrheks- 
forschern  kritisiert  wird:  die  Sdiarlatanerie,  die  so  sehr 
mit  der  Geisteswissenschaft  verkniipft  ist.  Man  kann  es 
begreiflich  finden,  wenn  jemand,  der  nicht  in  der  Lage  ist, 
den  Scharlatan  von  dem  Geistesforscher  zu  unterscheiden, 
dann  den  Einwand  hat,  dafi  alles  Sdiarlatanerie  sein  miisse. 

Nichts  ist  schneller  gefunden  als  der  Ubergang  zu  dem, 
was  auf  moralischem  und  religiosem  Gebiete  liegt.  Wir  kon- 
nen  die  Einwande,  die  sich  fiir  dieses  Gebiet  ergeben, 
schneller  charakterisieren,  weil  sie  leichter  verstandlich  sind. 

Man  kann  sagen:  Man  sehe  hin,  wie  das,  was  intimste 
Angelegenheit  der  Menschenseele  sein  mufi,  was  der  Mensch 
fiir  sich  als  Giauben,  als  sein  subjektives  Furwahrhalten 
finden  kann,  zu  einer  scheinbaren  Wissenschaft  auf  gebauscht 
wird! -Und  einwenden kann  man  dem  Geisteswissenschaft- 
ler:  Wenn  du  das  als  deinen  Giauben  hinstellst,  so  wollen 
wir  dich  unbehelligt  lassen.  Wenn  du  aber  das,  was  du  als 
Lehre  von  den  hoheren  Welten  aufstellst,  fiir  andere  Men- 


schen  geltend  machen  wirst,  so  ist  das  gegen  die  Natur  und 
den  Charakter  dessen,  wie  sich  das  Innere  des  Menschen  zu 
den  geistigen  Welten,  zu  dem  religiosen  Leben  iiberhaupt 
verhalten  soil.  -  Will  man  dann  audi  die  Friichte  in  dieser 
Beziehung  zeigen,  so  kann  man  sagen:  Man  sehe  hin  auf 
Menschen,  welche  sich  in  geisteswissenschaftlichen  Kreisen 
zum  Beispiel  die  Idee  der  wiederholten  Erdenleben  zur 
Oberzeugung  gemacht  haben;  ihnen  kann  man  ansehen,  wie 
das,  was  moralische  Weltanschauung  ist,  gerade  durch  eine 
geisteswissenschaftliche  Weltanschauung  in  den  krassesten 
Egoismus  hineingef  iihrt  wird.  -  Und  man  kann  das,  was  sich 
aus  der  Geisteswissenschaft  ergibt,  zusammenstellen  mit 
dem  Materialismus  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  indem 
man  sagt:  Da  hat  es  zahlreiche  Menschen  gegeben,  die  mit 
ihrem  Geiste  iiber  die  blofien  materiellen  Vorgange  hinaus- 
konnten,  und  die  da  sagten:  Ich  sehe  meine  hohere  Moral 
nicht  darin,  nach  meinem  Tode  auf  eine  geistige  Welt  An- 
spruch  zu  machen,  um  von  ihr  aufgenommen  zu  werden 
und  dort  fortzuleben,  sondern  wenn  ich  etwas  Moralisches 
tue,  so  tue  ich  es  ohne  Hoff  nung  auf  eine  geistige  Welt,  weil 
es  mir  die  Pflicht  gebietet,  weil  ich  gerne  hingebe,  was  mir 
meine  eigene  Egoitat  ist. 

Viele  hat  es  gegeben,  fiir  welche  die  Unsterblichkeits- 
Moral  nur  eine  egoistische  Moral  war.  Diese  Moral  erschien 
ihnen  viel  weniger  gut  als  die,  welche  alles,  was  getan  wird, 
mit  dem  Tode  des  Menschen  ubergehen  lafit  in  das  all- 
gemeine  Weltenleben.  Demgegeniiber  stent  die  Moral  derer, 
welche  sagen,  es  hatte  keinen  Sinn,  wenn  nicht  das,  was  sie 
tun,  in  folgenden  Erdenleben  seinenAusgleich  fande.  Dieses 
Karmagesetz,  konnen  nun  die  Gegner  der  Geisteswissen- 
schaft sagen,  begiinstige  nur  den  menschlichen  Egoismus; 
ganz  abgesehen  von  solchen  Leuten,  die  vielleicht  geradezu 
sagen:  Ich  erkenne  viele  Leben  in  der  Zukunfl:  an.  Was 


brauche  ich  daher  jetzt  ein  anstandiger  Mensch  zu  werden? 
Ich  habe  viele  Leben  vor  mir,  und  wenn  ich  audi  in  der 
Gegenwart  dumm  bleibe,  gescheit  und  klug  kann  ich  in  den 
nachherigen  Leben  noch  werden.  -  So  konne  man  doch 
sagen,  dafi  die  wiederholten  Erdenleben  gerade  dazu  her- 
ausfordern,  ein  bequemes  und  lassiges  Leben  zu  fiihren. 
Das  alles  zeige  an  der  Idee  der  wiederholten  Erdenleben, 
dafi  der  Egoismus,  der  sem  Ich  erhalten  will,  von  einer 
selbstlosen  Moral  sehr  weit  entf  ernt  ist. 

Und  ein  Einwand  kann  aufgenommen  werden,  den 
Friedricb  Scblegel  gegen  die  Anschauung  von  den  wieder- 
holten Erdenleben  gemacht  hat,  wie  sie  bei  den  Indern  an- 
genommen  werden:  Die  Anschauung  von  dem  Leben  der 
Menschenwesenheit,  die  da  eile  von  Verkorperung  zu  Ver- 
korperung, fuhre  dazu,  dafi  der  Mensch  dem  tatigen,  un- 
mittelbaren  Eingreifen  indieWirklichkeit  entfremdet  wird, 
dafi  er  das  Interesse  verliere  an  allem,  worin  er  sich  ent- 
falten  soli.  -  Eine  gewisse  weltfremde  Sonderlingsart  ist  ja 
leicht  zu  bemerken  bei  denen,  die  sich  in  die  Geisteswissen- 
schaft  hineinleben.  Ein  gewisser  Geistes-Egoismus,  eine  ge- 
wisse weltfremde  Lehre  wird  dadurch  geziichtet.  Ja,  es 
zeigt  sich,  daft  solche  Menschen  sagen:  Nachdem  ich  mich 
eine  gewisse  Zeit  hindurch  mit  der  Geisteswissenschaft  be- 
schafligt  habe,  verliere  ich  das  Interesse  fiir  das,  was  mir 
fruher  lieb  war.  -  Das  ist  etwas,  was  oft  auftritt,  was  aber 
zeigt,  dafi  der  Einwand  mit  Ernst  gemacht  wird,  dafi  der 
Mensch  arbeiten  solle  in  der  Welt,  der  er  zugeteilt  ist!  Es 
ist  ein  ernster  Einwand,  dafi  die  Geisteswissenschaft  die 
Menschen  dem  unmittelbaren  starken  Wirklichkeitsleben 
nicht  entfremden,  sie  nicht  zu  Sonderlingen  machen  soli,  die 
alles  drunter  und  dniber  gehen  lassen. 

Und  nun  das  religiose  Leben!  Man  kann  sagen:  Worin 
liegt  die  schonsteBliite,  dieherrlichsteBlute  dieses  religiosen 


Lebens?  Sie  liegt  in  der  Hingabe,  in  der  selbstlosen  Hingabe 
der  menschlichen  Individuality,  kann  man  sagen,  an  ein 
aufiermenschliches  Gottliches.  Das  Sichverlieren  des  Ge- 
motes, das  sich  opfernde  Hingeben  des  Gemiites  an  das 
aufiermenschliche  Gottliche  erzeuge  die  eigentliche  religiose 
Stimmung.  Nun  kommt  aber  die  Geisteswissenschaft  und 
erklart  dem  Menschen,  dafi  ein  gottlicher  Funke  in  ihm  ist, 
der  zuerst  in  einer  geringfugigen  Weise  in  einem  Erdenleben 
zum  Ausdruck  kommt,  dann  aber  ausgebildet  wird  und  sich 
immer  mehr  und  mehr  vervollkommnet,  so  dafi  der  Gott 
im  Menschen  immer  starker  und  starker  werde.  Das  ist 
Selbstvergottung  statt  selbstloser  Hingabe  an  die  aufier- 
menschliche  Gottlichkeit. 

Ja,  man  kann  mit  einem  gewissen  Recht  einwenden, 
wenn  man  es  mit  der  religiosen  Anschauung  ernst  nimmt, 
da$  durch  dieses  Sichhineinleben  in  die  eigene  gottliche  Na- 
tur,  wenn  es  sich  durch  die  verschiedenen  Inkarnationen 
hindurch  verwirklicht,  die  wahre  religiose  Stimmung  zer- 
stort  werden  kann,  wie  auch  das  Leben  in  Liebe  zerstort 
werden  kann.  Wenn  der  Mensch  nicht  in  der  unmittelbaren 
liebevollen  Hingabe  sich  dazu  getrieben  fiihlt,  sondern 
wenn  er  daran  denkt,  dafi  in  einem  spateren  Erdenleben  in 
dieser  Beziehung  ein  Ausgleich  stattfinde,  so  liebt  er  also 
nur  auf  den  Ausgleich  hin.  Und  der  Religiose  kann  sagen: 
Das  religiose  Leben  wird  in  der  geisteswissenschaftlichen 
Weltanschauung  durch  den  Egoismus  begriindet,  dafi  der 
Mensch  den  Gott  nicht  aufter  sich  habe,  sondern  in  sich.  - 
Und  berechtigt  ist  der  Einwurf :  Welche  Summe  von  Ober- 
hebung,  von  Hochmut  und  Selbstvergottung  kann  dadurch 
in  der  menschlichen  Seele  begriindet  werden! 

Die,  welche  sich  solche  Einwande  machen,  brauchen  sie 
sich  ja  nicht  auszumalen.  Man  kann  aber  daran  sehen,  wie 
treumeinende  Anhanger  der  Geisteswissenschaft  zu  einem 


solchen  Hochmut  und  immer  wieder  zu  soldier  Selbstver- 
gottung  kommen  konnen.  Daher  kommt  es,  dafi  wir  im 
Abendlande  ein  soldies  Auflehnen  gegen  das  Bestehen  des 
Gottesfunkens  im  Menschen  finden,  gegen  das  Bestehen  des 
menschlichen  Wesenskernes  vor  der  Geburt.  Man  soil  es 
nicht  leicht  nehmen,  was  man  bei  einem  ernsten  Wahrheits- 
forscher  als  einen  solchen  Einwand  gegen  die  wiederholten 
Erdenleben  im  Gegensatze  zu  den  Vererbungsverhaltnissen 
finden  kann. 

Einen  Einwand,  den  ich  vorlesen  will  —  woriiber  ich  wei- 
cer  nicht  sprechen  will,  urn  ihn  nicht  abzuschwachen  fin- 
den wir  bei  Jacob  Frohschammer,  der  als  ein  Typus  eines 
der  Menschen  genommen  werden  kann,  die  vieles  gegen  die 
Annahme  einer  Praexistenz  der  Seele  einwenden  konnen: 

«...  Als  Gottes  Wesen  oder  als  Teil  Gottes  kann  sich  die 
Menschenseele  unmoglich  betrachten,  weniger  wegen  der 
Thomistischen  Besorgnis  urn  die  Einheit  Gottes,  da  sie  im- 
merhin  als  Momente  in  ihm  sein  konnten,  ohne  seiner  Ein- 
heit zu  schaden,  -  als  vielmehr  nach  dem  eigenen  Bewufit- 
sein  und  Zeugnis  der  Menschenseele  selbst,  die  weder  sich 
noch  die  Welt  als  direkten  Ausdruck  gottlicher  Vollkom- 
menheit  oder  als  Verwirklichung  der  Idee  Gottes  selbst 
betrachten  kann.  Als  von  Gott  stammend,  kann  sie  nur  als 
Produkt  oder  Werk  gottlicher  Imagination  gelten;  denn 
es  mufi  die  Menschenseele  wie  die  Welt  selbst  in  diesem 
Falle  zwar  aus  gottlicher  Kraft  und  Wirksamkeit  kommen 
(da  aus  blofiem  Nichts  eben  nichts  werden  kann),  aber  diese 
Kraft  und  Wirksamkeit  Gottes  mufi,  wie  vorbildend  fiir 
die  Schopfung,  so  audi  bildend  bei  deren  ReaHsierung  und 
Forterhaltung  wirken;  also  als  Gestaltungskraft  (nicht  blofi 
formaler,  sondern  audi  realer  Art),  demnach  als  Phantasie, 
d.  h.  als  in  der  Welt  immanent  fortwirkende  und  fort- 
schaffend  erhaltende  Kraft  oder  Potenz,  also  als  Weltphan- 


tasie,  -  wie  dies  f riiher  schon  erortert  wurde.  Was  die  Lehre 
von  der  Praexistenz  der  Seelen  betrifft  (der  Seelen,  die  ent- 
weder  als  ewigbetraditet  werden  oder  als  zeitlidi  geschaflen, 
aber  schon  am  Anfang  und  insgesamt  auf  einmal),  die  man, 
wie  bemerkt,  in  neuerer  Zeit  wieder  hervorgezogen  und  zur 
Losung  aller  moglichen  psychologischen  Probleme  fiir  taug- 
lich  halt,  -  so  stent  sie  mit  der  Lehre  von  der  Seelenwan- 
derung  und  Einkerkerung  der  Seelen  in  irdische  Leiber  in 
Verbindung.  Danach  f  ande  also  bei  der  Zeugung  der  Altern 
weder  eine  direkte  gottliche  Schopfung  der  Seelen  statt, 
noch  eine  schopferische  Produktion  neuer  Menschennaturen 
nach  Leib  und  Seele  durch  die  Altern,  sondern  nur  eine  neue 
Verbindung  der  Seele  mit  dem  Leibe,  also  eine  Art  Fleisch- 
werdung  oder  Versenkung  der  Seele  in  den  Korper,  -  we- 
nigstens  einer  teilweisen,  so  dafi  sie  teils  vom  Korper  um- 
fangen  und  gebunden  ist,  teils  dariiber  hinausragt  und  eine 
gewisse  Selbstandigkeit  als  Geist  behauptet,  aber  doch  nicht 
davon  loskommen  kann,  bis  der  Tod  die  Verbindung  auf- 
hebt  und  fiir  die  Seele  Befreiung  und  Erlosung  bringt 
(wenigstens  von  dieser  Verbindung).  Der  Geist  des  Men- 
schen  gliche  da  in  seinem  Verhaltnis  zum  Korper  den  armen 
Seelen  im  Fegfeuer,  wie  sie  von  malenden  Pfuschern  auf 
Votivtafeln  dargestellt  zu  werden  pflegen,  als  Korper,  die 
halb  in  den  auf  lodernden  Flammen  versenkt  sind,  mit  dem 
obern  Teil  aber  (als  Seelen)  hervorragend  und  gestiku- 
lierend!  Man  bedenke  doch,  welche  Stellung  und  Bedeutung 
bei  dieser  Auffassung  dem  Geschlechtsgegensatz,  dem  Gat- 
tungswesen  der  Menschheit,  der  Ehe  und  dem  Alternver- 
haltnis  zu  den  Kindern  zukame!  Der  Geschlechtsgegensatz 
nur  eine  Einkerkerungseinrichtung,  die  Ehe  ein  Institut  zur 
Ausfuhrung  dieser  schonen  Aufgabe,  die  Altern  den  Kin- 
derseelen  gegeniiber  die  Schergen  zum  Festhalten  und  Ein- 
kerkern  derselben,  die  Kinder  selbst  den  Altern  diese  elende, 


miihselige  Gefangenschaft  verdankend,  wahrend  sie  weiter 
nichts  mit  ihnen  gemein  haben!  All  das,  was  sich  an  dieses 
Verhaltnis  kniipft,  beruhte  auf  elender  Tauschung!>> 

Man  kann,  wenn  man  fanatischer  Geistesforscher  ist, 
iiber  eine  solche  Sadie  ja  lacheln,  aber  Fanatismus  soil  der 
Geisteswissensdiaft  f  ernliegen.  Verstehen  soil  sie  und  wirk- 
lich  tolerieren  das,  wogegen  sich  die  Seele  aufbaumt.  Aus 
diesem  Grunde  wurde  dieser  einleitende  Vortrag  nicht  als 
eine  «Begriindung»,  sondern  wie  eine  «"Widerlegung»  der 
geisteswissenschaftlichen  Forsdiung  gehalten.  Aber  um  so 
fester  wird  das  stehen  konnen,  was  in  dem  nachsten  Vor- 
trage  «Wie  begriindet  man  Geistesforschung?»  vorzubrin- 
gen  sein  wird,  wenn  wir  uns  die  berechtigt  zu  machenden 
Einwande  selbst  machen  konnen.  Dal5  ich  in  Wahrheit  die 
Geistesforsdmng  nicht  widerlegen  will,  wird  man  mir  wohl 
glauben! 

Ich.  konnte  ja  nnr  eine,  ganz  kleine  Anzahl  von  Einwanden 
hier  anfiihren.  Es  konnten  viele  solcher  Einwiirfe  gemacht 
werden.  Das  kann  zum  Teil  in  der  kommenden  Zeit 
geschehen,  und  es  wird  dann  die  Widerlegung  gleich  auf 
dem  Fufie  folgen.  Aus  allem  aber,  was  angefiihrt  wird, 
kann  man  sehen,  wie  der  Mensch  durch  die  Entgegennahme 
der  geisteswissenschafllichen  Forschung  innerlich  auf  einen 
Kampfplatz  gerufen  wird,  wie  nicht  blofi  die  Dinge  sich 
ergeben,  die  fur  die  wiederholten  Erdenleben,  fiir  den 
Durchgang  des  Menschen  durch  eine  geistige  Welt  und  so 
weiter  sprechen,  sondern  wie  sich  aus  den  dunklen  Seelen- 
tiefen  heraus  auch  alle  Gegengriinde  ergeben  konnen.  Gut 
ist  es,  wenn  der,  welcher  sich  in  einer  ruhigen  Weise  mit 
Geistesf orschung  beschafHgt,  auch  diese  Gegengriinde  kennt. 
Dann  wird  er  auch  die  richtigeToleranz  denGegnern  gegen- 
iiber  anwenden  konnen.  Nur  einfach  sich  mit  Geisteswissen- 
schaft  zu  beschaftigen  oder  sich  blind  zu  stellen  oder  zu 


lachen  iiber  Einwande  der  Gegner,  kann  nimmermehr  die 
Art  des  Geistesforschers  sein.  Daft  das  nidbt  zutraglich 
wirkt,  zeigte  sich  sclion  an  einem  besonderen  Falle  im  neun- 
zehnten  Jahrhundert,  den  idi  hier  wiedererzahlen  mochte. 

Im  Jahre  1869  erschien  die  «Philosophie  des  Unbewuft- 
ten»  von  Eduard  von  Hartmann.  Wenn  man  audi  nicht  mit 
ihr  einverstanden  sein  wird,  so  kann  man  doch  sagen,  daft 
in  ihr  ein  guter  Versuch  vorlag,  iiber  die  Sinnesanschauung 
hinauszukommen.  Daher  muftte  sich  Eduard  von  Hartmann 
gegen  mancheswenden,  was  damals  gerade  als  ein  Ideal  der 
Wissenschaft  herausgekommen  war,  besonders  gegen  das, 
was  aus  dem  neu  aufbliihenden  Darwinismus  kam.  So  fin- 
den  wir  vieles  in  der  « Philosophic  des  Unbewuftten»,  was 
gegeniiber  dem  Darwinismus  nicht  hat  modern  werden  sol- 
len.  Aber  dasbesondereObereinstimmende  aller  derjenigen, 
die  sich  auf  seiten  des  Darwinismus  nicht  mit  diesem  Buche 
einverstanden  erklaren  konnten,  war,  daft  sie  sich  gegen 
Eduard  von  Hartmann  auf lehnten  als  gegen  einen,  der  sich 
nicht  bekanntgemacht  habe  mit  dem,  was  aus  der  Natur- 
wissenschaft  der  Gegenwart  folgte.  Eine  grofte  Flut  von 
Gegenschriften  erschien.  Man  braucht  nicht  zu  denken,  daft 
diese  Gegenschriften  lauter  Torheiten  enthielten;  sie  erschie- 
nen  zum  Teil  von  solchen,  die  hervorragende  Menschen  auf 
ihrem  Gebiete  sind,  zum  Beispiel  von  Ernst  Haeckel,  von 
dem  Zoologen  Oskar  Schmidt  und  anderen.  Unter  diesen 
Schriften  war  auch  eine,  deren  Verfasser  sich  nicht  nannte, 
mit  dem  Titel  «Das  Unbewuftte  vom  Standpunkte  der  Phy- 
siologie  und  Deszendenztheorie».  Darin  wurde  mit  schla- 
genden  Griinden  bewiesen,  wie  viele  Dinge  in  der  «Philo- 
sophie  des  Unbewuftten»  nicht  haltbar  waren  und  wie  ihr 
Verfasser  damit  gezeigt  habe,  daft  er  auf  dem  Gebiete  der 
Naturwissenschaft  nichts  anderes  als  ein  Dilettant  ware. 
Viele  Menschen  waren  geradezu  frappiert  iiber  die  schlag- 


f  ertige  Art,  wie  dieser  Anonymus  in  dieser  Schrift  vorging, 
und  Oskar  Schmidt,  damals  an  der  Universitat  Jena,  meinte, 
sie  sei  das  Beste,  was  vom  Standpunkte  der  Naturwissen- 
schaft  aus  gegen  die  «Philosophie  des  Unbewuftten»  gesagt 
werden  konne.  Manche  sagten:  Er  nenne  sich  uns,  denn  er 
ist  einer  der  Unsrigen;  und  Ernst  Haeckel  sagte,  er  selber 
konnte  nichts  Besseres  gegen  die  « Philosophic  des  Unbe- 
wuftten»  schreiben. 

So  war  es  kein  Wunder,  daft  die  erste  Auflage  dieser 
Schrift  «Das  Unbewuftte  vom  Standpunkte  der  Physiologie 
und  der  Deszendenztheorie»  bald  vergriffen  war.  Eine 
zweite  Auflage  erschien,  und  jetzt  nannte  sich  der  Ver- 
fasser:  es  war-Eduard  von  Hartmann!  Jetzthorten  manche 
Stimmen  auf,  die  vorher  gesagt  hatten:  er  nenne  sich  uns, 
er  ist  einer  der  Unsrigen.  Aber  das  Bedeutungsvolle  hatte 
sich  vollzogen,  daft  ein  Mensch  gezeigt  hatte:  er  kennt  alles, 
was  die  ernstesten  Gegner  gegen  ihn  vorbringen  konnen. 
Einmal  ist  damit  der  Beweis  geliefert  worden,  daft  man 
nicht  glauben  soli,  wenn  gegen  eine  Weltanschauung  etwas 
vorgebracht  werden  kann,  daft  der  Verfasser  dieser  Welt- 
anschauung sich  das  nicht  selbst  hatte  sagen  konnen. 

Fur  die  Geisteswissenschaft  ist  dies  geradezu  eine  Lebens- 
frage.  Nun  konnte  ich  heute  zwar  nicht  alles  sagen,  was 
gesagt  werden  konnte.  Aber  die  Geisteswissenschaft  muft 
kennen,  was  gegen  sie  eingewendet  werden  kann,  und  es 
ware  nur  zu  wiinschen,  daft  manche  von  denen,  welche  glau- 
ben, ein  abgrundtiefes  Wissen  aufzubringen,  um  die  Geistes- 
wissenschaft mit  dem  oder  jenem  guten  wissenschaftlichen, 
exakten  Grunde  zu  widerlegen,  sich  manchmal  iiberlegen 
konnten,  wieviel  besser  derjenige,  gegen  den  das  einge- 
wendet wird,  die  Sache  kennt,  als  der,  welcher  es  einwendet. 
So  ist  es  bei  einem  gewissenhaften  Geistesforscher.  Er  kann 
natiirlich  nicht  sein  Publikum  damit  langweilen,  daft  er  im- 


mer  audi  alle  Gegengriinde  anfuhrt,  die  moglich  sind.  Wenn 
aber  irgend  etwas  fiir  die  Geisteswissensdiaft  vorgebracht 
wird,  und  wenn  dann  mancher  Gegner  auftritt,  dann  sollte 
dieser  sich  selbst  erst  fragen,  ob  das,  was  er  vorbringt,  sich 
derjenige  nicht  selbst  sagen  kann,  der  die  Geisteswissen- 
sdiaft vertritt. 

Die  Aufgabe  des  nachsten  Vortrages  soil  es  nun  sein,  die 
Frage  aufzuwerfen:  Wie  stellt  sich  die  Seele  in  richtiger 
Art  zu  dem,  was  in  ihr  selbst  als  Gegengriinde  aus  ihren 
Tiefen  herauf  sich  geltend  macht?  Sollte  es  wirklich  wahr 
sein,  dafi  sich  der  Mensch  gegenuber  der  Geisteswissensdiaft, 
weil  so  vieles  gegen  sie  eingewendet  werden  kann,  wirklich 
so  zu  stellen  habe,  wie  -  in  einer  etwas  iibertragenen  Weise 
gesagt  -  Goethe  zuletzt  seinen  Faust  sagen  laik:  «K6nnt  ich 
MagievonmeinemPfadentfernen»?  Sind  die  Gegengriinde 
der  Geistesforschung  so,  wie  sich  Faust  gegenuber  den  Ge- 
gengriinden  der  Magie  verhalt?  Sind  sie  so,  daft  ein  Philo- 
soph  wie  Geoffroy  de  Saint-Hilaire  recht  hat,  wenn  er  sagt: 
Gegenuber  der  Weltbetrachtung  gibt  es  im  Ernste  nur  das 
Folgende.  Wir  sehen,  daft  der  Mensch  in  vieler  Beziehung 
schwach  ist.  Warum  sollten  wir  uns  diese  Schwache  nicht 
gestehen,  und  warum  sollte  es  nicht  gerade  eine  Starke  sein, 
wenn  man  sich  mit  seiner  Schwache  abfmdet?  Wie  muft  sich 
der  Mensch  gestehen,  daft  er  schwach  ist  gegen  Wind  und 
Wetter,  gegen  vulkanische  Gewalten  und  Elementarereig- 
nisse!  Wie  mufi  sich  der  Mensch  gestehen,  daft  er  schwach 
ist  gegenuber  dem,  was  die  Natur  iiber  ihn  verhangt,  wenn 
er  den  Samen  in  die  Erde  legt  und  die  Ungunst  der  Witte- 
rung  ihn  nicht  reifen  laftt,  die  aus  seinem  FleiB  nur  eine 
Hungersnot  hervorgehen  lafk!  Wenn  sich  der  Mensch  oft 
seine  Schwache  zu  Gemiite  fiihren  mufi,  warum  sollte  er  es 
nicht  sagen,  aus  Ehrlichkeit  heraus  sagen:  Zwar  kann  der 
Geist  in  manchem  iiber  sich  hinaus,  aber  audi  er  ist  schwach 


und  beschrankt  und  kann  nichts  vermogen  iiber  das,  was 
die  Natur  iiber  ihn  verhangt;  so  kann  er  nichts  erkennen 
iiber  das,  was  unsere  Natur  ist  —  wir  miissen  resignieren! 

Waren  die  Griinde,  die  jetzt  vorgebracht  sind,  so  ge- 
wichtig,  dafi  der  nachste  Vortrag  nicht  gehalten  werden 
konnte,  so  gabe  es  nichts  anderes  als  eine  soiche  Resignation, 
die  nicht  nur  GeofTroy  de  Saint-Hilaire,  sondern  die  viele 
aus  einer  ehrlichen,  wahrheitsliebenden  Seele  heraus  emp- 
finden  und  die  das  vertreten  zu  miissen  glauben,  dafi  der 
Mensch  nicht  in  eine  geistige  Welt  eindringen  konne.  Weil 
die  Gegengriinde  nicht  aus  Widerspruchsgeist  sondern  aus 
der  Natur  der  Sache  selbst  hervorspriefien,  deshalb  ist 
die  Auseinandersetzung  iiber  Natur  und  Wert  der  Gegen- 
griinde der  Geisteswissenschaft  nicht  bloift  eine  theoretische 
Tatsache,  sondern  etwas,  was  sich  aus  dem  Kampfplatze 
der  Seele  heraus  ergeben  muiS,  wo  Meinungen  gegen  Mei- 
nungen  ein  scheinbar  mehr  oder  weniger  berechtigtes  Kamp- 
fen  auffiihren,  und  wo  man  erst  durch  harte  Kampfe  er- 
kennen kann,  welche  von  diesen  dort  auftretenden  Griin- 
den  Sieger  bleiben  konnen.  Wenn  man  sich  offen  und  riick- 
haltlos  dem  inneren  Kampfe  der  Seele  gegeniiberstellt  und 
sagenkann,  was  fiir  und  wider  eine  Erkenntnis  der  geistigen 
Welt  spricht,  so  wird  man  zwar  nicht  ein  fanatischer  Ver- 
treter  dieses  oder  jenes  ausgedachten  oder  erkliigelten  Prin- 
zipes,  sondern  ein  Anerkenner  jenes  Prinzipes,  da£  eine 
ruhige  Uberzeugung  sich  auf  Grundlage  derjenigen  Griinde 
aufbaut,  die  erst  dann,  und  nie  vorher,  fiir  sich  geltend  ge- 
macht  werden,  nachdem  sie  in  der  eigenen  Seele  ihre  Gegen- 
griinde aus  dem  Felde  geschlagen  haben. 

Wenn  so  der  Wahrheitssucher  seine  Uberzeugung  sucht, 
dann  darf  er  sich  sagen,  er  mag  getrost  der  Entwickelung  des 
Geisteslebens  in  die  Zukunft  entgegengehen;  denn  wahr  ist, 
was  der  ernste  Wahrheitssucher  gesagt  hat:  Was  unwahr 


ist,  und  mag  es  nodi  so  oft  vorgebracht  werden,  es  wird  von 
dem  sidi  fortentwickelnden  Wahrheitsstreben  der  Mensch- 
heit hinausgeworfen  werden.  Das  aber,  was  wahr  ist  und 
sein  Dasein  so  gegeniiber  den  Gegengrunden  erkampfen 
mufite,  wie  wir  es  immer  in  bezug  auf  die  Vorgange  in  der 
Weltgeschichte  sehen,  das  fmdet  seinen  Weg  in  der  Ent- 
wicklung  der  Menschheit  in  der  ganz  besonderen  Weise,  daft 
man  stehen  kann  vor  dieser  Entwicklung  der  Wahrheit  in 
die  Jahrhunderte  und  Jahrtausende  hinein  und  sagen  kann: 
Und  seien  nodi  so  viele  von  verdeckenden  Eindriicken,  das 
heifit  Vorurteile  und  Widerspriiche,  aufgetiirmt,  die  Wahr- 
heit  findet  immer  wieder  Spalten  und  Risse,  um  sich  zu 
behaupten,  um  sich  zum  Segen,  zum  Fortschritt  und  Nutzen 
der  Menschheit  geltend  zu  machen. 


WIE  BEGRUNDET  MAN  GEISTESFORSCHUNG? 


Berlin,  7.  November  1912 


In  den  vorangehenden  Ausfiihrungen  gestattete  ich  mir, 
eine  Anzahl  von  Einwendungen,  von  Widerlegungen  der 
Geistesforschung  oder  Anthroposophie  anzufiihren.  Es 
wiirde  nun  ein  Miftverstandnis  sein,  wenn  etwa  der  Glaube 
herrschen  sollte,  der  heutige  Vortrag  sei  dazu  bestimmt, 
diese  Widerlegungen  wiederum  zu  wider legen;  denn  das 
soil  von  vornherein  gesagt  sein:  nicht  um  ein  Gedanken- 
spiel,  nicht  um  ein  dialektisches  Spiel  mit  Griinden  und 
Gegengriinden  soil  es  sich  handeln.  Diejenige  Geistesfor- 
schung, von  der  hier  die  Rede  sein  soil  und  immer  die  Rede 
gewesen  ist,  soil  durchaus  in  vollem  Einklange  mit  der 
Wissenschaft  und  der  Bildung  der  Gegenwart  arbeiten.  Da- 
her  sind  die  letzthin  erwahnten  Entgegnungen  auch  nicht 
in  dem  Sinne  angefuhrt  worden,  als  ob  man  sie  leichten 
Herzens  so  ohne  weiteres  aus  der  Welt  schafFen  konnte, 
sondern  sie  sind  in  dem  Sinne  angefuhrt  worden,  daft  sie 
gewissermafien  berechtigterweise  in  der  heutigen  Seele  auf- 
tauchen,  in  der  Seele,  welche  mit  den  Errungenschaffien 
unserer  Geisteswissenschafl,  mit  den  Fortschritten  unserer 
Geisteskultur  bis  in  die  Gegenwart  rechnet.  Nicht  als  un- 
berechtigte  Einwendungen,  sondern  als  in  ihren  Grenzen 
berechtigte  Einwendungen  sind  sie  vorgebracht  worden, 
und  es  sollte  das  Gefiihl  erweckt  werden  von  dem  Ernste, 
mit  dem  die  Geistesforschung  arbeiten  mochte  und  von  dem 
Bewulksein,  daft  sie  aus  ihren  Quellen  heraus  die  voile  Ver- 
antwortung  fur  sich  selber  ubernehmen  kann,  trotzdem 


diese  Geistesforschung  durchaus  begreift  -  das  sollte  haupt- 
sachlich  mit  diesen  Einwendungen  gesagt  sein  -,  dafi  sie 
gewissermafien  allein  auf  sich  selber  angewiesen  ist  in  einer, 
man  mochte  sagen  in  der  Hauptsache  dreifachen  Gegner- 
schaft, welcher  sie  sich  gegeniibersieht. 

Die  eine  Gegnerschaft  erwachst  ihr  von  der  zeitgenos- 
sischen  Wissenschaft  oder  wenigstens  von  der  jenigen  Wissen- 
schaft, welche  oftmals  glaubt,  auf  dieser  zeitgendssischen 
Wissenschaft  widerspruchslos  aufgebaut  zu  sein.  Die  zweite 
Gegnerschaft  erwachst  ihr  aus  mancherlei  religiosen  Be- 
kenntnissen,  und  die  dritte  erwachst  ihr  aus  dem  gewohn- 
lichen  Bewufitsein  des  Tages,  das  sich  ja  instinktiv  in  vieler 
Beziehung  gegen  das  auflehnt,  was  Geisteswissenschaft, 
Geistesforschung  zu  sagen  hat. 

Es  konnte  leicht  scheinen,  als  ob  so  ohne  weiteres  die 
Frage  berechtigt  ware:  Wie  beweist  also  die  Geistesforschung 
gegen  die  gemachten  Einwande  ihre  Behauptungen?  Wie 
beweist  sie  das,  was  sie  zu  sagen  hat?  -  Wir  werden  im  Ver- 
laufe  dieser  Wintervortrage  manches  iiber  den  Inhalt  dieser 
Geistesforschung,  iiber  wirkliche  Resultate  der  Forschung 
iiber  eine  iibersinnliche  Welt  zu  horen  haben.  In  diesen  bei- 
den  ersten  Vortragen  mufi  mir  schon  gestattet  sein,  in  der 
Art  zu  sprechen,  wie  es  vielleicht  mancher  abstrakt,  obwohl 
es  nicht  abstrakt  gemeint  ist,  schwer  verstandlich  oder  un- 
interessant  findet.  Denn  wenn  auch  vielleicht  nicht  mit  allem 
einzelnen  meiner  Ausfiihrungen  im  ersten  und  zweiten  Vor- 
trage  mitgegangen  werden  kann,  so  kann  trotzdem  wohl 
das  Gefiihl  gewonnen  werden,  dafi  ein  wahrhaft  guter  Un- 
tergrund  fiir  diese  Geistesforschung  gesucht  wird.  Daher 
darf  vielleicht  heute  manche  Frage  aufgeworfen  werden, 
welche  derjenige  uninteressant  findet,  den  es  mehr  interes- 
sieren  wiirde,  gleich  diese  oder  jene  Erzahlungen  aus  der 
ubersinnlichen  Welt  entgegenzunehmen.  Die  Frage  darf  auf- 


geworfen  werden:  1st  denn  iiberhaupt  auf  die  Begriindung 
einer  Weltanschauung  das  in  dem  vielf  ach  geglaubten  Sinne 
anzuwenden,  was  man  so  gewohnlich  Beweise  nennt?  Kann 
man  Beweise  als  etwas  ansehen,  was,  wenn  es  vorhanden 
ist,  den  Zwang  fiir  die  Oberzeugung  eines  jeden  Menschen 
in  sich  schlielk? 

Jeder,  der  sidi  zu  irgendeiner  Weltanschauung  im  Ernste 
bekennt,  glaubt  gewohnlich,  er  konne  sie  beweisen,  und  er 
wird  fiir  diese  Weltanschauung  ganz  gewifi,  wenn  er  ernst 
genommen  sein  will,  seine  Beweise  anfiihren.  Gegeniiber 
diesem  so  vielf  ach  verbreiteten  Glauben  mochte  ich  zunachst 
ein  Wort  eines  energischen,  tatkraftigen  deutschen  Philo- 
sophen  anfiihren,  das  Wort  Johann  Gottlieb  Fichtes,  der 
sagt:  Was  man  fiir  eine  Philosophie  hat,  das  hangt  davon 
ab,  was  fiir  ein  Mensch  man  ist. 

Wenn  man  auf  den  Grund  eines  solchen  Wortes  kommen 
will,  wie  es  Fichte  hier  ausgesprochen  hat,  wenn  man  mit 
anderen  Worten  fragen  will,  was  er  gemeint  hat,  so  mufi 
man  sich  sagen:  Es  kommt  nicht  blofi  auf  Beweise  an,  son- 
derndarauf,  welche  Beweise  man  fiir  maftgebend  halt,  welche 
Beweise  fiir  einen  Menschen  nach  seiner  Seelenentwickelung 
das  Gewicht  haben,  um  Einsicht  gewinnen  zu  wollen  in 
dieses  oder  jenes.  So  werden  wir  selbst  von  einem  Philo- 
sophen  wie  Fichte  auf  das  menschliche  Innere  gewiesen, 
wenn  es  sich  um  die  Bewertung  von  Beweisen  handeln  soli. 
Es  wird  gleichsam  verlangt,  dafi  der  Mensch  durch  seine 
Seelenentwickelung  sich  die  Fahigkeit  erworben  habe,  um 
das  Gewicht  von  Beweisen  einsehen  zu  konnen.  Trivial  ge- 
sprochen,  mochte  ich  sagen:  Was  nutzen alle Beweise schliefi- 
lich  demjenigen,  der  an  diese  Beweise  nicht  glauben  kann? 
Und  wie  es  sich  um  die  sogenannten  Beweise  verhalt,  das 
konnen  wir  vielf  ach  gerade  aus  der  Methodik  mancher 
Weltanschauungen  studieren,  die  scheinbar  ganz  auf  dem 


festen  Untergrunde  naturwissenschaftlicher  Tatsachen  auf- 
gebaut  sind. 

Wenn  ich  so  etwas  sage,  wie  ich  es  jetzt  sagen  will,  so 
mufi  ich  allerdings  immerwieder  vorausschicken:  Ichglaube 
nicht,  dafi  irgend  jemand  fiir  die  naturwissenschaftlichen 
Fortschritte  in  unserer  Zeit  mehr  Achtung  und  Anerken- 
nung  haben  kann  als  der  echte  Geistesforscher.  Und  heute 
mochte  ich  noch  insbesondere  das  vorausschicken,  dafi  alle 
die  Einwendungen,  die  heute  vor  acht  Tagen  gemacht  wor- 
den  sind,  durchaus  so  gemeint  sind,  dafi  sie  insof  ern  berech- 
tigt  sind,  als  die  unmittelbaren  Einwendungen  des  Geistes- 
forschers  gegen  das  vor  acht  Tagen  Gesagte  unberechtigt 
waren.  Denn  der  Geistesforscher  leugnet  dasjenige  nicht, 
was  die  naturwissenschaftliche  Forschung  behauptet,  mit 
Recht  behauptet.  Er  erkennt  es  voll  an.  Diese  Tatsache  mufi 
man  auch  ins  Auge  fassen. 

Die  Geistesforschung  wird  fortwahrend  von  der  Natur- 
wissenschafl  bekampft;  dagegen  die  Geistesforschung  selbst 
bekampft  ihrerseits  die  Naturwissenschaft  gar  nicht,  wenn 
man  die  richtige  Sachlage  zu  wiirdigen  in  der  Lage  ist.  Aber 
es  gibt  viele  naturwissenschaftliche  Tatsachen,  die  von  ge- 
wissen  Weltanschauungsstromungen  heute  so  verwertet  wer- 
den,  so  scheinbar  in  ein  gewisses  Licht  gesetzt  werden,  dafi 
man  mit  den  Tatsachen  vollig  einverstanden  sein  kann, 
nicht  aber  mit  der  Art,  wie  manchmal  gewisse  Weltan- 
schauungen  auf  Grund  dieser  Tatsachen  etwas  beweisen 
wollen.  Die  Tatsachen,  die  sich  aus  der  Naturwissenschaft 
ergeben,  werden  zumeist  von  der  Geistesforschung  erst  recht 
bekraftigt,  und  es  darf  gesagt  werden,  die  Zeit  werde  kom- 
men,  in  welcher  dasjenige,  was  am  Darwinismus  und  an  der 
modernen  Entwicklungslehre  berechtigt  ist,  gerade  durch 
die  Geistesforschung  die  richtige  Wiirdigung  finden  wird. 

So  kann  auch  insbesondere  durch  die  Geistesforschung 


klar  sein,  dafi  die  Seele  des  Menschen,  indem  sie  sich  in  der 
aufieren  physischen  Welt  wirksam  erweisen  soli,  sich  zu 
gewissen  geistigen  Verrichtungen  gewisser  Teile,  gewisser 
Partien  des  Gehirnes  bedienen  mufi,  wie  man  sich  zu  an- 
deren  Verrichtungen  der  Hand  bedienen  mui  Wie  die 
Hand  gewissen  Verrichtungen  des  Menschen  zugeteilt  ist, 
so  sind  gewisse  Partien  des  Gehirnes  als  Werkzeuge  dem 
seelischen  Erleben  zugeteilt.  Gerade  durch  die  Geistesfor- 
schung  wird  der  richtige  Sinn,  die  richtige  Bedeutung  dieser 
Zuteilung  ins  Auge  gefafit  werden  konnen,  und  mit  dem, 
was  die  Naturwissenschaft  in  dieser  Beziehung  heute  viel- 
fach  vertritt,  stent  die  Geistesforschung  nicht  im  geringsten 
im  Widerspruch.  Dagegen  sind  die  sogenannten  Beweise, 
die  angefuhrt  werden,  vor  demjenigen,  welcher  Beweiskraft 
versteht,  oftmals  recht  sehr  briichig.  So  zum  Beispiel,  wenn 
fur  die  wahren  Tatsachen,  daft  zum  seelischen  Leben  be- 
stimmte  Partien,  gewisse  Teile  des  Gehirns  hinzugehoren, 
immer  wieder  und  wieder  angefuhrt  wird,  es  werde  durch 
die  Erkrankung  dieser  Gehirnteile  die  betreffende  seelische 
Tatigkeit  ausgeschaltet,  und  man  kann  daher  nicht  wahr- 
nehmen,  dafi  die  Seele  gewisse  Verrichtungen  wie  zum  Bei- 
spiel die  Sprache  zuwege  bringt,  so  dafi  also  das  Sprach- 
zentrum  ausgeschaltet  wird. 

Es  sind  solche  Beweise  fur  den,  der  Beweiskraft  versteht, 
wirklich  mit  dem  Einwande  des  beruhmten,  wenn  auch 
nicht  existierenden  Professors  Schlaucherl  getroffen,  der  ja, 
wie  vielleicht  einigen  von  Ihnen  bekannt  sein  wird,  den 
Beweis  fiihren  wollte,  wie  der  Frosch  empfindet.  Dazu 
setzte  er  einen  Frosch  auf  den  Experimentiertisch  und  klopfte 
auf  den  Tisch,  und  siehe  da:  der  Frosch  sprang  fort  -  also 
hatte  er  es  gehort.  Jetzt  rifi  er  ihm  die  Beine  aus  und  klopfte 
wieder  auf  den  Tisch.  Jetzt  sprang  der  Frosch  nicht  fort, 
weil  ihm  ja  die  Beine  ausgerissen  waren.  Aber  daraus,  daiS 


er  jetzt  nicht  mehr  fortspringen  konnte,  folgert  der  Pro- 
fessor Schlaucherl,  dafi  der  Frosch  mit  den  Beinen  hort; 
denn  wenn  er  keine  Beine  hat,  zeigt  sich  an  nichts,  dafi  er 
horen  kann. 

Man  muft,  wenn  man  eine  solche  Sache  vorbringt,  selbst- 
verstandlich  um  Entschuldigung  bitten.  Aber  sie  ist  logisch, 
methodisch  durchaus  mit  dem  zusammentreffend,  was  viel- 
fach  heute  zu  Beweiszwecken  an  Tatsachen  angefuhrt  wird, 
die  nicht  im  geringsten  durch  die  Geisteswissenschaft  be- 
zweifelt  werden  sollen,  die  sogar  wahr  sind.  Aber  die  an- 
gefuhrten  Beweise  werden  niemals  denjenigen  wirklich 
iiberzeugen  konnen,  der  beweiskraftiges  menschliches  Aus- 
sagen  zu  beurteilen  vermag. 

So  ist  es  mit  vielem  von  dem,  was  gerade  im  vorher- 
gehenden  Vortrag  angefuhrt  worden  ist,  wie  es  ein  ge- 
wichtiger  Einwand  sei,  der  im  wissenschafllichen  Sinne 
gerade  von  ernsten  und  wiirdigen  Forschern  der  Natur- 
wissenschaft  der  Gegenwart  gemacht  werden  kann,  dafi 
man  sagt:  Da  haben  sich  die  Menschen  in  vergangenen  Zei- 
ten  die  Lebenskrafl:  ausgedacht  und  alles,  was  Vorgange  im 
lebendigen  Leibe  sind,  aus  dieser  Lebenskrafl  heraus  zu 
erklaren  versucht.  Aber  das  neunzehnte  Jahrhundert  hat 
gezeigt,  dafi  man  diese  Lebenskrafl  zu  nichts  brauchen  kann 
und  dafi  man,  wenn  man  nur  die  gewohnlichen  Krafle  in 
gewissen  StofTen  voraussetzt,  zeigen  kann,  sobald  man 
labor  atoriumsmafiig  vorgeht,  wie  gewisse  zusammengesetzte 
Stoffe,  von  denen  man  friiher  geglaubt  hat,  dafi  sie  nur  im 
lebendigen  Organismus  durch  die  Lebenskrafl  zustande 
kommen  konnen,  im  Laboratorium  ohne  diese  Lebenskrafl 
dargestellt  werden  konnen.  So  dafi  daher  das  Ideal  der 
Wissenschafl  darin  bestehen  muft,  vorauszusetzen,  daft  es 
einmal  gelingen  werde,  auch  kompliziertere  Substanzen  des 
Lebendigen  auf  diese  Weise  wirklich  herzustellen.  Nun 


kommen  die  Geistesforscher  und  behaupten,  dafi  es  im 
lebendigen  Organismus  einen  besonderen  Lebensleib  oder 
Atherleib  gebe,  der  notwendig  ist,  damit  die  lebendigen 
Erscheinungen  zustande  kommen.  Das  sei  aber  nichts  an- 
deres  als  eine  Aufwarmung  der  alten  Lebenskraft.  Das 
konnte  also  nur  von  dilettantischen  Seelen  herkommen,  die 
in  bequemer  Weise  ein  Erklarungsprinzip  dort  suchen,  wo 
sie  wegen  ihrer  Unkenntnis  nicht  mit  den  Fortschritten  der 
wahren  Wissenschaft  zu  rechnen  wissen. 

Ich  mochte  zuerst  durch  eine  Art  historischen  Zeugnisses 
erklaren,  wie  diese  ganze  Schlufifolgerung  auf  eine  Seele 
wirkt,  die  nicht,  voreingenommen  durch  die,  wieder  sei  es 
gesagt,  berechtigten  Fortschritte  der  Wissenschaft,  sich  so 
ohne  weiteres  ihren  SchlujSfoIgerungen  hingibt.  Ich  mochte 
es  zunachst  durch  etwas  Historisches  zeigen.  Man  glaubt, 
die  Annahme  eines  Atherleibes  oder  Lebensleibes  aus  dem 
Felde  geschlagen  zu  haben,  indem  man  sagt:  Es  mufi  als  ein 
Ideal  der  Wissenschaft  gelten,  einmal  die  lebendige  Substanz 
aus  ihren  einzelnen  Stoffen  laboratoriumsmafiig  zusam- 
menzusetzen;  daher  konnte  man  nicht  mehr  an  eine  Be- 
griindung  des  Lebens  durch  etwas  t)bersinnliches  glauben, 
sondern  man  musse  es  als  eine  Wirkung  im  rein  Stoff lichen 
ansehen,  wenn  man  im  Laboratorium  arbeket  und  die  zu- 
sammengesetzten  Substanzen  aus  den  einf achen  zusammen- 
fugt. 

Es  gab  eine  Zeit,  in  welcher  man  wahrhaftig  mehr,  als 
ein  heutiger  ernster  Wissenschaftler  wagen  wird,  daran 
glaubte,  dafi  man  laboratoriumsmafiig  nicht  nur  eine  ein- 
zelne  lebendige  Substanz,  sondern  audi  unterste  Lebewesen, 
ja  sogar  einen  kleinen  Menschen,  den  bekannten  Homun- 
kulus  zusammensetzen  konnte.  Die  Zeit,  in  der  man  fest 
glaubte,  dafi  man  laboratoriumsma£ig  den  Homunkulus 
erzeugen  konnte,  nahm  diesen  Glauben  durchaus  nicht  so 


auf,  als  ob  damit  das  Obersinnliche  der  Lebenserscheinungen 
aus  der  Welt  geschafft  ware;  sie  glaubte  gerade  erst  recht  an 
das  Obersinnliche  der  Lebenserscheinungen.  Das  ist  ein 
historischer  Einwand  gegen  die  Behauptung,  es  sei  fiir  das 
menschliche  Denken  unvertraglich,  an  den  iibersinnlichen 
Ursprung  des  Lebens  zu  glauben  und  zugleich  mit  dem  Na- 
turf orscher  voll  die  Ansicht  zu  vertreten,  daft  das  Lebendige 
im  Laboratorium  dargestellt  werden  konnte.  Die  beiden 
Dinge  sind  eben  vertraglich,  und  daft  sie  vertraglich  sind, 
dazu  mufi  man  vielleicht  wieder  eine  recht  triviale  Gedan- 
kenverbindung  ins  Feld  fiihren,  die  aber  deshalb  nicht  min- 
der bedeutsam  ist  fiir  denjenigen,  der  sich  nicht  nur  nicht 
etwas  durch  eine  naturwissenschaftliche  Weltanschauung 
hypnotisieren  oder  suggerieren  laftt,  sondern  der  auf  das 
ganze  Gefiige  des  menschlichen  Seelenlebens  einzugehen 
vermag. 

Da  sehen  wir,  wie  vor  uns  gewisse  Storfe  sind.  Wir  fiigen 
sie  zusammen.  Wir  sehen  -  wir  nehmen  das  hypothetisch 
an  -,  wie  daraus  lebendige  Substanz  entsteht.  Sind  wir  des- 
halb berechtigt,  daraus  den  Schluft  zu  ziehen,  daft  aus  dem, 
was  wir  vor  uns  an  den  einzelnen  Stoffen  gesehen  haben, 
das  Leben  dieser  Substanz  sich  wirklich  gebildet  hat?  Nein, 
das  sind  wir  nicht!  Und  wir  sind  es  von  dem  Momente  an 
nicht  mehr,  da  wir  zugeben,  daft  sich  an  den  Nahrungs- 
resten,  welche  sich  in  einem  Zimmer  befinden,  die  Fliegen 
nicht  heranentwickelt  haben,  die  sich  nach  einer  gewissen 
Zeit  einstellen.  Wenn  wir  ein  Zimmer  voll  Fliegen  sehen, 
so  konnen  wir  sagen,  diese  Fliegen  sind  deshalb  da,  weil  in 
dem  Zimmer  Unordnung  herrscht  und  Nahrungsreste  ge- 
blieben  sind.  Diese  Nahrungsreste  waren  die  Bedingung, 
aber  sie  haben  die  Fliegen  nicht  gemacht.  Es  stellt  sich  aber 
die  Anwesenheit  der  Fliegen  immer  ein,  wenn  die  Bedin- 
gungen  da  sind,  und  wenn  die  Bedingungen  da  sind,  dann 


wird  sich  das  Leben  einstellen.  Aber  niemand  darf  behaup- 
ten,  dafi  es  daraus  hervorgegangen  ist,  sondern  nur,  dafi 
sie  die  Veranlassung  gewesen  sind,  daft  das  Leben  sidi  ein- 
gestellt  hat. 

Ein  ubersinnlicher  Vorgang  darf  auch  dann  angenommen 
werden,  wenn  labor  atoriumsmafiig  die  Dinge  zusammen- 
passen.  Daher  ware  es  von  seiten  der  Geistesforschung  ganz 
falsch,  wenn  sie  sich  darauf  begninden  wollte,  daft  sie  sich 
in  mehr  oder  weniger  ironischer  oder  geistvoller  Weise  iiber 
das  erheben  wollte,  was  die  Naturwissenschaft  als  ihr  Ideal 
anstrebt.  Mit  dem  geht  sie  durchaus  mit,  damit  ist  sie  vollig 
einverstanden.  Aber  das  raumt  nicht  das  aus  dem  Wege, 
was  die  Geistesforschung  zum  wirklichen,  volligen  Begreif en 
der  Dinge  beitragt. 

Nehmen  wir  als  ein  anderes  Beispiel  den  im  ersten  Vor- 
trage  gegen  die  Geistesforschung  gemachten  Einwand,  inso- 
fern  diese  die  Erscheinungen  des  Schlafens  und  Wachens 
dadurch  erklart,  dafi  sie  sagt,  es  sei  im  Menschen  ein  Ober- 
sinnliches,  das  sich  mit  dem  Einschlafen  des  Menschen  aus 
dem  physischen  Leibe  und  Atherleibe  heraus  erhebt,  in  eine 
besondere  geistige  Welt  geht  und  beim  Aufwachen  wieder 
in  sie  untertaucht.  Wir  haben  den  gewichtigen  Einwand  er- 
w'ahnt,  der  durchaus  schlagend  ist,  dafi  die  Naturforschung 
das  Phanomen  des  Schlafes  dadurch  zu  erklaren  versucht, 
dafi  sie  eine  Art  Selbststeuerung  des  Organismus  vorfiihrt, 
dafi  sie  zeigt,  wie  die  Reize,  die  durch  die  Eindriicke  des 
Tageslebens  ausgeiibt  werden,  die  organische  Substanz  ge- 
wissermafien  zerstoren,  verbrauchen,  so  da^  dadurch  ein 
Punkt  eintritt,  wo  diese  organische  Substanz,  die  Lebens- 
substanz,  wiederhergestellt  werden  raufi.  Wahrend  sie 
wiederhergestellt  wird,  ist  Dumpfheit  iiber  das  Bewufit- 
sein  ausgebreitet,  und  ist  die  Wiederherstellung  vollendet, 
dann  konnen  die  aufieren  Reize  wieder  wirken.  So  hatten 


wir  es  mit  einer  Selbststeuerung  des  Organismus  zu  tun 
und  konnten  sagen:  Was  br audit  es  da  nodi  einer  beson- 
deren  Geistesforschung,  die  sich  in  einer  besonderen  Be- 
sdireibung  dessen  ergeht,  was  wahrend  des  Sdilaf es  aus  dem 
Menschen  herausgehen  soli,  um  in  einer  anderen  Welt  dann 
zu  sein  -  wenn  die  Erscheinung  des  Sdilaf  es  aus  dem 
menschlichen  Leibe  selbst  erklart  werden  kann? 

Welches  Gewicht  der  durchaus  in  gewissen  Grenzen  wah- 
ren  naturwissenschaftlichen  Darstellung  beizumessen  ist, 
ergibt  sich  durch  f olgende  Betrachtung.  Mogen  die  einzelnen 
Dinge,  die  ich  vorbringe,  audi  nur  skizzenhaft  angefuhrt 
werden  konnen,  sie  stimmen,  wenn  auch  nicht  in  alien  Ein- 
zelheiten,  so  doch  zu  dem  ganzen  Geiste  der  heutigen  natur- 
wissenschaftlichen Forschung. 

Was  geschieht  denn,  wenn  der  Organismus  im  Schlafe 
vor  uns  liegt,  auch  durchaus  nach  naturwissenschaftlicher 
Anschauung?  Wir  miissen  nach  naturwissenschaftlicher  An- 
schauung  sagen:  da  werden  gleichsam  die  durch  die  Ein- 
driicke  der  Sinne  und  durch  die  anderen  aufieren  Eindriicke 
verbrauchten  organischen  Substanzen  ausgebessert.  Da  ge- 
schieht also  ein  innerer  Proze£,  ein  ProzeiR,  der  vollig  durch 
die  Natur  und  das  Wesen  des  menschlichen  Leibes,  des 
menschlichen  Organismus  bedingt  ist,  und  wir  konnen  das- 
jenige,  was  so  innerlich  geschieht,  selbstverstandlich  nur  aus 
dem  erklaren,  was  eben  in  den  Gesetzen  des  menschlichen 
Leibes,  in  den  Gesetzen  des  Organismus  liegt.  Diese  Gesetze 
des  Organismus  konnen  uns  aber  niemals,  in  keiner  Gegen- 
wart  und  in  keiner  Zukunft,  etwas  anderes  geben-das  mull 
jeder,  der  die  Sadie  griindlich  durchschaut,  anerkennen 
als  was  uns  etwa  die  Lunge  fiir  den  Atmungsprozefi  gibt. 
Wer  den  menschlichen  Atmungsprozeft  durchforscht,  wird 
ihn  vollstandig  verstehen  konnen  aus  den  Gesetzen  des 
Lungenlebens.  Was  aber  der  Mensch  nicht  wird  verstehen 


konnen,  das  ist  die  Natur  und  das  Wirken  des  Sauerstoffes. 
Der  wird  aufterhalb  der  Lunge  zu  erforschen  sein,  der 
mu&  erst  von  aufkn  in  die  Lunge  hineinkommen,  und  wer 
glaubte,  durch  die  Erforsdiung  der  Lunge  die  Natur  des 
Sauerstoffes  kennenzulernen,  der  wiirde  sidi  gewaltig  irren. 

Der  Lungenvorgang,  alles  was  im  Organismus  geschieht, 
ist  aus  dem  Inneren  des  Lungenlebens  zu  erfahren.  Um  die 
ganze  Atmung  zu  verstehen,  ist  notwendig,  dafi  wir  aus 
dem  Lungenleben  herausgehen  und  die  Natur  des  Sauer- 
stoff es  draufien  fur  sich  verstehen,  und  nichts  gewinnen  wir 
an  Erkenntnis  iiber  die  Natur  des  Sauerstoff  es  aus  dem  Pro- 
zesse  des  Lungenlebens.  Ebensowenig  gewinnen  wir,  wenn 
wir  untersuchen,  was  im  Organismus  wahrend  des  Schlafes 
vorgeht,  an  Erkenntnis  fur  alles  dasjenige,  was  sich  im 
wachen  BewuEtsein  vom  Morgen  bis  zum  Abend  abspielt, 
indem  Triebe,  Leidenschaflen,  Aff  ekte,  Ideale  und  so  weiter 
auf-  und  abwogen.  Sowenig  das  Lungenleben  einerlei  mit 
der  Natur  des  Sauerstoffes  ist,  so  gewifi  der  Sauerstoff  in 
die  Lunge  von  aufien  hereinkommen  mufi,  so  gewiE  ist  es, 
dafi  alles,  was  in  den  Bewufkseinserscheinungen  beschlossen 
ist,  sich  mit  dem  vereinigen  mufi,  von  aufien  in  es  herein- 
kommen muft,  was  wir  innerlich  wahrend  des  Schlafpro- 
zesses  als  innere  leibliche  Vorgange  studieren  und  beob- 
achten  konnen. 

Einen  solchen  Gedankengang  wird  man  allerdings  nicht 
sofort  ganz  durchschauen  konnen.  Er  ist  aber,  wenn  Sie  ihn 
verfolgen,  nicht  etwa  eine  blofte  Analogie,  er  ist  mehr  als 
das:  er  ist  eine  Art  Erziehungsmittel,  um  die  Dinge,  die 
uns  bei  der  charakterisierten  Erscheinung  im  Leben  ent- 
gegentreten,  wirklich  richtig  zusammen  zu  betrachten.  Und 
wer  sich  wirklich  aufklart  iiber  das  Verhaltnis  des  Sauer- 
stoffes, der  aufien  ist  und  in  die  Lunge  hineingeht,  zu  dem, 
was  in  der  Lunge  geschieht,  der  lernt  an  einem  solchen  Be- 


griffe,  an  einer  solchen  Idee  erkennen,  wie  er  uber  das  zu 
denken  hat,  was  wahrend  des  Schlafes  aufierhalb  des  phy- 
sischen  Organismus  ist  und  zu  den  Vorgangen,  die  im  phy- 
sischen  Organismus  wahrend  des  Schlafes  vor  sich  gehen, 
ebenso  hinzukommen  mufi,  wenn  Bewu£tsein  sich  erleben 
soil,  wie  der  Sauerstoff  zu  den  inner  en  organischen  Vor- 
gangen der  Lunge  hinzukommen  muft,  wenn  ein  Atmungs- 
vorgang  wirklich  lebendig  eintreten  soli. 

Die  Dinge,  die  man  nennen  kann  ein  «Begriinden  der 
GeisteswissenschafU,  sind  eben  durchaus  nicht  so  einfach 
wie  man  oftmals  glaubt.  Weil  sie  das  nicht  sind,  deshalb 
sieht  es  oft  so  aus,  als  ob  sie  sich  durch  leichtgeschiirzte 
Widerlegungen  aus  der  Welt  schafFen  liefien.  Es  handelt  sich 
wirklich  bei  der  Anerkennung  von  Grixnden  und  Gegen- 
grunden  auf  diesem  Gebiete  im  Fichteschen  Sinne  darum, 
was  fur  ein  Mensch  man  ist,  das  heifit,  welche  Seelenver- 
fassung  man  mitbringt,  um  die  Dinge  in  ihrem  richtigen 
Lichte  zu  sehen.  Wie  oft  hort  man  sagen:  Ach,  da  kommen 
diese  Geistesforscher  oder  Anthroposophen  und  sagen,  der 
Mensch,  den  man  doch  als  einen  einheitlichen  wahrnimmt 
und  fur  den  wir  uns  die  Anschauung  errungen  haben,  dafi 
er  ein  einheitlicher  ist,  zerfalle  in  verschiedene  Glieder  oder 
Teile,  in  einen  physischen  Leib,  einen  Atherleib  oder  Le- 
bensleib,  einen  astralischen  Leib  und  ein  Ich.  Ja,  so  ein- 
teilen  kann  man  ja  alles.  -  Aber  nicht  darum  handelt  es 
sich,  dafi  man  iiberhaupt  einteilt,  sondern  darum,  dafi  man 
nach  den  berechtigten  Anforderungen  eines  wirklich  in  die 
Dinge  eindringenden  Denkens  solche  Forschungsmethoden 
vollzieht.  Wenn  jemand  Wasser  vor  sich  hat,  dann  wird  er 
dem  Chemiker  nicht  unrecht  geben,  der  ihm  sagt:  Du  kannst, 
solange  du  dies  « Wasser»  sein  lafit,  niemals  darauf  kommen, 
welches  die  chemischen  Bestandteile  dieses  Wassers  sind; 
dazu  mufit  du  es  zerlegen  in  Wasserstoff  und  Sauerstoff. 


Solange  man  auf  elnem  solchen  konkreten  Gebiete  bleibt, 
wird  man  vielleidit  den  Einwand  nicht  horen:  Du  begehst 
eine  Todsiinde  wider  den  Monismus,  denn  das  Wasser  ist 
ein  Monon.  Du  darf st  es  nicht  zerteilen  in  Wasserstofif  und 
Sauerstoff,  sonst  wirst  du  ein  ganz  aberglaubischer  Dualist.  - 
Auf  einem  solchen  konkreten  Gebiete  wird  man  vielleicht 
einen  solchen  Einwand  nicht  horen,  weil  hier  die  Notwen- 
digkeit  zu  sehr  in  die  Augen  springt,  eine  solche  Zerteilung 
vorzunehmen.  Was  ist  denn  ein  Hauptkennzeichen  fur  die 
Berechtigung  einer  solchen  Zerteilung,  wenn  man  nicht  blofi 
das  Wasser  ins  Auge  fafit,  sondern  wenn  man  das  ganze 
hier  in  Frage  kommende  Seinsgebiet  berucksichtigt?  Das 
Wesentliche  ist,  dafi  der  Sauerstoff  nicht  blofi  im  Wasser 
sein  kann,  sondern,  wie  ihn  der  Chemiker  meint,  audi  in 
anderen  Substanzen,  mit  denen  er  sich  ganz  verbinden  kann, 
und  dafi  ebenso  der  Wasserstoff  sich  mit  anderen  Substan- 
zen verbinden  kann,  so  dafi  man  also  Wasser  zerteilen 
kann,  und  die  einzelnen  Teile  konnen  ganz  andere  Ver- 
bindungen  eingehen  und  haben  in  diesen  Yerbindungen  wie- 
der  ihre  besonderen  Schicksale. 

Wenn  es  bei  der  Geistesforschung  nur  darum  zu  tun 
ware,  in  dem  was  sich  als  Mensch  darlebt,  zu  unterscheiden, 
sagen  wir  den  Atherleib  und  den  physischen  Leib,  um  das 
andere  nicht  zu  erwahnen,  so  konnte  man  sagen:  Da  machst 
du  eben  eine  Einteilung.  -  Aber  verfolgen  Sie  einmal  die 
Geistesforschung  -  es  kann  heute  nicht  alles  angefiihrt  wer- 
den  — ,  da  geht  es  geradeso  zu  wie  zum  Beispiel  in  der 
Chemie.  Nicht  deshalb  zergliedern  wir  den  Menschen  in 
einen  physischen  Leib  und  in  einen  Atherleib,  weil  uns  das 
in  bezug  auf  diesen  Menschen  so  bequem  ist,  die  Erschei- 
nungsarten  in  dieser  Weise  auseinanderzuschalen,  sondern 
weil  wir  in  der  Tat  zu  zeigen  haben:  ebenso  wie  Wasser- 
stoff und  Sauerstoff,  wenn  sie  von  ihrem  Wasser-Sein  ge- 


trennt  werden,  in  den  verschiedenen  Substanzen  verschie- 
dene  Sdiicksale  durchmachen,  so  macht  der  physische  Leib 
im  Tode  seine  besonderen  Schicksale  durch,  wie  der  Ather- 
leib  audi,  und  audi  der  astralische  Leib  geht  andere  Ver- 
bindungen  ein.  Wie  der  Chemiker  das  Wasser  verfolgt, 
wenn  er  es  nicht  ein  Monon  sein  lafit,  sondern  es  als  die 
Dualitat  von  WasserstofF  und  SauerstofF  auFfaftt,  wie  er 
zeigt,  dafi  der  WasserstofF  ganz  andere  Wege  nehmen  kann 
als  der  SauerstofF,  so  verfolgt  der  Geistesforscher  die  Wege 
des  physischen  Leibes,  des  Atherleibes  oder  Lebensleibes, 
des  Astralleibes  und  des  Ichs  in  den  verschiedensten  Ge- 
bieten  des  Lebens.  Das  gibt  ihm  die  Berechtigung,  von  einer 
realen  Teilung  zu  sprechen.  Ein  Einwand,  dafS  er  damit 
gegen  den  Monismus  verstofien  wiirde,  ware  ganz  gleich- 
bedeutend  damit,  dafi  derjenige  gegen  den  Monismus  ver- 
stofit,  der  Wasser  in  WasserstofF  und  SauerstofF  zerlegt. 

Es  handelt  sich  also  darum,  dafS  der  Mensch  durch  die 
wirkliche  Einsicht  in  die  Tatbestande  den  Wert,  die  Berech- 
tigung der  Einwande  und  audi  die  Grenzen  der  Einwande 
versteht.  Der  wahren,  echten,  ernsten  Geisteswissenschaft 
wird  man  es  ansehen,  wenn  man  auf  sie  eingeht,  dafi  sie 
nicht  leichtherzig  iiber  die  Einwande  weggeht,  sondern  dafi 
sie  gerade  dadurch  zu  ihren  Resultaten  dieBegrifFe  zu  finden 
versucht,  dafi  sie  das  Fiir  und  Wider  wohl  erwagt.  Wenn 
nun  aber  schon  wiederholt  heute  hingewiesen  worden  ist 
auf  den  Fichteschen  Ausspruch:  Man  hat  eine  solche  Philo- 
sophic, wie  sie  sich  ergibt,  je  nachdem  man  als  Mensch 
geartet  ist  so  konnte  man  audi  das  sagen,  was  audi  schon 
vor  acht  Tagen  gesagt  worden  ist:  Da  wird  ja  gerade  alles 
zuriickgefuhrt  auf  ein  inneres  Subjektives,  da  wird  die 
Oberzeugungskraft  nicht  in  dem  gesucht,  was  aufierlich 
gegeben  wird,  sondern  in  der  Art  und  Weise,  wie  sich  der 
Mensch  zu  den  Erscheinungen  der  Welt  verhalten  konnte. 


Da  kommen  wir  dann  auf  die  Besprechung  dessen,  worauf 
im  ersten  Vortrage  hinge wiesen  worden  ist:  auf  die  Quel- 
len  der  geisteswissenschafilicheii  Erkenntnisse.  Es  wurde  ge- 
sagt,  dafi  diese  Quellen  sich  durch  eine  Entwickelung  der 
mensdilichen  Seele  ergeben.  Wie  diese  Entwickelung  vor 
sich  geht,  welche  Wege-  die  Seele  zu  durchwandern  hat,  da- 
mit  sie  wirklich  zu  Erkenntnissen  und  Anschauungen  der 
iibersinnlichen  Welt  hinaufsteigt,  dariiber  werden  wir  noch 
sprechen.  Heute  soil  nur  gesagt  werden,  dafS  die  Seele 
innere  Vorgange  durchzumachen  hat,  die  man  zum  Beispiel 
bezeichnet  als  Meditation,  als  Konzentration  des  inneren 
Lebens.  Was  wird  durch  solche  Vorgange  bewirkt? 

Wenn  derjenige,  der  wirklich  ein  Geistesforscher  werden 
will,  seine  Seele  sozusagen  zum  Apparat  fur  die  Geistes- 
forschung  machen  will,  so  mufi  er  eben  kiinstlich  einen  ahn- 
lichen  Zustand  bei  sich  herstellen,  wie  es  sonst  der  Schlaf- 
zustand  ist,  das  heifit,  er  mufi  kiinstlich  durch  scharfe  Wil- 
lenskonzentration  in  der  Lage  sein,  das  herbeizufiihren, 
was  sich  sonst  nur  durch  die  Ermudung  als  Schlafzustand 
einstellt.  Er  mufi  alle  aufSeren  Sinneseindriicke  ausschlieften 
konnen,  muiS  auch  alles  an  das  Gehirn  gebundene  Denken 
unterdriicken  konnen,  und  dennoch  mufi  er  jenen  Zustand 
vermeiden,  der  sonst  im  Schlafe  eintritt:  die  vollige  Leer- 
heit  des  Bewufitseins.  Das  vermeidet  er  dadurch,  daf$  er 
sich  ganz  bestimmten  Vorstellungen-  wir  werden  sie  spater 
noch  charakterisieren  -  hingibt,  die  geeignet  sind,  seine 
Seelenkrafte  zu  konzentrieren,  zusammenzuziehen,  so  da£ 
sie  starker  werden  als  sie  sonst  sind.  Wahrend  sie  sonst 
gleichsam  diinn  sind  und  daher,  wenn  sie  wahrend  des 
Schlafes  aus  dem  physischen  Letbe  herausgehen,  nichts  von 
sich  und  der  Welt  wissen  konnen,  ihre  innere  Wahrneh- 
mungskraft  also  zu  schwach  ist,  werden  sie  durch  solche 
Meditationen  und  Konzentrationen  in  sich  erstarkt,  ver- 


dichtet.  Der  Mensch  zieht  sich  dann  aus  dem  gewohnlichen 
Denken  nicht  so  heraus,  dafi  er  nichts  von  sich  weift,  wie 
es  beim  gewohnlidien  Schlafe  der  Fall  ist,  sondern  so,  dafi 
er  sich  bewufk  zu  halten  vermag  und  durch  die  Eigenart 
dieses  Zustandes  erfahrt:  Jetzt  horst  du  nichts  durch  die 
Ohren,  siehst  nichts  mehr  durch  die  Augen,  denkst  nicht 
mehr  durch  das  an  das  Gehirn  gebundene  Denken,  sondern 
jetzt  erlebst  du  dich  im  rein  Geistigen  und  hast  eine  Realitat 
im  rein  Geistigen. 

Gesagt  ist,  dafi  ein  gewohnlicher  und  wiederum  berech- 
tigter  Einwand  gegen  eine  solche  Behauptung  der  Geistes- 
forschung  der  ist:  Da  kann  man  durch  eine  solche  Seelen- 
entwickelung  zum  Beispiel  zu  inneren  Vorstellungswelten 
kommen,  die  man  als  einen  Ausdruck  einer  iibersinnlichen 
Welt  ansieht.  Man  kann  audi  durch  die  Art,  wie  sich  diese 
Vorstellungsarten  ergeben,  die  Meinung  haben,  sie  wiesen 
auf  etwas  Reales  hin.  Aber  man  wisse  doch-sokann  gesagt 
werden  daft  der,  welcher  Halluzinationen,  Wahn-Ideen, 
Visionen  hat,  auch  mit  aller  Kraft  an  diese  Halluzinationen 
und  so  weiter  glaubt,  und  es  sei  daher  ganz  unmoglich,  in 
Wahrheit  eine  Unterscheidung  zu  finden  zwischen  den 
Halluzinationen,  Wahn-Ideen  und  so  weiter  und  dem,  was 
sich  so  beim  Geistesforscher  einstellt.  -  Warum  sollte  man 
das,  wozu  der  Geistesforscher  auf  diese  Weise  kommt,  nicht 
auch,  zwar  als  eine  raffiniertere,  aber  doch  als  eine  blo£e 
Halluzination  ansehen?  Abgesehen  davon,  da&  man  sagen 
kann:  Was  so  im  Innern  erlebt  werde,  sei  nur  subjektiv  und 
konne  nicht  von  einem  anderen  zu  jeder  Zeit  kontrolliert 
werden,  wie  dies  zum  Beispiel  beim  physikalischen  Expe- 
riment der  Fall  ist. 

Nun  muiS  aber  darauf  hingewiesen  werden,  dafi  es  durch- 
aus  nicht  im  Charakter  aller  Wahrheiten  liegt,  dafi  sie  durch 
aufiere  Veranstaltungen  gefunden  oder  auch  nur  bekrafligt 


werden  konnen.  Man  kann  sagen,  es  konnten  fiir  jeden, 
der  nur  denken  will,  die  Vorstellungen  der  Mathematik 
im  auftersten  Sinne  dafiir  iiberzeugend  sein,  denn  sie  wer- 
den im  Innern  gewonnen.  Wir  brauchen,  urn  das  einzu- 
sehen,  nicht  auf  hohere,  sondern  nur  auf  die  gewohnliche 
Vorstellung,  dreimal  drei  ist  neun,  hinzuweisen.  Um  das 
einzusehen,  bedarf  es  nur  eines  inneren  Vorstellens  der 
Seek,  und  es  ist  nichts  weiter  als  eine  Versinnlichung,  wenn 
sich  jemand  zum  Beispiel  durch  dreimal  drei  Erbsen  ver- 
anschaulicht,  daft  dreimal  drei  neun  ist.  Es  hangt  von  der 
inneren  Seelenentwickelung  ab,  wenn  jemand  die  Erkennt- 
nis  hat,  daft  dreimal  drei  neun  ist,  und  er  braucht  sie  sich 
durch  einen  aufieren  Vorgang  nicht  erst  zu  bekraftigen.  Er 
weift,  was  er  erlebt  hat,  er  weift  es  ohne  jede  auftere  Kon- 
trolle.  Es  gibt  also  ein  inneres  Seelenarbeiten,  fiir  welches 
auftere  Kontrolle  nichts  weiter  als  Veranschaulichung  ist, 
die  sich  in  dem  Veranschaulichten  erschopft,  und  dem  man 
es  ansieht,  daft  dieses  innerlich  Durchzumachende  wahr  ist. 

In  einer  ganz  ahnlichen  Weise,  nur  auf  hoherer  Stufe, 
wird  der  Unterschied  erlebt  zwischen  Irrtum  und  Wahrheit 
der  ubersinnlichen  Welt.  Der  Geistesforscher  mufi  alle  die 
Dinge  durchmachen  wollen,  die  ihn  zur  Erkenntnis  fiihren 
konnen:  wo  horen  Halluzinationen,  Visionen  und  Illusionen 
auf,  und  wo  beginnt  die  ubersinnliche  Realitat?  Wo  das 
eine  aufhort  und  das  andere  beginnt,  das  kann  nur  auf 
eine  ahnliche  Weise  eingesehen  werden,  wie  die  mathe- 
matischen  Wahrheiten  eingesehen  werden  konnen.  Aber  es 
kann  eingesehen  werden.  Wer  ein  wirklicher  Geistesforscher 
ist  und  die  Natur,  die  wirklich  zur  Geistesforschung  hin- 
fuhrt,  kennt,  der  wird  ohnedies  nicht  die  Welt  mit  seinen 
Visionen  unterhalten,  und  wenn  Sie  jemanden  finden,  der 
die  Menschen  iiber  die  ubersinnliche  Welt  dadurch  unter- 
halt,  daft  er  von  seinen  Visionen  mitteilt,  so  konnen  Sie 


immer  voraussetzen,  dafi  er  von  einem  wahren  Geistes- 
forsdier  sehr  weit  entfernt  ist.  Denn  der  wahre  Geistes- 
forsdier  weifi,  daft  alles  imaginare,  visionare  Leben,  das 
man  in  der  aufieren  Welt  kennt,  nicbts  als  eine  Vorstellung 
des  eigenen  Seelenlebens  ist,  dafi  es  nichts  anderes  darstellt 
als  ein  Hinausprojizieren  der  eigenen  Seele  in  den  eigenen 
Raum.  Und  nicht  in  diesem  Raum,  niclit  in  dem,  was  man 
eigentlich  meint,  wenn  man  von  dem  Vorstellen  des  Geistes- 
forschers  als  ein  Nichtkenner  spricht,  liegt  das,  was  seine 
Wissenschaft  begriindet,  sondern  in  demjenigen,  was  erst 
hinter  diesem  Vermeintlichen  liegt,  nachdem  er  ganz  den 
Vorgang  durchgemacht  hat,  wie  sich  das  Seelenleben  ver- 
objektiviert  und  wie  dann  die  Wand  durchbrochen  wird, 
welche  sich  zuerst  als  eine  Widerspiegelung  unserer  inneren 
Seelenvorgange  aufrichtet. 

Gerade  das  ist  fur  den  Geistesforscher  wichtig,  dafi  er 
das  Wesen  der  Halluzinationen,  der  Visionen  und  Illusionen 
in  ihrem  Zusammenhange  mit  dem  inneren  seelischen  Leben 
erkannt  hat  und  sich  lange  genug  sagen  kann:  Was  so  er- 
scheint,  ist  nicht  als  das  objektiv  Mafigebende,  sondern  rein 
als  innere  Seelenvorgange  aufzufassen.  Und  es  gehort  nicht 
so  sehr  zu  den  Anforderungen  einer  wirklichen  geistes- 
wissenschafllichen  Schulung,  durch  gewisse  Verrichtungen, 
die  man  in  dem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten?»  nachlesen  kann,  die  Seele  dazu  zu  brin- 
gen,  dafi  sie  frei  vom  Leibe  Erlebnisse  hat,  da£  sie  aus  dem 
Leibe  heraustritt;  sondern  wichtiger  ist  es,  da£  die  Seele 
iiber  diese  Erlebnisse  aufierhalb  des  physischen  Leibes,  im 
rein  Geistigen,  ein  rkhtiges  Urteil  gewinnt. 

Von  einem  gewissen  Punkt  ab  weilS  die  Seele  durch  das, 
was  sie  erlebt,  dafi  sie  nicht  mehr  subjektive  Vorgange 
erlebt,  sondern  dafi  sie  ihre  Subjektivitat  abgestreift  hat 
und  in  ein  Objektives  hineinkommt,  das  fiir  jeden  objektiv 


ist,  wie  das  Mathematische  objektiv  ist,  trotzdem  man  seine 
Beweiskrafl  nur  im  Innern  erleben  kann.  Der  Fehler,  den 
die  Menschen  machen,  die  an  ihre  Illusionen  glauben,  be- 
steht  darin,  daft  sie  nicht  lange  genug  die  Widerstandskraft 
gegen  die  illusionare  Welt  aufrechterhalten  konnen,  daft  zu 
friih  der  Glaube  eintritt  an  das,  was  sie  erleben,  daft  sie 
sich  von  ihren  Erlebnissen  nicht  lange  genug  sagen:  Das 
erscheint  zunachst  nur  als  eine  Widerspiegelung  von  dir 
selbst,  und  erst  wenn  du  alles  Subjektive  von  dir  abge- 
streift  hast,  wie  du  es  bei  der  Mathematik  machen  muftt, 
trittst  du  in  die  Sphare  der  objektiven  Wirklichkeit  ein. 

So  entf  allt  auch  der  Einwand,  daft  man  es  bei  den  geistes- 
forscherischen  Erlebnissen  mit  etwas  Subjektivem  zu  tun 
hat.  Man  hat  es  ebensowenig  mit  etwas  Subjektivem  zu 
tun,  wie  man  es  bei  mathematischen  Wahrheiten  damit  zu 
tun  hat.  Wenn  Geisteswissenschaft  mitgeteilt  wird,  so  han- 
delt  es  sich  nicht  eigentlich  darum,  Beweise  zu  liefern. 
Wenn  es  sich  darum  handelt,  so  mufi  man  vor  allem  das 
Wesen  des  Beweises  verstehen.  Wenn  es  niemals  in  der 
Welt  vorgekommen  ware,  daft  jemand  einen  Walfisch  ge- 
sehen  hatte,  so  wiirde  niemand  beweisen  konnen,  daft  es 
einen  Walfisch  gibt.  Aus  alien  Kenntnissen,  die  er  hat, 
wiirde  er  nie  das  Dasein  eines  Walfisches  beweisen  konnen, 
denn  ein  Walfisch  ist  eine  Tatsache,  und  Tatsachen  kann 
man  nicht  beweisen,  sondern  man  kann  sie  nur  erleben. 
Damit  ist  etwas  aufierordentlich  Gewichtiges  iiber  die  Lo- 
gik  gesagt,  aber  man  mufi  sich  erst  von  diesem  Gewich- 
tigen  iiberzeugen. 

Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  handelt  es  sich  bei  den 
Mitteilungen  der  Geistesforschung  auch  nicht  darum,  daft 
man  Beweise  fur  die  ubersinnliche  Welt  oder  zum  Beispiel 
fur  die  Unsterblichkeit  der  Seele  liefert,  sondern  um  etwas 
ganz  anderes.  Davon  werden  sich  diejenigen  iiberzeugen, 


die  eine  langere  Zeit  den  wahren  Betrieb  der  Geistesfor- 
schung  mitmachen.  Nicht  urn  ein  logisches  Spintisieren  han- 
delt  es  sich,  sondern  um  ein  Kennenlernen,  um  ein  Mit- 
teilen  der  iibersinnlichen  Tatsachen.  Wenn  der  Geistesfor- 
scher  durch  die  schon  geschilderte  Entwickelung  der  Seele  in 
die  Lage  gekommen  ist,  dafi  er  das  Leben  zwischen  dem 
Tode  und  der  neuen  Geburt  iiberblickt,  so  handelt  es  sich 
darum,  da£  er  dann  die  Tatsachen,  welche  er  f  iir  das  Leben 
der  Seele  in  der  Zeit  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten 
Geburt  anzufuhren  hat,  mitteilt,  dafi  er  mitteilt,  was  er  in 
der  iibersinnlichen  Welt  erlebt.  Um  Mitteilung  von  Erleb- 
nissen,  von  Tatsachen,  die  er  in  seiner  Seele  durchwandert, 
handelt  es  sich. 

Von  dem  anderen  darf  man  sagen:  es  ergibt  sich  an  der 
Hand  dieser  Mitteilungen.  Wenn  gezeigt  wird,  wie  die 
Seele  in  sich  geschlossen  bleibt,  wenn  die  Teile  des  Leibes 
zerfallen,  wie  die  Seele  dann  gewisse  Vorgange  durch- 
macht,  wie  sie  etwas  in  einer  rein  iibersinnlichen  Welt  erlebt 
und  die  Krafte  zu  einem  neuen  Leben  sammelt,  um  in  einem 
Leibe  wieder  ins  physische  Dasein  zu  treten,  wenn  das  in 
alien  Einzelheiten  angegeben  wird,  so  wird  ja  gezeigt,  wie 
die  Seele  lebt,  wenn  sie  durch  die  Pforte  des  Todes  durch- 
geschritten  ist.  Dann  wird  hingewiesen  auf  Tatsachen.  Um 
ein  solches  Hinweisen  auf  Tatsachen,  um  eine  solche  Mit- 
teilung von  Tatsachen  handelt  es  sich,  und  nicht  um  ein 
abstraktes  Beweisen. 

Nun  konnte  man  sagen:  Dann  hatte  aber  ein  solches 
Kennenlernen  von  entsprechenden  Tatsachen  nur  fiir  den 
eine  Bedeutung,  der  in  die  geistige  Welt  hineinschauen 
kann,  der  eine  entwickelte  Seele  hat.  Oh,  es  sieht  ein  solcher 
Einwand  aufterordentlich  iiberzeugend  aus,  und  es  soli  dies 
auch  gar  nicht  in  Abrede  gestellt  werden.  Wer  aber  das 
wirkliche  Seelenleben  kennt,  der  wird  auch  zu  diesem  Ein- 


wande  ein  ganz  anderes  Verhaltnis  gewinnen,  als  manche 
glauben.  Da  mussen  wir  die  Frage  aufwerfen:  Werden  wir 
denn  in  unserer  Seele  im  normalen  Leben  iiberhaupt  da- 
durch  von  etwas  uberzeugt,  dafi  uns  jemand  abstrakte  Be- 
weise liefert?  Nehmen  wir  ein  Beispiel.  Nehmen  wir  ein 
Bild,  zum  Beispiel  die  Sixtinisdie  Madonna.  Irgend  jemand, 
der  keine  Ahnung  von  dem  hat,  was  in  einem  solchen  Bilde 
liegt,  trete  vor  dieses  Bild  hin.  Ein  anderer  stelle  sich  neben 
ihn  und  beginne,  ihm  zu  beweisen,  was  da  drinnen  liegt. 
Ja,  der,  welcher  da  zuhort,  versteht  gar  nicht,  wovon  der 
andere  redet.  Der  kann  lange  «beweisen»,  dafi  in  diesem 
Bilde  etwas  Besonderes  liegt;  der  Zuhorende  kann  an  seine 
Beweise  nicht  glauben.  Denn  daft  man  Beweise  herbeischafft, 
das  ist  noch  nicht  das  Wesentliche,  sondern  das  Wesentliche 
ist,  daft  der  Zuhorer  die  Moglichkeit  hat,  an  diese  Beweise 
zu  glauben.  -  Ein  anderer  stent  vor  diesem  Bilde;  ein  Zwei- 
ter  tritt  hinzu  und  spricht  zu  ihm,  und  der  Zuhorende  hat 
jetzt  die  Moglichkeit,  so  etwas  wahrzunehmen,  was  durch 
das  Bild  ausgedrlickt  werden  soli.  Dann  regt  durch  das,  was 
er  erkannt  hat,  der  andere  in  ihm  das  an,  wovon  er  glaubt, 
daft  es  in  dem  Bilde  liegt.  Der  redet  vielleicht  gar  nicht 
beweisend.  Er  schildert  nur,  was  in  ihm  wirkt,  schildert  nur 
das,  was  in  ihm  spricht,  und  hat  der  Zuhorende  einmal  in 
der  Seele  erfaftt,  wovon  der  andere  spricht,  und  sieht  er 
sich  dann  das  Bild  an,  dann  sieht  er  das  andere  in  dem 
Bilde,  dann  wirkt  es  so,  daft  er  weifi:  es  ist  in  dem  Bilde 
drinnen.  Nicht  auf  eine  abstrakte  Beweiskraft  kommt  es 
an,  sondern  darauf ,  daft  jemand  an  uns  heran tritt,  der  weift, 
was  in  dem  Bilde  liegt,  und  daft  wir  wirklich  das  in  uns 
aufnehmen  konnen,  was  in  dem  Bilde  liegt,  wenn  wir  eine 
Anschauung  von  dem  gewinnen  wollen,  was  in  ihm  ist. 

So  ist  es,  wenn  der  Mensch  der  Welt  und  den  mensch- 
lichen  Erscheinungen  gegeniibertritt,  und  der  Geistesfor- 


sdier  tritt  zu  ihm.  Wiirde  der  Geistesforscher  mit  abstrak- 
ten  Beweisen  kommen  wollen,  so  wiirde  der,  welcher  nicht 
in  der  Lage  ist,  in  seiner  Seele  das  nachzuerleben,  was  der 
Geistesforscher  sagt,  niemals  durch  einen  Beweis  iiberzeugt 
werden  konnen.  Der  Geistesforscher  aber  macht  es  so  wie 
jener  Erklarer  des  Bildes,  von  dem  ich  zuletzt  gesprochen 
habe.  Er  erklart,  was  sich  ihm  in  der  Seele  ergeben  hat,  die 
er  erst  zum  Instrumente  fur  die  geistigen  Wahrheiten  ge- 
macht  hat,  als  im  Hintergrunde  des  geistigen  und  mensch- 
lichen  Lebens  stehend.  Er  gibt  die  Tatsachen,  die  er  erlebt 
hat.  Und  wenn  nun  der  andere  in  der  Lage  ist,  daft  er  diese 
Begriffe  und  Tatsachen  in  sein  ganzes  Seelenleben  aufneh- 
men  kann,  so  sieht  er  jetzt  die  Welt  so,  dafi  sich  ihm  durch 
das,  was  der  Geistesforscher  zu  sagen  hat,  dieses  als  sein 
eigener  Seeleninhalt  ergibt. 

Das  kann  naturlich  nicht  immer  so  sein.  Wenn  der  Gei- 
stesforscher oder  Geisteserfahrer  dem  Zuhorer  mit  ganz 
fernen  Behauptungen  kommt,  die  fur  ihn  selbst  vielleicht 
Erf  ahrungs wahrheiten  sind,  wenn  er  ihm  -  und  selbst  wenn 
er  noch  so  viel  in  der  geistigen  Welt  erlebt  hat  -  erzahlt, 
was  dort  alles  fur  Wesenheiten  sind  und  was  sie  tun,  dann 
hat  selbstverstandlich  der  Zuhorende,  wenn  er  es  zum 
ersten  Male  hort,  nicht  die  geringste  innere  Verpflichtung, 
das  zu  glauben,  was  er  hort.  Er  wird  es  und  kann  es  nicht 
glauben.Warumkann  er  es  nicht  glauben?  Weil  der  Abstand 
zwischen  dem,  was  in  der  Seele  erlebt  wird,  und  dem,  was 
ein  soldier  geistiger  Seher  in  der  Seele  erlebt  hat,  zu  groft  ist. 

Ebenso  unberechtigt  ware  es,  wenn  jemand  glaubte,  sagen 
zu  konnen,  in  dreifiig  Jahren  werde  einmal  ein  neuer  Welt- 
heiland  oder  ein  neuer  Weltmessias  kommen,  auf  den  man 
warten  konne,  und  der  ganz  besonders  grofie  Wahrheiten 
mitteilen  werde.  Eine  solche  Behauptung  konnte  jemand 
vor  einem  anderen,  der  nicht  dazu  vorbereitet  ware,  nur 


dann  tun,  wenn  er  vor  der  menschlichen  Seele  und  vor  den 
Errungenschaften  der  menschlichen  Kultur  keinen  Respekt 
hatte.  Aber  es  gibt  einen  Weg,  um  alles  dieses  eben  anders 
zu  machen,  indem  man  an  das  ankniipft,  was  wirklich  jeder 
mit  unbefangener  Seele  in  einer  gewissen  Weise  verfolgen 
kann.  Daher  mufi  es  immer  wieder  gesagt  werden,  dafi  der 
Einwand  unberechtigt  sei:  Geistesforschung  gelte  nur  fiir 
den,  welcher  selber  durch  seine  entwickelte  Seele  in  die 
geistige  Welt  hineinkommen  kann.  Das  ist  nicht  richtig.  Die 
geistige  Welt  erforschen  kann  man  nur,  wenn  man  diese 
Seele  zu  einem  Instrumente  der  Wahrnehmung  in  der  gei- 
stigen  Welt  umbildet.  Was  man  aber  dort  erlebt,  das  ist 
man  gleichsam  verpflichtet,  in  solche  Begriffe  zu  giefien, 
welche  fiir  jeden  Menschen  nach  der  betreffenden  Zeitbil- 
dung  bei  unbefangener  Seele  verstandlich  sein  konnen, 
wenn  er  sich  nur  eben  unbefangen  ihnen  hingibt  und  nicht 
durch  irgend  etwas,  zum  Beispiel  durch  eine  vermeintliche 
oder  falsche  Gelehrsamkeit,  sich  dagegen  straubt.  Daher 
kommt  es  vielmehr  darauf  an,  wie  die  Tatsachen  des  hell- 
sichtigen  Bewufkseins  irgendeinem  Zeitalter  mitgeteilt  wer- 
den, als  dafi  solche  Tatsachen  mitgeteilt  werden. 

Man  kann  es  zum  Beispiel  erleben,  wenn  irgend  jemand 
eingestandlich  nur  ein  Buch  gelesen  hat,  dafi  er  dann  uber 
Geistesforschung  glaubt  ein  Urteil  zu  haben  und  berechtigt 
ist,  sagen  zu  diirfen:  diese  Geistesforscher  fangen  immer  an, 
das  Wort  «esoterisch»  zu  gebrauchen,  wenn  ihnen  Begriffe 
ausgehen.  Vielleicht  konnte  es  aber  auch  so  sein,  dafi  bei 
dem  Betreffenden,  der  so  etwas  sagt,  das  Wort  esoterisch 
immer  die  Folge  hatte,  dafi  er  selber  bei  seinen  Begriffen 
etwas  wie  eine  Leere  fuhlt,  so  dafi  auf  ihn  selber  das  Wort 
esoterisch  begriff  s-ausloschend  wirkt.  Also  wenn  sich  jemand 
auf  diese  Weise  dagegen  straubt  und  nicht  das  aufruft,  was 
in  seiner  Seele  ist,  um  die  Ergebnisse  der  Geistesforschung 


auf  sich  wirken  zu  Iassen,  dann  ist  es  selbstverstandlich  - 
das  haben  wir  vor  adit  Tagen  gesehen  — ,  dafi  die  aller- 
griindlidisten  Einwande  gegen  die  Geistesforschung  vorzu- 
bringen  sind.  Wenn  sich  aber  die  Seele  unbefangen  dem 
hingibt,  was  die  Geistesforsdiung  gibt,  dann  geniigt  der 
gesunde  Menschenverstand,  das  gesunde  unbef  angene  Den- 
ken,  um  mitzuerleben  —  nicht  was  der  nicht  geschulten  Seele 
erlischt,  wohl  aber  das,  was  von  ihr  verstanden  werden 
kann.  Denn  wie  verhalt  sich  denn  jede  menschliche  Seele 
zu  der  Seele  des  Geistesforschers,  der  iiber  gewisse  konkrete 
Tatsachen  der  iibersinnlichen  Welt  ein  Urteil  hat,  weil  er 
sich  in  sie  hineinbegeben  hat?  Es  verhalt  sich  eine  jede  Seele 
zu  der  Seele  des  Geistesforschers,  wie  ein  Lebenskeim  zu 
dem  vollstandig  entwickelten  Leben;  und  in  derselben 
Weise,  wie  im  Lebenskeime,  zum  Beispiel  im  Ei,  das  voll- 
standige  Lebewesen  schon  enthalten  ist,  so  ist  in  jeder  Seele 
das  vorhanden,  was  nur  jemals  der  Geistesforscher  dieser 
Seele  sagen  kann.  Wie  auch  schon  im  unentwickelten  Le- 
benskeime gezeigt  werden  kann,  wie  daraus  das  Einzelne 
hervorgeht,  so  kann  die  einzelne  Seele,  welche  die  Ergeb- 
nisse  der  Geistesforschung  mitgeteilt  erhalt,  in  sich  keim- 
hafl,  aber  mit  vollstandiger  Oberzeugungskraft,  Einsicht 
gewinnen  in  die  geistigen  Welten. 

Daher  ist  es  niemals  begriindet,  wenn  man  dem,  der  sich 
nicht  blofi  auf  seine  intellektuelle  Kraft  des  logischen  Spie- 
les,  sondern  auf  seine  ganze  Seelenkraft  verlafit,  vorwirft, 
er  miisse  ein  leichtglaubiger  Mensch  sein,  wenn  er  sich  auf 
das  einlasse,  was  der  Geistesforscher  zu  sagen  hat.  Der  Ver- 
stand  allein  wird  es  nicht  einsehen  konnen;  die  ganze  Seele 
aber  wird  es  hinnehmen  konnen.  Daher  ist  ein  wirkliches 
Prtifen  -  nicht  ein  Hinnehmen  auf  Autoritat  -  der  Geistes- 
forschung moglich,  ist  in  jeder  Zeit  moglich  gewesen  und 
wird  auch  immer  moglich  sein. 


Es  ist  wohl  zu  merken,  dafi  ich  den  heutigen  Vortrag 
nicht  genannt  habe  «Wie  beweist  man  Geistesforschung?» 
sondern  «WiebegrundetmanGeistesforschung?>>,  dasheilk: 
woher  holt  man  sie,  und  wie  kann  die  menschliche  Seele  ein 
Verhaltnis  zu  ihr  gewinnen?  Dieses  Verhaltnis  wird  fiir 
viele  Menschen  wahrhaftig  schwer  zu  finden  sein,  aus  dem 
Grunde,  weil  viele  Einwande  gegen  diese  Geistesforschung 
Gewicht  zu  haben  scheinen.  Wie  sollte  es  denn  nicht  Ge- 
wicht haben  -  und  hier  komme  ich  wieder  auf  einen  Punkt, 
wo  ich  wieder  abstrakt  und  uninteressanter  sprechen  muiS  - 
wenn  jemand  sagt:  Der  Geistesforscher  behauptet,  dafi  er 
in  seinem  iibersinnlichen  Bewufksein  die  Seele  bis  in  die 
Zeit  hinter  der  Geburt  oder  der  Empfangnis  verfolgen 
kann,  wie  sie  lebt  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten 
Geburt  und  wie  sie  sich  dann  in  das  gegenwartige  Leben 
hereinlebt.  Nun,  man  kann  ja  zeigen  -  so  konnte  jetzt  ein- 
gewendet  werden  ~,  wie  gewisse  Eigentiimlichkeiten,  welche 
die  Seele  wahrend  des  Lebens  ausbildet,  in  der  Kindheit 
vorgebildet  werden  oder  vor  der  Geburt  im  Leibe  der 
Mutter  vorgebildet  werden!  -  Vielleicht  ist  unter  den  Ein- 
wanden  gegen  die  Geistesforschung  fiir  viele  nichts  von 
solchem  Gewicht,  als  gerade  ein  soldier  Einwand.  Die,  welche 
ofler  solche  Vortrage  gehort  haben,  werden  wissen,  wie  ich 
selber  solche  Einwande  auch  mache,  so  zum  Beispiel,  dafi 
in  der  Familie  Bach  so  und  so  viele  grofiere  und  kleinere 
Musiker  gelebt  haben,  so  dafi  man  mit  einem  gewissen  Recht 
darauf  hinweisen  konnte,  wie  der  Mensch  rein  in  der  phy- 
sischen  Vererbungslinie  das  empfangt,  was  ihn  zum  Mu- 
siker macht.  So  kann  man  darauf  hinweisen,  wie  durch  Ver- 
erbung  oder  durch  Aneignung  wahrend  des  Lebens  das  an 
den  Menschen  herankommt,  was  er  spater  als  seine  beson- 
deren  Eigentumlichkeiten  und  als  seine  Individuality  zeigt. 
Oh,  es  ist  ein  soldier  Einwand,  wenn  man  sich  mit  ihm  be- 


schaftigt,  wenn  man  sich  seiner  suggestiven  Kraft  iiberlafit, 
sehr  bedeutsam,  und  jeder  Geistesforscher  wird  es  ver- 
stehen,  dafi  es  Menschen  gibt,  welche  von  einem  solchen 
Einwande  nicht  loskommen  konnen,  auf  welche  die  Ge- 
walt  der  Tatsachen,  die  man  da  anfiihren  kann,  aufier- 
ordentlich  stark  wirkt. 

Aber  es  gehort  noch  etwas  anderes  dazu,  sich  so  einer 
Beweiskraft  hinzugeben,  namlich  einzusehen,  dafi  Ursachen, 
richtige  Ursachen  vorhanden  sein  konnen,  und  dennoch 
nichts  verursachen,  dennoch  nicht  wirklich  der  Anlafi  sind, 
dafi  tatsachlich  etwas  entsteht.  Ich  sage  etwas  scheinbar 
sehr  Paradoxes,  und  fur  den,  welcher  das  Gewichtige  der 
geisteswissenschaftlichen  Tatsachen  auf  seine  Seele  wirken 
lafit,  ist  es  gar  nicht  notwendig,  sich  darauf  einzulassen. 
Aber  hier  handelt  es  sich  darum,  gegenuber  dem  Zeitalter 
darauf  einzugehen,  um  darauf  aufmerksam  zu  machen, 
was  vom  philosophischen  Gesichtspunkte  aus  zeigen  kann, 
dafi  Ursachen  da  sein  konnen  und  dennoch  nichts  verur- 
sachen. 

Warum  hat  ein  Huhn,  wenn  es  entsteht,  Federn,  einen 
Schnabel  oder  diese  oder  jene  Eigenschaft  seines  Leibes? 
Ganz  gewilS  kann  jemand  sagen:  Die  hat  es  vererbt  bekom- 
men  von  dem  Eltern-Huhn,  und  fiir  die  besondere  Aus- 
pragung  des  Schnabels  und  so  weiter  sind  die  vererbten 
Merkmale  die  Ursachen,  die  wir  bei  jenem  Huhn  finden, 
von  welchem  das  betreffende  abstammt.  Aber  nun  mufi  man 
einsehen,  dafi  noch  etwas  Besonderes  dazu  gehort,  wenn  die 
Eigenschaften  des  Federn-Habens,  des  Einen-bestimmten- 
Schnabel-Habens  und  so  weiter,  die  bei  dem  Mutter-Huhn 
da  sind,  auch  bei  dem  Tochter-Huhn  auftreten  sollen:  es 
kann  etwas  eine  ganz  richtige  Ursache  sein,  aber  es  ist  not- 
wendig, dafi  ein  bestimmter  Keim  unter  bestimmten  Din- 
gen  entsteht,  damit  die  Ursachen  «Ursachen»  werden  kon- 


nen.  Nicht  darauf  kommt  es  an,  dafi  man  von  dem  Folgen- 
den  auf  die  bestimmten  Ursachen  hinweist,  sondern  dafi 
man  zeigt,  inwiefern  die  Ursadien  audi  haben  Ursachen 
werden  konnen. 

Hier  stehen  wir  an  einem  Punkt,  wo  die  Geisteswissen- 
schaft  aus  ihren  eigenen  Tatsachen  heraus  ein  Verhaltnis 
gewinnen  kann  zum  Beispiel  zum  Darwinismus.  Niemand, 
der  nicht  ein  vorwitziger,  sondern  ein  ernster  Geistesfor- 
scher  ist,  wird  die  Tatsachen  und  ernsten  Ausfiihrungen 
Darwins  und  der  Darwinianer  bestreiten.  Er  wird  sogar 
zustimmen,  wenn  Darwin  fragt:  Warum  schmiegt  sich  das 
Katzchen  so  an,  wenn  der  Mensch  in  seine  Nahe  kommt? 
Da  weist  der  Forscher  darauf  hin,  dafi  es  sich  schon  auf 
seinem  Lager  an  die  Mutter  anschmiegt,  und  daraus  sieht 
man,  wie  das  Spatere  mit  dem  Fruheren  zusammenhangt. 
Man  kann  auf  die  Ursachen  hinweisen,  wie  ein  Mensch 
diese  oder  jene  Eigenschaft  hat,  die  er  vielleicht  durch  die 
Mutter  erhalten  hat,  bevor  er  geboren  worden  ist.  Man 
kann  darauf  hinweisen;  man  hat  aber  nichts  daruber  gesagt, 
inwiefern  die  Ursachen  nun  Ursachen  geworden  sind.  Alles, 
was  von  einer  Weltanschauung  gesagt  werden  kann,  die 
scheinbar  f  est  auf  dem  Boden  der  Naturwissenschaft  gebaut 
ist,  was  erklart  werden  kann  durch  vererbte  Merkmale  und 
so  weiter,  das  wird  ja  von  der  Geistesforschung  ohne  wei- 
teres  zugegeben,  und  wer  von  dorther  Emwande  holt,  lebt 
gewohnlich  unter  der  Voraussetzung,  da£  sie  nicht  zuge- 
geben werden,  Sie  werden  zugegeben,  aber  der  andere  geht 
nicht  darauf  ein,  dafi  Ursachen  erst  Ursachen  werden  mus- 
sen,  so  dafi  es  sich  also  um  etwas  viel  Tieferes  handelt,  als 
er  im  Auge  hat.  Das  ist  uberhaupt  heute  der  Fall,  dafi  man 
dasjenige,  was  Geistesforschung  aus  der  Tiefe  des  Seins  her- 
auszuschopf  en  sich  bemuht,  immer  nur  nach  der  Oberflache 
beurteilt,  die  man  gerade  selbst  zu  iiberschauen  vermag. 


Wenn  das  nidit  immet  gesdiahe,  dann  konnte  zum  Beispiel 
ein  Feuilleton  nidit  zustande  kommen  wie  jenes,  weldies 
am  letzten  Sonntage  im  «Berliner  Tageblatt»  erschienen  ist, 
das  eingestandlich  nur  auf  einem  einzelnen  Buche  fufit.  Ich 
mochte  nur  einmal  f ragen,  was  man  einem  Menschen  sagen 
wird,  der  sich  ein  abschliefiendes  Urteil  zum  Beispiel  iiber 
Chemie  nur  aus  einem  einzigen  Buche  gemacht  hat?  Aber 
so  machen  es  unsere  Zeitgenossen.  Man  darf  sagen,  die 
Geistesforschung  hat  nodi  gewichtige  Griinde,  in  der  Ge» 
genwart  sich  erhartet  zu  f  iihlen. 

Fiir  die,  welche  diese  Vortrage  langere  Zeit  angehort 
haben,  darf  ich  wohl  sagen,  dafi  hier  vieles  aus  der  philo- 
sophischen  Entwickelung  angefiihrt  worden  ist.  Wer  das 
kennt,  wird  vielleicht  zu  dem  Urteil  kommen:  es  haben 
viele  Philosophen  Beweise  geliefert  fiir  die  Unsterblichkeit 
der  menschlichen  Seele.  Ich  selbst  mufi  gestehen,  ich  habe 
mich  gegeniiber  dem,  was  von  philosophischer  Seite  an  Be- 
weisen  fiir  die  Unsterblichkeit  der  Seele  oder  fiir  eine  iiber- 
sinnliche  Welt  herbeigebracht  wurde,  nie  recht  behaglich 
gefiihlt,  denn  was  die  Philosophen  meist  im  Auge  haben, 
sind  nur  die  Begriffe  der  Dinge.  So  haben  die  Philosophen 
selbst  vom  menschlichen  Ich  nur  den  Begriff  des  Ichs.  Dafi 
man  aber  aus  dem  Begriffe  des  Ichs  nichts  Reales  folgern 
kann,  das  sollte  jedem  ebenso  klar  sein,  wie  es  klar  ist,  dafi 
ein  blofi  gemalter  Maler  kein  Bild  malen  kann.  Ebenso 
sollte  man  sich  dariiber  klar  sein,  dafi  das  Bild  des  Ichs 
nichts  fiir  das  Ich  selbst  sagt.  Wer  sich  auf  die  Geisteswissen- 
schaft  einlafit,  der  wird  sehen,  dafi  die  Cberzeugung  von 
der  Realitat  des  Ichs  durch  etwas  ganz  anderes  gewonnen 
wird,  namlich  durch  die  ganze  Art  des  Fortlebens  des  Ichs 
nach  dem  Tode. 

Also  an  dem,  was  gutglaubige  Philosophen  nach  dieser 
Richtung  hin  vorbringen,  kann  einem  nicht  behaglich  wer- 


den.  Aber  aus  dem,  was  diejenigen  vorbringen,  welche  als 
Gegner  oft  so  recht  gegen  die  Dinge  wettern,  gewinnt  der, 
weldier  die  Dinge  tiefer  durchschaut,  einen  recht  guten  Be- 
weis  fiir  die  Natur  des  Ichs.  Denn  es  gibt  ja  Philosophen, 
welche  sagen,  sie  konnten  das  Ich  iiberhaupt  nur  als  eine 
Zusammenf  assung  aller  moglichen  physiologischen  usw.  Ta- 
tigkeiten  erfassen.  Da  sieht  man  dann,  dafi  diese  Forscher 
alles  Mogliche  anfiihren,  nur  kann  sich  das,  was  sie  an- 
fiihren,  nicht  auf  ein  Ich  beziehen.  Sie  sind  da  in  dem- 
selben  Sinne,  nur  umgekehrt,  wie  jene  Richtung,  welche  die 
Lebenserscheinungen  durch  die  Lebenskraft  erklaren  will. 
Denn  wie  die  Lebenskraft  das  fiinfte  Rad  am  Wagen  ist,  so 
wird  durch  die  Erklarungen,  die  fiir  das  Seelenleben  bei- 
gebracht  werden,  nicht  nur  nichts  erklart,  sondern  sie  sind 
sogar  ganz  iiberflussig,  wenn  es  sich  um  das  wahre  Erfor- 
schen  des  Seelischen  handelt.  Man  sieht  dann,  daft  solche 
Erklarer  das  Seelische  wirklich  ungeschoren  lassen  und  gar 
nicht  dort  herankommen,  so  daft  also  das  Seelische  fiir  sich 
bleibt  und  sich  als  etwas  erweist,  woran  die  aufieren  Er- 
klarungen nicht  herankommen  konnen.  Erst  wenn  im  Zeit- 
bewuBtsein  das  Gefuhl  entstehen  wird,  dafi  man  Geistes- 
forschung  nicht  nach  der  Oberflache,  sondern  nur  durch  ein 
vertieftes  Hineingehen  in  sie  beurteilen  kann,  erst  dann 
wird  nicht  irgendein  Urteil  maftgebend  sein  konnen,  das 
von  aufien  iiber  die  Geistesforschung  kommt. 

Wie  es  mit  den  wissenschaftlichen  Einwanden  ist,  so  auch 
mit  den  Einwanden,  die  im  ersten  Vortrage  in  moralischer 
oder  religioser  Hinsicht  gegen  die  Geistesforschung  vorge- 
bracht  worden  sind.  Wenn  zum  Beispiel  gesagt  wird,  es  sei 
unendlich  viel  wertvoller,  wenn  jemand  aus  reiner  Selbst- 
losigkeit,  selbst  mit  der  Aussicht,  im  Tode  vernichtet  zu 
werden,  das  Gute  tue,  nur  aus  der  Einsicht  und  dem  Willen, 
da£  es  in  die  Allgemeinheit  ubergehe  -  als  wenn  er  es  tue 


im  Hinblick  auf  einen  Ausgleich  in  folgenden  Erdenleben, 
so  ist  ein  solches  Urteil  durchaus  wahr  und  soli  nicht  be- 
stritten  werden.  Wahr  ist  es,  wenn  gesagt  wird,  dafi  jemand 
nur  aus  Egoismus  heraus  etwas  Gutes  tue,  wenn  er  glaube, 
dafi  es  ihm  dann  durch  das  Karma  in  einer  Art  Vergeltung 
wieder  als  ein  Gutes  im  neuen  Erdenleben  zukomme,  oder 
wenn  er  das  Bose  deshalb  unterlafit,  weil  es  sidi  als  eine  Art 
Strafe  im  neuen  Leben  wieder  zeigen  konnte.  Es  ist  gewifi, 
dafi  man  eine  solcbe  Behauptung  als  den  Egoismus  begriin- 
dend  einsehen  kann  und  daher  mit  vollem  Rechte  sagen 
darf :  Also  werde  ja  gerade  durch  das,  was  die  Geistesfor- 
schung  iiber  den  Menschen  zu  sagen  habe,  der  Egoismus 
unter  den  Menschen  gefordert. 

Schopenhauer  hat  einmal  mit  Recht  gesagt  -  Sie  wissen, 
dafi  ich  durchaus  nicht  iiberall  mit  ihm  iibereinstimme  — : 
«Moral  predigen  ist  leicht,  Moral  begriinden  schwer.»  Was 
heilk  Moral  begriinden?  Es  heilk,  eine  Seelenverfassung 
herbeif  iihren,  durch  welche  der  Mensch  zu  einem  moralischen 
Handeln  kommen  kann.  Wer  das  Volkerleben  kennt,  der 
weifi,  dafi  Moral  predigen  nicht  nur  leicht  ist,  sondern  mei- 
stens  sehr  nutzlos  ist;  denn  man  kann  sehr  wohl  recht  gute 
Moralgrundsatze  kennen  -  und  recht  schlecht  handeln. 
Wenn  es  sich  blofi  um  das  Anhoren  von  Moralpredigten 
handelte,  so  wiirde  es  ganz  gewifi  viel  mehr  moralische 
Menschen  geben,  als  es  der  Fall  ist. 

Es  konnte  jemand  zum  Beispiel  sagen:  Man  nehme  ein 
Elternpaar  an,  das  seinen  Kindern  gegeniiber  alles  anstre- 
ben  wiirde,  damit  diese  ordentHche  und  tuchtige  Menschen 
werden.  Denn,  so  sagen  die  Eltern,  wenn  wir  sie  zu  ordent- 
lichen,  tiichtigen  Leuten  machen,  so  werden  sie  uns  im 
Alter  eine  Stiitze  sein  konnen,  und  wir  werden  alles  Mog- 
liche  von  ihnen  haben  konnen.  Wenn  die  Eltern  ihre  Kinder 
unter  diesem  Gesichtspunkte  erziehen,  so  ist  es  zweifellos 


ein  hochst  egoistisclier  Gesichtspunkt.  Aber  nehmen  wir 
nun  an,  die  Kinder  werden  ordentlidi,  so  dafi  sie  tuchtige 
Leute  sind,  wenn  sie  herangewachsen  sind.  Dann  haben  die 
Eltern  zwar  etwas  Egoistisches  getan,  aber  sie  haben  Moral 
nicht  selbst  gepredigt,  wohl  aber  Moral  begrundet,  und  es 
konnte  sich  herausstellen,  dafi  sie,  wenn  sie  die  Kinder  zu 
tiichtigen  Leuten  machen,  und  diese  dann  spater  etwas  ganz 
anderes  zeigen,  als  sie  sich  vorgestellt  haben,  noch  zu  einer 
ganz  anderen  ethischen  Auffassung  kommen.  Da  ware  auch 
fur  die  Eltern  Moral  begrundet,  nicht  gepredigt. 

Nehmen  wir  an,  ein  Mensch  hatte  nicht  die  Gelegenheit, 
fur  sein  nachstes  Erdenleben  den  Ausgleich  fur  schlechte 
Handlungen  zu  berechnen.  Aber  indem  er  nun  unter  dem 
Einflusse  einer  solchen  Anschauung  von  dem  Karma  Hand- 
lungen begeht,  wird  sich  ihm  allmahlich  eine  moralische 
Weltanschauung  herausbilden.  Sie  wird  aus  der  mensch- 
lichen  Natur  heraus  begrundet  werden.  Wer  noch  auf  einer 
niederen  moralischen  Stufe  steht,  wird  ja  gewift  aus  einer 
egoistischeren  Auffassung  des  Karma  heraus  handeln.  Wer 
aber  auf  den  hoheren  Standpunkt  gekommen  ist  und  daher 
auch  eine  hohere  Auffassung  von  dem  Karma  hat,  wird  in 
sich  eine  selbstlose  Moralforderung  erfullen. 

So  handelt  es  sich  darum,  dafi  man  nicht  abstrakt  auf 
etwas  hinweise,  indem  man  eine  Karmaidee  egoistisch 
nennt,  sondern  daiS  man  zeigt,  wie  sie  den  Menschen  zu 
einer  hoheren  Entwicklung  hinauffuhrt.  Das  konnte  noch 
weiter  ausgefuhrt  und  gezeigt  werden,  wie  die  Geistesfor- 
schung  auf  das  Reale,  auf  das  Wirkliche  der  Menschennatur 
geht.  Wenn  jemand  den  anderen  Einwand  erheben  wiirde, 
dafi  viele  sich  sagen  konnten:  Ich  habe  spatere  Erdenleben 
vor  mir,  da  brauche  ich  erst  in  den  spateren  Leben  ein 
ordentlicher  Mensch  zu  werden;  jetzt  habe  ich  noch  Zeit, 
jetzt  kann  ich  noch  ein  unordentlicher  Mensch  sein  -,  so 


ware  das  ein  Einwand,  der  audi  theoretisch  zu  widerlegen 
ist.  Um  sich  aber  riditig  zu  ihm  zu  stellen,  dazu  gehort,  dafi 
man  die  praktischen  Verhaltnisse  kennt.  Man  mufi  wissen, 
daft  jemand,  welcher  der  Ansicht  ware,  er  brauchte  in  seinem 
jetzigen  Leben  nodi  kein  ordentlicher  Mensdi  zu  sein,  er 
wolle  dies  erst  im  nachsten  Leben  werden,  durdi  einen  sol- 
dien  Vorsatz  in  sein  nachstes  Leben  hineingewirkt  hat. 
Wenn  er  nicht  jetzt  beschliefit,  ein  ordentlicher  Mensch  zu 
werden,  so  hat  er  eben  audi  fur  das  nachste  Leben  nicht  die 
notigen  Grundlagen  dazu.  Er  benimmt  sich  also  jetzt  schon 
die  Fahigkeit,  um  spater  ein  ordentlicher  Mensch  zu  sein; 
er  schafft  sich  selbst  die  Krafte  dafiir  hinweg.  So  konnte 
wieder  Stuck  fiir  Stuck  iiber  die  berechtigten  moralischen 
Einwande  gesprochen  werden. 

Audi  der  religiose  Einwand  ist  berucksichtigt.  Es  wird 
gesagt:  Da  mufi  die  Geistesforschung  erklaren,  dafi  in  jeder 
Seele  ein  Funke  des  Gottlichen  ist  und  dafi  der  Mensch 
diesen  Gottesfunken  von  Leben  zu  Leben  immer  mehr  und 
mehr  entwickelt.  Es  wird  also  der  Funke  des  Gottlichen  in 
die  menschliche  Brust  verlegt. 

Wie  man  sich  zu  dieser  Sache  verhalt,  wenn  man  sie  in 
das  richtige  Licht  zu  bringen  weift,  das  versuchte  ich  zu 
zeigen  in  der  ersten  Szene  meines  Mysterien-Dramas  «Die 
Priifung  der  Seele».  Gewifi,  man  kann  sagen,  es  gehe  durch 
eine  solche  Anschauung  das  verloren,  was  geradedas  religiose 
Prinzip  genannt  werden  kann,  das  Abhangigkeitsgefuhl 
von  dem  Gottlichen,  aufierhalb  dessen  der  Mensch  steht, 
das  kindliche  Hinaufblicken  zu  diesem  aufier  ihm  befind- 
lichen  Gottlichen.  Aber  man  nehme  nun  das,  was  von  dem 
anderen  Standpunkte  aus  zu  sagen  ist,  dafi  der  Mensch 
vollig  einsehe,  dafi  das  Gottliche  einen  Funken  in  ihn  gelegt 
hat,  den  er  erleben  mufi  und  zur  Entfaltung  bringen  mufi; 
dafi  er  tatsachlich  einzusehen  vermag:  Du  tragst  in  dir  einen 


gottlichen  Funken,  und  lafk  du  ihn  unentwickelt,  so  lalk 
du  ihn  verkummern!  Dieses  Beisammensein  mit  dem  Gott- 
lichen, und  doch  wieder  die  Notwendigkeit,  diesen  Funken 
erst  entwickeln  zu  miissen,  das  ist  ein  Antrieb  von  einer 
unendlich  viel  grofieren  Starke,  als  jeder  andere  religiose 
Antrieb. 

Wer  sich  auf  die  Geisteswissenschaft  einlafk,  wird  schon 
sehen,  dafi  es  sich  nirgends  um  eine  Gegnerschaft  zu  irgend- 
einem  religiosen  Bekenntnisse  handelt.  Man  glaubt,  weil 
sich  religiose  Bekenntnisse  so  gerne  gegen  anthroposophische 
Geisteswissenschaft  wenden,  dafi  sich  nun  die  Geisteswissen- 
schaft auch  gegen  religiose  Bekenntnisse  wenden  werde. 
Aber  wie  mit  den  vorhin  charakterisierten  wissenschaft- 
lichen  Einwanden  ist  es  gerade  auch  mit  diesem  religiosen 
Einwande:  keinem  religiosen  Bekenntnisse  kommt  Geistes- 
wissenschaft in  die  Wege,  denn  sie  hat  es  mit  dem  Verhalt- 
nisse  der  Menschenseele  zu  den  iibersinnlichen  Welten  zu 
tun,  wahrend  es  die  Religion  zu  tun  hat  mit  dem  Verhalt- 
nis  zu  der  einzelnen  Seele. 

Wer  wirklich  zu  sehen  vermag,  der  wird  sehen,  wie  es 
fiir  den  Menschen  durchaus  moglich  ist,  Geistesforschung 
zu  treiben,  trotzdem  er  voll  in  einem  fiir  ihn  naturgemafien 
religiosen  Bekenntnisse  drinnen  stehen  bleibt.  Die  wahre 
Begrundung  von  Geistesforschung  aber,  wenn  sie  von  der 
Welt  aufgenommen  wird,  wird  dem  Menschen  das  geben 
konnen,  was  man  nennen  kann  eine  vertieftere  Auffassung 
des  seelischen  Lebens,  sowohl  des  einzelnen  seelischen  Le- 
bens  wie  des  Zusammenlebens  der  Seelen.  Wer  sich  nur  ein 
wenig  davon  iiberzeugen  kann,  daft  alles  aultere  mensch- 
liche  Zusammenleben  nur  ein  aufieresBilddessen  seinkann, 
wie  die  Seelen  zueinander  stehen,  der  wird  das  Unermefi- 
liche  einsehen,  was  sich  fiir  die  Seele  ergibt,  wenn  sie  zu  der 
Erkenntnis  kommt,  wie  die  einzelne  Seele  zu  der  anderen 


steht,  wie  die  einzelne  Seele  zur  anderen  stehen  kann,  wenn 
sie  richtig  erfafit  hat,  wie  die  Schicksale  der  einzelnen  Seele 
gegenuber  der  anderen  Seele  sind  im  Leben  zwischen  dem 
Tode  und  der  nachsten  Geburt,  welches  die  Schicksale  fur 
die  einzelne  Seele  sind,  was  es  heifit,  von  einer  anderen  Seele 
abgetrennt  zu  sein,  was  es  heifit,  ein  neues  Verhaltnis  zu 
gewinnen  zu  der  abgeschiedenen  Seele,  wenn  die  Seele,  die 
hier  geblieben  ist,  etwas  von  der  ubersinnlichen  Welt  wissen 
kann.  Ober  alles  menschliche  Wissen  und  iiber  alle  sonstigen 
Verhaltnisse  des  Menschenlebens  wird  neues  Licht  ausge- 
gossen,  wenn  sich  das  in  die  Seelen  zu  senken  vermag,  was 
aus  den  Tiefen  der  ubersinnlichen  Welt  fiir  jede  einzelne 
Seele  hervorgeholt  werden  kann.  Ein  Hineinleben,  nicht 
blofi  ein  Hineindenken,  gehort  zu  dem  Erkennen,  zu  dem 
Erschauen,  zu  dem  Verstehen  der  geistigen  Wahrheiten. 

Das  hat  man  nicht  erst  durch  die  Geistesforschung  der 
neueren  Zeit  erkannt,  sondern  das  hat  man  im  Grunde  ge- 
nommen  immer  schon  iiberall  da  erkannt,  wo  man  aus  einer 
wirklichen  Erkenntnis  der  geistigen  Welt  heraus  gesprochen 
hat.  Nicht  von  mir  selbst  aus  mochte  ich  sagen,  was  ich  zu 
sagen  hatte  fiir  die  Stellung  der  Geistesforschung  gegenuber 
denen,  welche  sie,  ohne  sie  wirklich  zu  kennen,  ablehnen, 
wohl  aber  von  Johann  Gottlieb  Fichte  aus  mochte  ich  es 
sagen.  Wenn  manches  Schwerwiegende,  vielleicht  auch  fiir 
manchen  Verletzende  in  diesem  Ausspruche  ist,  so  beriick- 
sichtige  man,  dafi  er  von  einem  Manne  herkommt,  der, 
voller  Enthusiasmus  fiir  Geistesforschung,  seinen  Zorn  ver- 
kiinden  wollte  alien  denjenigen,  welche,  ohne  wirklich  einen 
Einblick  in  die  geistige  Forschung  gewinnen  zu  wollen,  sie 
ablehnen  und  sie  bekampfen  zu  miissen  glauben.  Diesen 
ruft  Fichte  zu: 

«Sie  konnen  nicht  anders,  als  jene  sie  beschamende  Uber- 
zeugung  von  einem  Hoheren  im  Menschen  und  alle  Er- 


scheinungen,  die  diese  Oberzeugung  bestatigen  wollen,  wii- 
tend  anzufeinden;  sie  mussen  alles  Mogliche  tun,  um  diese 
Erscheinungen  von  sich  abzuhalten  und  sie  zu  unterdriik- 
ken;  sie  kampfen  fiir  ihr  Leben,  fur  die  feinste  und  innigste 
Wurzel  ihres  Lebens,  fiir  die  Moglichkeit,  sich  selber  zu  er- 
tragen.  Aller  Fanatismus  und  alle  wutende  Aufierung  des- 
selben  ist,  vom  Anfange  der  Welt  an  bis  auf  diesen  Tag, 
ausgegangen  von  dem  Prinzip:  wenn  die  Gegner  recht 
hatten,  so  ware  ich  ja  ein  armseliger  Mensch.  -  Vermag 
dieser  Fanatismus  zu  Feuer  und  Schwert  zu  gelangen,  so 
greift  er  den  verhafken  Feind  an  mit  Feuer  und  Schwert; 
sind  diese  ihm  unzuganglich,  so  bleibt  ihm»  (dieses  letztere 
mufi  man  ja  fiir  unsere  Gegenwart  doch  auch  sagen)  «die 
Zunge,  welche,  wenn  sie  auch  den  Feind  nicht  totet,  doch 
sehr  oft  seine  Tatigkeit  und  Wirksamkeit  nach  aufien  kraftig 
zu  lahmen  vermag.  Eines  der  gebrauchlichsten  und  belieb- 
testen  Kunststiicke  mit  dieser  Zunge  ist  dieses,  dafi  sie  der 
nur  ihnen  verhaftten  Sache  einen  allgemein  verhafiten  Na- 
men  beilegen,  um  dadurch  sie  zu  verschreien  und  verdach- 
tig  zu  machen.  Der  stehende  Schatz  dieser  KunstgrifTe  und 
dieser  Benennungen  ist  unerschopflich  und  wird  immerfort 
bereichert,  und  es  wiirde  vergeblich  sein,  hierbei  einige  Voll- 
standigkeit  anzustreben.  Nur  einer  der  gewohnlichsten  ver- 
haftten  Benennungen  will  ich  hier  gedenken:  der,  dafi  man 
sagt,  diese  Lehre  sei  Mystizismus. 

Bemerken  Sie  hierbei,  zuvorderst  in  Absicht  der  Form 
jener  Beschuldigung,  dafi,  falls  etwa  ein  Unbefangener  dar- 
auf  antworten  wiirde:  Nun  wohl,  lafit  uns  annehmen,  es 
sei  Mystizismus  und  der  Mystizismus  sei  eine  irrige  und 
gefahrliche  Lehre,  so  mag  er  darum  doch  immer  seine  Sache 
vortragen,  und  wir  wollen  ihn  anhdren;  ist  er  irrig  und 
gefahrlich,  so  wird  das  bei  der  Gelegenheit  wohl  an  den 
Tag  kommen,  -  jene,  der  kategorischen  Entscheidung  ge- 


mafi,  mit  welcher  sie  dadurch  uns  abgewiesen  zu  haben 
glauben,  darauf  antworten  mufiten:  da  ist  nichts  mehr  an- 
zuhoren;  schon  vorlangst,  wohl  seit  anderthalb  Menschen- 
leben,  ist  der  Mystizismus  durch  die  einmiitigen  Beschliisse 
aller  unserer  Rezensionskonzilien  als  Ketzerei  dekretiert 
und  mit  dem  Banne  belegt.» 

So  Johann  Gottlieb  Fichte.  Fichte  spricht  sich  so  aus,  dafi 
es  einigermafien  audi  heute  noch  gelten  kann  uber  das  Ver- 
haltnis  der  Geistesforschung,  sagen  wir  zu  denen,  die  nur 
ihren  Sinnen  vertrauen  wollen  und  die  Welt  nach  dem  ein- 
gerichtet  haben  wollen,  was  ihnen  ihre  Sinne  sagen.  Fichte 
vergleicht  solche  Menschen  -  obwohl  dieser  Vergleich  viel- 
leicht  nicht  ganz  berechtigt  ist  die  nur  ihren  Sinnen 
vertrauen  wollen  und  nicht  zugeben  wollen,  da£  es  eine 
nahere  Erkenntnis  der  Wahrheit  gibt,  mit  Taubstummen 
und  BHndgeborenen,  die  auch  nicht  Tone  und  Farben  zu- 
geben wollten,  wenn  ihnen  durch  die  Sehenden  davon  ge- 
sprochen  wird.  Nun  kann  man  Blindgeborene  und  Taube 
allerdings  nicht  mit  denen  vergleichen,  die  nicht  aufnehmen 
wollen,  was  durch  die  hellseherische  Forschung  gegeben 
werden  kann,  weil  jede  Seele  fahig  ist,  sich  in  ein  Ver- 
haltnis  zu  den  ubersinnlichen  Wahrheiten  zu  bringen.  Aber 
Fichte  sagt: 

«Daf$  man  sich  auch  der  Taubstummen  und  der  BHnd- 
geborenen annimmt  und  einen  Weg  sich  ausgesonnen  hat, 
um  an  sie  Unterricht  zu  bringen,  ist  alles  Dankes  wert  - 
von  den  Taubstummen  namlich  und  den  BHndgeborenen. 
Wenn  man  aber  diese  Weise  des  Unterrichts  zum  allge- 
meinen  Unterrichte,  auch  fiir  die  Gesundgeborenen,  machen 
wollte,  weil  neben  ihnen  doch  immer  auch  Taubstumme 
und  Blindgeborene  vorhanden  sein  konnten,  und  man  dann 
sicher  ware,  fiir  alle  gesorgt  zu  haben;  wenn  der  Horende 
ohne  alle  Achtung  fiir  sein  Gehor  ebenso  miihsam  reden 


und  die  Worte  auf  den  Lippen  erkennen  lernen  sollte,  als 
der  Taubstumme,  und  der  Sehende  ohne  alle  Achtung  fiir 
sein  Sehen  die  Buchstaben  durch  Betastung  lesen,  so  wiirde 
dies  gar  wenig  Dank  verdienen  von  den  Gesunden;  ohn- 
erachtet  diese  Einrichtung  freilich  sogleich  getroffen  werden 
wiirde,  sobald  die  Einrichtung  des  offentlichen  Unterrichts 
von  dem  Gutachten  der  Taubstummen  und  Blindgeborenen 
abhangig  gemacht  wiirde. » 

Vielleicht  wiirde  man  sagen  konnen,  wenn  man  schon 
gegen  diesen  Fichteschen  Satz  einenEinwand  machen  wollte, 
dafS  es  nicht  einmal  so  bei  den  Blindgeborenen  und  Taub- 
stummen zugehen  wiirde.  Wenn  es  aber  auf  diejenigen  an- 
kame,  die  nur  auf  die  Sinne  und  auf  den  Verstand  ver- 
trauen,  um  darauf  zu  kommen,  wie  die  Welt  gestaltet  sein 
sollte,  so  wiirden  sie  diese  nicht  so  gestalten,  wie  die  Sehen- 
den  sie  erblicken.  Sie  wiirden  zwar  wettern  und  sich  auf- 
lehnen  gegen  alle  spirituelle  Interpretation  der  Welt  von 
seiten  anderer,  wiirden  aber  sich  selbst  fiir  unfehlbar  er- 
klaren  in  bezug  auf  das,  was  sie  iiber  die  Welt  zu  sagen 
wissen.  Hohnlachend  wiirden  sie  sich  verhalten,  wenn  ver- 
langt  wiirde,  daft  nur  der  iiber  eine  solche  Sache  sprechen 
sollte,  der  von  ihr  weifi,  und  dafi  diejenigen  nichts  dariiber 
sagen  sollten,  die  nichts  von  ihr  wissen.  Der  Hauptgrund 
aller  Leugner  der  Geistesforschung  ist  ja  nur  der,  dafi  sie 
nichts  von  ihr  wissen.  Logisch  ware  die  erste  Forderung, 
dafi  nur  derjenige  iiber  eine  Sache  sprechen  soil,  der  etwas 
von  ihr  weiE.  Aber  solche  Griinde,  dafi  man  etwas  ableug- 
net,  von  dem  man  nichts  weifi,  werden  nur  zur  Ablehnung 
einer  geisteswissenschaftlichen  Weltanschauung  in  unserer 
Zeit  gebraucht. 

Wer  aber  in  seiner  Seele  durchleben  kann,  was  in  dem 
ersten  Vortrage  gesagt  worden  ist,  wer  nicht  zu  warten 
braucht  auf  die  Einwande,  die  er  in  sich  selber  erleben  kann 


und  in  seinem  Geistesleben  zu  durchschauen  vermag,  der 
wird  auch  immer  einen  Weg  finden  zur  Begriindung  der 
Geistesforschung,  so  daft  fur  ihn  ein  Wahrwort  wird,  was 
idi  audi  in  der  ersten  Szene  der  «Priifung  der  Seele»  aus- 
gesprochen  habe,  und  das  in  der  ganzen  Verfassung  des  Be- 
wufkseins  zusammenfassen  kann,  was  uns  das  Wissen  von 
den  iibersinnlichen  Welten  geben  kann,  geben  kann  fur 
unsere  Lebenshoffnung,  fur  unsere  Kraft  im  Leben,  fur 
unsere  Sicherheit  im  Leben,  fiir  alles,  was  wir  zu  einem 
menschenwerten  Dasein  gebrauchen.  Alles,  was  gesagt  wer- 
den  kann,  was  man  sagen  kann  als  in  der  Seele  sich  er- 
hebend,  in  der  Seele  sich  erlebend  und  erfiihlend,  das  kann 
eben  zusammengefafit  werden  in  die  Worte:  Nicht  bist  du 
mit  deinem  Denken,  Fiihlen  und  Wollen  allein.  Wie  du  mit 
deinem  Leib  in  den  StorTen  lebst,  die  im  ganzen  Weltall 
verbreitet  sind,  so  lebst  du  mit  deinem  Denken,  Fiihlen 
und  Wollen  in  etwas,  was  in  dem  ganzen  Kosmos,  in  den 
Raumesweiten  ausgebreitet  ist.  Das  heifit,  es  kann  der  Aus- 
spruch,  den  ich  an  der  bezeichneten  Stelle  meines  Mysterien- 
Dramas  gesagt  habe,  Oberzeugung  werden: 

«In  deinem  Denken  leben  Weltgedanken, 
In  deinem  Fiihlen  weben  Weltenkrafte, 
In  deinem  Willen  wirken  Weltenwesen. 
Verliere  dich  in  Weltgedanken, 
Erlebe  dich  durch  Weltenkrafte, 
Erschaffe  dich  aus  Willenswesen. 
Bei  Weltenfernen  ende  nicht 

Durch  Denkenstraumesspiel  ; 

Beginne  in  den  Geistesweiten, 

Und  ende  in  den  eignen  Seelentief en :  - 

Du  findest  Gotterziele, 

Erkennend  dich  in  dir.» 


DIE  AUFGABEN  DER  GEI STE SF ORSCHUNG 
FOR  GEGENWART  UND  ZUKUNFT 


Berlin,  14.  November  1912 


Geisteswissenschaft,  wie  sie  hier  in  diesen  Vortragen  ge- 
meint  ist,  will  nicht  etwas  sein,  was  aus  der  Willkiir  dieses 
oder  jenes  Menschen  entspringt,  was  etwa  auf  einem  sub  jek- 
tiven  Einfall  eines  einzelnen  oder  mehrerer  beruht,  sondern 
sie  will  eine  geistige  Weltauff  assung  sein,  die  sich  mit  einer 
gewissen  Notwendigkeit  in  die  Bediirfnisse  und  in  die  For- 
derungen  unserer  Zeit  hineinstellt,  insofern  sich  diese  Zeit 
als  ein  erkennbares  Produkt  der  Entwickelungsgesdiichte  der 
Menschheit  ergibt.  Nur  dann,  wenn  eine  Weltanschauung 
gewissermafien  von  ihrer  Zeit  gefordert  wird,  kann  sie  mit 
einer  gewissen  Berechtigung  jene  vertrauensvollen  Worte 
fur  sich  in  Anspruch  nehmen,  welche  in  dem  ersten  Vor- 
trage  dieses  Winters  ausgesprochen  worden  sind.  Nur  unter 
soldier  Voraussetzung  kann  sie  sagen:  Wie  audi  von  dieser 
oder  jener  Seite  her  die  Gegnerschaft  gegen  sie  sich  geltend 
machen  moge:  enthalt  sie  irgend  etwas  von  Wahrheit,  so 
darf  sie  darauf  bauen,  dafi  die  Wahrheit  immer,  und  wenn 
man  sie  noch  so  sehr  verschiittet,  die  Ritzen  und  Spalten 
finden  werde,  durch  die  sie  im  Geistesleben  der  Menschheit 
Verbreitung  gewinnt. 

Wir  werden  nun,  nicht  mit  allgemeinen  Redensarten, 
sondern  mehr  mit  konkreten  Tatsachen,  darauf  hinzuweisen 
versuchen,  wie  im  Laufe  der  letzten  Jahrhunderte  und 
namentlich  in  der  allerletzten  Zeit  bis  zur  Gegenwart  her- 
auf  die  suchende  Menschenseele  sich  immer  mehr  und  mehr 


zu  dem  hinentwickelt  hat,  was  die  hier  gemeinte  Geistes- 
wissenschaft  dieser  suchenden  Mensdienseele  sein  will. 

Wer  konnte  heute  nicht,  wenn  er  aus  seinem  Gemiite,  aus 
den  Bediirfnissen  seiner  Seele  heraus  sich  gezwungen  sieht, 
fiir.  die  Starke,  fur  die  Sicherheit  seines  Lebens  sich  Auf- 
schliisse  iiber  die  Weltenratsel  zu  verschaffen,  wer  konnte 
da  nicht  versucht  sein,  zunachst  Anfrage  zu  halten  bei  dem, 
was  die  ganz  gewifi  von  der  Geisteswissenschaft  nicht  unter- 
schatzte,  sondern  in  ihren  Triumphen  und  Errungenschaften 
voll  anerkannteNaturwissenschaftzugebenhat?  Unzahlige 
Menschen  sind  ja  heute  des  Glaubens,  dafi  es  von  einer 
weiteren  Ausbildung  der  naturwissenschaftlichen  Fragen, 
der  naturwissenschaftlichen  Forschung  abhangen  werde,  ob 
man  gleichsam  durch  eine  Zusammenfassung  dieser  natur- 
wissenschaftlichen Tatsachen  und  Gesetze  auch  zu  einer 
Weltanschauung  kommen  werde,  welche  dem  Menschen  die 
Ausblicke  in  dasjenige  erofTnet,  was  hinter  den  Dingen 
liegt,  die  er  mit  den  Sinnen  wahrnehmen  kann,  die  er  mit 
seinem  Verstande  begreifen  kann  und  mit  denen  er  sich 
verbunden  fuhlt  in  seinem  Dasein,  die  er  aber  zu  erkennen 
bestrebt  ist,  damit  er  wissen  kann,  welches  das  Schicksal  der 
Seele,  ja,  das  Schicksal  ihres  Wirkens  in  der  ganzen  Welt  ist. 

Einer  solchen  Sehnsucht  und  einer  solchen  Hoffnung  ge- 
geniiber  darf  aber  wohl  darauf  hingewiesen  werden,  dafi 
sich  im  Laufe  der  Menschheitsentwickelung  das  Verhaltnis 
der  Seele  zu  dem,  was  die  auftere  Wissenschafb  sein  kann, 
vollstandig  geandert  hat,  und  gerade  an  dem  Beispiele,  das 
wir  hier  in  bezug  auf  Seelenfragen  im  Verhaltnisse  zur 
Wissenschaft  anf iihren  konnen,  mag  sich  uns  so  recht  zeigen, 
wie  unsere  Zeit  in  einer  Beziehung  doch  nicht  nur  mit  dem 
trivialen,  oft  gebrauchten  Worte  einer  «Ubergangszeit» 
bezeichnet  werden  darf ,  sondern  wie  sie  eineZeit  ist,  welche 
in  bezug  auf  geistige  Forschungen  im  eminenten  Sinne  eine 


neue  Epoche  fordert.  Wir  brauchen  da  nur  an  das  Beispiel 
einer  groften  Personlichkeit  zu  erinnern,  die  wie  viele  andere 
ihrer  Art  dazu  beigetragen  hat,  unsere  Geisteskultur  vor- 
warts  zu  bringen,  an  Kepler,  welcher  der  eigentliche  grofie 
Ausgestalter  der  kopernikanischen  Weltanschauung  ist,  von 
welcher  ausgehend  sich  dennoch  ja  viele  Fragen  unserer 
heutigen  Weltanschauung  aufwerfen. 

Wer  wiirde  heute  nicht,  wenn  er  nicht  Herz  und  Sinn 
hat  fur  eigentliche  Geisteswissenschaft,  vielleicht  sogar  dazu 
kommen  konnen,  zu  sagen:  Durch  solche  Leistungen  wie 
diejenigen  Keplers  ist  es  der  Menschheit  gelungen,  mit 
r einer  objektiver  Naturwissenschaft  und  ihren  Gesetzen 
die  Bewegungen  der  Himmelskorper  zu  erfahren.  Und  wie 
kann-konnte  der  Mensch  sagen -daneben  etwa  der  Glaube 
bestehen,  da£  diese  Bewegungen  der  Himmelskorper  in 
irgendeiner  Weise  von  geistigen  Wesenheiten  geregelt  seien, 
auf  welche  die  Geisteswissenscharl  hinweisen  will,  von  gei- 
stigen Wesenheiten,  die  hinter  dem  Materiellen  und  seinen 
Gesetzen  stehen,  da  sich  doch  alles  auf  mechanische,  phy- 
sikalische  Art  erklaren  la£t!  Wozubedarf  es  da  noch  irgend- 
weicher  hinter  diesen  physikalischen  Gesetzen  stehender 
geistiger  Krafte? 

Ein  soldier  Ausspruch  sieht  aufierordentlich  beriickend 
aus,  und  man  kann  darauf  hinweisen,  dafi  es  gerade  die 
Erlosung  von  altgewohnten  Vorurteilen  der  alten  spiri- 
tuellen  Weltanschauungen  war,  dafi  solche  Leute  wie  Kepler 
aus  rein  physikalischen  Gesetzen  heraus  die  Bewegungen 
der  Himmelskorper  im  Raume  erklart  haben.  Gehen  wir 
aber  objektiv,  ohne  Zeitvorurteile,  auf  Kepler  selber  ein, 
studieren  wir  ihn  in  seinen  seelischen  Eigentiimlichkeiten, 
so  finden  wir  das  Merkwurdige,  dafi  alles,  was  Keplers 
Blick  in  die  Himmelsraume  hinausgerichtet  hat,  was  ihm 
die  eigentlichen  inneren  Impulse  gegeben  hat,  um  seine 


grofien,  gewaltigen  Gesetze  aufzufinden,  das  Bewufksein 
war,  mit  seiner  Seele  eingebettet  zu  sein  in  geistige  Ur- 
griinde  des  Daseins,  in  die  Wirksamkeit  geistiger  Wesen- 
heiten,  welche  die  Raume  erfiillen  und  durch  die  Zeit  hin- 
durch  wirken.  Er  war  sich  klar,  da$  das,  was  er  den  Pla- 
netenbewegungen  als  «Gesetze»  zuschrieb,  ihm  nur  dadurch 
eingegeben  werden  konnte,  dafi  die  Gesetze  die  Gedanken 
gottlich-geistiger  Wesenheiten  seien.  Wenn  wir  nachfor- 
schen,  worauf  bei  Kepler  solche  Impulse  beruhten,  so  miis- 
sen  wir  sagen,  sie  beruhten  eben  darauf,  dafi  der  ganze 
Gang  der  Menschheitsentwickelung  immer  die  menschliche 
Seele  in  Zusammenhang  gehalten  hat  mit  dem  Geistig-See- 
lischen,  und  da£  dasjenige,  was  man  wie  ein  selbstverstand- 
liches  Geistig-Seelisdies  hinnahm,  zu  Keplers  Zeiten  eben 
noch  da  war,  da  war  in  der  Tradition,  in  dem  allgemeinen 
Glauben,  da  war,  um  die  Seele  zu  befeuern,  zu  befliigeln 
und  in  ihr  Gedanken  wach  werden  zu  lassen. 

Aber  wer  konnte  daneben  leugnen,  dafi  dies  bei  Kepler 
so  klar  im  Hintergrunde  seines  Schaffens  Stehende  gerade 
im  Lauf  e  der  letzten  Jahrhunderte  allmahlich  hingeschwun- 
den  ist,  hingeschwunden  durch  das,  was  aus  ihm  geschaffen 
worden  ist,  so  dafi  heute  die  Menschenseele  sehr  leicht  glau- 
ben kann,  dafi  Keplers  Gesetze  und  alles,  was  in  dieser  Art 
zustande  gekommen  ist,  zum  Beweise  aufgerufen  werden 
konnte  gegen  die  Annahme  einer  geistig-gottlichen  Welt. 
Wenn  wir  von  Kepler  durch  die  Jahrhunderte  herauf  bis  in 
unsere  Zeit  gehen,  so  sehen  wir,  wie  dasjenige,  was  zwar 
noch  aus  dem  Bewufitsein  des  Zusammenhanges  des  Men- 
schen  mit  dem  Gottlich-Geistigen  geboren  ist,  immer  mehr 
und  mehr  dieses  Bewufitsein  selbst  hinwegschafft,  und  wie 
eine  Zeit  herauf riickt,  grofi  und  gewaltig  durch  ihre  natur- 
wissenschaftlichenErrungenschaften,grofiundgewaltigdurch 
die  Schopfungen  bedeutsamer  Erkenntnisse  auf  dem  Ge- 


biete  der  Naturwissenschaft,  eine  Zeit,  in  welcher  die  Men- 
schenseele  allmahlich  unf  ahig  ist,  aus  der  Fiille  dieses  natur- 
wissenschaftlichen Materials,  aus  der  Fiille  dessen,  was  man 
auf  materiellem  Gebiete  erkannte,  wirklich  zum  Geistigen 
aufzusteigen.  Man  konnte  sagen:  Dadurch  charakterisiert 
sich  der  Hergang  unserer  Geistesentwickelung  der  letzten 
Jahrhunderte,  da£  das  Mehr  dessen,  was  sie  gebracbt  hat, 
ungeheuer  ist,  grofi  und  bewunderungswiirdig,  dal$  aber 
die  Moglichkeit  der  Menschenseele,  von  diesen  Leisuingen 
aus  hin  auf  ein  Geistiges  durchzublicken,  gerade  durch  die 
Fiille  und  die  Art  der  naturwissenschaftlichen  Leistungen 
beeintrachtigt,  ja  geradezu  vernichtet  worden  ist. 

Anschaulich  wird  uns  das,  wenn  wir  zum  Beispiel  die 
Art  auffassen,  wie  noch  Goethe  mit  seiner  Art  des  For- 
schens  iiber  Naturvorgange  hineingestellt  war  in  die  ganze 
Weltanschauungsrichtung  seiner  Zeit.  Es  ist  interessant,  wie 
zum  Beispiel  Herman  Grimm,  dieser  geistvolle  und  zu- 
gleich  tiefe  Kenner  Goethes,  sich  veranlalk  fiihlt,  das  Hin- 
eingestelltsein  Goethes  in  die  naturwissenschaftlichen  Rich- 
tungen  seiner  Zeit  zu  charakterisieren.  Herman  Grimm 
fragt:  Wie  dachten  die  dem  goetheschen  Zeitalter  voran- 
gegangenen  Jahrhunderte  sich  noch  das  Verhaltnis  des 
Menschen  zur  Natur? 

Wer  diese  Jahrhunderte  kennt,  wird  Herman  Grimm 
recht  geben:  so  unterschieden  sie  sich  von  dem  Spateren, 
daiS  der  Mensch  auf  der  Erde  stand  und  man  sich  befugt 
glaubte,  wenn  man  das  Wesen  von  Tieren,  Pflanzen  und 
anderen  Dinge  ansah,  in  dem  Menschen  etwas  wie  eine  Art 
Abschlu£  der  ganzen  iibrigen  Erdenschopfung,  ja  Welten- 
schopfung  anzusehen;  da£  man  sich  befugt  glaubte,  zu  sagen: 
Es  liegt  ein  soldier  Sinn  in  der  ganzen  Entwickelung,  dafS 
man  erkennen  kann,  wenn  man  auf  Stein,  Pflanze  und  Tier 
hinblickt,  wie  eine  innere  Wesenheit  sich  allmahlich  heran- 


entwickelt  hat,  den  Menschen  schon  im  Auge  habend,  sich 
heraufentwickelt  hat,  urn  alles  andere  fiir  den  Menschen 
und  sein  Ziel  hinzustellen.  Wie  weit  man  dabei  noch  der 
alten  mosaischen  Schopfungsgeschichte  anhangen  wollte, 
darauf  kommt  es  nicht  an.  Aber  diese  Oberzeugung  war  da: 
in  alien  Weltenreichen  etwas  wie  einen  Impuls  zu  sehen, 
der  schon  den  Menschen  in  sich  schliefit  und  alles  Ubrige 
nur  zur  Vorbereitung  macht,  um  den  Menschen,  der  von 
Anfang  an  geistig  da  ist,  zum  Gipfel  dieser  ganzen  Schop- 
fung  zu  machen. 

Was  bildete  sich  dem  gegeniiber  immer  mehr  und  mehr 
heraus?  Zuerst  -  meint  audi  Herman  Grimm  -  begann  die 
Astronomic  DieErde  wurde  zu  einem  unbedeutenden  Wel- 
tenkorper  im  Weltall  gemacht  und  der  Mensch  so  hinge- 
stellt  auf  die  Erde,  als  ob  er  sich,  ohne  dafi  er  in  den  anderen 
Reichen  von  vornherein  veranlagt  worden  ware,  wie  eine 
Naturnotwendigkeit  zuletzt  ergeben  hatte,  so  dafi  er  nicht 
berechtigt  ware,  seinen  Sinn  mit  dem  ganzen  Hergang  der 
Sache  zu  verbinden.  Ungeheure  Zeitraume  nimmt  die  Geo- 
logie  an,  die  verflossen  sind,  bevor  der  Mensch  auf  der  Erde 
auftrat,  und  die  keineswegs  im  Sinne  der  Naturforschung 
schon  die  Spuren  zeigen  wiirden,  dafi  alles  andere  da  ware, 
um  den  Menschen  spater  vorzubereiten.  Goethe  darf  man 
in  einer  gewissen  Weise  geradezu  einen  radikalen  Natur- 
forscher  nennen.  Hier  habe  ich  es  ofter  erwahnen  diirfen, 
wie  er  durch  seine  eigenen  naturwissenschaftlichen  Ent- 
deckungen  bemiiht  war,  aus  den  Anschauungen  iiber  den 
aufieren  Bau  des  Menschen  das  hinwegzuraumen,  was  ihn 
von  den  iibrigen  Organismen  der  Erde  scheiden  kbnnte, 
und  man  darf  Goethe  einen  Deszendenz-Theoretiker,  einen 
Entwicklungs-Theoretiker  vor  Darwin  und  den  anderen 
Entwicklungs-Theoretikern  unserer  Zeit  nennen.  Aber  mit 
Recht  weist  Herman  Grimm  darauf  hin,  wie  Goethe  es  sich 


doch  nicht  habe  nehmen  lassen,  hinter  dem,  wo  der  Dar- 
winismus  nichts  mehr  sieht  als  materielle  Vorgange,  ein 
«Geistiges»  zu  sehen,  welches  sich  geistig  in  alien  mate- 
riellen  Vorgangen  entwickelt,  so  dafi  der  Mensch  doch  dort 
hineingestelft  ist. 

Wir  haben  von  Goethe  ein  merkwiirdiges  Wort,  das  so 
recht  aufmerksam  machen  kann,  wie  er  bemiiht  war,  ob- 
wohl  er  so  recht  naturwissenschaftlich  gesinnt  war,  den 
Menschen  als  den  Gipfel  und  die  Krone  des  geistigen  Seins 
hinzustellen.  Er  sagt:  Was  sollen  denn  schlieftlich  alle  die 
Millionen  Sterne  in  der  Welt,  wenn  sich  nicht  zuletzt  ein 
menschliches  Auge  ihnen  entgegenstellen  kann,  um  sie  zu 
betrachten  und  in  sein  Wesen  aufzunehmen?  -  Und  nicht 
mit  Unrecht.  Es  brauchte  ja  freilich  vieles,  was,  wenn  wir  alle 
diese  naturwissenschafllichen  Tatsachen  und  naturwissen- 
schaftlichen  Gesetze  durchgehen,  das  Recht  zu  der  Frage 
belegen  kann:  Wo  finden  wir  irgend  etwas  draulkn  aufter 
dem  Menschen,  was  uns  Anhaltspunkt  werden  konnte,  dafi 
Geist  in  allem  Lebendigen  und  in  allem  Leblosen  walte? 
Wo  finden  wir,  wenn  wir  naturwissenschaftlich  den  Men- 
schen selbst  ins  Auge  f  assen,  nachdem  einmal  die  Erkenntnis 
errungen  ist,  dafi  das  seelische  Leben  an  die  Gehirnvorgange 
gebunden  ist,  wo  finden  wir  einen  Hinweis  darauf,  das 
Seelendasein  aufierhalb  der  Grenzen  von  Geburt  und  Tod 
zu  denken? 

Man  braucht  heute  nur  eine  der  bedeutenderen  und  be- 
ruhmteren  Philosophien  aufzuschlagen,  zum  Beispiel  die 
des  weltberuhmten  Wundt,  und  man  wird  iiberall  finden, 
wenn  solche  Philosophen  von  der  naturwissenschafllichen 
Forschung  ausgehen,  dafi  gewisse  Schlusse,  gewisse  Ergeb- 
nisse  aus  den  naturwissenschaftlichen  Tatsachen  gezogen 
werden,  und  dafi  die  Philosophen  iiberall  herankommen  - 
meinetwillen  -  bis  an  das  Geistige,  daft  sie  aber  in  dem 


Augenblick,  wo  es  sich  darum  handeln  wiirde,  das  Geistige 
zu  ergreifen,  gezwungen  sind,  stehenzubleiben.  Warum 
das?  Aus  dem  einfachen  Grunde,  weil  die  ganze  Art  und 
Weise  des  Denkens,  wie  es  sich  in  Anlehnung  an  die  natur- 
wissenschaftlichen Forsdiungen  herausgebildet  hat  und  die 
naturwissenschaftlichen  Tatsachen  Stiick  fur  Stuck  verfolgt, 
keine  Moglichkeit  ergibt,  um  innerhalb  dieser  Denkgewohn- 
heiten,  innerhalb  dieser  ganzen  Art  des  Forschens,  den  Weg 
zu  finden  aus  der  Materie  und  ihren  Gesetzen  heraus  in 
das  wirkliche  geistige  Geschehen  und  sein  Wesen,  weil  iiber- 
all  der  Denkfaden  abreifit.  Warum  rifi  er  Goethe  nicht  ab? 
Weil  Goethe  noch  durchdrungen  war  von  Impulsen,  die  als 
uralte  herauf gekommen  waren  in  der  Menschheitsentwicke- 
lung,  weil  in  ihm  noch  etwas  von  dem  Historisch-Geblie- 
benen,  von  den  uralten  geistigen  Anschauungen  lebte  -  die 
wir  noch  kennenlernen  werden  — ,  und  weil  seine  Seele  in 
einer  gewissen  Weise  noch  nicht  von  dem  entleert  war,  was 
der  Seele  auf  direktem  geistigem  Wege  im  Laufe  der  Jahr- 
tausende  zugekommen  war,  wenn  diese  Seele  in  die  Dinge 
des  materiellen  Geschehens  hinausblickte. 

Aber  schnell  entwickelte  sich  unsere  Zeit,  und  daher  ist 
bei  ihrer  schnellen  Entwicklung  in  denjenigen,  die  ihre 
Denkgewohnheiten  nach  den  naturwissenschaftlichen  For- 
sdiungen einrichteten,  heute  kaum  mehr  das  vorhanden, 
was  bei  Goethe  noch  vorhanden  war.  Daher  haben  wir  es 
erlebt,  dafi  Darwin  zwar  ausfiihrlicher  und  eindringlicher 
als  Goethe  die  Zusammenhange  der  lebendigen  Wesen  an 
den  Tag  gelegt  hat,  aber  trotzdem  stehengeblieben  ist  bei 
dem  ganzen  Sinn  und  der  Art  seines  Forschens.  Wahrend 
aber  Goethe  bei  dieser  ganzen  Art  und  dem  Sinn  des  For- 
schens iiberall  noch  hinter  den  Erscheinungen  den  Geist  sah, 
haben  die  Darwinianer  —  nicht  Darwin  selbst!  —  das,  was 
Goethe  nicht  gehindert  hat,  zum  Geiste  zu  kommen,  auf- 


fassen  imissen  als  ein  Hindernis,  um  irgendwie  zum  Gei- 
stigen  zu  kommen. 

Deshalb  konnen  wir  es  begreifen,  daS  diejenigen,  die 
ihre  eigentlichen  Hoffnungen  fiir  eine  Weltanschauung  bei 
der  zeitgenossischen  Wissenschafl  sehen,  diese  Hoffnungen 
vielfach  getauscht  sehen  miissen.  Allerdings  geht  etwas,  was 
in  der  Menschheit  vorhanden  war,  nicht  so  ohne  weiteres 
verloren.  Wir  konnen  es  bis  in  die  neueste  Zeit  herein  er- 
leben,  daft  audi  ernste  Forscher,  die  nur  Wissenschafl  wol- 
len,  durchaus  nicht  der  Meinung  sind,  dafi  diese  Wissen- 
schaft nur  aufiere  Tatsachen  darstelien  miisse,  sondern  sehr 
wohl  dazu  dienen  konnte,  den  fortlaufenden  Gang  einer 
Weltenweisheit,  die  in  den  Dingen  lebt,  zu  belegen.  Interes- 
sant  ist  es,  dafi  selbst  ein  Historiker  aus  der  Schule  Rankes, 
Lord  Acton,  bei  einer  bedeutsamen  Universitatsrede  in  Cam- 
bridge im  Jahre  1895  als  Geschichtslehrer  zu  seinen  Zu- 
horern  sagen  konnte:  Ich  hofTe,  da£  die  ganz  objektive 
Schilderung  geschichtlicher  Tatsachen  das  Wirken  einer  gott- 
lichen  Weltenweisheit  enthiillen  werde.  -  Ja,  Lord  Acton 
sprach  sogar  dazumal  vom  Wirken  des  «Auferstandenen» 
in  der  Geschichte. 

So  sehen  wir,  dafi  noch  in  unsere  Zeit  hereinragt  aus  den 
Zeiten,  da  man  das  Dasein  einer  geistigen  Welt  als  etwas 
Selbstverstandliches  hingenommen  hat,  etwas  wie  ein  Ge- 
tragenwerden  des  Forschens,  wie  ein  Getragenwerden  des 
ganzen  wissenschafUichen  Denkens  von  einer  solchen  Ge- 
sinnung,  wie  noch  hereinragt  bei  diesem  Getragensein  aus 
den  alten  Zeiten  das  Durchdrungensein  der  Seele  so,  dafi 
dieses  Getragensein  sich  noch  in  sich  durchdrungen  fuhlt 
vom  Geistigen.  Aber  ebenso  wahr  ist  es,  dafi  der,  welcher 
sich  heute  ganz  an  die  naturwissenschaftlichen  Denkgewohn- 
heiten  anschmiegt  und  zum  Beispiel  verfolgt,  wie  die  ein- 
zelnen  Seelentatigkeiten  ihre  entsprechenden  Aufierungen 


in  Gehirn-  oder  anderen  Nervenvorgangen  haben,  dafi  ein 
soldier,  gerade  indem  er  Tatsache  auf  Tatsache  verfolgt, 
sich  leicht  sagen  kann:  Ja,  fur  das,  was  der  Mensch  zu 
denken,  zu  f  uhlen  und  zu  empfinden  vermag  im  materiellen 
Leben,  dafiir  gibt  es  audi  iiberall  Anhaltspunkte  des  For- 
schers;  aber  was  etwa  fiir  die  Seele  davor  oder  darnach 
liegen  konnte,  dariiber  sagt  mir  die  Naturwissenschafl  nichts. 

Wie  verbreitet  ist  der  Irrtum,  dafi  die  Naturwissenschafl, 
weil  sie  schon  einmal  aus  ihrer  Betrachtung  der  Tatsachen 
und  ihrer  Gesetze  nicht  zu  dem  Geistigen  hinuberkommen 
kann,  deshalb  audi  das  Geistige  ablehnen  musse!  Zwar 
wird,  und  das  ist  wieder  charakteristisch  fiir  die  ganze 
Weltanschauungslage  unserer  Zeit,  selbst  von  denjenigen, 
welche  auf  dem  Standpunkte  stehen,  dafi  wir  zu  einer  Welt- 
anschauung iiberhaupt  nur  durch  Zusammenfassung  der 
naturwissenschafllichen  Tatsachen  und  Gesetze  kommen 
konnen,  immerdar  gewarnt  vor  voreiligen  Schlussen,  vor 
der  Hypothesenmacherei,  die  immer  ein  paar  Tatsachen 
zusammenfassen  will,  um  Schlusse  zu  ziehen,  wie  das  Leben 
der  Seele  an  dieses  oder  jenes  gebunden  sei,  wie  der  ganze 
Weltenzusammenhang  sei  oder  dergleichen. 

Eine  solche  Warnung  erging  erst  wieder  vor  kurzem 
an  bedeutungsvoller  Stelle.  Auf  der  diesjahrigen  Naturfor- 
scherversammlung  hielt  der  sehr  bedeutende  Naturforscher 
Wettstein  eine  Rede  fiber  Biologie,  iiber  die  Wissenschaft 
vom  Leben,  in  ihrer  Verwertbarkeit  fiir  die  Weltanschauung, 
und  er  warnte  davor,  aus  den  Tatsachen,  wie  sie  vorliegen, 
allgemeine  Schlusse  fiir  die  Weltanschauung  zu  ziehen.  Aber 
es  glauben  dennoch  viele,  dafi  man  deshalb  warten  mufite 
in  bezug  auf  die  Ratsel,  die  sich  auf  das  Leben  der  Seele 
beziehen,  bis  die  Naturwissenschafl  mit  ihren  Tatsachen  zu 
Ende  gekommen  sei.  Zwar  erinnert  das,  was  hier  vorge- 
bracht  ist  -  wenn  man  namlich  behaupten  wollte,  es  miifite 


der  Mensch,  der  in  die  Geheimnisse  der  Seele  und  des  Gei- 
stes  eindringen  will,  urn  iiber  Seele  und  Geist  zu  Schliissen 
zu  kommen,  durchaus  uberall  in  der  Welt  naturwissen- 
schaftlicher  Tatsadien  herumgegangen  sein- es  erinnert  das 
an  einen  schonen  Goetheschen  Ausspruch:  «Um  zu  begreifen, 
dafi  der  Himmel  uberall  blau  ist,  braucht  man  nicht  um  die 
Welt  zu  reisen.» 

Ich  mochte  aber  im  Konkreten  zeigen,  wie  der  Weg  der 
Menschenseele  zu  ihren  Geheimnissen  im  Geistigen  in  einer 
gewissen  Beziehung  unabhangig  ist  von  allem,  was  die  ein- 
zelnen  Gesetze  der  Naturwissenschaft,  was  die  einzelnen 
Gesetze  der  Gelehrsamkeit  iiberhaupt  dieser  Menschenseele 
geben  konnen.  Um  dies  zu  erharten,  mochte  ich  auf  fol- 
gende  Tatsache  hinweisen:  Wir  hatten  im  neunzehnten 
Jahrhundert  einen  bedeutenden  Philosophen  in  Miinchen, 
Moriz  Carriere.  Er  gehorte  zu  denen,  die  aus  einer  Fulle 
nicht  nur  von  Gedanken,  sondern  aus  einer  Fulle  wirklicher 
wissenschaftlicher  Gelehrsamkeit  heraus  die  Welt  und  ihre 
Erscheinungen  zu  begreifen  versuchten.  Hat  doch  Carriere 
durch  sein  grofies  Werk  iiber  die  Kulturentwicklung  der 
Menschheit  bewiesen,  wie  er  Tatsache  auf  Tatsache  aus  den 
alten  Zeitaltern  gelehrt  zusammengetragen  hat,  um  den 
Gang  des  Geistes  durch  die  Weltentwicklung  zu  begreifen. 
Aus  alien  solchen  Vorgangen  hat  sich  nun  Carriere  eine 
Weltanschauung  gebildet,  die  ich  deshalb  um  so  lieber  er- 
wahne,  weil  sie  noch  durchaus  vor  der  Ausbildung  einer 
eigentlichen  Geisteswissenschaft  lag,  eine  Weltanschauung, 
welche  durch  sich  zu  der  Einsicht  kam  von  dem  Zusammen- 
hange  der  Seele  mit  einer  geistigen  Welt,  die  durch  Raume 
und  Zeiten  ausgebreitet  ist,  so,  wie  es  einen  Zusammenhang 
gibt  zwischen  dem,  was  korperlich  im  Korper  des  Menschen 
liegt,  und  den  Stoffen  und  Kraften,  die  drauften  im  Raume 
ausgebreitet  sind,  und  die  in  der  Zeit  wirken. 


Eines  Tages  nun  bekam  Moriz  Carriere  das  Manuskript 
eines  einfachen  Mannes  gezeigt,  eines  Mannes,  der  ganz 
und  gar  nidit  gelehrt  war,  der  nichts  hatte  von  der  Fiille 
der  Gelehrsamkeit,  durch  welche  Moriz  Carriere  zu  der 
Anschauung  des  eben  geschilderten  Zusammenhanges  der 
Seele  mit  dem  Geistigen  gekommen  war.  Zeuner  hiefi  dieser 
einfache  Mann,  1813  ist  er  geboren.  Durch  einen  Lebens- 
lauf ,  dessen  Schilderung  hier  aus  Mangel  an  Zeit  nicht  mog- 
licli  ist,  kam  Zeuner  in  die  Lage,  viele,  viele  Monate  einsam 
hinbringen  zu  miissen;  er  hatte  sich  von  der  revolutionaren 
Bewegung  hinreifien  lassen,  und  dies  hatte  ihn  ins  Gefang- 
nis  gebracht.  Aber  er  war,  ohne  Gelehrter  zu  sein,  eine 
hochgeartete  Seele.  In  dem  Manuskript,  das  er  nun  in 
den  siebziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts  Moriz 
Carriere  gezeigt  hat,  erzahlt  er,  wie  er  in  seiner  einsamen 
Zelle  gebrutet  und  gebriitet  hat,  angefiillt  nur  -  wie  es  im 
Geiste  seiner  Zeit  und  der  Menschen  lag,  die  ihn  bis  dahin 
umgeben  hatten  -  mit  materialistischen  Anschauungen,  wie 
aber  seine  Seele  ode  geworden  war  in  der  Einsamkeit,  wie 
sie  gelitten  hat  unter  dem  Hunger,  etwas  zu  haben,  an  das 
er  aber  nicht  glauben  konnte.  Dann  erzahlt  er  weiter,  wie 
er  einmal  von  seiner  Zelle  aus  einen  merkwurdigen  Gesang 
horte,  der  sich  draufien  erhob,  der  ihn  erinnerte  an  Erleb- 
nisse  seiner  ersten  Kindheit  und  ihn  mit  anderen  Erleb- 
nissen  in  Zusammenhang  brachte,  wie  dies  wieder  einen 
Funken  Freude  in  der  Seele  ausloste,  und  wie  dieser  Impuls, 
der  dadurch  der  Seele  gegeben  war,  ein  Impuls  von  innerer 
Frische  und  Aktivitat  der  Seele,  Gedanken  in  dieser  ein- 
fachen, schlicbten  Seele  ausloste,  Gedanken,  die  nun  Zeuner 
niederschrieb.  Und  dieses  Manuskript  hat  er  dann  spater 
an  Moriz  Carriere  iibersandt.  Wenn  man  es  liest  -  Moriz 
Carriere  hat  es  spater  abdrucken  lassen  -,  so  mufi  man 
Carriere  recht  geben:  Zeuner  hat,  indem  er  sich  der  einsam 


aus  seiner  Brust  gebieterisch  herausarbeitenden  Seele  iiber- 
lassen  hat,  etwas  gefunden,  was  in  derselben  Weise  den 
Zusammenhang  der  Seele  mit  dem  Weltengeiste  darstellt, 
wie  ihn  Carriere  darstellen  konnte,  nachdem  er  ein  Leben 
von  Gelehrsamkeit  und  ein  Leben  von  Wissenschaft  hinter 
sich  hatte. 

Man  braucht  nicht  um  die  Erde  herumzureisen,  um  zu 
begreifen,  dafi  der  Himmel  iiberall  blau  ist.  Der  Weg  zum 
Geistigen  muS  eben  in  einer  anderen  Art  gefunden  werden 
als  durch  ein  blolSes  Zusammenfassen  naturwissenschaft- 
Hcher  Gesetze  oder  durch  ein  Konsequenzen-Ziehen  aus  den 
naturwissenschaftlichen  Forschungen.  Die  Auseinanderset- 
zung  aber  mit  der  Naturwissenschaft  mufi  vielmehr  eine 
andere  sein.  Keine  Weltanschauung  kann  heute  bestehen, 
und  keine  Weltanschauung  darf  bestehen -weil  die  Bediirf- 
nisse  der  Menschenseele  sie  hinwegfegen  wiirden  -  welche 
mit  der  Naturwissenschaft  im  Widerspruch  stehen  wiirde. 
Daher  mufite  in  den  beiden  ersten  Vortragen  so  scharf 
betont  werden,  was  von  seiten  der  Naturwissenschaft  gegen 
Geistesforschung  gesagt  werden  kann  und  wie  sich  die 
Geisteswissenschafl  dagegen  zu  verhalten  hat.  Und  nicht 
oft  genug  kann  es  betont  werden,  dafi  man  sich  beirrt  fuhlen 
sollte  in  bezug  auf  irgendeine  geisteswissenschaftliche  Er- 
kenntnis,  wenn  man  mit  ihr  heute  in  Widerspruch  zu  einem 
berechtigten  Ergebnisse  der  Naturwissenschaft  kommen 
wird.  Aber  wenn  man  sich  dann  wieder  diese  Naturwissen- 
schaft ansieht  und  wenn  man  einen  Sinn  und  ein  Herz  hat 
fur  die  notwendige  Autoritat,  die  von  der  Naturwissen- 
schaft ausgehen  mufi,  so  wird  man  um  so  mehr  auf  das  hin- 
deuten  mussen,  was  die  Seele  beirren  kann,  was  sie  gerade 
beirren  mufi  durch  die  Fiille  des  Vorhandenen,  wenn  sie  den 
Weg  zum  Geiste  antreten  will.  Auch  das  mochte  ich  durch 
Beispiele  erharten. 


Da  sei  auf  zwei  Forscher  aufmerksam  gemacht,  die  beide 
auf  dem  Boden  der  Entwicklungsgeschichte,  auf  dem  Boden 
der  Naturwissenschaft  standen.  Beide  Forscher  fafiten  den 
Hervorgang  der  einzelnen  lebendigen  Organismen  ausein- 
ander  so  auf,  wie  dieDarwinianer  dieSache  audi  auffassen, 
aber  sie  nahmen  nur  den  Menschen  aus.  Sie  waren  sich  klar, 
dafi  man  die  auf  die  Tierwelt  anzuwendenden  Gesetze  nicht 
auf  den  Menschen  anzuwenden  habe,  sondern  dafi  man, 
wie  man  sein  Korperliches  aus  dem  Physischen,  so  sein 
Geistig-Seelisches  aus  einem  Geistig-Seelischen  herleiten 
musse.  Daniber  waren  sich  beide  vollstandig  klar.  Sie  waren 
ebenso  gute  Naturforscher  wie  Erkenner  des  Geistigen,  aber 
ihre  Denkgewohnheiten  standen  unter  denjenigen  der  natur- 
wissenschafHichen  Richtung.  Sie  dachten  wie  man  als  echter 
Naturwissenschaftler  denkt.  Wie  dachte  der  eine,  Mivart, 
und  wie  dachte  der  andere,  Wallace,  ein  Zeitgenosse  Dar- 
wins,  liber  die  eigentlichen  Vorgange  in  der  Entwicke- 
lung? 

Wallace  sagte  sich,  der  Mensch  konne  nicht  so  einfach  in 
die  Tierreihe  hineingestellt  werden.  Schon  aus  dem  Grunde 
nicht,  weil  schon  im  aufieren  Bau  des  Gehirnes  ein  betracht- 
licher  Unterschied  zwischen  dem  Menschen  und  dem  hochst- 
entwickelten  Affen  vorhanden  sei,  wenn  man  auch  nur  den 
Wilden  ins  Auge  fasse,  und  weil  das  Affengehirn  gegen- 
uber  dem  Gehirn  des  Wilden  viel  zu  unvollkommen  sei, 
wenn  nur  im  geraden  Fortgange  der  Entwickelung  der 
Mensch  sich  aus  dem  Affen  entwickelt  haben  soil. 

Der  andere  Forscher,  Mivart,  fand,  dafi  die  Kulturstufe 
des  wilden  Menschen  gar  nicht  aufterlich  verschieden  sei  von 
der  Entwicklungsstufe  des  hochstentwickelten  Affen.  Wenn 
man  aber  die  geistigen  Betatigungen  des  Wilden  und  da- 
gegen  die  Betatigungen  des  hochstentwickelten  Affen  ins 
Auge  fasse,  so  musse  man  voraussetzen,  da  die  Gehirne  der 


beiden  so  viel  Ahnlichkeit  miteinander  haben,  dafi  der 
Mensch  deshalb  nicht  in  die  Tierreihe  gehore.  Wenn  man 
wieder  die  Gehirne  ins  Auge  fasse,  so  sehe  man  ganz  klar, 
dafi  sidi  das  Gehirn  des  Menschen  nicht  aus  dem  Affen- 
gehirn  entwickelt  hat  durch  Anpassung  an  aufiere  Ver- 
richtungen,  sondern  es  entwickle  durch  die  Zivilisation  alle 
Moglichkeiten  schon  so,  dafi  es  nur  so  scheine,  als  ob  schon 
alles  veranlagt  ware,  damit  es  einmal  das  Werkzeug  der 
Zivilisation  werden  konnte. 

Also  weil  das  Affengehirn  und  das  Menschengehirn  so 
stark  voneinander  abweichen,  glaubt  der  eine,  Wallace, 
annehmen  zu  miissen,  dafi  keine  Verwandtschaft  des  Men- 
schen mit  der  Tierreihe  bestiinde.  Und  gerade  die  Ahnlich- 
keit der  geistigen  Eigenschaflen  bei  beiden  war  fur  Wallace 
ein  Beweis  fur  das,  was  er  sagte.  Fur  Mivart,  seinen  Zeit- 
genossen,  war  das  gerade  Umgekehrte  vorhanden;  er  war 
der  Ansicht,  wenn  man  die  geistigen  Eigenschaflen  des 
wilden  Menschen  mit  dem  hochststehenden  AfTen  vergleiche, 
so  trete  ein  so  grofier  Unterschied  hervor,  dafi  man  wegen 
dieses  Unterschiedes  keine  Stammverwandtschaft  zwischen 
dem  Wilden  und  dem  Aff  en  annehmen  konne. 

Wir  sehen  also  zwei  Naturforscher,  beide  an  natur- 
wissenschaftliches  Denken  gewohnt,  die  beide  aus  entgegen- 
gesetzten  Griinden  das  annehmen,  was  ihre  Meinung  ist; 
der  eine,  weil  die  Eigenschaffcen  des  Wilden  und  des  hochst- 
stehenden Affen  so  ahnlich,  der  andere,  weil  sie  so  ver- 
schieden  sind.  Wenn  nun  schon  zwei  Forscher,  die  beide 
dazu  neigen,  den  Menschen  vom  Geistigen  abzuleiten,  in 
bezug  auf  ihre  Beweisgriinde  so  durch  das  beirrt  werden 
konnen,  was  sich  an  Fiille  der  Tatsachen  ausbreitet,  wie 
sollte  erst  der,  welcher  noch  mehr  vorurteilsvoll  in  den 
Denkgewohnheiten  des  blofi  materialistischen  Denkens  be- 
fangen  ist,  nicht  noch  mehr  durch  die  Fiille  der  Tatsachen 


unf  ahig  sein,  aus  diesen  Tatsachen  und  Gesetzen  selber  her- 
aus  zum  Geistigen  zu  kommen! 

Die  Naturwissenschaft  fiihrt  uns  eben  nur  von  Tatsache 
zu  Tatsache.  Haben  wir  die  Geisteswissensdiaft,  dann  kann 
aus  dieser  Geisteswissensdiaft  gerade  das  Naturwissenschaft- 
lichebegriffen  und  ins  rediteLicht  geriickt  werden.  Niemals 
aber  konnen  die  Gesetze  der  Geisteswissensdiaft  aus  der 
Naturwissenschaft  heraus  irgendwie  gefunden  werden.  Da- 
her  miifke  es  immer  mehr  und  mehr  geschehen,  dafi  der 
menschlichen  Seele  ihre  ganze  geistige  Nahrung  entzogen 
wiirde,  wenn  sie  darauf  angewiesen  bliebe,  «wissenschaft- 
lich»  nur  das  gelten  zu  lassen,  was  die  Naturwissenschaft 
hervorbringt.  Die  Naturwissenschaft  selbst  wird  gerade  da- 
durch  ihre  Grofie  und  Bedeutung  erlangen,  dafi  sie  sich  in 
ihren  Grenzen  halt. 

Wer  aber  nur  ein  wenig  einen  Blick  in  das  menschliche 
Seelenleben  tut,  der  wird  bald  finden,  dafl  die  Seele  zu  ihrer 
Sicherheit,  zur  Kraft  und  zur  Arbeit  im  Leben  die  Ant- 
worten  braucht  auf  die  Frage  nach  dem  Geiste.  Waren  sie  in 
alten  Zeiten  -  wir  haben  es  an  Kepler,  an  Goethe  erhartet 
und  konnen  es  an  anderen  erharten  -  fur  die  Menschen- 
seele  von  selber  schon  in  den  ganzen  Anschauungen  iiber 
die  Welt  enthalten,  so  sind  sie  es  heute  nicht,  und  eine  neue 
Aufgabe  entsteht,  die  wir  schon  charakterisieren  konnten, 
und  die  wir  in  ihrem  Wesen  noch  charakterisieren  werden: 
die  Aufgabe  der  Geisteswissensdiaft.  Gerade  was  durch  die 
Grofie  der  Naturwissenschaft  verschwunden  ist,  das  mufi 
auf  selbstandige  Weise  wieder  durch  die  Geisteswissensdiaft 
gefunden  werden,  indem  die  Wege  gezeigt  werden,  auf 
welchen  die  Menschenseele  in  ihre  geistige  Heimat  hin- 
gelangen  kann.  Wer  das  Zeitalter  richtig  versteht,  der  wird 
begreifen,  wie  sich,  nachdem  der  Her  gang  nun  einmal  so 
war,  wie  er  geschildert  worden  ist,  ein  starkes  Bediirfnis, 


eine  starke  Sehnsucht  zeigt,  immer  mehr  vom  Geiste  aus 
nun  audi  die  Welt  zu  begreifen  und  eine  selbstandige  Gei- 
steswissenschaft  neben  die  Naturwissenschaft  hinzustellen. 

Wenn  wir  auf  Einzelheiten  eingehen,  selbst  auf  das  viel- 
leicht  heute  von  vielen  Geistglaubigen  verworfene  Gesetz 
der  wiederholten  Erdenleben,  so  sehen  wir  es  langsam  und 
allmahlich  heraufkommen  und  sich  in  die  neuere  Kultur 
einleben,  zum  Beispiel  bei  Lessing  in  seiner  Abhandlung 
uber  die  «Erziehung  des  Menschengeschlechts>>.  Immer  wie- 
der  sehen  wir,  wenn  man  auch  heute  wenig  davon  weifi, 
wie  im  neunzehnten  Jahrhundert  innerlich  konsequente 
Seelenforscher  hingefiihrt  werden  zu  dem  fiir  die  mensch- 
liche  Seele  einzig  und  allein  angemessenen  Gesetz  der  wie- 
derholten Erdenleben. 

Je  mehr  die  Naturwissenschaft  auf  dem  Boden  des  Ma- 
teriellen  ihre  groiKen  Triumphe  feiert,  desto  mehr  erbliiht 
fiir  den  Geist  die  Sehnsucht,  seine  eigenen  Wege  zu  gehen. 
Und  wieder  an  einem  konkreten  Beispiele  mochte  ich  zeigen, 
wie  der  ganze  Hergang  des  Geisteslebens  unserer  Zeit  so 
gestaltet  ist,  da£  er  wie  von  selbst  in  das  einlauft,  was  die 
Geisteswissenschaft  heute  sein  will.  Auf  einen  Denker,  auf 
einen  Forscher  mochte  ich  aufmerksam  machen,  den  ich  im 
Laufe  dieser  Wintervortrage  noch  mehr  besprechen  werde, 
der  gerade  mit  Hinblick  auf  ein  Sehnen  nach  der  Geistes- 
wissenschafl interessant  ist,  auf  Herman  Grimm,  den  Kunst- 
historiker.  Ein  umfassender  Geist,  zeigt  er  uns  gerade  als 
ein  solcher,  wie  die  Seele  in  der  neueren  Zeit  aus  einer 
blofien  naturwissenschaftlichen  Auffassung  des  Geschehens 
herausdrangt,  namentlich  im  Menschenleben  herausdrangt, 
und  wie  durch  die  Impulse  und  Krafte  der  Zeit  die  Seele 
wieder  zuriickgehalten  wird  vor  dem  letzten  Schritt  des 
Hinausdrangens,  vor  dem  Hineindrangen  in  die  Geistes- 
wissenschafl. 


Wer  die  Schriften  Herman  Grimms  sorgfaltig  durch- 
nimmt,  wird  sehen,  dafi  Herman  Grimm  nadi  einem  Wel- 
tenprinzip  sucht,  aber  nicht  nach  einem  toten  Weltenprinzip, 
sondern  nach  einem  schaffenden  Gesetz,  woran  sich  zum 
Beispiel  der  praktische  Geschichtsforscher  halten  kann,  und 
was  etwas  anderes  sein  mufi  als  die  sogenannten  histo- 
rischen  Ideen.  Ideen  konnen  ebensowenig  etwas  schafTen, 
wie  -  nach  dem  Bilde  des  letzten  Vortrages  -  ein  gemalter 
Maler  ein  Bild  malen  kann.  Ideen  sind  etwas  Totes.  Wirk- 
sam  kann  nur  etwas  Lebendiges  sein.  Herman  Grimm 
suchte  nach  dem  Lebendigen  in  der  Geschichte,  das  kraft- 
voll  schaff  en  kann  von  Epoche  zu  Epoche,  das  einstmals  in 
der  Urepoche  der  Menschheit  aus  unpersonlichen  Griinden 
die  Gestalt  der  menschlichen  Seele  schuf  xmd  dann  von  Volk 
zu  Volk,  von  Zeitalter  zu  Zeitalter  aus  sich  die  einzelnen 
Errungenschaften  hervorzauberte.  Und  was  glaubte  er  als 
ein  solches  gefunden  zu  haben?  Die  schaffende  Phantasie. 

Auch  ein  deutscher  Philosoph,  Frohschammery  hielt  die 
Phantasie  fiir  das  nicht  nur  im  geschichtlichen  Werden,  son- 
dern auch  in  der  Natur  Schopferische.  Herman  Grimm 
konnte  nicht  dazu  kommen  -  was  er  ja  wollte  -  zu  zeigen, 
wie  die  Phantasie  wirklich  eine  Art  von  Gottheit  ist,  welche 
in  dem  Willen  lebt  und  die  Taten  in  der  Menschheits- 
geschichte  hervorbringt,  wie  der  einzelne  Mensch  die  Taten 
seiner  Seele  aus  sich  heraus.  Was  er  tat,  hat  er  im  Lichte 
dieser  Anschauung  geschaffen,  dafi  hinter  dem  geschicht- 
lichen Werden  die  schopferische  Phantasie  stent,  dafi  alles 
aus  der  schopferischen  Phantasie  heraus  zustande  gekom- 
men  ist.  Aber  was  ist  ihm  die  Phantasie?  Sehen  wir  nicht 
in  dem  Drange  eines  Forschers,  die  Tatsachen  verstehen  zu 
konnen,  das  Heranriicken  an  etwas  Geistiges,  das  aber  doch 
kein  Geist  ist?  Denn  die  schafFende  Phantasie  bleibt  doch 
nur  ein  Abstraktum,  welches  zwar  lebendiger  ist  als  die 


Geschichtsideen,  aber  fur  den  realistisch  Denkenden  doch 
nur  ein  Abstraktes  ist. 

Man  mochte  sagen,  bis  vor  das  Tor  der  Geisteswissen- 
schaft  dringt  ein  Forscher  wie  Herman  Grimm.  Er  kann 
nicht  bei  den  auifteren  materiellen  Tatsachen  und  dem 
aufieren  Geschehen  stehen  bleiben,  er  sieht  hinter  allem 
aufieren  Geschehen  das,  was  die  Phantasie  schafft,  und  ver- 
objektiviert  es  im  Weltgeschehen.  Aber  niemand  kann  in 
der  Phantasie  ein  Wirkliches,  etwas  real  Schaffendes  er- 
kennen.  Sie  bleibt  ein  Abstraktum,  und  erst  wenn  man 
hinter  sie  dringt  zu  dem,  was  nicht  mehr  ein  Abstraktum 
ist,  was  geistig  ist,  was  so  real  ist  wie  ein  real  Sinnliches, 
erst  wenn  man  herandringt  zu  den  geistigen  Tatsachen,  die 
nicht  umschriebene  Ideen  sind,  sondern  wesenhaft  sind, 
kann  man  verstehen,  wie  das,  was  um  uns  herum  ist,  in  der 
Welt  wirklich  geschieht.  Deshalb  sehen  wir  an  einem  sol- 
chen  tiefen  Denker,  wie  die  Sehnsucht  unserer  Zeit  zum 
Geistigen  hin  heranruckt,  und  wie  die  durch  die  Zeit  ge- 
schaffenen  Verhinderungsgriinde  so  gewaltige  sind,  dafi  die 
Menschen  nicht  durch  das  Tor  zum  Geistigen  kommen 
konnen.  Sehen  wir  nicht  den  Drang,  zu  dieser  Geistes- 
wissenschaft  heranzukommen?  Sehen  wir  nicht,  wie  diese 
Geisteswissenschaft  fiir  Gegenwart  und  Zukunft  Aufgaben 
hat,  welche  der  Sehnsucht,  dem  Drange,  den  Forderungen 
der  Zeit  entsprechen? 

Schauen  wir  uns  die  Behinderungsgriinde  der  heutigen 
Seelen  genauer  an!  An  der  Sehnsucht  nach  dem  Geistigen 
konnen  wir  so  klar  erkennen,  wie  die  Menschen  gar  nicht 
anders  konnen,  wenn  sie  in  die  Zeitverhaltnisse  klar  hin- 
einschauen,  als  nach  dem  Geiste  und  seinen  Gesetzen  zu 
begehren,  wie  sie  aber  doch  nicht  in  das  Geistige  hinein- 
dringen  konnen  und  nun  sozusagen  auf  ein  Geistiges  war- 
ten.  Wo  man  hinblickt,  merkt  man  den  Drang  nach  dem, 


was  man  eben  noch  nicht  kennt.  Aber  an  der  Art  des  Dran- 
ges  selber  merkt  man  ganz  genau,  dafi  einstmals  eine  Zeit 
kommen  werde,  die  gar  nicht  mehr  so  feme  liegt,  wo  die 
Menschen  verstehen  werden:  zu  der  Sehnsucht,  zu  dem 
Drange,  den  sie  haben,  ist  die  Geisteswissenschaft  die 
Erlosung. 

Man  hat  vor  kurzer  Zeit  auf  jedem  Bahnhofe  bei  den 
Buchhandlern  ein  Buch  sehen  konnen,  das  wahrhaftig  nicht 
von  einem  Manne  verfafit  ist,  der  sich  leicht  jeder  einzelnen 
Schwarmerei  hingeben  wurde,  Nicht  von  einem  einsamen 
Griibler  und  einem  Nichtkenner  der  geistigen  Bediirfnisse 
der  Zeit  riihrt  dieses  Buch  her.  Wenn  die  Geisteswissen- 
schaft ihre  Berechtigung  zeigen  will,  so  darf  sie  sich  ja  nicht 
auf  die  oft  sonderbaren  Schwarmer  stutzen,  die  in  ihrem 
sektiererischen  Wesen  verstehen  wollen,  was  der  Mensch- 
heit  forthelfen  kann;  aber  berufen  darf  sie  sich  auf  das, 
was  in  dem  jetzt  gemeinten  Buche  «Zur  Kritik  der  Zeit» 
von  Walther  Rathenau  zum  Ausdruck  gebracht  ist,  das  ein 
Mann  geschrieben  hat,  der  im  industriellen  und  kommer- 
ziellen  Leben  mitten  drinnen  steht  und  der  das  Raderwerk 
unserer  Zeit  kennt. 

Nicht,  als  ob  ich  mich  mit  allem  darin  einverstanden  er- 
klaren  wollte.  Gegen  jede  Seite  dieses  Buches  konnte  etwas 
eingewendet  werden,  aber  gerade  was  man  nennen  konnte 
den  Drang  der  Zeit  nach  geistiger  Erkenntnis,  das  zeigt  sich 
symptomatisch  an  einem  solchen  Buche.  Was  stellt  Walter 
Rathenau  dar?  Er  stellt  gerade  das  dar,  was  ich  aus  dem 
Geiste  der  Zeitentwicklung  im  letzten  Jahrhundert  etwas 
tiefer  zu  begrtinden  versuchte,  Bei  Rathenau  ist  es  so:  Durch 
die  Fortschritte  der  naturwissenschaftlichen  Entwicklung 
hat  sich  allgemein  eine  Mechanisierung  des  Lebens  ergeben. 
Wahrend  der  Mensch  friiher  das,  was  sich  seinen  Sinnen 
darbot,  aus  dem  Geiste  heraus  zu  erklaren  versuchte,  er- 


klart  er  es  heute  aus  dem  Mechanischen  heraus.  Aber  audi 
das  VerhaltnisvonMenschzuMensch  hat  sich  mechanisiert. 
«Mechanisierung»  ist  das,  was  durch  die  groften  Fortschritte 
und  die  bedeutenden  Errungenschaften  der  Zeit  heraufge- 
kommen  ist.  Und  empfinden  kann  man  —  und  Walther 
Rathenau  empfindet  es  -,  wie  die  Seele  innerhalb  des  Denk- 
und  sozialen  Mechanismus  verodet,  wie  sie  allmahlich  leer 
wird  unter  solchen  Zielen,  wie  man  ihr  zwar  die  Nahrung 
nehmen  kann,  ihr  aber  nicht  durch  die  Mechanisierung  den 
Hunger  tilgen  kann. 

Was  viele  der  besten  Kenner  der  Zeit  gesagt  haben,  das 
ist  auch  hier  gesagt:  Man  drangt  zuriick,  was  die  Seele 
geistig  verlangt,  und  man  wird  sehen  konnen,  wenn  sich 
auch  die  Seele  mit  etwas  Scheinbarem  zufrieden  gibt,  daft 
der  betrefTende  Hunger  um  so  mehr  sich  zeigen  wird.  ~  So 
sehen  wir  denn,  wie  ein  ganz  in  seiner  Zeit  drinnen  ste- 
hender  Mensch  schreibt: 

«Die  Zeit  sucht  nicht  ihren  Sinn  und  ihren  Gott,  sie 
sucht  ihre  Seele,  die  im  Gemenge  des  B lutes,  im  Gewiihl  des 
mechanistischenDenkensundBegehrens  sich  verdustert  hat. 

Sie  sucht  ihre  Seele  und  wird  sie  finden;  freilich  gegen 
den  Willen  der  Mechanisierung.  Dieser  Epoche  lag  nichts 
daran,  das  Seelenhafte  im  Menschen  zu  entfalten;  sie  ging 
darauf  aus,  die  Welt  benutzbar,  und  somit  rationell  zu 
machen,  die  Wundergrenze  zu  verschieben  und  das  Jen- 
seitige  zu  verdecken.  Dennoch  sind  wir  wie  je  zuvor  vom 
Mysterium  umgeben;  unter  jeder  glatten  Gedankenflache 
tritt  es  zutage,  und  von  jedem  alltaglichen  Erlebnis  bedarf 
es  eines  einzigen  Schrittes  bis  zum  Mittelpunkt  der  Welt. 
Die  drei  Emanationen  der  Seele:  die  Liebe  zur  Kreatur,  zur 
Natur  -und  zur  Gottheit  konnte  die  Mechanisierung  dem 
einzelnen  nicht  rauben;  fiir  das  Leben  der  Gesamtheit  wer- 
den  sie  zur  Bedeutungslosigkeit  verfluchtigt.  Menschenliebe 


sank  zum  kalten  Erbarmen  und  zur  Fiirsorgepflicht  herab 
und  bedeutet  dennoch  den  ethischen  Gipfel  der  Gesamt- 
epoche;  Naturliebe  wurde  zum  sentimentalen  Sonntagsver- 
gniigen;  Gottesliebe,  iiberdeckt  vom  Regiebetriebe  mytho- 
logisch-dogmatischer  Ritualien,  trat  in  den  Dienst  dies- 
seitiger  und  jenseitiger  Interessen  und  wurde  so  nicht  blofi 
unedlen  Naturen  verdachtig.  Es  gibt  wohl  keinen  einzigen 
Weg,  auf  dem  es  dem  Menschen  nicht  moglich  ware,  seine 
Seele  zu  finden,  und  wenn  es  die  Freude  am  Aeroplan  ware* 
Aber  die  Menschheit  wird  keine  Umwege  beschreiten.  Es 
werden  keine  Propheten  kommen  und  keine  Religionsstifter, 
denn  dieser  iibertaubtenZeitwird  keine  Einzelstimme  mehr 
vernehmlich  werden:  sonst  konnte  sie  heute  nocli  auf  Chri- 
stus  und  Paulus  horen.  Es  werden  keine  esoterischen  Ge- 
meinden  die  Fiihrung  iibernehmen,  denn  eine  Geheimlehre 
wird  schon  vom  ersten  Schiller  mifiverstanden,  geschweige 
vom  zweiten.  Es  wird  keine  Einheitskunst  der  Welt  ihre 
Seele  bringen,  denn  die  Kunst  ist  ein  Spiegel  und  ein  Spiel 
der  Seele,  nicht  ihre  Urheberin. 

Das  Grofite  und  Wunderbarste  ist  das  Einfache.  Es  wird 
nichts  geschehen,  als  dafi  die  Menschheit  unter  dem  Druck 
und  Drang  der  Mechanisierung,  der  Unfreiheit,  des  frucht- 
losen  Kampfes  die  Hemmnisse  zur  Seite  schleudern  wird, 
die  auf  dem  Wachstum  ihrer  Seele  lasten.  Das  wird  ge- 
schehen nicht  durch  Griibeln  und  Denken,  sondern  durch 
freies  Begreifen  und  Erleben.  Was  heute  viele  reden  und 
einzelne  begreifen,  das  werden  spater  viele  und  zuletzt  alle 
begreifen:  daiS  gegen  die  Seele  keine  Macht  der  Erde  stand- 
halt. » 

Insofern  solche  Worte  Sehnsuchten  ausdriicken,  und  in- 
sofern  unsere  Zeit  den  Geist  fordert,  kann  man  durchaus 
damit  einverstanden  sein.  Nur  mufi  man  hinzufiigen:  es 
herrscht  hier  ein  vollstandiges  Wissen  von  dem,  was  die 


Zeit  bedarf,  aber  ein  vollstandiges  Unbekanntsein  mit  dem, 
was  diesen  Drang  und  diese  Bediirfnisse  befriedigen  kann. 
Es  herrscht  audi  ein  klares  Urteil,  dafi  der  berechtigte  Indi- 
vidualismus  unserer  Zeit  nicht  mehr  dazu  angetan  ist,  einen 
einzelnen  Religionsstifter  oder  Propheten  aufzunehmen, 
oder  auf  irgendeine  sektiererische  Seite  hin,  die  sich  «eso- 
terisch»  nennen  will,  Geheimschulen  zu  begriinden. 

Wahre  Geisteswissenschaft  wird  weder  das  eine  noch  das 
andere  wollen.  Wahre  Geisteswissenschaft  weift,  wie  das 
richtige  Esoterische  dann  berechtigt  ist,  wenn  es  nicht  zum 
Exoterischen  werden  will,  sondern  innerhalb  seiner  selbst 
stehenbleibt.  Denn  nicht  auf  das,  was  als  ein  Esoterisches 
sich  einleben  will,  wird  es  ankommen,  sondern  auf  das, 
was  sich  in  unsere  Zeit  so  einleben  will,  dafi  es  von  dem 
gesunden  Sinn  aufgenommen  werden  kann.  Insofern  wird 
nicht  die  Autoritat  irgendeines  Propheten  dem  Zeitalter 
geniigen  konnen,  sondern  nur  die  vom  Menschen  und  seiner 
subjektiven  Individuality  ganz  unabhangige  Wahrheit, 
welcher  sich  die  Menschenseele  hingeben  kann,  wenn  sie  es 
nur  will.  Insofern  ist  das,  was  mit  Geisteswissenschaft  hier 
gemeint  war,  gerade  mit  den  Worten  dieses  Praktikers 
Rathenau  getroffen. 

Aber  warum  ist  es  unserem  Zeitalter  so  schwierig,  nun 
wieder  zur  Geisteswissenschaft  zu  kommen?  Warum  tiirmt 
sich.  so  etwas  auf  wie  eine  uniibersteigliche  "Wand  zwischen 
dem  Drang  der  Zeit  und  der  eigentlichen  Geisteswissenschaft? 

Audi  dies  kann  man  zeigen,  worin  die  eigentlichen  Hin- 
dernisse  liegen.  Was  wiirde  zum  Beispiel  jemand  iiber  eine 
Naturwissenschaft  sagen,  die  «Wissenschaft»  sein  will  und 
sich  als  den  Bediirfnissen  des  Menschengeistes  entgegen- 
kommend  erweisen  will,  wenn  der  Mensch,  der  da  Natur- 
wissenschaftler  sein  will,  auf  jede  Frage  nach  dem  Zusam- 
menhange  des  physischen  Menschenleibes  mit  den  natur- 


wissenschaftlichen  Tatsachen  nur  immer  antworten  wiirde: 
Da  ist  diese  oder  jene  Organisation  im  physisdien  Leibe  des 
Menschen;  das  entspricht  dem,  was  audi  draufien  in  der 
Natur  ist.  -  Kann  sich  jemand  eine  ernste  Naturwissen- 
schaft denken,  die  auf  alles,  wonach  man  sie  fragt,  nur 
immer  antwortet:  Das  ist  Natur!  Die  Natur  ist  hinter  den 
Bewegungen  der  Sterne,  die  Natur  ist  hinter  den  chemischen 
Verrichtungen,  Natur,  Natur,  Natur.  -  Ein  Wort  nur! 
Kann  man  sich  vorstellen,  daft  der,  welcher  so  etwas  tate, 
als  ein  ernsthafter  Erkenner  der  Natur  aufgefaftt  wiirde? 

Nun  kann  man  wieder  sagen:  Die  Impulse  der  Menschen- 
seele,  um  in  die  geistige  Welt  hineinzukommen,  sind  in  der 
letzten  Zeit  so  schwache  geworden,  dafi  der  ganz  lebendig 
sich  bekundende  Drang  in  unserer  Zeit  sich  noch  in  gar 
nichts  anderem  aufiert  als  in  dem,  was  in  der  Geisteswissen- 
schaft  ganz  ahnlich  ware  wie  in  der  Naturwissenschaft,  wo 
die  Menschen  nur  immer  schreien  wiirden:  Natur,  Natur, 
Natur!  Sehen  wir  doch  gewichtige  Stimmen  sich  erheben, 
die  energisch  dafiir  eintreten,  dafi  die  naturwissenschaftliche 
Betrachtung  unserer  Zeit  den  Menschen  hinlenken  miisse 
nach  dem  Seelischen.  Aber  sie  kommen  nicht  weiter,  indem 
sie  diese  Hinlenkung  nach  dem  Seelischen  fordern,  als  zu 
betonen:  «Der  Mensch  hat  eine  Seele,  es  gibt  eine  Seele», 
und  so  weiter;  «Seele,  Seele,  Seele  -  Geist,  Geist,  Geist», 
sagen  sie,  so  wie  der  wenig  befriedigende  Naturforscher 
sagen  wiirde:  Natur,  Natur,  Natur! 

Da  sehen  wir  -  und  es  seien  nicht  unbedeutende,  sondern 
durchaus  bedeutende  Tatsachen  angefuhrt  -,  wie  ein  be- 
deutender  Mann  der  Gegenwart  bei  einer  Festfeier  der 
Harvard-Universitat  in  Amerika  eine  Rede  dariiber  hielt, 
wie  eine  allgemeine  Weltanschauung,  welche  zum  Geistigen 
ftihrt,  aus  der  Naturwissenschaft  herausgeboren  werden 
miisse,  Dr.  Eliot,  ein  Mann,  der  fest  auf  dem  Boden  der 


Naturwissenschaft  steht,  der  ein  genauerKenner  der  Natur- 
wissenschaft der  Gegenwart  ist.  Ich  mochte  wirklich  wieder 
eine  Stelle  aus  einer  Rede  anfiihren,  die  an  einem  hervor- 
ragenden  Orte  der  Erde  gehalten  worden  ist.  Dr.  Eliot 
sagte: 

«Die  Menschen  haben  immer  eine  vom  Korper  verschie- 
dene,  obgleich  ihm  innewohnende  Seele  angenommen.  Nie- 
mand  ist  willens,  in  seinem  Korper  aufzugehen.  Im  Gegen- 
teil  glaubt  jetzt  jedermann,  und  alle  Menschen  haben  dies 
geglaubt,  dafi  es  im  Menschen  ein  belebendes,  herrschendes, 
eigenartiges  "Wesen  oder  einen  Geist  gibt,  der  er  selber  ist. 
Dieses  ist  etwas  gerade  so  Wirkliches,  als  der  Korper,  und 
Charakteristisches  . . .  Dieser  Geist  oder  diese  Seele  ist  der 
wirksamste  Teil  des  menschlichen  Wesens,  er  wird  als  sol- 
dier erkannt,  und  dies  war  immer  der  Fall.» 

Weiter  sagt  Dr.  Elliot  nichts,  als  da£  er  auf  die  «Seele» 
hinweist,  analog  dem,  wie  wenn  jemand  immer  nur  auf  die 
«Natur,  Natur,  Natur»  hinweisen  wiirde.  Wir  sind  eben 
in  unserer  Zeit  noch  nicht  so  weit,  dafi  sich  dieDenkgewohn- 
heiten  in  bezug  auf  den  Geist  diesem  ebenso  anbequemen 
wiirden,  wie  bei  der  Natur.  InderNaturwissenschaftunter- 
scheiden  wir  SauerstofF  und  Wasserstoff  im  Wasser,  und 
wir  sagen  nicht:  Sauerstoff  und  Wasserstoff  gehoren  der 
«Natur»  an. -Da  gehen  wir  auf  die  Einzelheiten  der  Natur 
ein.  Ebenso  mufi  die  Geisteswissenschaft  dahin  kommen, 
dasjenige,  was  in  der  Seele  als  Krafte  und  als  Betatigungen 
lebt,  nicht  nur  auf  ein  «allgemein  Geistiges»  zu  beziehen, 
sondern  auf  eine  geistige  Welt,  auf  ein  konkretes  Reich  des 
Geistes,  das  unterschieden  wird,  das  im  einzelnen  beschrie- 
ben  wird  wie  die  einzelnen  Tatsachen  der  Naturwissenschaft. 

Erst  wenn  die  Geisteswissenschaft  so  dastehen  wird  vor 
der  Betrachtung  der  einzelnen  Tatsachen  der  Menschenseele, 
wie  die  Naturwissenschaft  vor  der  Betrachtung  der  ein- 


zelnen  Naturtatsachen  steht,  wird  sie  der  Menschenseele 
das  geben  konnen,  was  die  Seele  verlangt.  Zu  zeigen,  wie 
diese  Wege  sind,  dazu  ist  der  nachste  Vortrag  bestimmt. 
Aber  das  sollte  vor  alien  Dmgen  auseinandergesetzt  wer- 
den,  wie  in  unserer  Zeit  der  Drang  nach  etwas  vorhanden 
ist,  iiber  dessen  Bedeutung  und  Wesenheit  man  sich  noch 
nicht  klar  ist,  und  wie  der  Geisteswissenschaft  in  unserer 
Zeit  die  Aufgabe  erwachst,  eine  Erkenntnis  des  Geistigen 
zu  bringen,  wie  die  Naturwissenschaft  eine  Erkenntnis  der 
Naturtatsadien  bringt.  Und  so  wie  es  die  Naturwissenschaft 
als  ihre  Aufgabe  betrachtet,  einen  Stoff,  der  sich  audi  im 
menschlichen  Leibe  findet,  in  seiner  Entwickelung  draufien 
in  der  Welt  zu  verfolgen,  um  den  ganzen  Zusammenhang 
zu  erkennen,  so  wird  es  die  Geisteswissenschaft  als  ihre 
Aufgabe  betrachten,  irgendeine  Betatigung  der  mensch- 
lichen Seele  auf  die  geistigen  Krafte  und  die  geistigen 
Schopfungsprinzipien  draufien  im  Weltall  zuriickzufiihren. 

Daraus  wird  sie  aber  audi  erkennen,  wie  das,  was  in  der 
menschlichen  Seele  lebt,  sich  zu  dem  ganzen  Weltall,  zu 
Raum  und  Zeit  verhalt.  Nur  dadurch  kann  sie  zu  den  Ant- 
worten  auf  die  Ratsel  der  Unsterblichkeit  und  des  Schick- 
sals  des  Menschen  zwischen  dem  Tode  und  einer  nachsten 
Geburt  kommen.  Nicht  das  abstrakte  Hinweisen  auf  «Geist» 
und  «Seele»  im  allgemeinen  kann  zu  etwas  Erspriefilichem 
fiihren.  Das  wird  immer  nur  zum  Zweifel  gegeniiber  den 
wahren  Antworten,  zum  Beispiel  iiber  die  Unsterblichkeits- 
frage,  fiihren.  Erst  wenn  man  sieht,  wie  an  etwas  ganz 
anderes  angekniipft  ist,  das  im  Zeitenlaufe  nicht  der  Ver- 
ganglichkeit  unterworfen  ist,  werden  sich  diese  Fragen  aus 
der  Geisteswissenschaft  heraus  beantworten  lassen. 

Wenn  man  dies  bedenkt,  darf  man  aller dings  sagen:  Die 
Aufgaben  der  Geistesforschung  fur  Gegenwart  und  Zu- 
kunft  stellen  sich  ahnlich,  wie  sich  die  Aufgaben  der  Natur- 


wissenschaft  gerade  bei  der  Morgenrote  der  naturwissen- 
schaftlichen  Entwicklung  in  der  neueren  Zeit  gestellt  haben. 
"Wie  man  zur  Zeit  des  Kopernikus,  Galilei,  Kepler  und  so 
weiter  die  alten  Traditionen  uberwand  und  den  mensch- 
lichen  Geist  selber  auf  die  naturwissenschaftlichen  Tatsachen 
hinlenkte,  und  wie  durch  Verfolgung  dieses  Weges  bis  in 
unsere  Zeit  herein  eine  gewisse  Fiille  der  naturwissenschaft- 
lichen  Errungenschaflen  entstanden  ist,  so  mufi  es  unserer 
Zeit  die  ernsteste  Aufgabe  sein,  in  ausfuhrlicher  Art  eine 
Geisteswissenschaffc  zu  begrunden  und  die  Wege  zu  zeigen, 
welche  die  Seele  zu  den  einzelnen  geistigen  Wesenheiten 
und  den  einzelnen  geistigen  Tatsachen  zu  gehen  hat. 

Leicht  hat  es  die  Naturwissenschaft  nicht  gehabt.  Sie  hat 
auch  ankampfen  miissen  gegen  Hindernisse,  wie  wir  sie 
heute  wieder  gegenuber  der  Geisteswissenschaft  haben.  Ofter 
habe  ich  auf  solche  Hindernisse  hingewiesen.  So  suchte  zum 
Beispiel  Galilei  den  Menschen  seiner  Zeit  klarzumachen, 
wie  man  durch  das  ganze  Mittelalter  hindurch  geglaubt 
hatte,  dafi  die  Nerven  des  Menschen  vom  Herzen  aus  gin- 
gen,  und  er  wollte  zeigen,  wie  die  Nerven  vom  Gehirn  aus 
gehen.  Da  sagte  ihm  em  Freund:  Das  widerspricht  allem, 
was  Aristoteles  gelehrt  hat.  -  Abgesehen  davon,  dafi  es 
Aristoteles  gar  nicht  so  gemeint  hat,  hat  man  aber  doch 
geglaubt,  dafi  die  Nerven  des  Menschen  vom  Herzen  aus 
gehen.  Das  ganze  Mittelalter  hat  nicht  auf  die  Natur  selbst 
hingeschaut,  sondern  nur  alte  Traditionen  und  Vorurteile 
fortbewahrt.  Als  nun  Galilei  seinem  Freunde  am  Leichnam 
zeigte,  er  solle  sich  davon  iiberzeugen,  dafi  die  Nerven  vom 
Gehirn  aus  gehen,  da  entgegnete  ihm  dieser:  Wenn  ich  es 
mir  anschaue,  so  sieht  es  so  aus,  als  ob  die  Nerven  des 
Menschen  vom  Gehirn  aus  gehen,  aber  das  widerspricht 
Aristoteles,  und  wenn  ich  in  Konflikt  komme  mit  Aristoteles, 
so  glaube  ich  dem  Aristoteles  und  nicht  der  Natur. 


So  stark  konnen  sich  die  Vorurteile  der  Menschen  auftiir- 
men.  Und  als  spater,  ganz  im  Galileischen  Sinne,  Francesco 
Redi  das  noch  zu  seiner  Zeit  herrschende  Vorurteil  um- 
warf,  lebendige  Wesen  konnten  sich  aus  etwas  Unleben- 
digem  entwickeln,  niedere  Tiere,  Wiirmer  und  dergleichen 
konnten  aus  Flufischlamm  entstehen,  als  er  den  Satz  aus- 
sprach:  «Lebendiges  kann  nur  aus  Lebendigem  entstehen», 
und  es  sei  nur  eine  ungenaue  Beobachtungsweise,  wenn 
man  glaube,  dafi  aus  dem  Flufischlamm,  in  welchem  kein 
Keim  war,  Wiirmer  hervorgehen  konnten,  da  entging  er 
nur  mit  knapper  Not  dem  Schicksale  des  Giordano  Bruno. 

Wenn  nun  heute  der  geisteswissenschaftliche  Forscher  sagt: 
Wenn  ihr  glaubt,  dafi  bei  einem  sich  entwickelnden  Kinde 
alles,  was  es  seelisch  hervorbringt,  nur  durch  die  Vererbung 
von  den  Eltern  und  Voreltern  bedingt  sei,  so  beobachtet  ihr 
ungenau;  es  rvihrt  vielmehr  von  einem  geistigen  Keime 
her,  der  schon  durch  ein  fruheres  Erdenleben  ging,  auf  der 
Erde  war,  und  dann  ein  Leben  im  Geistigen  durchgemacht 
hat,  —  wenn  so  die  Geisteswissenschaft  auf  einen  geistigen 
Keim  hinweist,  wie  Francesco  Redi  auf  den  materiellen 
Keim  hingewiesen  hat,  dann  stehen  ihr  wieder  die  Vor- 
urteile der  Zeit  entgegen.  Wenn  man  auch  heute  nicht  mehr 
verbrennt,  so  hat  man  heute  andere  Mittel,  um  solche  ket- 
zerische  Behauptungen  unschadlich  oder  wenigstens  lacher- 
lich  zu  machen.  Die  Art,  wie  die  Zeit  ihre  Menschen  behan- 
delt,  wird  zwar  von  Epoche  zu  Epoche  eine  andere,  aber  es 
bleibt  das  Wesen  der  Vorurteile  immer  dasselbe.  In  ahn- 
licher  Weise  steht  heute  die  Zeit  zu  der  Erforschung  der 
geistigen  Bedurfnisse,  wie  sie  in  der  Zeit  der  Mor gemote 
der  naturwissenschafllichen  Entwicklung  zu  den  damaligen 
naturwissenschaftlichen  Bediirfnissen  gestanden  hat.  Und 
wenn  die  Naturwissenschaft  durch  ihre  Friichte  der  Mensch- 
heit  eine  Erhohung  der  aufieren  Kultur  gebracht  hat,  so 


werden  die  Friichte  der  Geisteskultur  noch  ganz  andere 
sein.  Sie  werden  vor  allem  Friichte  fiir  das  Leben  der  Seele 
sein. 

Wie  leidet  heme  mancher  Mensch  praktisch  unter  den 
naturwissenschaftlichen  Vorurteilen!  Da  steht  ein  Mensch, 
und  wenn  er  ein  naturwissenschaftlicher  Glaubiger  und  den 
Geist  Ablehnender  ist,  so  sagt  er  sich  wohl:  Da  habe  ich 
eine  gewisse  Art  der  Individuality  an  mir;  ich  schaue 
hinauf  zu  meiner  Blutsverwandtschaft  und  mufi  erkennen, 
wie  ich  das  Ergebnis  der  Vererbung  seitens  dieser  meiner 
Blutsverwandtschaft  bin.  -  Dann  senkt  sich  Depression, 
Energielosigkeit  und  Unfahigkeit  des  Ankampfens  gegen 
ein  Schicksal  in  manche  Seele.  Denn  wenn  es  so  ware,  daft 
der  Mensch  nur  das  Ergebnis  der  Vererbung  ware,  dann 
wiirde  es  ebenso  unmoglich  sein,  die  schlimmen  Wirkungen 
der  Vererbung  aufzuhalten,  wie  es  unmoglich  ist,  den  Blitz, 
der  gegen  einen  Menschen  zuckt,  aufzuhalten.  Wenn  aber 
die  Geisteswissenschaft  nicht  blofi  eine  Theorie  bleibt,  son- 
dern  Kraft  der  Seele  wird,  so  dafi  wir  wissen:  in  uns  lebt 
ein  seelischer  Kern,  der  das,  was  die  Vererbungslinie  gege- 
ben  hat,  nur  als  aufiere  Hiille  an  sich  tragt,  und  der  in  sich 
immer  tiefere  und  tiefere  Krafte  suchen  mufi  -  dann  wachst 
der  Mut,  die  Hoffnung,  die  Energie,  um  das,  was  sich  im 
aufieren  korperlichen  Dasein  als  Schwache  zeigt,  durch  das 
Geistige  zu  beherrschen  und  zu  verbessern.  Da  gibt  es  dann 
keinen  Augenblick  im  Menschenleben  mehr,  wo  man  nicht 
im  Hinblick  auf  die  geistigen  Krafte  im  Menschen  die 
Sicherheit  gewinnen  kann,  aufiere  Hindernisse  zu  uber- 
winden. 

So  ist  es  auf  vielen  Gebieten.  SovermagderblofieGlaube 
an  das  Materielle,  in  welches  das  Seelenleben  eingespannt 
sein  soli,  unser  Gluck,  unsere  Energie  herabzudriicken,  und 
so  vermag  dagegen  die  Geisteswissenschafl,  wenn  sie  zur 


lebendigen  inneren  Kraft  der  Seele  wird,  uns  Sicherheit  zu 
geben  gegen  alle  Mechanisierung  des  Lebens.  Das  ist  eine 
andere  Aufgabe  der  Geisteswissenschafl,  dafi  sie  auf  alien 
Gebieten  die  MogHchkeiten  schafTen  wird,  sicher  und  gesund 
dem  Leben  gegenuberzustehen.  -  Dr.  Eliot  verspricht  audi 
eine  gesunde  Wissensdiafl  in  seiner  Art.  Er,  der  zwar  audi 
den  Drang  der  Seele  zu  dem  Geiste  kennt,  aber  sich  so  ver- 
halt  wie  der  Naturerkenner,  der  bei  allem  nur  immer  von 
«Natur,  Natur,  Natur»  spredien  wiirde,  ersagt:  Einesolclie 
neue  Wissensdiafl  wird  nicht  wie  die  alte  von  Tod  und 
Trauer  reden,  sondern  von  Leben  und  Freude. 

Das  glaube  ich  gern,  dafi  die  Seele  gar  sehr  nach  einer 
Weltanschauung  verlangt,  die  nach  «Leben  und  Freude» 
drangt,  die  ablehnen  will  und  nicht  an  sich  herankommen 
lassen  will  «Tod  und  Trauer »,  auf  welche  vielfach  alte 
Weltanschauungen  zuriickgingen,  die  vor  allem  das  Ratsel 
des  Todes  vor  den  Menschen  hinstellten.  Das  glaube  ich 
gern,  da£  die  Menschen  Tod  und  Trauer  abzulehnen  ver- 
langen.  Aber  Tod  und  Trauer  -  kommen  von  selber.  Die 
Menschen  mogen  noch  so  sehr  sich  wehren  und  sagen,  sie 
wollen  Tod  und  Trauer  in  ihren  Weltanschauungen  ab- 
lehnen, sie  wollen  Leben  und  Freude  haben.  Aber  Tod 
und  Trauer  kommen  von  selber,  und  dann  mu£  man  mit 
ihnen  fertig  werden.  Man  wird  aber  nur  mit  ihnen  fertig, 
wenn  man  den  lebendigen  Geist  kennt,  welcher  das  Leben 
audi  dort  fortsetzt,  wo  die  aufiere  Natur  Tod  und  Trauer 
hinsetzt,  und  der  audi  das  schopf  erische  Prinzip  in  Schmerz, 
Leid  und  Trauer  kennt.  Das  werden  wir  noch  sehen,  daft 
die  Geisteswissenschafl,  wie  sie  hier  gemeint  ist,  das  schein- 
bar  Entwicklungshemmende,  das  Bose,  das  dem  Leben 
Widersprechende,  doch  als  die  Welt  vorwartsbringend  und 
dem  Leben  dienend  anzusehen  vermag. 

Man  konnte  sagen:  Was  die  Wahrheit  der  Geistesfor- 


schung,  wie  sie  nicht  aus  der  Willkiir  eines  einzelnen,  son- 
dern  aus  dem  folgt,  was  der  Mensch  heute  erkennen  kann, 
wenn  er  die  Umwelt  richtig  durch  die  Wege  der  Seele  zu 
einer  geistigen  Erkenntnis  auffafit,  was  diese  Wahrheit  im 
ganzen  Weltenzusammenhange  bedeuten  kann,  das  kann 
sich  in  dem  Vergleiche  darstellen,  wie  sich  der  geisteswissen- 
schaftliche  Forscher  verhalt  zu  dem  naturwissenschaftlichen 
Welterkenner  in  der  Morgenrote  der  neueren  Zeit.  Schauen 
wir  hin  auf  Giordano  Bruno,  bei  dem  die  Weltanschauung 
des  Kopernikus  am  pragnantesten  zum  Ausdruck  kommt! 
Wie  steht  er  da  in  seiner  Zeit?  Er  nimmt  die  Gesetze  des 
Kopernikanismus  auf,  richtet  den  Blick  hinaus  in  die  Rau- 
mesweiten.  Vorher  gab  es  eine  Weltanschauung,  die  sich  nur 
auf  die  au£ere  Sinnesanschauung  verlassen  hat.  Wenn  man 
heute  hort,  dafi  alles  unsicher  sei,  was  nicht  von  der  ge- 
brauchlichen  Wissenschafl  erforscht  ist,  so  konnte  man  ein- 
wenden:  Es  sehe  doch  die  Wissenschafl  hin  auf  die  Zeit  des 
Kopernikus  und  des  Giordano  Bruno!  Solange  man  sich  in 
bezug  auf  den  Sternenhimmel  auf  das  verlassen  hat,  was 
sich  dem  Auge  darbietet,  hatte  man  von  dem  aufieren  Welt- 
system  nicht  die  richtige  Anschauung,  sondern  erst,  als  man 
uber  die  aufiere  Sinnesanschauung  hinausging  und  sich  den 
Gedanken  hingab,  hat  man  durch  die  innere  Energie  das 
gefunden,  was  man  heute  als  wahr  erkannt  hat. 

Erst  als  Kopernikus  und  Giordano  Bruno  so  weit  waren, 
dafi  sie  die  Tauschung  des  Sinnenscheins  iiberwanden,  konn- 
ten  sie  darauf  hinweisen,  wie  irrig  der  bisherige  Glaube  der 
Menschen  war,  die  Erde  sei  etwas  fest  im  Raume  Stehendes, 
urn  sie  herum  kreisten  Mond,  Sonne  und  die  Planeten,  dann 
kame  die  Fixsternsphare,  und  dahinter  sei  gleichsam  die 
sogenannte  achte  Sphare,  die  begrenze  alles.  Giordano 
Bruno  stellte  sich  hin  und  sagte  den  Menschen:  Wenn  ihr 
den  Blick  in  den  Himmelsraum  hinausrichtet,  dann  ist  keine 


«achte  Sphare»  da,  die  macht  ihr  euch  selbst;  sondern  da  ist 
das  blaue  Firmament,  und  ausgefullt  sind  die  Raumes- 
weiten  mit  Welten,  wie  die  unsrige  ist,  und  wir  sehen  hin- 
aus  in  ein  Meer  von  Unendlichkeit,  wenn  wir  nur  die  Grenze 
zu  iiberwinden  vermogen,  die  wir  uns  selbst  gesteckt  ha- 
ben!  -Diese  Oberwindung  der  Raumesgrenze  war  die  Grofie 
der  kopernikanischen  und  der  Giordano  Brunoschen  Welt- 
anschauung,  indem  erkannt  wurde:  weil  der  Blick  des  Men- 
schen  nidit  weiter  reichte,  glaubte  man  an  eine  achte  Sphare, 
wahrend  in  Wahrheit  die  Raumesweiten  unbegrenzt  sind. 

Heute  stent  die  Menschheit  in  bezug  auf  die  Geistes- 
wissenschafl: ganz  auf  demselben  Boden.  Wie  Giordano 
Bruno  zeigte,  da£  das  blaue  Himmelsgewolbe  nur  deshalb 
da  ist,  weil  der  Blick  des  Menschen  nicht  weiter  reiclit,  so 
zeigt  die  Geisteswissenschafl,  dal$  das  Menschenleben  zwi- 
schen  Geburt  und  Tod  nur  deshalb  begrenzt  ist,  weil  der 
Blick  des  gewdhnlichen  Menschen  nur  bis  dahin  geht.  Eben- 
sowenig,  wie  fur  die  Betrachtung  des  Weltenraumes  das 
Firmament  eine  Grenze  ist,  ebensowenig  sind  Geburt  und 
Tod  eine  Grenze  fur  die  Menschenbetrachtung,  die  wir  nur 
aufrichten,  weil  der  Blick  des  gewohnlichen  Menschen  nur 
so  weit  reicht.  Wie  durch  die  Naturwissenschaft  die  raum- 
liche  Begrenzung  der  Welt  hinweggeschafrt  und  der  Welten- 
raum  erschlossen  wurde,  so  werden  heute  die  Grenzen  von 
Geburt  und  Tod  durch  die  Geisteswissenschafl  fiir  den  Men- 
schen hinweggeschafft,  indem  sie  den  geistigen  Blick  hin- 
auszurichten  lehrt  in  das  Leben  der  Seele  in  der  ewigen 
Dauer,  so  wie  die  Naturwissenschaft  in  der  Morgenrote  der 
neueren  Zeit  den  Blick  hinausgerichtet  hat  in  die  Ewigkeit 
oder,  besser  gesagt,  in  die  Unendlichkeit  des  Raumes.  Ganz 
dasselbe,  heute  wie  damals,  nur  auf  einem  anderen  Gebiete! 

So  wahr  die  Naturwissenschaft,  die  sich  an  das  auftere 
Menschenleben  und  an  die  aufiere  Erkenntnis  des  Men- 


schenlebens  gewendet  hat,  unendliche  Vorteile  und  Errun- 
genschaften  gebracht  hat,  so  wahr  audi  wird  dem,  was  die 
Seele  zu  ihrem  Leben  braucht,  der  iiber  Geburt  und  Tod, 
iiber  Zeitliches  erweiterte  Blick  der  Menschenseele  unend- 
liche Werte  bringen.  Denn  die  geisteswissenschaftliche  For- 
schung  wird,  wenn  sie  richtig  getrieben  wird,  ubergehen  in 
die  Menschenseele  und  wird  dort  Leben  werden,  wird  Kraft 
und  Zuversicht  werden,  wird  uns  hineinstellen  in  den  gan- 
zen  sozialen  Zusammenhang  und  der  Seele  das  bringen, 
wonach  die  Seelen,  die  nur  ein  biiSchen  zu  verstehen  be- 
ginnen,  sich  so  sehr  sehnen. 

Durchaus  wahr,  nicht  nur  in  der  Theorie,  sondern  im 
Leben  und  in  der  Kraft,  wird  die  Geisteswissenschaft  das 
machen,  was  ich  schon  einmal  in  einige  Worte  zusammen- 
zufassen  versuchte,  mit  denen  ich  auch  heute  meine  Be- 
trachtung  schlieJSen  will,  die  zeigen  sollte,  was  Geist  und 
Sinn  und  Ziel  der  Geisteswissenschaft  ist,  und  was  diese 
Geisteswissenschaft  der  menschlichen  Seele  sein  soli.  Sinn 
und  Ziel  der  Geisteswissenschaft,  wir  konnen  sie  etwa  so 
fassen: 

Es  sprechen  zu  dem  Menschensinn 
Die  Dinge  in  den  Raumesweiten; 
Sie  wandeln  sich  im  Zeitenlauf . 
Erkennend  dringt  die  Menschenseele, 
Unbegrenzt  von  Raumesweiten 
Und  unbeirrt  vom  Zeitensein, 
In  das  Reich  des  Geistes  ein. 


DIE  WEGE  DER  OBERSINNLICHEN 
ERKENNTNIS 


Berlin,  21.  November  1912 


Sdion  in  den  einleitenden  Vortragen  zu  dem  diesjahrigen 
Winterzyklus  wurde  des  ofteren  darauf  hingewiesen,  wel- 
ches die  Quellen  der  iibersinnlichen  Erkenntnisse  des  Men- 
sclien  sind,  jener  Erkenntnisse,  von  denen  -  und  audi  von 
ihrer  Beziehung  zu  der  Welt,  in  der  wir  leben  -  dieser  ganze 
Vortragszyklus  handeln  soil.  Es  wurde  darauf  hingewiesen, 
wie  diese  Quellen  iibersinnlicher  Erkenntnisse  in  der  Men- 
schenseele,  in  jeder  Menschenseele  selber  liegen,  in  ihr  als 
schlummernde  Krafte  und  Fahigkeiten  liegen,  welclie  durch 
geeigneteMittel  im  intimen  inneren  Er leben  hervorgebracht 
werden  konnen,  so  dafi  der  Mensch  fahig  werden  kann,  in 
die  geistigen  Welten  hineinzuschauen.  Die  Entwicklung  die- 
ser in  der  Seele  schlummernden  Fahigkeiten  soli  am  heu- 
tigen  Abend  mit  einigen  Strichen  gezeichnet  werden.  Weitere 
Ausfiihrungen  zu  dem  heute  Darzustellenden  werden  sich 
dann  in  den  nachsten  Vortragen  ergeben. 

Wenn  es  sich  darum  handelt,  zunachst  begreiflich  zu  ma- 
chen,  wie  die  in  der  Seele  schlummernden  iibersinnlichen  Er- 
kenntniskrafte  hervorgeholt  werden,  so  kann  man  immer  auf 
eine  Erscheinung,  auf  eine  Tatsache  hinweisen,  die  sich  mit 
jedem  Menschen  im  Verlaufe  von  vierundzwanzig  Stunden 
abspielt:  auf  den  Wechsel  von  Schlaf  und  Wachen.  Der 
Mensch  geht  ja  gewohnlich  gerade  an  denjenigen  Lebens- 
ratseln  vorbei,  die  taglich  als  etwas  Gewohntes  in  das  Le- 
ben hereinspielen,  und  das  Seltene  und  durch  seine  Selten- 


heit  Bedriickende  wird  in  den  meisten  Fallen  leicht  die 
Sehnsucht  hervorrufen,  als  Ratselfrage  gelost  zu  werden. 
Ober  solche  bedriickende  Lebensratsel  soil  im  nachsten  Vor- 
trage  hier  gesprochen  werden.  Heute  aber  soli  von  einem 
Ratsel  ausgegangen  werden,  das  sich  allerdings  in  seiner 
Ratselhaftigkeit  nur  deshalb  dem  Menschen  entzieht,  weil 
er  die  betreffende  Erscheinung  eben  so  gewohnt  ist,  namlich 
der  Wechsel  von  Schlaf  und  Wachen. 

Wir  miissen  zur  Aufrechterhaltung  unseres  Lebens  mit 
jedem  Tage  axis  dem  Zustande  der  Bewufkheit  in  den- 
jenigen  der  Unbewufitheit  tibergehen.  Was  ist  denn  ge- 
schehen  -  wir  brauchen  es  nur  popular  anzudeuten  -,  wenn 
der  Mensch  in  den  unbewulken  Zustand  des  Schlafes  iiber- 
geht?  Die  Aufnahmefahigkeit  der  Sinne  hort  auf,  die  Be- 
wegungsfahigkeit  der  organischen  Glieder  hort  auf,  das 
Denken,  das  ja  an  die  Tatigkeit  des  Gehirns  gebunden  ist, 
insofern  es  sich  in  der  au£eren  Welt  betatigt,  hort  auf.  Wir 
fiihlen  im  Einschlafen  alle  die  Tatigkeiten  und  alleBewufit- 
seinserfiillung,  welche  uns  den  Tag  liber  ausfiillt,  versin- 
ken.  Es  ware  fur  jeden  unbefangen  Urteilenden  schon  eine 
logische  Unmoglichkeit,  zu  denken,  dafi  dasjenige,  was  im 
bewu£ten  Zustande  vom  Morgen  bis  zum  Abend  in  un- 
serer  Seeie  auf  und  ab  wogt  als  unsere  Vorstellungen,  unsere 
Gefuhle,  Empfindungen,  Affekte,  Leidenschaften,  ja,  als 
unsere  Ideale  und  Ideen,  mit  dem  Einschlafen  seiner  eigent- 
lichen  Wesenheit  nach  jedesmal  ins  «Nichts»  iiberginge  - 
und  am  nachsten  Morgen  wieder  entstehen  wiirde.  Nur 
eine  logische  Befangenheit  kann  leugnen,  dafi  des  Men- 
schen geistig-seelischer  Wesenskern  auch  vorhanden  ist,  wah- 
rend  der  Mensch  in  der  Bewufitlosigkeit  des  Schlafes  ist. 

Wenn  wir  heute  zunachst  einmal  hypothetisch  voraus- 
setzen  -  die  folgenden  Vortrage  sollen  diese  Voraussetzung 
rechtf ertigen    dafi  der  Mensch,  wahrend  er  in  der  Bewufit- 


losigkeit  des  Schlafes  ist,  sich  mit  seinem  eigentlich  geistig- 
seelischen  Wesenskerne  gewissermaflen  herausgezogen  hat 
aus  dem  physischen  Leib  und  den  diesen  physischen  Leib 
belebenden  Kraften,  und  daft  er  dann  in  einer  geistigen 
Welt  lebt,  so  liegt  es  zunachst  als  Annahme,  als  Vermutung 
nicht  fern,  dafi  im  Menschen  der  Grund  zu  suchen  ist,  wenn 
er  mit  seinem  geistig-seelischen  Wesenskerne  aus  seinem 
Leibe  herausgezogen,  nicht  ebenso  seine  Umgebung  wahr- 
nehmen  kann,  wie  er  sie  wahrnimmt,  wenn  er  in  der  phy- 
sischen Welt  sich  seiner  Augen,  seiner  anderen  Sinneswerk- 
zeuge  und  des  Instrumentes  des  Gehirnes  bedient.  Es  liegt, 
sage  ich,  nicht  fern,  zu  denken,  dafi  des  Menschen  geistig- 
seelische  Krafte  zunachst  darauf  angewiesen  sind,  sich  im 
gewohnlichen  Leben  der  Sinne  und  des  Gehirnes  zu  be- 
dienen,  um  eine  Welt  um  sich  zu  haben,  und  dafi  sie,  wenn 
sich  der  Mensch,  wie  im  Schlafe,  der  Moglichkeit  entledigt, 
durch  diese  Instrumente  wahrzunehmen,  zu  gering,  zu 
schwach  sind,  um  das  wirklich  zu  schauen,  wirklich  zu  emp- 
finden  und  zu  denken,  was  sie  dann  wahrnehmen  konnten. 

Als  richtig  erweisen  konnte  sich  eine  solche  Vermutung 
nur  dann,  wenn  wirklich  die  Moglichkeit  vorhanden  ware, 
die  Krafte,  welche  man  da  als  schwache  vermutet,  tatsachlich 
aus  ihrer  Verborgenheit  hervorzuholen,  etwa  wenn  man 
imstande  ware,  die  seelischen  Krafte,  die  im  gewohnlichen 
normalen  Leben  gewissermafien  «dunn»  sind,  in  sich  zu 
verdichten,  in  sich  zu  konzentrieren,  so  dafi  dann  nicht  das 
eintreten  miiEte,  was  der  Mensch  im  Schlafe  erlebt,  wenn  er 
aufhort,  sich  seiner  Sinne  oder  seines  Gehirnes  zu  bedienen, 
sondern  dafi  es  auch  einen  Zustand  geben  konnte,  der  dem 
Schlafe  ahnlich  ist,  und  doch  wieder  in  einer  gewissen  Be- 
ziehung  ihm  vollstandig  entgegengesetzt  ist.  Ahnlich  mufite 
dieser  Zustand  dem  Schlafe  darin  sein,  dafi  der  Mensch 
nicht  gezwungen,  wie  beim  Einschlaf  en,  sondern  willkurlich, 


durch  seine  inneren  Krafte,  durch  seinen  Willen  das  Sich- 
zuriickziehen  aus  den  Sinnen  oder  aus  dem  Gehirn  hervor- 
rufen  wiirde;  so  dafi  er  es  bewirken  konnte,  dafi  er  zwar 
vollstandig  wach  ist,  aber  nicht  durch  seine  Augen  seine 
Umgebung  sieht,  audi  durch  die  anderen  Sinne  nichts  wahr- 
nimmt,  sondern  die  Augen  und  die  anderen  Sinne  zum 
vollstandigen  Schweigen  bringt.  Mit  anderen  Worten,  dafi 
er  alle  Sinnestatigkeit  durch  semen  Willen  vollstandig  un- 
terdriicken  kann,  da£  er  ebenso  das  gewohnliche  Denken 
unterdriicken  kann,  jenes  Denken,  das  sich  im  alltaglichen 
Leben  durch  die  Vorstellungen  uber  die  aufiere  physisch- 
sinnliche  Welt  betatigt.  Ferner  miifke  der  Mensch,  wenn  er 
so  durch  seine  Willkiir  unterdriicken  konnte,  was  ihn  sonst 
zum  Wahrnehmen  bringt,  imstande  sein,  in  seinem  geistig- 
seelischen  Wesenskerne  nun  nicht  zu  der  Bewufklosigkeit 
des  Schlafes  zu  kommen,  sondern  Krafte  zu  konzentrieren, 
die  sonst  schwach,  diinn  sind,  so  dafi  er  sich  auch  ohne  seinen 
Leib,  aufierhalb  seines  Leibes,  richtig  betatigen  kann. 

Es  entsteht  die  Frage,  ob  das,  was  jetzt  eben  ausgespro- 
chen  worden  ist,  sich  irgendwie  verwirklichen  lafit.  Das 
kann  natiirlich  nur  durch  die  Tatsachen  beantwortet  wer- 
den,  welche  der  Mensch  an  sich  selber  hervorruft,  namlich 
einfach  durch  die  Tatsache,  dafi  er  in  die  Lage  kommt,  auf 
seine  Seele  Mktel  anzuwenden,  durch  welche  das  eben  Cha- 
rakterisierte  eintritt.  Durch  die  Anwendung  solcher  Mittel 
auf  die  Seele  kommt  man  zu  iibersinnlichen  Erkenntnissen. 
Der  Weg  zur  iibersinnlichen  Erkenntnis  ist  keiner,  der  durch 
auftere  Mittel  fiihrt,  der  etwa  allerlei  bloft  in  der  aufieren 
Welt  vorhandene  Machinationen  erfordert,  sondern  er  ist 
ein  intimer  Seelenweg,  und  alles,  was  fur  ihn  vorgenommen 
werden  mufi,  spiel t  sich  in  den  Tiefen  des  seelischen  Lebens 
selber  ab. 

Nun  gibt  es,  wenn  wir  in  die  Welten  hinaufsteigen  wol- 


len,  welche  uns  die  aufiere  Welt,  in  der  wir  leben,  erklaren 
sollen,  wenn  wir  also  in  die  ubersinnlichen  Welten  hinauf- 
steigen  wollen,  drei  Stufen,  die  wir  iibersteigen  miissen. 
Eine  eingehendere  Darstellung  dieser  drei  Stufen  befindet 
sich  in  dem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  ho- 
heren  Welten  ?».  Hier  sollen  sie  aber  mit  einigen  kurzen 
Strichen  nur  angedeutet  werden.  Bei  der  Bezeichnung  dieser 
drei  Stufen  bitte  ich  Sie,  sich  nicht  an  Worten  zu  stolen. 
Die  Worte  sind  zum  Teil  so,  dafi  sie  heute  in  der  gebrauch- 
lichen  Sprache  fiir  etwas  ganz  anderes  angewendet  werden, 
als  hier  gemeint  ist,  und  zum  Teil  haben  diese  Worte  keinen 
guten  Klang  in  den  Denkgewohnheiten  der  Gegenwart, 
weil  sie  fiir  alle  moglichen  Dinge  angewendet  werden,  die 
man  ungenau  oder  unklar  erkennt,  oder  auch  fiir  solche,  die 
man  mit  Recht  abweist.  Dadurch  wird  zuweilen  schon  eine 
Art  Gef  iihlsbetonung  hervorgeruf  en,  wenn  man  diese  Worte 
hort.  Allein  es  ist  leicht  einzusehen,  daft  es  fiir  die  Dinge, 
die  hier  zu  besprechen  sind,  in  einem  gewissen  Grade  so  sein 
mufi,  denn  unsere  Sprache  ist  einmal  fiir  die  aufiere  Welt 
da.  Daher  miissen  die  Worte  fiir  die  Bezeichnungen  ent- 
lehnt  werden  aus  der  aufteren  Welt  und  konnen  deshalb 
nie  genau  fiir  das  passen,  was  aufierhalb  der  aufieren  Sinnes- 
welt  liegt,  fiir  welche  die  Sprache  geschaff en  ist. 

Die  erste  Stufe  der  hoheren,  der  ubersinnlichen  Erkennt- 
nis  ist  die  sogenannte  Imagination,  die  imaginative  Er- 
kenntnis,  wobei  ich  Sie  eben  bitte,  damit  der  Irrtum  nicht 
entsteht,  von  dem  eben  gesprochen  worden  ist,  unter  dieser 
Imagination  fiir  heute  nur  das  zu  verstehen,  was  ich  sogleich 
charakterisieren  werde.  Die  zweite  Stufe  der  ubersinnlichen 
Erkenntnis  ist  die  Inspiration,  und  die  dritte  Stufe  ist  das, 
was  man,  wenn  man  das  Wort  so  gebraucht,  wie  wir  es 
nachher  charakterisieren  werden,  und  nicht  so,  wie  es  im 
gewohnlichen  Leben  oft  ungenau  gebraucht  wird,  die  wahre 


Intuition  nennen  kann.  Zu  diesen  drei  Stuf en  iibersinnlicher 
Erkenntnis  verhalt  Sich  die  aufiere  Sinnes-  und  Verstandes- 
erkenntnis,  die  wir  im  gewohnlichen  Leben  und  auch  in  der 
Wissenschaft  von  der  aufieren  Welt  anwenden,  wie  eine  Art 
Vorstufe,  so  dafi  man  im  ganzen,  wenn  man  die  iibersinn- 
lichen  Erkenntnisstufen  hinzuzahlt,  von  vier  menschlichen 
Erkenntnisstuf  en  sprechen  kann. 

Nun  gibt  es  viele  Mittel,  und  viele  Mittel  miissen  auch 
angewendet  werden,  wenn  es  sich  darum  handelt,  aus  der 
gewohnlichen  Sinnes-  und  Verstandeserkenntnis  heraus  sich 
zu  der  ersten  Stufe  der  Ubersinnlichen  Erkenntnis,  der  Ima- 
gination, zu  erheben,  und  ich  will,  weil  zu  einer  ausfiihr- 
licheren  Darstellung  nicht  die  Zeit  vorhanden  sein  wiirde, 
mit  aller  Konkretheit  hervorheben,  wie  es  gewissermaften 
die  Seele  mit  einem  der  Mittel  machen  mufi  -  andere  finden 
Sie  in  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Wei- 
ten?»  angegeben  -,  um  die  in  ihr  schlummernden  ubersinn- 
lichen Erkenntnisfahigkeiten  zu  wecken.  Eines  der  Mittel 
ist  die  sogenannte  Meditation. 

Wenn  wir  uns  die  Frage  vorlegen:  Was  ist  diese  Medi- 
tation im  geisteswissenschaftlichen  Sinne?  -  so  miissen  wir 
sagen:  Diese  Meditation  ist  die  Hingabe  an  eine  Vorstel- 
lung,  an  eine  Gedankenempfmdung  oder  einen  Willens- 
inhalt  in  einer  so  intensiven  Weise  und  in  einer  solchen  Art, 
wie  es  im  gewohnlichen  Leben  nicht  geschieht,  wie  sie  aber 
geeignet  ist,  um  Krafte,  die  sonst  gleichsam  verdiinnt  in 
unserem  Seelenleben  vorhanden  sind,  zu  konzentrieren,  zu 
verdichten.  Dabei  ist  es  gut,  obwohl  auch  der  andere  Fall 
moglich  ist,  zu  einer  solchen  Erkenntnis  der  Seele  nicht  Vor- 
stellungen  zu  verwenden,  die  man  sonst  im  gewohnlichen 
Leben  oder  in  der  gewohnlichen  Wissenschaft  gewinnt. 
Diese  Vorstellungen  sind  wohl  auch  verwendbar,  aber  sie 
sind  nicht  so  gut  zu  verwenden.  Die  verwendbarsten  Vor- 


stellungen  zur  Meditation  sind  sinnbildliche,  symbolische 
Vorstellungen.  Ich  will  eine  solche  symbolische  Vorstellung 
einmal  hier  entwickeln,  die  fiir  einen  Teil  der  Zuhorer  in 
anderen  Zusammenhangen  bereits  angef iihrt  worden  ist. 

Zunachst  mag  es  grotesk,  paradox  aussehen,  dafi  jeman- 
dem  zugemutet  wiirde,  das  in  seiner  Seele  wir  ken  zu  lassen, 
was  jetzt  besprochen  wird,  aber  warum  es  geschehen  soli, 
werden  wir  nachher  charakterisieren.  Nehmen  wir  an,  je- 
mand  bilde  sich  die  Vorstellung,  er  habe  zwei  Glaser  vor 
sich,  ein  leeres  Glas  und  ein  teilweise  mit  Wasser  gefiilltes. 
Nun  schiitte  er  das  Wasser  aus  dem  gefullten  Glase  in  das 
leere  hinein  und  stelle  sich  vor,  dadurch,  dafi  er  das  Wasser 
aus  dem  gefullten  Glase  in  das  leere  gielk,  wiirde  das 
gefullte  Glas  nicht,  wie  es  in  der  Aufienwelt  geschieht,  im- 
mer  leerer  und  leerer,  sondern  immer  voller  und  voller. 
Das  ist  wobl  zunachst  eine  paradoxe  Vorstellung,  aber  diese 
Vorstellung  soli  ein  Sinnbild  sein,  und  da£  sie  Sinnbild  ist, 
soil  im  Bewufksein  des  geistigen  Forschers  leben.  Sie  soil 
gleichsam  sinnbildlidi  fiir  unsere  Seele  die  Natur  und  das 
Wesen  menschlicher  Liebe  charakterisieren.  Mit  der  mensch- 
lichen  Liebe  und  mit  alledem,  was  iiberhaupt  unter  die  Idee 
der  Liebe  fallt,  ist  es  gewi£  so,  da£  diese  Quelle  der  Liebe 
so  unendlich  tief  und  so  unendlich  reichhaltig  ist,  dafi,  wenn 
wir  uns  der  Tatsache  der  Liebe  in  der  Welt  gegeniibergestellt 
sehen,  wir  bescheiden  jederzeit  zugestehen  miissen:  Dieses 
Ratsel  der  Liebe  ist  in  seiner  wahren  Wesenheit  ganz  gewifi 
fiir  jede  Seele  unergrundlich.  Und  jemehr  wir  dieses  Gefiihl 
der  Unergrundlichkeit  haben,  desto  besser  ist  es  fiir  den 
Inhalt  und  fiir  die  Intensitat  unseres  Lebens.  Aber  eine 
Eigenschaft  konnen  wir  mit  aller  Klarheit  von  der  wirk- 
lichen  Liebe  wissen  und  hervorheben:  das  ist  die  Eigen- 
schaft, die  uns  sinnbildlidi  durch  das  Bild  dargestellt  wird, 
von  dem  wir  eben  gesprochen  haben. 


Der  Mensch,  der  dem  anderen  Menschen  Liebe,  Taten 
der  Liebe  zuwendet,  wird  durch  das,  was  er  aus  Liebe  tut, 
niemals  armer,  niemals  leerer,  sondern  erwird  immervoller 
und  voller,  immer  reidier  und  reicher  in  seinem  Seelenleben. 
Diese  Eigenschaft  der  Liebe,  herausgehoben,  haben  wir 
gleidisam  ubersichtlich  vor  uns,  wenn  wir  uns  das  Bild  der 
zwei  Glaser  vorstellen  und  das  Obergiefien  des  Wassers 
vom  einen  ins  andere. 

Wir  machen  es  da  gewissermafien  ahnlich,  wie  man  es 
auf  einem  anderen  Gebiete  des  Erkennens  macht  und  dabei 
fur  die  aujRere  Sinneswelt  zu  wichtigen  Resul taten  kommt. 
Nehmen  wir  an,  wir  haben  von  irgendeiner  uns  unbekann- 
ten  Substanz  eine  kreisformige  Platte.  Wir  konnen,  wenn 
wir  zunachst  diese  kreisformige  Platte  ansehen,  sagen:  Was 
das  als  Substanz  ist,  wie  die  Stoffe  zusammengeschweifit 
sind,  das  ist  uns  zunachst  unergnindlich.  Aber  eines  konnen 
wir  tun,  wenn  wir  etwas  von  dieser  Scheibe  richtig  wissen 
wollen:  wir  konnen  einen  Kreis  vor  uns  hinzeichnen.  Dann 
haben  wir  etwas  von  dieser  Scheibe  herausgehoben,  namlich 
daft  sie  kreisformig  ist,  und  dieses  Herausgehobene  ist  ganz 
gewifi  wahr,  so  wenig  wir  audi  sonst  von  der  Scheibe 
wissen.  Wenn  wir  mathematisch  denken,  machen  wir  es  audi 
so  -  und  die  ganze  Mathematik  ist  in  dieser  Beziehung 
Symbolik-  dafi  wir  einiges  symbolisch  herausheben.  Dieser 
Vorgang,  sinnenfallige  und  dann  von  der  Seele  festgehal- 
tene  Bilder  zu  schaffen,  ist  fur  seelisch-geistige  Taten,  fur 
seelisch-geistige  Erlebnisse  die  Vorbereitung  zur  imagina- 
tiven  Erkenntnis. 

Wenn  jemand  sagen  wiirde:  Dann  geht  ja  der  Geistes- 
forscher  darauf  aus,  in  seiner  Seele  Bilder,  Sinnbilder  leben 
zu  lassen,  die  gar  keiner  Wahrheit  entsprechen,  er  geht  also 
von  vornherein  darauf  aus,  Unwahrheit  zu  denken  und 
Unwahrheit  in  seiner  Seele  leben  zu  lassen  -,  dann  miifite 


geantwortet  werden:  Aber  selbstverstandlich  hat  der  wahre 
Geistesforscher  ein  Bewufitsein  davon,  da$  dies,  was  er  so 
als  Sinnbilder  in  seiner  Seele  leben  lafk,  keiner  aufieren 
Wirklichkeit  entspricht!  Wurde  er  einen  einzigen  Augen- 
blick  das  Sinnbild  mit  irgendeiner  Wirklichkeit  verwechseln 
konnen,  so  ware  er  kein  Mensch,  der  auf  dem  Wege  zur 
ubersinnlichen  Erkenntnis  ist,  sondern  auf  dem  Wege  zur 
Illusion.  Diese  Sinnbilder  sind  eben  nicht  dazu  da,  aufiere 
Wirklichkeiten  abzubilden,  sondern  dazu,  dafi  sie  in  un- 
serer  Seele  leben,  dafi  wir  sie  mit  unserem  Seelenleben  ver- 
binden  und  verquicken  und  unser  Seelenleben  darauf  kon- 
zentrieren. 

Sind  wir  nun  imstande,  ein  solches  Sinnbild  so  stark  ins 
Auge  zu  fassen,  dafi  wir  unsere  ganze  Seelenkraft  ver wen- 
den,  um  nur  dieses  Sinnbild  in  unserer  Seele  leben  zu  lassen 
und  alles  beiseite  zu  schafTen,  was  von  den  aufieren  Ein- 
driicken  auf  uns  eindringen  konnte,  audi  alle  iibrigen  Ge- 
danken  beiseite  zu  schaffen,  so  dafi  wir  einzig  und  allein 
ein  solches  Bild  in  den  Mittelpunkt  unseres  Bewufttseins 
bringen,  dann  ist  ein  solches  Bild  schon  deshalb  besser  als 
ein  unmittelbarer  Abdruck  einer  aufieren  Wirklichkeit,  weil 
ein  soldier  uns  dochimmerwiedermitunserenSeelenkraften 
zu  der  aufieren  Wirklichkeit  hinzieht,  uns  gleichsam  aus 
uns  selber  herauslenkt.  Wenn  wir  aber  mit  dem  vollen  Be- 
wufitsein,  daE  wir  etwas  rein  Konstruiertes  haben,  eine 
bildliche,  willkiirliche  Vorstellung  gebildet  haben,  der  wir 
uns  jetzt  hingeben,  so  ist  das  etwas,  was  nur  insofern  die 
Wirklichkeit  behalt,  als  es  aus  dieser  entlehnt  ist.  Was  wir 
auch  fur  Bilder  ausbilden:  wir  haben  ja  die  Bestandteile 
dazu  der  aufteren  Wirklichkeit  entnommen.  Diese  Bilder 
sind  in  Farben,  Formen  und  so  weiter  vorgestellt,  sie  sind 
der  aufieren  Wirklichkeit  entlehnt,  aber  sie  beziehen  sich 
nicht  auf  die  aufiere  Wirklichkeit.  Denn  das  geschieht  nicht 


in  der  aufieren  Wirklichkeit,  dafi  ein  Glas  voller  wird, 
wenn  man  den  Inhalt  ausschiittet. 

Eine  solche  Obung  hat  zur  Folge,  dafi  die  Seele  in  einer 
ganz  anderen  Weise  ihre  Krafte  konzentrieren  mufi,  als 
wenn  sie  zu  ihrer  Hilfe  das  nimmt,  was  sie  sonst  erlebt  hat. 
Wenn  nun  der,  welcher  den  Weg  in  die  ubersinnlichen  Wel- 
ten  gehen  will,  Geduld  und  Ausdauer  hat,  um  immer  wie- 
der  und  wieder  solche  Konzentrationen  seines  Seelenlebens 
zu  iiben,  so  wird  er  eine  ganz  bestimmte  innere  Erfahrung 
machen  konnen.  Diese  Erfahrung  zu  haben,  ist  der  erste 
Schritt  zur  imaginativen  Erkenntnis.  Er  wird  die  Erfah- 
rung machen,  da£  er  dadurch  sein  Seelenleben  inner lich 
geandert  hat,  und  dafi  er  nach  einiger  Zeit  gewahrwerden 
kann,  wie  aus  seiner  Seele  selbst,  ohne  dafi  er  das  erst  her- 
beifiihrt,  solche  Sinnbilder,  solche  Bilder  auftauchen,  so 
auftauchen,  dafi  sie  sich  vor  ihn  hinstellen  mit  allem  Schein 
von  Realitat,  wie  sich  sonst  nur  Bilder  hinstellen,  wenn  wir 
aufiere  Wahrnehmungen  gemacht  haben  und  uns  Vorstel- 
lungen  von  ihnen  gebildet  haben. 

Wahrend  im  gewohnlichen  aufieren  Leben  die  Vorstel- 
lungen  aus  der  Seele  sich  gleichsam  erheben  als  Spiegel- 
bilder  der  aufieren  Wirklichkeit,  erheben  sich  durch  die 
genannten  Ubungen  aus  den  Tiefen  des  Seelenlebens  herauf 
Vorstellungen,  die  nur  Bilder  sind  zunachst,  selbstverstand- 
lich.  Aber  darin  besteht  die  Erhohung  des  Seelenlebens, 
dafi  die  Seele  sich  nun  innerlich  stark  fiihlt  und  da£  sie 
gleichsam  in  einen  Zustand  kommen  kann,  der  ahnlich 
und  doch  entgegengesetzt  ist  dem  Schlafzustande.  Im  Schlaf  e 
abstrahieren  wir  von  alien  aufieren  Wahrnehmungen  und 
auch  von  dem  an  das  Gehirn  gebundenen  Denken,  aber  wir 
verf  alien  in  die  BewuEtlosigkeit.  Im  imaginativen  Erkennen 
sehen  wir  auch  ab  von  alien  auBeren  Wahrnehmungen  und 
von  allem  Gehirndenken,  denn  wir  unterdnicken  das  alles. 


Aber  trotzdem  wird  die  Seele  nicht  leer,  wird  nicht  be- 
wufklos,  sondern  aus  ihrenTiefen  steigen  Bilder  auf ,  Bilder, 
die  immer  reicher  und  reicher,  immer  umf  anglicher  und  um- 
fanglicher  werden,  und  die  sich  dann  vor  die  Seele  hin- 
stellen  wie  eine  neue  Welt.  Das  ist  eben  die  Welt,  von  der 
in  diesen  Vortragen  schon  angedeutet  worden  ist,  dafi  sie 
von  dem  Laien,  der  in  solchen  Dingen  nicht  bewandert  ist, 
verwechselt  werden  kann,  auch  in  ihrem  Werte  verwechselt 
werden  kann  mit  der  Welt  krankhafter  Illusionen,  Hallu- 
zinationen,  Wahnideen  und  dergleidien.  Aber  nur  wer  die 
Wirklichkeit  auf  diesem  Gebiete  doch  nicht  kennt,  sondern 
eben  nur  nach  dem  krankhaften  Seelenleben  urteilt,  kann 
eine  solche  Verwechslung  begehen;  denn  es  besteht  ein  ge- 
waitiger  Unterschied  zwischen  den  krankhaften,  irgendwie 
auch  nur  im  geringsten  krankhaften  Vorstellungen  solcher 
Art,  und  den  im  rechten  Sinne  durch  methodische  Seelen- 
erziehung  gewonnenen. 

Wer  nur  ein  weniges  iiber  das  erfahren  hat,  was  man 
krankhafte  Seelenerscheinungen  nennt,  Halluzinationen, 
Illusionen  oder  Wahn vorstellungen,  der  weifi  eines:  dafi 
diejenigen  Personen,  welche  von  solchen  Vorstellungen  be- 
fallen sind,  an  die  Realitat  derselben  zuletzt  so  felsenfest 
glauben,  dafi  der  Glaube,  den  sie  selbst  den  Erfahrungen 
der  aufieren  Sinneswelt  entgegenbringen,  gar  nichts  da- 
gegen  ist.  Das  ist  das  Charakteristische  der  Wahnvorstel- 
lungen,  der  Illusionen,  dafi  die  von  ihnen  Befallenen  zu- 
gleich  einen  iiberwaltigenden  Glauben  an  sie  ausbilden.  Es 
ist  ja  nichts  schwieriger,  als  einem  Menschen,  der  Illusionen 
hat  -  sie  brauchen  sich  nicht  einmal  bis  zum  Grade  der  Hallu- 
zinationen zu  gestalten,  sondern  nur  gewohnliche  Wahn- 
vorstellungen,  paradoxe  Ideen  zu  sein  — ,  solche  Vorstel- 
lungen auszureden.  Wenn  zum  Beispiel  ein  Mensch  beginnt, 
in  krankhafter  Weise  die  Idee  in  sich  auszubilden,  dafi  er 


von  anderen  Mensdien  verfolgt  werde,  so  ist  es  ungeheuer 
schwierig,  etwa  durch  blofte  "Oberredung  diese  Idee  von  ihm 
wegzubringen,  und  es  kommt  vor,  dafi  ein  soldier  die  wun- 
derbarsten  logischen  Gedankengebaude  ausbildet,  um  zu 
beweisen,  wie  richtig  das  alles  ist,  was  er  als  solche  Wahn- 
vorstellungen  hat.  Besessen  kann  der  Mensch  von  dem  wer- 
den,  was  so  iiber  ihn  kommt,  und  felsenfest  glaubt  er  an  die 
objektive  Realitat  solcher  Vorstellungen. 

Wenn  Sie  nun  nur  in  einigem  das  berikksichtigen,  was  in 
dem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren 
Welten?»  gesagt  wird,  so  werden  Sie  seben,  dafi,  wahrend 
der  Mensch  sich  dazu  bringt,  solche  Bilder,  Bildvorstellungen 
in  der  Seele  auf  sich  wirken  zu  lassen,  von  der  richtigen 
Geistesschulung  zugleich  alles  getan  wird,  damit  in  dem- 
selben  Mafte,  wie  diese  Bilderwelt  in  der  Seele  erbluht,  das 
Gef  angenwerden  durch  diese  Bilder,  der  Glaube  an  sie  als  an 
eine  objektive  Realitat  aus  der  Seele  ausgetrieben  wird,  so 
daft  in  keinem  Augenblick  der  geistig  sich  Schulende  jemals 
zu  der  Idee  kommen  kann,  es  sei  das,  was  sich  ihm  so  als 
Imaginationen  ergibt,  eine  objektive  Wirklichkeit.  Alle 
Geistesschulung  ist  unrichtig,  die  nicht  zugleich  in  der  Seele 
die  Klarheit  hervorrufen  wiirde:  Was  da  hereintritt  zu- 
weilen  an  Wunderwerken  wie  neue  Welten,  das  hat  so,  wie 
es  iiber  dich  kommt,  keine  objektive  Realitat.  Es  ist  alles 
zunachst  nur  da,  um  die  Seele  innerlich  zu  beleben,  um  sie 
in  sich  selber  reicher  und,  wenn  wir  den  paradoxen  Aus- 
druck  gebrauchen  wollen,  innerlich  wirklicher  zu  machen, 
mehr  erfullt  zu  machen  von  Realem.  Und  das  ist  die  beste, 
ja,  die  einzig  richtige  Errungenschaft  des  Schiilers,  dafi  er 
weifi:  die  Imaginationen,  welche  auftauchen,  sind  nichts 
anderes  als  ein  Spiegelbild  des  eigenen  Wesens. 

Wenn  der  Geistesschuler  in  der  Lage  ist,  alien  Glauben 
an  die  Realitat,  an  die  Objektivitat  dieser  seiner  Imagina- 


tionen  in  demselben  Augenblicke  zu  uberwinden,  wo  er  sie 
bekommt,  dann  ist  die  Geistesschulung  die  richtige.  Irn  all- 
gemeinen  ist  es  fiir  manchen  Menschen  schwierig,  das  eine 
mit  dem  anderen  hinzunehmen,  denn  der  Mensch  wird  ja 
dadurch,  da£  er  entsprechende  Ubungen  in  seiner  Seele  an- 
wendet,  sozusagen  mit  einer  neuen  Welt  beschenkt,  mit 
einer  Welt  von  zuweilen  grofiartigen  Vorstellungen.  Das 
aber  ist  fiir  viele  Menschen  eine  aufierordentHche  Befrie- 
digung,  eine  aufierordentliche  Annehmlichkeit,  etwas,  was 
sie  mit  defer  Sympathie  erfiillt.  Und  der,  welcher  ihnen 
audi  nur  im  geringsten  den  Glauben  beibringen  wollte,  dafi 
dies  alles  keine  objektive  Realitat  sei,  sondern  nur  ein  Spie- 
gelbild  des  eigenen  Wesens,  dafi  da  nur  das  eigene  Wesen 
sich  inhaltvoller  ausdriickt  als  friiher,  der  wiirde  von  ihnen 
als  ein  Feind,  als  ein  Verpfuscher  der  schonsten  Seelen- 
hoffnungen  angesehen  werden.  Aber  verstanden  mufi  es 
werden,  dafi  solche  Imaginationen,  wie  sie  zunachst  auf- 
treten,  gar  nicht  geeignet  sind,  wirkliche  Erkenntnisse  der 
hoheren  Welten  zu  geben,  sondern  dafi  sie  nur  eine  Briicke 
fiir  die  Seele  sind.  Denn  jetzt  beginnt  fiir  die  Seele  eine  ganz 
andere  Aufgabe,  jene  Aufgabe,  welche  allmahlich  himiber- 
f uhrt  von  der  Imagination  zur  Inspiration.  Es  beginnt  ge- 
wissermafien  jetzt  ein  Kampf  zwischen  der  Seele  und  dem, 
was  so  auf  tritt  als  ihre  Imaginationen.  Soil  ich  charakteri- 
sieren,  wie  dieser  Kampf  beschaffen  ist,  so  mufi  ich  ein 
Gleichnis  aus  dem  gewohnlichen  Leben  gebrauchen. 

Wir  erfahren  es  im  gewohnlichen  Leben  immer  wieder, 
da£  wir  nicht  unseren  gesamten  Seeleninhalt  im  Bewufit- 
sein  haben.  Denken  Sie,  wie  es  ware,  wenn  Sie  alles,  was 
Sie  jemals  vorgestellt  haben,  auf  einmal  im  Bewufttsein 
hatten !  Sie  konnten  sich  an  Vorstellungen  erinnern,  die  Sie 
vielleicht  vor  Jahrzehnten  gehabt  haben.  Die  ruhen  in  den 
Untergrunden  Ihrer  Seele,  und  bei  irgendeiner  Gelegenheit 


werden  sie  heraufgerufen.  Das  heifit,  man  hat  im  gewohn- 
lichen  Leben  die  Moglichkeit,  zu  vergessen,  und  das  Ver- 
gessene  wieder  aus  der  Seele  hervorzubringen.  Man  hat  also 
die  Moglichkeit,  aus  dem  Bewuiksein  herauszubringen,  was 
das  Bewuiksein  als  Vorstellungen  erlebt,  und  es  von  un- 
serem  bewulken  Leben  abzusondern,  so  dafi  es  unabhangig 
von  diesem  irgendwo  in  unserer  Seele  ist.  Es  kann  also  der 
Bewulkseinsinhalt  irgendwohin  hinuntergesenkt  werden, 
so  dafi  er  dann  aus  dem  Bewuiksein  heraus  ist. 

Dasselbe  mufi  uns  gelingen  —  wenn  es  auch  auf  diesem 
Gebiete  etwas  anderes  ist-mit  alien  unseren  Imaginationen, 
wenn  wir  Geistesforscher  werden.  Wir  miissen  willkiirlich 
jede  Imagination,  die  auftritt,  aus  unserer  Seele  heraus- 
tilgen  konnen,  miissen  sie  willkurlich  ausloschen  und  in 
einen  Zustand  bringen  konnen,  wo  sie  so  aus  unserem  Be- 
wuiksein herausgeworfen  ist,  wie  eine  vergessene  Vorstel- 
lung  aus  unserem  Bewuiksein  herausgeworfen  ist,  die  wir 
spater  wieder  heraufholen  konnen.  Das  ist  notwendig.  Wir 
miissen  in  dem  ganzen  Gebiete  unserer  Imaginationen  Herr 
sein  iiber  jede  einzelne  Imagination,  miissen  jede  einzelne 
von  uns  unabhangig  machen  konnen. 

Wer  ein  gewissenhafter  Geistesforscher  ist,  der  solche  gei- 
stige  Forschungen  anstellen  will,  die  er  dann  gewissenhaft 
der  Welt  mitteilen  will,  der  vollzieht  das  oft  und  oft,  immer 
wieder  und  wieder,  dafi  er  dies,  was  so  vor  seine  Seele  als 
ein  Bild  tritt,  das  zunachst  aufgetaucht  ist,  immer  wieder 
und  wieder  hinunterstolk,  es  unbewulk  macht,  austilgt. 
Dann  kommt  es  wieder,  und  zwar  jetzt  nicht  nur  durch 
Willkur,  sondern  durch  etwas  ganz  anderes:  durch  eine 
innere  Kraft,  deren  wir  uns  sogar  erst  in  diesem  Augen- 
blicke  bewulk  werden,  wenn  wir  auf  der  entsprechenden 
Stuf e  stehen.  Und  nicht  alle  Imaginationen  kommen  herauf, 
sondern  wir  haben  das  deutliche  Bewuiksein,  es  gibt  Ima- 


ginationen,  die  da  unten  bleiben  in  einem  Unbekannten, 
die  nidit  wieder  heraufzubringen  sind,  oder  wenn  sie  wie- 
der  heraufkommen,  zeigen  sie  sich  als  solche,  die  wir  ab- 
lehnen. 

Die  Imaginationen  andern  sich,  wenn  sie  uns  wieder  zu- 
riickkommen;  sie  sind  dann  auch  etwas  ganz  anderes.  Sie 
dringen  so  zu  uns,  auch  auf  dieselbe  Art,  wie  aufierlich  in 
der  Welt  die  Wahrnehmungen  von  den  Dingen  der  phy- 
sischen  Welt  zu  uns  dringen.  Aus  denselben  Untergriinden 
heraus,  warum  wir,  wenn  wir  gesunden  Menschenverstand 
haben,  aufierlich  etwas  Ertraumtes,  etwas  Nichtvorhan- 
denes  unterscheiden  konnen  von  etwas  Wirklichem,  Vor- 
handenem,  aus  denselben  Griinden  konnen  wir  das,  was  als 
Imagination  wieder  auftaucht,  in  seiner  Wirklichkeit,  in 
seiner  geistigen  Wesenheit  erkennen. 

Es  wurde  einmal  gefragt,  als  solche  Dinge  auseinander- 
gesetzt  wurden:  Wodurch  kann  denn  der  Mensch  sicher 
sein,  wenn  ihm  so  die  Imaginationen  zuruckkommen,  die 
er  erst  aus  seiner  Subjektivitat  herausgeworfen  und  der 
Objektivitat  iibergeben  hat,  um  sie  sich  dann  wiedergeben 
zu  lassen,  wodurch  kann  er  iiberzeugt  sein,  dafi  sie  Wirk- 
lichkeiten  oder  Unwirklichkeiten  darstellen?  Wissen  wir 
doch,  dafi  es  Suggestionen,  Einbildungen  gibt,  die  so  stark 
sind,  dafi  sie  den  Menschen  iiberwaltigen,  so  dafi  er  doch 
als  Wirklichkeit  empfindet,  was  gar  nicht  da  ist.  Man  hatte 
ein  anschauliches  Beispiel  angefuhrt:  wenn  jemand  so  sensi- 
tiv  ist,  dafi  er,  ohne  Limonade  zu  trinken,  schon  bei  der 
blofien  Vorstellung  derselben  den  Limonadengeschmack  im 
Munde  hat,  so  sei  das  ein  Beispiel  dafiir,  dafi  etwas  da  ist, 
was  in  Wirklichkeit  nicht  vorhanden  ist.  Man  konne  also 
auch  bei  dem,  was  die  wiedergeborenen  Imaginationen  sind, 
einer  ahnlichen  Tauschung  unterliegen. 

Einen  solchen  Einwand  kann  man  immer  machen.  Er 


kann  audi  bei  einer  blofkn  Dialektik,  bei  einem  bloften 
Spiel  mit  Worten  aufrecht  erhalten  werden,  nicht  aber  der 
Wirklichkeit  gegeniiber.  Denn  wer  seine  Seele  in  der  ge- 
schilderten  Weise  entwickelt,  kommt  zu  derselben  Moglich- 
keit,  Wahrheit  und  Irrtum  zu  unterscheiden,  wie  man  in 
der  Aufienwelt  Wahrheit  und  Irrtum  unterscheidet,  wo 
man  ja  audi  nichts  anderes  hat  als  die  gesunde  Seele,  um 
Wahrheit  und  Irrtum  zu  unterscheiden.  Davon  kann  sich 
jeder  einen  Begriff  bilden,  wenn  er  zum  Beispiel  an  die 
Schopenhauerische  Philosophic  denkt  mit  dem  Satz:  Die 
Welt  um  mich  herum  ist  meine  Vorstellung. 

Ich  unterschatze  nicht  die  Philosophic  Schopenhauers, 
sonst  hatte  ich  sie  nicht  selbst  herausgegeben  und  eine  Ein- 
leitung  dazu  geschrieben.  Aber  grofte  Geister  machen  oft 
die  einfachsten  Irrtiimer.  Denn  tatsachlich  ist  der  Satz  «Die 
Welt  ist  meine  Vorstellung »  dadurch  wider legt,  da£  man 
jemanden  auf  die  ganz  triviale  Tatsache  aufmerksam 
macht:  wenn  er  sich  die  Vorstellung  eines  900  Grad  heifien 
Stuck  Stahles  bildet  und  seine  Finger  damit  verbunden 
denkt,  so  verbrennt  er  sich  nicht.  Er  wird  sich  niemals  durch 
eine  solche  Vorstellung  verbrennen,  und  wenn  sie  noch  so 
sehr  gesattigt  ist.  Hat  er  aber  den  wirklichen  Stahl  vor  sich, 
so  wird  er  sich  verbrennen.  So  wird  er,  nicht  durch  Begriffe 
oder  durch  Philosophien,  wohl  aber  durch  Erfahrung  die 
Wirklichkeit  schon  von  der  Vorstellung  unterscheiden  kon- 
nen.  Eine  andere  Unterscheidung  aber  gibt  es  nicht.  Und 
erne  andere  Unterscheidung  gibt  es  auch  auf  ubersinnlichem 
Gebiete  nicht,  als  dafi  man  sich  durch  Schulung  das  richtige 
Zusammensein  mit  der  iibersinnlichen  Wirklichkeit  erwor- 
ben  hat. 

Daher  ist  eben  fur  unser  Bewulksein  notwendig,  da$  wir 
wissen:  Wie  die  Imaginationen  zunachst  auftreten,  hat  sie 
unsere  Seele  selber  gemacht,  und  so  sind  sie  nur  ein  Spiegel- 


bild  unseres  eigenen  Wesens.  Der  Mensch  kann  die  schon- 
sten  Imaginationen  haben  -  er  tut  am  besten,  sie  zunachst 
so  auszulegen,  dafi  er  sich  sagt:  Was  ist  in  mir  fur  ein  ver- 
borgener  Gemiitszustand,  was  ist  in  mir  fur  eine  verbor- 
gene  Leidenschaft,  was  fiir  ein  Glaube  oder  Aberglaube, 
dafi  mir  gerade  diese  oder  jene  Bildervor  dieSeeletreten?  - 
Wenn  er  zunachst  in  den  Bildern  nichts  anderes  sieht  als  das 
Spiegelbild  seiner  selbst,  dann  hat  er  sich  den  richtigen  Be- 
wulkseinszustand  angeeignet,  um  die  Wege  in  die  iibersinn- 
liche  Welt  hinauf  zu  gehen.  Er  mufi  dann  imstande  sein, 
aus  den  inneren  starken  Kraften  seiner  Seele  ein  Kampfer 
gegen  sich  selbst  zu  sein.  Er  mufi  das,  woran  er  oft  am  stark- 
sten  zu  glauben  versucht  ist,  was  er  am  meisten  Hebt,  was 
fiir  viele  Menschen  schon  Seligkeit  bedeuten  konnte,  mit 
der  Wurzel  ausreifien  und  in  eine  Sphare  vergessener  Vor- 
stellungen  hinuntertauchen  lassen  konnen.  Wenn  er  dann 
das,  was  seine  Seele  erst  gemacht  hat,  so  selbstlos  von  sich 
losgerissen  hat  und  der  Welt  aufier  sich  ubergeben  hat,  dann 
kommt  es  ihm  wieder  zuriick  als  Inspiration.  Dann  ist  er 
daran,  mit  denjenigen  Wesenheiten,  wirklichen  Wesenheiten 
und  Tatsachen  der  iibersinnlichen  Welt,  zu  denen  solche 
Vorstellungen  gehoren,  leben  zu  konnen. 

Zunachst  sind  solche  Imaginationen  so,  dafi  sie  uns  recht 
bekannt  erscheinen,  weil  wir  erforschen  konnen,  wie  sie 
sich  nicht  anders  gestalten,  als  wir  selber  in  der  Seele  sind, 
wie  sie  nur  ein  Spiegelbild  der  Seele  sind.  Man  kann  von 
der  Welt  der  Imaginationen  immer  nachweisen,  dafi  diese 
Imaginationen  so  und  so  sind,  je  nachdem  wir  selber  sind 
und  je  nach  unserem  Gemiitszustande.  Wenn  sie  aber  zu~ 
ruckkommen,  dann  ist  es  allerdings  anders.  Dieselben  Bil- 
der  kommen  nicht  zuriick,  andere  kommen  zuriick,  Neues, 
demwirfriiher  iiberhaupt  nicht  gegeniibergestanden  haben, 
und  das  sich  ebenso  als  eine  Realitat  ankiindigt,  wie  sich 


aufiere  Realitaten  fiir  uns  als  solche  ankiindigen.  Nur  hat 
man  dem  gegentiber  ein  ganz  anderes  Gefiihl. 

Den  Dingen  der  aufieren  Welt  stehen  wir  so  gegeniiber, 
dafi  wir  aufler  ihnen  stehen.  Ein  Tisch,  den  wir  anschauen, 
ist  aufier  uns.  Er  ist  da,  und  wir  kommen  in  die  Dinge  nicht 
hmein.  Bei  den  Tatsachen  und  Dingen  der  hoheren  Welten, 
die  uns  dann  entgegentreten,  haben  wir,  wenn  wir  uns  in 
der  geschilderten  Weise  dazu  vorbereitet  haben,  sogleich 
als  inneres  Erlebnis  das  Bewulksein:  wir  konnten  iiberhaupt 
nur  dadurch  zu  ihnen  kommen,  dafi  wir  etwas,  was  wir  in 
uns  selber  aus  den  Tiefen  der  Seele  erst  hervorgeholt  haben, 
an  sie  abgegeben  haben.  Es  ist  wahrhaftig  so,  wie  wenn  ein 
Gegenstand  vor  mir  liegt,  und  ich  will  ihn  ergreifen:  wie 
ich  meine  Hand  ausstrecken  mufi  und  seiner  Realitat  ge- 
wahr  werde,  so  muft  ich  durch  dasjenige,  was  ich  erst  durch 
die  geschilderte  Methode  erreiche,  das  was  mir  dann  als 
Imagination  entgegentritt,  von  meiner  eigenen  Ichheit  ab- 
sondern,  in  die  Vergessenheit  versenken.  Damit  aber  strecke 
ich  mein  eigenes  Wesen  aus  nach  einer  Welt,  die  ich  dann 
ergreifen  kann. 

Man  erlebt  in  der  Welt  viele  Widerlegungen  auch  dessen, 
was  jetzt  eben  gesagt  worden  ist.  Aber  so  viel  man  auch 
herumsieht,  so  viel  man  sich  auch  mit  diesen  Widerlegungen 
gutwillig,  noch  so  gutwillig  bekannt  machen  will,  eines 
tritt  einem  immer  entgegen:  die  Menschen,  die  das  wider- 
legen,  was  jetzt  gesagt  worden  ist,  haben  es  noch  nicht  ver- 
standen.  Das  zeigt  die  Art  und  Weise,  wie  sie  dariiber  spre- 
chen.  Und  wer  es  verstanden  hat,  dem  fallt  es  gar  nicht  ein, 
es  widerlegen  zu  wollen.  So  trifft  man  namentlich  sehr 
haufig  diese  vermeintliche  Widerlegung,  dafi  man  sagen 
hort:  Aber  diese  iibersinnlichen  Vorstellungen,  die  du  dann 
hast,  und  die  du  fiir  Eindriicke  von  Wesen  haltst,  die  dich 
inspirieren  sollen,  unterscheiden  sich  dann  doch  nicht  von 


ganzgewohnlichenIllusionenoderWahnvorstellungen!-Sie 
unterscheiden  sidi  eben  ganz  gewaltig  dadurch,  dafi  der  wirk- 
liche  Geistesforscher  ein  anderes  Bewufksein  zu  ihnen  hat, 
ein  Bewufitsein,  welches  ihn  ebenso  seinen  gesunden  Men- 
schenverstand  diesen  Dingen  gegeniiber  bewahren  lafk,  wie 
den  Dingen  der  aufieren  Welt  gegeniiber.  Daher  eignen  sich 
auch  zum  wirklichen  Geistesforscher  am  allerwenigsten  aber- 
glaubische  oder  leichtglaubige  Personen,  solche,  die  man  mit 
dem  gebrauchlichen  Ausdrucke  als  Schwarmer  bezeichnet. 

Wer  leicht  eine  Wahrheit  annimmt,  wird  ganz  gewifi 
nicht  im  Geistigen  sachgemafi  forschen  konnen.  Phantasie 
und  Glaube  sind  die  grofiten  Feinde  wirklicher  Geistes- 
forschung,  trotzdem  das,  was  zum  Beispiel  Phantasie  in  der 
Kunst  ist  und  was  Glauben  an  die  Realitat  ist,  doch  wieder 
zuletzt  die  herrlichsten  Geschenke  der  Geistesforschung  sein 
konnen.  Denn  was  im  Geistigen  erforscht  werden  kann, 
kann  sich  umgestalten  zur  Phantasie  und  zum  Kunstwerke 
werden.  Ebenso  mufi,  wenn  gesagt  wird:  Was  die  Geistes- 
forscher verkiinden,  ist  etwas,  was  doch  nur  zum  Glauben 
spricht-,  der  Satz  gelten:  Gewifi  glaubt  der  Geistesforscher 
das,  was  er  weiE.  Er  ware  aber  auch  wahrhaflig  ein  Tor, 
wenn  er  das  nicht  glauben  wxirde,  was  er  weift;  doch  nichts 
anderes  glaubt  er,  als  was  er  weilS. 

Es  ist  eben  gesagt  worden,  daft  wir  das,  was  wir  uns 
zunachst  erworben  haben,  wie  aus  der  Seele  herausreifien 
miissen,  dafi  wir  dadurch  gleichsam  geistige  Organe  aus- 
strecken  miissen  und  durch  sie  die  geistige  Wirklichkeit  zu- 
ruckbekommen.  Wenn  wir  uns  immer  mehr  und  mehr  in 
ein  solches  Seelenleben  hineinleben,  so  wachsen  wir  auch 
immer  mehr  und  mehr  mit  den  Wesenheiten  und  Dingen 
der  geistigen  Welt  zusammen.  Dann  tritt  das  ein,  was  in 
unserem  Bewufttsein  so  auf tritt,  dafi  wir  nicht  so  mit  diesen 
Wesen  verkehren,  wie  ein  Mensch  mit  dem  anderen  durch 


aufiere  Organe  verkehrt,  sondern  durch  das,  was  wie  un- 
mittelbar  von  Wesen  zu  Wesen  spricht,  was  wie  unmittelbar 
von  den  Wesen  wahrgenommen  wird,  indem  unsere  Seele 
unmittelbar  bei  dem  Wesen  ist,  das  sie  wahrnimmt,  so  dafi 
sie  sozusagen  nicht  aufier  ihm,  sondern  in  ihm  ist.  Dann 
tritt  die  Intuition  ein,  die  eigentlich  erst  der  Abschluft  der 
ubersinnlichen  Erkenntnis  ist,  jener  ubersinnlichen  Erkennt- 
nis,  die  uns  nicht  in  ein  verschwommenes,  nebuloses  Geistes- 
leben  hineinfiihrt,  sondern  in  ein  konkretes,  wesengestal- 
tetes,  wirklichkeitserf iilltes  Leben.  Es  gibt  keine  andere  Art, 
um  wirklich  mit  dem  Geiste  und  seinem  Dasein  zusammen- 
zukommen,  als  gewissermafien,  wie  es  jetzt  geschildert 
worden  ist,  mit  ihm  zu  verschmelzen.  Alles  aber,  womit 
wir  nicht  verschmelzen,  kann  nie  als  ein  Beweis  fur  den 
Geist  gelten,  denn  einen  anderen  Beweis  gibt  es  nicht,  als 
das  eigene  Erleben  mit  dem  Erleben  des  Geistes  zusammen- 
fallend  zu  finden.  Wer  ein  Geistwesen  erfahren  will,  mufi 
seine  Seele  so  weit  bringen,  dafi  er  sein  eigenes  Erleben 
zusammenf alien  lassen  kann  mit  dem  Erleben  dieses  gei- 
stigen  Wesens. 

Der  ganze  Gang  des  geistigen  Erlebens,  wie  er  geschildert 
worden  ist,  kann  es  erklarlich  machen  -  es  wiirde  ja  nichts 
niitzen,  die  Dinge  zu  verschleiern,  sondern  man  mufi  sie 
offen  aussprechen  -,  dafi  der  Mensch  am  leichtesten  schon 
durch  die  imaginative  Erkenntms,  wenn  ich  so  sagen  darf, 
«reine»  Geister  erkennen  kann,  der  en  Dasein  nur  ein  gei- 
stiges  ist,  die  nicht  mit  einer  anderen  Hiille  umkleidet  sind 
als  nur  mit  einer  geistig-seelischen.  Geistige  Wesenheiten,  die 
nicht  zur  Verkorperung  kommen,  die  sich  nicht  in  au£eren 
Naturwirkungen  ausdriicken,  konnen  schon  auf  der  Stufe 
der  Imagination  erkannt  werden,  wenn  wir  noch  nicht  die 
Fahigkeit  haben,  zur  Inspiration  durchzudringen.  Das  ge- 
schieht  dann  so,  dafi  die  Imaginationen,  die  wir  ins  Ver- 


gessen  hinuntergesenkt  haben,  uns  in  einer  veranderten 
Form  zuruckkommen,  und  wir  erkennen  sie  dann  als  Bilder 
fiir  geistige  Wesenheiten,  die  so  geistig  sind,  wie  unser  ohne 
einen  Korper  gedachtes  Geistig-Seelisches. 

Dagegen  mufi  man  sdion  zur  Inspiration  aufsteigen, 
wenn  man  Wesenheiten  erkennen  will,  die  zum  Beispiel 
mit  den  Naturelementen,  mit  dem  Leuchten  in  der  Natur, 
mit  den  Warmeverhaltnissen  in  der  Natur  und  so  weiter 
zusammenhangen,  kurz,  die  hinter  der  Sinneswelt  schop- 
ferischen  Machte  und  Wesenheitenkrafle  zu  erkennen,  die 
sich  im  aufieren  Dasein  ausdrucken  und  nur  in  ihren  aufieren 
Ausdrucken  dort  erkannt  werden  konnen.  Das  ist  nur  durch 
Inspiration  moglich.  Dazu  mufi  das,  was  wir  in  der  Seele 
haben,  schon  intensiver  herausgerissen  werden,  damit  es 
hinuntertaucht,  als  bei  den  Wesen,  die  ein  blofi  geistiges 
Dasein  haben.  Und  die  starksten  Seherkrafte  miissen  auf- 
gewendet  werden,  wenn  man  jene  schopferischen  Krafte 
erkennen  will,  die  das  aufiere  Verstandesbewufitsein  nur 
als  die  materialistischen  Naturkrafle  anspricht,  die  aber  in 
Wahrheit  schopferische  Wesenheiten  sind. 

Wenn  wir  diese  schopferischen  Wesenheiten  erkennen 
wollen,  die  hinter  allem  aufieren  Dasein  verborgen  liegen, 
dann  miissen  wir  unser  inneres  Seelenleben  so  stark  aus  uns 
herausreifien  konnen,  wie  es  der  Fall  ist,  wenn  wir  eben 
zur  Intuition  aufgestiegen  sind.  Das  heifit,  es  gehort  mit 
zu  dem  allerschwierigsten,  durch  iibersinnliche  Erkenntnis 
im  konkreten  Falle  die  vorhergehende  Inkarnation  eines 
Menschen  zu  erkennen,  denn  bei  einem  Menschen,  wie  er 
uns  in  der  Sinneswelt  entgegentritt,  hat  man  es  auch  mit 
etwas  zu  tun,  was  sich  in  Naturwirkungen,  in  korperlichen 
Wirkungen  darstellt. 

Hinter  diesen  korperlichen  Wirkungen  liegt  etwas  wie 
Schopfergewalten.  Aber  das  verbirgt  sich  fiir  den  geistigen 


Seher  hinter  dem  Aufteren  des  Korperlichen  genau  so,  wie 
die  geistigen  Wesenheiten,  welche  im  Blitz  und  Donner  und 
hinter  aller  Natur  vorhanden  sind,  sich  hinter  diesen  ver- 
bergen;  und  das  eine  ist  kaum  leichter  zu  finden  als  das 
andere.  Daher  wird  man  es  immer  wieder  erf ahren  konnen, 
dafi  Menschen,  die  zur  Intuition  kommen,  alles  mogliche, 
wirkliche  Illusionen  von  friiheren  Inkarnationen  erzahlen. 
Daher  ist  es  gut,  wenn  man  dann  moglichst  wenig  darauf 
gibt.  Der  wirkliche  Geistesforscher  weifi,  dafi  dies  zu  dem 
allerschwierigsten  gehort,  was  audi  der  entwickelten  Seele 
nur  in  diesem  oder  jenem  Momente  moglich  ist. 

Was  bisher  gesagt  worden  ist,  bezieht  sich  auf  die  Er- 
forschung  des  "Obersinnlichen,  des  geistigen  Lebens  und  We- 
bens.  Wer  seine  Seele  in  einer  solchen  geschilderten  Weise 
zubereitet,  macht  dadurch  diese  Seele  selber  zu  einem  Werk- 
zeug,  um  in  die  iibersinnlichen  Welten  hineinzudringen.  Fiir 
den  Geistesforscher,  der  die  geistige  Erkenntnis  der  Welt 
mitteilen  will,  kommt  aber  dann  erst  die  allerbedeutsamste 
Auf  gabe.  Denn  dieses  Hineinschauen  in  die  geistigen  Welten 
wird  von  den  Menschen,  die  es  nicht  in  der  richtigen  Weise 
kennen,  zumeist  mifiverstanden,  verkannt.  Und  audi  das 
gehort  zu  der  richtigen  Abschatzung  der  Wege  iibersinn- 
licher  Erkenntnis,  dafi  sich  der  Mensch  ein  Urteil  zu  bilden 
vermag,  was  wirkliche  Geisteserkenntnis  ist  und  was  nur 
entweder  Unfug,  Scharlatanerie  oder  Selbsttauschung  ist. 

Da  mujK  immer  wieder  und  wieder  gesagt  werden:  Zum 
Forschen  in  der  geistigen  Welt,  zum  Aufsuchen  iibersinn- 
licher  Tatsachen  und  Wesenheiten  gehort,  daft  sich  die  Seele 
selbst  dazu  erziehe.  Wenn  aber  von  dem  Geistesforscher, 
der  in  der  richtigen  Art  in  die  iibersinnlichen  Welten  ein- 
gedrungenist,  seineBeobachtungen  richtig  geschildert  werden 
mit  den  Begriffen,  welche  der  gesunde  Menschenverstand 
hat  und  die  einem  richtigen  Wahrheitsgefuhle  entsprechen, 


dann  kann  das,  was  der  Geistesforsdier  schildert,  von  jedem 
Menschen,  der  sich  nicht  befangen  machen  lafit,  audi  in  der 
richtigen  Weise  verstanden  werden.  Zum  Erforschen  iiber- 
sinnlicher  Tatsadien  und  Wesenheiten  gehort  die  zubereitete 
Seele,  zum  Begreifen  niemals.  Das  ist  gewissermafien  das 
Geheimnis  der  Darstellung  geistiger  Dinge,  dafi  sie,  nach- 
dem  sie  durch  die  iibersinnlichen  Erkenntniskrafte  erforscbt 
worden  sind,  so  dargestellt  werden  konnen,  dafi  sie  von 
jeder  Seele  verstanden  werden  konnen. 

Nun  gibt  es  ein  Eigentumliches:  die  Menschenseele  braucht 
zum  Verstandnis  jener  Dinge,  von  denen  wir  zum  Beispiel 
beim  nachsten  Vortrage  iiber  «Lebensf ragen  und  das  Todes- 
ratsel»  sprechen  werden,  die  Ergebnisse  der  Geistesf  orschung. 
Die  Menschenseele  diirstet  danach,  Ideen  und  Begriffe  zu 
haben  iiber  das,  was  iiber  den  Tod  hinausgeht,  Ideen  und 
Begriffe,  um  das  Wesen  der  Seele  wirklich  zu  erf assen.  Und 
wer  es  ablehnen  wollte,  dieses  Wesen  der  Seele  zu  begreifen, 
der  konnte  wohl  eine  Weile  das  unterdriicken,  was  man 
Sehnsucht  der  Seele  nach  der  Ldsung  der  Weltenratsel  nen- 
nen  kann.  Aber  es  zeigt  sich  dann  um  so  mehr,  dafi  wir 
wohl  der  Seele  die  geistige  Nahrung  verweigern,  ihr  aber 
nicht  den  Hunger  unterdriicken  konnen,  der  hervorkommt 
und  die  Seele  nicht  nur  in  Verzweiflung,  sondern  in  Un- 
gesundung  hineintreiben  kann.  Der  Mensch  braucht  gewis- 
sermaften  zu  seinem  Heile  und  zu  seiner  Sicherheit  im 
Leben  die  Ergebnisse  der  Geistesforschung,  und  um  die 
Seele  in  der  richtigen  Weise  mit  den  Ergebnissen  der  Geistes- 
forschung glucklich  zu  machen,  dazu  ist  nur  notwendig  ge- 
sunder  Menschenverstand.  Es  geniigt  der  naturliche  Wahr- 
heitssinn,  um  das  zu  begreifen,  was  der  Geistesf orscher  mit- 
teilt.  Solange  es  nicht  erforscbt  ist,  kann  es  nicht  gesagt 
werden.  Wenn  es  aber  erforscht  und  in  der  richtigen  Weise 
f ormuliert  ist,  kann  es  verstanden  werden. 


Wie  sehr  dies  wahr  ist,  das  kann  am  besten  daraus  her- 
vorleuchten,  daft  der  Geistesforscher  selber  fiir  sein  Seelen- 
gliick,  fiir  alles,  was  er  im  allgemeinen  fiir  seine  Seele 
braucht,  von  seinem  «Schauen»  gar  nichts  hat.  Er  hat  eine 
neue  Welt.  Aber  diese  neue  Welt  nutzt  ihm  gar  nichts,  so- 
lange  er  sie  nicht  so  weit  gebracht  hat,  daft  sie  zum  Urteil 
iiber  das  Seelenleben  geworden  ist,  das  wir  im  Alltag  f  iihren, 
und  das  sich  im  Alltage  sehnt  nach  der  Losung  der  Welten- 
ratsel.  Was  der  Geistesforscher  von  seiner  Forschimg  haben 
kann,  das  hat  er  ganz  gleich  und  gemein  mit  dem  anderen, 
dem  sie  nur  erzahlt  wird,  und  der  sie  mit  natiirlichem  Wahr- 
heitssinn  und  gesundem  Menschenverstande  begreift.  Aber 
in  bezug  auf  das,  was  die  Seele  zum  Leben  braucht,  hat  der 
Geistesforscher  durch  seine  Forschung  nichts,  sondern  einzig 
und  allein  durch  das,  was  dann  durch  das  Forschen  heraus- 
kommt  und  jedem  mitgeteilt  werden  kann.  Audi  der  gan- 
zen  Menschheit  kann  der  Geistesforscher  nur  etwas  sein, 
wenn  er  imstande  ist,  die  Ergebnisse  seines  Forschens  in 
solche  Begriffe  und  Vorstellungen  hineinzugieften,  daft  die 
Vorstellungen  eines  Zeitalters  sie  begreifen  konnen,  wenn 
diese  nur  vorurteilslos  und  unbefangen  genug  sind.  Diese 
Vorurteilslosigkeit  fehlt  in  der  Gegenwart  gewifi  im  wei- 
testen  Umfange  noch,  weil  man  glaubt,  daft  andere  Vor- 
stellungen, zum  Beispiel  die  der  Naturwissenschaft,  diesen 
Ergebnissen  der  Geisteswissenschaft  widersprechen.  Wenn 
man  aber  genauer  auf  die  Ergebnisse  geisteswissenschaft- 
licher  Forchung  eingeht,  wird  man  iiberall  sehen,  daft  es 
nicht  der  Fall  ist. 

Aber  noch  ein  anderes  stellt  sich  zwischen  den  Geistes- 
forscher und  sem  Publikum.  Gerade  das,  was  der  Geistes- 
forscher dadurch  ist,  daft  er  in  die  geistige  Welt  hinein- 
schauen  kann,  wird  im  weitesten  Umfange  eigentlich  ver- 
kannt.  Man  gibt  sich  uber  den  Geistesforscher  als  solchen 


gerade  dort  argen  Irrtiimern  hin,  wo  man  an  die  Geistes- 
f  orschung  herantreten  will  oder  Sehnsucht  nach  ihr  hat.  Um 
nicht  zu  lang  zu  reden,  will  ich  nur  bemerken,  dafi  der 
grofite  Irrtum  gerade  bei  den  Gutmeinenden  der  ist,  dafi 
man  den  Geistesforscher,  weil  er  seine  Seele  zubereitet  hat, 
um  in  die  geistige  Welt  hineinzuschauen,  als  eine  Art  «ho- 
heres  Tier»  ansieht,  dafi  er  gegeniiber  den  anderen  Menschen 
etwas  voraus  hat.  Aber  durch  eine  solche  Anschauung  ver- 
legt  sich  der,  welcher  zur  ubersinnlichen  Erkenntnis  kom- 
men  mochte,  am  allermeisten  die  Wege  zu  ihr.  Es  bildet 
sich  sehr  haufig  aus  einem  gewissen  guten  Willen  heraus  die 
Ansieht,  dafi  der  Geistesforscher,  weil  er  in  die  geistige  Welt 
hineinsehen  kann,  deshalb  iiber  andere  Menschen  hinaus- 
ragt,  mehr  wert  sei  als  sie,  daft  es  etwas  besonders  Erstre- 
benswertes  fiir  die  Menschenseele  und  ihren  Wert  sei,  in  die 
geistige  Welt  hineinschauen  zu  konnen.  Daft  in  unserer  Zeit 
dieses  Streben  in  den  weitesten  Kreisen  auftritt,  riihrt  von 
einer  Tatsache  her,  die  kurz  in  folgender  Weise  charakteri- 
siert  werden  kann. 

In  alteren  Zeiten  finden  wir  auch  Mitteilungen  aus  der 
Geistesforschung,  die  den  Menschen  gemacht  worden  sind. 
Aber  es  wurden  zumeist  nur  die  Ergebnisse  mitgeteilt.  Uber 
die  Methoden  wurde  nicht  so  gesprochen,  wie  zum  Beispiel 
heute  gesprochen  werden  kann,  oder  wie  es  heute  in  einem 
offentlichen  Buche  verbreitet  werden  kann,  wie  jenes  ist 
«Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Wei  ten?  »  oder 
meine  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi».  Es  wurde  iiber 
die  Methoden,  aus  gewissen  Griinden,  nur  vor  einzelnen 
wenigen  gesprochen,  deren  man  in  bezug  auf  bestimmte 
Eigenschaften  ganz  sicher  war.  Das  war  fiir  altere  Zeiten 
deshalb  richtig,  weil  fiir  ein  grofteres  Publikum  zwar  Ge- 
fiihl  und  Sinn  und  auch  Wahrheitssinn  vorhanden  waren, 
um  die  Ergebnisse  auf  die  Seele  wirken  zu  lassen  und  auch 


die  Seele  gliicklich  werden  zu  lassen,  aber  nicht  genug,  um 
die  Schwierigkeiten  zu  iiberwinden,  damit  die  Seele  in  die 
geistige  Welt  hineinkommen  kann. 

Heute  leben  die  Seelen  anders.  Heute  gibt  es  die  Mog- 
lichkeit  eines  ganz  anderen  Denkens.  Vergleidien  wir  nur, 
wie  heute  die  Menschen  ganz  anders  denken  konnen,  nicht 
nur  durch  die  fortgebildete  Naturwissenschaft,  sondern  wie 
schon  durch  die  immer  fortschreitende  Bildung  die  Men- 
schen ganz  anders  denken  lernen,  als  dies  friiher  der  Fall 
war.  Dadurch  hat  sich  das  Zeitalter  die  Moglichkeit  er- 
worben,  die  Dinge  besser  zu  beurteilen.  Daher  konnen  die 
Dinge  mitgeteilt  werden.  Aber  das  ist  eben  erst  im  An- 
fange.  Daher  kann  es  nicht  fehlen,  dafi  Irrtumer  entstehen. 

Ein  solcher  Irrtum  ist  es,  wenn  man  den  Geistesforscher 
als  etwas  Besonderes  ansieht.  Aber  der  Mensch  ist  niemals 
dadurch,  daft  er  seine  Erkenntnis  erhoht,  wie  es  geschildert 
worden  ist,  etwas,  was  iiber  die  Menschheit,  die  keine  solche 
Erkenntnis  haben  kann,  hinausragt.  Ebenso,  wie  der  Che- 
miker  dadurch  nicht  etwas  anderes  ist  als  die  iibrigen  Men- 
schen, daft  er  die  Chemie  kennt,  ebensowenig  ist  der  Gei- 
stesforscher etwas  anderes  als  die  anderen  Menschen.  Nicht 
durch  solche  Dinge  wird  der  Wert  des  Menschen  bestimmt, 
sondern  er  wird  in  gewissen  engeren  Grenzen  bestimmt 
durch  die  Intellektualitat,  durch  die  Kraft  des  gesunden 
Denkens.  Ein  Mensch  ist  mehr  wert,  wenn  er  gut  denken 
kann,  als  ein  anderer,  der  schlecht  denken  kann.  Und  im 
umfassenden  Sinne  ist  der  Wert  des  Menschen  bestimmt 
durch  seine  Moralitat,  dadurch,  daft  er  moralische  Hand- 
lungen  vollbringt  und  eine  moralische  Seelenverfassung 
hat.  Nicht  durch  eine  besondere  Ausbildung  der  Seele  hat 
er  etwas  voraus,  sondern  allein  durch  seine  intellektuellen 
und  moralischen  Qualitaten. 

Aus  diesem  Grunde  sollte  die  iible  Gewohnheit,  die  so 


sehr  die  Wege  zur  iibersinnlidien  Erkenntnis  verlegt,  ganz 
und  gar  bei  denen  ausgetilgt  werden,  welche  an  solche  Er- 
kenntnis herantreten  wollen:  dafi  man  den  Geistesforsdier, 
der  in  die  geistige  Welt  hineinzuschauen  vermag,  deshalb, 
weil  er  dies  kann,  fur  eine  besondere  Autoritat,  fur  etwas 
Besonderes  halt.  Dadurch  wird  Autoritatsglaube  und  eine 
blinde  Anhangerschaft  hervorgerufen,  die  schon  sdhlimm 
genug  sind  auf  anderen  Gebieten,  die  aber  am  allerscblimm- 
sten  sind  auf  dem  Gebiete  geisteswissenschaftlicher  For- 
schung,  denn  die  Erfahrung  zeigt  fur  den  Betrieb  der  Gei- 
stesforschung  das  Folgende. 

Wer  sich  innerhalb  des  gewohnlichen  Lebens,  so  wie  an- 
dere  Menschen,  die  im  gewohnlichen  Leben  stehen,  ein  ge- 
sundes,  ein  gerades,  ein  logisches  Denken  erworben  hat,  der 
tragt  dieses  logische,  gesunde  Denken  auch  in  die  iibersinn- 
liche  Welt  hinein  und  vermag  dadurch  zu  beurteilen,  was 
wirklich,  was  richtig  und  was  wahr  ist,  und  der  allein  kann 
dann  aus  dem,  was  er  erkennt,  richtige  Urteile  seiner  Mit- 
welt  iiberliefern.  Nicht  dadurch,  dafi  man  in  die  iibersinn- 
liche  Welt  hineinschaut,  pragt  man  richtige  Urteile,  sondern 
dadurch,  dafi  man  mit  richtigem  Intellekt,  mit  guter  Logik 
hineingeht.  Ein  Tor,  der  noch  so  viel  in  der  geistigen  Welt 
schauen  kann,  der  eine  ganze  Unsumme  von  allem  mog- 
lichen  Geistigen  schaut,  weil  er  auf  irgendeine  Weise  seine 
Seele  dazu  gebildet  hat,  wird  auch  lauter  unsinniges  Zeug 
erzahlen,  wie  es  in  der  geistigen  Welt  ist.  Ob  man  zur 
Wahrheit  kommt,  das  hangt  davon  ab,  wie  man  urteilen 
kann.  Deshalb  ist  der  Mensch  mit  gutem  Verstande,  wenn 
er  auch  gar  nicht  in  die  geistige  Welt  hineinschauen  kann, 
jederzeit  in  der  Lage,  sich  ein  Urteil  dariiber  zu  bilden,  ob 
das,  was  einer  erzahlt,  und  wenn  er  es  noch  so  sehr  in  der 
geistigen  Welt  «gesehen»  hat,  ein  Unsinn  ist,  oder  ob  es 
Hand  und  Fufi  hat.  Wenn  jemand  zeigt,  dafi  er  nicht  gut 


denken  kann,  dafi  er  die  Dinge  nicht  richtig  verkniipfen 
kann,  dann  sollte  er,  statt  dem  Geistesforscher  aufzuhor- 
chen,  lieber  bei  dem  gesunden  Menschenverstande  Wache 
stehen,  denn  dann  wird  er  jederzeit  wissen,  ob  etwas  aus 
einem  klugen  oder  einem  torichten  Sinne  kommt. 

Nodi  bedeutender  ist  in  dieser  Beziehung  die  moralische 
Seelenverfassung.  Wer  mit  schlechten  Leidenschaften,  mit 
schlechten  Gefiihlen  und  Empfindungen,  namentlich  aber 
mit  Eitelkeit  und  Ehrsucht  an  die  geistige  Welt  herantritt, 
der  wird  das,  was  sich  ihm  dann  bietet,  nur  verzerrt  und 
unwahr  schauen.  Er  wird  die  schlechtesten  Partien  des  Gei- 
stigen  schauen,  und  diese  werden  sich  ihm  noch  so  dar- 
stellen,  daft  sie  ihm  nicht  Wahrheit  kiinden,  sondern  Illu- 
sionen  aufbinden.  Seine  moralische  Verfassung  entscheidet 
bei  dem  geistigen  Seher  iiber  das,  was  er  in  der  geistigen 
Welt  schauen  kann.  So  sehr  ist  das  geistige  Schauen  selbst 
nicht  dazu  geeignet,  den  Menschen  irgendwie  zu  einer  Au- 
toritat  zu  machen.  Vielmehr  haben  wir  auf  die  Art  zu 
achten,  wie  Geistesforschung  vorbereitet  wird,  und  mussen 
wissen,  dafi  wir  das  grofite  Unheil  anrichten,  wenn  wir 
nicht  mit  unserem  gesunden  Menschen ver stand  Wache  hal- 
ten  und  nur  auf  das  objektiv  zu  Beurteilende  sehen. 

Das  ist  der  Weg  zur  Beurteilung  iibersinnlicher  Erkennt- 
nisse  von  seiten  derjenigen,  die  solche  Erkenntnisse  fur  das 
Heil  und  das  Gliick  ihrer  Seele  ersehnen.  Wenn  sich  der 
Mensch  in  dieser  Weise  zu  dem  Geistesforscher  verhalt, 
dann  ist  wahrhafHg  dieses  Verhaltnis  der  Welt  dem  Geistes- 
forscher gegenuber  nicht  anders  als  das  Verhaltnis  der  Welt 
zu  anderen  Wissenschaften.  Wie  nicht  jeder  auf  die  Stern- 
warte  oder  ins  Laboratorium  gehen  kann,  um  dort  Unter- 
suchungen  zu  machen,  so  konnen  auch,  obwohl  heute  immer 
schon  eine  gewisse  Vertiefung  in  die  geistige  Welt  moghch 
ist,  verhaltnismafiig  wenige  in  dieselbe  hineinschauen.  Das 


ist  aber  audi  nicht  notwendig,  denn  das,  was  die  Friidhte 
einer  geistigen  Erkenntnis  sind,  das  kann,  wenn  es  mitge- 
teilt  wird,  durdi  unbefangenes  Begreifen  verstanden  wer- 
den.  Dies  kann  das  richtige  Verhaltnis  des  Geistesforschers 
zu  seinem  Publikum  werden,  und  dies  ist  audi  immer  das 
richtige  im  Zusammenleben  der  Menschen. 

Je  mehr  man  es  dahin  bringt,  den  Geistesforscher  nicht 
als  Autoritat  zu  nehmen,  sondern  sich  auf  seinen  gesunden 
Menschenver stand  zu  verlassen,  alles  zu  priifen,  und  je 
mehr  man  alles,  was  der  Geistesforscher  sagt,  daran  bemilk, 
wie  man  es  einsieht,  wenn  man  es  mit  demLeben  vergleicht, 
wenn  man,  mit  anderen  Worten,  seinen  gesunden  Menschen- 
ver stand  anwendet  -  je  mehr  man  das  tut,  des  to  mehr 
steht  man  auf  einem  gesunden  Boden.  Wir  diirfen  durch- 
aus  sagen,  dafi  Geisteswissenschaft,  soweit  sie  die  Welt 
braucht,  heute  jedem  Menschen  zuganglich  ist  aus  dem  Um- 
stande,  weil  sie  begreifbar  ist,  audi  wenn  man  nicht  in  die 
geistigen  Welten  hineinschauen  kann.  Wir  sind  heute  schon 
auf  dem  Standpunkte,  da£  es  eigentlich  keiner  Seele  mehr 
versagt  ist,  den  Weg  in  die  geistige  Welt  zu  gehen.  Das 
erfordert  unser  Zeitalter,  dafi  sich  die  Menschen  immer 
mehr  und  mehr  uberzeugen,  dafi  der  Weg  in  die  ubersinn- 
lichen  Welten  hinein  audi  gemacht  werden  kann.  Das  ist 
das  Richtige,  im  Gegensatze  zu  dem,  was  den  Menschen  zu 
einem  blinden  Autoritatsglauben  bringt.  Das  aber  allein, 
was  richtig  ist,  hat  fur  das  Gliick  und  das  Heil  der  Seele 
einen  Wert. 

Das  sollten  einige  Andeutungen  sein  iiber  die  Wege  zur 
ubersinnlichen  Erkenntnis,  zu  jener  Erkenntnis,  die  uns 
wirklich  in  eine  geistige  Welt  hineinfiihrt,  welche  hinter 
unserer  Sinneswelt  liegt,  und  die  uns  audi  dazu  bringt,  diese 
geistige  Welt  zu  begreifen.  Der  Geistesforscher  selber  hat 
fur  seine  Personlichkeit,  fiir  seine  Wesenheit  erst  dann 


etwas  von  der  geistigen  Welt,  wenn  er  nicht  bloE  schauen 
kann,  sondern  das  Geschaute  audi  begreifen  kann.  Denn 
alles  Geschaute  1st,  ohne  daiS  es  begriffen  wird,  noch  nichts 
wert.  Wenn  es  aber  begriffen  ist,  begriffen  1st  von  dem 
charakterisierten  gesunden  Menschenverstande  und  dem 
natiirlichen  Wahrheitsgefiihl,  dann  grabt  es  sich  ein  in  un- 
sere  Seele,  verbindet  sich  mit  ihr,  und  unsere  Seele  fuhlt 
unmittelbar,  was  da  drinnen  ist,  wie  die  Seele,  wenn  sie 
vor  ein  Bild  tritt,  unmittelbar  fuhlt,  was  in  dem  Bilde  ist, 
wenn  sie  dieses  Bild  auch  nicht  selber  machen  kann.  Wie  es 
nicht  notwendig  ist,  um  von  einem  Bilde  etwas  zu  haben, 
dafi  man  ein  Maler  sein  mufi,  ebensowenig  ist  es  notwendig, 
um  in  eine  fiir  die  Seele  auch  im  hochsten  Mafie  notwen- 
dige  Erkenntnis,  zum  Beispiel  der  Unsterblichkeit  oder  des 
Durchganges  durch  wiederholte  Erdenleben,  einzudringen, 
oder  um  diese  Erkenntnis  geniigend  zu  durchdringen,  dafi 
man  selber  diese  Erkenntnisse  im  geistigen  Schauen  formen 
kann  -  obwohl  es  gut  ware,  wenn  immer  mehr  und  mehr 
Menschen  in  das  geistige  Schauen  eindringen  wiirden.  Das 
erobert  sich  aber  die  Zeit,  und  das  werden  auch  immer  mehr 
Menschen  tun,  weil  das  notwendige,  gar  nicht  zu  iiber- 
windende  Bediirfnis  auftreten  wird,  sich  in  die  iibersinn- 
liche  Welt  hineinzuleben.  Die  Seelen  werden  immer  mehr 
und  mehr  gezwungen  werden,  auch  sozusagen  zum  Seher 
zu  werden,  wirklich  mit  der  geistigen  Welt  zusammenzu- 
wachsen. 

Das  aber  gibt  -  sei  es  begrifTenes  Selbstschauen,  sei  es 
begriffenes  Schauen  des  andern  -  der  Besitz  der  iibersinn- 
lichen  Wahrheiten,  der  ubersinnlichen  Erkenntnisse,  dafi 
unsere  Seele  weifi,  wie  wir  durch  die  aufiere  Wissenschaft 
erkennen,  wie  alle  die  aufSeren  Stoffe,  die  in  unserem  Leibe 
sich  flnden,  in  dem  ganzen  Universum  vorhanden  sind,  so 
dafi  wir  wie  eingebettet  sind  in  dem  Gleichen,  das  in  dem 


ganzen  Universum  ausgebreitet  ist  -  Untersuchungen,  die 
erst  durch  die  Spektral-Analyse  moglich  gemacht  worden 
sind  —  wie  der  Mensdi  aus  dem  Universum  heraus  gestaltet 
ist.  So  lernt  er  durch  die  geistbegreifende  Forschung  audi 
erkennen,  daft  er  in  allem,  was  in  seinem  Bewufitsein  oder 
in  seinem  Unterbewufttsein  auf-  und  abwogt,  mit  einer 
Welt  von  geistigenWesenheiten  zusammenhangt,  diewahr- 
haftig  wirklicher  sind  als  die  Stoffe,  mit  denen  der  Leib 
zusammenhangt. 

So  fuhlt  der  Mensch  nach  und  nach  die  Fnichte  der  Gei- 
stesf orschung  an  seiner  Seelenruhe,  und  fuhlt  audi  die  Kraft, 
zu  arbeiten  und  tatig  zu  sein  im  geistigen  All,  im  gott-  und 
geistdurchtrankten  All.  Das  aber  macht  es  erst,  daft  der 
Mensch  weift,  was  er  ist  und  die  fur  ihn  notwendige  Er- 
kenntnis  hat:  daft  er  ruhend  und  tatig,  denkend,  fiihlend 
und  wollend  im  geistdurchtrankten  All  lebt  und  sich  mit 
ihm  verbunden  fuhlt  und  weift.  Und  das  macht  das  aus, 
was  die  Seele  nicht  entbehren  kann,  was  sie  sucht,  wenn  sie 
es  fiir  eine  gewisse  Zeitdauer  nicht  hat.  Das  braucht  die 
Seele,  wenn  sie  nicht  in  sich  veroden  soli  und  durch  die  Ver- 
odung  nicht  unfahig  werden  soil,  mitzuarbeiten  an  der 
Menschheit,  so  da£  sie  nicht  nur  zur  Verzweiflung  an  dem 
Gottlichen,  sondern  audi  in  die  Dekadenz  kommen  wiirde. 
Das  Bewufitsein  aber  der  Zusammengehorigkeit  mit  den 
iibersinnlichen  Welten  liegt  dem  zugrunde,  was  wie  instink- 
tiv  fiihlend  in  Goethe  lebte,  wenn  er  sagt: 

War  nicht  das  Auge  sonnenhaft, 
Die  Sonne  konnt  es  nie  erblicken; 
Lag  nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft, 
Wie  konnt  uns  Gottliches  entziicken? 

Wohl,  das  Auge  ist  sonnenhaft!  Dieselbe  Kraft,  die  in 
der  Sonne  ist,  ist  im  Auge.  Dadurch  kann  Gleiches  von 


Gleichem,  wie  schon  die  alten  Philosophen  sagten,  erkannt 
werden.  In  dem  Menschen  ist  ein  Gottliches,  die  ganze  Welt 
ist  durchtrankt  von  Gottlichem:  dadurch  kann  das  innere 
Gottliche  das  auftere  Gottliche  erfassen.  Aber  Goethe  er- 
kannte  audi,  dafi  das  Gegenteil  davon  eine  Wahrheit  ist. 

Schopenhauer  vermag,  obwohl  er  die  ganze  Welt  zu 
einer  Willenserscheinung  macht,  nicht  einzusehen,  dalS  das, 
was  in  uns  ist,  nicht  blofi  notwendig  ist  fur  die  Erkenntnis 
des  AuEeren  um  uns,  sondern  dafi  umgekehrt  audi  das 
Aufiere  notwendig  ist  fur  das  Dasein  des  Inneren.  Im 
schopenhauerschen  Sinne  ware  es,  dafi  die  Sonne  nur  da- 
durch  vorhanden  ist,  dafi  wir  ein  Auge  haben.  Dadurch  ist 
ja  die  sonderbare  Philosophic  entstanden,  welche  die  Welt 
als  tonlos,  als  warmelos  und  so  weiter  betrachtet  und  alles 
dieses  erst  beginnen  lafit,  indem  die  menscblichen  Organe 
in  die  Welt  treten.  Aber  Goethe  wu£te  das  Richtige:  dafi 
nicht  nur,  indem  wir  Augen  haben,  wir  die  Dinge  sehen, 
indem  wir  Ohren  haben,  wir  die  Tone  horen,  sondern  dafi 
ein  Auge  erst  dadurch  auftreten  kann,  daft  die  Sonne  da 
ist.  Aus  einer  einstmals  augenlosen  Wesenheit  hat  sich  der 
Mensch  zu  einem  sehenden  Wesen  dadurch  gemacht,  dafi 
das  Licht  den  Raum  erfiillte  und  aus  dem  Organismus,  der 
noch  kein  Auge  hatte,  das  Auge  herausholte.  Die  Sonnen- 
kraft  hat  das  Auge  geschaffen  durch  das  von  ihr  verbreitete 
Licht.  So  kommt  es  nicht  darauf  an,  dafi  wir  das  Gottliche 
in  uns  tragen  und  zum  Beispiel  in  Feuerbachs  Sinne  das 
Gottliche,  das  wir  erst  in  uns  geschaffen  haben,  nur  hin- 
ausprojizieren  in  die  Welt,  sondern  wir  miissen  wissen,  dafi 
wir  gar  nicht  diesen  «Gottessinn»  in  uns  hatten,  wenn  nicht 
das  Gottlich-Geistige  die  Welt  erfiillte  und  in  uns  ein  Geist- 
organ  geschaffen  hatte,  wie  die  aufiere  Sonne  das  auftere 
Auge  geschaffen  hat. 

Deshalb  konnen  wir  sagen:  Das  Bewufksein  der  Zusam- 


mengehorigkeit  von  Seele  und  Welt,  das  der  Seele  Starke 
und  Kraft  gibt  und  sie  ruhen  und  tatig  sein  lafk  im  geistigen 
All,  das  setzt  sich  aus  zwei  Dingen  zusammen,  zwei  Din- 
gen,  von  denen  wir  das  eine  mit  dem  schonen  Goetheschen 
Ausspruche  diarakterisieren  konnen: 

War  nicht  das  Auge  sonnenhaft, 
Die  Sonne  konnt  es  nie  erblicken; 
Lag  nicht  in  uns  des  Gottes  eigne  Kraft, 
Wie  konnt  uns  Gottliches  entzucken? 

Aber  es  ist  ganz  im  goetheschen  Sinne,  wenn  wir,  diese 
einseitige  Wahrheit  durch  das  andere  erganzend,  was  sie 
erst  zur  vollen  Wahrheit  macht,  den  anderen  Spruch  hin- 
zufugen,  der  da  heifien  mag: 

Ware  die  Welt  nicht  Sonne-begabt, 
Wie  konnten  Augen  den  Wesen  erbluhen? 
Ware  das  Dasein  nicht  Gottes  Enthullung, 
Wie  kamen  Menschen  zur  Gottes-Erfullung? 


ERGEBNISSE  DER  GEISTESFORSCHUNG 
FOR  LEBENSFRAGEN  UND  DAS  TODESRATSEL 


Berlin,  5.Dezember  1912 


Die  grolken  Ratsel  des  Lebens,  welche  allgemeine  mensch- 
liche  Bedeutung  haben,  sind  uns  nicht  durch  besondere  For- 
schungen  der  Wissenschaft  auf  gegeben,  sondern  sie  begegnen 
uns  auf  Schritt  und  Tritt  des  Lebens.  Und  der  grofke  Frage- 
steller  ist  ja  wohl  das  Leben  selbst,  das  fortwahrend  an  uns 
herantritt,  ein  Fragesteller,  der  mit  seinen  Fragen  nicht  nur 
unsere  Neugier,  unsere  Wifibegierde  erregt,  sondern  der 
durch  seine  Fragen  Gluck  und  Leid,  Bef  riedigung  oder  wohl 
audi  Verzweiflung  unserer  Seele  bedeuten  kann.  Geistes- 
wissenschaft,  wie  sie  hier  in  diesen  Vortragen  vertreten 
wird,  soil  ja  vorzugsweise  dazu  da  sein,  diese  vom  Leben 
selbst  gestellten  Fragen  zu  losen,  soweit  es  menschlichem 
Erkenntnisvermogen  gestattet  ist,  in  die  Geheimnisse  des 
Daseins  hineinzuschauen.  Wenn  auch  gegeniiber  der  heute 
gebrauchlichen  Wissenschaft  diese  Geisteswissenschaft  als 
etwas  Neues,  als  etwas  Ungewohntes  erscheint,  so  ist  das 
fur  den  begreiflich,  der  nur  einen  Blick  in  diejenigen  Zweige 
gebrauchlicher  Wissenschaft  tut,  welche  sich  gerade  mit  Fra- 
gen der  Seele,  mit  Fragen  des  geistigen  Lebens  beschaftigen. 
Was  man  heute  Psychologie  oder  Seelenwissenschaft  nennt, 
kann,  soweit  es  sich  darbietet,  in  weitem  Mafie  durchforscht 
werden,  und  man  wird  finden,  dafi  gerade  die  grofkn  Da- 
seinsfragen,  die  grofien  Lebensratsel  in  dieser  gebrauch- 
lichen Wissenschaft  gar  sehr  zu  kurz  kommen. 

Einer  der  grofteren  Seelenforscher  der  Gegenwart,  Franz 


Brentano,  hat  es  in  seiner  «Psychologie»  ausgesprochen: 
Wie  man  heute  eigentlich  in  der  gebrauchlidien  Seelenfor- 
schung  die  Fragen  beantwortet  findet  oder  wie  sie  wenig- 
stens  zu  beantworten  versucht  werden,  wie  sich  Vorstellung 
an  Vorstellung  reiht,  wie  die  eine  Empfindung  die  andere 
in  der  Seele  wachruft,  wie  vielleicht  nodi  diejenigen  Seelen- 
krafte  sich  innerhalb  unseres  Bewufkseins  ausgestalten,  die 
wir  mit  dem  Namen  Gedachtnis  bezeichnen,  das  alles  — 
meint  audi  Franz  Brentano  -  konnte  doch  kein  Ersatz  fur 
das  sein,  was  einstmals  gerade  die  Seelenforschung  als  eine 
gewisse  Losung  des  Geheimnisses  zu  ergriinden  suchte,  das 
sich  an  den  Namen  der  Unsterblichkeit  des  menschlichen 
Wesens  knupft.  -  Nach  solchen  Fragen  wie  jener  der  Un- 
sterblichkeit der  Seele  wird  man  eben  heute  in  der  gebrauch- 
lidien Geistes-  oder  Seelenwissenschaft  vergeblich  suchen, 
und  nach  anderen  Fragen  auch.  Sie  konnen  aus  dieser  ge- 
brauchlichen  Seelenwissenschaft  heraus  sozusagen  gar  nicht 
einmal  aufgeworfen  werden. 

Man  mochte  sagen,  mit  einem  trivialen  Worte  konnten 
die  alleralltaglichsten  grofien  Ratselfragen  des  Seelenlebens 
aufgeworfen  werden,  namlich  mit  den  Worten:  Wie  soil 
der  Mensch  iiberhaupt  mit  sich  und  der  Welt  fertig  werden, 
wenn  er  an  sich  selbst  erlebt,  wie  er  in  jedem  Lebensalter  ein 
anderer  wird,  wie  jedes  Lebensalter  neue  Aufgaben  vor  ihn 
hinstellt  schon  im  Leben  zwischen  Geburt  und  Tod?  Wie 
soil  sich  der  Mensch  das  grofie  Ratsel  des  Daseins  beant- 
worten, das  alltaglich  an  ihn  herantritt  und  das,  wie  jeder 
merken  kann,  innig  zusammenhangt  mit  dem  ganzen  Wesen 
des  Menschen?  Das  grofie  Ratsel,  wie  kommt  es  und  was 
fur  eine  Bedeutung  hat  es,  dafi  alles,  was  vom  Morgen 
bis  zum  Abend  im  wachen  Zustande  in  uns  auf-  und  ab- 
flutet  an  Vorstellungen,  Trieben,  Begierden,  Leidenschaften, 
Affekten  und  so  weiter,  mit  dem  Eintritt  des  Schlafes  in 


ein  unbestimmtes  Dunkel  hinuntersinkt  und  wiederum  aus 
diesem  unbestimmten  Dunkel  auferweckt  wird,  wenn  wir 
den  neuen  Tag  beginnen?  -  Schlaf  und  Wachen,  die  so  innig 
mit  dem  Daseinsratsel  des  Mensdien  zusammenhangen,  von 
ihnen  mufi  die  Wissenschaft  selbst  gestehen  und  gesteht  es 
immer  mehr,  dafi  sie  kaum  irgend  etwas  zur  Beantwortung 
dieser  Ratselfragen  zu  sagen  weifi.  Und  dann  kommt  das 
eben  schon  angedeutete  Todesratsel,  jenes  Ratsel,  iiber  wel- 
ches ein  bedeutender  Forscher  der  jiingst  vergangenen  Zei- 
ten,  wie  es  hier  schon  angedeutet  worden  ist,  nichts  anderes 
zu  sagen  weifi,  als  was  sozusagen  die  Beobachtung  der 
aulkren  Korperlichkeit  ergibt.  Huxley  fiihrt  sie  gleich  im 
Beginne  seiner  «Grundziige  der  Physiologie»  an,  die  Worte 
des  melancholischen  Danenprinzen  Hamlet: 

Der  grofie  Casar,  tot,  und  Lehm  geworden, 
Verstopft  ein  Loch  wohl  vor  dem  rauhen  Norden; 
O  daft  die  Erde,  der  die  Welt  gebebt, 
Vor  Wind  und  Wetter  eine  Wand  verklebt! 

Und  weiter  fuhrt  er  das  aus,  was  er  sagen  will,  indem 
er  zeigt,  dafi  die  einzelnen  materiellen  Teile,  welche  den 
Mensdien  zusammensetzen,  wenn  er  durch  die  Pforte  des 
Todes  schreitet,  sozusagen  in  alle  Winde  nach  und  nach  ver- 
fliegen,  in  die  anderen  Materien  ubergehen,  die  um  uns 
herum  sind,  und  wie  wir  dort  zusammensuchen  miiftten 
das,  was  der  Mensch  gewesen  ist,  wenn  wir  die  stofflichen 
Atome  dort,  wo  sie  nach  einiger  Zeit  anzutrefifen  sind,  in 
den  Weltenweiten,  suchen  wiirden. 

DajS  dies,  was  aus  den  Atomen  des  gro£en  Casar  gewor- 
den ist,  gar  nicht  die  Frage  ist,  die  eigentlich  der  mensch- 
lichen  Seele  nahegeht,  das  fiihlt  sozusagen  die  aufiere  natur- 
wissenschaftliche  Betrachtung  gar  nicht  mehr.  Dafi  die  Frage 
die  ist:  Wo  sind  die  Seelenkrafte,  die  in  Casar  gewirkt  ha- 


ben?  Was  ist  mit  ihnen  geschehen?  Wie  wirken  sie  in  der 
Welt  weiter?  -  dafi  dies  die  grofte  Frage  ist,  das  kann  audi 
eine  auftere  Wissenschaft  nicht  mehr  fiihlen.  Und  dann 
jene  Frage,  die  sich  einschliefk  in  das  bedeutungsvolle  Wort 
Schicksal,  die  Schicksalsfrage,  die  uns  eben  wirklich  auf 
Schritt  und  Tritt  im  Leben  entgegentritt,  die  uns  das  grofie 
Ratsel  auf gibt,  das  sich  uns  alliiberall  zeigt.  Wir  sehen  einen 
Menschen  ins  Dasein  treten,  in  Not  und  Elend  geboren,  so 
dafi  wir  an  seiner  Wiege  voraussagen  konnen,  dafi  ihm  ein 
wenig  giinstiges  Gesdiick  besdiieden  sein  wird,  oder  wir 
sehen  ihn  mit  scheinbar  geringfugigen  Anlagen  ins  Leben 
treten,  so  dafi  wir  wieder  voraussagen  konnen,  er  wird  sich 
und  den  anderen  Menschen  nur  wenig  von  Vorteil  sein.  Bei 
einem  anderen  wieder  sehen  wir,  wie  er  ins  Leben  tritt,  im 
Gliick  und  Oberflufi  geboren,  umgeben  von  sorgenden  Han- 
den  von  der  Wiege  an,  mit  Anlagen  ausgestattet,  welche 
von  vornherein  zeigen,  dafi  er  sich  und  seinen  Mitmenschen 
ein  nutzliches  Glied  der  Weltenordnung  werden  konnte. 
Wieviel  von  alledem,  was  wir  Gliick  und  Leid  nennen,  und 
was  taglich,  stundlich  an  uns  herantritt,  schliefk  sich  in 
diese  Schicksalsfrage  ein!  Man  mochte  sagen,  die  grofien 
Fragen  des  Daseins  beginnen  erst  dort,  wo  die  Wissen- 
schaft gewissermafien  aufhoren  mufi.  Und  wer  heute  mit 
einer  solchen  Weltanschauung  sich  bekannt  zu  machen  ver- 
sucht,  die  aus  rein  wissenschaftlichen  Unterlagen  heraus 
gepragt  ist,  der  wird  sich  sagen:  Was  mir  da  als  Zusammen- 
fassung,  als  noch  so  schone  Zusammenfassung  wissenschafl- 
licher  Wahrheiten  geboten  ist,  das  zeigt  mir  erst  den  An- 
f ang  der  Fragestellung,  jener  Fragestellung,  wie  ich  die  gro- 
fien  Ratselfragen  des  Daseins  aufwerfen  mufi;  von  Ant- 
worten  ist  da  noch  nicht  viel  zu  finden. 

Dem  allem  gegeniiber  mu£  man  aber  betonen,  dafl  im 
weitesten  Umf  ange  der  Bildung  der  heutigen  Zeit  gar  nicht 


die  Moglichkeit  vorhanden  ist,  auf  die  Lebensfragen  der 
menschlichen  Seele  einzugehen,  aus  dem  einfachen  Grunde, 
weil  durch  Erscheinungen  und  Tatsachen,  die  sich  im  Laufe 
der  letzten  Jahrhunderte  abgespielt  haben  -  und  die  in  den 
nachsten  Vortragen  zur  Sprache  kommen  sollen  —  die 
menschlichen  Denkgewohnheiten,  die  ganzen  Anlagen  des 
menschlichen  Denkens  mehr  auf  das  auftere  Materielle  hin- 
gelenkt  worden  sind  und  sich  eigentlich  erst  dann  beruhigt 
fuhlen,  wenn  sie  mit  dem  Urteil,  mit  dem  Forschen  bei 
irgend  etwas  einsetzen  konnen,  was  dem  Augenschein  ge- 
geben  ist,  oder  was  dem  an  das  Gehirn  gebundenen  Ver- 
stande  zuganglich  ist.  Es  ist  diesen  Denkgewohnheiten 
vielfach  die  Moglichkeit  entzogen,  auf  das  nur  hinzu- 
schauen,  was  seelisches  Leben  ist,  hinzuschauen  auf  die- 
jenigen  Ereignisse,  innerhalb  welcher  sich  das  abspielt,  was 
nicht  im  Korperlichen  sich  erschopfl,  sondern  was  spezifisch 
seelisch  ist. 

Es  ist  wohl  aus  den  bereits  in  diesem  Winter  gehaltenen 
Vortragen  ersichtlich,  dafi  es  sich  bei  Beantwortung  dieser 
Fragen  nicht  so  sehr  darum  handelt,  ob  der  Mensch  etwa 
durch  die  Wege  ins  iibersinnliche  Leben,  welche  im  letzten 
Vortrage  hier  angedeutet  worden  sind,  in  diejenigen  Ge- 
biete  hineinschauen  kann,  wo  sich  Antworten  finden  lassen 
konnen  auf  die  angedeuteten  Fragen.  Mehrfach  ist  es  be- 
tont  worden,  dafi  gewisse  Dinge  auf  diesem  Wege  erforscht 
werden  miissen,  daft  aber  dann  der  unbefangene  Menschen- 
ver stand,  das  unbefangene  Urteil  durchaus  in  der  Lage  ist, 
das  einzusehen,  was  die  iibersinnliche  Forschung  geben 
kann.  Wenn  dies  der  Fall  ist,  dann  wird  es  auch  verstand- 
lich  sein,  dafi  der  im  letzten  Vortrage  geschilderte  Weg 
iibersinnlicher  Erkenntnis  immer  die  Moglichkeit  gibt,  das- 
jenige,  was  im  Leben  ohnedies  da  ist,  was  sich  im  Leben 
iiberall  darbietet,  in  richtiger  Art  anzuschauen  und  durch 


die  richtige  Anschauung  Antworten  zu  bekommen  auf  die 
grofien  Ratselfragen  des  Daseins. 

Das  Geistige  im  Menschen  ist  iiberall  vorhanden,  ist  im- 
mer  da,  und  dafi  es  uns  seine  Unsterblichkeit  kiindet,  dazu 
ist  nicht  so  sehr  ein  unmittelbares  Hineinblicken  in  die 
iibersinnliche  Welt  notwendig,  als  ein  richtiges  Anschauen 
-  das  allerdings  herangezogen  und  gelautert  werden  kann  -, 
als  ein  richtiges  Anschauen  der  unmittelbaren  Ereignisse 
unseres  Seelenlebens  selber.  Darauf  sollte  das  Hauptaugen- 
merk  bei  der  Beurteilung  dessen  gerichtet  sein,  was  hier 
Geisteswissenschaft  genannt  wird:  in  welcher  ArtdasLeben 
betrachtet  wird,  in  welcher  Art  durch  das  von  der  Geistes- 
wissenschaft herbeigefiihrte  eigenartige  Denken  die  Erschei- 
nungen  des  unmittelbaren  Seelenlebens  sich  darbieten.  Wer 
dabei  genau  zusehen  will,  der  wird  finden,  dafi  die  Geistes- 
wissenschafl  die  Erscheinungen  des  unmittelbaren  Seelen- 
lebens im  Zusammenhange  mit  dem  aufieren  Leben  des 
Materiellen  so  betrachtet,  dafi  die  angedeutete  grofie  Ratsel- 
frage  des  Daseins  sich  aus  der  unmittelbaren  Lebensbeob- 
achtung  heraus  zur  Beantwortung  bringt. 

Es  ist  hier  schon  mehrfach  angedeutet  worden,  dafi  die 
Geisteswissenschaft  heute  in  einer  ahnlichen  Lage  ist,  in 
welcher  die  Naturwissenschaft  in  der  Zeit  der  Morgenrote 
der  neueren  Bildung  war,  als  zum  Beispiel  Francesco  Redi 
die  grofie  "Wahrheit  aussprach,  die  heute  allgemein  iiblich 
ist  und  allgemein  anerkannt  wird:  Lebendiges  kann  nur 
aus  Lebendigem  stammen.  Damit  war  zunachst  ein  mach7 
tiges  Vorurteil  bekampft,  das  Vorurteil,  welches  damals 
nicht  etwa  bloJft  auf  Laienkreise  beschrankt  war,  sondern 
die  ganze  damalige  Wissenschaft  beherrschte  -  und  diese 
Zeit  liegt  nur  wenige  Jahrhunderte  zuriick:  Man  glaubte 
noch  vor  drei  Jahrhunderten  etwa,  beim  Auftreten  Fran- 
cesco Redis,  dafi  niedere  Tiere,  wie  Fische,  Regenwiirmer 


und  dergleichen,  aus  Flufischlamm  durch  blofie  Zusammen- 
fiigung  des  aufleren  Materiellen  entstehen  konnen.  Dafi 
dies  eine  ungenaue  Beobachtung  war,  zeigte  Francesco  Redi. 
Er  zeigte,  dafi  nichts  von  lebendigem  Dasein  entstehen 
kann,  ohne  dafi  ein  von  einem  gleichen  Lebendigen  her- 
riihrender  Lebenskeim  in  die  unorganisierte  Materie  hin- 
emversetzt  wird,  und  stellte  den  Satz  auf :  Lebendiges  kann 
nur  aus  Lebendigem  entstehen.  In  den  Grenzen,  in  denen 
hier  von  diesem  Satze  gesprochen  werden  soli,  erkennen 
ihn  alle  an,  von  Haeckel  bis  Du  Bois-Reymond.  Nicht  an- 
erkannt  war  er  zur  Zeit  Francesco  Redis.  Dieser  mufite  erst 
zeigen,  wie  nur  eine  ungenaue  Beobachtung  zugrunde  liegt, 
wenn  man  glaubt,  dafi  sich  die  unlebendige  Materie  zu 
Lebendigem  zusammenformen  konne. 

In  derselben  Lage  ist  die  Geisteswissenschaft  heute  dem 
Geistigen  gegeniiber,  wie  es  dem  Lebendigen  gegenuber 
Francesco  Redi  war.  Die  Geisteswissenschaft  zeigt  heute 
durch  die  Art,  wie  sie  die  Seelenerscheinungen  zu  betrachten 
vermag,  dafi  es  einer  ungenauen  Beobachtung  entspricht, 
wenn  man  glaubt,  dafi  das,  was  mit  einem  Menschen  an 
innerem  Seelenleben  ins  Dasein  tritt,  etwa  herriihren 
konnte  zum  Beispiel  von  der  Vererbung,  von  den  Eltern 
oder  Grofieltern  usw.  herauf,  oder  nur  aus  dem  herriihren 
konnte,  was  die  Seele  des  Menschen  durch  aufiere  Erfah- 
rung,  durch  aufieres  Erleben  der  Umwelt  in  sich  aufnimmt. 
Die  Geisteswissenschaft  hat  zu  zeigen,  dafi  der  Glaube,  es 
konnte  so  sein,  genau  ebenso  auf  ungenauer  Beobachtung 
beruht,  wie  der  Glaube,  dafi  aus  unlebendiger  Substanz  sich 
ein  gestaltetes  Lebendiges  zusammenformen  konnte.  Wie 
die  unorganische  Materie  sozusagen  nur  von  einem  leben- 
digen Keim  zusammengezogen  werden  kann,  so  kann  alles, 
was  an  vererbten  Merkmalen  und  Eigenschaften  die  Men- 
schenseele  in  sich  gestaltet,  alles,  was  sie  aus  der  aufieren 


Welt  durch  die  Sinne  und  durch  den  Verstand  aufnimmt, 
nur  zu  dem,  was  als  unmittelbar  lebendiges  Seelenwesen  in 
uns  lebt  und  webt,  zusammengefiigt  werden,  wenn  ein 
lebendiger  Geisteskeim  da  ist,  ein  Geisteskeim,  der  in  sich 
zusammenfiigt  sowohl  die  vererbten  Merkmale,  wie  alles, 
was  aus  der  aulteren  Umgebung  auf genommen  wird. 

Diesen  Geistes-  oder  Seelenkeim  faftt  die  Geisteswissen- 
schaft ins  Auge,  und  sie  steht  damit  allerdings  einem  sehr, 
sehr  verbreiteten  Vorurteile  der  Gegenwart  gegeniiber. 
Wenn  man  heute  von  dem  Geprage  der  menschlichen  Seele 
spricht,  wenn  man  von  allem  spricht,  was  der  Mensch  dar- 
lebt,  dann  wird  man -und  es  ist  dies  durch  gewissenhafteste 
Forschungen  geschehen,  die  durchaus  in  ihrer  Art  anerkannt 
werden  sollen  -  auf  dieses  oder  jenes  hinweisen,  was  von 
den  Vorfahren  «vererbt»  ist.  Man  wird  immer  versucht 
sein,  was  in  der  menschlichen  Seele  lebt,  und  was  der  Mensch 
ausgestaltet,  sozusagen  zusammenzufugen  durch  diese  oder 
jene  Ursachen,  welche  innerhalb  der  Vererbungslinie  liegen, 
auf  die  man  nur  einwirken  lassen  will,  was  von  aufien  auf 
den  Menschen  einstiirmt  zur  Gesamtgestaltung  der  mensch- 
lichen Seele. 

Es  wird  einmal  eine  gewisse  Harmonie  zwischen  der 
Naturwissenschafl  und  der  Geisteswissenschaft  auf  diesem 
Gebiete  zustande  kommen,  wenn  man  eine  Frage  beriick- 
sichtigen  wird,  welche  der  Geisteswissenschaft  stets  vor- 
schweben  mufi,  wenn  vom  menschlichen  Seelenkern  und 
von  vererbten  Anlagen  die  Rede  ist,  die  Frage,  die  sich 
knupft  an  die  Erhaltung  der  ganzen  menschlichen  Gattung. 
Innerhalb  des  Gattungslebens,  innerhalb  dessen,  was  im 
Generationenwesen  vom  Grofivater  und  Vater  auf  den 
Sohn  und  so  weiter  vererbt  wird,  sehen  wir  allerdings 
Merkmale  von  Generation  zu  Generation  iibergehen.  Aber 
eines  tritt  uns  fragestellend  entgegen,  wenn  wir  diese  Auf- 


einanderfolge  des  Menschendaseins  im  Laufe  der  Gene- 
rationen  ins  Auge  fassen:  daft  der  Mensch  in  einer  gewissen 
Zeit  sozusagen  die  Mannbarkeit,  die  Geschlechtsreife  er- 
langt,  und  in  der  Zeit,  in  welcher  er  diese  erlangt  hat,  ist  er 
in  der  Lage,  sozusagen  gattungsmafiig  wieder  einen  voll- 
standigen  Menschen  ins  Dasein  zu  stellen.  Das  heifk  mit 
anderen  Worten,  der  Mensdi  ist  mit  erlangter  Geschledits- 
reife fahig,  seinesgleichen  hervorzubringen,  hat  also  die 
Fahigkeiten,  welche  da  sein  miissen,  damit  er  seinesgleichen 
hervorbringen  kann. 

Was  also  menschliche  Entwickelung  ist,  das  geht  bis  zur 
Geschlechtsreife  hin  so,  dafi  der  Mensch  bis  zu  derselben  in 
sich  alle  Fahigkeiten  entwickelt,  die  es  moglich  machen,  daft 
er  ein  Wesen  seinesgleichen  hervorbringen  kann.  Aber  der 
Mensch  entwickelt  sich  nach  der  Geschlechtsreife  weker. 
Neue  Gestaltungen,  neuer  Inhalt  der  Seele  treten  auch  nach 
der  Geschlechtsreife  auf,  und  es  ist  unmoglich,  das,  was  die 
Seele  in  ihrer  Entwickelung  nach  der  Geschlechtsreife  durch- 
macht,  in  derselben  Weise  mit  der  ganzen  Entwickelung  der 
menschlichen  Gattung  in  Zusammenhang  zu  bringen  wie 
das,  was  der  Mensch  bis  zur  Geschlechtsreife  zur  Herstel- 
lung  der  menschlichen  Gattung  durchmacht.  Ein  scharfer 
Unterschied  mufi  gemacht  werden  in  des  Menschen  ganzer 
Stellung  zur  Welt  in  bezug  auf  seine  Entwickelung  bis  zur 
Geschlechtsreife,  und  in  bezug  auf  die  Zeit  nachher.  Das  ist 
eine  Frage,  die,  wie  wir  gleich  sehen  werden,  nur  von  der 
Geisteswissenschafl  richtig  ins  Auge  gefafk  werden  kann. 

Eine  andere,  bedeutungsvolle  Frage  taucht  damit  auf, 
die  aber  zeigt,  wie  das  aufzufassen  ist,  was  mit  dem  Aus- 
drucke  «Vererbung»  bezeichnet  wird,  im  Gegensatze  zu 
dem,  was  uberhaupt  in  der  menschlichen  Seele  spielt  und 
zur  menschlichen  Entwickelung  gehort.  Was  im  Menschen 
auftritt  und  sich  deutlich  als  ein  Produkt  der  Vererbung 


innerhalb  der  menschlichen  Gattung  zeigt,  wir  konnen  es 
an  einem  radikalenFalle  anfassen,  wo  eine  Vererbung  unter 
alien  Umstanden  auf  tritt,  einf  adi  dadurch,  dafi  der  Mensch 
Mensch  ist  und  von  einem  gleichartigen  Wesen,  einem  We- 
sen  seinesgleichen,  abstammt.  Eine  solche  Sadie  ist  zum 
Beispiel  der  Zahnwechsel  im  ungefahr  siebenten  Lebens- 
jahre.  Das  ist  etwas,  was  in  den  Kraften  liegt,  die  der 
Mensch  vererbt  hat,  die  unter  alien  Umstanden  auftreten, 
audi  wenn  wir  den  Menschen  von  der  menschlichen  Gemein- 
schaffc  herauslosen  und  auf  eine  einsame  Insel  setzten,  wo 
er  wild  heranwachsen  wiirde. 

So  ist  es  mit  alien  Eigenschaften,  welche  eigentlich  nur 
innerhalb  der  Vererbungslinie  begriindet  sind.  Nehmen  wir 
aber  einmal  etwas,  was  so  innig  mit  der  menschlichen  Seele 
zusammenhangt  wie  die  Sprache,  und  da  finden  wir  gleich, 
dafi  uns  die  Vererbungsbegriffe  im  Stiche  lassen.  Wo  es 
berechtigt  ist,  von  Vererbung  zu  sprechen,  da  werden  die 
vererbten  Merkmale  auftreten  wie  beim  Zahnwechsel.  Wenn 
wir  aber  einen  Menschen  auf  eine  einsame  Insel  bringen 
und  ihn  wild  aufwachsen  lassen,  so  dafS  er  keinen  mensch- 
lichen Laut  hort,  dann  entwickelt  sich  die  Sprache  nicht. 
Das  heifit,  wir  haben  da  etwas,  was  uns  zeigt,  daf*  es  in 
der  menschlichen  Seele  etwas  gibt,  was  nicht  in  gleicher 
Art  an  die  Vererbung  gebunden  ist  wie  die  Krafte,  die  wir 
im  eminenten  Sinne  als  vererbte  anzusprechen  haben. 

So  konnten  wir  vieles  anfiihren,  was  uns  zeigen  wiirde, 
wie  wenig  man  mit  den  Vererbungskraften  zur  Erklarung 
des  Gesamtwesens  des  Menschen  auskommen  kann.  Aber 
gegenuber  der  Betrachtung  des  Geistigen  durch  die  Geistes- 
wissenschaft  macht  man  ja  von  vornherein  dort,  wo  man  in 
der  Beurteilung  vorurteilsvoll  zu  Werke  geht,  Fehler  iiber 
Fehler,  Fehler,  die  sich  einfach  als  logische  Fehler  heraus- 
stellen.  So  glaubt  man  zum  Beispiel  immer  wieder,  die 


Geisteswissenschaftwolle  sich  gegen  irgend  etwas  auflehnen, 
was  die  Naturwissenschafl  zu  sagen  hat,  wahrend  sie  gerade 
den  Errungenschaften  der  Naturwissenschafl  die  hochste 
Schatzung  entgegenbringt. 

So  glaubt  man  dies  zum  Beispiel,  wenn  die  Geistes- 
wissenschaft  geltend  macht,  dafi  das,  was  wir  den  mensch- 
lichen  Seelenkern  nennen,  nicht  etwa  blofi  von  den  Eltern, 
Grofieltern  und  so  weiter  abstammt,  sondern  als  ein  geistig- 
seelischer  Kern  auf  ein  vorhergehendes,  weit  zuriickliegen- 
des  Leben  des  Menschen  zuruckgeht,  so  zuruckgeht,  dafi  die 
Geisteswissenschaft  zu  sagen  hat:  Das  Erdenleben  des  Men- 
schen ist  nicht  nur  ein  einmaliges,  sondern  ein  wiederholtes. 
Wenn  wir  durch  die  Geburt  in  das  Erdendasein  schreiten, 
so  tritt  ein  Seelenkern  ins  Dasein,  der  in  sich  gewisse  Eigen- 
tumlichkeiten,  gewisse  Krafte  in  f riiheren  Lebenslaufen  auf- 
genommen  hat.  Dadurch,  dafi  er  diese  Krafle  in  friiheren 
Lebenslaufen  in  sich  aufgenommen  hat,  gleichsam  in  sich 
konzentriert  hat,  tritt  er  in  einer  gewissen  Beziehung  in 
einen  neuen  Korper  ein,  in  eine  neue  physische  Umgebung 
ein.  Wie  der  lebendige  Keim  im  physischen  Leben  sich  in 
seine  unorganische  Umgebung  versetzt  und  von  dort  die 
unorganischen  Krafte  und  StofFe  aufnimmt,  so  tritt  dieser 
aus  friiheren  Erdenleben  kommende  menschliche  Seelenkern 
an  die  vererbten  Merkmale  heran,  bindet  sie,  konzentriert 
sie,  nimmt  das,  was  die  Aufienwelt  geben  kann,  und  formt 
und  gestaltet  so  an  dem  neuen  Leben,  welches  wir  dann 
die  Zeit  von  der  Geburt  bis  zum  Tode  durch  fiihren.  Das 
jetzige  Leben  ist  wieder  ein  solches  Zusammenziehen  teil- 
weise  der  vererbten  Merkmale,  teilweise  dessen,  was  das 
au£ere  Leben  uns  bietet.  Und  wenn  wir  durch  die  Pforte 
des  Todes  schreiten,  dann  ist  dieser  Seelenkern  am  konzen- 
triertesten.  Dann  durchlaufl  er  in  der  Zeit  zwischen  dem 
Tode  und  einer  nachsten  Geburt  ein  rein  geistiges  Dasein 


und  tritt,  wenn  er  in  diesem  weiterhin  dazu  gereift  ist,  durch 
eine  neue  Geburt  oder  Empf  angnis  in  ein  neues  Erdenleben. 

Dafi  irgend  etwas  von  dem,  was  heute  gewissenhafte  und 
gut  erforschte  naturwissenschaftliche  Ergebnisse  sind,  durch 
solche  Anschauungen  der  Geisteswissenschaft  bekampft  oder 
irgendwie  audi  nur  beriihrt  werden  miifite,  ist  leider  nur 
ein  landlaufiges  Vorurteil.  Die  Geisteswissenschaft  versteht 
vollig  -  das  ist  bereits  erwahnt  worden  wenn  der  Natur- 
forscher  kommt  und  zeigt,  wie  durch  die  Vermisdiung  des 
vaterlichen  und  miitterlichen  Keimes  in  jedem  einzelnen 
Falle  sozusagen  eine  besondere  Individualisierung  des  Kin- 
deskeimes  stattfindet,und  wie  schondurdidiese  Vermisdiung 
des  vaterlichen  und  miitterlichen  Elementes  die  Individua- 
litaten  der  einzelnen  Kinder  verschieden  sein  konnen.  Die 
Geisteswissenschaft  in  ihrer  Tiefe  lafit  sich  nicht  auf  die 
triviale  Behauptung  ein,  dafi  es  schon  ein  Beweis  fur  eine 
besondere  menschliche  Individuality  ware,  dafi  in  ein  und 
derselben  Familie  die  Kinder  individuell  und  untereinander 
verschieden  seien,  denn  diese  Individualisierung  kann  durch- 
aus  begriffen  werden  aus  der  verschiedenen  Vermisdiung 
des  vaterlichen  und  miitterlichen  Elementes.  Wenn  vielmehr 
der  Naturforscher  kommt  und  darauf  aufmerksam  macht, 
wie  das,  was  der  Mensch  im  Leben  darlebt,  auf  diese  oder 
jene  organische  Konstitution,  auf  diese  oder  jene  Gestal- 
tung  des  Gehirnes  und  so  weiter  hinweisen  konnte,  so  ist 
die  Geisteswissenschaft  damit  vollig  einverstanden,  und  es 
bleibt  Dilettantismus  in  der  Geisteswissenschaft,  wenn  man 
darauf  nicht  eingehen  will.  Wenn  aber  das,  was  die  Na- 
turwissenschaft  mit  vollem  Recht  auf  diesem  Gebiete  zu 
sagen  hat,  ein  Einwand  sein  soil  gegen  die  Ergebnisse 
der  Geistesforschung,  dafi  namlich  trotz  aller  Ergebnisse 
naturwissenschaftlicher  Forschung  der  menschliche  Seelen- 
kern  die  vererbten  Merkmale  erst  heranzieht,  um  ein  Leben 


zu  gestalten,  dann  begeht  man  einen  logischen  Fehler,  der 
etwa  in  der  folgenden  Weise  charakterisiert  werden  kann. 

Nehmen  wir  an,  ein  Mensch  sieht  einen  anderen  vor  sich, 
der  gesund  atmet,  und  er  sagt:  Dafi  dieser  Mensch  lebt  und 
jetzt  als  ein  lebendiges  Wesen  vor  mir  stent,  das  riihrt  von 
der  Luft  und  der  Lunge  her,  die  vorhanden  sind.  -  Wer 
wollte  bestreiten,  dafi  dies  eine  vollige  Wahrheit  ist!  Eben- 
sowenig  wie  dies  von  irgendeiner  Geisteswissenschaft  be- 
stritten  werden  kann,  ebensowenig  kann  das  bestritten  wer- 
den, wenn  der  Naturforscher  kommt  und  die  materiellen 
Bedingungen  aus  der  Vererbungslinie  in  Aussicht  nimmt, 
um  die  individuelle  Gestalt  des  Seelenlebens  zu  erklaren. 
Wahr  ist  es,  ebenso  wahr,  wie  wenn  der  Naturforscher 
sagt:  Da  stent  ein  Mensch  vor  mir,  der  lebt  in  diesem  Augen- 
blicke  dadurch,  weil  aufier  ihm  die  Luft  und  in  ihm  die 
Lunge  ist. 

Darf  deshalb  der  Naturforscher  den  Geistesforscher  fur 
widerlegt  halten,  wenn  die  Geisteswissenschafl;  sagt:  Trotz 
allem,  was  da  angefiihrt  wird,  ist  das,  was  sich  mit  deiner 
Seele  zutragt,  bestimmt,  geistig-seelisch  bestimmt  in  rein 
geistiger  Art  durch  das,  was  die  Seele  in  fruheren  Leben 
erlebt  hat,  trotz  alledem  ist  das  ganze  Schicksal  des  Men- 
schen  durch  das  bestimmt,  dafi  der  Mensch  in  fruheren  Leben 
selbst  dieses  Schicksal  vorbereitet  hat?  Nein,  der  Natur- 
forscher darf  nicht  den  Geistesforscher,  der  eine  solche  Be- 
hauptung  macht,  fur  widerlegt  halten.  Es  darf  der  Natur- 
forscher, der  da  sagt:  Der  Mensch,  welcher  da  vor  mir  stent, 
lebt  in  diesem  Augenblicke  dadurch,  weil  aufier  ihm  die 
Luft  und  in  ihm  die  Lunge  ist,  den  Geistesforscher  eben- 
sowenig fur  widerlegt  halten,  wie  er  denjenigen  fur  wider- 
legt halten  darf,  welcher  ihm  sagt:  Nein,  deshalb  lebt  er 
nicht,  sondern  er  lebt  in  diesem  Augenblicke  durch  etwas 
ganz  anderes;  dieser  Mensch  wollte  sich  einmal  erhangen, 


und  er  ware  ganz  gewift  bei  seinem  damaligen  Versudi  des 
Erhangens  mit  dem  Tode  abgegangen,  ware  ich  nidit  dazu- 
gekommen.  Ich  habe  ihn  aber  abgeschnitten,  und  deshalb 
lebt  er  jetzt. 

Hieran  sehen  wir  also,  wie  die  objektive  Wahrheit,  daft 
der  andere  nur  deshalb  lebt,  weil  aufier  ihm  Luft  und  in 
ihm  Lungen  sind,  dem  Tatbestand  nicht  widerspricht,  daft 
er  in  diesem  Augenblicke  nur  deshalb  lebt,  weil  ihn  der 
andere  abgeschnitten  hat!  Ebensowenig,  wie  diese  letztere 
unwiderlegliche  Wahrheit  in  Widerspruch  steht  mit  der  Er- 
kenntnis  des  Naturf  orschers,  daft  der  Mensch  lebt,  weil  Luft 
und  Lungen  vorhanden  sind,  ebensowenig  steht  das,  was 
die  Naturwissenschaft  zu  sagen  hat,  in  Widerspruch  mit 
dem,  was  die  Geisteswissenschaft  vorzubringen  hat:  daft 
die  letzten,  geistigen  Griinde  fur  das  Dasein  des  Menschen 
in  den  wiederholten  Erdenleben  liegen. 

Da  handelt  es  sichdarum,  daft  der  Blickin  rich  tiger  Weise 
auf  das  Richtige  gelenkt  werde,  und  da  konnen  wir  als 
ein  gutes  Beispiel  geradezu  die  Sprache  ins  Auge  fassen. 
Jeder  Geistesforscher,  der  in  die  Tiefen  der  Dinge  eindringt 
und  die  Naturwissenschaft  versteht,  kann  begreifen,  daft 
man  leicht  versucht  sein  kann,  zu  sagen:  Der  Mensch  kann 
sprechen,  weil  er  in  seinem  Gehirn  ein  Sprachzentrum  hat. 
Das  ist  ganz  gewift  richtig.  Aber  ebenso  richtig  ist  es  audi, 
daft  dieses  Sprachzentrum  des  Gehirnes  erst  zu  einem  leben- 
digen  Sprachzentrum  dadurch  geformt  ist,  daft  iiberhaupt 
eine  Sprache  in  der  Welt  existiert.  Die  Sprache  hat  das 
Sprachzentrum  geschafTen.  Ebenso  ist  alles,  was  an  Forma- 
tionen  des  Gehirnes  und  des  ganzen  organischen  Apparates 
des  Menschen  existiert,  durch  das  Geistig-Seelische  geschaffen 
worden.  Dieses  hat  erst  in  die  unbestimmte  Menschenmate- 
rie  das  eingepragt,  was  geistiges  Leben  ist.  Daher  haben 
wir  das  eigentlich  Schopferische  im  menschlichen  Seelen- 


kerne,  in  dem  Geistig-Seelischen  zu  suchen.  Wir  haben  nidit 
das  Geistig-Seelische  als  ein  Ergebnis  des  Gehirnes  anzu- 
sehen,  sondern  umgekehrt:  das  Gehirn  mit  seiner  feinen 
Bildung  als  ein  Ergebnis  des  Geistig-Seelischen. 

Wenn  wir  das  menschliche  Leben  betrachten,  dann  zeigt 
es  sich  uns  sogar  in  jedem  Punkte  so,  daft  wir  durch  eine 
gesunde  Lebensbetrachtung  das  eben  Gesagte  erhartet  fuh- 
len.  Fassen  wir  doch  das  einmal  ins  Auge,  was  wir  nennen 
konnen  menschliche  Entwickelung  iiber  das  Gattungsmafiige 
hinaus,  was  sich  im  Menschen  also  audi  dann  noch  ent- 
wickelt,  wenn  sozusagen  die  Krafte  innerhalb  der  Ver- 
erbung  voll  ausgebildet  sind,  wenn  er  mannbar  geworden 
ist,  um  durchaus  die  Krafte  in  sich  zu  tragen,  die  ein  Wesen 
seinesgleichen  hervorbringen  konnen.  In  ganz  anderer  Art 
zeigen  sich  uns  die  Seelenkrafte,  welche  die  menschliche 
Entwickelung  ausmachen,  wenn  wir  sie  denjenigen  Kraften 
gegenuber  betrachten,  welche  das  ganze  Menschenleben  hin- 
durch  als  die  vorhanden  sind,  die  sich  zum  Beispiel  in  der 
Erhaltung  der  Gattung,  in  der  Fortpflanzung  auspragen. 
Innerhalb  dessen,  was  in  den  Fortpflanzungskraften  liegt, 
sehen  wir,  wie  sich  sozusagen  alles  von  innen  nach  aufien 
entfaltet,  wie  der  Mensch  durch  die  Krafte,  die  auf  diesem 
Gebiete  spielen,  Wesen  seinesgleichen  neben  ihm  hervor- 
bringt,  das  heilk  also  wie  das,  was  in  ihm  ist,  den  Weg 
nach  aufien  macht.  Den  genau  umgekehrten  Weg  nehmen 
die  Krafte,  welche  der  inneren  menschlichen  Entwickelung 
angehoren.  Man  mufi  nur  uberhaupt  Geistiges  als  Wirk- 
liches  ansehen  konnen.  Dann  wird  man  die  Betrachtung, 
die  jetzt  angestellt  werden  soil,  von  vornherein  als  eine 
berechtigte  hinnehmen. 

Wie  leben  wir  unser  Leben  hin,  wenn  wir  das  inner- 
lich  Seelische  ins  Auge  fassen?  Im  gerade  entgegengesetzten 
Sinne  leben  wir  es,  als  wir  das  Leben  innerhalb  der  Gattung 


hinleben:  in  der  Gattung  geschieht  alle  Entwickelung  nadi 
aufien,  in  dem  individuellen  Leben  geht  alle  Entwickelung 
nach  innen.  Das  geht  so  vor  sich,  dafi  wir  das,  was  von 
aufien  an  uns  herantritt,  in  uns  aufnehmen,  in  uns  verar- 
beiten,  und  nicht  nach  aufien  drangen  wie  bei  der  Fort- 
pflanzung,  sondern  dafi  wir  das,  was  wir  so  durchleben, 
immer  intensiver  und  intensiver  in  uns  selbst  konzentrieren, 
es  immer  intensiver  sozusagen  seines  Charakters  als  AulSen- 
welt  entkleiden  und  zum  Inhalt  unseres  eigenen  Ichs  machen. 

Wer  das  menschliche  Leben  unbefangen  betrachtet,  wird 
finden,  wie  es  zum  Beispiel  unserem  Seelenleben  unmoglich 
ware,  jemals  in  einem  Augenblicke  alles,  was  die  Seele  durch- 
lebt  hat,  woran  sie  sich  erinnern  kann,  wirklich  jeweilig  in 
der  Erinnerung  zu  haben.  Denken  wir  uns,  dafi  irgendeiner 
der  hier  sitzenden  Menschen  in  diesem  Augenblicke  in  seiner 
Seele  alles  lebend  haben  sollte,  was  jemals  an  BegriflFen, 
Vorstellungen,  Empfmdungen,  Affekten  und  so  weiter  in 
der  Seele  gelebt  hat.  Das  ware  eine  reine  Unmoglichkeit. 
Aber  ist  das,  was  wir  friiher  durchlebt  haben,  was  wir 
innerlich  seelisch  aufgenommen  haben,  deshalb  verloren- 
gegangen,  weil  wir  uns  in  diesem  Momente  nicht  daran 
erinnern  konnen?  Es  ist  nicht  verloren.  Wenn  wir  unser 
Seelenleben  in  aufeinanderfolgenden  Zeitmomenten  ver- 
gleichen,  so  werden  wir  finden,  daft  vielleicht  wichtiger  als 
das,  woran  wir  uns  erinnern,  dasjenige  ist,  was  wir  schein- 
bar  vergessen  haben,  was  aber  an  uns  gearbeitet  hat  und 
uns  zu  einem  anderen  Menschen  gemacht  hat. 

Wir  sind  ja  im  Laufe  unser er  Entwickelung  immer  ein 
anderer  Mensch,  fiihlen  uns  mit  immer  anderem  Inhalt 
durchtrankt.  Wenn  wir  uns  einmal  beobachten,  wie  wir 
jetzt  sind,  und  uns  vergleichen  mit  dem,  was  wir  etwa  vor 
zehn  Jahren  waren,  so  werden  wir  nicht  leugnen  konnen, 
dafi  wir  ein  anderer  Mensch  sind,  und  dafi  das,  was  dies 


bewirkt  hat,  die  verarbeiteten  Erlebnisse  sind,  was  in  uns 
hereingestromt  ist,  von  uns  aufgenommen  worden  ist  und 
gerade  den  entgegengesetzten  Weg  gemacht  hat  als  die 
Krafte,  welche  zur  Fortpflanzung  dienen.  Wir  vernichten 
gleichsam  mit  unserm  Anschauen,  mit  unserm  vorstellungs- 
mafSigen  Erinnern  dasjenige,  was  wir  erleben,  nehmen  es 
aber  dafur  in  unser  Ich  herein.  Unser  Ich  wird  ein  fort- 
wahrend  anderes.  Daher  konnen  wir  sagen:  Eine  genaue 
Lebensbetrachtung  zeigt  uns,  wie  dieses  Ich  sich  das  ganze 
Leben  hindurch  verandert,  und  wie  das,  wodurch  es  sich 
verandert  hat,  die  aufgenommenen  Erlebnisse  sind.  Wir 
fuhlen,  wie  das  Ich  innerlich  voller  wird,  sich  immer  mehr 
und  mehr  durchkraftet,  immer  reicher  und  reicher  wird  als 
es  war,  da  wir  jugendlich  ins  Leben  getreten  sind.Dem  liegt 
eine  sehr  bedeutsame  Erscheinung  des  Lebens  zugrunde,  die 
gewohnlich  nur  nicht  genug  beachtet  wird. 

Goethe,  der  tiefe  Lebenskenner,  der  das  Leben  vor  alien 
Dingen  so  ansah,  wie  es  sich  ihm  in  seiner  eigenen  Person- 
lichkeit  darlegte,  sprach  den  Satz  aus:  Im  Alter  werden  wir 
Mystiker.  Was  wollte  erdamit  sagen?  Washeiflt  «Mystiker 
werden»  im  Goetheschen  Sinne?  Wir  miissen  da  aus  diesem 
Satze  entfernen,  was  ihm  an  ungeklarten,  nebelhaften  Vor- 
stellungen  anhaftet.  Goethe  meinte,  dafi  der  Mensch,  indem 
er  immer  reifer  und  reifer  wird,  dasjenige  immer  weniger 
und  weniger  hat,  was  die  Welt  ihm  aufierlich  darbietet, 
sondern  die  Krafte  des  Erlebens  aus  den  Schachten  der  eige- 
nen Seele  heranziehe,  in  die  er  sie  hat  hinuntertauchen  lassen. 
«Der  Mensch  wird  Mystiker»  heifk:  seine  Seele  ist  immer 
voller  und  voller  geworden,  hat  immer  mehr  und  mehr 
Krafte  in  ihrem  Innern  beschlossen. 

Sehen  wir  genauer  zu,  wie  das  ist,  was  so  unser  Seelen- 
kern  in  unserem  Innern  vereinigt  hat,  wie  er  das,  was  er 
erlebt  hat,  aufgenommen  hat  und  was  er  daraus  gemacht 


hat,  dann  konnen  uns  gerade  diejenigen,  welche  unabhan- 
gig  von  irgendeinem  Lebensalter  Mystiker  geworden  sind, 
ein  wenig  auf  die  Fahrte  bringen,  was  eigentlich  da  in  der 
menschlichen  Seele  vorgeht.  Fragen  wir  bei  den  Mystikern 
an!  Wovon  reden  die  Mystiker  am  allermeisten?  Von  einem 
«zweiten  Ich»,  von  einem  «hoheren  Mensdien»  im  Men- 
schen, davon,  dafi  in  diesem  menschlichen  Ich,  welches  von 
Jugend  auf  mit  uns  heranwachst,  ein  zweites  Platz  greifen 
kann,  welches  viele  Mystiker  als  ein  «gottliches»  inter- 
pretieren.  Aber  darauf  kommt  es  nicht  an,  sondern  darauf, 
wie  sie  gefiihlt  haben,  daft  mit  dem  Heranwachsen  des 
Menschen  etwas  heranreift  wie  ein  zweiter  Mensch,  den  er 
festhalt,  der  sich  in  ihm  konzentriert.  Wir  sehen  das  genau 
Entgegengesetzte  wie  bei  der  Fortpflanzung,  dafi  ein  zwei- 
ter Mensch  geboren  wird  neben  dem  ersten,  dafi  der  zweke 
abgestoiSen  wird:  was  als  das  «zweite  Ich»  wird,  das  ist 
nichts,  was  der  Mensch  von  sich  abstofit,  sondern  was  er 
immer  mehr  und  mehr  in  sich  konzentriert. 

So  konnen  wir  in  der  Tat  sagen:  Indem  der  Mensch  sein 
Leben  durchlebt,  gestaltet  er  in  seiner  Individualist  etwas 
aus,  was  die  entgegengesetzte  Richtung  nimmt,  als  die  Fort- 
pflanzungsrichtung  ist.  Er  gebiert  nichts  aus  sich;  er  kon- 
zentriert  etwas  in  sich,  lafit  nicht  aus  seinem  Ich  etwas  her- 
austreten,  sondern  durchtrankt  etwas  in  sich,  was  der  My- 
stiker ganz  gut  als  einen  zweiten  Menschen  bezeichnet, 
welcher  sich  gleichsam  innerhalb  der  Haut  des  ersten  Men- 
schen ausgestaltet  und  immer  mehr  und  mehr  geistig- 
seelische  Bestimmtheit  erlangt.  Das  ist  beim  einen  Menschen 
mehr,  beim  anderen  weniger  naheliegend;  aber  der  Sinn 
des  werdenden  Menschen  beruht  darauf,  dafi  wir  einen 
entgegengesetzten  Keimprozefi  durchmachen,  wo  wir  nicht 
entfalten,  sondern  im  Gegenteil  etwas  in  uns  hineinkon- 
zentrieren.  Nennen  wir  die  Fortpflanzungsrichtung  eine 


Evolution,  eine  Entwickelung,  so  konnen  wir  das,  was  da 
das  Idi  durchmacht,  eine  Involution,  eine  Einwickelung,  eine 
innere  Gestaltung  der  Erlebnisse  nennen.  Und  es  ist  selbst- 
verstandlich,  dafi  die  innere  Spannkraft,  welche  das  Ich, 
das  herangewachsen  ist,  als  zweites  Ich  in  sich  tragt,  am 
grofiten  ist,  wenn  wir  am  Ende  unseres  physischen  Lebens 
sind,  wenn  wir  also  durch  die  Pforte  des  Todes  schreiten. 

Wenn  wir  das  einmal  priifen  und  uns  genauer  ansehen, 
was  sich  so  als  ein  zweites  Ich  ausgestaltet  hat,  dann  miissen 
wir  allerdings  sagen:  Der  Mensch  ist  nicht  immer  geneigt, 
sich  dieses  genauer  anzusehen.  Das  Leben  nimmt  ihn  in 
Anspruch,  und  er  lenkt  nicht  die  geniigende  Aufmerksam- 
keit  auf  das  zweite  Wesen,  das  er  da  ausgestaltet.  Wenn 
er  aber  die  geniigende  Aufmerksamkeit  darauf  verwendet, 
dann  wird  er  finden,  dafi  dieses  zweite  Wesen  ganz  be- 
stimmte  Eigenschaften  hat,  vor  allem  einen  bedeutsamen 
Drang  in  sich  tragt,  selbstandig  und  frei  zu  sein  gegeniiber 
dem,  was  wir  im  weiteren  Leben  aufnehmen  konnen.  Im 
weiteren  Leben  leben  wir  in  einem  gewissen  Sprachzusam- 
menhange.  Dadurch  haben  unsere  Begriffe  immer  eine  be- 
stimmte  Farbung  von  diesem  Sprachzusammenhange.  Was 
wir  aber  im  Innern  entwickelt  haben,  das  strebt  darnach, 
sich  von  dem  f reizumachen,  was  nur  ein  bestimmter  Sprach- 
zusammenhang  geben  kann,  und  eine  Lebensanschauung 
auszugestalten,  die  frei  und  unabhangig  von  einem  jeglichen 
Sprachzusammenhange  ist.  Hinauswachsen  wollen  wir  iiber 
das,  was  ein  bestimmter  Sprachzusammenhang  geben  kann, 
und  damit  wachsen  wir  auch  iaber  das  hinaus,  worin  wir 
von  Jugend  an  heranwuchsen.  Da  miissen  wir  uns  von  Ju- 
gend  an  zum  Beispiel  schon  eine  gewisse  Gestaltung  des 
Ohres  entwickeln.  Von  dem,  was  wir  uns  in  unserem  Ich 
heranentwickeln,  merken  wir,  dafi  es  etwas  ist,  was  immer 
freier  und  freier  werden  will  von  der  aufieren  Korperlich- 


keit.  Einen  neuen  Menschenkeim  bilden  wir  heran,  der 
unabhangig  ist  gegenuber  dem,  der  sich  aus  unserer  aufieren 
Korperlichkeit  gestaltet  hat,  wenn  der  Mensdi  erwach- 
sen  ist. 

Das  ist  es,  worauf  die  Geisteswissenschaft  die  Seele  hin- 
lenken  will:  dafi  sich  aus  dem  mensdilichen  Idi  im  Laufe 
des  Lebens  ein  zweites  Ich  ausgestaltet,  dessen  Wesen  ge- 
rade  darin  besteht,  dafi  es  sich  urn  so  voller,  um  so  inten- 
siver  fuhlt,  je  unabhangiger  es  sich  fuhlen  kann  von  dem, 
was  seit  der  Jugend  herangewachsen  ist.  Und  wenn  man 
dieses  in  unserem  Ich  gestaltete  zweite  Ich  genauer  ins  Auge 
fafit,  dann  wird  man  sehen,  dafi  es  so  in  sich  kraftebegabt 
ist,  dafi  wir  etwa  sein  ganzes  Wesen  damit  charakterisieren 
konnen,  dafi  wir  sagen:  Dieses  Ich  tragt  die  Krafte  in  sich, 
um  einen  neuen,  einen  anderen  Menschen  zu  gestalten  als 
den,  durch  welchen  es  selbst  herangebildet  ist. 

Es  ist  nicht  eine  Analogie,  sondern  nur  verdeutlicht,  wenn 
wir  sagen:  Das  Ich,  welches  wir  in  uns  haben,  lafit  sich  mit 
dem  PfLanzenkeime  vergleichen,  der  sich  von  der  Wurzel 
durch  den  Stengel  und  die  griinen  Blatter  bis  zur  Bliite 
herangebildet  hat.  Dann  ist  er  am  meisten  lebensbegabt  und 
kann  die  Grundlage  fur  eine  neue  Pflanze  bieten.  Da  hat 
sich  das  ganze  Pflanzenwesen  im  Keime  zusammengezogen, 
und  wenn  der  Keim  reif  ist,  dann  stirbt  ab,  was  an  Stengel, 
griinen  Blattern  und  Bliite  herangewachsen  ist.  So  reift  in 
uns  heran  ein  geistig-seelischer  Kern.  Wie  der  Keim  der 
Pflanze  immer  mehr  und  mehr  heranwachst,  wenn  die 
Blatter  verwelken  und  die  aufiere  physische  Gestalt  der 
Pflanze  dem  Tode  entgegengeht,  so  reift  der  geistig-seelische 
Kern  im  Menschen  heran,  indem  das  Xufiere  immer  mehr 
und  mehr  abstirbt,  indem  die  Hiillen  der  Organe  nach  und 
nach  welk  werden  und  dem  Tode  entgegengehen.  Daher 
haben  wir  einer  richtigen  Seelenbeobachtung  gegenuber  die 


eigentiimliche  Tatsache  vor  uns,  die  sich  darin  ausspricht, 
daft  die  inneren  Spannkrafte  eines  neuen  Iclis  am  starksten 
sind,  wenn  wir  durch  die  Pforte  des  Todes  durchgehen. 
Da  tragen  wir  die  Krafbesysteme,  die  Kraftzusammenhange 
durch  die  Pforte  des  Todes  in  eine  Welt  hinuber,  welche 
nichts  mit  der  Welt  in  unserem  Leibe  zu  tun  haben  kann. 

Wenn  wir  nun  audi  nicht  weiter  verfolgen  wollen  -  was 
uns  noch  die  folgenden  Vortrage  zeigen  werden  -  wie  uns 
der  Geistesforscher  audi  zeigen  kann,  was  nun  mit  diesem 
im  Idi  ausgebildeten  geistig-seelischen  Kerne  in  einer  rein 
geistigen  Welt  geschieht,  welche  der  Menscli  in  einem  Leben 
durchlebt,  das  zwisdien  dem  Tode  und  der  nachsten  Geburt 
liegt,  so  konnen  wir  dodi  sagen:  In  derselben  Art,  wie  der 
Naturforscher  zu  Werke  geht,  wenn  er  die  Pflanze  ver- 
stehen  will,  konnen  wir  zu  Werke  gehen,  wenn  wir  das 
menschliche  Wesen  verstehen  wollen.  Der  Naturforscher 
wendet  den  Blick  auf  den  Keim  der  Pflanze  und  sieht,  wie 
nun  der  Keim  ein  neues  Pflanzenleben  gedeihen  lassen  kann. 
So  sucht  er  die  neue  Pflanze  vom  Keime  aus  zu  verstehen, 
wie  der  iibriggebliebene  Keim  in  einer  neuen  Pflanze  wie- 
der  erscheint.  So  kann  audi  der  Geistesforscher  den  Men- 
schen  betrachten,  wie  er  durch  die  Geburt  oder  Empf angnis 
ins  Leben  hereintritt.  Da  sehen  wir,  wie  der  Mensch  zunachst 
aufierlich  nichts  anderes  zeigt,  als  dafi  sich  seine  Organe 
in  einer  gewissen  Weise  ausgestalten.  Dann  tritt  jenes 
seelische  Leben  auf,  welches  wir  schon  dadurch  charakteri- 
siert  haben,  daft  wir  sagten:  wenn  es  auf  tritt,  dann  kommt 
fur  den  Menschen  audi  der  Augenblick,  bis  zu  welchem  er 
sich  spater  zuruckerinnern  kann.  Denn  er  wird  sich  sagen: 
Ganz  offenbar  war  ich  vor  diesem  Zeitpunkt  schon  da,  aber 
ich  kann  mich  nur  bis  zu  einem  bestimmten  Zeitpunkte 
zuruckerinnern.  -  Es  ist  das  jener  Zeitpunkt,  wo  der 
Mensch  in  die  Lage  kommt,  sich  als  ein  Ich  zu  fuhlen;  aber 


ganz  zweifellos  ist  er  schon  vorher  als  geistig-seelisches 
Wesen  vorhanden.  Warum  tritt,  so  kann  die  Geisteswissen- 
schaft  f  ragen,  die  Moglichkeit,  dafi  man  sich  zuriickerinnern 
kann,  erst  von  einem  gewissen  Zeitpunkt  an  auf  ?  Waren 
die  inneren  Krafte,  welche  die  Riickerinnerung  bewirken, 
vorher  nicht  da?  Es  ware  ein  vollig  unlogisches  Denken, 
wenn  wir  das  Geistig-Seelisdie  erst  bei  dem  Zeitpunkte 
beginnen  lassen  wollten,  bis  zu  dem  sich  der  Mensch  spater 
zuriickerinnert.  Der  alltagliche  Schlaf  kann  uns  lehren,  wie 
die  geistig-seelischen  Krafte  in  uns  leben,  bevor  die  Riick- 
erinnerung erwacht. 

Man  hat  heute  allerlei  sonderbare  Vorstellungen  iiber  den 
Schlaf.  Die  richtige  Vorstellung  dariiber  wurde  zum  Teil 
schon  in  den  Vortragen  iiber  Wachen  und  Schlafen  zutage 
gebracht.  So  hat  man  heute  zum  Beispiel  die  Vorstellung, 
dajR  der  Schlaf  nur  das  sei,  was  man  nennen  kann,  er  sei 
herbeigefiihrt  durch  die  Ermudung.  Die  Zuhorer  der  frii- 
heren  Vortrage  bitte  ich  darauf  zu  achten,  dafi  die  Geistes- 
wissenschaft  genau  sprechen  will.  Wenn  jemand  sagen  wollte, 
die  Geisteswissenschaft  habe  selber  gesagt,  dafi  der  Schlaf 
von  der  Ermudung  herriihrt,  so  ist  das  nicht  ganz  richtig, 
denn  es  wurde  gesagt:  der  Schlaf  ist  dazu  da,  um  die  Er- 
miidung  fortzuschaffen.  Es  kommt  in  der  Geisteswissen- 
schaft immer  darauf  an,  ganz  genau  die  Dinge  aufzufassen, 
weil  es  audi  das  Bestreben  sein  mufi,  die  Dinge  genau  dar- 
zustellen. 

Kann  die  Ermudung  die  Ursache  des  Schlafes  sein?  "Wer 
das  behauptet,  der  wird  durch  das  Leben  selber  widerlegt. 
Wer  behauptet,  der  Mensch  miisse  nur  schlafen,  weil  er  er- 
miidet  sei,  der  wird  schon  dadurch  widerlegt,  wenn  er  sich 
anschaut,  oder  wenn  er  beriicksichtigt,  wie  der  oft  gar  nicht 
ermudete  Rentner  nachmittags  in  seinem  Stuhle  einschlaft, 
trotzdem  er  gar  nicht  ermiidet  ist.  Und  besonders  wird  er 


widerlegt,  wenn  er  in  Betracht  zieht,  wann  am  meisten 
geschlafen  wird:  nicht  wenn  man  am  meisten  ermiidet  ist, 
sondern  in  der  Kindheit  wird  am  meisten  geschlafen.  Die 
Dinge  miissen  nur  richtig  betrachtet  werden. 

Die  Geisteswissenschaft  zeigt  nun,  dafi  sowohl  wahrend 
des  gewohnlichen  Schlafzustandes  wie  audi  wahrend  des 
dumpfen  Bewufkseinszustandes  des  Kindes  diejenigen 
Krafte,  welche  zum  bewuftten  Erleben  verwendet  werden, 
in  den  Organismus  hineingeschickt  werden  und  dort  ar- 
beiten. Die  Krafte,  die  wir  vom  Aufwachen  bis  zum  Ein- 
schlafen  verwenden,  um  Vorstellungen,  Empfindungen  und 
so  weiter  zu  bilden,  dieselben  Krafte  arbeiten  wahrend  des 
Schlaf lebens  an  uns,  aber  so,  dafi  die  abgebrauchten  Korper- 
krafte  wieder  ersetzt,  wieder  hergestellt  werden.  Da  regene- 
rieren  sie  uns,  bessern  aus,  was  abgenutzt  und  abgebraucht 
ist,  das  heiftt,  sie  formen,  sie  gestalten.  Wahrend  sie  im 
wachen  Tagesleben  deformieren,  die  Gestaltung  auflosen, 
und  wahrend  das  wache  Tagesleben  gerade  darin  besteht, 
dafi  wir  die  Gestaltung  auflosen,  ist  der  Schlaf  dazu  da, 
um  die  Form  wieder  herzustellen,  das  heiftt,  am  mensch- 
lichen  Bau  direkt  zu  arbeiten.  Weil  wir  wahrend  des  Schla- 
fes  unsere  Bewufitseinskrafte  haufig  verwenden  zum  Auf- 
bau  gewisser  verfallener  Krafte,  deshalb  entziehen  sich  uns 
diese  Krafte,  und  wir  versinken  in  Bewufitlosigkeit.  Weil 
wir  im  Beginne  des  Lebens,  bevor  der  Augenblick  eintritt, 
bis  zu  welchem  wir  uns  spater  zuruckerinnern  konnen,  die- 
selben Krafte,  die  in  uns  leben  und  unser  Bewufitsein  aus- 
fiillen,  in  den  ersten  Kindheitsjahren  zur  feineren  Aus- 
gestaltung  und  Formung  der  Gehirnorganisation  und  der 
Blutzirkulation  verwenden,  deshalb  entziehen  sie  sich  dem 
bewulken  Ich.  Das  Ich  ist  vorhanden  wahrend  der  Kind- 
heit, und  es  ist  eine  sonderbare  Sache  heute,  wenn  die  Art, 
wie  das  Ich  zuerst  auftritt,  als  mafigebend  gehalten  wird 


fur  die  Betrachtung  des  Menschen.  Wiederum  ein  grandio- 
ser  logisdier  Fehler! 

Sie  konnen  heute  ganze  Werke  durchgehen,  in  welchen 
es  heilk:  Wir  sehen,  wie  das  Selbstbewufitsein  entsteht, 
wie  es  sich  beim  Menschen  bildet.  -  Man  kann  sich  etwas 
Verkehrteres  nicht  denken,  und  auf  jedem  anderen  Gebiete 
wiirde  man  eine  solche  Betrachtung  strengstens  ablehnen, 
wie  man  sie  zum  Beispiel  bei  jemandem  ablehnen  wiirde, 
der  sich  Kenntnis  von  einer  Uhr  nur  dadurch  verschaffen 
wiirde,  dafi  er  darauf  achtet,  wie  die  Uhr  entsteht.  Auf 
keinem  Gebiete  ist  das  so.  Ebenso  sollte  man  mit  Bezug 
auf  das  Selbstbewufitsein  zeigen,  wenn  man  verfolgen  will, 
wie  die  Vorstellungen  heraufriicken,  wie  grandiose  Fehler 
in  dieser  Beziehung  gemacht  werden.  Das  kann  erst  der, 
welcher  sich  geisteswissenschaftlich  auf  die  Dinge  genauer 
einlafit.  Man  merkt  es  sonst  nicht.  Ich-Bewufitsein,  Selbst- 
bewufksein  sind  so,  dafi  das  allmahliche  Wissen  um  das 
Ich,  wie  es  sich  heranentwickelt,  nichts  zu  tun  hat  mit  der 
Realitat  des  Ichs  selber.  Vielmehr,  weil  sich  das  Ich,  die 
menschliche  Wesenheit,  kontinuierlich  fortentwickelt  von 
den  Zeiten,  da  es  im  Kinde  noch  nicht  bewufit  ist,  bis  zu 
den  Zeiten,  in  welchen  es  dann  bewufit  erlebt  wird,  deshalb 
konnen  wir  nicht  sagen:  Es  ist  nicht  da!  Es  ist  da,  es  ge- 
staltet  den  Menschen  aus  in  seiner  feineren  Gliederung.  Ja, 
noch  viel  mehr:  es  gestaltet  den  Menschen  aus  in  dessen 
Zusammenhange  mit  dem  ganzen  Menschenleben,  was  wir 
erst  merken,  wenn  wir  in  einer  mehr  oder  weniger  selbst- 
losen  Weise  auf  das  menschliche  Leben  eingehen. 

So  wie  der  Mensch  das  Leben  gewohnlich  betrachtet, 
kann  er  gegeniiber  seinem  Schicksale  sagen:  Da  trifft  mich 
das  eine  oder  das  andere.  Das  eine  ist  mir  sympathisch,  das 
andere  ist  mir  unsympathisch;  das  eine  betrachte  ich  als  ein 
Gluck,  das  andere  als  ein  Ungliick,  das  eine  als  Beschleuni- 


gung,  das  andere  als  Verlangsamung  meines  Lebens.  -  Das 
ist  aber  doch  nur  eine  oberflachliche  Betrachtung,  denn  der 
Mensch  konnte  sich  iiberzeugen,  daft  er  in  jedem  Zeitpunkte 
seines  Lebens  gar  nichts  anderes  ist,  als  sein  konzentriertes 
Schicksal.  Daft  idi  jetzt  zu  Ihnen  spreche,  was  ist  es?  Es  ist 
mein  konzentriertes  Schicksal.  Es  sprechen  meine  Lebens- 
erfahrungen  zu  Ihnen,  und  nichts  anderes  bin  ich,  als  meine 
Lebenserfahrungen,  als  mein  Schicksal,  und  wollte  ich  mein 
Schicksal  herausziehen,  so  miifite  ich  ein  Stuck  von  mir 
selbst  herausschneiden.  Der  Mensch  ist  das,  was  er  aus  sich 
selbst  gemacht  hat,  was  sein  Schicksal  ist,  was  er  in  einem 
gegebenen  Augenblicke  ist.  Wir  konnen  gar  nicht  unser  Ich 
von  uns  trennen,  von  unserem  Schicksal,  und  das  Ich  als 
etwas  anderes  ansehen  in  bezug  auf  den  Inhalt,  als  das 
Schicksal. 

Nun  sehen  wir  aber,  indem  wir  als  Kind  in  einen  be- 
stimmten  Lebenszusammenhang  hineingestellt  sind,  wie  wir 
nicht  nur  bestimmt  sind  durch  unsere  Anlagen,  durch  unser 
Ich,  audi  wenn  wir  noch  nicht  wissend  sind,  indem  unser 
Ich  an  unserer  Blutzirkulation  arbeitet,  und  indem  es  auch 
noch  nachher  ganz  bestimmte  Anlagen  und  so  welter  ent- 
wickelt,  sondern  wir  sehen  auch,  daft  wir  in  einen  bestimm- 
ten  Volkszusammenhang  hineingestellt  sind,  daft  wir  Kin- 
der eines  bestimmten  Elternpaares  sind,  in  einem  bestimmten 
Klima  aufwachsen  und  mit  diesen  oder  jenen  Menschen 
zusammenleben  miissen.  Dadurch  sehen  wir  uns  fur  das 
ganze  Leben  schicksalsmaftig  bestimmt.  Wenn  wir  priifen, 
was  wir  bewufit  verfolgen  konnen  und  als  unser  Schicksal 
ansprechen  konnen,  so  ist  es  selbstverstandlich,  daft  wir 
dieses  als  das  mit  unserem  Ich  zusammenhangende  Schicksal 
ansprechen  miissen,  wie  wir  durch  unsere  Verhaltnisse  in 
ein  Leben  hineingestellt  sind,  das  entweder  miihselig  und 
beladen  ist,  oder  von  sorgenden  Handen  umgeben  ist.  Es 


hangen  nicht  nur  unsere  spateren  Sdiicksale  mit  dem  zu- 
sammen,  was  wir  selbst  gemacht  haben,  sondern  audi  eben- 
so  dieSchicksalsschlage,  die  uns  aus  dem  Unbewufken  heraus 
zukommen,  und  die  wir  nicht  mit  dem  Bewufksein  ver- 
folgen  konnen. 

So  werden  wir  auf  den  geistig-seelischen  Wesenskern 
des  Menschen  gefiihrt,  der  in  sidi  alle  die  Kraftesysteme 
enthalt,  weldie  das  Gehirn  ausgestalteten,  das  Blutsystem 
und  so  weiter  formten  und  uns  dadurch  bestimmten.  Wir 
werden  aber  auch  schicksalsmafiig  bestimmt  durch  dasselbe 
Ich,  das  sich  in  einen  bestimmten  Lebenszusammenhang 
hineinstellt.  Auf  dem  Gebiete  der  Naturbeobachtung  gibt 
dies  jeder  zu,  wenn  er  zum  Beispiel  sagt:  Wenn  ich  eine 
Alpenpflanze  betrachte,  so  weif?  ich,  dalS  die  ganze  Alpen- 
natur  dazu  gehort,  und  deshalb  kann  die  Alpenpflanze 
nicht  in  der  Ebene  wachsen.  Was  in  der  Naturbeobachtung 
jeder  zugibt,  das  braucht  nur  auf  einen  geistig-seelischen 
Wesenskern  ubertragen  zu  werden.  Dann  wird  man  sehen, 
dafi  der  geistig-seelische  Wesenskern,  der  seine  Korperlich- 
keit  mit  ganz  bestimmten  Anlagen  versieht,  auf  der  einen 
Seite  an  seine  Korperlichkeit  angepafit  ist,  sich  diese  Kor- 
perlichkeit  aufsucht,  sich  in  sie  hineinbegibt,  auf  der  an- 
deren  Seite  aber  sich  auch  sein  Schicksal  aufsucht. 

Wenn  dieses  Schicksal  als  hart  empfunden  wird  und 
dann  dem  Menschen  gesagt  wird:  Das  hast  du  dir  selber 
geschaffen,  das  hast  du  dir  durch  deinen  geistig-seelischen 
Wesenskern  mitgebracht,  -  wenn  man  so  fur  das  hart 
empfundene  Schicksal  dem  Menschen  im  ganzen  die  Schuld 
zuschreibt,  so  beruht  dieses  Empfinden  doch  auf  einer  kurz- 
sichtigen  Betrachtung.  Ein  tieferes  Prinzip  urteilt  anders, 
und  wie  es  urteilt,  das  konnen  wir  uns  begreif  lich  machen, 
wenn  wir  uns  ein  Beispiel  aus  demLeben  zur  Verahnlichung 
nehmen.  Stellen  wir  uns  vor,  ein  junger  Mann  hatte  da- 


durch,  dafi  sein  Vater  wohlhabend  war,  so  hingelebt,  da£ 
er  aus  der  Tasche  seines  Vaters  lebte  und  nicht  viel  zu 
sorgen  brauchte.  Da  verliert  der  Vater  durch  irgend  etwas 
sein  ganzes  Vermogen,  und  der  Sohn  kann  nun  nicht  mehr 
so  dahinleben  wie  vordem.  Er  wird  vielleicht  sagen:  Welch 
herbes  Schicksal  hat  mich  getroffen!  Wie  ungliicklich  bin 
ich!  -  Wenn  er  aber  nun  etwas  lernt,  wenn  er  vom  Leben 
durchgehechelt  wird  und  ein  tuchtiger  Mensch  geworden 
ist,  wird  er  dann,  wenn  er  funfzig  Jahre  ist,  ebenso  sagen? 
Nein,  sondern  jetzt  wird  er  vielleicht  sagen:  Fur  mein  per- 
sbnliches  Leben  war  jene  Schicksalswendung  ganz  gut,  denn 
sonst  ware  ich  vielleicht  ein  Taugenichts  geworden;  das 
Ungluck  meines  Vaters  hat  zu  meinem  Gliicke  beigetragen. 

Was  vom  Standpunkte  der  achtzehn  Jahre  aus  gesagt 
werden  kann,  das  ist  nicht  besonders  weitsichtig;  mit  funf- 
zig  Jahren  sehen  wir  weiter.  Dasjenige,  was  das  tiefere 
Lebensprinzip  in  uns  ist,  das  sucht  das  Ungluck  auf,  das 
sucht  Not  und  Elend  auf,  weil  wir  nur  durch  die  Besiegung 
der  Hindernisse  in  Not  und  Elend  zu  einem  Gliick  uns 
fortentwickelt  haben  und  so  etwas  geworden  sind,  was  wir 
sonst  nicht  geworden  waren.  Von  einer  hoheren  Warte  aus 
gesehen,  und  sobald  wir  nur  zugestehen,  dafi  in  einem  Men- 
schen  ein  tieferer  Wesenskern  lebt,  der  von  Leben  zu  Leben 
geht  und  notwendig  macht,  dafi  wir  das  Leben  von  einer 
hoheren  Warte  aus  betrachten,  stellt  sich  uns  vieles  sofort 
als  begreiflich  dar. 

Wenn  wir  den  Menschen  so  anschauen  konnen,  da£  er 
fur  uns,  dem  Alter  zugehend,  ein  Kraftesystem  im  Innern 
entwickelt,  das  nach  einem  neuen  Menschen  hingeht,  der 
geradezu  unabhangig  ist  von  dem,  was  der  Mensch  aufier- 
lich  aus  seinem  friiheren  Leben  oder  aus  den  Verhaltnissen 
seines  jetzigen  Lebens  entwickelt  hat,  und  wenn  wir  sehen, 
wie  er  eine  innere  Spannung  von  Kraften  durch  die  Pforte 


des  Todes  hindurchtragt,  dann  konnen  wir  sagen:  Dieser 
Menscli  kann  unmoglich  jetzt  gleich  wieder  nadi  dem  Tode 
ins  Dasein  treten.  Warum  denn  nidit?  Was  wiirde  ge- 
schehen,  wenn  er  gleich  wieder  ins  Dasein  trate?  Er  wiirde 
die  aufiere  Umgebung  noch  ahnlich  derjenigen  finden,  aus 
welcher  er  soeben  herausgegangen  ist  und  von  der  er  durch 
Entwickelung  des  inneren  Seelenkernes  frei  werden  wollte. 
Ebensowenig,  wie  der  innere  Seelenkern  zu  sich  selber  ein 
unmittelbares  Verhaltnis  in  der  Weise  hat,  dafi  er  gleich 
wieder  «er  selber »  sein  will,  ebensowenig  kann  sich  der 
Mensch  selber  wieder  gleich  nach  dem  Tode  verkorpern, 
denn  er  wiirde  in  sich  selber  hineinwachsen.  Das  heilk  aber, 
es  kann  sich  der  innere  Seelenkern  nur  nach  einer  bestimm- 
ten  Zeit  wieder  verkorpern.  Wahrend  dieser  Zeit  lebt  er 
in  einer  rein  geistigen  Atmosphare,  nicht  in  der  physischen 
Welt.  Was  sich  als  geistiger  Kern  herangebildet  hat,  sich 
ebenso  herangebildet  hat,  wie  man  den  Pflanzenkeim  inner- 
halb  von  Stengel,  Blatter  und  Bliite  sich  heranbilden  sieht, 
das  lebt  in  einer  geistigen  Welt,  und  wird  sich  erst  wieder 
dazu  hingezogen  fuhlen,  das,  was  es  herangebildet  hat, 
aufierlich  zu  verkorpern,  wenn  andere  Verhaltnisse  ein- 
getreten  sind;  das  hei£t,  wenn  sich  die  Erde  verandert  hat 
so,  dalS  der  Mensch  in  andere  Verhaltnisse  hineinwachst, 
damit  er  sich  weiter  ges  taken  kann. 

Deshalb  wird  zwischen  dem  Tode  und  der  nachsten  Ge- 
burt  so  viel  Zeit  vergehen,  dafi  wir  zum  Beispiel  nicht 
wieder  in  dasselbe  Sprachgebiet  hineingeboren  werden  und 
dafi  sich  auch  die  anderen  Verhaltnisse  ringsherum  geandert 
haben.  Wir  wissen,  dafi  sich  auf  der  aulteren  Erde  die  Ver- 
haltnisse im  Laufe  der  Jahrhunderte  und  Jahrtausende 
andern.  Was  sich  aber  in  der  Zwischenzeit  ereignet  hat,  rein 
aufierlich  in  der  Kultur,  das  lernen  wir  durch  den  Unter- 
richt,  durch  die  Erziehung  hinzu.  So  treten  wir  also  aus 


einer  bestimmten  Epoche  mit  unserem  geistig-seelischen 
Wesenskerne  heraus  mit  den  Kraften,  welche  wir  frei 
machen  wollten,  und  warten,  bis  neue  Verhaltnisse  auf 
dem  Erdenrund  herbeigefiihrt  smd.  Das  aber,  was  wir  in 
der  Zwischenzeit  nicht  mitmachen  konnten,  miissen  wir 
durchErziehung  und  Unterricht  nachholen.  Deshalb  miissen 
Erziehung  und  Unterricht  erganzend  zu  demjenigen  hinzu- 
treten,  was  wir  in  den  besonderen  Anlagen  und  Fahigkeiten 
haben,  die  wir  aus  der  Frucht  f riiherer  Leben  heraufbringen. 

Nicbts  anderes  konnte  ich  in  der  verhaltnismafiig  kurzen 
Zeit  entwickeln  als  das,  was  man  nennen  kann  einen  Weg, 
um  die  menschlichen  Seelenverhaltnisse  so  zu  betrachten, 
dafi  diese  Betrachtung  auf  der  einen  Seite  streng  natur- 
wissenschaftlich  ist,  dafi  aber  auf  der  anderen  Seite  in  diesen 
geistig-seelischen  Erlebnissen  etwas  Reales  gesehen  wird 
und  dafi  gesehen  wird,  wie  in  der  Tat  in  dem  Menschen, 
wie  er  vor  uns  lebt,  sich  schon  dasjenige  heranentwickelt, 
was  in  einem  nachsten  Leben  wieder  auftritt  als  Keim,  der 
die  Vererbungskrafle  wie  audi  die  Krafte  der  Umgebung 
heranzieht,  um  sich  weiter  auszubilden. 

Nicht  nur  auf  die  theoretischen  Lebensfragen,  sondern 
auf  Starke  und  Sicherheit  und  auf  die  Kraft  des  Lebens 
kann  eine  solche  Weltanschauung,  wie  sie  aus  der  Geistes- 
wissenschafl  hervorgeht,  einen  eminent  gesundenden  Ein- 
flujS  gewinnen.  Wer  f reilich  sich  mit  der  Geisteswissenschaft 
nicht  bekannt  machen  will,  der  wird  nicht  einsehen,  da£ 
ein  gesundes  aufieres  Leben  in  vielem  Wesentlichen  durch 
ein  gesundes  Seelenleben  bedingt  ist,  dafi  das  gesunde 
Seelenleben  seine  Krafte  ausstrahlt  in  die  Korperlichkeit, 
und  dafi,  wenn  die  Seele  verodet  ist  und  aus  dem  eigenen 
Innern  nicht  herausholen  kann,  was  ihr  Bewulksein  mit 
Befriedigung  erfullt,  dann  die  Unbefriedigung,  das  Unzu- 
sammenhangende,  das  In-Ratseln-Schwebende  des  Seelen- 


lebens  sich.  in  Nervositat  und  so  weiter  als  ungesundend  bis 
in  die  Korperlichkeit  hineinpragt.  Wer  es  nicht  einsieht, 
wird  es  vielleicht  erleben.  Das  Leben  stelk  die  grolken 
Ratselfragen,  und  an  Fallen,  die  fiir  jedenBedeutunghaben, 
spielt  sidi  das  ab,  was  man  so  ausdrucken  kann,  daft  man 
fragt:  Wo  anders  riihren  gewisse  Krankheitserscheinungen 
eines  Lebens  her,  das  mit  sich  selber  nicht  zufrieden  ist, 
als  daher,  dafi  das  Seelenleben  nicht  gesundend,  nicht  voll- 
inhaltlich  ist  und  daher  nicht  gesundend  ausstrahlt  auf  die 
Leiblichkeit?  -  Wer  aber  so  den  gesundenden  Einflufi  eines 
gesunden  Seelenlebens  auf  das  Leibliche  in  Betracht  ziehen 
mag,  der  wird  sich  audi  das  Folgende  sagen  konnen. 

Wenn  man  in  unserer  Zeit  immer  wieder  und  wieder  auf 
die  vererbten  Eigenschaften  hinweist  und  bei  dem  oder 
jenem,  zum  Beispiel  in  bezug  auf  das,  was  wir  als  Krank- 
heitsanlagen  in  uns  fiihlen,  immer  wieder  sagt:  Das  haben 
wir  von  den  Vorfahren  vererbt,  das  konnen  wir  nicht 
andern  — ,  dann  bedeutet  dieser  Gedanke  etwas,  was  uns  im 
tief sten  innern  Seelenleben  niederdriicken  mufi  und  eine  De- 
pression des  Seelenlebens  bedeutet,  die  sehr  bald  auf  das 
aufiere  Leibesleben  einen  ungiinstigen  Einflufi  ausiiben  und 
von  dem  Betreffenden  als  etwas  Herabstimmendes  emp- 
funden  werden  mufi,  was  nicht  zu  andern  ist,  weil  es  in 
der  rein  physischen  Vererbungslinie  liegt.  Wer  aber  aus  der 
Geisteswissenschaft  heraus  die  Oberzeugung  gewinnen  kann, 
dafi  das,  was  in  ihm  lebt,  nicht  allein  ein  Zusammenhang 
der  vererbten  Merkmale  und  vererbten  Krafte  ist,  sondern 
etwas,  was  als  geistig-seelischer  Kern  von  Leben  zu  Leben 
geht,  der  kann,  wenn  die  Geisteswissenschaft  fiir  ihn  nicht 
nur  eine  Theorie  ist,  sondern  etwas,  was  sein  Leben  durch- 
trankt,  sich  dann  immerzu  darauf  besinnen,  dafi  gegeniiber 
alien  vererbten  Merkmalen  und  Kraften  sein  geistig-see- 
lischer Kern  lebt,  aus  dem  er  sich  die  Krafte  holen  kann, 


durch  die  er  Sieger  werden  kann,  auch  wenn  die  Verer- 
bungslinie  nocli  so  sehr  nadi  einer  Dekadenz  weisen  sollte. 

Das  Bewulksein,  das  man  aus  der  Geisteswissenschaft 
heraus  gewinnen  kann,  beantwortet  nicht  nur  Lebensratsel, 
die  theoretisch  sind,  sondern  beantwortet  alle  Fragen,  die 
an  das  ganze  Gemiit  herandringen  als  Ratsel,  die  wir  be- 
antwortet haben  mussen,  um  in  unserer  Seele  zu  leben. 
Wenn  wir  nichts  wissen  von  jenem  geistig-seelischen  Kerne, 
der  von  Leben  zu  Leben  eilt,  dann  fiihlen  wir  uns  unter 
das  Joch  der  Vererbung  gebeugt,  das  uns  bedriickt  und 
schwach  macht.  Stark  und  kraftig  fiihlen  wir  uns  erst  und 
leben  uns  dar  als  geistig-seelische  Menschen,  wenn  wir  in 
der  Verf assung  unseres  geistig-seelischen  Wesenskernes  auf- 
recht  stehen  und  uns  sagen  konnen:  Unversieglidi  sind  die 
Krafte  unseres  geistig-seelischen  Wesenskernes,  denn  sie  erst 
sind  es,  welche  das  zusammenfassen,  was  uns  in  der  Ver- 
erbungslinie  gegeben  ist,  und  durch  sie  konnen  wir  das, 
was  scheinbar  dem  Niedergang  geweiht  ist,  aus  dem  Zen- 
trum  unserer  Seele  heraus  wieder  zum  Aufstieg  bringen. 
Da  schreiben  sich  die  Losungen  der  Geisteswissenschaft  in 
das  Leben  selber  hinein.  Dann  erst  wird  die  Geisteswissen- 
schaft ihre  rechten  Fruchte  tragen,  wenn  sie  sich  in  dieser 
Weise  in  das  Ganze  der  Seelengesinnung  und  Seelenstim- 
mung  hineinfiigen  kann,  und  wenn  wir  stark  werden,  nicht 
nur  gescheit  werden  durch  Geisteswissenschaft.  Aber  wir 
werden  auch  in  unserem  Denken  tuchtiger,  namentlich  in 
bezug  auf  gewisse  feinere  Lebensunterscheidungen,  und  ge- 
winnen an  Kraft  und  Urteil  fur  eine  feinere  Lebensauf- 
fassung. 

Nur  ein  Beispiel  dafiir!  Wenn  diejenigen,  welche  alles 
gern  auf  Vererbung  zuruckfiihren  wollen,  irgendeinen  be- 
deutenden  Menschen  in  bezug  auf  seine  Vorfahrenreihe 
untersuchen,  so  sagen  sie  wohl:  Da  kann  man  sehen,  dafi 


von  dem,  was  dieser  Mensch  an  sidi  zeigt,  bei  dem  einen 
Vorfahren  diese,  bei  einem  anderen  jene  Eigenschaft  sicii 
findet.  —  Und  man  sagt  dann:  Das  hat  sich  summiert 
und  vererbt,  und  da  sind  dann  die  vererbten  Merkmale 
in  ein  Seelenwesen  zusammengeflossen.  -  Man  pragt  dann 
den  Satz:  So  sieht  man,  daft  das  Genie  am  Ende  einer 
Vererbungsreihe  stent  und  sidi  vererbt  hat  aus  den  Vor- 
fahren. 

So  ausgedriickt,  ist  damit  sozusagen  ein  Gedanke  iiber- 
quert.  Denn  wer  wiirde  bei  diesem  Gedankengange  etwas 
bewiesen  haben?  Man  wiirde  nur  etwas  bewiesen  haben, 
wenn  man  zeigen  konnte,  daft  das  Genie  am  Anf  ange  einer 
Vererbungsreihe  stiinde,  nicht  aber,  wenn  es  sich  am  Ende 
derselben  zeigt.  Denn  wenn  es  am  Ende  einer  Vorfahren- 
reihe  auftritt,  so  beweist  das  nichts  anderes,  als,  mit  Ver- 
laub  zu  sagen:  Wenn  ein  Mensch  ins  Wasser  gef alien  ist  und 
herauskommt,  so  ist  er  naft.  Es  beweist  nur,  daft  er  durch 
ein  bestimmtes  Element  durchgegangen  ist  und  von  diesem 
etwas  angenommen  hat,  wie  der  Mensch,  wenn  er  aus  dem 
Wasser  gezogen  ist,  naft  ist.  Wollte  man  etwas  durch  die 
Vererbungslinie  beweisen,  so  miiftte  man  zeigen,  dafi  das 
Genie  am  Anfange  und  nicht  am  Ende  einer  Vererbungs- 
reihe steht.  Das  wird  man  aber  hiibsch  bleiben  lassen,  denn 
die  Welt  spricht  dagegen. 

Uberall  die  Fragen  richtig  stellen  und  beantworten,  das 
ist  es,  was  aus  der  Geisteswissenschaft  folgt.  Dann  wird 
man  einsehen,  daft  die  Geisteswissenschaft  nicht  der  Natur- 
wissenschaft  widerspricht,  aber  auch,  daft  eine  naturwissen- 
schaftliche  Antwort  auf  die  groften  Lebensratsel  nicht  aus- 
reicht.  Die  groftte  Lebensweisheit  wird  wohl  aus  der  Geistes- 
wissenschaft dann  gezogen  werden,  wenn  einmal  die  ganze 
menschliche  Erziehung  in  das  Licht  der  Geisteswissenschaft 
gestellt  werden  kann,  wenn  der  Mensch  so  heranwachst, 


dafi  sein  Heranwachsen  ein  Bewufttwerden  des  geistig-see- 
lisclien  Kernes  bedeutet. 

Dann  wird  der  geistig-seelische  Wesenskern  mit  dem 
Menschen  zwischen  Geburt  und  Tod  so  heranwachsen,  dafi 
nicht  nur  in  Realitat  jene  Vollinhaltlichkeit  der  Seele  ein- 
tritt,  von  welcher  vorhin  gesprochen  worden  ist,  sondern 
dafi  sich  die  Seele  auch  des  zweiten  Ichs  bewulk  wird,  jenes 
Keimes,  der  immer  mehr  und  mehr  sich  konzentriert.  Dann 
wird  die  Bewufkheit  iibergehen  in  eine  andere  Lebensform. 
Dann  wird  der  Mensch  zwar  sehen,  wie  die  Zeit  heran- 
kommt,  da  die  Haare  bleichen,  das  Gesicht  sich  runzelt  und 
die  Krafte  nachlassen,  welche  die  aufieren  Organe  bergen. 
Aber  er  wird  dann  auf  das  blicken,  was  er  von  Jugend 
an  heranwachsen  gesehen  hat,  was  ihm  Rest  und  Erbschaffc 
eines  fruheren  Lebens  ist  und  wird  fuhlen,  wie  man  beim 
Pflanzenkeim  f iihlt,  wenn  die  abfallenden  Blatter  das  Ende 
der  Pflanzengestalt  ankiindigen,  derKeim  aber  immer  mehr 
und  mehr  sich  erstarkt.  So  wird  der  Mensch  sich  fuhlen 
als  Keim  eines  neuen  Lebens  und  sich  sagen:  Was  von  dir 
abfallt,  das  mufi  durch  den  Tod  gehen,  denn  darin  kannst 
du  nicht  bleiben;  denn  ein  anderes  mufi  es  sein,  was  dir 
Hiille  sein  kann,  einen  anderen  Leib  mufit  du  dir  aufbauen, 
denn  du  hast  es  schon  in  dir  vorbereitet.  In  sich  wird  der 
Mensch  das  Leben  heranreifen  fuhlen,  das  er  nach  fernen 
Zeiten  wieder  zu  durchleben  hat. 

Daft  die  Lebenswiederholungen  nicht  ohne  Anfang  und 
ohne  Ende  sind,  und  wie  die  Frage  sich  beantworten  wird, 
inwiefern  diese  Inkarnationen  des  menschlichen  Wesens- 
kernes  einen  Anfang  und  ein  Ende  haben,  das  soil  spater 
beantwortet  werden. 

Wenn  der  Mensch  so  das  Leben  als  Keim  zu  einem  fol- 
genden  Leben  betrachtet,  dann  wird  er  auch  sehen,  wie 
dieses  wieder  einen  Keim  ausbildet.  Dann  hangt  er  nicht 


an  einer  Unsterblichkeitslehre,  die  er  gleichsam  philoso- 
phisch  untersucht,  sondern  dann  setzt  er  Leben  an  Leben, 
das  er  bluhen  und  gedeihen  sieht,  und  durchdringt  sidi  mit 
dem  Bewufitsein  der  Unsterblichkeit,  weil  er  weift,  dafi  aus 
jedem  Leben  wieder  ein  neuer  Lebenskeim  entstehen  mufi. 
In  dem  immer  mehr  und  mehr  wachsenden  und  Hoffnung 
erregenden  geistig-seelischen  Lebenskeim  beantwortet  sich 
der  Mensdi  die  Fragen  nach  dem  Lebens-  und  Todesratsel. 
Er  beantwortet  sie  sich  nicht  nur  theoretisch,  sondern  im 
lebendigen  inneren  Erleben  ergreift  er,  erfafit  er,  erlebt  er 
Unsterblichkeit  und  sagt  nicht  blofi:  Ich  habe  die  Unsterb- 
lichkeit begriffen  -,  sondern  er  erfafk  die  Seele  in  ihrer 
Wesenheit  als  ein  Wesen,  welches  nicht  anders  sein  kann  als 
unsterblich,  weil  sie  aus  jedem  Leben  einen  neuen  Lebenskeim 
entwickelt,  und  der  Mensch  innerlich  das  Heranreif  en  dieses 
neuen  Lebenskeimes  schaut.  Daher  diirfen  wir  sagen:  Die 
Geisteswissenschaft  beantwortet  die  Frage  nach  dem  Lebens- 
und  Todesratsel  nicht  nur  theoretisch,  gibt  nicht  nur  eine 
theoretische  Gewifiheit,  sondern  sie  kann  unser  Leben  inner- 
lich so  umwandeln,  daft  wir  mit  dem  Erf  assen  der  Unsterb- 
lichkeit Krafle  sammeln  und  fiihlen,  was  von  Leben  zu 
Leben  geht,  und  damit  durch  alle  Leben  geht. 

So  wandelt  sich  auf  diese  Weise  Theorie  in  Lebenspraxis, 
das  Unsterblichkeitsratsel  in  ein  Erfassen  der  Unsterblich- 
keitsfrage  selbst.  Das  ist  immer  die  besteFrucht  der  Geistes- 
wissenschaft, wenn  sie  sich  aus  der  blofien  Betrachtung  um- 
wandelt  in  etwas,  was  dann  in  uns  selber  lebt.  Und  man 
darf  sagen:  Wenn  die  Geisteswissenschaft  vom  Menschen 
in  diesem  Sinne  erfafit  wird,  dann  ist  sie  nicht  nur  etwas, 
was  ihm  etwas  begreif lich  macht,  sondern  etwas,  was  sich 
in  seine  eigene  Seele  wie  eine  Lebenskrafl  senkt  und  in 
ihm  lebt. 

Daher  diirfen  wir  am  Schlusse  die  heutige  Betrachtung 


darin  zusammenfassen,  dafi  wir  sagen:  Die  Geisteswissen- 
schaft  lehrt  uns,  indem  sie  audi  fur  die  menschliche  Seele 
lebendig  bewahrheitet,  was  uns  ein  Blick  iiber  die  ganze 
iibrige  Welt  lehrt,  die  grofie  Anschauung  von  der  immer- 
wahrenden  Verwandlung  des  Lebens,  zugleich  aber  audi 
von  der  immer  und  immer  sich  uns  zeigenden  Dauer  in 
allem  Wandel;  sie  lehrt  uns  das  Ewige  in  allem  Zeitlichen. 
Wie  in  eherne  Tafeln  schreibt  sich  in  unsere  Seele  die  grofie 
Lebenserfahrung:  Alles,  was  da  lebt  im  Weltenall,  es  lebt 
nur,  indem  zu  neuem  Leben  den  Keim  in  sich  es  schafft. 
Und  die  Seele,  sie  ergibt  sich  nur  dem  Altern  und  dem  Tode, 
um  unsterblich  zu  stets  neuem  Leben  heranzureifen! 


NATURWISSENSCHAFT  UND 
GEISTESFORSCHUNG 


Berlin,  12.Dezember  1912 


Unter  den  Vorwiirf en,  weldie  man  in  der  Gegenwart  gegen 
Geisteswissenschaft  und  Geistesforsdiung  erhebt,  ist  wohl 
einer  der  bedeutendsten  derjenige,  dafi  diese  Geisteswissen- 
schaft oder  Geistesforsdiung  im  Gegensatz  stiinde  zu  den 
gut  gesicherten  Ergebnissen  der  Naturwissenschaft,  jener 
Naturwissenschaft,  welche  geradezu,  und  mit  vollem  Recht, 
der  Stolz  unseres  gegenwartigen  Geisteslebens,  ja,  unseres 
ganzen  gegenwartigen  Kulturlebens  genannt  wird.  Sollte 
dieser  Vorwurf  begriindet  sein,  daft  Geisteswissenschaft  und 
Geistesforsdiung  sich  gegen  diese  gesicherten  Ergebnisse  der 
Naturwissenschaft  in  einen  Gegensatz  zu  stellen  beabsich- 
tigten,  so  -  man  kann  dies  wohl  sagen  -  stiinde  es  wahrlich 
schlecht  um  diese  Geistesforsdiung.  Nicht  nur  um  ihre  Mog- 
lichkeit,  den  Zugang  zum  Verstandnis  und  zum  Herzen  des 
Gegenwartsmenschen  zu  finden,  sondern  es  stiinde  wohl 
schlecht  um  ihre  Berechtigung  uberhaupt.  Deshalb  darf 
wohl  zu  alledem,  was  in  den  bisherigen  Vortragen  iiber 
das  Verhaknis  von  Geistesforsdiung  zur  Naturwissenschaft 
gesagt  worden  ist,  heute  noch  diese  besondere  episodische 
Betrachtung  eingef iigt  werden  iiber  die  Beziehung  von  Gei- 
stesforsdiung zur  Naturwissenschaft,  bevor  ebendas  nachste 
Mai  eine  im  eminenten  Sinne  nur  der  Geisteswissenschaft 
zugangliche  Gestalt  betrachtet  werden  soil:  die  Gestalt 
Jakob  Bohmes. 

Geistesforsdiung,  so  wie  sie  hier  in  diesen  Betrachtungen 


gemeint  ist,  stellt  sich  ohne  Zweifel  als  etwas  dar,  was  sich 
gegeniiber  den  Denkgewohnheiten  und  den  geistigen  Be- 
strebungen  unserer  Gegenwart  vielf ach  als  etwas  Neues  aus- 
nimmt,  als  etwas,  das  aus  diesen  gewohnten  Denkarten,  aus 
den  Vorstellungsweisen  des  gegenwartigen  Geisteslebens  her- 
ausfallt.  Und  dieFrage  liegt  ja  nahe:  Wiekommt  es,  dafi  ge- 
rade  in  einer  Zeit,  in  welcher  der  gebildete  Mensch,  der  sich 
fur  Geistesfragen  iiberhaupt  interessiert,  alle  Hoffnung  auf 
das  setzt,  was  dieNaturwissenschaft  geben  kann- wiekommt 
es,  daft  in  einer  solchen  Zeit  sich  diese  Geisteswissenschaft 
Geltung  verschaffen  will,  daft  sie  sich  mitten  hineinstellt  in 
den  Triumphzug  des  naturwissenschaftlichen  Denkens? 

Es  wird  sich  vielleicht  diese  Frage  am  leichtesten  beant- 
worten  lassen,  wenn  man  ein  wenig  Ausschau  halt  nach 
dem  Geistesleben  im  letzten  Drittel  oder  vielleicht  in  der 
zweiten  Halfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts.  Das  ist  ja 
die  Zeit,  in  welcher  nicht  nur  glanzvoll,  Sieg  auf  Sieg 
erlebend,  die  naturwissenschaftliche  Forschung  zu  ihrer 
Hohe  auf  gestiegen  ist,  sondern  es  ist  auch  die  Zeit,  in  welcher 
die  Hoffnungen  immer  grofter  und  grofier  wurden,  dafi 
auch  alle  moglichen  Auskiinfte  iiber  die  Bedeutung  dessen, 
was  man  Geist  und  Geistesleben  nennen  kann,  von  seiten  der 
Naturwissenschaft  her  kommen  mufken.  Wer  mit  vollem 
Bewufitsein  das  Geistesleben  im  letzten  Drittel  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts  mitgemacht  hat,  oder  sagen  wir,  wer 
in  der  Lage  war,  die  grofien  Hoffnungen  dieses  Geistes- 
lebens des  neunzehnten  Jahrhunderts  auf  sich  wirken  zu  las- 
sen,  zum  Beispiel  in  den  achtziger  Jahren  des  neunzehnten 
Jahrhunderts,  der  konnte  damals  bemerken,  wie  aus  alien 
Gebieten  naturwissenschafllicher  Forschung  die  Fragen  nur 
so  herankamen,  jene  Fragen,  welche  alles  menschliche  Den- 
ken  geradezu  auf  eine  neue,  mit  dem  Alten  brechende  Basis 
schienen  stellen  zu  miissen. 


Es  soli  nur  auf  eines  aufmerksam  gemacht  werden.  In 
den  siebziger,  achtziger  Jahren  konnte  der  fur  das  Geistes- 
leben  sich  Interessierende  die  Bekanntsdiaftmit  dem  machen, 
was  damals  auf  naturwissenschafllichem  Felde  mehr  oder 
weniger  neu  war,  zum  Beispiel  mit  der  mechanischen Warme- 
theorie.  Der  im  naturwissenschaftlichen  Erkennen  Drinnen- 
stehende  sah  damals  in  so  etwas  wie  der  mechanischen 
Warmetheorie  eine  ungeheure  Errungenschaft  des  mensch- 
lichen  Geistes.  Vielleicht  aber  interessiert  uns  der  Stand- 
punkt  eines  solchen  weniger  als  der  Standpunkt  eines  Men- 
schen,  dem  es  vor  allem  um  die  geistige  Erkenntnisfrage  zu 
tun  war.  Was  sah  ein  solcher? 

Ein  solcher  hatte  vielleicht  bemerken  konnen,  daft  unter 
den  mancherlei  Sinneseindriicken,  welche  auf  den  Menschen 
beim  Gebrauch  seiner  Sinne  einstiirmen,  die  Empfindung 
dessen  sei,  was  man  eben  als  Warme  oder,  sagen  wir,  als 
Warme  und  Kalte  bezeichnet.  Wie  die  Farbe,  wie  das  Licht 
und  wie  der  Ton,  so  ist  ja  audi  Warme  zunachst  ein  Sinnes- 
eindruck.  Der  Mensch  fuhlt  durch  seine  Sinne,  wie  die  Welt 
um  ihn  herum  sich  in  einem  gewissen  Warmezustande  be- 
findet,  und  er  nimmt  diese  Warme  zunachst  wahr  als  einen 
Eindruck  auf  seine  Empfindung,  In  dieser  Zeit,  von  der 
eben  gesprochen  worden  ist,  betrachtete  man  es  als  eine 
durch  die  damaligen  Forschungen  erwiesene  Tatsache,  daft 
das,  was  der  Mensch  die  Warme  nennt,  wovon  er  glaubt, 
daft  es  so,  wie  es  sich  in  seinem  Empfinden  ausnimmt, 
drauften  im  Raume  ausgebreitet  ist,  die  Korper  durchdringt 
und  auf  die  Wesen  wirkt,  dafi  dieses  objektiv  drauften  in 
der  Natur  nichts  anderes  sei  als  Bewegung  der  kleinsten 
Korper teile.  Also  man  konnte  sich  sagen:  Wenn  du  die 
Hand  in  laues  Wasser  steckst  und  einen  gewissen  Warme- 
zustand  wahrnimmst,  so  ist  diese  Empfindung  eines  Warme- 
zustandes  nur  Schein.  Was  dir  da  als  der  unmittelbare  Ein- 


druck  erscheint,  ist  nur  Schein,  ist  nur  eine  Wirkung  auf 
deinen  Organismus,  die  durch  irgend  etwas  hervorgerufen 
wird,  was  draufien  ist.  Das  ist  nur  eine  Bewegungsart  im 
kleinen;  die  Bewegung  nimmst  du  niclit  wahr.  Diekleinsten 
Teile  des  Wassers  sind  in  Regsamkeit,  aber  nicht  die  Reg- 
samkeit, nicht  die  Bewegung  nimmst  du  wahr,  vielmehr 
weil  die  Bewegung  so  schnell  verlauft,  nimmst  du  sie  nicht 
als  solche  wahr,  sondern  sie  macht  auf  dich  den  Eindruck 
der  Warme.  -  Als  damals  Bucher  erschienen  wie  zum  Beispiel 
«Die  Warme,  betrachtet  als  eine  Art  von  Bewegung»,  gait 
das  als  eine  grofie  Errungenschaft  der  Zeit,  und  wir  damals 
jungeren  Leute  hatten  zu  studieren,  wie  sich  die  kleinsten 
molekularen  Teile  in  einer  Flussigkeit,  in  einem  Gase  be- 
wegen,  in  ihrer  Regsamkeit  gegen  die  Wande  stofien,  in 
ihrem  Innern  aneinanderstoften,  und  man  war  sich  klar, 
da£  das,  was  da  innere  Regsamkeit  ist,  in  der  Empfindung 
den  Schein  dessen  errege,  was  man  die  Warme  nennt. 

Von  da  ging  dann  iiberhaupt  eine  gewisse  Denkgewohn- 
heit  aus,  eine  gewisse  Art,  die  Naturerscheinungen  zu  be- 
trachten,  und  ich  selbst  erinnere  mich  noch,  wie  damals,  als 
ich  ein  kleiner  Junge  war,  mein  Schuldirektor,  begeistert 
von  dieser  naturwissenschaftlichen  Errungenschaft  seiner 
Zeit,  alle  Naturkrafte  als  solche,  von  der  Schwere  ange- 
fangenbis  zur Warme  und  den  chemischen  und  magnetischen 
Kraften  und  so  welter,  nur  als  einen  Schein  betrachtete  und 
das  Wahre  in  jenen  Bewegungen,  in  jenen  feinen  Bewe- 
gungszustanden  im  Innern  der  Korper  sah.  Die  Schwere, 
die  Fallkraft,  die  Gravitation  zum  Beispiel  sah  jener  Schul- 
direktor -  Heinrich  Schramm  hiefi  er  -  nur  als  eine  Be- 
wegung der  kleinsten  Teile  der  Korper  an.  Innerhalb  einer 
solchen  Naturbetrachtung  war  wirklich  etwas,  was  einen 
dahin  bringen  konnte,  zu  sagen:  So  ist  ja  alles  «Wirkliche» 
nur  der,  sagen  wir,  ins  Unendliche  ausgedehnte  Raum,  die 


in  diesem  Raume  befindliche,  in  kleinste  Teile  gegliederte 
Materie  und  die  Bewegungen  dieserMaterie!  Und  eskonnte 
wohl  die  Hoffnung  entstehen,  dafi  man,  wie  man  zum  Bei- 
spiel  Warme,  Elektrizitat,  Magnetismus  und  Licht  als  eine 
feine  Regsamkeit  kleinster  Teilchen  der  Materie  erklaren 
konne,  so  auch  einst  wiirde  die  Denktatigkeit,  die  Seelen- 
tatigkeit  erklaren  konnen  als  eine  feine  Regsamkeit  jener 
Materie,  welche  den  menschlichen  oder  tierischen  Leib  zu- 
sammensetzt. 

Es  kamen  dann  mancherlei  Phasen  in  der  Entwicklung 
naturwissenschafUich-theoretischer  Denkweise.  Wahrend 
man  in  den  achtziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
zum  Beispiel  das  Licht  und  die  ganze  Farbenwelt,  wenn 
man  Physiker  war,  als  eine  Art  von  Schein  aufzufassen 
hatte  und  unendlich  komplizierte,  feine  Regungen  und  Be- 
wegungen innerhalb  der  Materie  und  des  Athers  zu  studie- 
ren  hatte,  stellte  sich  dann  im  Verlaufe  der  achtziger  Jahre 
ein,  dafi  man  an  diesen  feinen  Regsamkeiten  irre  wurde 
und  sich  mehr  darauf  beschrankte,  die  Erscheinungen,  die 
Tatsachen,  wie  sie  sich  darbieten,  selber  ins  Auge  zu  fassen, 
durch  die  Rechnung  auszudrucken,  sie  zu  beschreiben,  und 
nicht  so  sehr  zu  spekulieren  iiber  das,  was  ja  doch  nicht  wahr- 
nehmbar  sein  soli,  sondern  nur  allem  zugrunde  liegen  soli: 
iiber  die  feineren  Regsamkeiten  der  Materie  und  des  Athers. 
Das  war  mehr  auf  physikalischem  Gebiete. 

Es  war  auf  physikalischem  Gebiete  so,  daft  man  keine 
rechte  Moglichkeit  sah,  aus  der  Denkgewohnheit  herauszu- 
kommen,  die  sich  eben  ergab,  wenn  man  diese  feinen  Reg- 
samkeiten der  Materie  im  Verhaltnis  zu  irgend  etwas  be- 
trachtete,  was  moglich  machen  sollte,  den  Geist  in  seinem 
Unmittelbaren  zu  erfassen.  Es  hielt  einen  sozusagen  aus  der 
Naturwissenschaft  heraus  etwas  zuriick,  den  Geist  in  einer 
solchen  Weise  zu  betrachten,  wie  das  in  den  letzten  Vor- 


tragen  hier  geltend  gemacht  worden  ist.  Dazu  kamen  noch 
ganz  andere  Dinge.  Wer  damals  in  der  naturwissenschaft- 
lichen  Entwicklung  drinnen  stand,  hatte  es  nicht  nur  mit 
dem  eben  Charakterisierten  zu  tun,  sondern  audi  mit  dem 
Niederschlage  alles  dessen,  was  zum  Beispiel  die  grofien  Ent- 
deckungen  Scbleidens  und  Scbwanns  in  der  ersten  Halfte  des 
neunzehnten  Jahrhunderts  ergeben  hatten,  durch  welche 
die  kleinsten  Teile,  die  Zellen,  innerhalb  des  pflanzlichen 
und  tierischen  Organismus  gefunden  waren.  Dadurch  war 
zwar  nicht  die  Wirklichkeit  der  Atome  und  Molekiile  nach- 
gewiesen,  aber  es  waren  die  organischen  Formen  auf  kleinste 
Bausteine  zuriickgef  iihrt,  auf  die  Zellen,  die  in  ihren  Formen 
nur  dem  Mikroskop  zuganglich  waren.  Dann  war  vorhan- 
den  der  Niederschlag  dessen,  was  sich  an  den  Namen  Darwin 
knupft,  und  man  stand  welter  unter  dem  Eindrucke  der 
grofien  Tat  Ernst  Haeckels,  der  im  Gange  der  sechziger  Jahre 
die  Theorie  Darwins  audi  auf  den  Menschen  ausgedehnt 
hatte. 

So  hatte  man  eine  naturwissenschaftliche  Betrachtungsart 
vor  sich,  welche  beim  Einfachsten  in  der  pflanzlichen  und 
tierischen  Welt  anfing  und  betrachtete,  wie  von  den  un- 
vollkommenen  bis  zu  den  vollkommeneren  Wesen  und  bis 
herauf  zum  Menschen  die  einzelnen  Organe  selber  in  der 
Art  sich  immer  vollkommener  und  vollkommener  ergaben, 
dafi  man  den  Hervorgang  der  einzelnen  Organe,  welche 
kompHzierter  waren,  aus  den  einfacheren  durch  Verglei- 
chung  sozusagen  feststellen  konnte.  Ein  ungeheures  Mate- 
rial an  Kenntnissen  wurde  gesammelt.  Die  Breite  und  die 
Weite  dieses  Materials  war  wirklich  so  grofi,  da£  zum  Bei- 
spiel in  den  siebziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
einer  der  bedeutendsten  vergleichenden  Anatomen  der  Ge- 
genwart,  Carl  Gegenbaur,  in  seiner  « Vergleichenden  Ana- 
tomie»  (1878)  sagen  konnte,  es  sei  gerade  in  den  letzten 


Jahrzehnten  eine  Unsumme  von  einzelnen  Kenntnissen  ge- 
sammelt  worden,  welche  zeigen,  wie  verwandt  die  Lebe- 
wesen  in  bezug  auf  ihre  Organe  sind,  und  man  musse  auf 
die  Moglichkeit  warten  -  so  meinte  Gegenbaur  die  Kennt- 
nisse  zu  «Erkenntnissen»  zu  erheben;  und  er  versprach  sich 
von  der  darwinistischenMethode,  dafi  es  moglich  sein  wiirde, 
zu  zeigen,  was  die  Vergleichung  der  Organe  hochster  Lebe- 
wesen mit  denen  weniger  vollkommener  Wesen  unwider- 
legbar  ergeben  werde,  dafi  audi  eine  im  physischen  Sinne 
so  zu  nennende  Abstammung  der  vollkommenen  Lebewesen 
von  den  unvollkommenen  bestehe.  So  sah  man  gleichsam 
die  Kette  sich  schliefien  in  der  Entwickelung  von  den  un- 
vollkommenen Lebewesen  bis  hin  zu  den  vollkommeneren, 
ja,  bis  herauf  zum  Menschen,  und  man  konnte  sich  sagen, 
durch  eine  Art  Summierung  derjenigen  Krafte  und  Tatig- 
keiten,  die  schon  unten  bei  den  einfachsten  Lebewesen  wal- 
ten,  ja,  sogar  schon  durch  eine  Summierung  der  Krafte  und 
Tatigkeiten  in  der  leblosen  Natur  selber  entstehe  zuletzt 
das  komplizierteste  Wesen,  das  wir  kennen,  der  mensch- 
liche  Leibesbau. 

Ungeheure  Hoffnungen  kniipften  sich  an  dieses  natur- 
wissenschaftliche  Ideal.  Wirklich  stand  es  damals  so,  dafi 
man  schwer  unterscheiden  konnte  zwischen  dem,  was  natur- 
wissenschaftliche  Tatsachen  waren  und  dem,  was  man  zu 
den  Tatsachen  hinzudachte,  hinzuspekulierte,  denn  ein  Un- 
terschied  war  fur  jeden,  der  griindlich  dachte,  zwischen  den 
Tatsachen  und  denTheorien  ja  doch  vorhanden.  DerUnter- 
schied  war  namlich  vorhanden,  dafi  man  sich  sagen  konnte: 
Wenn  man  so  vorsichtig,  so  subtil  zu  Werke  ginge,  wie 
etwa  Darwin  selber,  besonders  in  seinen  friiheren  Jahren, 
zu  Werke  gegangen  war,  dann  fand  man  ein  ungeheures 
Material  an  gegenseitigen  Beziehungen,  an  gegenseitigen 
Vergleichspunkten  zwischen  den  einzelnen  Lebewesen,  von 


den  unvollkommenen  des  Tier-  und  Pflanzenreiches  bis 
herauf  zum  Menschen.  Aber  es  sei  doch  ein  Unterschied 
—  konnte  man  sich  sagen  -  zwischen  dem,  was  sich  so  als 
Tatsache  der  Ahnlichkeit  des  aufieren  Baues,  audi  als  Tat- 
sadie  der  Ahnlichkeit  der  inneren  Vorgange  ergab,  und 
dem,  was  man  doch  nur  erdenken  konnte:  der  Hypothese, 
der  Annahme  der  Abstammung  der  vollkommenen  Lebe- 
wesen  von  den  unvollkommenen,  denn  diese  Abstammung 
konnte  man  nach  den  bis  jetzt  bekannten  Tatsachen  nicht 
verfolgen.  Man  hatte  die  Summe  der  Lebewesen  vor  sich, 
vollkommenere  und  weniger  vollkommene.  Die  Abstam- 
mung als  solche  aber  blieb  fur  den,  der  grundlich  denken 
konnte,  doch  immer  nur  eine  Hypothese,  wenn  er  auf  natur- 
wissenschaftlichem  Boden  stehen  bleiben  wollte.  Aber  das 
Material  war  imponierend. 

Was  sich  so  aus  der  naturwissenschaftlichen  Forschung 
ergab,  drang  tief  in  die  Seelen  ein,  manchmal  erschiitternd 
durch  das  Gro£artige  der  Einblicke,  die  man  gewinnen 
konnte.  Dazu  kam  manches  andere.  Es  mufi  beim  heutigen 
orientierenden  Vortrage  auf  manches  einzelne  hingewiesen 
werden.  So  mufi  hingewiesen  werden  auf  die  gewaltige 
Entdeckung,  wie  sie  zum  Beispiel  Helmholtz  auf  dem  Ge- 
biete  der  Lichterscheinungen  und  der  Wirkungen  des  Lichtes 
auf  das  menschliche  Organ  des  Auges  gemacht  hatte,  wie 
sie  ebenfalls  Helmholtz  gemacht  hatte  in  bezug  auf  Klang- 
und  Tonerscheinungen  und  die  Wirkung  von  Klang  und 
Ton  auf  das  menschliche  Ohr,  auf  das  menschliche  Gehor- 
organ.  Dadurch  war  man  bekanntgeworden  mit  dem  f  riiher 
ja  geheimnisvoll  gebliebenen  Sehvorgange.  Man  lernte  audi 
erkennen,  was  zum  Beispiel  im  Ohre  vorging,  was  fur  ein 
komplizierter  Wunderbau,  man  mochte  sagen,  ein  klavier- 
artiger  Apparat  im  Ohre  sich  befindet.  An  Stelle  von  man- 
chem,  was  friiher  blofi  Ausgedachtes  schien,  trat  jetzt  die 


genauere  Erkenntnis  des  Baues  der  Organe  des  Menschen. 
Man  konnte  sich  sagen:  Was  draufien  nur  Bewegung,  Reg- 
samkeit  ist,  das  wird  wie  umgewandelt  -  eine  solche  Um- 
wandlung  ergab  sich  ja,  wie  wir  eben  gesehen  haben,  ganz 
wesentlich  aus  der  mechanischen  Warmetheorie  -  durch  das, 
was  nun  an  Wunderbarem  in  den  Organen  auf  geklart  wurde 
in  bezug  auf  das,  was  in  den  Seelen  an  Wahrnehmungen 
lebt.  Und  das  innere  Seelenleben  baut  sich  ja  zuletzt  aus 
dem  auf,  was  unsere  Organe  aus  den  Wirksamkeiten  der 
Materie  und  des  Raumes  heraus  gestalten. 

Vielfach  kann  man  eigentlich  den  ganzen  geistigen  Vor- 
gang,  der  sich  damals  in  den  Seelen  abspielte,  so  bezeichnen, 
dafi  man  sagen  kann:  Betaubt  wurden  die  Seelen  durch 
alles,  was  da  im  grofien  und  im  einzelnen  gefunden  worden 
ist.  Man  mufite  sich  sagen:  Von  alledem  wufite  eine  friihere 
Zert  nichts.  Es  kamen  einem  manche  Traditionen,  welche 
iiber  das  menschliche  Seelenleben  vorhanden  waren,  jetzt 
hinfallig  vor,  wo  man  erst  anfing,  die  Wirkung  der  Materie 
und  ihrer  Bewegungen  auf  den  menschlichen  Organismus 
zu  studieren,  im  wahren  Sinne  des  Wortes  naturwissen- 
schaftlich  zu  studieren. 

Fur  den  Geisteswissenschafller  war  das  Ganze,  sagen 
wir,  weniger  wichtig  wegen  der  Einzelheiten,  als  deshalb, 
weil  man  sich  gestehen  mufite:  Um  in  die  weiten  Perspek- 
tiven,  welche  da  in  eine  Welt  des  rein  Tatsachlichen  hinein 
eroffnet  werden,  hineinzukommen,  dazu  gehort  etwas,  was 
man  bei  den  alten  Betrachtungen  des  Seelenlebens  oder  des 
Geisteslebens  zunachst  nicht  vorhanden  glaubt.  In  vielen 
Seelen,  welche  das  alles  im  letzten  Drittel  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  mitlebten,  stieg  etwa  die  folgende  Empfln- 
dung  auf.  Da  konnten  sich  die  Seelen  sagen:  Gewifi,  alte 
Zeiten  haben  manches  zu  denken  gewagt  iiber  die  grofien 
Fragen,  zum  Beispiel  iiber  den  Wechsel  von  Schlaf  und 


Wachen,  uber  die  Frage  nach  der  Unsterblichkeit  der  Men- 
schenseele,  iiber  die  Fragen  von  Tod  und  Leben,  uber  den 
Ursprung  des  Daseins  und  so  weiter.  Aber  wenn  man  ver- 
gleicht  die  ganze  methodische  Art  des  Denkens,  die  ganze 
Art,  wie  geistig  geforscht  worden  ist  in  jenen  alten  Zeiten, 
aus  denen  solche  Traditionen  von  Seelenforschungen  her- 
aufragen,  sie  vergleicht  mit  der  strengen,  gewissenhaften 
Art  modernen  naturwissenschafllichen  Forschens,  dann  steht 
das,  was  uns  von  jenen  alten  Zeiten  iiberkommen  ist,  eben 
einfach  zuriick  hinter  der  strengen  und  gewissenhaften  Me- 
thode  heutiger  naturwissenschaftlicher  Forschung.  Wenn 
audi  der  Geistesforscher  von  den  Resultaten  der  Natur- 
forscbung  nicht  betroffen  war,  wenn  er  sich  vielleicht  auch 
gar  nicht  hinreifien  liefi  von  den  Resultaten,  das  eine 
wirkte  gewaltig  auch  auf  den  Geistesforscher:  die  Strenge 
des  naturwissenschaftlichen  Denkens,  die  Gewissenhaftig- 
keit,  der  ungeheure  Wahrheitssinn  naturwissenschaftlichen 
Denkens. 

Gegeniiber  einer  solchen  Tatsache  mufke  sich  in  dem- 
jenigen,  der  es  iiberhaupt  mit  Wissenschaft  zu  tun  haben 
wollte,  gleichgiiltig  ob  mit  Naturwissenschaft  oder  Geistes- 
wissenschaft,  der  Trieb  herausbilden,  der  etwa  dahin  charak- 
terisiert  werden  kann:  Wissenschaft  im  ernstesten  Sinne  des 
Wortes,  die  tonangebend  sein  kann  fur  das  Geistesleben 
der  Gegenwart,  kann  ihr  Heil  iiberhaupt  nur  in  jenem 
strengen  Denken,  in  jenem  wahrhaft  gewissenhaften  For- 
schen  suchen,  wie  man  es  an  der  Naturwissenschaft  lernen 
kann.  Ein  solcher  Trieb  verwandelt  sich  allmahlich,  und 
mufke  sich  auch  in  dem  geisteswissenschaftlichen  Forscher 
verwandeln,  in  eine  Art  von  wissenschaftlichem  Gewissen. 
Man  konnte  sich  sagen:  Gewifi,  wie  zu  alien  Zeiten,  so  hat 
auch  in  der  neueren  Zeit  die  Seele  den  Drang  und  den 
Trieb,  ihre  eigene  Natur  und  Wesenhek  kennenzulernen, 


kennenzulernen  vor  alien  Dingen  die  Vorgange,  welche 
iiber  Geburt  und  Tod  hinausreichen.  Aber  Eindruck  machen 
auf  die  Kultur  unserer  Zeit  kann  fur  denjenigen,  der  klar 
und  unbefangen  schaut,  nur  das,  was  nach  dem  Muster 
naturwissenschaftHcher  Denkweise  vor  die  Zeit  hintritt. 
Man  sah  gewifi  mandies  iiber  allerlei  seelische  Fragen  - 
man  mochte  heute  schon  sagen  —  auf  dem  geistigen  Markte 
ersdieinen.  Man  sah  vieles,  was  wahrhaftig  recht  fern  stand 
und  steht  von  gewissenhafter,  an  der  Naturwissenschaft 
herangebildeterDenkmethode;  aber  mankonnte  sich  sagen: 
Solche  Dinge  mogen  durch  die  Leichtfertigkeit,  durch  die 
Bequemlichkeit  des  zeitgenossischen  Denkens  manchmal  da 
oder  dort  eine  Weile  Eindruck  machen,  von  irgendeiner 
Dauer  kann  ein  soldier  Eindruck  nicht  sein,  denn  selbst  die 
Bequemsten  werden  sich  zuletzt  fragen:  Was  kann  das  an 
der  Naturwissenschaft  herangebildete  gewissenhafte  Den- 
ken  zu  demjenigen  sagen,  was  iiber  die  geistige  Welt  an- 
geblich  erforscht  ist? 

So  stellte  sich  denn  auch  fur  die  Seelenforscher  das  Be- 
diirfnis  ein,  ganz  nach  dem  Muster  der  Naturwissenschaft 
zu  forschen.  Man  mochte  sagen  eine  Art  Idealbild,  das  nur 
nicht  zu  Ende  gekommen  ist,  ist  die  Psychologie,  die  Seelen- 
lehre  des  auch  hier  schon  erwahnten  Franz  Brentano,  die 
auf  viele  Bande  berechnet  gewesen  ist.  Von  alien  diesen 
Banden  ist  aber  nur  ein  einziger  erschienen,  der  erste,  im 
Fruhjahr  1874.  Und  obwohl  versprochen  war,  dafi  der 
nachste  Band  schon  im  Herbste  desselben  Jahres  erscheinen 
sollte,  ist  er  doch  bis  heute  nicht  erschienen. 

Brentano  ging  nicht  nach  dem  Muster  derjenigen  Seelen- 
forscher vor,  von  denen  das  letztemal  gesagt  worden  ist, 
dafi  sie  ganz  ausschliefien  die  grofien  Fragen  zum  Beispiel 
nach  dem  Wesen  des  Wechsels  von  Schlaf  und  Wachen, 
die  Frage  nach  der  Unsterblkhkeit  der  Menschenseele  und 


dergleichen,  sondern  er  wollte  alle  diese  Fragen  ganz  nach 
dem  Muster  der  strengen  naturwissenschafllichen  Methodik 
behandeln.  Er  scheiterte.  Und  warum  scheiterte  er?  Franz 
Brentano  konnte  sich  nie  entschliefien,  denjenigen  Weg  zu 
gehen,  der  sich  gerade  dadurch  als  der  fiir  die  Gegenwart 
notwendige  gezeigt  hat,  dafi  ein  soldier  Geist  wie  Brentano 
gescheitert  ist,  nachdem  er  ihn  nicht  hat  gehen  wollen.  Die- 
ser  Weg  ist  in  den  verflossenen  Vortragen  und  besonders 
das  letztemal  charakterisiert  worden.  Von  diesem  Wege 
wurde  gezeigt,  wie  er  allein  geeignet  ist,  uns  in  die  hoheren 
Gebiete,  in  die  geistigen  Gebiete  des  Daseins  hineinzufuh- 
ren,  in  das,  was  auch  iiber  Geburt  und  Tod  hinausreicht. 
Franz  Brentano  konnte  sich  nicht  entschliefien,  diesen  Weg 
zu  gehen.  Dafi  man  ihn  gehen  mufi,  wenn  man  an  ein  Ende, 
an  ein  Ziel  kommen  will,  das  hat  er  formlich  dadurch  nega- 
tiv  bewiesen,  da£  seine  Seelenlehre  beim  ersten  Bande  ge- 
blieben  ist,  der  noch  nichts  zu  tun  hat  mit  all  den  eben 
genannten  grofien  Fragen,  dafi  er  noch  nicht  herankommen 
konnte  an  die  grofien  Fragen,  wie  er  es  wollte. 

Ich  versuchte,  Ihnen  ein  Bild  zu  geben  von  dem  geistigen 
Leben  der  achtziger  Jahre  des  neunzehnten  Jahrhunderts, 
in  das  hineinversetzt  war,  wer  damals  seinen  Weg  in  die 
geistigen  Gebiete  hinein  suchte.  Wenn  man  alles,  was  jetzt 
genannt  worden  ist,  auf  sich  wirken  liefi,  so  konnte  man 
nicht  so  ohne  wei teres  mit  den  damals  auftauchenden,  zu- 
nachst  sporadischen  Erzeugnissen  der  auf  keimenden  Geistes- 
wissenschaft  gehen.  Ich  will  da  nur  zunachst  aufmerksam 
machen,  wie  nicht  nur  mitten  in  die  naturwissenschaftliche 
Forschung  selber,  sondern  auch  in  die  naturwissenschaftliche 
Erziehung  der  Zeit  ein  Werk  hineinfiel  etwa  wie  der  «Eso- 
terische  Buddhismus»  von  A.  P.  Sinnett. 

Ich  will  jetzt  nicht  die  Titelfrage  besprechen,  dafi  hier 
Buddhismus  nichts  zu  tun  hat  mit  dem  Buddha  und  dem 


Buddhismus,  wie  er  als  religioses  Bekenntnis  gemeint  ist, 
sondern  bemerken,  dafi  mit  diesem  Buche,  weldies  in  deut- 
schen  Gegenden  in  den  achtziger  Jahren  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  bekannt  wurde,  zunachst  gegeben  war  eine 
Obersicht  der  Welterscheinungen,  des  grofien  Ganges  der 
kosmischen  Ereignisse  und  audi  der  Fragen,  welche  sich  an 
das  Wesen  des  Menschen  ankniipfen,  wie  audi  an  die  Be- 
ziehungen  iiber  ein  Leben,  das  iiber  Geburt  und  Tod  hin- 
ausgeht.  Was  in  diesem  Buche  mitgeteilt  war,  konnte  zu- 
nachst frappierend  wirken.  Denn  wer  denBlick  auf  geistige 
Dinge  hinwendete,  konnte  als  soldier  mit  manchem,  was  da 
in  dem  Sinnettschen  «Esoterischen  Buddhismus»  stand,  in 
gewisser  Beziehung  sich  einverstanden  erklaren.  Manches 
widersprach  durchaus  nicht  dem,  was  man  denken  konnte 
und  denken  durfte,  auch  wenn  man  streng  auf  naturwissen- 
schaftlichem  Boden  stand.  Aber  eines  widersprach  der  da- 
maligen  naturwissenschaftlichen  Erziehung,  eines  machte, 
dafi  man  dieses  Buch  zwar  als  eine  interessante  Zeiterschei- 
nung  nehmen  konnte,  sich  aber  unmoglich  so  ohne  weiteres 
mit  ihm  einverstanden  erklaren  konnte:  dafi  dieses  Buch 
in  der  ganzen  Art  der  Darstellung,  in  der  Zusammenf assung 
der  Dinge  und  in  der  Art,  wie  diese  Dinge  zum  Beispiel 
aus  ihren  Quellen  hervorgeholt  wurden,  in  nichts  gerecht- 
fertigt  dastand  vor  der  strengen  naturwissenschaftlichen 
Erziehung  und  Wahrhaftigkeit,  und  dafi  ein  naturwissen- 
schaftlich  Erzogener,  wenn  er  noch  so  sehr  mit  den  einzelnen 
Ergebnissen  und  Mitteilungen  dieses  Buches  einverstanden 
war,  sich  doch  von  der  ganzen  Art  der  Darstellung  abge- 
stofien  fiihlen  mufite. 

Ebenso  ging  es  mit  manchem  anderen  Werke,  das  auf 
diesem  Gebiete  erschien.  Es  ging  sogar  so  mit  dem  Buche 
der  mit  einem  gewissen  Recht  beriihmten  H.  P.  Blavatsky, 
das  dann  am  Ende  der  achtziger,  am  Anfang  der  neunziger 


Jahre  ersclrien:  «Die  Geheimlehre».  Wer  es  mit  diesen  Din- 
gen  zu  tun  hatte,  konnte  sich  sagen:  Ein  tiefgriindiges  Wis- 
sen  und  Erkennen  iiber  geistige  Dinge  findet  sich  in  diesem 
Buche,  aber  die  ganze  Art  der  Darstellung  ist  so  chaotisch, 
so  untermischt  mit  naturwissenschaftlichem  Dilettantismus, 
der  sich  namentlich  in  der  Bekampfung  naturwissenschaft- 
licher  Theorien  und  Hypothesen  dartut,  dafi  der  natur- 
wissenschaftlich  Erzogene  mit  diesem  Buche  durchaus  nicht 
mitgehen  kann. 

So  stellte  sich  gleichsam  zweierlei  heraus:  Fur  einen,  der 
Herz  und  Sinn  hatte  fiir  den  Bestand  einer  geistigen  Welt, 
gab  es  auf  der  einen  Seite  die  naturwissenschaftliche  Denk- 
art,  die  ganze  naturwissenschaftliche  Vorstellungsweise.  An 
der  konnte  er  seine  wissenschaftliche  GewissenhafUgkeit 
heranerziehen,  an  der  konnte  er  sich  freimachen  von  allem 
Dilettantismus,  wenn  er  sich  ernstlich  darauf  einliefi.  An 
der  konnte  er  aber  auch  lernen,  wie  man  streng  forscht  iiber 
das  Tatsachliche,  und  wie  man  durch  solches  Forschen  iiber 
das  Tatsachliche  zu  gesicherten  Ergebnissen  gelangt,  die 
real  ins  Leben  eingreifen,  die  begriindend  sind  nicht  nur 
fiir  eineTheorie,  sondern  fiir  dieTatsachen  des  Lebens.  Auf 
der  anderen  Seite  aber  konnte  sich  ein  solcher  sagen:  Da, 
wo  man  aber  aus  der  Naturwissenschaft  selber  auch  etwas 
fiir  eine  geistige  Interpretation  der  Lebenserscheinungen  zu 
gewinnen  sucht,  da,  wo  die  Naturwissenschaft  gerade  durch 
sich  selber.  dies  versucht,  lafit  sich  wenig  aus  ihr  heraus- 
pressen  fiir  das  Geistige,  um  so  weniger,  je  strenger  sie  auf 
dem  Gebiete  des  Tatsachlichen  vorgeht.  -  Daher  war  wohl 
fiir  einen  solchen,  der  so  zur  Sache  stand,  Veranlassung 
vorhanden,  ein  wenig  zuruckzublicken  auf  die  Entwick- 
lungsgeschichte  der  Menschheit.  Da  konnte  er  erfahren,  dafi, 
selbst  wenn  man  von  geisteswissenschaftlicher  Forschung 
absieht,  in  den  verschiedenen  geistigen  Urkunden  der  Vol- 


ker  und  der  Epochen  etwas  aufgesammelt  ist,  etwas  rein 
aufierlich  dokumentarisch  daliegt,  das  einen  grandiosen  gei- 
stigen  Wissenskern  in  sich  schliefit,  was,  wenn  man  es  ge- 
nauer  ansieht,  nicht  leicht  zu  nehmen  ist,  sondern  je  mehr 
man  sich  in  dieses  Aufgesammelte  vertieft,  desto  mehr  bietet 
es  des  Einleuditenden  iiber  das  geistige  Leben,  selbst  wenn 
man  nicht  herankann  an  die  Art  und  Weise,  wie  es  dar- 
gestellt  ist,  oder  audi  an  die  Art  und  Weise,  wie  es  gefun- 
den  sein  mu£  nach  dieser  Art  der  Darstellung. 

Nur  fur  den,  welcher  oberflachlich  zu  Werke  geht,  kann 
etwa  das,  was  da  alte  agyptische  oder  chaldaische  Weisheit 
enthalt,  nur  eine  Summe  von  menschlicher  Traumerei  sein. 
Wer  tief  er  darauf  eingeht,  wird  nicht  Traumereien  finden, 
sondern  wird  tatsachlich  ersehen,  wie  Einleuchtendes  iiber 
die  Natur  des  Geistes  und  seine  Wirksamkeit  in  diesen 
Dingen  in  mancherlei  fiir  die  heutige  Zeit  grotesk  aus- 
schauenden  Formen  enthalten  ist.  Und  ebenso,  wie  bei  der 
agyptischen  oder  der  chaldaischen  "Weisheit,  stellt  sich  dies 
insbesondere  fiir  die  alte  indische  Weisheit  heraus,  soweit 
sie  iiberliefert  ist.  Freilich  wird  man  so  etwas  wie  die  in- 
dische Weisheit  mit  dem  grandiosen  bedeutsamen  Eindrucke, 
den  sie  auf  jeden  machen  mufi,  nicht  etwa  ansehen  diirfen 
mit  dem  Auge  eines  modernen  Philosophen,  wie  zum  Bei- 
spiel  Deufieriy  sondern  man  wird  sich  unbefangen  hinein- 
versetzen  miissen  in  das  von  innen  aus  Einleuchtende  in 
bezug  auf  gewisse  geistige  Zusammenhange.  Aber  eines 
kann  auf  fallen:  aus  der  Art  und  Weise,  wie  das  Ganze 
dargestellt  ist,  zeigt  sich,  dafi  ein  geistiges  Wissen  jener 
Art,  wie  es  uns  da  entgegentritt,  nicht  auf  dieselbe  Weise 
und  nicht  durch  eine  solche  Methode  gewonnen  ist  wie 
unsere  heutigen  Forschungsmethoden  sind,  durch  welche 
die  Naturwissenschaft  von  Triumph  zu  Triumph  schreitet. 
Wenn  man  nur  genug  Unbefangenheit  hat,  um  auf  der 


einen  Seite  die  Naturwissenschaft  sidier  anzuerkennen  und 
um  auf  der  anderen  Seite  sich  auf  das  einzulassen,  wie  aus 
den  alten  Zeiten  eine  geistige  Errungenschaft  und  ein  gei- 
stiges  Wirken  heriibertonen,  dann  wird  man  schon  das 
Oberwaltigende  an  lichtvollen  Einsichten  in  das  geistige 
Leben  auf  sich  wirken  lassen  konnen  und  wird  audi  zu- 
gleich  ersehen,  wie  so  ganz  anders  die  Methoden  gewesen 
sein  mussen,  mit  denen  jene  geisteswissenschaftlichen  Er- 
kenntnisse  in  uralten  Zeiten  gewonnen  worden  sind. 

Nun  zeigt  uns  gerade  wieder  die  Geistesf orschung  selbst, 
wie  ganz  anders  das  gewonnen  ist,  was  wir  im  rechten 
Sinne  zum  Beispiel  uralt-indische  Weisheit  nennen  konnen, 
die  bis  tief  in  das  Wesen  der  Dinge  eindringende  Erkennt- 
nisse  uns  anzeigt.  Da  finden  wir,  daf$  jene  "Weisheit  nicht 
durch  die  au£ere  Beobachtung  gewonnen  ist,  nicht  durch 
jenes  Denken,  das  wir  heute  als  naturwissensdiaftlicb.es 
bezeichnen,  sondern  auf  eine  ahnliche  Art  von  seelischer 
Selbsterkenntnis,  wie  wir  sie  auch  hier  fur  die  modernen 
Zeiten  charakterisieren  konnten.  Yoga-Methoden,  Selbst- 
erziehungs-Methoden  der  Seele  wurden  angewendet.  Die 
fiihrten  die  Seele  dahin,  nicht  nurmehr  blofi  so  zu  schauen 
und  wahrzunehmen  und  zu  erkennen,  wie  man  im  gewohn- 
lichen  alltaglichen  Leben  wahrnimmt  und  erkennt,  sondern 
in  sich  aufgehen  zu  fiihlen  hohere  Erkenntniskrafte,  welche 
hineinschauen  konnen  in  die  geistigen  Welten,  die  sich  um 
uns  herum  eroffnen,  wenn  wir  nur  fur  sie  in  uns  die  Or- 
gane  erschliefien.  Aber  fur  das  Dasein  innerhalb  des  physi- 
schen  Lebens  ist  alles,  was  uns  als  Seelenbetatigungen  ent- 
gegentritt,  doch  in  einer  gewissen  Weise  an  das  Instrument 
des  physischen  Leibes  gebunden.  Und  nun  zeigt  uns  eine 
geistige  Forschung,  wie  das  alte  indische  Forschen  in  anderer 
Weise  selbst  an  das  Instrument  des  physischen  Leibes  ge- 
bunden war  als  unser  heutiges  Forschen,  wie  es  in  der  Na- 


turwissenschaft  gang  und  gabe  ist.  Die  Naturwissenschaft 
forscht  heute  durch  die  Sinne  und  durch  den  Verstand,  der 
an  das  Instrument  des  Gehirnes  gebunden  ist.  Wozu  brachte 
die  Yoga-Methode  den  Menschen?  Wozu  sie  ihn  brachte, 
kann  hier  nur  kurz  angedeutet  werden,  weil  wir  uns  nur 
iiber  die  Beziehungen  von  Naturwissenschaft  und  Geistes- 
wissenschaft  orientieren  wollen. 

Yoga-Methode  brachte  den  Menschen  dazu,  zunachst 
bis  zu  einem  gewissen  Grade  das  Denkinstrument  des  Ge- 
hirnes auszuschalten,  sogar  alles  das  auszuschalten,  was  das 
iibrige  hohere  Nervensystem  vermittelt.  Zum  Instrumente 
jenes  streng  innerlichen  Schauens  in  den  Yoga-Methoden 
wurde  gerade  derjenige  Teil  des  menschlichen  Nerven- 
systems  gemacht,  der  uns  heute  in  der  Naturwissenschaft 
wie  ein  untergeordneter  Teil  erscheint,  der  aber  im  engsten 
Sinne  an  die  Verrichtungen  des  menschlichen  Organismus 
selber  gebunden  ist,  das,  was  wir  mit  dem  Sonnengeflecht 
und  mit  dem  sympathischen  Nervensystem  bezeichnen.  Wie 
unser  heutiges  naturwissenschaftlichesForschen  an  das  hohere 
Nervensystem  gebunden  ist,  so  waren  jene  alten  Erleuch- 
tungsmethoden  an  dasjenige  Nervensystem  gebunden,  das 
wir  heute  sogar  in  einem  gewissen  Sinne  als  ein  niedriges 
betrachten.  Aber  weil  dieses  untergeordnete  Nervensystem 
an  die  Daseinskrafte  und  an  die  Lebenskrafte  gebunden  ist 
und  innig  mit  dem  zusammenhangt,  wodurch  der  Mensch 
selber  in  das  gottlich-geistige  Dasein  eingetaucht  ist,  weil 
es  also  mit  den  Quellen  des  Menschendaseins  zusammen- 
hangt, so  erkannte  man  mit  Hilfe  dieses  Instrumentes  nicht 
nur  das  Hereinleuchten  des  Geistigen  in  den  menschlichen 
Organismus;  sondern  wie  man  mit  dem  Auge  hineinschaut 
in  die  Lichteswelten,  so  schaute  man  mit  dem  Instrument 
des  sympathischen  Nervensystems  in  die  Geisteswelten  hin- 
ein,  erblickte  in  ihnen  konkrete  Tatsachen  und  Wesenheiten. 


Wer  zu  verstehen  vermag,  wie  ein  so  in  seine  eigenen 
Tiefen,  selbst  dem  Instrumente  nach,  eindringender  Mensch 
sich  zum  Universum  zu  stellen  vermag,  der  versteht  audi, 
wie  jene  uralte  orientalisdie  Weisheit  zu  uns  heriiber  ge- 
kommen  ist.  Wenn  wir  die  alten  Weistiimer  verfolgen,  so 
finden  wir  sie  iiberall  entdeckt,  an  die  Oberflache  des 
menschlichen  Denkens  kommen  durch  alte  Forschungs- 
methoden,  durch  alte  Yoga-Methoden.  Bei  den  verschieden- 
sten  Volkern  finden  wir  die  verschiedensten  Weistiimer,  und 
wir  dringen,  wenn  wir  uns  nur  mit  ihnen  abgeben,  immer 
mehr  und  mehr  in  ihre  Tiefen  ein  und  erkennen,  wie  die 
Menschen  zu  ihnen  gekommen  sind  in  jenen  Zeiten,  in  denen 
sie  von  der  heutigen  physischen  Astronomie,  Anatomie, 
Physiologie  und  so  weiter  verhaltnismafiig  wenig  gewulk 
haben.  Wie  es  eigentlich  im  physischen  Leibe  des  Menschen 
aussieht,  hatte  man  in  der  alten  indischen  Weisheit  nicht 
gewufit,  so  wie  man  es  heute  weifi;  aber  man  hat  sich  in 
eine  Betatigung  des  Organismus  versetzen  konnen  durch 
Anwendung  des  defer liegenden  Nervensystems.  Und  so 
war  es  audi  bei  anderen  Volkern. 

Nun  kann  man,  indem  man  sozusagen  den  Blick  schwei- 
fen  lafit  iiber  alles,  was  bis  ins  sechste  Jahrhundert  der  vor- 
christlichen  Zeitrechnung  hinein  als  solche  alte  Weistiimer 
wirksam  war,  heraufdringen  bis  eben,  zum  Beispiel,  in  die 
alten  griechischen  Zeiten  hinein.  Da  finden  wir,  von  allem 
ubrigen  abgesehen,  einen  uberragenden  Denker,  einen  Den- 
ker,  der  ebenso  oft  nach  dem  Guten  wie  nach  dem  Bosen 
hin  mifiverstanden  worden  ist:  Aristoteles,  der  nur  wenige 
Jahrhunderte  vor  der  Begriindung  des  Christentums  tatig 
war.  Merkwiirdig  erscheint  er  uns  noch  heute.  Wenn  wir 
ihn  so  durchnehmen,  dann  finden  wir  bei  ihm  zuerst  auf 
vielen  Gebieten  etwas  von  dem,  was  man  heute  Natur- 
wissenschaft  nennt.  Denn  in  den  alten  Weistumern  ist  Na- 


turwissensdiaft  imheutigenSinne  nidit  vorhanden.  Zu  dem, 
was  Aristoteles  zur  Naturwissensdiaft  geliefert  hat,  haben 
sich  noch  im  neunzehnten  Jahrhundert  Leute,  die  streng 
auf  dem  Boden  und  nur  auf  dem  Boden  der  Naturwissen- 
sdiaft stehen  wollen,  im  allerlobendsten  Sinne  ausgespro- 
chen.  So  finden  wir  also  bei  Aristoteles  die  Ausgangspunkte 
dessen,  was  audi  heute  naturwissenschaftliches  Forschen  ge- 
nannt  werden  kann.  Daneben  finden  wir  bei  ihm  eine  aus- 
gebildete  Lehre  von  der  menschlichen  Seele. 

Nicht  auf  die  Einzelheiten  seiner  Seelenlehre  soil  ein- 
gegangen  werden,  sondern  es  soil  nur  darauf  aufmerksam 
gemacht  werden,  wie  sich  die  Lehre  von  der  menschlichen 
Seele  bei  Aristoteles  stellt  zu  dem,  was  aus  alteren  Zeiten 
iiber  die  menschliche  Seele  und  ihren  Zusammenhang  mit 
den  grofien  geistigen  Welten  heriiberleuchtet.  Man  versteht 
nur,  was  Aristoteles  iiber  die  Seele  geschrieben  hat,  wenn 
man  sich  klar  ist,  dafi  das  alles  bei  ihm  gegeben  ist  als  "Ober- 
lief erung  alten,  uralten,  auf  die  eben  gekennzeichnete  Art 
gewonnenen  Denkens.  Aristoteles  ist  nicht  mehr  bekannt 
mit  den  Forschungsmethoden  der  alten  Zeiten;  die  liegen 
ihm  f erner.  Was  er  aber  sagen  konnte  iiber  die  Gliederung, 
iiber  die  Einteilung  der  menschlichen  Seele,  iiber  den  Unter- 
schied  von  dem,  was  von  der  menschlichen  Seele  nur  an  den 
physischen  Leib  gebunden  ist  und  so  audi  an  den  Tod,  von 
dem,  was  nach  dem  Durchschreiten  des  Todes  an  einem  gei- 
stigen Leben  in  der  Ewigkeit  teilnimmt,  was  Aristoteles  iiber 
dieses  alles  zu  sagen  vermag,  das  ist  wie  ein  Oberkommenes 
aus  alten  Zeiten,  das  er  dem  Inhalte  nach  kennt,  das  er  so 
bekommen  hat,  daJS  er  sagen  konnte:  es  leuchtet  meinem 
Verstande  ein.  Aber  die  einzelnen  Glieder  kennt  er  nur 
mehr,  was  er  zum  Beispiel  da  die  vegetative  Seele,  die  Geist- 
seele  und  so  weiter  nennt.  Wie  die  einzelnen  Glieder  mit 
der  geistigen  Welt  zusammenhangen,  das  weifi  er  nicht  mehr. 


Er  kann  die  einzelnen  Teile  aufzahlen,  dem  Verstande  nach 
beschreiben  und  klassiflzieren,  kann  sie  auch  fur  den  Ver- 
stand  einleuchtend  machen,  aber  er  kann  nicht  mehr  zeigen, 
wie  diese  menschlichen  Seelenteile  mit  der  geistigen  Welt 
zusammenhangen. 

Aristoteles*  Art  ging  dann  auf  die  spateren  Zeiten  iiber. 
Die  Naturwissenschaft  wurde  immer  ausgebildeter.  Es  gab 
ja  naturlich  den  mittelalterlichen  Tiefstand  und  die  neue 
Morgenrote  der  Naturwissenscbafl  im  Beginne  der  neuen 
Zeit,  aber  wenn  man  davon  absieht,  kann  man  sagen,  die 
Naturwissenschaft  wurde  immer  ausgebildeter  und  ausge- 
bildeter. 

Worauf  beruht  nun  des  Menschen  Verhaltnis  zur  Natur- 
wissenschaft und  zu  den  Gegenstanden  der  Naturwissen- 
schaft? Denken  wir  uns,  wenn  der  Mensch  mit  seinen  Sinnen 
allein  ware,  wenn  er  nicht  seine  Sinne  offnen,  gleichsam  an- 
gliedern  konnte  an  die  Reiche  der  Natur,  die  um  uns  herum 
ausgegossen  sind,  was  ware  dann  das  einzelne  menschliche 
Leben  ohne  die  Eingliederung  in  die  Natur?  Betrachten  wir 
die  Sache  ganz  elementar.  Wir  konnten  unsere  Augen,  wenn 
wir  sie  nicht  mit  der  Natur  in  Verbindung  setzen  konnten, 
vielleicht  driicken  und  wurden  dadurch  etwas  haben  konnen, 
was  wie  ein  Aufglanzen  der  innerlichen  Lichterscheinung 
ware.  Aber  vergleichen  Sie  das  armselige  innere  Leben  in  der 
ganzen  physischen  Welt,  welches  der  Mensch  nur  durch  sich 
selber  haben  konnte,  wenn  er  sich  nicht  mit  den  Reichen  der 
Natur  in  Verbindung  setzen  konnte.  Vergleichen  Sie  es  mit 
dem  reichen  Leben,  das  sich  eroffnet,  wenn  der  Mensch 
seine  Augen  und  die  iibrigen  Sinnesorgane  den  Reichen  der 
Natur  und  ihren  Eindriicken  offnet.  Wir  sind  Menschen, 
indem  wir  nicht  nur  in  uns  leben,  sondern  die  Organe  den 
Reichen  der  Natur  eroffnen,  die  um  uns  ausgegossen  sind, 
und  indem  wir  mit  diesen  Reichen  in  Wechselwirkung  stehen* 


Wiilken  wir  nur  das,  was  das  Auge,  was  die  iibrigen  Sinnes- 
organe  f iir  sich  erzeugen  konnen,  wie  arm  an  Inhalt  waren 
wir  als  Menschen  hier  in  der  physischen  Welt!  Damit  ist 
zu  vergleichen,  was  das  Seelenleben  allmahlich  wurde  in 
den  Zeiten,  in  welchen  die  Naturwissenschaft  gerade  her- 
aufkam  und  von  Triumph  zu  Triumph  fiihrte. 

In  bezug  auf  das  Seelenleben  wurde  sozusagen  das,  was 
Aristoteles  gegeben  hatte,  fortgesetzt.  Man  beschaftigte  sich 
nur  mit  der  Betrachtung  der  Seelenerscheinungen  selber. 
Das  aber  ist  so,  wie  wenn  man  die  Sinne  nur  in  sich  selber 
tatig  sein  lie£e  -  und  bis  herauf  in  unsere  Zeit  macht  es 
die  offizielle  Seelenwissenschaft  so.  Bis  in  unsere  Zeit  ist 
nichts  anderes  Inhalt  der  offiziellen  Seelenwissenschaft  als 
das,  was  sich  vergleichen  laftt  mit  der  blofien  Innentatigkeit 
unserer  Sinnesorgane  oder  unseres  Gehirnes,  wenn  die  Ge- 
danken  des  Gehirnes  nicht  in  die  Weltenweiten  hinaus 
gerichtet  sind.  Aber  wir  haben  schon  in  den  verflossenen 
Vortragen  gesehen,  wie  durch  die  Methoden  der  Geistes- 
wissenschaft,  und  das  war  audi  bei  der  alten  Geisteswissen- 
schaft  der  Fall,  die  Seele  nach  oben  hin  an  geistige  Reiche 
angegliedert  wird,  die  ebenso  konkret  und  innerlich  ge- 
staltet  sind,  wie  in  der  physischen  Welt  die  Reiche  um  uns 
herum,  an  die  die  Sinnesorgane  angegliedert  sind. 

Diese  geistigen  Reiche,  diese  ganz  konkreten  geistigen 
Tatsachen  und  Wesenheiten  waren  fur  eine  gewisse  Zeit, 
welche  gerade  das  auftere  naturwissenschaftliche  Forschen 
heranreifen  lassen  sollte,  nicht  zuganglich,  und  so  verarmte 
die  Erkenntnis  des  Seelenlebens  immer  mehr,  weil  der  gei- 
stige Ausblick  nach  den  konkreten  Bestatigungen  der  gei- 
stigen Welt  fehlte.  Die  Seele  erforschte  man  allenfalls  noch 
in  ihrem  Innenleben,  wie  es  noch  in  den  siebziger  Jahren 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  Franz  Brentano  getan  hat, 
wie  Sie  sich  aus  seiner  «Psychologie»  iiberzeugen  konnen. 


Aber  seine  Erf  orschung  ist  so,  wie  wenn  man  das  Auge  nur 
in  bezug  auf  das  erforschen  wiirde,  was  es  durch  sich  selbst 
kann,  und  nicht  in  bezug  auf  das,  was  es  vermag,  wenn  es 
hinausgerichtet  ist  auf  die  Tatsachen  der  Natur. 

Nun  darf  man  sagen:  Gerade  durch  das  immer  genauere 
Hinblicken  audi  auf  die  physischen  Vorgange  des  Menschen 
wurde  der  Blick  abgelenkt  von  den  geistigen  Welten,  mit 
denen  die  Seele  zusammenhangt.  -  Die  Seele  hangt  ja  auf 
der  einenSeite  mit  diesen  geistigen  Welten  zusammen,  welche 
sie  aufnehmen,  wenn  sie  durch  die  Pforte  des  Todes  ge- 
schritten  ist,  oder  wenn  sie  durch  den  Schlaf  in  eine  andere 
Welt  eintritt.  Aber  die  Seele  hangt  mit  der  physischen  Welt 
durch  ihre  Organe  zusammen,  durch  das  gesamte  Nerven- 
system  und  durch  den  gesamten  Blutumlauf .  Dadurch,  dafi 
die  Naturwissenschafl  in  ihren  Methoden  immer  bedeut- 
samer  geworden  ist,  wurde  der  Blick  des  Menschen  auf  jenen 
Zusammenhang  der  Seele  hingelenkt,  der  sich  ergibt  zwi- 
schen  der  Seele  und  den  physischen  Zusammenhangen.  Die 
Ergebnisse  der  Naturwissenschafl  waren  in  dieser  Beziehung 
so  grandios,  dafi  es  die  Menschen  ganz  erfiillte,  zum  Bei- 
spiel  das,  wie  sich  die  Seele  auslebt  in  ihren  Zusammen- 
hangen mit  dem  Blutkreislauf  und  so  weiter.  Jeder  neue 
Triumph  der  Naturwissenschafl  war  in  einer  gewissenWeise 
dem  Hinlenken  des  Blickes  der  Seele  auf  den  Zusammen- 
hang mit  der  geistigen  Welt  abtraglich. 

Noch  etwas  anderes  gilt  sogar.  Wer  eine  Uhr  kennen- 
lernen  will,  wird  sie  in  ihrem  ganzen  Organismus  schlecht 
kennenlernen,  wenn  er  sagt:  Da  sehe  ich,  wie  die  Zeiger  der 
Uhr  vorriicken,  da  wird  vielleicht  ein  kleiner  Damon  dar- 
innen  sitzen,  welcher  die  Zeiger  vorwarts  bewegt.  -  Wenn 
ein  Mensch,  der  so  etwas  sagt,  sich  noch  so  erhaben  fuhlte 
iiber  den,  welcher  blofi  den  Mechanismus  der  Uhr  studiert, 
so  wiirde  man  ihn  auslachen,  denn  die  Uhr  lernt  nur  ken- 


nen,  wer  ihren  Mechanismus  wirklich  studiert.  Und  ein 
anderes  wieder  ist  es,  zu  dem  Mechanismus  der  Uhr  das 
Geistesleben  des  Uhrmachers  oder  desjenigen  kennenzu- 
lernen,  der  die  Uhr  erfunden  hat.  Beide  Wege  kann  man 
gehen:  den  mechanischen  Gang  des  Uhrwerkes  untersuchen 
und  den  menschlichen  Gedankengang  kennenlernen,  der 
zur  Erfindung  der  Uhr  gef iihrt  hat.  Unsinnig  aber  ware  es, 
wenn  jemand  auf  irgendwelche  Damonen  schliefien  wollte, 
die  das  ganze  Uhrwerk  in  Bewegung  bringen. 

Das  ging  nun  der  Menschheit  allmahlich  fiir  die  Mensch- 
heitsf orschung  verloren,  was  bei  der  Uhr  entsprechen  wiirde 
dem  Verfolgen  des  geistvollen  Mechanismus  bis  in  die  Ge- 
danken  des  Erfinders  hinein.  Denn  der  Menschenseele  wiirde 
es  entsprechen,  die  Gedanken  bis  zu  den  Wesenheiten  der 
geistigen  Welt  zu  verfolgen.  Dafur  ging  sie  in  der  Natur- 
forschung  im  Triumph  von  Tatsache  zu  Tatsache,  also  zu 
dem,  was  dem  «Uhrwerk»  entspricht.  Und  man  kann  eine 
interessante  Bemerkung  machen:  es  gehen  namlich  gleich- 
zeitig  die  Erkenntnisse,  die  noch  von  alten  Zeiten  her  iiber- 
liefert  sind,  der  Menschheit  gewohnlich  in  denjenigen  Epo- 
chen  verloren,  in  denen  eine  betreffende  Erkenntnis  genau 
naturwissenschafHich  untersucht  werden  kann.Merkwiirdig: 
am  Ende  des  sechzehnten,  am  Anf  ange  des  siebzehnten  Jahr- 
hunderts  sehen  wir,  wie  noch  der  Philosoph  Cartesius  eine 
gewisse  Vorstellung  da  von  hat,  dafi  ein  Geistahnliches  beim 
Menschen  vom  Herzen  nach  dem  Kopfe,  nach  dem  Haupt 
des  Menschen  wirkt.  Cartesius  spricht  noch  von  gewissen 
Lebensgeistern,  die  nicht  physischer  Natur  ,sind,  sondern 
deren  Krafte  zwischen  Herz  und  Kopf  spielen.  Dann  sehen 
wir,  wie  eine  solche  Erkenntnis  immer  mehr  und  mehr  im 
Geistesleben  der  Menschheit  verschwindet. 

Wer  sich  fragt,  warum  das  so  ist,  kann  folgende  Antwort 
bekommen.  Da  sehen  wir,  geschichtlich  gleichzeitig  mit  die- 


sem  Verschwinden  der  Erkenntnis  geis  tiger  Vorgange,  welche 
sich  auf  das  Herz  beziehen,  die  Erkenntnis  des  physischen 
Organismus  des  Herzens  und  des  Blutumlaufes  heraufkom- 
men.  Am  Anfange  des  siebzehnten  Jahrhunderts  sehen  wir 
zuerst,  wie  der  englische  Arzt  Harvey  seine  Entdeckung 
des  Blutumlaufes  veroff entlicht,  und  wie  Marcello  Malpighi 
in  Bologna  zuerst  als  Anatom  an  dem  Blutkreislauf  des 
Frosches  zeigt,  wie  kunstvoll  der  ganze  Blutumlauf  ist.  So 
wurde  der  Blick  hingelenkt  auf  den  Sinnesvorgang.  Das 
Wissen  um  die  geistigen  Tatsachen  wurde  sozusagen  hin- 
untergedrangt  durch  die  genaue  Erkenntnis  des  Smnesvor- 
ganges.  Wahrend  es  fur  die  Naturwissenschaft  einen  Triumph 
bedeutet,  daft  der  1624  geborene  Francesco  Redi  den  Satz 
aufstellt,  der  mit  vielen  Behauptungen  der  fruheren  Zeit 
in  Widerspruch  stand,  «alles  Lebendige  stammt  aus  Leben- 
digem»,  wahrend  dieser  Satz  ein  Triumph  ist,  konnen  wir 
sagen:  Indem  die  Menschheit  dahin  kam,  das  Organische 
als  solches  bis  auf  den  Keim  zuriickzufiihren,  bis  auf  das 
physisch  Unbestimmte  des  organischen  Keimes,  kam  ihr 
abhanden,  wie  das  Geistige  selber,  unabhangig  von  dem 
organischen  Keime,  in  die  Entwickelung  eingreift.  Es  ging 
der  Menschheit  das  Verstandnis  f iir  den  geistigen  Keim  ver- 
loren.  So  war  es  Stuck  fiir  Stuck.  Je  mehr  die  Naturwissen- 
schaft erobernd  heraufzog,  desto  mehr  ging  der  Blick  fiir 
die  geistige  Welt  verloren. 

Solche  Dinge  sind  nicht  irgendwelche  Zuf  alligkeiten,  sind 
auch  nicht  etwas,  was  man  tadeln  oder  kritisieren  darf ,  son- 
dern  es  sind  notwendige  Entwickelungs vorgange  der  ganzen 
Menschheitsgestaltung.  So  muft  es  sein.  Offcmals,  wahrend 
das  eine  heraufgeht  und  sich  nach  der  Hohe  entwickelt, 
geht  das  andere  hinunter.  Was  wir  heute  gerade  an  der 
Naturwissenschaft  bewundern,  ja,  fiir  notwendig  erkennen, 
das  stellt  sich  uns,  wenn  wir  wirkliche  Kenner  der  natur- 


wissenschaftlichenEntwickelung  sind,  so  dar,  daft  wir  sagen: 
Die  Geisteswissensdiaft  hat  nidit  die  geringste  Veranlassung, 
die  Naturwissensdiaft,  wenn  sich  diese  in  ihren  Grenzen 
halt,  irgendwie  zu  bekampfen,  hat  audi  nicht  Veranlassung, 
iiber  die  Einseitigkeit  der  Naturwissensdiaft  zuklagen.  Denn 
nur  dadurch,  daft  man  nicht  allerlei  Spekulationen  in  die 
naturwissenschaftliche  Forschung  eingemischt  hat,  sondern 
den  Blick  ruhig  auf  die  physisch-sinnlichen  Vorgange  hin- 
gewendet  hat,  sind  die  groften  Errungenschaften  der  Natur- 
wissensdiaft bis  heute  zustande  gekommen.  Ja,  man  kann 
gerade  in  der  Morgenrote  des  neueren  Geisteslebens  ver- 
folgen,  wie  nur  durch  den  Widerstand  gegen  den  Aristote- 
lismus,  audi  wieder  gegen  das  inhaltlich  Berechtigte  des 
Aristotelismus,  solche  Geister  wie  Galilei  oder  Giordano 
Bruno  zu  ihren  Erfolgen  gekommen  sind,  indem  sie  ab- 
lehnten,  irgend  etwas  anderes  in  ihre  Forschungen  einzu- 
mischen,  als  was  sich  vor  ihren  Sinnen  ausbreitete  und  lehr- 
reich  genug  war. 

Heute  mufi  der  geisteswissenschaftliche  Forscher  dem 
naturwissenschaftlichen  Forscher  so  gegeniiberstehen,  daft 
er  sagt:  Je  mehr  die  naturwissenschaftliche  Forschung  selber 
reingehalten  wird  von  allem  Spekulieren  und  allem  Philo- 
sophieren,  je  mehr  man  den  Blick  rein  hinwendet  auf  die 
Tatsachen  und  nicht  allerlei  geistige  Essenzen  erfindet,  son- 
dern nur  nimmt,  was  man  rein  tatsachlich  erforschen  kann, 
desto  besser  ist  es  fur  die  Naturwissensdiaft.  Gerade  der 
geisteswissenschaftliche  Forscher  mochte  eintreten  fur  die 
Reinerhaltung  der  naturwissenschaftlichen  Tatsachen  von 
allem  naturwissenschaftlich  oder  geisteswissenschaftlich  er- 
spekulierten  Gerede.  Deshalb  kann  man  heute  auf  der  einen 
Seite  gerade  geisteswissenschaftlicher  Forscher  sein  und  auf 
der  anderen  Seite  eintreten  fur  die  Echtheit  und  Begriindet- 
heit  der  naturwissenschaftlichen  Forschung.  Und  es  ist  nur 


ein  Vorurteil,  wenn  man  glaubt,  dafi  sich  der  Geistesfor- 
scher  gegen  die  Naturwissenschaft  zu  wenden  habe. 

Etwas  anderes  ist  es,  wenn  es  sich  urn  zahlreiche,  schon 
an  die  Geisteswissenschaft  herandringende  Theorien  han- 
delt,  die  man  aus  naturwissenschaftlichen  Theorien  ableiten 
mochte.  Da  betritt  der  naturwissenschaftliche  Forscher  selber 
die  Bahn  der  Geisteswissenschaft,  auf  der  er  sich  in  den 
meisten  Fallen  nur  sehr  wenig  auskennt.  Aber  eines  bleibt 
denn  doch,  auch  fiir  die  Geisteswissenschaft  und  Geistes- 
forschung,  von  der  naturwissenschaftlichen  Erkenntnis:  das 
ist  die  schon  vorhin  charakterisierte  gewissenhafte  Methode, 
der  gewissenhafte  Wahrheitssinn,  von  dem  wir  ofter  in  den 
verflossenen  Vortragen  sprachen  und  ihn  auch  charakteri- 
sierten,  das  Stehenbleiben  bei  den  Tatsachen. 

Wie  ergeben  sich  diese  Tatsachen?  Wir  haben  es  gesehen: 
Dadurch,  dafi  sich  gewisse  Krafte  in  der  menschlichen  Seele 
erschlieften,  die  von  dieser  Seele  aus  ebenso  den  Zusammen- 
hang  mit  den  hoheren  Welten  ergeben,  wie  die  Sinne  den 
Zusammenhang  mit  der  physischen  Welt  ergeben.  Wie  die 
Sinne  die  Tatsachen  der  physischen  Welt  ergrunden  und 
diese  stehenlassen  sollen,  sie  nicht  durch  Spekulationen  ver- 
derben  sollen,  so  handelt  es  sich  darum,  nicht  iiber  die  Er- 
gebnisse  der  hellsichtigen  Beobachtung  zu  philosophieren 
und  zu  spekulieren,  sondern  sich  auch  hier  auf  den  strengen 
Standpunkt  der  Tatsachen  zu  stellen.  Dann  stent  man  zwar 
ganz  strenge  auf  dem  Standpunkte  der  Geisteswissenschaft, 
aber  ganz  ahnlich  auf  ihrem  Gebiete,  wie  man  in  bezug  auf 
die  Naturwissenschaft  auf  deren  Boden  sicber  steht.  Das  ist 
die  Art  von  Geisteswissenschaft,  wie  sie  hier  vertreten  ist. 

Das  ist  es,  um  was  es  sich  auch  allein  bei  einer  Geistes- 
#  forschung  handeln  kann,  die  sich  verantwortlich  fiihlt  ge- 
geniiber  den  geistigen  Bediirfnissen  unserer  Zeit.  Und  das 
stellt  sich  auch  bei  strenger  naturwissenschaftlicher  For- 


schung  gegenuber  den  Tatsadien,  welche  der  Geisteswissen- 
schaft  vorliegen,  sofort  ein,  wenn  die  Naturwissenschaft, 
sich  selbst  verstehend,  an  ihre  Grenze  gelangt. 

Da  ergeben  sich  wieder,  rein  aus  den  Tatsachen  heraus, 
ganz  merkwiirdige  Resultate.  Ich  mochte  da  nur  an  das 
erinnern,  was  sich  ergibt,  wenn  wir  die  Anschauungen  des 
grofien  Naturforschers  Du  Bois-Reymond  nehmen,  wie  er 
sie  in  seinen  Reden  ausgesprochen  hat.  Die  bedeutendste 
Rede  war  vielleicht  die  iiber  die  «Grenzen  des  Natur- 
erkennens»,  die  er  auf  der  fiinfundvierzigsten  Versamm- 
lung  Deutscher  Naturforscher  und  Arzte  in  Leipzig  am 
14.  August  1872  gehalten  hat.  Darin  findet  sich  eine  Stelle 
-  und  ich  weifi  noch,  welchen  tiefen  Eindruck  beim  ersten 
Auftreten  dieser  Rede  diese  Stelle  damals  auf  mich  als  ganz 
jungen  Menschen  gemacht  hat  -  eine  Stelle,  die  etwa  sagt: 
Wenn  wir  den  Menschen  vor  uns  haben  in  seinem  tagwachen 
Leben,  so  kann  die  Naturwissenschaft  nichts  dariiber  aus- 
sagen,  wie  sich  aus  der  Regsamkeit  seiner  kleinsten  Gehirn- 
teile  Empfindung,  Vorstellung,  Wunsch,  Leidenschafl;  oder 
Affekt  ergibt.  «Welche  denkbare  Verbindung  besteht  zwi- 
schen  bestimmten  Bewegungen  bestimmter  Atome  in  mei- 
nem  Gehirn  einerseits,  andererseits  den  fiir  mich  urspriing- 
lichen,  nicht  weiter  defmierbaren,  nicht  wegzuleugnenden 
Tatsachen:  <ich  fuhle  Schmerz,  fiihle  Lust;  ich  schmecke 
Siifies,  rieche  Rosenduft,  hore  Orgelton,  sehe  Rot>,  und  der 
ebenso  unmittelbar  daraus  fliefienden  Gewifiheit:  <also  bin 
ich?>  -  Es  ist  eben  durchaus  und  fiir  immer  unbegreiflich, 
dafi  es  einer  Anzahl  von  KohlenstofF-,  Wasserstoff-,  Stick- 
stoff-,  Sauerstorf-  usw.  Atomen  nicht  sollte  gleichgiiltig  sein, 
wie  sie  liegen  und  sich  bewegen,  wie  sie  lagen  und  sich  be- 
wegten,  wie  sie  liegen  und  sich  bewegen  werden.» 

Das  Seelenleben  im  wachen  Zustande  des  Menschen  auf 
naturwissenschaftliche  Weise  zu  begreifen,  hielt  Du  Bois- 


Reymond  fur  unmoglich.  Daher  sagte  er:  Wenn  wir  den 
schlaf  enden  Menschen  vor  uns  haben,  in  welchem  das  Leben 
der  Empfmdungen,  der  Vorstellungen,  Wiinsche,  Affekte, 
Leidenschaften  ausgeloscht  1st,  dann  konnen  wir  den  schla- 
fenden  Menschen  naturwissensdiaftlidi  erklaren;  dannhaben 
wir  etwas  vor  uns,  was  wir  nennen  konnen  eine  Regsam- 
keit,  eine  innere  organische  Tatigkeit.  Sogleich  aber,  wenn 
mit  dem  Auf wachen  in  diesen  Organismus  Leben  einschlagt, 
Empfindung,  Wunsch,  Vorstellung  und  so  welter,  wird  das 
anders.  Dann  lafit  sich  naturwissenschaftlich  dieses  Leben, 
dieser  Seeleninhalt  nicht  aus  dem  erklaren,  was  der  Natur- 
wissenschafter  erkennen  kann.  Der  schlaf ende  Mensch,  meint 
Du  Bois-Reymond,  sei  naturwissensdiaftlidi  begreifbar,  der 
wachende  nicht. 

Das  auf  der  einen  Seite.  Lesen  Sie  auf  der  anderen  Seite 
die  neueren  Abhandlungen  liber  das  "Wesen  des  Schlaf es: 
Sie  werden  iiberall  eingestanden  finden,  dafi  die  Natur- 
wissenschaft  sozusagen  iiber  die  Griinde  des  Schlafes  nichts 
zu  sagen  weifi,  dafi  sie  nichts  iiber  den  schlafenden  Men- 
schen zu  sagen  weifi,  der  nach  Du  Bois-Reymond  doch  er- 
grundbar  sein  sollte.  Wir  sehen  so  auf  der  einen  Seite  Hin- 
weise  auf  den  glanzenden  Gang  der  Naturwissenschaffc,  die 
aber  dann  ihre  Grenze  in  dem  eingesteht,  da£  der  wachende 
Mensch  mit  seinem  Seelenleben  naturwissenschaftlich  nicht 
durchschaubar  sei.  Auf  der  anderen  Seite  aber  haben  wir, 
wie  in  unseren  Tagen,  das  Gestandnis,  dafi  der  Schlaf  des 
Menschen  bis  heute  nicht  erklarbar  ist.  Warum  nicht?  Des- 
halb  nicht,  weil  der  Schlaf  in  diejenigen  Gebiete  gehort,  wo 
der  Geist  in  das  gewohnliche  Leben  hereinspielt,  weil  wir 
den  Schlaf  nicht  erklaren  konnen,  wenn  wir  nicht  das 
Wachen  erklaren  konnen. 

Ich  habe  in  einem  der  ersten  Vortrage  dieses  Winter- 
halbjahres  darauf  hingewiesen,  wie  man  allenfalls  natur- 


wissenschaftlich  einen  Mechanismus  ersinnen  kann,  der 
selbsttatig,  automatisch  nach  einer  gewissen  Zeit  den  Drang 
hervorruft,  das  Bewufitsein  und  die  Sinnestatigkeit  auszu- 
schalten,  um  die  Ermiidung  f ortzuschaffen.  Aber  wie  gesagt, 
wenn  man  sich  darauf  beschranken  will,  dafi  der  Schlaf 
durdi  eine  Art  von  selbstandigen  Vorgangen  des  Organis- 
mus  herbeigefiihrt  wird,  die  wie  automatische  vor  sich 
gehen,  dann  hat  man  keine  Erklarung  bei  jenem  Rentier, 
der  nicht  gearbeitet  hat  und  doch  seinen  Nachmittagsschlaf 
halt,  und  wir  haben  audi  keine  Erklarung  fur  den  Schlaf 
bei  dem  kleinen  Kinde,  das  am  meisten  schlaft.  Dagegen 
habe  ich  darauf  aufmerksam  gemacht,  dafi  der  Schlaf  nur 
erklarbar  ist,  wenn  wir  voraussetzen,  dafi  wir  bei  dem 
schlafenden  Menschen  nur  den  physischen  Leib  und  den 
Atherleib  im  Bette  liegend  haben,  und  daft  sich  mit  dem 
Einschlafen  ein  eigentlich  Geistiges,  namlich  astralischer 
Leib  und  Ich,  aus  der  Wesenheit  des  Menschen  herausbe- 
wegt.  Was  geschieht  dadurch,  dafi  wahrend  des  Schlafes  das 
eigentlich  Seelenhafte  des  Menschen  gewissermafien  au£er- 
halb  des  physischen  Leibes  und  des  Atherleibes  ist?  Wir 
werden  iiber  diese  Dinge  noch  genauer  sprechen.  Heute  soil 
nur  das  Folgende  angedeutet  werden. 

Indem  das  eigentlich  Seelische  aus  dem  physischen  Leibe 
und  seinem  Beleber  herausgeht,  wird  etwas  hervorgerufen, 
was  entgegengesetzt  ist  der  wachenden  Tatigkeit  der  Seele. 
In  der  wachenden  Tatigkeit  ist  die  Seele  rege.  Kein  Glied 
bewegt  sich,  ohne  dafi  es  die  Seele  weift.  Am  wenigsten 
werden  Vorstellungen  hervorgerufen,  ohne  dafi  sich  die 
Seele  des  Instrumentes  des  Gehirnes  bedient.  Die  Seele  mufi 
regsam  sein  im  Wachzustande.  Das  Umgekehrte  ist  im 
Schlaf e  der  Fall.  Da  konnen  wir  sagen:  Die  Seele  geniefit 
ihre  eigene  Leiblichkeit  im  Schlaf leben.  Wenn  wir  nach  gei- 
stiger  Forschung  vorgehen,  haben  wir  dem  Unterschiede 


nach,  Seelentatigkeit  und  Seelengenufi  im  Wachsein  und  im 
Schlafzustande,  und  wir  begreifen  die  Wechselbeziehung 
zwischen  Seelenarbeit  und  -regsamkeit  und  Seelengenuft, 
der  sich  in  die  seelische  Regsamkeit  ergiefien  mu£,  wenn 
diese  in  entsprechender  Weise  fortbestehen  will.  Jetzt 
widerlegt  uns  nicht  mehr  der  Rentier,  der  seinen  Nachmit- 
tagsschlaf  halt,  obgleich  er  gar  nicht  miide  ist,  sondern  wir 
wissen,  dafi  die  Seele,  wenn  sie  ihren  Leib  geniefk,  iiber- 
treiben  kann,  und  dafi  man  schlafen  kann,  wenn  man  gar 
nicht  miide  ist.  Wir  verstehen  es,  wenn  wir  wissen,  wie  in 
gewissen  Konstitutionen  in  iibertriebenem  Mafie  der  Genufi 
des  Leiblichen  erlebt  werden  kann. 

All  das  wird  man  verstehen,  wenn  man  den  Schlaf  vom 
geisteswissenschaftlichen  Standpunkte  aus  sich  zu  erklaren 
weilS.  Das  heifk,  es  gibt  ein  Gebiet,  wo  die  Naturwissen- 
schafl; unbeschrankt  zu  herrschen  glaubt,  und  wo  die  Geistes- 
wissenschaft ihr  nur  insofern  hineinzureden  hat,  als  eben 
der  Geist  alles,  auch  die  Naturvorgange  durchdringt.  Dann 
aber  beginnt  ein  Gebiet,  wo  gar  nicht  mehr  das  vorliegt, 
was  die  Naturwissenschafl  erforschen  kann,  wo  zwar  Tat- 
sachen  vorliegen,  aber  solche  Tatsachen,  die  nur  dann  ge- 
sehen  werden  konnen,  wenn  das  Sehen  nicht  ein  sinnliches 
Sehen,  sondern  ein  ubersinnliches  Schauen  ist.  Wenn  die 
Geisteswissenschaft  mit  derselben  GewissenhafKgkeit  vor- 
geht  und  sich  gewohnt,  auf  ihrem  Gebiete  so  streng  zu  den- 
ken  wie  die  Naturwissenschafl  auf  dem  ihrigen,  so  kann 
sie  gar  nicht  in  Kollision  kommen  mit  der  Naturwissen- 
schafl. Damit  aber  steht  die  Geisteswissenschaft  auf  einem 
Boden,  der  in  vieler  Beziehung  dem  widerspricht,  was  sich 
im  Laufe  des  Geisteslebens  der  Menschheit  allmahlich  her- 
ausgebildet  hat. 

So  sehen  wir,  wie  diejenigen,  welche  als  Vorlaufer  echter 
Geistesforschung  angesehen  werden  konnen,  Goethe  zum 


Beispiel,  gegen  das  zu  kampfen  hatten,  was  sich  gegen  eine 
geistesforsdierische  Betatigung  ergab.  Wir  sehen  es  am  klar- 
sten,  wenn  wir  hinschauen,  wie  sidi  Goethe  einmal  gewehrt 
hat  gegen  Kant.  Kant  ist  es  ja,  der  zunachst  festzustellen 
suchte,  wie  das  Wissen,  welches  sich  in  der  neueren  Zeit 
herausgebildet  hat,  an  das  Instrument  des  Gehirnes  gebun- 
den  ist,  sich  auf  die  aufiere  Erfahrung  beschranken  mufi  und 
nicht  hineindringen  kann  in  die  Untergriinde  der  Welt,  mit 
denen  unser  geistig-seelisches  Leben  zusammenhangt.  Daher 
die  strenge  Grenze  bei  Kant  zwischen  «Wissenschaft»  und 
dem,  was  er  den  «Glauben»  nennt;  und  hohere  Gebiete 
sind  fur  Kant  nur  zuganglich  fur  den  Glauben.  Daher  setzt 
er  an  die  S telle  des  Wissens  iiber  eine  Welt  der  Ewigkeit 
oder  des  Gottlich-Geistigen  einen  Glauben,  der  auf  dem 
«kategorischen  Imperativ»  bestehen  soil.  So  dekretiert  er 
das,  was  Wissen  sein  soli  in  der  Geisteswissenschaft,  als  einen 
blofien  Glauben.  Aber  Goethe  sagt  in  seinem  schonen  Auf- 
satze  iiber  «  Anschauende  Urteilskraft»  mit  Bezug  auf  Kant: 
Kann  man  schon  im  geahnten  Sinne  sich  hineinfiihlen  in 
eine  geistige  Region,  in  welcher  das  Gottlich-Geistige  wur- 
zelt,  aus  der  das  Moralische  entspringt,  warum  sollte  der 
menschliche  Geist,  wenn  er  sich  in  diese  geistige  Region  er- 
hebt,  nicht  auch  das  Abenteuer  der  Vernunft  wirklich  be- 
stehen? -  Denn  Kant  nannte  es  ein  «gewagtes  Abenteuer 
der  Vernunfl»,  wenn  der  Mensch  in  Gebiete  eindringen  will, 
in  denen  es  -  nach  Kant  -  ein  Wissen  nicht  geben  kann. 

Es  handelt  sich  fur  das  abendlandische  Denken  um  die 
Frage:  Wie  kommt  man  aus  der  Naturwissenschaft  himiber 
in  die  Geisteswissenschaft?  -  Dafi  man  die  Naturwissenschaft 
nicht  zu  bekampfen  braucht,  sondern  dafi  man  sie  voll  an- 
erkennt,  ja,  ein  treuer  Anerkenner  ihrer  Erfolge  sein  kann, 
trotzdem  man,  ganz  nach  dem  Muster  naturwissenschaft- 
licher  Forschung,  das  menschliche  Wissen  auf  jene  Gebiete 


ausdehnt,  mit  denen  die  Seele  in  ihren  geistigen  Untergriin- 
den  in  denjenigen  Impulsen  zusammenhangt,  die  ihr  das 
Leben  geben,  audi  wenn  sie  den  physischen  Korper  ver- 
lassen  hat  und  sich  wieder  ansdiickt  zu  einer  Neugestaltung 
einer  spateren  Korperlichkeit. 

Einer  wahren  Geistesforschung  Aufgabe  wird  es  sein, 
immer  mehr  und  mehr  von  einemunberechtigtenBespotteln 
oder  Widerlegenwollen  der  berechtigten  Anspruche  der  Na- 
turwissenschaft  in  unserer  Zeit  abzukommen.  Das  wird  f  rei- 
lich  da  von  abhangen,  dafi  die  Geistesforschung  auch  nur  als 
berechtigt  anzuerkennen  ist,  wenn  sie  bekannt  ist  mit  dem 
Stande  naturwissenschaftlicher  Forschung  der  Gegenwart, 
und  wenn  sie  daher  nicht  in  dilettantischer  Weise  sich 
gegen  das  vergeht,  was  aus  der  naturwissenschaftlichen  Er- 
ziehung  der  Gegenwart  heraus  in  berechtigter  Art  gef ordert 
werden  kann.  Wie  der  Naturforscher  aber  nicht  dabei 
stehenbleiben  kann,  dafi  er  nur  die  innere  Natur  des  Auges, 
des  Ohres,  des  Warmesinnes  und  so  weiter  untersucht,  son- 
dern  wie  der  Mensch  das,  was  die  Sinne  in  sich  zu  erleben 
vermogen,  hinausrichten  muft  auf  die  reiche  konkrete  Um- 
welt  des  Physischen,  so  raufi  das  Seelische  erkannt  werden, 
indem  die  Seele  durch  Selbsterziehung  -  durch  eine  neue 
Art  von  Yoga-Schulung,  wie  sie  das  letztemal  beschrieben 
worden  ist,  aber  durch  eine  neue  Art,  die  sich  wesentlich 
von  aller  alten  Art  unterscheidet  —  sich  zusammenlebt  mit 
dem,  womit  sie  im  Geistigen  zusammenhangt,  und  das  dort 
erst  beginnt,  wo  die  naturwissenschaflliche  Forschung  ihre 
Grenze  hat. 

Da  haben  wir  genau  das  Verhaltnis,  die  Beziehung  zwi- 
schen  Naturwissenschaft  und  Geisteswissenschaft,  haben 
aber  auch  die  Moglichkeit  eines  wirklichen  Bestandes  und 
Friedens  und  gegenseitigen  Verstandnisses  von  Natur- 
wissenschaft und  geisteswissenschaftlicher  Forschung.  Wenn 


das,  was  schon  in  den  verflossenen  Vortragen  in  dieser  Be- 
ziehung  gesagt  word  en  ist,  mit  dem  zusammengehalten 
wird,  was  mir  heute  wieder  skizzenhaft  uber  das  Verhalt- 
nis  von  naturwissenschaftlicher  und  geisteswissenschaftlicher 
Forschung  zu  sagen  gestattet  war,  so  wird  man  audi  Ver- 
standnis  gewinnen  konnen  fiir  das  Berechtigte  der  geistes- 
wissenschaftlichen  Forschung,  und  auch  Verstandnis  fiir  die 
Moglichkeit  der  Geistesf orschung,  sich  ebenburtig  in  unserer 
heutigen  Zeit  neben  die  Naturwissenschaft  hinzustellen.  Und 
man  wird  hoflfen  konnen,  dafi  die  berechtigten  Einwiirfe, 
die  berechtigten  Bedenken,  die  heute  noch  auf  seiten  der 
Naturforscher  bestehen,  allmahlich  schwinden,  wenn  die 
Naturforscher  sehen  werden,  wie  nicht  blofi  allerlei  kon- 
fuses  Zeug,  wie  auch  nicht  willkurliche  Behauptungen  und 
Aberglaube  auf  dem  Felde  der  Geistesforschung  figurieren, 
sondern  wie  die  Geistesforschung  wohlbekannt  ist  mit  dem, 
was  die  naturwissenschaftliche  Erziehung  der  Gegenwart 
fordert. 

Geschieht  ein  solches,  dann  wird  die  Geistesforschung  vor 
dem  naturwissenschaftlichen  Gewissen  der  Gegenwart  immer 
mehr  gerechtfertigt  erscheinen,  und  man  wird  dann  auch 
aus  dem,  was  sich  innerhalb  der  Tatsachen  des  Geisteslebens 
ergeben  wird,  allmahlich  verstehen  konnen,  dafi  Geistes- 
forschung wirklich  moglich  und  wirklich  berechtigt  ist  und 
dafi  die  Einwande  gegen  Geistesforschung  eigentlich  in  ein 
Gebiet  gehoren,  dem  gegenuber  man  etwas  Ahnliches  sagen 
kann,  wie  Goethe  einmal  in  bezug  auf  ein  anderes  Gebiet 
sagte,  namlich  in  bezug  auf  das  Sicherheben  iiber  alien  Un- 
verstand  und  alle  Unlogik. 

Indem  ich  die  Beziehung  des  Geistesforschers  zu  den- 
jenigen,  welche  als  Feinde  der  geisteswissenschafllichen  For- 
schung auftreten,  zusammenfassen  will,  mochte  ich  am 
Schlusse  mit  ein  paar  Worten  vergleichsweise  an  etwas 


erinnern,  was  einmal  Goethe  in  bezug  auf  etwas  ganz  an- 
deres  gesagt  hat.  Goethe  gedachte  einer  alten  griechischen 
Lehre  und  Ausfuhrung  iiber  die  Bewegung,  die  aber  viel- 
f  ach  nodb  in  die  neuere  Philosophic  hineinspielte,  eine  Lehre, 
die  da  sagt:  wenn  sich  irgendein  Gegenstand  bewegt,  so  kann 
man  ihn  doch  in  jedem  Augenblicke  betrachten,  und  in 
jedem  Augenblicke,  selbst  in  dem  kurzesten  Zeitpunkte, 
ist  er  in  Ruhe.  Er  ist  in  Ruhe,  wenn  audi  nur  einen  Augen- 
blick.  So  konnte  es  gar  keine  «Bewegung»  geben,  denn  in 
jedem  Zeitpunkte  ist  ein  sich  bewegender  Korper  in  Ruhe, 
hat  also  keine  Bewegung.  So  ist  der  zenonische  Schlufi 
der  Bewegung,  und  so  spukte  herauf  das  Griechentum  bis 
in  die  neuere  Zeit. 

Goethe  kam  dieser  Einwand  gegen  die  Bewegung  recht 
sonderbar  vor,  und  er  sagte  einmal  die  schonen  Worte: 

Es  mag  sich  Feindliches  eraugnen, 

Du  bleibe  ruhig,  bleibe  stumm; 

Und  wenn  sie  dir  die  Bewegung  leugnen, 

Geh  ihnen  vor  der  Nas  herum. 

Dieses  Spruches  muiS  ich  gedenken,  wenn  in  der  neueren 
Zeit  manches  auftaucht,  das  da  sagt:  Geist,  was  ihr  so 
«Geist»  nennt,  ist  das  Ergebnis  rein  materieller  Regsam- 
keiten,  stofflicher  Vorgange  und  Bewegungen;  es  geht  der 
Geist  aus  dem  StofFe  hervor.  Wie  die  Bewegung  -  im  Sinne 
des  eben  Gesagten  -  nur  aus  der  Ruhe  hervorgehe  und 
nichts  Wirkliches  sei,  so  sei  auch  der  Geist  nichts  Wirkliches 
neben  dem  Stoff. 

Wenn  man  in  dem  Sinne,  wie  wir  hier  in  diesen  Betrach- 
tungen  in  die  geistige  Welt  einzudringen  versuchen,  von 
dem  Geistigen  Erkenntnis  zu  gewinnen  versucht  und  sich 
so  recht  in  das  Wesen  dessen  einlebt,  was  das  Geistige  ist, 
so  darf  man  wohl  das,  was  die  geisteswissenschaftliche  For- 


schung  uber  den  Geist  in  seinem  Verhaltnisse  zu  den  Geg- 
nern  und  Feinden  der  Geisteswissenschaft  zutage  fordert, 
mit  einer  kleinen  Veranderungder  eben  angefuhrtenGoethe- 
Worte  vielleicht  in  derWeise  bezeichnen-und  damit  mochte 
ich  heute  zusammenfassen,  was  ich  iiber  das  Verhaltnis  von 
Naturwissenschaft  und  Geisteswissenschaft  zu  sagen  habe-, 
dafi  man  die  rechte  Gesinnung  des  wahren  Geistesforschers 
im  Verhaltnis  zu  seinen  Feinden  folgendermafien  charakte- 
risiert: 

Es  mag  sich  Feindliches  ereignen, 

Du  aber  bleibe  ruhig,  bleibe  heiter! 

Und  wenn  sie  audi  den  Geist  verleugnen, 

So  griible  du  nicht  weiter, 

Und  gib  ihnen  zuletzt  noch  recht: 

Es  steht  mit  ihrem  Geiste  eben  schlecht! 


JAKOB  BDHME 


Berlin,  9Januar  1913 


In  dem  Zeitpunkte  der  modernen  Geistesentwickelung,  in 
dem  wir  die  Morgenrote  der  neuen  Weltanschauung  herein- 
brechen  sehen,  in  jenem  Zeitpunkte,  da  wir  die  grofienTaten 
des  Kepler,  des  Galilei  zu  verzeichnen  haben,  da  Giordano 
Bruno  gewissermafien  das  grofSe  Problem  der  modernen 
Weltanschauung  entwirft,  in  diesem  Zeitpunkte  begegnet 
uns  der  einsame  Denker,  dem  die  heutige  Betrachtung  ge- 
widmet  sein  soil,  der  einfache  Gorlitzer  Schuster  Jakob 
Bohme,  der  gerungen  hat  mit  den  hochsten  Problemen  des 
Daseins  in  einer  Weise,  welche  unser  Denken  und  Empfin- 
den  bis  zum  heutigen  Tage  in  tiefster  Weise  beschaftigen 
kann,  und  wohl  auch  noch  lange  das  Denken  und  Empfin- 
den  der  Menschen  beschaftigen  wird. 

Eine  eigenartige  Gestalt,  dieser  Jakob  Bohme,  eine  Ge- 
stalt,  die  in  Einsamkeit  strebt  und  ringt,  wahrend  sich  so- 
zusagen  sonst  im  Geistesleben  die  einzelnen  Stromungen  zu 
einem  grofien  umfassenden  Tableau  zusammenschliefien.  In 
einer  gewissen  Weise  darf  man  sagen,  da&  das  einsame  Rin- 
gen  Jakob  Bohmes  von  einem  gewissen  Gesichtspunkte  aus 
fast  so  inter essant  erscheint  wie  das  Zusammenstromen  der 
verschiedenen  Gesichtspunkte,  die  uns  sonst  in  jenem  Zeit- 
alter  begegnen.  Und  dann  sehen  wir,  wie  ganz  merkwiirdig 
das,  was  Jakob  Bohme  in  der  eigenen,  einsamen  Seele  in 
seinem  Jahrhunderte  noch  fand,  die  denkbar  weiteste  Ver- 
breitung  gefunden  hat,  denkbar  weiteste  Verbreitung  kon- 
nen  wir  sagen  in  Anbetracht  dessen,  daft  es  sich  um  eine  tief 


bedeutsame  geistige  Sadie  handelt.  Wir  sehengerade  ausden 
Manifestationen  seiner  Gegner,  wie  weit  sein  Einflufi  ge- 
reicht  hat,  nachdem  nur  wenige  Jahrzehnte  seit  seinem 
Tode  verflossen  waren.  Immer  wieder  und  wieder  ist  Jakob 
Bohme  der  Gegenstand  anerkennender,  bewundernder,  oder 
audi  ablehnender,  verspottender  Betrachtung  gewesen,  und 
wenn  wir  auf  das  hinblicken,  was  sidi  an  Anhangerschaft 
oder  an  Gegnerschaft  gebildet  hatte,  so  haben  wir  aus  bei- 
dem  den  Eindruck,  dafi  die  Anhanger  und  die  Bekampfer 
wissen:  sie  haben  es  mit  einer  ganz  merkwurdigen  Erschei- 
nung  zu  tun. 

Merkwurdig  ist  diese  Erscheinung  besonders  denjenigen, 
welche  eine  jede  Personlichkeit,  die  im  Geistesleben  der 
Menschheit  auftritt,  sozusagen  aus  den  unmittelbaren  Be- 
dingungen  der  Zeit  und  der  Umgebung  begreifen  wollen. 
Wir  sehen  ja,  wie  zum  Beispiel  versucht  wird,  Goethe  da- 
durdi  zu  begreifen,  dafi  man  alle  moglichen,  audi  die  ge- 
ringsten  Einzelheiten  seines  Lebens  zusammentragt  und 
aus  der  Zusammenstellung  dieser  Einzelheiten  glaubt,  fur 
die  Erklarung  seines  entsprechenden  Geisteslebens  dieses 
oder  jenes  gewinnen  zu  konnen.  Auf  diese  Weise  la£t  sich 
fiir  Jakob  Bohme  nicht  eigentlich  viel  gewinnen,  denn  aufiere 
Einfliisse  lassen  sich  mit  der  aufieren  Wissenschaft  schwierig 
konstatieren.  Noch  weniger  lafit  sich  begreifen,  wie  er  aus 
dem,  was  das  Geistesleben  seiner  Zeit  war,  herausgewachsen 
ist.  Daher  haben  viele  sich  zu  der  Meinung  bekannt,  dafi 
man  es  in  Jakob  Bohme  zu  tun  habe  mit  einer  Art  geistigen 
Meteors.  Alles,  was  da  auftritt,  was  diese  Personlichkeit 
zu  geben  hatte,  erscheint  wie  plotzlich  herausentsprungen, 
sich  offenbarend  aus  den  Tiefen  seiner  eigenartigen  Seele. 
Andere  haben  dann  zu  erklaren  versucht,  wie  doch  manche 
Wendung  bei  Jakob  Bohme,  manche  Art  der  Darstellung 
seiner  Ideen  in  den  Worten  und  in  den  Wendungen,  Ahn- 


lichkeit  mit  den  Formeln  der  Alchimisten  oder  anderer  phi- 
losophischer  oder  sonstiger  Rlchtungen  zeigt,  die  in  seiner 
Zeit  noch  lebten. 

Wer  aber  tiefer  auf  die  ganze  Geistesart  Jakob  Bohmes 
eingeht,  der  findet,  daiS  eine  solche  Prozedur  kaum  mehr 
Wert  hat,  als  wenn  man  bei  einem  bedeutenden  Geiste,  der 
sich  doch  immer  in  einer  Sprache  ausdriicken  mu£,  die 
Sprache  untersuchen  wollte;  denn  wenn  sich  Jakob  Bohme 
alchimistischer  Formeln  oder  dergleichen  bedient,  so  ist  das 
nur  sprachliche  Einkleidung.  Was  aber  auf  den,  der  ihn  zu 
verstehen  sucht,  einen  so  urgewaltigen  Eindruck  macht, 
das  stellt  sich  in  einer  Originalitat  dar,  wie  man  es  nur 
bei  den  allergrdlken  Geistern  findet.  Dagegen  gibt  es  einige 
Anhaltspunkte,  welche  dem  modernen  Denken,  der  moder- 
nen  Weltanschauung  nicht  recht  sympathisch  sind,  die  aber 
immerhin  demjenigen,  der  sich  auf  so  etwas  einzulassen  ver- 
mag,  beleuchten,  wie  Jakob  Bohme  sich  auf  seinen  hohen 
geistigen  Standpunkt  hat  hinaufschwingen  konnen.  Wir 
brauchen,  um,  soweit  es  hier  in  Betracht  kommt,  an  sein 
Leben  anzuknupfen,  nur  wenige  Daten  aus  seinem  Leben 
anzufiihren. 

Jakob  Bohme  war  der  Sohn  ganz  armer  Leute  und 
stammte  aus  Alt-Seidenberg  in  der  Nahe  von  Gorlitz.  1575 
ist  er  geboren.  Er  muiSte  in  der  Jugend  mit  anderen  Dorf- 
knaben  das  Vieh  hiiten.  Er  wuchs  also,  wie  daraus  hervor- 
geht,  in  vollstandiger  Armut  auf,  und  da  man  bei  einem 
solchen  Aufwachsen  keine  besonderen  Bildungsmittel  hat, 
so  werden  wir  es  begreiflich  finden,  dafi  Jakob  Bohme  noch 
als  zwolf-,  dreizehnjahriger  Junge  kaum  lesen  und  nur  not- 
diirftig  schreiben  konnte.  Aber  ein  anderes  Erlebnis  tritt 
uns  bereits  wahrend  seiner  Knabenzeit  entgegen,  das  ein 
treuer  Biograph  von  ihm  aus  seinem  eigenen  Munde  ge- 
hort  hat.  Zunachst  soli  dieses  Ereignis  erzahlt  werden.  Wie 


gesagt,  es  ist  keine  von  denjenigen  Sachen,  welche  dem 
modernen  Bewufksein  so  recht  einleuchten  wollen. 

Als  Jakob  Bohme  einst  mit  anderen  Hirtenknaben  das 
Vieh  hiitete,  entfernte  er  sich  von  der  Gesellschaft  der  Kna- 
ben,  bestieg  einen  mafiig  hohen  Berg  in  der  Nahe  seines 
Heimatortes,  die  Landskrone,  und  will  da  am  hellenMittag 
gesehen  haben,  dafi  sich  etwas  wie  ein  Eingangstor  in  den 
Berg  fand.  Er  ging  hinein  und  fand  dort  ein  Gefafi,  eine 
Art  Butte,  angefullt  mit  lauterem  Golde.  Das  machte  einen 
solchen  Eindruck  des  Schauderns  auf  seine  Seele,  dafi  er  da- 
vonrannte  und  nur  die  Erinnerung  an  dieses  eigenartige  Er- 
lebnis  behielt.  -  Man  kann  allerdings  von  einem  im  wachen 
Zustande  getraumten  Traume  sprechen.  Denen,  die  eine 
solche  Erklarung  befriedigen  kann,  mag  man  zwar  immer- 
hin  recht  geben.  Aber  es  ist  nicht  das  Wesentliche,  ob  man 
ein  solches  Ereignis  einen  «Traum»  nennt  oder  ihm  einen 
anderen  Namen  gibt,  sondern  was  es  in  der  Seele  des  Be- 
treffenden,  der  es  «traumt»,  auslost,  was  es  in  der  Seele  fur 
eine  Wirkung  ausiibt.  Aus  der  Art  und  Weise,  wie  Jakob 
Bohme  spater  dieses  Ereignis  seinem  Freunde  erzahlte,  sehen 
wir,  dafi  es  sich  tief  in  seine  Seele  eingegraben  hatte,  dafi 
es  in  seiner  Seele  bedeutende  Krafte  losgelost  hatte,  so  daft 
es  seelisch  fur  ihn  von  hochster  Bedeutung  war. 

Lassen  wir  daher  den  Rationalisten  das  Recht,  ein  solches 
Erlebnis,  welches  unter  alien  Umstanden  ein  bedeutungs- 
voller  Vorgang  in  Jakob  Bohmes  Seele  war,  so  zu  erklaren, 
wie  sie  ja  auch  das  Ereignis  der  Erscheinung  des  Christus 
gegeniiber  dem  Paulus  vor  Damaskus  erklaren  wollen.  Nur 
hat  eine  solche  Erklarung,  die  zu  diesen  Dingen  Zuflucht 
nimmt,  auch  zuzugeben,  dafi  eine  solche  bedeutsame  Arbeit 
wie  diejenige  des  Paulus,  die  so  innig  mit  dem  Christentum 
zusammenhangt,  von  einem  «Traume»  ausgegangen  sei. 
Etwas  wie  eine  tiefste  Aufruttelung  von  Seelenkraften,  die 


sonst  nicht  in  der  Seele  tatig  sind,  das  fiihlte  schon  der  Knabe 
Jakob  Bohme,  als  er  dieses  Erlebnis  hatte.  Auf  diese  innere 
Loslosung  von  tieferliegenden  Kraften  der  Seele  kommt  es 
an.  Auf  das  Zeugnis  einer  solchen  Sache  kommt  es  an,  das 
da  beweist,  dafi  man  es  mit  einem  Menschen  zu  tun  hat,  der 
tiefer  in  die  Schachte  seines  Seelenlebens  hinuntersteigen 
kann  als  tausend  und  abertausend  andere. 

Eines  anderen  Ereignisses  von  ganz  ahnlicher  Art  ist 
noch  zu  gedenken,  von  dem  wir  wieder  sagen  miissen,  es 
ist  Jakob  Bohme  so  im  Gedachtnis  geblieben,  dafi  der 
Glanz  und  die  Bedeutung  dieses  Ereignisses  iiber  sein  gan- 
zes  Leben  hinleuchteten,  insofern  dieses  Leben  ein  Innen- 
leben  war. 

Jakob  Bohme  wurde  im  vierzehnten  Jahre  zu  einem 
Schuster  in  die  Lehre  gegeben  und  mulSte  im  Geschaffc  seines 
Lehrmeisters  oft  sozusagen  Wache  stehen;  verkaufen  durfte 
er  nichts.  Da  kam  einmal  -  wieder  ist  diese  Erzahlung  aus 
dem  Munde  seines  getreuen  Biographen  Abraham  von 
Frankenberg  herriihrend  -  eine  dem  Jakob  Bohme  sofort 
sonderbar  erscheinende  Personlichkeit  in  den  Laden  und 
wollte  Schuhe  kaufen.  Weil  aber  dem  Knaben  verboten 
war,  Schuhe  zu  verkaufen,  so  sagte  er  dies  dem  Fremden. 
Dieser  bot  ihm  einen  hohen  Preis,  und  es  kam  dann  audi 
dazu,  dafi  die  Schuhe  verkauft  wurden.  Dann  aber  trug  sich 
das  Folgende  zu,  was  Jakob  Bohme  zeitlebens  im  Gedacht- 
nis blieb.  Als  der  Fremde  sich  entfernt  hatte  und  kurze 
Zeit  verflossen  war,  horte  Jakob  Bohme  seinen  Vornamen 
« Jakob,  Jakob !»  rufen,  und  als  er  hinausging,  da  kam  ihm 
der  Fremde  noch  sonderbarer  vor  als  zuerst.  Er  hatte  etwas 
Sonnenhaftes,  Glanzendes  in  den  Augen  und  sagte  zu  ihm 
Worte,  die  ganz  sonderlich  klangen:  Jakob,  du  bist  jetzt 
noch  klein,  aber  du  wirst  einst  ein  ganz  anderer  Mensch 
werden,  uber  den  die  Welt  in  Erstaunen  ausbrechen  wird. 


Dochbleibe  demutiggegeniiberdeinemGotteund  liesfleifiig 
die  Bibel.  Du  wirst  viel  Verfolgung  auszuhalten  haben. 
Bleibe  aber  stark,  denn  dein  Gott  hat  dich  lieb  und  wird 
dir  gnadig  sein. 

Ein  solches  Ereignis  sah  Jakob  Bohme  fiir  viel  wesent- 
licher  an  als  irgendwelche  anderen,  aufieren  biographischen 
Erlebnisse.  Und  weiter  erzahlt  sein  Biograph,  wie  ihm 
Jakob  Bohme  selbst  gesagt  hat:  Im  Jahre  1593  war  es,  da 
fuhlte  sich  Jakob  Bohme  wahrend  sieben  Tagen  wie  ent- 
riickt  aus  seinem  physischen  Leibe,  fuhlte  sich  wie  in  einer 
ganz  anderen  Welt,  fuhlte  sich  der  Seele  nach  wie  wieder- 
geboren. 

Da  haben  wir  es  also,  wenn  man  so  sagen  will,  mit  einem 
dauernd  abnormen  Seelenzustande  zu  tun.  Aber  Jakob 
Bohme  erlebte  auch  diese  seine  «Wiedergeburt»  doch  mehr 
oder  weniger  wie  etwas,  was  seiner  Auffassung  nach  mit 
einer  Menschenseele  sich  eben  verbinden  konne.  Er  wurde 
dadurch  nicht  etwa  zum  Schwarmer  oder  zum  falschen 
Idealisten,  auch  nicht  zu  einem  hochmiitigen  Menschen,  son- 
dern  trieb  sein  Schuhmacherhandwerk  weiter  in  aller  De- 
mut,  man  mochte  sagen,  in  aller  Niichternheit.  Selbst  das 
Erlebnis  vom  Jahre  1593,  die  Entriickung  in  eine  andere 
Welt,  blieb  ihm  eine  Erscheinung,  von  welcher  er  sich  sagte: 
Du  hast  hineingeschaut  in  ein  Freudenreich,  in  ein  Reich 
geistiger  Wirklichkeit,  aber  es  ist  das  eine  vergangene 
Sache.  —  Und  er  lebte  in  den  Alltag  hinein  weiter  seinem 
Geschafte  nach  in  seiner  Niichternheit. 

In  den  Jahren  1600  und  1610  wiederholte  sich  dieses 
Erlebnis  der  Wiedergeburt.  Da  fing  er  dann  an,  weil  er 
sich  dazu  berufen  glaubte,  das  aufzuzeichnen,  was  er  in 
seinen  entriickten  Zustanden  erlebt  hatte.  So  entstand  1612 
sein  erstes  Werk  «Die  Morgenrote  im  Aufgange»,  spater 
« Aurora »  betitelt.  Er  sagt  von  ihr,  dafi  er  sie  nicht  mit 


seinem  gewohnlichen  Ich  niedergeschrieben  habe,  sondern 
daft  sie  ihm  Wort  fur  Wort  eingegeben  war,  daft  er  gegen- 
iiber  seinem  gewohnlichen  Ich  in  einem  Wesen  lebte,  welches 
ein  umfassendes,  iiberall  in  die  Welt  hineinreichendes  und 
sich  in  dieselbe  versenkendes  gewesen  sei. 

Die  OfTenbarungen  bekamen  ihm  allerdings  nicht  beson- 
ders  gut.  Als  einige  Leute  merkten,  was  er  zu  sagen  hatte, 
was  er  niedergeschrieben  hatte,  da  wurde  das  Manuskript 
der  « Aurora »  abgeschrieben  und  in  wenigen  Exemplaren 
verbreitet.  Die  Folge  war,  daft  der  Diakonus  von  Gorlitz, 
Gregorius  Richter,  wo  sich  Jakob  Bohme  inzwischen  als 
Schuster  niedergelassen  hatte,  auf  der  Kanzel  gegen  Jakob 
Bohme  loszog  und  nicht  nur  sein  Werk  verdammte,  sondern 
es  erlangte,  daft  er  vor  den  Rat  der  Stadt  Gorlitz  berufen 
wurde.  Ich  will  jetzt  nur  die  Worte  wiederholen,  die  wir 
dariiber  von  seinem  Biographen  kennen.  Der  erzahlt:  Da 
fand  der  Rat,  daft  dem  Jakob  Bohme  verboten  werden 
miisse,  weiter  zu  schreiben;  denn  schreiben  durften  nur  die, 
die  Akademiker  waren,  aber  Jakob  Bohme  sei  nicht  ein 
Akademikus,  sondern  ein  Idiot,  und  miisse  sich  daher  des 
Schreibens  enthalten! 

So  war  denn  Jakob  Bohme  zum  Idioten  gestempelt  wor- 
den,  und  da  er  im  ganzen  ein  gutmutiger  Mensch  war,  der 
sich  doch  nicht  ganz  denken  konnte,  wegen  des  Einfaltigen 
in  seiner  Natur,  daft  man  ihn  so  ganz  grundlos  zu  den  Ver- 
dammten  halten  wiirde,  so  beschloft  er  in  der  Tat,  in  der 
nachsten  Zeit  nichts  weiter  zu  schreiben.  Aber  dann  kam 
die  Zeit,  wo  er  nicht  mehr  anders  konnte.  Und  in  den  Jah- 
ren  von  1620  bis  1624,  bis  zu  seinem  Tode,  schrieb  er  rasch 
hintereinander  eine  grofte  Anzahl  seiner  Werke,  so  zum 
Beispiel  «Das  Buch  vom  beschaulichen  Leben»,  «De  signa- 
tura  rerum  oder  von  der  Geburt  und  Bezeichnung  aller 
Wesen»,  oder  die  «Erklarung  iiber  das  erste  Buch  Mose». 


Aber  die  Zahl  seiner  Werke  ist  eine  redit  gro£e,  und  darin 
mag  es  mandiem  Leser  eigenartig  ergehen.  Mandie  haben 
gesagt,  Jakob  Bohme  wiederhole  sich  immer  wieder.  Es  ist 
wahr,  man  kann  nidit  widersprechen,  gewisse  Dinge  tau- 
chen  immer  wieder  bei  ihm  auf.  Wenn  man  aber  daraus 
den  Schlufi  zieht,  dafi  man  den  ganzen  Jakob  Bohme  kenne, 
wenn  man  einige  seiner  Werke  kennt,  weil  er  sich  immer 
wiederholt  -  man  mag  solchen  Leuten,  die  das  sagen,  nicht 
so  ohne  weiteres  unrecht  geben  -,  so  mufi  doch  gesagt  wer- 
den:  wer  dabei  stehen  bleibt,  ein  Werk  Jakob  Bohmes  ge- 
lesen  zu  haben  und  keinen  Appetit  bekommt,  auch  die 
anderen  Werke  zu  lesen,  der  wird  nicht  viel  von  Jakob 
Bohme  verstehen.  Wer  sich  aber  bemiihen  wird,  seine  an- 
deren Werke  dann  durchzugehen,  der  wird  trotz  aller  Wie- 
derholungen  doch  nicht  ruhen,  bis  er  auch  die  letzten  ge- 
lesen  hat. 

Wenn  wir  von  dieser  Charakteristik  seines  Wesens  mehr 
in  seine  Gedankengange,  in  das  geistige  Wesen  Jakob 
Bohmes  einzudringen  versuchen,  so  mufi  gesagt  werden, 
dafi  dem  modernen  Menschen,  welcher  nur  im  Bildungs- 
leben  unserer  Zeit  lebt,  allerdings  vieles  nicht  nur  im  In- 
halte  der  Werke  Jakob  Bohmes  unverstandlich  sein  mufi, 
sondern  auch  in  der  ganzen  Art  und  Weise,  wie  er  darstellt. 
Zunachst  erscheint  die  Darstellung  ganz  chaotisch.  Man  liest 
sich  langsam  ein,  gewifi.  Aber  dann  bleibt  noch  immer  fiir 
viele  Leute  etwas,  was  eine  schwer  zu  knackende  Nufi  ist: 
dafi  wir  bei  ihm  fmden,  wie  er,  ganz  unverstandlich  fiir 
das  moderne  Gemiit,  ganz  sonderbareWorterklarungen  hat. 
So  finden  wir  bei  ihm,  dafi  er  zur  Welterklarung  immer 
wieder  Worte  gebraucht  wie  «Salz»,  «Quecksilber»  und 
«Sulphur».  Wenn  er  nun  Auseinandersetzungen  machen 
will,  was  «sul»  bedeutetj  was  «phur»  bedeutet,  und  dann 
allerlei  Tiefsinniges  findet,  dann  miissen  diese  modernen 


Gemiiter  sich  sagen:  Damit  kann  man  nichts  anfangen; 
denn  was  soli  es  heiften,  Erklarungen  abgeben  iiber  ein 
Weltprinzip,  wenn  man  die  Silben  eines  Wortes  einzeln 
erklart,  wie  «sul»  und  «phur»?  -  Das  liegt  der  modernen 
Seele  ganz  fern. 

Wenn  man  allerdings  weiter  auf  Jakob  Bohme  eingeht, 
so  findet  man:  er  kleidet,  was  er  sagen  will,  in  allerlei 
alchimistische  Formeln.  Aber  erst  wenn  man  zu  dem  durch- 
dringt,  was  sich  als  Jakob  Bohmescher  Geist  auslebt  in 
dem,  was  er  so  vorgefunden  bat,  dann  erst  findet  man, 
dafi  darin  etwas  ganz  anderes  lebt,  als  was  wir  heute  als 
wissenschaftliches  Denken,  iiberhaupt  als  Weltanschauungs- 
oder  sonstiges  Denken  kennen. 

Am  ahnlichsten  ist  das,  was  in  Jakob  Bohmes  Seele  lebt, 
noch  dem,  was  hier  in  diesen  Vortragen  als  die  erste  Stuf e 
zu  einem  hoheren  geistigen  Leben  charakterisiert  worden 
ist  als  die  Stufe  des  imaginativen  Erkennens.  Haben  wir 
doch  hervorgehoben,  daft  der,  welcher  von  dem  gewohn- 
lichen Leben  in  der  Sinneswelt  aufsteigt,durcb  einebesondere 
Entwickelung  seiner  Seele  dahin  kommt,  eine  neue  Welt  von 
Bildern,  von  Imaginationen  wahrzunehmen.  Und  es  ist  her- 
vorgehoben worden  -  ich  bitte,  sich  gerade  an  die  Charak- 
teristik  dieser  Auseinandersetzung  zu  erinnern  - :  wenn  es 
der  Mensch  dahin  gebracht  hat,  daft  er  sich  nicht  nur  Imagi- 
nationen bildet,  sondern  dafi  Bilder,  imaginative  Vorstel- 
lungen  aus  den  unbekannten  Tiefen  des  Seelenlebens  her- 
aufschiefien,  und  er  eine  neue  Welt  erlebt,  dann  hat  der, 
welcher  zu  neuen  Erkenntnissen  auf steigen  will,  den  starken 
Entschlufi  zu  fassen,  dieses  erste  Aufleuchten  einer  imagi- 
nativen Welt  in  der  Seele  ganz  zu  unterdrucken  und  zu 
warten,  bis  es  ein  zweites  Mai  aus  einer  viel  untergnindi- 
geren  Welt  herauftaucht. 

Am  ehesten  ist  also  die  ganze  Seelenverf  assung,  die  ganze 


innere  Stimmung,  zu  welcher  Jakob  Bohme  kommt,  mit 
dem  zu  vergleichen,  was  einem  Menschen  in  seinem  Seelen- 
leben  begegnet,  der  zu  einem  ubersinnlichen  Erkennen  auf- 
steigt.  Zwar  zeigt  sich  nirgends,  dafi  schon  so  etwas,  was 
die  moderne  Geisteswissenschaft  als  ihre  Methoden  verkiin- 
det,  sich  bei  Jakob  Bohme  findet.  Aber  der  wiirde  dennoch 
unrecht  haben,  welcher  glauben  wollte,  das  alles  trete  wie 
von  selbst  bei  Jakob  Bohme  auf .  Er  selbst  sagt  einmal,  dafi 
er  unablassig  gerungen  habe  nach  des  Geistes,  nach  Gottes 
Beistand,  und  dafi  sich  nach  diesem  unablassigen  Ringen 
ergeben  habe  eine  lichtvolle,  imaginative  Welt.  So  konnen 
wir  nicht  sagen,  dafi  er  einfach  ein  naiver  imaginativ  Er- 
kennender  ist,  sondern  wir  miissen  sagen,  dafi  er  naiv  zu 
den  Mitteln  greift,  welche  den  Menschen  zu  der  Hohe  des 
imaginativen  Erkennens  hinauffiihren.  In  seiner  Seele  ist 
natiirlich  eine  solche  imaginative  Kraft  anzunehmen.  Er 
kommt  also  auf  ganz  denselben  Wegen,  nur  rascher,  selbst- 
verstandlicher,  zur  imaginativen  Erkenntnis,  als  man  durch 
jene  Methoden  dazu  kommen  kann,  wie  sie  in  dem  Buche 
«Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  ge- 
schildert  sind. 

So  steht  Jakob  Bohme  als  ein  imaginativ  Erkennender 
vor  uns.  Aber  mit  Urgewalt,  wie  selbstverstandlich,  ringt 
sich  dieses  imaginative  Erkennen,  wie  getragen  von  einem 
starken  innerlichen  Willen,  an  die  Oberflache.  So  sehen  wir 
bei  ihm  diesen  starken  innerlichen  Willen,  der  sich  nicht  in 
aufieren  Taten  ausleben  kann  -  sein  bescheidener  Beruf 
hindert  ihn  daran  — ,  wie  eine  Flut  seine  Seele  umgebend, 
so  da£  die  Seele  in  diese  Flut  eintaucht.  Und  aus  diesem 
Willen  sehen  wir  machtige  Bilder  herausgeboren  werden, 
durch  die  er  sich  die  Weltenratsel  zu  Idsen  versucht.  Nicht 
allein  so  sehr  auf  die  einzelnen  Resultate,  als  auf  diese 
Stimmung  und  Verf  assung  seiner  Seele  kommt  es  bei  Jakob 


Bohme  an.  Er  fiihlt,  dafi  er  in  seinem  Streben  zu  etwas  ge- 
trieben  wird,  was  nicht  das  gewohnliche  erkennende  mensch- 
liche  Ich  ist,  sondern  was  mit  den  Kraften  zusammenhangt, 
welche  den  Menschen  vom  Unterbewufiten  seiner  Seele, 
von  den  Tiefen  seiner  Seele  aus  mit  dem  ganzen  Kosmos 
verbinden,  mit  dem  also,  was  draufien  in  der  Natur  webt 
und  lebt. 

Der  Mensch,  der  wirklich  einen  ernsthaflen  Trieb  zur 
Erkenntnis  hat,  fiihlt  ja,  wie  in  dem  Erkennen  nicht  nur 
etwas  Rationelles  ist,  sondern  etwas,  was  er  sich  erringt 
durch  Leiden  und  Schmerzen  und  durch  "Oberwindung  von 
Leiden  und  Schmerzen,  Und  er  merkt,  wenn  er  mit  den 
heutigen  gewohnlichen  Mitteln  in  Natur  und  Dasein  ein- 
zudringen  versucht,  wie  er  sich  eigentlich  durch  alle  solche 
Mittel  von  Natur  und  Dasein  entfernt.  Wenn  wir  aber 
Krafle  in  unserer  Seele  blofilegen,  die  sonst  im  UnterbewuE- 
ten  ruhen,  dann  fuhlen  wir,  dafi  diese  in  ganz  anderem, 
innigerem  Sinne  mit  Natur  und  Dasein  zusammenhangen. 
Urn  das  zu  erklaren,  mochte  ich  f olgendes  heranziehen. 

Es  ist  bekannt  und  wird  oft  erzahlt,  wie  gewisse  Tiere 
in  Gegenden,  wo  ein  Erdbeben  oder  ein  sonstiges  Elemen- 
tarereignis  herannaht,  von  der  Statte  des  Erdbebens  oder 
dergleichen  fliehen,  oder  dafi  sie  wenigstens  unruhig  wer- 
den,  so  dafi  sie  wie  prophetische  Vorherverkiindiger  dessen 
sind,  was  geschehen  wird.  Man  kann  sagen:  Das  instinktive 
Leben  des  Tieres  hangt  inniger  mit  dem  zusammen,  was 
sich  drauften  in  der  Natur  vollzieht,  als  die  ganze  Seelen- 
verfassung  des  Menschen.  Aber  in  den  Tiefen  der  Menschen- 
seele  lebt  etwas,  das  nicht  etwa  dasselbe  ist,  wie  der  Instinkt 
der  Tiere,  sondern  das  defer  ist  als  dieser  tierische  Instinkt, 
das  auch  wieder  innig  mit  den  Naturkraften  zusammen- 
hangt. Indem  Jakob  Bohme  nun  in  die  Tiefen  seiner  Seele 
hinuntersteigt,  fiihlt  er  sich  inniger  verwoben  mit  den  Na- 


turkraften.  Besonders  aber  ist  eines  hervorspringend.  Es 
wurde  hervorgehoben:  erst  wenn  das,  was  als  Imaginationen 
und  imaginative  Welt  auftritt,  unterdriickt  wird,  ausge- 
loscht  wird,  und  dann  wie  von  selbst  wieder  aufleuditet,  erst 
dann  hat  diese  zweite  imaginative  Welt  einen  Wert.  Nun 
ist  es  hochst  eigenartig,  wenn  wir  damit  den  Weg  bei  Jakob 
Bdhme  vergleichen:  Im  Jahre  1600  erlebt  er  eine  Wieder- 
geburt,  fuhlt  sich  entriickt  in  eine  geistige  Welt,  in  ein  Freu- 
denreich.  Dann  lebt  er  niichtern  fort.  Zehn  Jahre  hindurch 
ist  wie  untergetaucht,  was  er  erlebt  hat.  Dann  taucht  es 
ein  drittes  Mai  auf  im  Jahre  1610.  Ist  dann  nicht  wie  ein 
Naturereignis  in  Jakob  Bohmes  Seele  der  Weg  eingetreten, 
den  wir  als  den  richtigen  darstellten?  Das  ist  es,  was  uns 
Jakob  Bohme  so  nahe  heranriickt  an  das,  was  wir  selbst 
als  den  naturgemafien  Weg  in  die  iibersinnlichen  Welten 
insAuge  gefafit  haben.  Wenn  wir  dies  beriicksichtigen,  wird 
sein  Erlebnis  uns  nicht  mehr  so  f remd  erscheinen,  als  es  auf 
den  ersten  Blick  hin  erscheinen  kann. 

Fur  die  objektive  Erkenntnis  des  Zweiflers  wird  es  aller- 
dings  keinen  Wert  haben,  wenn  man  tiefsinnige  Betrach- 
tungen  anstellt  iiber  die  Zusammensetzung  aus  den  Silben 
«sul»  und  «phur«  oder  iiber  anderes  noch.  Aber  ich  bitte 
Sie,  sich  an  das  zu  erinnern,  was  friiher  einmal  iiber  die 
menschliche  Sprache  ausgefiihrt  worden  ist,  wie  dargelegt 
worden  ist,  wie  im  Laufe  der  Menschheitsentwickelung  die 
Sprache  eigentlich  dem  abstrakten,  vorstellungsmafiigen 
Denken  vorangeht,  und  wie  Jean  Paul  durchaus  recht  hat, 
wenn  er  betont,  da£  das  Kind  an  der  Sprache  denken  lernt, 
und  nicht  das  Sprechen  sich  an  dem  Denken  ausbildet.  Die 
Sprache  ist  also  etwas  Elementareres,  Urspriinglicheres  als 
das  Denken.  Wenn  wir  sehen,  wie  die  ganze  Natur  in  un- 
seren  Gedanken  wiederersteht,  dann  fiihlen  wir,  wie  der 
Gedanke  durch  eine  Weltenkluft  von  den  Naturtatsachen 


getrennt  ist.  Wenn  aber  der  Laut  als  ein  mehr  den  Natur- 
lauten  ahnlicher  -  und  aus  solchen  ist  dock  die  Sprache  ur- 
spriinglich  zusammengesetzt  —  wenn  sich  der  Sprachlaut 
der  menschlichen  Seele  entringt,  dann  wirkt  in  die  Tiefen 
der  Seele  etwas  hinein  von  der  ganzen  Gesetzmafiigkeit 
der  Welt,  und  dann  ringt  sich  in  ganz  anderer  Weise  eine 
Art  Echo  gegeniiber  der  Natur  los,  als  wenn  sich  aus  den 
Gedanken  etwas  als  Echo  loslost. 

Eine  heutige  Seele  hat  gar  nicht  mehr  das  Gefiihl  fur  die 
Verwandtschaft  von  Sprache  und  Naturlaut.  Man  ringt  sich 
als  heutige  Seele  nur  langsam  durch,  zu  f iihlen,  wie  in  aller 
Sprache  etwas  ist,  was  sich  wie  ein  Echo  der  Eindrucke  der 
Auflenwelt  unmittelbar  ausnimmt.  Bei  einer  solchen  Per- 
sonlichkeit  wie  Jakob  Bohme,  die  mit  elementarer  Gewalt 
tiefere  Seelenkrafte  aus  ihrer  Seele  herausholt,  ist  es  nur 
naturgemaE,  daft  sie  auch  in  dieser  Beziehung  gleichsam 
sich  auch  im  Fiihlen  zu  jener  Empfindung  iiber  die  Sprache 
zuriickversetzt,  welche  der  Menschheit  einmal  eigen  war, 
die  das  Kind  noch  mehr  oder  weniger  unbewuftt  entwickelt. 

Wenn  wir  das  eben  Ausgefiihrte  nun  ausdehnen  auf  die 
sonderbaren  Auseinandersetzungen  iiber  das  Zusammen- 
stellen  von  Silben  zu  Worten,  dann  konnen  wir  verstehen, 
wie  es  nur  ein  Fiihlen  an  den  Lauten  ist,  was  die  Natur  in 
der  Menschenseele  macht,  wie  die  Natur  sich  durch  den  Laut 
selber  eine  Sprache  schaffen  will.  Eben  weil  Jakob  Bohme 
mit  der  Seele  der  Natur  naher  steht,  lebt  er  auch  noch  mehr 
in  der  Sprache  als  in  den  Gedanken,  und  seine  ganze  Philo- 
sophic ist  mehr  ein  Mitfuhlen,  ein  Mitempfinden  dessen, 
was  in  der  Natur  draufien  lebt  und  webt,  als  irgendein  ab- 
straktes  Erfassen  der  Dinge.  Man  mochte  sagen,  wenn  man 
einen  Gedanken  Jakob  Bohmes  so  recht  auf  sich  wirken  lafit, 
hat  man  das  Gefiihl,  als  ob  der  Gedanke  so  verwandt  ware 
dem,  was  Jakob  Bohme  beobachtet,  wie  man  nur  dem  ver- 


wandt  ist,  was  man  als  irgendeinen  Geschmack  empfindet, 
wo  man  auch  eine  Beriihrung  mit  der  Natur  empfindet. 

So  fiihlt  Jakob  Bohme  die  Beriihrung  mit  der  Natur.  Er 
fiihlt  im  Innern,  was  draufien  in  der  Natur  webt  und  wirkt 
und  lebt.  Er  lebt  das  Leben  der  Natur  mit,  und  er  gibt  im 
Grunde  genommen  in  seinen  Darstellungen  das,  was  er  mit- 
lebt,  so  da£  man  in  seinen  Worten  nachvibrieren  fiihlt,  was 
er  schaut.  Daher  sind  ihm  die  Worte  auch  etwas,  was  er 
besonders  als  das  fiihlt,  was  das  «Wie»  in  der  Natur  selber 
ist.  Man  braucht  also  nicht  dariiber  nachzugriibeln,  ob  solche 
Auseinandersetzungen  wie  die  angedeutete  iiber  das  «sul» 
und  «phur»  bei  Jakob  Bohme  etwas  Besonderes  bedeuten, 
sondern  man  versuche,  bei  dieser  Seele  das  nachzuleben,  wie 
sie  das  Welterleben  zum  Seelenerleben  macht,  und  das,  was 
die  Seele  erleben  kann,  als  ihre  Offenbarungen  gibt. 

Man  versteht  Jakob  Bohme  nicht,  wenn  man  der  Mei- 
nung  ist,  dafi  er  Blitz  und  Donner,  Wolken  oder  Wolken- 
verwandlungen  oder  das  Wachsen  des  Grases  nur  so  wahr- 
nimmt,  wie  ein  moderner  Mensch.  Man  versteht  ihn  nur, 
wenn  man  weifi,  dafi  mit  dem  zuckenden  Blitze,  mit  dem 
rollenden  Donner,  mit  den  sich  verwandelnden  Wolken  f iir 
sein  Seelenerleben  etwas  sich  verwandelt,  so  dafi  sich  in 
seiner  Seele  etwas  abspielt,  was  wie  die  Losung  des  entspre- 
chenden  Ratsels  dasteht.  So  wird  fiir  Jakob  Bohme  das,  was 
sich  in  der  Welt  abspielt,  zu  einem  Ratsel  des  eigenen  Er- 
lebens. 

Jetzt  begreifen  wir,  wenn  wir  ihn  so  ins  Auge  fassen, 
wie  er  mit  einer  Aufgabe  ringen  konnte,  die  uns  auch  sonst 
in  seiner  Zeit  entgegentritt  und  die  andere  Geister  lange 
beschaftigt  hat,  sogar  den  grbfiten  Geist  der  neueren  Zeit. 
Dasselbe  sechzehnte  Jahrhundert,  in  welches  die  Geburt 
Jakob  Bohmes  fallt,  hat  ja  das  Faust-Ratsel  geboren,  das 
neben  den  strebenden  und  ringenden  Menschen  hinstellt  des 


Mensdien  Widersacher,  der  die  strebende  Natur  des  Men- 
sdien  herunterzieht  in  das  Niedrige,  Sinnliche,  in  das,  was 
die  Zeit  Jakob  Bohmes  «das  Teuflische»  genannt  hat.  Dich- 
terisdi  hat  dann  Goethe  nodi  immer  mit  dem  Problem  ge- 
rungen,  welches  das  «B6se»  in  den  Weltenzusammenhang 
hineinstellt.  Mufi  nicht  der  Mensch  immer  wieder  und  wie- 
der  fragen:  Wie  kommt  es,  dafi  in  das  harmonische  All,  in 
die  weise  Weltenfiihrung  sich  das  Irregulare,  das  Nicht- 
zweckmafiige  feindlich  hineinstellt?  Und  die  Frage  nach 
dem  Ursprunge  des  Bosen  liegt  in  dem  Faust-Ratsel.  Sie 
liegt  eigentlich  schon  in  dem  Buche  Hiob,  aber  sie  trat  ganz 
besonders  gewaltig  im  sechzehnten  Jahrhunderte  hervor. 

Wie  konnte  diese  Frage  vor  das  Gemiit  Jakob  Bohmes 
treten?  Wir  brauchen  nur  ein  paar  Worte  aus  der  «Mor gen- 
rote  im  Aufgange»  heranzuziehen  und  werden  gleich  sehen, 
wie  das,  was  sonst  ein  Weltenproblem  ist,  fiir  Jakob  Bohme 
zunachst  ein  inneres  Seelenproblem  wird.  Da  sagt  er  un- 
gefahr  die  folgenden  Worte:  Wenn  sich  irgendwo  in  der 
Welt  ein  verstandiger  und  tiefsinniger  Mensch  zeige,  so 
mische  sich  in  seine  Seele  eben  sogleich  der  Teufel  hinein 
und  suche  seine  Natur  in  das  Gemeine,  Alltagliche,  Sinn- 
liche herunterzuziehen,  suche  den  Menschen  in  Hochmut 
und  Uberhebung  zu  verstricken.  -  Da  sehen  wir  sogleich  bei 
Jakob  Bohme  das  Problem  als  ein  Seelenproblem  erfafit, 
sehen,  wie  er  in  der  Seele  selbst  die  Gewalt  des  Bosen  sucht, 
die  mitten  in  die  guten  Seelenkrafle  sich  hmeinmischt.  Und 
es  entsteht  fiir  ihn  die  Frage:  Was  hat  die  Seele  mit  den 
nach  dem  Bosen  strebenden  Seelenkraften  zu  tun?  -  So  wird 
zuletzt  das  Problem  des  Bosen  fiir  Jakob  Bohme  zu  einer 
inneren  Seelenfrage.  Aber  weil  sich  «Seele»  und  «Welt»  fiir 
ihn  entsprechen,  erweitert  sich  die  Seele  sogleich  zu  einer 
Welt,  und  jetzt  ist  es  das  Eigenartige  fiir  ihn,  dafi  sich  die 
Frage  nach  dem  Bosen  zu  einer  ganz  anderen  Frage  aus- 


bildet,  zu  der  Frage  nach  dem  menschlichen,  ja,  nach  dem 
geistigen  Bewufitsein  iiberhaupt,  nach  der  ganzen  Eigenart 
des  Bewufkseinslebens. 

Es  ist  heute  schwer,  mit  den  fur  uns  gangbaren  Vorstel- 
lungen  in  das  Seelenleben  Jakob  Bohmes  hineinzuleuchten 
und  in  das,  was  ihm  die  Weltenfragen  und  ihre  Losungen 
wurden,  und  man  wird  nicht  recht  verstandlich,  wenn  man 
die  Worte  Jakob  Bohmes  gebraucht,  weil  sie  in  unserer  Zeit 
keine  gangbare  Munze  mehr  sind.  So  will  ich,  durchaus  im 
Geiste  Jakob  Bohmes,  aber  mit  etwas  anderen  Worten  ver- 
suchen,  dem  nahe  zu  kommen,  was  er  iiber  die  Frage  des 
Bosen  sagen  will,  die  bei  ihm  eine  Frage  nach  der  ganzen 
Natur  des  geistigen  Bewufitseins  iiberhaupt  wird. 

Versuchen  wir  einmal  zu  denken,  wie  unser  Bewufitsein 
wirkt,  was  unser  ganzes  Bewufitsein  ware,  wenn  wir  nicht 
in  der  Lage  waren,  das,  was  wir  einmal  in  der  Seele,  im 
Bewufitsein  erlebt  haben,  in  der  Erinnerung  als  Gedanken 
f  estzuhalten.  Versuchen  wir  zu  denken,  wie  unser  Bewufit- 
sein  etwas  ganz  anderes  sein  mufke,  wenn  wir  nicht  im- 
stande  waren,  was  wir  gestern,  vorgestern,  vor  Jahren  er- 
lebt haben,  aus  der  Erinnerung  wieder  heraufzuholen.  Dar- 
auf  beruht  der  ganze  Inhalt  des  Bewufitseins,  dafi  wir  uns 
daran  erinnern  konnen;  und  unser  Bewufitsein  geht  nicht 
iiber  den  Zeitpunkt  hinaus,  bis  zu  dem  wir  uns  zuriick- 
erinnern  konnen.  Da  fingen  wir  an,  uns  als  ein  Ich  zu 
fassen,  den  zusammenhangenden  Faden  unseres  Bewufit- 
seins  zu  haben,  uns  in  unserem  Seelenleben  auszukennen. 

Worauf  beruht  also  die  ganze  Natur  des  Bewufitseins? 
Darauf,  dafi  wir  wissen:  Jetzt  erleben  wir  etwas  im  Be- 
wulksein.  Da  sind  wir,  wenn  wir  etwas  erleben,  mit  diesem 
Erlebnis  unmittelbar  verbunden:  wir  sind  in  dem  Augen- 
blicke,  wo  wir  etwas  erleben,  nichts  anderes  als  unser  Er- 
lebnis selber.  Wer  eine  rote  Farbe  vorstellt,  ist  in  dem 


Momente,  wo  er  diese  rote  Farbe  vorstellt,  mit  dem  Erleben 
derselben  zusammen.  Wer  ein  Ideal  vorstellt,  ist  in  diesem 
Momente  eins  mit  dem  Ideal.  Er  unterscheidet  sich  erst 
nachher  von  seinem  Erlebnis,  wahrend  er  vorher  eins  mit 
ihm  war.  So  ist  unser  ganzes  Bewufitsein  etwas,  was  wir 
erst  erlebt  und  dann  wie  ein  Objektives  in  unserem  inneren 
Seelenleben  aufgespeichert  haben.  Solche  Auf speicherung  in 
das  Objektive  hinein  macht  unser  Bewufitsein  moglich.  Wir 
konnten  kein  Bewufitsein  entwickeln,  wenn  immer  gleich 
alles  vergessen,  hinweggeschafft  ware,  was  wir  erlebt  haben. 

Indem  wir  unser  Erlebnis  uns  entgegenstellen,  als  «Ge- 
genwurf»,  wie  Jakob  Bohme  sagt,  wie  ein  Entgegengestelltes 
uns  gegemiberstellen,  nur  dadurch  entziindet  sich  unser 
eigentliches  Bewufksein.  Das  haben  wir  sozusagen  mit  der 
einfachsten  Tatsache  unseres  Bewulkseins  zu  beobachten. 
Jakob  Bohme  dehnt  dieses  Erlebnis,  das  ein  jedes  Bewuftt- 
sein  haben  kann,  in  seinem  hellseherischen  Anschauen  auf 
alle  Welt  aus.  Er  sagt:  Wenn  ein  gottliches  Wesen  in  der 
Welt  einmal  nur  die  Fahigkeit  gehabt  hatte,  in  sich  zu 
leben,  sich  aber  nicht  seinem  Erlebnisse  -  als  Gegenwurf  - 
gegeniiberzustelien,  so  wurde  es  niemals  auch  in  einem  gott- 
lichen  Wesen  zu  einem  Bewufitsein  gekommen  sein.  Fur  das 
gottliche  Wesen  aber  ist  der  Gegenwurf  die  Welt.  Wie  wir 
unsere  Vorstellungen  uns  entgegensetzen,  wie  wir  uns  an 
dem  Objekt  bewuftt  werden,  so  ist  fur  das  gottliche  Be- 
wufitsein  die  Welt  der  Gegenwurf.  Und  alles,  was  uns  um- 
gibt,  hat  das  gottliche  Bewulksein  aus  sich  herausgesetzt, 
urn  seiner  selbst  daran  gewahr  zu  werden,  wie  wir  unser 
Bewufitsein  erst  entwickeln,  indem  wir  uns  unsere  eigenen 
Erlebnisse  als  Gegenwurf  hinstellen. 

Fur  Jakob  Bohme  war  die  Fassung  dieses  Gedankens 
nicht  eine  Theorie,  sondern  das  war  fiir  ihn  etwas,  was  ihm 
Befriedigung  brachte  fiir  eine  Frage,  die  fiir  ihn  ein  Schick- 


sal  bedeutet,  fur  die  grofie  Faust-Frage.  Er  konnte  sich 
jetzt  sagen:  Wenn  ich  mich  zuriickversetze  in  das  gottliche 
Bewufttsein  gleichsam  vor  der  Welt,  so  konnte  dieses  gott- 
liche Bewulksein  nur  dadurch  zu  sich  selbst  kommen,  wirk- 
liches  Bewufitsein  werden,  indem  es  sich  die  Welt  entgegen- 
setzte,  damit  es  seiner  an  seinem  Gegenwurfe  gewahr  wer- 
den  konnte.  So  ist  alles,  was  da  lebt  und  webt  und  ist, 
aus  dem  Gottlich-Seelenhaften  entsprungen,  aus  einem 
Willen  dieses  Gottlich-Seelischen,  der  als  Wille  die  Begierde 
entwickelte,  seiner  selbst  gewahr  zu  werden.  Und  in  dem 
Augenblicke  -  das  wurde  Jakob  Bohme  jetzt  klar  -  wo  sich 
das  einheitliche  Bewufitsein  den  Gegenwurf  setzte  und  seiner 
selbst  gewahr  werden  wollte,  sich  also  verdoppelte,  gleich- 
sam das  Spiegelbild  seiner  selbst  schuf,  da  schuf  es  dieses 
Spiegelbild  in  Mannigf  altigem,  in  der  Mannigfaltigkeit  ein- 
zelner  Glieder,  wie  sich  die  einzelne  menschliche  Seele  nicht 
blofi  in  einzelnen  Gliedern  auslebt,  sondern  in  Gliedern, 
die  eine  gewisse  Selbstandigkeit  haben.  Hand  und  Fufi  und 
Kopf  und  dergleichen.  Man  kommt  Jakob  Bohme  nicht 
nahe,  wenn  man  ihn  als  einen  Pantheisten  bezeichnet.  Man 
mufi  schon  den  Gedankengang  in  einer  ahnlichen  Weise 
durchmachen,  mufi  verstehen,  wie  er  alles,  was  uns  ent- 
gegentritt,  als  einen  Gegenwurf  der  Gottheit  auffafit. 

Audi  wie  der  Mensch  selber  ist,  gehort  zu  dem  Gegen- 
wurf der  Gottheit,  den  die  Gottheit  aus  sich  heraussetzte, 
um  ihrer  selbst  daran  gewahr  zu  werden.  Von  diesem  seinem 
Gesichtspunkte  aus  sagt  Jakob  Bohme:  Die  Menschen  rich- 
ten  den  Blick  empor,  sehen  die  Sterne,  die  Wolkenmassen, 
die  Berge  und  die  Pflanzen,  und  wollen  oftmals  noch  eine 
besondere  Region  der  Gottheit  aufierdem  annehmen.  Aber 
ich  sage  dir,  du  unverstandiger  Mensch,  dafi  du  selber  dem 
Gegenwurfe  des  Gottes  angehorst;  denn  wie  konntest  du 
in  dir  irgend  etwas  verspiiren  und  gewahr  werden  von  gott- 


lidier  Wesenheit,  wenn  du  nicht  dieser  gottlichen  Wesenheit 
entflossen  warest?  Du  stammst  aus  dieser  gottlichen  Wesen- 
heit, sie  hat  dich  sich  gegeniibergestellt,  wie  aus  ihr  geboren, 
und  du  wirst  in  ihr  begraben.  Und  wie  konntest  du  wieder 
auferweckt  werden,  wenn  eine  dir  fremde  Gottheit  gegen- 
iiberstande?  Wie  konntest  du  dich  ein  Kind  Gottes  nennen, 
wenn  du  nicht  eins  mit  der  Substanz  und  Wesenheit  des 
Gottes  warest! 

Dafi  Jakob  Bohme  nicht  einen  gewohnlichen  Pantheis- 
mus  meint,  druckt  er  dadurch  aus,  dafi  er  sagt:  Die  aufiere 
Welt  ist  nicht  Gott,  wird  auch  ewig  nicht  Gott  genannt, 
sondern  ein  Wesen,  darin  sich  Gott  offenbart.  -  Wenn  man 
sagt:  Gott  ist  alles,  Gott  ist  Himmel  und  Erde  und  auch 
die  aufiere  Welt,  so  ist  das  wahr;  denn  von  ihm  und  in 
ihm  urstandet  alles.  Was  mache  ich  aber  mit  einer  solchen 
Rede,  die  keine  Religion  ist?  -  Einen  Pantheisten  kann  man 
ihn  nicht  nennen.  Wie  fur  ihn  die  Frage  nach  dem  Wesen 
der  Welt  nicht  etwas  Gesucbtes  ist,  so  auch  nicht  das,  was 
er  sich  als  Antwort  darauf  gibt,  sondern  es  ist  ein  Er- 
lebnis  fur  ihn.  Er  hat  die  Bedingungen  des  eigenen  Bewufit- 
seins  gefiihlt  und  dehnt  das  aus  auf  das  gottliche  Bewufit- 
sein,  weil  er  sich  klar  ist,  daiS  sein  Bewulkseinsvermogen 
ein  Echo  ist  der  Tatsachen  der  Welt.  In  der  Beantwortung 
der  Frage  nach  der  Seele  und  dem  Gottlichen  der  Seele 
findet  er  auch  die  Frage  nach  dem  Ursprunge  des  Bosen 
beantwortet.  Das  ist  etwas  fur  Jakob  Bohme  aufierordent- 
lich  Charakteristisches,  was  immer  wieder  die  Bewunderung 
von  tiefsinnigen  Denkern  erregt  hat.  So  war  zum  Beispiel 
Schelling  ganz  bedeutsam  beriihrt,  als  er  gewahr  wurde,  in 
welcher  Art  sich  Jakob  Bohme  der  Frage  nach  der  Bedeu- 
tung  des  Bosen  in  der  Welt  naherte,  und  auch  andere  Den- 
ker  des  neunzehnten  Jahrhunderts  bewunderten  den  Tief- 
sinn,  mit  dem  Jakob  Bohme  diese  Frage  anpackte. 


Man  kann  von  vielen  Leuten  sagen,  die  der  Frage  nach 
dem  Ursprunge  des  Bosen  nachgegangen  sind:  sie  haben 
den  Urgrund  des  Bosen  gesucht.  Das  istnuncharakteristisch 
fur  Jakob  Bohme,  dafi  er  weiter  geht  als  bis  zu  jenem 
Punkte,  bis  zu  dem  man  nach  der  Meinung  vieler  Leute 
einzig  und  allein  gehen  kann.  Denn  wohin  soil  man  nodi 
gehen,  wenn  man  bei  diesem  Urgrunde  nicht  stehenbleiben 
will?  Jakob  Bohme  geht  iiber  den  Urgrund  hinaus,  da  er 
die  Frage  nach  der  Bedeutung  des  Bosen  losen  will.  Er  geht 
zu  dem,  was  er  bedeutsam  nicht  den  Urgrund,  sondern  den 
Ungrund  nennt,  und  hier  stehen  wir  tatsachlich  vor  einem 
Erlebnis  der  menschlichen  Seele  in  Jakob  Bohme,  das  man 
im  hochsten  Mafie  bewundern  kann,  wenn  man  ein  Organ 
dafur  hat.  Gewifi,  die  gewohnliche  Seele,  die  in  der  moder- 
nen  Weltanschauung  wurzelt,  wird  dieses  Organ  vielleicht 
nicht  haben;  aber  man  kann  dieses  Organ  haben,  das  Be- 
wunderung  empfindet,  wo  bei  Jakob  Bohme  der  Obergang 
gemacht  wird  vom  Urgrunde  zum  Ungrunde.  Im  Grunde 
genommen  ist  es  doch  etwas  wie  das  «Ei  des  Kolumbus», 
etwas  hochst  Einf  aches.  Denn  in  dem  Augenblicke,  wo  Jakob 
Bohme  das  Weltenratsel  sich  so  gelost  hatte,  wie  wir  es  eben 
charakterisiert  haben,  als  er  sich  klar  war,  es  ist  ein  Ver- 
haltnis  zwischen  Gott  und  Welt  wie  zwischen  der  Seele 
und  den  Leibesgliedern,  da  konnte  er  sich  auch  sagen  -  er 
hat  nicht  diese  Worte  gebraucht,  aber  wir  wollen  in  seinem 
Geiste,  weniger  in  seinen  Worten  charakterisieren,  denn  wir 
kommen  dadurch  seinem  Verstandnisse  naher  -:  Als  die 
Welt  als  Gegenwurf  der  Gottheit  zustande  gekommen  ist, 
da  ist  in  dem  Gegenwurfe  die  «Schiedlichkeit»  aufgetreten, 
die  Unterschiede  der  Glieder,  wie  wir  sagen  wiirden.  Die 
Schiedlichkeit  der  einzelnen  Leibesglieder  gegeniiber  der 
einzelnen  Seele  ist  aufgetreten.  Ist  nicht  jedes  einzelne  Lei- 
besglied  in  bezug  auf  Verrichtungen  der  Seele  gut?  Konnen 


wir  nicht  sagen:  Die  rechte  Hand  ist  gut,  die  linke  Hand 
ist  gut,  alles  ist  gut,  insofern  es  den  Verrichtungen  der  Seele 
dient?  Aber  kann  die  rechte  Hand  nicht  wegen  ihrer  rela- 
tiven  Selbstandigkeit,  ja,  gerade  wegen  ihrer  Gute,  die  linke 
Hand  verletzen?  Da  haben  wir  gegen  das,  was  Harmonie 
ist,  hingestellt  die  Selbstandigkeit  des  Leiblichen,  dasjenige, 
was  «keinen  Grund»  zu  haben  braucht,  haben  das  hinein- 
gestellt  in  den  Urgrund,  was  sich  einfach  dadurch  ergibt, 
dafi  wir  vom  «Urgrunde»  zum  «Ungrunde»  gehen. 

Wie  wir  nicht  im  Lichte  den  Grund  der  Finsternis  zu 
suchen  brauchen,  so  brauchen  wir  nicht  in  dem  Guten  den 
Grund  des  Bosen  zu  suchen.  Aber  indem  sich  die  Welt  fur 
Jakob  Bohme  als  der  Gegenwurf  der  Gottheit  erweist,  er- 
gibt sich  in  dieser  Welt  der  Schiedlichkeit  die  Moglichkeit, 
dafi  die  einzelnen  Glieder  gegeneinander  wirken,  indem  sie, 
weil  sie  zum  Zwecke  der  Welt,  nach  der  Zielstrebigkeit  der 
Welt  ihre  Selbstandigkeit  haben  mussen,  diese  Selbstandig- 
keit auch  entfalten  mussen.  So  wurzelt  fur  Jakob  Bohme 
das  Bose  nicht  in  dem,  was  man  erklart,  sondern  in  dem, 
was  sich  ergibt  als  Ungrund,  ohne  dafi  man  es  zu  erklaren 
braucht.  Dadurch  aber  tritt  letzteres  wie  von  selbst  als  ein 
Gegenwurf  des  Guten  auf;  und  jetzt  wird  das  Bose,  das 
Unzweckmafiige,  das  Schadliche  in  der  Welt  gegeniiber  dem 
Guten  fur  Jakob  Bohme  selber  ein  Gegenwurf,  wie  wir 
unser  selbst  an  dem  Objekt  gewahr  werden. 

Wir  gehen  fort  im  Raume,  wir  denken  nicht  an  uns,  aber 
wir  fangen  an,  sogleich  an  uns  zu  denken,  wenn  wir  uns 
zum  Beispiel  den  Kopf  an  einem  Fenster  stolen:  da  werden 
wir  durch  den  Gegenwurf,  durch  das  Objekt,  unser  selbst 
gewahr.  Wie  er  das  Bewulksein  gegen  den  Gegenwurf  stellt, 
wie  er  sich  erfahrt  an  dem  Gegenwurf,  so  wird  fur  Jakob 
Bohme  das  Gute,  das  Zweckmafiige,  das  Vorteilhafte  und 
Nutzliche  seiner  selbst  gewahr,  indem  es  sich  gegeniiber 


dem  Schadlichen  und  Unzweckmaftigen  zu  erhalten  hat, 
wird  seiner  selbst  gewahr,  indem  das  «B6se»  der  Gegen- 
wurf des  Guten  wurde,  wie  die  Objekte,  die  durch  das  An- 
stofien  nach  der  Aufienwelt  hin  erlebt  werden. 

So  sieht  Jakob  Bohme  in  dem  Guten  die  Kraft,  die  sich 
ihren  Gegenwurf  einverleibt,  wie  sich  der  Mensch  in  der 
Erinnerung  immer  mehr  das  einverleibt,  was  er  selber  erst 
aus  dem  Bewulksein  herausgesetzt  hat.  So  finden  wir  ein 
fortwahrendes  Aufsaugen  des  Bosen  und  dadurdi  ein  Be- 
reichern  der  Gutheit  mit  der  Bosheit.  Und  wie  Finsternis 
sich  zum  Licht  verhalt,  indem  das  Licht  in  die  Finsternis 
hineinscheint  und  dadurch  erst  sichtbar  wird,  so  wird  das 
Gute  erst  wirksam,  indem  es  in  das  Bose  hineinwirkt  und 
sich  zu  dem  Bosen  verhalt  wie  Licht  zu  Finsternis.  Wie  sich 
Licht  an  Finsternis  zu  den  verschiedenen  Farben  abstuft  und 
nicht  als  Licht  erscheinen  konnte,  wenn  ihm  nicht  Finster- 
nis entgegenstunde,  so  kann  das  Gute  nur  seine  Welten- 
funktion  verrichten,  indem  es  sich  selber  an  seinem  Gegen- 
wurfe,  an  dem  Schlechten  erlebt. 

So  sieht  Jakob  Bohme  in  die  Welt  hinein,  sieht  das  Gute 
so  wirksam,  dafi  es  das  Bose  sich  gegeniibergestellt  findet, 
aber  das  Bose  in  sein  Gebiet  hineinstellt,  gleichsam  auf- 
saugt.  So  erscheint  fur  Jakob  Bohme  ein  vorirdisches  Er- 
eignis  so,  dafi  er  sich  sagt:  Die  Gottheit  hat  sich  einstmals 
andere  geistige  Wesenheiten  gegeniibergestellt.  Diese  waren, 
wie  unsere  jetzige  Natur  auf  einer  spateren  Stufe,  ein  Ge- 
genwurf der  Gottheit.  So  waren  diese  Wesenheiten  schon  ein 
Gegenwurf  der  Gottheit,  wodurch  sich  die  Gottheit  zum  Be- 
wuiksein  brachte.  Aber  sie  verhielten  sich  zu  der  Gottheit 
wie  die  Glieder,  die  sich  gegen  den  eigenen  Leib  wenden. 
Dadurch  entstand  f iir  Jakob  Bohme  die  Wesenheit  Luzif  er. 
Was  ist  fur  ihn  Luzif  er?  Es  ist  die  Wesenheit,  welche,  nach- 
dem  der  Gegenwurf  geschaffen  war,  die  Schiedlichkeit,  die 


Mannigfaltigkeit  dazu  benutzte,  urn  als  selbstandiger  Ge- 
genwurf  sich  gegen  ihren  Schopfer  aufzulehnen.  So  findet 
Jakob  Bohme  in  den  miteinander  diff erierenden,  kampf en- 
den  Kraften  der  Welt  dasjenige,  was  da  sein  muft,  was  aber 
doch  zur  Gesamtevolution  beitragt,  indem  es  im  Laufe  der 
Entwickelung  aufgesogen  wird.  Wie  er  sich  auch  nur  vor- 
stellt,  dafi  alle  Taten  des  Gotter-Widersachers  -  damit  sich 
die  Taten  der  Gottheit  selber  nur  um  so  starker  an  dem 
Gegenwurfe  ausleben  -  von  der  Gottheit  aufgesogen  wer- 
den,  und  daft  das  Sichausleben  der  Gottheit  nur  um  so  glor- 
reicher  wird  durch  die  Krafle,  welche  der  Widersacher  ent- 
wickelt. 

Bis  tief  in  die  Welt  hinein  verfolgt  Jakob  Bohme  den 
Gedanken,  der  das  Erleben  des  Bewufitseins  ausbreitet  zu 
dem  Welterlebnis  von  dem  Ursprunge  und  Urstand  des 
Bosen.  In  eine  einfache  Formel  bringt  er,  man  kann  nicht 
sagen,  was  er  als  die  Losung  der  Weltenratsel  theoretisch 
gegeben  hat,  sondern  was  er  erlebt  hat,  in  die  Formel:  Kein 
Ja  ohne  ein  Nein,  denn  das  Ja  mufi  sich  an  seinem  Gegen- 
wurfe, an  dem  Nein,  erst  erleben.  «Kein  Ja  ohne  ein  Nein» 
ist  die  einfache  Formel,  in  die  Jakob  Bohme  das  ganze 
Problem  des  Bosen  hineinbrachte. 

Nicht  eine  theoretische  Formel  ist  es,  sondern  es  liegt  in 
dieser  Philosophic  etwas  wie  urspriinglichstes,  elementarstes 
Erleben.  Denn  zu  wissen,  dafi  kein  Ja  ohne  ein  Nein  ist, 
daft  das  Bose  aufgesogen  wird  von  dem  Guten  und  zur 
Weltentwickelung  beitragt,  das  mag  noch  nichts  sein.  Aber 
etwas  anderes  ist  es  noch,  eine  ringende  Seele  zu  sein,  eine 
Seele,  welche  Schmerz  und  Leid,  Versuchungen  und  Ver- 
fiihrungen  erlebt,  und  sich  zu  sagen:  Das  alles  mufi  doch 
da  sein,  und  trotzdem  es  da  ist,  kann  ich  mir  aus  meinem 
nicht  theoretisierenden,  sondern  lebendigen  philosophischen 
Wort  die  Sicherheit  und  den  Trost  und  die  Hoffnung  be- 


reiten,  dafi  das  Beste  in  mir  die  Moglichkeit  finden  wird, 
um  das,  was  nur  der  Gegenwurf,  das  Nein  ist,  durch  das 
Urspriingliche,  durch  den  «Wurf»,  durch  das  Ja  zu  uber- 
winden.  Und  wenn  ich  mich  nodi  so  sehr  in  das  Bose  ver- 
stricke,  und  wenn  der  Lichtstrahl  noch  so  klein  ist,  der  sich 
dariiber  verbreitet:  ich  kann  und  darf  hoffen  auf  Befreiung, 
dafi  nicht  das  Bose,  sondern  das  Gute  in  mir  den  Sieg  da- 
vontragen  werde. 

Wenn  eine  solche  Philosophic  ubergeht  in  Erlosungs- 
gewiftheit,  dann  ist  das  etwas,  was  in  dieser  Art  zwar  mit 
der  Personlichkeit  verkniipft  ist,  aber  mit  diesem  Person- 
lichkeitscharakter  zugleich  allgemeine  menschliche  Bedeu- 
tung  hat.  Wenn  man  dies  auf  seine  Seele  wirken  lafk,  dann 
geht  man  gern  von  dieser  ringenden  Seele,  die  bis  in  die 
kalten  Abstraktionen  des  « Ja»  und  «Nein»  hinaufgeht,  um 
den  warmsten  Seeleninhalt  und  die  warmsten  Seelenerleb- 
nisse  daraus  zu  gewinnen,  dann  geht  man  gern  von  dieser, 
in  ihrer  Weltanschauung  Zuversicht  sich  erringenden  Seele 
iiber  zu  dem  einsamen  Manne  in  Gorlitz,  derkeineGelegen- 
heit  hatte,  eine  Schule  zu  griinden,  denn  diejenige  Zeit, 
welche  die  Menschen  sonst  auf  geistige  Dinge  verwenden, 
mufke  er  dazu  verwenden,  Schuhe  zu  machen.  Abringen 
mufite  er  sich  die  Zeit  zu  seinen  zahlreichen  Werken.  Man 
geht  gern  zu  dem  Menschen,  dessen  Biichern  man  ansieht, 
wie  er  mit  der  Sprache  gerungen  hat,  weil  seine  au£ere  Bil- 
dung  eine  so  geringe  war,  dessen  Lehren  aber  trotzdem  nach 
seinem  Tode  sich  ausbreiteten  und  Ausdehnung  gewannen, 
der  auf  seinem  Schusterstuhle  safi  und  nur  wenig  Freunde 
hatte,  denen  er  sich  mitteilte.  Er  hatte  zwar  Freunde,  an 
welche  er  Briefe  schrieb,  aber  ihre  Zahl  war  nur  gering. 
So  schaut  man  ihn  in  seiner  Einsamkeit  und  bekommt  die 
Empfindung,  als  ob  ein  notwendiger  Zusammenhang  darin 
bestiinde:  wie  man  sich  Giordano  Bruno  nur  denken  kann 


die  Welt  durchwandernd,  von  Land  zu  Land  ziehend,  um 
wie  mit  Posaunenton  etwas  von  der  "Welt  zu  verkiinden, 
wie  man  bei  ihm,  der  auf  die  Mannigf altigkeit  der  Erschei- 
nungen  eingeht,  fuhlt,  dafi  dieses  Wandern  zu  dieser  Welt- 
anschauung gehorte,  so  fiihlt  man  in  dem  anderen  Falle, 
dafi  dieser  einsame  Schuster  etwas  erlebte,  was  nur  so  erlebt 
werden  konnte,  dafi  es  sich  gleichsam  wie  in  einem  einsamen 
Zwiegesprach  mit  den  Geistern  des  Daseins  abspielte,  sich 
abspielte  in  diesem  einsamen  Sehertum,  das  wir  eingangs 
charakterisiert  haben. 

Wenn  wir  so  fuhlen,  dann  wachst  in  uns  die  Empfindung 
gegeniiber  dem,  was  der  Mensch  zur  gemutvollen  Losung 
der  Weltenratsel  braucht:  daft  das  Grofke,  was  der  Mensch 
in  der  Welt  erleben  kann,  unabhangig  ist  von  Ort  und  Zeit, 
nur  gebunden  ist  an  die  Kraft  der  Vertiefung  der  mensch- 
lichen  Seele,  und  dafi  die  Seele  die  grofiten  Weltenwande- 
rungen,  die  Wanderungen  in  die  Geistgebiete,  iiberall  und 
immer  anstellen  kann.  Dann  klingt  uns  aus  Jakob  Bohmes 
Seele  das  entgegen  und  beriihrt  unser  Verstandnis,  was  als 
ein  so  bedeutsames  Wort  seine  Weltanschauung  charakteri- 
siert, wenn  er  sagt: 

Wem  Zeit  wie  Ewigkeit, 
und  Ewigkeit  wie  Zeit, 
der  ist  befreit 
von  allem  Streit. 

Das  charakterisiert  nicht  seine  Weltanschauung  in  theore- 
tischer  Beziehung,  sondern  es  charakterisiert,  was  seine  Welt- 
anschauung wirklich  dadurch  geworden  ist,  dafi  er  ein  so 
ganz  besonderer  Mensch  war.  Haben  wir  doch  hervorheben 
konnen,  dafi  er  durch  seine  ganzeWesenheitintimer  mit  der 
Natur  im  Zusammenhange  stand  als  der  normale  Mensch, 
daft  er  das  Weben  und  Treiben  der  Natur  in  seinen  eigenen 


Seelenerlebnissen  erlebte.  Das  macht,  daiS  wir  eine  gewisse 
Notwendigkeit  in  einer  Bezeichnung  empfmden,  weldie  die 
Freunde  Jakob  Bohmes  diesem  gegeben  haben.  Eine  gliick- 
liche  Bezeichnung  haben  sie  ihm  gegeben.  Denn  bedenken 
wir  einmal:  Als  driiben  im  Morgenlande,  im  Orient,  bereits 
eine  weit  ausgebreitete,  wunderbar  ins  einzelne  gehende 
Wissenschaft  vorhanden  ist,  deren  Weisheit  wir  bewundern, 
v/enn  wir  sie  kennenlernen,  da  finden  wir  auf  mitteleuro- 
paischem  Boden  nodi  die  allereinfachste  Geisteskultur,  fin- 
den, wie  in  alien  Seelen  Mitteleuropas  noch  etwas  lebt  wie 
ein  inniger  Zusammenhang  der  Krafte  in  den  Seelenunter- 
griinden  mit  den  Kraften  der  Natur  und  Naturwesen,  und 
wie  die  Leute  die  Zweige  auf  den  Boden  warfen  und  aus 
den  «Runen»,  die  sich  da  bildeten,  allerlei  Ratsel  sahen  und 
zu  losen  suchten.  «Runenratsell6ser»  waren  diese  Menschen. 
Und  von  alledem,  was  aus  den  Seelen  der  Menschen  in  Ger- 
maniens  Waldern  spricht  von  dem,  was  in  der  Natur  lebt, 
was  durch  die  Baume  rauscht  oder  geheimnisvoli  in  den 
Menschenseelen  selber  lebt,  von  alledem  fiihlen  wir  etwas 
wie  in  Jakob  Bohmes  Seele  wirksam. 

Da  wird  uns  wohl  etwas  in  Jakob  Bohme  begreiflich, 
was  uns  heute  am  schwersten  begreiflich  ware.  Es  ist  nicht 
erzwungen,  wenn  man  neben  den  Runenratselloser,  der  aus 
den  auf  den  Boden  geworfenen  Zweigen  allerlei  Ratsel 
lost  und  die  Oflfenbarungen  der  Gottheit  selber  erkennen 
will,  wenn  man  daneben  hinstellt,  wie  Jakob  Bohme  aus 
seiner  Verwandtschaft  mit  dem  Sprachgefiihl  zum  Beispiel 
dieSilben  «sul»  und  «phur»  runenartig  hinstellt  und  daraus 
Weltenratsel  losen  will.  Da  erscheint  er  uns  wie  ein  letzter 
Sprofi  aus  Germaniens  Waldern,  und  wir  begreif  en,  warum 
seine  Freunde  ihm  den  Namen  «Philosophus  teutonicus» 
gegeben  haben.  Das  schliefit  aber  seine  Bedeutung  fur  die 
kommenden  Zeiten  ein. 


Wir  blicken  auf  ihn  hin,  wie  er  mit  dem  Aufregendsten 
gerungen  hat,  das  in  die  menschliche  Seele  hereinspielen 
kann,  wie  er  in  diesem  Ringen  zum  Frieden  gekommen  ist, 
und  wie  die  letzten  Worte  von  ihm:  «Nun  fahr  ich  hin  ins 
Paradies»,  die  Besiegelung  der  Seelenkonsequenz,  der  Seelen- 
praxis  waren.  Das  ist  es,  was  ihn  zum  Frieden  der  Seele 
gefiihrt  hat.  Ein  Hauch  des  Glaubens  lebt  in  alien  seinen 
Biichern,  und  von  diesem  Gesichtspunkte  aus  wird  Jakob 
Bohme  fur  uns  und  fur  alle  Zeiten  Bedeutung  haben  kon- 
nen.  Fur  das,  was  er  der  Seele,  wenn  sie  sich  in  ihn  einlebt, 
fur  die  praktische  Lebenskonsequenz  einer  Philosophic 
wirklich  sein  kann,  wird  dieser  «Philosophus  teutonicus» 
immer  tonangebend  sein. 

Seine  Gegner  nehmen  sich  manchmal  recht  sonderbar  aus, 
angefangen  vom  Jahre  1684,  als  die  erste  starkere  Gegen- 
schrift  gegen  Jakob  Bohme  von  Calov  erschienen  ist,  bis  in 
unsere  Zeit,  wo  wir  im  vorigen  Jahrhundert  auch  eine  Schrift 
gegen  Jakob  Bohme  von  einem  Leipziger  Gelehrten,  Dr. 
Harles,  haben.  Recht  sonderbar  erscheint  es,  wie  Harles 
zeigen  will,  dafi  Jakob  Bohme  doch  weiter  nichts  als  alte 
alchimistische  Dinge  auf  warm  te,  und  dann  sagt:  nachdem 
er  sich  oft  tagelang  gequalt  hat,  so  Jakob  Bohme  hinzu- 
stellen,  da  war  er  oft  froh,  wenn  er  abends,  nachdem  er  sich 
des  Tages  iiber  so  mit  Jakob  Bohme  befassen  mufite,  an 
Matthias  Claudius  herantreten  konnte,  um  in  seinen  Wor- 
ten  Erholung  und  Erbauung  zu  finden;  und  er  wiinscht  auch 
seinen  Lesern,  da£  sie  sich  nicht  von  den  gleiEenden  und 
glimmernden  Formeln  JakobBohmes  beriicken  lassen  moch- 
ten,  sondern  dafi  auch  sie  ihre  Zuflucht  zu  dem  einfachen 
und  naiven  Matthias  Claudius  nehmen  mochten,  der  solches 
der  Seele  gibt,  dafi  die  Seele  ihr  Heil  nicht  zu  suchen  braucht 
im  Aufschwunge  zu  den  hochsten  Hohen  des  geistigen  Le- 
bens.  Mag  nun  sein,  dafi  jener  Dr.  Harles,  der  Widersacher 


von  Jakob  Bohme,  zu  Matthias  Claudius  seine  Zuflucht 
nehmen  mufke,  um  von  den  gleifienden,  hochfliegenden 
Formeln  Jakob  Bohmes  abzukommen,  und  dafi  er  bei  Clau- 
dius Ruhe  finden  konnte  gegeniiber  dem  SichbeschafKgen 
mit  Jakob  Bohme.  Einen  sonderbaren  Eindruck  macht  es 
nur  bei  einem,  der  es  weifi,  daJS  Matthias  Claudius  selber, 
nachdem  er  das  geleistet  hatte,  was  Dr.  Harles  bei  ihm  fin- 
det,  seinerseits  seine  Zuflucht  suchte  bei  jemandem,  der 
Jakob  Bohme  nicht  nur  kannte,  sondern  ihn  sogar  iibersetzt 
hat  -  bei  Saint  Martin,  der  wieder  ein  getreuer  Schiiler  von 
Jakob  Bohme  war!  So  ist  es  sehr  gut,  wenn  man  nicht  nur 
weifl,  woran  Dr.  Harles,  der  Gegner  Jakob  Bohmes,  Erbau- 
ung  sucht,  sondern  wenn  man  audi  weifi,  woran  wieder 
Matthias  Claudius  seine  Erbauung  suchte! 

Aber  die  Weltanschauung  Jakob  Bohmes  ist  eine  solche, 
die  geeignet  ist,  iiber  die  Widerspriiche  hinauszufuhren, 
wenn  man  nur  nicht  bei  ihr  stehenbleibt.  Die  ganze  Natur 
der  hier  gehaltenen  Vortrage  hat  ja  gezeigt,  dafi  wir  inner- 
halb  der  hier  vertretenen  Weltanschauung  nicht  bei  irgend- 
einer  Erscheinung  stehenbleiben  sollen,  sondern  dafi  erfafk 
werden  soli,  was  von  der  geistigen  Welt  unmittelbar  aus 
unserer  eigenen  Zeit  heraus  erfafit  werden  kann.  Gewifi 
bleibt  Jakob  Bohme  eine  bedeutende  Personlichkeit,  ein 
Stern  erster  Grofie  amGeisteshimmel  der  Menschheit,  stehen- 
bleiben wird  niemand  bei  ihm.  Daher  sind  auch  die  Dar- 
stellungen,  die  heute  iiber  Geisteswissenschafl  gegeben  wer- 
den, durchaus  nicht  vom  Standpunkte  Jakob  Bohmes  aus 
gehalten,  sondern  von  dem  unserer  Zeit,  und  es  soli  auch 
das  nachstemal  gezeigt  werden,  was  ein  ganz  moderner 
Geist  zu  sagen  hat.  Aber  Jakob  Bohme  wird  noch  inter- 
essanter,  wenn  wir  uns  in  seine  in  Einf  altigkeit  und  Ein- 
samkeit  aufrechtstehende,  mit  der  Seele  in  die  hochste 
Region  des  Hellsehens  entfliehende  Geistesart  versetzen, 


und  wenn  wir  finden,  wie  diese  Geistesart  Frieden  uber 
Jakob  Bohmes  Seele  ausbreiten  konnte,  der  von  alien  nach- 
empfunden  werden  kann,  die  sich  verstandnisvoll  oder 
wenigstens  Verstandnis  suchend  Jakob  Bohme  nahen.  Des- 
halb  werden  audi  nicht  Verstandes-Charakteristiken  an 
Jakob  Bohme  heranfuhren,  sondern  nur  solche,  welche  nach- 
zufuhlen  versuchen,  was  einMensch  wie  Jakob  Bohme  fiihlte, 
was  sich  ausgoE  wie  zum  Beispiel  schon  in  die  angefuhrten 
vier  bedeutungsvollen  Zeilen.  Dann  nur  werden  die  Worte, 
mit  denen  ich  Jakob  Bohme  zu  charakterisieren  versuchte, 
ihre  Bedeutung  gewinnen  konnen,  wenn  die  Anwesenden 
fuhlen,  dafi  sie  nicht  gesagt  waren,  urn  in  einer  Theorie 
oder  theoretischen  Charakteristik  Jakob  Bohmes  zu  gipfeln, 
sondern  darin,  dafi  im  unmittelbaren  Gegeniiberstehen  der 
Personlichkeit  Jakob  Bohmes  von  dieser  etwas  ausstromt  - 
und  um  so  warmer  und  intensiver  ausstromt,  je  mehr  wir 
sie  kennenlernen  — ,  was  das  Gesagte  zusammenschliefien 
kann  in  einem  seinen  Frieden,  seine  Ruhe  bezeichnenden 
Worte: 

Wem  Zeit  wie  Ewigkeit, 
und  Ewigkeit  wie  Zeit, 
der  ist  befreit 
von  allem  Streit. 


DIE  WELTANSCHAUUNG  EINES 
KULTURFORSCHERS  DER  GEGENWART, 
HERMAN  GRIMM, 
UND  DIE  GEI STESFORSCHUNG 

Berlin,  16.Januar  1913 


Es  konnte  leicht  scheinen,  als  ob  das,  was  hier  als  Geistes- 
wissenschaft vertreten  wird,  innerhalb  des  gegenwartigen 
Kulturlebens  ganz  isoliert  dastehe  und  keine  Beziehung  zu 
demjenigen  hatte,  was  sonst  im  Geistesleben  der  Gegenwart 
herrscht  und  in  einer  gewissen  Beziehung  tonangebend  ist. 
Das  kann  aber  nur  dem  so  erscheinen,  welcher  in  einer  ge- 
wissen engherzigen  Weise  diese  Geisteswissenschaft  oder 
Geistesforschung  auffafit  und  in  ihr  nichts  anderes  sieht 
als  eine  Summe  von  gewissen  Lehren  und  Theorien.  Wer 
aber  in  ihr  eine  geistige  Stromung  sieht,  die  in  sich  alles 
aufnehmen  will,  wozu  das  Geistesleben  aus  den  nun  einmal 
heute  zu  eroffnenden  Quellen  fiihrt,  der  wird  gewahr  wer- 
den,  dafi  von  dieser  geistigen  Stromung  aus  sich  die  Linien 
zu  mandierlei  Richtungen  des  modernen  Geisteslebens  hin 
Ziehen  lassen,  und  dafi  diese  Geisteswissenschaft  genannte 
Art  der  Lebensbetrachtung  anwendbar  ist  auf  andere,  ihr 
mehr  oder  weniger  nahestehende  geistige  Richtungen.  Von 
einer  solchen  geistigen  Richtung  soil  heute  die  Rede  sein, 
von  einer  geistigen  Richtung,  die  uns  durch  eine  markant 
hervortretende  Personlichkeit  des  modernen  Geisteslebens 
reprasentiert  werden  kann,  durch  den  modernen  Kultur- 
und  Kunstforscher  Herman  Grimm. 

Herman  Grimm,  der  1828  geboren  und  1901  gestorben 
ist,  erscheint  in  der  Tat  wie  ein  ganz  besonders  ausgepragter 


Typus  des  modernen  Geisteslebens  auf  der  einen  Seite,  und 
doch  wiederum  so  individuell  eigenartig,  so  als  eine  be- 
sondere  Gestalt  dastehend,  dafi  sich  an  diese  Personlichkeit 
gerade  die  heutige  Betrachtung  ganz  besonders  gut  ankniip- 
fen  lalk.  Herman  Grimm  erscheint  demjenigen,  der  sich 
mit  ihm  beschaftigt  hat,  wie  eine  Art  Vermittlungsglied 
zwischen  jenem  Geistesleben  der  neueren  Zeit,  das  mit  dem 
Namen  Goethe  zusammenhangt,  und  unserem  eigenen 
modernen  Geistesleben. 

Auf  eine  ganz  besondere  Art  hangt  Herman  Grimm 
mit  alledem  zusammen,  was  an  den  Namen  Goethe  ange- 
kniipft  werden  kann,  durch  seine  Vermahlung  mit  derToch- 
ter  der  jenigen  Personlichkeit,  welche  dem  Goetheschen  Kreise 
so  nahestand,  der  Schwester  des  romantischen  Dichters 
Brentano,  Bettina  Brentano.  Mit  ihr  war  also  Herman 
Grimm  verwandt,  sie  war  seine  Schwiegermutter,  jene 
Bettina  Brentano,  welche  den  merkwiirdigen  Briefwechsel 
Goethes  mit  einem  Kinde  herausgegeben  hat,  jene  Bettina 
Brentano,  von  welcher  jenes  einzigartige  Denkmal  Goethes 
herriihrt,  wo  wir  Goethe  dasitzen  sehen,  wie  ein  Olympier 
thronend,  ein  Musikinstrument  in  der  Hand,  in  die  Saiten 
eingreifend  ein  Kind,  in  welchem  sich  Bettina  Brentano 
selber  darstellte.  Wie  ein  Kind  kam  sich  diese  aus  dem 
Frankfurter  Kreise  La  Roche  stammende  Personlichkeit  vor 
in  ihren  Beziehungen  zu  Goethe,  und  aufgehen  konnte  sie 
in  Goethes  Geist  wie  nur  wenige.  Und  wenn  audi  so  man- 
cher  in  den  Briefen,  die  Bettina  Brentano  mitteilt,  etwas 
Ungenaues  findet,  Dichtung  und  Wahrheit  bunt  durchein- 
andergemischt,  so  mulS  man  doch  sagen:  alles,  was  wir  in 
diesem  merkwiirdigen  Buche  «Goethes  Briefwechsel  mit 
einem  Kinde»  haben,  ist  innig  herausgewachsen  aus  Goethes 
Geistesart,  gibt  uns  in  einer  ganz  wunderbaren  Weise  ein 
Echo  dieser  Goetheschen  Geistesart.  Vermahlt  war  Bettina 


Brentano  wiederum  mit  dem  Dichter  Achim  von  Arnim, 
der  bei  der  Herausgabe  der  wunderschonen  Volksdichtungs- 
sammlung  «Des  KnabenWunderhorn»  beteiligt  war.Durch 
die  Verwandtschaft  mit  diesem  Kreise  -  wie  gesagt,  Her- 
man Grimms  Frau,  Gisela  Grimm,  war  eine  Tochter  von 
Bettina  Brentano  oder  Bettina  von  Arnim  -  durdi  diese 
Verwandtschaft  war  Herman  Grimm  von  Jugend  auf  so- 
zusagen  inmitten  von  Personlichkeiten  aufgewachsen,  die 
Goethe  durchaus  nahestanden,  die  zu  ihm  in  all  das,  was 
er  in  seiner  Erziehung  aufnahm,  etwas  heriibertrugen  wie 
einen  personlichen  und  unmittelbar  elementaren  geistigen 
Hauch  Goethes.  So  fiihlte  sich  audi  Herman  Grimm  von 
Jugend  auf  dazugehorig  zu  all  denen,  die  Goethe  noch  per- 
sonlich  nahestanden,  trotzdem  er  ja  bei  Goethes  Tod  ein 
Kind  war.  Und  nicht  wie  einer,  der  Goethe  und  den  Goethea- 
nismus  «studiert»  hat,  stand  Herman  Grimm  da,  sondern 
wie  einer,  der  das  Goethe- Wesen,  der  Goethes  ganze  leben- 
dige  Zauberkrafl  und  Goethes  ganzes  lebendiges  Mensch- 
heitswesen  unmittelbar,  elementar,  personhch  in  sich  auf- 
genommen  hatte. 

So  durchlebte  denn  Herman  Grimm  mit  innigem  Anteil 
die  Entwickelung  des  deutschen  Lebens  in  den  mittleren 
Jahrzehnten  des  neunzehnten  Jahrhunderts.  Er  durchlebte 
es  so,  dafi  er  sich  gewissermafien  sein  eigenes  Reich  inner- 
halb  dieses  deutschen  Lebens  begriindete.  Man  kann  ihn 
einen  Geist  nennen,  der  in  individuellster  Art  iiberall  auf  das- 
jenige  losging,  was  gerade  f iir  ihn  anregend  war,  was  f rucht- 
bar  war  fiir  die  Entwickelung  seiner  eigenen  Geisteskrafle. 
Dadurch  gliederte  sich  fiir  Herman  Grimm  aus  dem  ganzen 
Umf  ange  des  Kulturlebens  das  heraus,  was  ihm  angemessen 
war:  ein  geistiges  Reich,  in  welchem  er  sich  heimisch  fiihlte. 
Innerhalb  dieses  geistigen  Reiches,  in  welchem  sich  Herman 
Grimm  heimisch  fiihlte,  erkannte  er  sich  gewissermafien  als 


den  geistigen  Statthalter  Goethes  an.  Ihm  erschien  Goethes 
Geist  wie  ein  fortlebendes  Wesen.  Und  wo  er  die  Strome 
desjenigen  aufsuchte  und  auf  sidi  wirken  liefi,  was  ihm  im 
Geistesleben  konform  war,  da  war  es  immer  mehr  oder 
weniger  das  Goethesche  Wesen,  das  er  nicht  nur  gewahr  zu 
werden  suchte,  sondern  das  ihm  Mafistab  wurde  bei  allem, 
was  ihm  im  Geistesleben  entgegentrat. 

Es  waren  Jahrzehnte  eines  Ringens  des  deutschen  Kultur- 
lebens,  die  Herman  Grimm  durchlebte.  Jahrzehnte  waren 
es,  in  denen  nach  Goethes  Tode  das  Goethe- Wesen  ziemlich 
zuruckging,  in  denen  man  sich  um  so  viele  andere,  man 
mochte  sagen  mehr  den  unmittelbaren  Tag  beriihrende 
Dinge  zu  kiimmern  hatte,  als  um  die  Stromungen,  die  von 
Goethe  ausgingen.  In  jener  Zek,  in  der  es  von  vielen  an- 
deren  Dingen  innerhalb  Deutsclilands  recht  laut,  von  Goethe 
aber  etwas  still  geworden  war,  betrachtete  s£ch  wohl  Her- 
man Grimm  durch  den  unmittelbaren  Zusammenhang  mit 
dem  Goethe- Wesen  als  einen  Menschen,  der  audi  still  in 
sich,  aber  lebendig,  das  Goethesche  Wesen  zu  pflegen  und 
es  hinuberzutragen  hatte  in  emeZeit,  von  welcher  er  eigent- 
lich  sicher  hoffte,  daft  sie  kommen  werde,  eine  Zeit,  in  wel- 
cher  der  Stern  Goethes  wieder  lebendiger  am  europaischen 
Geisteshimmel  aufieuchten  sollte. 

So,  wie  Herman  Grimm  sich  gewissermafien  als  den  gei- 
stigen Statthalter  Goethes,  seines  geistigen  Reiches,  betrach- 
tete, so  war  Herman  Grimm  auf  eine  naturgemafie  Weise 
in  seinem  ganzen  Handhaben  des  geistigen  Lebens,  in  der 
ganzen  Art  und  Weise,  wie  er  sich  zu  geistigen  Dingen 
stellte,  etwas  eigen.  Es  war  ihm  etwas  eigen  wie  einem 
geistigen  Fursten,  und  man  fand  es  naturlich,  ihn  so  ge- 
wissermafien  als  einen  geistigen  Fursten  anzuschauen.  Bis 
in  die  aufiere  Gestalt,  in  die  Physiognomie,  bis  in  die  Geste 
und  in  sein  ganzes  Auftreten  hinein  hatte  er  etwas  von 


einem  geistigen  Fursten.  Und  man  darf  sagen:  Wenn  man 
audi  sozusagen  nicht  gewohnt  war,  in  dieser  Beziehimg  zu 
einer  Personlichkeit  wie  zu  einer  <<furstlichen>>  aufzusehen, 
so  zwang  einem  Herman  Grimms  ganze  Art  etwas  auf, 
ihm  den  eben  gekennzeichneten  Rang  zuzuerkennen.  So 
gedenke  ich  nodi  mit  einem  lieben  Gedanken  an  ein  Zu- 
sammensein  mit  Herman  Grimm  in  Weimar,  wohin  er  so 
oft  und  so  gern  kam.  Er  hatte  mich  damals  als  einzigen 
Gast  zu  einem  Mittagsmahl  eingeladen.  Wir  sprachen  uber 
versdiiedenes,  was  ihn  beriihrte.  Wir  spradien  audi  —  und 
es  war  fur  mich  befriedigend,  dafi  er  dieses  Gesprach  mit 
mir  fiihren  wollte  -  uber  seine  umfassenden  geistigen 
Lebensplane.  Und  als  eine  gewisse  Zeit  nadi  dem  Mittag- 
essen  vergangen  war,  da  sagte  er,  in  seiner  Eigenart  humo- 
ristisch  zwar,  aber  dodi  wiederum  natiirlich,  so  dafi  man  es 
von  ihm  hinnahm  wie  eben  etwas  Nadir liches:  «Nun,  mein 
lieber  Doktor,  jetzt  will  ich  Sie  in  Gnaden  entlassen!»  Es 
war  tatsachlich  etwas,  was  mir  damals  ganz  den  Eindruck 
der  Selbstverstandlichkeit  machte,  weil  Herman  Grimms 
Auftreten  eben  so  war,  dafi  man  ihm  eine  gewisse  geistige 
Furstlichkeit  zugestand. 

So  etwas  tragt  das  ganze  Lebenswerk  Herman  Grimms 
an  sich.  Man  kann  keine  seiner  grofteren  oder  kleineren 
Schriften  auf  sich  wirken  lassen,  ohne  dafi  man,  wahrend 
diese  auf  der  einen  Seite  so  wunderbar  harmonischen  und 
auf  der  anderen  Seite  wieder  so  pragnant  gebauten  Satze 
in  die  Seele  einfliefien,  daneben  die  Empfindung  hat:  das 
alles  wirkt  so  auf  die  Seele,  die  sich  ihm  hingibt,  wie  wenn 
immer  die  Personlichkeit  des  Autors  dahinterstiinde,  einen 
anschaute  und  mit  ungeheuer  seelenvollem,  personlichem 
Anteil  einem  das  in  die  Seele  schickte,  was  sie  einem  zu 
sagen  hat.  Das  macht  das  ganz  wunderbare,  seelisch  Tonende 
in  Herman  Grimms  Schriften  aus,  dafi  sie  alliiberall  in 


dieser  schonsten  Art  der  Ausflufi  seiner  ganzen  seelenvollen 
Personlichkeit  sind  und  unmittelbar  audi  so  wirken.  Sein 
ganzer  Stil  erhalt  allerdings  dadurch  den  Charakter  eines 
gewissen  berechtigten  vornehmen  Pathos.  Aber  dieses  vor- 
nehme  Pathos  wird  eben  iiberall  durch  das  personliche  Ele- 
ment, das  man  daraus  hervorbrechen  fiihlt,  gemildert.  Man 
nimmt  diesenStil  trotz  seiner  Vornehmheit  als  etwas  Selbst- 
verstandliches  hin,  und  man  f  iihlt  ihm  iiberall  an,  dafi  er  seine 
Herkunft  von  der  innigen  Aufnahme  Goethescher  Geistes- 
elemente  hat,  fiihlt  aber  audi,  dafi  diese  Herkunft  nicht  das 
einzige  ist.  Man  fiihlt,  dafi  das  Goethesche  Element  durch- 
gegangen  ist  durch  das  romantische  Wesen  der  deutschen 
Geistesentwickelung.  Ein  gewisses  Losgelostsein  von  allem, 
was  man  im  breitesten  Sinne  das  Alltagliche,  Volkstiimliche 
nennen  kann,  ein  Zuriickgezogensein  in  eine  einzelne  Per- 
sonlichkeit, ein  ganz  individuelles  Wesen,  eine  ganz  indivi- 
duelle  Art  verspiiren  wir  in  dem  Stile  Herman  Grimms. 

Vielleicht  wurde  diese  Richtung  im  Geiste  Herman 
Grimms  zu  einer  gewissen  Einseitigkeit  haben  fuhren  kon- 
nen,  wenn  nicht  eine  andere  Stromung  bei  ihm  mitgewirkt 
hatte,  die  ihn  wieder  so  innig  verbunden  hat  mit  allem 
Volkstumlichen,  die  ihn  hat  Wurzel  schlagen  lassen  tief 
hinein  in  den  Geist  alles  Volkstumlichen.  Denn  Herman 
Grimm  selber  war  ja  der  Sohn  Wilhelm  Grimms  und  der 
Neife  Jacob  Grimms.  Das  sind  die  beiden  Manner,  welche 
die  deutsche  Sprachforschung  in  der  neuzeitlichen  Art  be- 
griindet  haben,  die  Manner,  die  jene  mittlerweile  so  tief  in 
das  deutsche  Geistesleben  hineingedrungenen  deutschen 
Marchen  gesammelt  haben,  jene  Manner,  die  hingehorcht 
haben  auf  das,  was  die  einfachen  Menschen  aus  dem  Volke 
erzahlten  an  Sagen  und  Marchen;  Sagen  und  Marchen,  die 
durch  lange  Jahrhunderte  hindurch  im  einfachsten  Volks- 
gemiit  gelebt  hatten,  die  fast  vergessen  waren,  nur  durch 


einzelne  wenige  hinauf getragen  in  die  neuere  Zeit,  die  aber 
heute  wieder  leben,  weil  sie  zu  dieser  Wiederbelebung  ge- 
bracht  worden  sind  durch  die  Briider  Grimm. 

Wenn  so  Herman  Grimm,  trotz  seiner  Vornehmheit  im 
Stile  in  allem,  was  von  ihm  kommt,  wieder  etwas  zeigt  von 
Verwachsensein  mit  allem  Volkstumlichen,  so  miissen  wir 
nodi  etwas  hervorheben,  was  eine  vielleicht  sonst  zur  Ein- 
seitigkeit  gewordene  Geistesrichtung  harmonisch  mit  einer 
anderen  Stromung  verbindet,  so  dafi  uns  alles  in  ihm  wie 
eine  Art  innerer  harmonischer  Totalitat  erscheint.  Haben 
wir  doch,  wenn  wir  Herman  Grimm  auf  uns  wirken  lassen, 
in  seinem  ganzen  Stile  etwas  wie  eine  gewisse  Weichheit, 
wie  eine  Anschmiegbarkeit  an  alle  dieGeisteserscheinungen, 
in  die  er  sich  im  Verlaufe  seines  Lebens  vertiefl  hat.  Ein  Iso- 
liertsein  als  Mensch  ist  notwendig,  wenn  man  sich  so  in  die 
geistigen  Erscheinungen  und  geistigen  Tatsachen  von  man- 
cherlei  Jahrhunderten  vertiefen  will.  Diese  Weichheit  be- 
kommt  aber  wieder  in  Herman  Grimm  ihr  Skelett,  ihre 
Harte  durch  ein  anderes,  das  in  seine  Erziehung  eingeflossen 
ist:  gehorten  ja  doch  sein  Vater  und  sein  Oheim  zu  jenen 
«G6ttinger  Sieben»,  welche  im  Jahre  1837  gegen  die  Auf- 
hebung  der  Verfassung  ihres  Landes  ihren  Protest  einge- 
reicht  haben  und  deshalb  von  der  Universitat  Gottingen 
entfernt  worden  sind.  So  erlebte  Herman  Grimm  schon  als 
Knabe  eine  Tat  seltener  Art  und  erlebte  diese  Tat  mit  man- 
cherlei  Folgen.  Denn  gar  mancherlei  Folgen  gab  es  fur  Vater 
und  Oheim  auch  im  alltaglichen  Leben  dadurch,  dafi  sie 
nicht  nur  Stellung,  sondern  auch  Brot  damals  verloren 
hatten.  Und  Herman  Grimm  hat  es  oft  hervorgehoben,  wie 
er  mit  den  Impulsen  des  geschichtlichen  Werdens  schon  da- 
mals als  neunjahriger  Knabe  in  Beziehung  getreten  ist, 
nicht  durch  das  «Buch»,  sondern  durch  eine  bedeutsame 
historische  Tat. 


So  steht  Herman  Grimm  als  Personlichkeit  vor  uns.  Wie 
eine  Art  von  Trager  des  Goethe- Wesens  kam  er  sich  wohl 
vor  in  der  Zeit,  als  es  von  diesem  Goethe- Wesen  in  Deutsch- 
land  stille  geworden  war  und  man  sich  anderen  Dingen  zu- 
gewendet  hatte,  Aber  er  erlebte  es,  dafi  dieses  Goethe- Wesen 
wieder  auflebte,  und  dafi  er  selber  mancherlei  beitragen 
konnte  zur  Wiederbelebung  dieses  Goethe- Wesens.  Er  er- 
lebte es,  dal$  er  im  Beginne  der  siebziger  Jahre  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts  seine  beriihmten  «  Goethe- Vor  lesun- 
gen»  an  der  Berliner  Universitat  halten  konnte,  jene  Goethe- 
Vorlesungen,  die  audi  in  seinem  bedeutsamen  Goethe-Buch 
vorliegen.  Und  was  ist  dieses  Goethe-Buch  fur  ein  Buch! 
Wer  es  als  junger  Mensch  in  die  Hand  bekommt  und  sich 
in  der  rechten  Weise  zu  ihm  zu  stellen  vermag,  der  darf 
ohne  Zweifel  im  spateren  Leben  davon  als  von  etwas  Be- 
deutsamem  sprechen.  Und  so,  wie  es  eben  ausgesprochen 
worden  ist  in  diesem  Buch,  so  steht  Herman  Grimm  vor 
uns  als  einer,  der  sich  zu  Goethe  zu  stellen  vermag,  wie 
einer,  der  eingedrungen  ist  in  die  verschiedenen  Veraste- 
lungen  des  Goetheschen  Seelenlebens.  So  entwickelt  er  Werk 
fur  Werk  dasjenige,  was  durch  Goethes  eigene  Seele  gezogen 
ist,  wahrend  Goethe  an  diesen  Werken  geschaffen  hat. 

Da  konnen  wir  nun  Herman  Grimm  belauschen,  wie  er 
eine  solche  Personlichkeit,  wie  es  ihm  Goethe  war,  be- 
trachtete.  Da  ist  nichts  von  kleinlicher  Biographensucht,  da 
ist  nichts  von  Aufstobern  von  allerlei  mehr  oder  weniger 
gleichgiiltigen  Lebensziigen.  Da  ist  aber  doch  wieder  eine 
Vertiefung  in  alles  das  in  Goethes  Leben,  was  fur  Goethes 
Seelenentwickelung  von  Bedeutung  und  Wichtigkeit  war. 
Da  ist  das  Bestreben,  zu  verfolgen:  wie  wirkt  das,  was  bei 
Goethe  Erlebnis  war,  was  in  seiner  Seele  wirkte  und  lebte, 
wie  gestaltet  sich  das  um,  so  dafi  es  Formen  annimmt,  dafi 
es  Bild  wird,  da£  es  ein  Geschopf  der  Goetheschen  Phan- 


tasie  wird,  und  Goethe  selber  dann,  alles  vergessend,  was 
die  Sadie  blofi  im  Leben  war,  ganz  auf  geht  in  jenem  Neuen, 
das  in  der  Phantasie-Schopfung  aus  dem  Erlebnis  geworden 
ist,  in  der  Phantasie-Schopfung,  die  selber  nun  Erlebnis  ist? 

So  hebt  sich  bei  jeder  Betrachtung  eines  Goethe- Werkes 
durch  Herman  Grimms  Darstellung  Goethe  in  seinen  Er- 
lebnissen  um  eine  Stufe  hoher,  hebt  sich  unmittelbar  hinein 
in  eine  Sphare  des  reinen  geistigen  Anschauens.  Wie  Goethe 
von  seinem  Leben  hinaufstieg  in  geistiges  Erfahren  und  gei- 
stiges  Dasein,  das  zeigt  Herman  Grimm  an  jedem  einzelnen 
der  Goethe- Werke.  Und  wir  machen  mit  ihm  diesen  Gang, 
den  er  durchmacht,  immer  deshalb  so  gern  mit,  weil  nir- 
gends  bei  Herman  Grimm  etwas  eintritt,  was  so  leicht  bei 
einer  solchen  Darstellung  kommen  kann:  dafi  gleichsam  eine 
einzelne  Seelenkraft,  der  Verstand  oder  die  Phantasie,  mit 
dem  Betrachter  durchgeht,  und  man  sich  dann  nicht  mehr 
im  Zusammenhange  fuhlt  mit  dem  unmittelbaren  Leben. 
Nein,  Herman  Grimm  geht  nie  weiter,  aber  immer  so  weit, 
als  er  als  unmittelbar  personliche  Individuality  selber  gehen 
kann,  und  dabei  das  ganze  Werk  verfolgen  kann.  Zum 
Schlusse  fuhlt  man  sich  iiberall,  wenn  Herman  Grimm 
einen  bis  zu  dem  Punkte  gefuhrt  hat,  wo  aus  dem  Goethe- 
schen  Erlebnis  das  Werk  geworden  ist,  in  rein  geistiges 
Leben  entruckt.  Goethe  wird  einem  ein  Wesen,  dessen  In- 
halt  rein  geistig  ist,  eine  Summe  von  rein  geistigen  Impulsen. 
Dieser  Hauch  des  Geistigen  breitet  sich  iiber  alle  Darstel- 
lung in  dem  Goethe-Buche  Herman^rimms  aus. 

Was  Herman  Grimm  so  auf  Goethe  anwandte,  das  wur- 
zelte  nun  tief  in  der  ganzen  Geistesart  Herman  Grimms. 
Wohl  langst,  als  er  in  jene  Betrachtungen  eintrat,  die  sich 
ihm  zu  seinen  «Goethe-Vorlesungen»  rundeten,  stand  schon 
vor  ihm  eine  grofie,  kolossale  Idee,  die  Idee,  das  abend- 
landische  Geistesleben  im  ganzen  so  zu  betrachten,  wie  er  es 


individuell  in  bezug  auf  Goethe  betrachtet  hat.  Die  Idee 
stand  vor  ihm,  drei  Jahrtausende  des  abendlandischen  Gei- 
steslebens  so  zu  verfolgen,  dafl  sich  iiberall  zeigt,  wie  die 
alltaglichen,  in  der  physischen  Welt  bestehenden  Ereignisse 
und  Tatsachen  ihren  eigentlichen  Wert  dadurch  erhalten, 
daft  sie  durch  Menschensinn  und  Menschengeist  in  dasjenige 
umgewandelt  werden,  was  die  menschlidie  Seele  erlebt, 
wenn  sie  bis  ins  Reich  dessen  hinaufsteigt,  was  nun  Herman 
Grimm  «die  schopferische  Phantasie»  nannte.  So  wurde 
denn  Herman  Grimm  ein  Geschichtsbetrachter  ganz  eigener 
Art.  Fiir  ihn  war  Geschichte  gewissermafkn  etwas  ganz 
anderes  als  fiir  alle  anderen  modernen  Geschichtsbetrachter. 

Geschichte  wird  ja  gewohnlich  so  studiert,  dafi  man  die 
Dokumente,  die  Materialien  sammelt  und  dann  aus  diesen 
Materialien  heraus  ein  Bild  der  Menschheitsentwickelung 
zu  geben  versucht.  Fiir  Herman  Grimm  waren  Materialien, 
waren  auftere  Tatsachen  zwar  ungeheuer  wichtig,  aber 
durchaus  nicht  die  Hauptsache.  Er  hat  sich  oftmals  den  Ge- 
danken  durch  die  Seele  gehen  lassen:  Konnte  es  denn  nicht 
sein,  dafi  fiir  irgendeine  Zeitepoche  gerade  die  allerwich- 
tigsten  Dokumente,  welche  die  entscheidenden  sind,  wenn 
man  die  Impulse  der  Zeit  studieren  will,  spurlos  verschwun- 
den  sind,  verlorengegangen  sind,  so  dafi  man  gerade,  wenn 
man  die  Dokumente  am  genauesten,  am  treuesten  ins  Auge 
fafit,  am  allermeisten  an  der  Wahrheit  vorbeigeht?  -  Des- 
halb  war  er  davon  iiberzeugt,  dafi  derjenige,  welcher  sich 
am  treuesten  an  aufiere  Dokumente  halt,  im  geringsten 
Sinne  ein  treues  Bild  der  Menschheitsentwickelung  geben 
kann.  Nur  ein  gefalschtes  Bild  der  Menschheitsentwicke- 
lung, so  meinte  Herman  Grimm,  konnte  herauskommen, 
wenn  man  sich  an  auftere  Dokumente  halt. 

Aber  etwas  anderes  ist  im  Geistesleben  der  Menschheit 
aufgetreten:  dasjenige,  was  aufierlich  geschehen  ist,  was  als 


aufiere  Tatsadien  sich  abgespielt  hat,  das  ist  in  den  geeig- 
neten  Individualitaten  zu  einer  geistigen  Wiedergeburt  ge- 
kommen,  das  hat  sich  ausgelebt  in  denjenigen  Personlich- 
keken,  die  es  kiinstlerisch  umgestaltet  haben,  die  es  geistig 
verwertet  haben.  So  blickte  etwa  Herman  Grimm  hin  zum 
Beispiel  auf  die  griechische  Zeit.  Er  sagte  sich:  Gar  man- 
cherlei  Dokumente  sind  iiber  diese  griechische  Zeit  vor- 
handen.  Aus  diesen  Dokumenten  ist  nur  im  uneigentlichen 
Sinne  etwas  zu  gewinnen  fiir  das  Verstandnis  des  Wesens 
des  Griechentums.  Aber  was  die  Griechen  erlebt  haben,  das 
hat  seine  Wiedergeburt  gefunden  in  den  Werken  der  grie- 
chischen  Kunst,  das  hat  seine  Wiederbelebung  erfahren  in 
einzelnen  griechischen  Personlichkeiten.  Vertieft  man  sich 
in  sie,  lafit  man  das  Griechentum  durch  das  Medium  der 
Personlichkeit  auf  sich  wirken,  dann  hat  man  ein  treueres 
Bild  dieses  Griechentums  als  wenn  man  nur  die  Tatsachen 
aulSerlichzusammenstellt.-Und  so  verschwanden  fiir  Her- 
man Grimm  gleichsam  diese  Tatsachen  selber.  Man  mochte 
sagen,  sie  schmolzen  ab  von  seinem  Weltbilde,  und  was  in 
seinem  Weltbilde  zuriickblieb,  das  war  ein  fortlaufender 
Strom  dessen,  was  er  die  Schopfungen  der  Volksphantasie 
nannte. 

Wollte  er  zum  Beispiel  Julius  Caesar  betrachten,  so  lie£ 
er  nicht  nur  die  historischen  Dokumente  auf  sich  wirken, 
sondern  er  meinte  in  dem,  was  Shakespeare  aus  Caesar  ge- 
macht  hat,  etwas  ebenso  Bedeutsames  fiir  Caesar  zu  haben, 
als  in  den  historischen  Dokumenten  vorhanden  ist.  Durch 
Menschen  blickte  er  auf  die  Zeiten  hin.  Nicht  nur,  dafi  ihm 
der  Verlauf  der  Menschheitsentwickelung  etwas  wukrde,  was 
eine  Personlichkeit  immer  der  anderen  reichte,  sondern  es 
wurde  ihm  eben  der  ganze  Verlauf  der  Menschheitsentwicke- 
lung selbst  ein  geistiger  Vorgang,  den  er  allerdings  in  dem- 
jenigen  erschopfl  zu  haben  glaubte,  was  er  die  schopf  erische 


Phantasie  nannte.  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  wollte 
er  vor  seiner  Seele  immer  mehr  und  mehr  ein  Bild  der  in 
den  abendlandischen  Kulturen  schopferischen  Volksphan- 
tasie  gewinnen,  wollte  den  Hergang  der  abendlandischen 
Menschheitsentwickelung  so  in  seine  Seele  hereinbekommen, 
da!5  er  sich  sagen  konnte:  Wie  die  einzelnen  Stromungen 
der  abendlandischen  Kulturen  ineinander  iibergehen,  wie 
sie  einander  ablosen  von  den  altesten  Zeiten  her,  bis  zu 
denen  er  zuriickgehen  wollte,  bis  hinauf  zu  seiner  eigenen, 
der  Goethe-Zeit  hin,  so  sind  sie  ein  fortwaltender  Strom 
des  Webens  der  Volksphantasie  in  den  abendlandischen 
Volkern. 

Von  diesem  Drange  aus  ging  dann  friih  sein  Blick  zu 
jener  grandiosen  Erscheinung  des  abendlandischen  Geistes- 
lebens  hin,  die  ihn  eine  Zeitlang  beschaftigte,  und  iiber  die 
er  in  den  neunziger  Jahren  ein  so  beispiellos  schones  Buch 
geschriebenhatwie  seinen  «Homer»,  seine  Beschreibung  der 
Ilias.  Dieses  Buch,  das  man  immer  wieder  gern  zur  Hand 
nimmt,  wenn  man  sich  vom  modernen  geistigen  Stand- 
punkte  aus  in  den  Beginn  des  Griechentums  vertief en  will, 
es  zeigt  uns  wieder  Herman  Grimm,  wenn  wir  seinen  all- 
gemeinen  Geistesstandpunkt  voraussetzen,  von  einer  ganz 
besonderen  Seite  her.  Sein  Blick  schweift  hin  auf  die  Cotter 
und  Gotterwelten,  die  in  der  Ilias  des  Homer  dargestellt 
werden,  sein  Blick  schweift  hin  auf  die  kampfenden  grie- 
chischen  und  trojanischen  Helden,  und  die  Frage  entsteht 
vor  seiner  Seele:  Wie  ist  es  denn  eigentlich  mit  diesem  Her- 
einspielen  einer  Gotterwelt  in  die  gewohnliche  menschliche 
Welt  der  kampfenden  Griechen  und  Trojaner?  -  Das  wird 
fur  ihn  eine  Frage.  Ihm  fallt  auf,  welch  gewaltiger  Unter- 
schied  in  der  homerischen  Darstellung  vorhanden  ist  zwi- 
schen  der  auf  der  Erde  herumwandelnden  Menschheit  und 
denjenigen  Wesenheiten,  die  als  unsterbliche  Gotter  ge- 


schildert  werden.  Und  Herman  Grimm  versucht  nun  dar- 
zustellen,  wie  gewissermafien  die  Gotter  im  Sinne  Homers 
eine  «altere»  Schichte  von  auf  der  Erde  herumwandelnden 
Wesen  darstellen.  Wenn  audi  Herman  Grimm  in  seiner 
mehr  realistischen  Art  in  diesen  Wesen  «Menschen»  sieht, 
so  schaut  er  doch  zuriick  in  eine  Kultur,  die  zur  Zeit  Homers 
langst  ihre  Bedeutung  verloren  hatte,  in  eine  Kultur,  die 
von  einer  anderen  abgelost  worden  ist,  welcher  dann  die 
trojanischen  und  griechischen  Helden  angehoren.  Eine  altere 
und  eine  jiingere  Menschheitsschichte  lafk  Herman  Grimm 
fiir  die  Ilias  Homers  zusammenspielen,  und  was  iibrigge- 
blieben  ist  an  lebendigen  Wirkungen  von  einer  vorher 
lebenden  Schichte  von  Wesenheiten,  das  spielt  fiir  Herman 
Grimm  bei  Homer  in  das  hinein,  was  sich  abspielt  zwischen 
Griechenland  und  Troja. 

In  dieser  Weise  sieht  Herman  Grimm  iiberhaupt  in  dem 
Fortgang  der  Menschheitsentwickelung  ein  fortwahrendes 
Abgelostwerden  alterer,  wir  kbnnen  sagen  Kulturkreise 
oder  Zyklen  von  neueren,  und  ein  Hereinspielen  von  alten 
in  neuere.  Jeder  neue  Kulturzyklus  hat  eine  gewisse  Auf- 
gabe,  die  Aufgabe,  etwas  Neues  in  die  allgemeine  Mensch- 
heitsentwickelung hereinzubringen.  Das  Alte  bleibt  dann 
eine  Weile  noch  vorhanden,  spielt  in  das  Neue  hinein. 

Man  mochte  sagen,  soweit  ein  Mensch  im  letzten  Drittel 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  in  dasjenige  hineinschauen 
konnte,  was  heute  auch  wieder  von  dem  Gesichtspunkte  der 
modernen  Geisteswissenschafl  aus  vertreten  werden  mufi, 
so  weit  hat  Herman  Grimm  da  hineingeschaut.  Er  ist  nicht 
hinter  die  griechische  Zeit  zuriickgegangen.  Daher  konnte 
er  nicht  geben,  was  die  neuere  Geistesforschung  schildert 
im  Zuriickkommen  zu  iiber  den  Menschen  erhabenen,  rein 
geistigen  Wesen  der  Vormenschheit.  Aber  er  streifte  iiberall 
an  diese  Ergebnisse  der  neueren  Geistesforschung,  streifte  so 


nahe  heran,  als  ein  Mensch,  der  noch  nicht  selber  innerhalb 
der  Geistesforschung  gestanden  hat,  heranstreifen  kann. 

In  der  Geistesforscbung  versuchen  wir  darzustellen,  wie 
wir,  wenn  wir  in  der  Menschheitsentwickelungzuruckgehen, 
nicht  zu  der  Tierreihe  kommen  im  Sinn  der  Darwinistischen 
Theorie,  die  heute  materialistisch  ausgedeutet  wird,  sondern 
wie  wir  zu  geistigen,  rein  geistigen  Vorf  ahren  der  Menschen 
zuruckkommen,  und  wie  wir  binter  jenem  Menschheits- 
zyklus,  da  die  Menschenseelen  im  physischen  Leibe  verkor- 
pert  leben,  einen  anderen  Menschheitszyklus  haben,  in  wel- 
chem  die  Menschen  noch  nicht  im  physischen  Leibe  verkor- 
pert  sind.  Herman  Grimm  laik  gleichsam  die  Frage  in  der 
Schwebe:  Was  war  es  eigentlich  mit  den  «Gottern»,  bevor 
die  Menschen  die  Erde  betreten  haben?  —  Aber  er  erkennt 
die  gesetzmaftige  Aufeinanderfolge  soldier  Menschheits- 
zyklen  an.  Das  gibt  einen  bedeutsamen  Beriihrungspunkt 
mit  den  Darstellungen  der  Geistesforscbung.  Dafi  er  aber 
uberhaupt  solchen  regelmafiigen,  in  Perioden  sich  abspie- 
lenden  Fortschritt  anerkennt,  das  bringt  ihn  uns  sozusagen 
ganz  besonders  nahe. 

Ober  drei  Jahrtausende  sucht  er  seine  geistigen  Betrach- 
tungen  auszudehnen.  Das  erste  Jahrtausend  ist  ihm  das 
Griechen-Jahrtausend.  Man  mochte  sagen,  es  klingt  etwas 
wie  ein  Unterton  bei  Herman  Grimm  durch,  wenn  man 
von  ihm  vernimmt,  wie  er  diese  Griechen  so  charakterisiert, 
als  ob  er  sagte:  Ja,  wenn  man  zu  den  Griechen  hinaufblickt, 
da  kommen  sie  einem,  besonders  in  der  altesten  Zeit,  noch 
gar  nicht  so  gestaltet  vor  wie  heutige  Menschen.  Selbst  ein 
Mensch  wie  Alkibiades  kommt  einem  noch  wie  eine  Art 
Marchenprinz  vor.  In  etwas,  was  ubermenschlich  ist,  schaut 
man  da  hinein.  Dennoch  ragt  aus  dieser  geistigen  Welt  der 
Griechen  -  die  Herman  Grimm,  wie  gesagt,  unahnlich  der 
spateren  menschlichen  Welt  darstellt  -  audi  in  seinem  Sinne 


alles,  was  an  Impulsen  in  der  Griechenwelt  aufgegangen 
ist,  in  die  spatere  Welt  hinein,  so  dafi  es  bis  zu  unseren  heu- 
tigen  Tagen  das  wichtigste  Element  innerhalb  unseres  Gei- 
steslebens  bildet.  Und  am  Ende  des  ersten  Jahrtausends, 
das  Herman  Grimm  betrachtet,  stellt  sich  vor  seine  Seele 
der  wichtigste  Impuls  hin,  den  er  in  der  Menschheitsent- 
wicklung  anerkennt:  der  Christus-Impuls. 

Herman  Grimm  ist  gerade  dort,  wo  er  iiber  die  Gestalt 
des  Christus  spricht,  in  einem  gewissen  Sinne  zuriickhaltend, 
wie  er  iiberhaupt  in  mancherlei  Dingen  zuriickhaltend  ist. 
Aber  die  ofteren  Bemerkungen,  die  er  iiber  den  Christus 
macht,  zeigen  uns,  daft  er  ebensowenig  mit  denjenigen  ge- 
hen  wiirde,  die  sozusagen  den  Christus  wie  bis  zu  einem 
blofien  Gedankenimpuls  verfluchtigen  mochten,  noch  mochte 
er  auch  mit  denjenigen  gehen,  die  in  der  Personlichkeit  des 
Christus  Jesus  nur  etwas  allgemein  Menschliches  sehen  wol- 
len.  Er  hebt  hervor,  wie  zweierlei  Impulse  von  der  Gestalt 
des  Christus  ausgehen,  ein  Impuls  von  kolossaler  Starke, 
der  dann,  auch  fur  Herman  Grimm,  durch  die  ganze  fol- 
gende  Menschheitsentwickelung  fortwirkt,  und  der  andere 
Impuls  von  einer  ungeheuren  Sanftmut.  Herman  Grimm 
findet,  daft  das  ganze  zweite  Jahrtausend  der  abendlan- 
dischen  Kulturentwickelung  sich  so  gestaltet,  dafi  das  Grie- 
chentum  wie  aufgesogen  wird  von  dem  Christus-Impuls 
und  mit  dieser  Mischung  von  Christentum  und  Griechen- 
tum  nun  einzieht  in  die  romische  Welt,  sie  iiberwaitigt  und 
etwas  ganz  Besonderes  hervorbringt.  Das  ist  sein  zweites 
Jahrtausend,  das  erste  christliche  Jahrtausend.  Nicht  die 
romischen  Impulse  sind  ihm  die  Hauptsache,  die  christ- 
lichen  sind  es.  Alles  Politische,  alles  aufierlich  Tatsachliche 
verschwindet  in  diesem  Jahrtausend  fiir  den  Blick  Herman 
Grimms,  und  iiberall  verfolgt  er,  wie  der  Christus-Impuls 
sich  hineindrangt,  und  wie  vielgestaltig  dieser  Christus- 


Impuls  ist.  Dabei  ist  seine  Chris tus-Auffassung  nicht  eng, 
nicht  klein,  sondern  weit.  Als  das  Buch  iiber  das  «Leben 
Jesu»  von  Ernest  Renan  erschien,  da  kniipfte  Herman 
Grimm  in  seiner  damals  herausgegebenen  Zeitsdirift  iiber 
«Kiinstler|und  Kunstwerke»  ememerkwurdigeBetrachtung 
an.  Er  versuchte  zu  zeigen,  wie  die  bildlidben  Darstellungen 
der  Christus-Gestalt  durch  die  Jahrhunderte  hindurch  sich 
gewandelt  haben  sowohl  in  der  bildenden  Kunst  wie  in  der 
Literatur.  Er  versuchte  also,  die  Variabilitat,  die  Verwan- 
delbarkeit  des  Christus-Impulses  zu  zeigen,  und  er  zeigte, 
wie  die  Menschen  immer  diesen  Christus-Impuls  auf gefafit 
haben  je  nach  der  Art,  wie  ihre  eigene  Geistesart  war.  Und 
dann  sieht  er  in  Ernest  Renan  einen,  der  im  neunzehnten 
Jahrhundert  den  Christus  in  einer  gewissen  engen  Art  wie- 
der  aufzufassen  bemiiht  ist. 

Ein  Jahrtausend  etwa  -  meint  Herman  Grimm  -  habe 
das  Christentum  gebraucht,  um  seine  Impulse  hineinzu- 
senden  in  dieRinnsaleundStromungendesabendlandischen 
Geisteslebens.  Dann  kam  sein  drittes  Jahrtausend,  das 
zweite  christliche,  in  dem  wir  selbst  noch  drinnenstehen, 
jenes  Jahrtausend,  in  dessen  Morgenrote  dann  Geister  wie 
Dante,  Giotto  gewirkt  haben  und  Kiinstler  wie  Michel- 
angelo, Leonardo  da  Vinci,  Raffael  und  so  weiter,  das  dann 
hingefuhrt  hat  zu  den  Geisteswerken  Shakespeares  und 
Goethes.  Ganz  gesetzmafiig  trennten  sich  fur  Herman 
Grimm  diese  Zyklen  in  der  Menschheitsentwickelung  stets 
ab.  Geistige  Gesetze  schaute  er  waltend  in  der  Menschheits- 
entwickelung, deren  dahinfliefSenden  Strom  er  ansprach  in 
der  schopferischen  Phantasie-Wesenheit.  Immer  wieder 
suchte  Herman  Grimm  diese  Gliederung  des  Stromes  der 
Menschheitsentwickelung  in  seinen  Vorlesungen  vor  seine 
Studenten  hinzustellen,  um  zeigen  zu  konnen,  wie  sich  das 
einzelne  geistige  SchafFen  hineinstellt  in  diesen  Gesamtstrom. 


So  war  ihm  Michelangelo,  so  war  en  ihm  Raffael,  Savo- 
narola, Shakespeare  und  andere,  so  war  ihm  Goethe  gleich- 
sam  ein  geistiger  Inhalt,  der  erklarbar  wird,  wenn  man 
ihn  auf  dem  Hintergrunde  jenes  fortfliefienden  Gesamt- 
stromes  der  schopferischen  Phantasie  sieht,  die  fiir  Herman 
Grimm  ganz  besonders  anschaulich  wurde  an  ihrer  Quelle 
bei  dem  bis  ins  neunte  oder  wohl  zehnte  Jahrhundert  vor 
unserer  Zeitrechnung  zuriickliegenden  Homer.  Und  des- 
halb  ist  Herman  Grimm  einem  so  unendlich  zur  Seele  spre- 
chend,  weil  er  oft,  wenn  er  einen  ganz  elementar  und  un- 
mittelbar  hinfuhrt  zu  einem  Interesse  am  kiinstlerischen 
Werke  —  zum  Beispiel  zu  Raff  aels  « Vermahlung  der  Maria 
mit  dem  Josef »,  zu  irgendeinem  der  Madonnenbilder  oder 
anderen  Werken,  zu  irgendeiner  der  Schopfungen  Leonardo 
da  Vincis,  oder  wenn  er  zu  irgend  etwas  hinfuhrt,  was  er 
bei  Goethe  betrachtet  -  weil  er  einen  dann  so  hinfuhrt,  dafi 
man  das  Gef  iihl  hat,  man  steht  im  unmittelbar  Individuell- 
sten  dieses  Kunstwerkes  drinnen.  Wenn  man  nun  mit  ihm 
betrachtet,  wie  die  einzelne  Farbe  oder  Geste  in  das  Kunst- 
werk  hineingestellt  ist,  und  so  isoliert  vor  dem  Kunstwerke 
zu  stehen  glaubt,  da  taucht  dann  plotzlich  etwas  auf  wie  ein 
Tableau  iiber  den  ganzen  Menschheitsfortschritt,  iiber  ein 
Stuck  jenes  fortfliefienden  Stromes  der  schopferischen  Phan- 
tasie, der  ihm  hinubergeht  iiber  drei  Jahrtausende  und  in 
sich  alles  Einzelne  einschliefit. 

So  wird  man  durch  Herman  Grimm  in  das  intime  Ein- 
zelne der  betreffenden  Kunstwerke  hineingefiihrt,  und  dann 
hinaufgefiihrt  auf  den  Gipfel,  von  welchem  aus  der  Ge- 
samtstrom  betrachtet  werden  kann.  Das  war  aber  nicht 
etwas,  was  Herman  Grimm  in  theoretischer  Weise  betrach- 
tete.  Es  erschien  einem  so  naturlich,  dafi  Herman  Grimm  in 
dieser  Weise  die  Gesamtheit  des  fortfliefienden  geistigen 
Stromes  der  Menschheksentwickelung  anschaute  -  wie  er  es 


mir,  wie  erwahnt,  damals  beim  Mittagsmahl  auseinander- 
gesetzt  hat  -  well  er  wirklich  mit  seiner  ganzen  Seele  ganz 
naturgemafi  selber  in  diesem  geistigen  Strome  drinnen  lebte, 
und  er  konnte  gar  nicht  eine  einzelne  Erscheinung  anders 
anschauen,  als  wie  herausgesdinitten  aus  diesem  gewaltigen 
Strome  der  Menschheitsentwickelung. 

Die  ganze  abendlandische  Geistesentwickelung  als  Ent- 
wicklung  der  Volksphantasie  -  so  stand  sie  vor  seiner 
Seele,  aber  nicht  als  eine  allgemeine  abstrakte  Idee,  sondern 
erfullt  von  konkretestem  Inhalt.  Er  wufite  sich  mit  seiner 
Seele  mit  diesem  durch  Jahrtausende  hinleuchtenden  Inhalt 
so  verbunden,  dafi  alles,  was  er  schrieb,  einem  eigentlich 
erscheint  wie  die  einzelnen  kleinen  Abschnitte  und  Aus- 
schnitte  eines  Riesenwerkes.  Selbst  wenn  man  bei  Herman 
Grimm  nur  eine  Rezension  eines  Buches  liest,  so  hat  man 
den  Eindruck,  als  ob  das  eigentlich  herausgesdinitten  ware 
aus  einem  kolossalen  Werke,  das  die  ganze  Menschheits- 
entwickelung als  Phantasieschopfung  darstellt.  Man  fuhlt 
sich  formlich  vor  ein  solches  Kolossalwerk  hingestellt,  wie 
wenn  man  dieses  Werk  aufgeschlagen  hatte  und  ein  paar 
Seiten  darin  lesen  wiirde,  wenn  man  einen  Aufsatz  oder 
Essay  oder  sonst  etwas  iiber  irgendein  Buch  bei  Herman 
Grimm  liest.  Und  man  begreift  nun,  wie  Herman  Grimm 
selber  sagen  konnte,  als  er  die  Vorrede  zu  seiner  Fragmen- 
ten-Sammlung  an  seinem  Lebensabend  schrieb,  dafi  ihm 
vorgeschwebt  habe  eine  Darstellung  des  f  ortlauf  enden  Stro- 
mes  der  Volksphantasie,  und  dafi  ihm  darin  die  Darstel- 
lung der  ganzen  abendlandischen  Kultur  erschienen  sei. 
Man  begreift,  dafi  das  Einzelne,  was  er  verfolgt  hat,  so 
erschien,  wie  wenn  er  einzelne  Stiicke  aus  einem  fertigen 
Werke  herausgenommen  hatte.  Dabei  legte  er  auf  das,  was 
er  gedruckt  hatte,  nie  mehr  Wert  als  auf  das,  was  er  nie- 
dergeschrieben  hatte,  und  auf  das,  was  er  niedergeschrieben 


hatte,  nie  mehr  Wert  als  auf  alles,  was  in  seinen  Gedanken 
lebte. 

Wenn  man  so  etwas  andeutet,  dann  mochte  man,  ohne 
die  Sache  in  eine  abstrakte  Formel  zu  bringen,  etwas  ge- 
sagt  haben  iiber  jene  Empfindung,  die  man  dariiber  hat, 
wenn  man  Herman  Grimm  liebgehabt  hat  und  noch  hat, 
und  sein  Geisteswerk  und  seine  Art  schatzt:  dajS  Herman 
Grimm  niemals  hat  dazu  kommen  konnen,  wirklich  auszu- 
fiihren,  was  so  schon,  so  kolossal,  so  grofiartig  vor  seinem 
Geiste  stand,  dafi  selbst  sein  Homer- Werk,  sein  Raffael- 
Werk,  sein  Michelangelo- Werk,  sein  Goethe- Werk,  wie 
Fragmente  aus  diesem,  nichtgeschriebenen,  umfassenden 
Werke  uns  erschienen.  Mit  einem  gewissen  wehmutigen 
Gefiihl  kann  man  jene  Zeilen  der  schon  genannten  Einlei- 
tung  zu  den  «Fragmenten»  lesen,  wo  er  sagt,  dafi  er  das, 
was  er  seinen  Studenten  Jahr  fiir  Jahr  zu  sagen  hatte  iiber 
die  Entwickelung  des  europaischen  Geisteslebens,  jedes  Jahr 
wieder  neu  umarbeitete,  und  dafi  es  ja  vielleicht  angangig 
sei,  die  letzte  Gestalt,  welche  diese  Vorlesungen  erhalten 
haben,  zu  einem  Buche  umzuarbeiten,  welches  dann  in  einem 
gewissen  Sinne  den  Fortgang  der  europaischen  Kulturent- 
wickelung  darstellen  wiirde  -  dafi  es  aber  leider  zu  dieser 
Umarbeitung  wohl  nicht  mehr  kommen  werde.  Man  Hest 
heute  diese  Zeilen  um  so  wehmiitiger,  als  es  ja  audi  wirk- 
lich nicht  zu  dieser  Umarbeitung  gekommen  ist,  und  wir 
Herman  Grimm  haben  hinsterben  sehen,  wissend,  was  da 
in  seiner  Seele  lebte,  und  sehen  mufiten,  wie  das,  was  da  in 
seiner  Seele  fiir  die  Gegenwarts-Kultur  lebte,  mit  ihm  ins 
Grab  sinken  mufite. 

Es  ist  damit  charakterisiert,  aus  welch  geistig-umfassen- 
dem  Gesichtskreise  heraus  alles  einzelnebei  Herman  Grimm 
geschrieben  ist.  Wenn  Geistesf orschung  gerade  das  sein  will, 
was  gewonnen  werden  kann  durch  die  Erweiterung  des 


geistigen  Gesiditskreises,  dann  mufi  man  sagen,  dafi  der, 
welcher  sich  in  Herman  Gnmms  Geist  und  Darstellungs- 
weise  vertieft,  die  allerschonste  Anleitung  aus  dem  mo- 
dernen  Geistesleben  heraus  hat,  urn  allmahlich  hineinzu- 
kommen  in  die  ganze  Art  und  Weise  der  Anschauung,  die 
der  Geistesforschung  eigen  ist.  Aber  audi  wenn  von  der 
Weite  des  Gesiditskreises  abgesehen  wird  und  hineinge- 
sehen  wird  in  Herman  Grimms  Seele  selber,  wie  er  sich  den 
Erscheinungen  zu  nahern  suchte,  wie  seine  Empflndungen 
und  Gedanken  ihn  zu  allem  hmfuhrten,  was  er  in  seinen 
umfassenden  Werken  iiber  Homer,  Raffael,  Michelangelo, 
Goethe  geschrieben  hat,  und  wenn  man  das,  was  er  in  seinen 
anderen  Schriften  dargestellt  hat,  ins  Auge  fafit,  dann  fin- 
det  man,  dafi  Herman  Grimm  sich  bedeutsam  unterscheidet 
von  anderen  Geistern,  und  dafi  er  etwas  hat,  was  zu 
jener  Vertiefung  der  Seele  gehort,  von  der  hier  gespro- 
chen  worden  ist,  als  der  Weg  geschildert  wurde,  den  die 
Seele  zu  nehmen  hat,  um  in  die  geistigen  Welten  selber 
einzutreten. 

Wir  haben  es  hervorheben  konnen,  daft  die  Intensitat 
der  Seelenkrafle  fiir  den  Geistesweg  starker  werden  mufi, 
dafi,  wenn  tief ere  Seelenkrafle  hervorgeholt  werden  sollen, 
welche  sonst  schlummern,  die  Seele  mehr  innere  Kraft,  mehr 
inneren  Mut  und  Kuhnheit  anwenden  mufi,  als  sie  sonst  im 
gewohnlichen  Leben  zeigt,  daiS  sie  ihre  Begrifife  scharfer 
fassen  mufi,  sich  mehr  mit  ihrer  eigenen  Wesenheit  iden- 
tifizieren  mufi,  mit  den  Kraften  des  Denkens,  Fiihlens  und 
Wollens.  Dazu  sind  bei  Herman  Grimm  liberall  Ansatze 
vorhanden,  Ansatze,  die  allerdings  bei  ihm  einen  anderen 
Weg  genommen  haben,  Ansatze,  durch  welche  er  in  die 
Lage  gekommen  ist,  in  so  intimer  und  personlicher  Art 
Kunstwerke  zu  schildern,  wie  er  diejenigen  RafFaels  oder 
Michelangelos  geschildert  hat,  was  aber  auf  dem  Wege  ist, 


urn  nodi  tiefer  in  die  geistige  Welt  hineinzuleuchten.  Denn 
nidit  das,  was  man  heute  «objektiv»  nennt,  liegt  der  Ge- 
schichtsforschung  Herman  Grimms  zugrunde,  sondern  ein 
Verbundensein  mit  den  Erscheinungen  des  Geisteslebens, 
die  er  darstellt,  liegt  seinen  Darstellungen  zugrunde.  So 
dafi  seine  eigene  Seele,  ihrer  selbst  vollstandig  vergessend, 
und  doch  wiederum  in  seltener  Art  ihrer  selbst  bewufit,  un- 
tertaucht  in  die  entsprechenden  geistigen  Erscheinungen. 

Insbesondere  tritt  dies  schon  hervor,  wenn  er  die  eigene 
Seele  erst  hinfuhrt  zu  der  einzelnen  geistigen  Erscheinung, 
zum  Beispiel  zu  Raffael,  und  dann  diese  einzelne  geistige 
Erscheinung  wieder  heraufhebt  zu  dem  Gesamtstrom  des 
menschlichen  Geisteslebens.  Da  warden  seine  Empfindungen 
zu  kiihnen,  machtigen  Ideen,  und  was  manch  anderer  nicht 
in  solchen  Empfindungs-Nuancen  und  nicht  in  solchen  Ideen- 
Nuancen  zu  sagen  wagte,  das  wagt  Herman  Grimm  und 
wird  so  zu  einem  Geist-Darsteller,  der  in  bezug  auf  Kuhn- 
heit  seiner  Darstellung  uns  so  gegeniibertritt,  dafi  wir  manch- 
mal  wahrhaftig  erinnert  werden  an  die  Darsteller,  welche 
die  Evangelien  geschrieben  haben.  Nur  dafi  jene  mit  mehr 
Mystik  geschrieben  haben,  Herman  Grimm  mit  mehr  mo- 
derner  Geistesbetrachtung.  Und  wie  jene  hinaufwachsen 
zu  dem  Horizont  der  gesamten  Menschheit,  so  wachst  Her- 
man Grimm  mit  seinem  «Raphael»  hinauf  bis  zu  dem 
Horizont  der  gesamten  Menschheit. 

Wunderbar  ist  es,  wenn  er  in  seiner  kiihnen  Art,  wie 
die  Seele  aus  sich  selbst  herausreifiend  und  neben  RafFaels 
Seele  einherschreitend  als  in  einem  Strome  der  Gesamtent- 
wickelung,  in  Worte  ausbricht,  die  uns  wahrhaftig  mehr 
besagen  konnen  als  irgend  etwas  einer  blofien  Darstellung 
der  Weltgeschichte:  «Raphael  ist  ein  Burger  der  Weltge- 
schichte.  Wie  einer  von  den  vier  Fliissen  ist  er,  die  dem 
Glauben  der  alten  Welt  nach  aus  dem  Paradiese  kamen.» 


Wenn  man  einen  solchen  Satz  auf  sich  wirken  lafit,  dann 
weifi  man  in  der  Tat  etwas  ganz  anderes  iiber  die  Beziehung 
Herman  Grimms  zu  Raffael,  als  man  sonst  weifi  iiber  die 
Beziehung  manchen  anderen  Darstellers  zu  irgendeiner  Er- 
scheinung. 

So  fliefien  fiir  Herman  Grimm  zusammen  die  Person- 
Kchkeiten  mit  dem  Gesamtstrom  des  Geisteslebens.  Man 
konnte  auch  sagen,  er  bringt  die  hochste  Geistessphare  her- 
unter  zu  dem  personlichsten  Element.  Und  wie  tritt  uns 
eine  Summe  von  geistigen  Erscheinungen  entgegen,  wenn 
Herman  Grimm  die  folgenden  Worte  aus  seiner  tiefsten 
Seele  heraus  spricht,  indem  er  ausdriickt,  wie  er  sich  zu  den 
entsprechenden  geistigen  Tatsachen  stellt: 

«  Wiirde  Michelangelo  durch  ein  Wunder  von  den  Toten 
fortgerufen,  um  unter  uns  wieder  zu  leben,  und  begegnete 
ich  ihm,  so  wiirde  ich  ehrfurchtsvoll  zur  Seite  treten,  damit 
er  voriiberginge;  kame  mir  Raphael  aber  in  den  Weg,  so 
wiirde  ich  hinter  ihm  hergehen,  ob  ich  nicht  Gelegenheit 
f  ande,  ein  paar  Worte  aus  seinen  Lippen  zu  vernehmen.  Bei 
Lionardo  und  Michelangelo  kann  man  sichdarauf  beschran- 
ken,  zu  erzahlen,  was  sie  ihren  Tagen  einst  gewesen  sind; 
bei  Raphael  mufi  von  dem  ausgegangen  werden,  was  er  uns 
heute  ist.  Uber  jene  anderen  hat  sich  ein  leiser  Schleier  ge- 
legt,  iiber  Raphael  nicht.  Er  gehort  zu  denen,  deren  Wachs- 
tum  noch  lange  nicht  zu  Ende  ist.  Es  sind  immer  wieder 
zukiinftig  lebende  Geschlechter  von  Menschen  denkbar, 
denen  Raphael  neue  Ratsel  aufgeben  wird.» 

Das  ist  eine  Charakterstimmung,  nicht  objektiv  in  dem 
Sinne,  wie  man  es  heute  so  oft  fordert,  aber  die  entspre- 
chenden Erscheinungen  so  schildernd,  dafi  wir  uns  unmittel- 
bar  in  ihre  Nahe  entriickt  fiihlen,  wenn  wir  einen  Hauch 
verspiiren  konnen  von  dem,  was  in  Herman  Grimms  Seele 
gelebt  hat,  als  er  solche  Satze  hinschreiben  konnte.  Dann 


versteht  man  es  audi,  wie  dieser  Geist  mit  einer  weltge- 
schichtlichen  Erscheinung,  mit  Raff  ael  selber,  ringen  konnte. 
Merkwiirdig  -  so  erzahlt  er  selbst  -  ist  es  ihm  mit  Raffael 
gegangen,  ganz  anders,  als  es  ihm  zum  Beispiel  ergangen 
ist,  als  er  Michelangelo  beschreibend  darstellen  wollte.  Die 
Darstellung  des  Lebens  Michelangelos  von  Herman  Grimm 
ist  ein  wunderbares  Buch,  trotzdem  sie  in  vielem  vielleicht 
heute  als  iiberholt  gelten  kann.  Wie  tritt  da  auf  dem  Hin- 
tergrunde  des  damaligen  ganzen  mittelalterlichen  Lebens 
die  Gestalt  Michelangelos  bedeutsam  heraus,  wie  hebt  sie 
sich  wieder  ab  von  den  anderen  Gestalten,  die  plastisch 
heraustreten!  Wie  hebt  sie  sich  ab  von  der  ganz  einzig- 
artigen  Schilderung  von  Florenz  selber,  oder  wie  hebt  sie 
sich  ab  von  jenem  Tableau,  das  Herman  Grimm  hinstellt, 
indem  er  zwei  geistige  Gebilde  vor  unserem  Geiste  aufstei- 
gen  lafit,  Athen  und  Florenz,  und  damit  das  Ineinander- 
weben  der  von  ihm  charakterisierten  drei  Jahrtausende  wie 
einen  gewaltigen  Hintergrund  erscheinen  lafit,  auf  dem 
sich  abheben  Gestalten  wie  Dante,  Giotto  und  die  anderen 
Maler  der  damaligen  Zeit,  sodann  Gestalten  wie  Savonarola 
und  endlich  Michelangelo  selbst. 

Das  alles  erscheint  auch  so,  wie  wenn  Herman  Grimm 
anders  allerdings  sich  zu  Raffael  und  seiner  Umgebung 
verhalten  hatte  als  zu  Goethe,  dafi  er  aber  darum  uns  das 
alles  nicht  weniger  intim  gegeben  hat.  Bei  Herman  Grimms 
Goethe-Darstellung  fiihlen  wir  uberall,  wie  er  als  ein  gei- 
stiger  Enkel  Goethes  herangewachsen  ist.  Auch  bei  seiner 
Darstellung  Michelangelos  fiihlen  wir,  wie  er  personlich 
in  alles  hineinwachst,  wie  er  personlich,  man  mochte  sagen, 
in  jeden  Palast  von  Florenz  hineingeht,  wie  er  in  den  Stra- 
fien  von  Florenz  wandelt,  wie  er  andere  Beziehungen  per- 
sonlich kennenlernt  und  dazu  gelangt,  sich  vor  Michelangelo 
hinstellend,  sein  Wirken  dann  darzustellen.  Das  alles  aber, 


was  er  so  gemalt  hat,  wir  fiihlen:  es  ist  wie  aus  einem  Gufi 
heraus. 

Anders  ist  das,  was  er  iiber  Raffael  gegeben  hat.  Da  fiih- 
len wir  ein  Ringen  mit  dem  Stoff,  mit  dem  Geistesbild;  da 
fiihlen  wir,  wie  Herman  Grimm  sich  selber  nie  genugtun 
kann.  Er  erzahlt  selbst,  wie  er  immer  wieder  und  wieder 
den  Stoff  aufgenommen  hatte,  wie  ihm  nichts  geniigte,  was 
er  schon  veroffentlicht  hatte.  Ja,  zu  seinen  letzten  Werken 
sollte  es  zahlen,  was  er  noch  zuletzt  einmal  versucht  hat  als 
eine  Darstellung  der  Personlichkeit  Raffaels  zu  geben,  was 
aber  doch  Fragment  geblieben  ist  und  dann  in  der  Essay- 
Sammlung  erschienen  ist:  «Raphael  als  Weltmacht»,  woraus 
auch  die  eben  vorgelesenen  Satze  stammen. 

Warum  rang  Herman  Grimm  gerade  bei  Raffael  so  mit 
seinem  Stoff?  Weil  er  nur  etwas  darstellen  konnte,  sich 
selber  zur  Befriedigung,  wenn  er  ganz  eins  werden  konnte 
mit  dem  Stoff.  In  Raffael  aber  sah  er  einen  Geist,  den  er 
so  charakterisierte,  wie  es  der  eben  vorgelesene  Satz  gibt: 
«Raphael  ist  ein  Burger  der  Weltgeschichte.  Wie  einer  von 
den  vier  Fliissen  ist  er,  die  dem  Glauben  der  alten  Welt 
nach  aus  demParadiese  kamen.»  Und  sowuchs  ihm  Raffael 
selber  ins  Riesengrofte  mit  jedem  Satze,  den  er  auf  ihn 
wendete.  So  konnte  er  sich  selber  nie  genugtun,  weil  er  selbst 
diese  «Weltenkraft»  nicht  in  ein  Buch  hineinfangen  konnte. 
Zeigt  sich  an  den  Darstellungen  Homers,  Michelangelos 
oder  Goethes  das  Umfassende  und  doch  Anmutige  seines 
Geistes,  so  tritt  bei  Raffael  die  tief e  Aufrichtigkeit,  die  tief e 
Ehrlichkeit  dieser  geistigen  Personlichkeit  hervor. 

Wer  sein  Buch  iiber  Homer  in  die  Hand  nimmt,  wird  es 
vielleicht  zu  wenig  gelehrt  finden.  Aber  Herman  Grimm 
sagt  gleich  auf  der  ersten  Seite,  dafi  dieses  Buch  nicht  ein 
Beitrag  zur  Homer-Forschung  sein  wolle.  Ja,  Herman 
Grimm  konnte  sich  in  diesenund  ahnlichen  Angelegenheiten 


durchaus  wie  ein  Geistesfurst  verhalten,  wie  idi  es  vorhin 
erzahlte.  So  erscheint  es  einem  audi  naturlich,  dafi  er,  als  er 
daranging,  seine  Ideen  uber  Goethe  zur  Darstellung  zu 
sammeln,  ganz  kiihnlich  von  dem  Gesichtspunkte  ausging, 
dafi  alles  andere,  was  an  ihn  uber  Goethe  herantretenkonnte, 
unzulanglich  sei.  Es  mag  das  manchem  als  Dreistigkeit  vor- 
kommen,  was  doch  wieder  bei  seinem  literarischen  und 
kunstlerischen  Gestus  als  selbstverstandlich  erschien. 

So  verhielt  er  sich  zu  allem  Geistesleben.  Daher  mag 
manchem,  der  vom  Gelehrtenstandpunkte  ausgeht,  Her- 
man Grimms  Homer-Buch  unertraglich  sein.  Was  alles  uber 
Homer  vorgebracht  worden  ist,  ob  Homer  gelebt  hat  oder 
nicht,  ob  die  Ilias  aus  so  und  so  vielen  Einzelheiten  zusam- 
mengetragen  ist  usw.,  das  alles  ging  ihn  nichts  an.  Er  nahm 
sie,  wie  sie  war.  Dadurch  stellte  sich  ihm  allerdings  dar,  wie 
wunderbar  sie  innerlich  komponiert  ist,  wie  immer  das 
Spatere  sich  auf  das  Vorhergehende  bezieht,  so  dafi  alles, 
was  diese  innere  Komposition  zeigt,  uns  innerlich  zusam- 
menhangend  erscheint.  Aber  abgesehen  davon,  scheint  mir 
das  Grofite  das  zu  sein,  was  einem  gerade  als  Geistesf orscher 
so  ungeheuer  wohl  tut:  die  Vertiefung  in  das  Seelenleben 
der  homerischen  Helden.  Uberall  sehen  wir  die  seelenvolle 
Art  Herman  Grimms  auch  auf  das  Seelenleben  der  Helden 
Homers  ausgegossen.  Uberall  sehen  wir  erfafit,  aber  mit 
welthistorisehem  Hintergrunde,  die  Achill-Seele,  die  Aga- 
memnon-Seele,  die  Odysseus-Seele  und  so  weiter.  Ein  Buch, 
das  als  Seelenschilderung  iiberwaltigend  wirkt  trotz  der 
Intimitat  der  stilistischen  Darstellung!  Oberall  werden  wir 
nicht  nur  auf  die  Hohen  der  Geschichtsbetrachtung  hinauf- 
gefiihrt,  sondern  wir  werden  auch  tief,  tief  in  die  Seelen 
der  einzelnen  homerischen  Gestalten  hineingefuhrt.  Ja,  so 
konnte  nun  mancher  Gelehrte  sagen,  da  hat  Herman  Grimm 
die  Ilias  hergenommen  mit  Aufierachtlassung  der  ganzen 


Homer-Forschung  und  aller  eigentlichen  Vor-Forschung, 
und  hat  dann  Vers  fiir  Vers  hingenommen!  Das  tut  er  ja 
auch,  redit  «laienhaft»,  und  man  konnte  dann  das  Ganze 
in  die  trockene  Formel  kleiden:  Da  hat  ein  Mensch  ein  Budb 
gesdirieben  ohne  alle  Vorstudien. 

Hat  Herman  Grimm  dieses  Buch  gesdirieben  ohne  alle 
Vorstudien?  Wer  sich  auf  das  Geistesleben  Herman  Grimms 
einlafk,  wird  die  Vorstudien  finden,  nur  sehen  sie  anders 
aus,  als  die  Vorstudien  der  gewohnlichen  Gelehrten.  Die 
Vorstudien  Herman  Grimms  lagen  m  Seelenstudien,  in  Ver- 
tiefung  in  die  Menschenseele  und  ihre  Geheimnisse.  Und 
uberzeugt  kann  man  sich  halten,  dafi  so  wunderbar  kein 
anderer  in  die  Seelen  der  homerischen  Helden  hatte  hinein- 
leuchten  konnen  als  der,  der  solche  Vorstudien  gemacht 
hatte.  Scheinbar  sucht  Herman  Grimm  das  auf,  was  in  der 
Phantasie  Homers  gewaltet  hat.  Aber  was  er  sagt,  zeigt 
uns  liber  all  den  feinsten  Seelenkenner,  von  dem  wir  gar 
Sonderbares  vermuten  konnen,  wenn  wir  ihn  nur  sehen, 
wie  er  so  von  Achill  iiber  Agamemnon  bis  zu  Odysseus  die 
homerischen  Heldenseelen  betrachtet.  Wie  kam  er  dazu, 
manches  Wort,  das  den  Geistesforscher  so  ungemein  ver- 
geistigt  anmutet,  in  seinem  Homer-Buche  oder  auch  in 
seinen  anderen  Werken  zu  schreiben?  Er  kam  dazu,  weil 
ganz  besondere  Vorstudien  vorlagen.  Und  diese  Vorstudien 
wird  der  Geistesforscher  suchen  in  den  Werken  aus  der 
ersten  Periode  Herman  Grimms. 

Da  haben  wir  vor  allem  jene  wunderbare  Novellen- 
sammlung,  die  vielieicht  heute  weniger  gelesen  wird  als 
manches  moderne  Produkt  dieser  Art,  die  aber  gerade  die- 
jenigen  lesen  sollten,  die  sich  fiir  geistiges  Leben  interes- 
sieren,  eine  Novellensammlung,  die  genannt  werden  kann: 
iiberall  ein  intensiver  Versuch,  Menschenseelen  kennenzu- 
lernen,  Menschengeheimnisse  zu  ergriinden,  das  Wirken 


der  Mensdienseele  zu  ergriinden  iiber  die  physische  Welt 
hinaus.  Da  steht  vor  uns  gleich  die  erste  dieser  Novellen, 
die  schon  in  der  ersten  Periode  seines  schriftstellerischen 
Schaffens  ersduen:  «Die  Sangerin».  Es  wird  darin  gezeigt, 
wie  ein  Mann  eine  tiefe,  leidenschaftliche  Neigung  zu  einer 
Frau  f  aftt,  zu  einer  Frau  von  umf assendem  geistigen  Wesen. 
Gezeigt  wird  uns,  wie  aber  diese  beiden  Personlichkeiten 
niemals  zusammenkommen  konnen,  wie  die  Frau  den  glii- 
hend  liebenden  Mann  aus  dem  Umkreis  ihrer  Gesellschaft 
entfernt,  wie  nun  in  der  Seele  dieses  Mannes  alles  an  Im- 
pulsen  weiter  lebt,  die  ihn  auf  der  einen  Seite  zu  der  Frau 
hinziehen,  die  auf  der  anderen  Seite,  von  der  Seele  aus,  an 
dem  ganzen  leiblichen  Wesen  dieses  Mannes  zehren.  Wie 
er  dann  seelisch  hinsiecht,  das  sehen  wir,  mochte  man  sagen, 
in  geistesforscherischer  Art  dargestellt.  Und  noch  einmal 
sehen  wir  ihn  dann,  als  er  in  der  Besitzung  eines  Freundes 
aufgenommen  ist,  in  die  Netze  der  Frau  verstrickt.  Der 
Freund  merkt,  da£  es  die  hochste  Zeit  ist,  dafi  jene  Person- 
lichkeit  herbeigeholt  wird,  an  welcher  der  Freund  mit  aller 
Seele  hangt.  Sie  kommt  audi  -  aber  zu  spat.  Wahrend  sie 
vor  dem  Hause  ist,  erschiefk  sich  der  Betreffende. 

Und  jetzt  kommt  etwas,  was  Herman  Grimm  so  oft  in 
kiinstlerischen  Darstellungen  gestreift  hat,  was  er  aber  da, 
wo  es  immer  gern  von  der  Geistesforschung  aufgenommen 
wird,  stets  ins  Unbestimmte  hat  fallen  lassen.  Jetzt  wird 
kurz  und  pragnant  geschildert,  wie  in  der  Imagination  der 
Sangerin  der  Verstorbene  lebt.  Unvergefilich  wird  die  Szene 
sein,  wo  sie,  die  ihre  ganze  Schuld  an  dem  Tode  dieses  Man- 
nes f uhlt,  Nacht  f iir  Nacht  diesen  Menschen,  aus  dem  Toten- 
reiche  heraus  wirkend,  herankommen  sieht,  wie  dieses  Her- 
ankommen  des  Verstorbenen  nun  in  der  Frau  zu  ihrem 
Seeleninhalte  wird.  Nicht  wie  ein  blofies  Phantasiegebilde 
wird  das  geschildert,  sondern  wie  von  einem  Manne,  der  da 


weifi,  dafi  es  Geheimnisse  gibt,  die  iiber  den  Tod  eines  Men- 
schen hinausreichen.  Wunderbar  ist  die  Schilderung,  wo  der 
Freund  sich  selber  hinstellt  vor  die  Frau,  und  wo  sie  sagt, 
der  Tote  komme  zu  ihr  -  bis  zu  dem  letzten  Brief e  der 
Frau  an  den  Freund,  worin  sie  ausdriickt,  dafi  sie  sich  nun 
selber  vor  dem  Tode  fiihlt,  dafi  der  Verstorbene,  mit  dem 
sie  so  verbunden  war,  sie  aus  seinem  Totenreiche  hingezogen 
hat  in  sein  Reich.  —  Vielleicht  hat  kein  moderner  Darsteller 
mit  soldier  Innigkeit  die  Tone  gefunden,  um  an  die  geistige 
"Welt  zu  riihren. 

Wir  stellen  es  in  der  Geistesforschung  dar,  wie,  wenn  der 
Mensch  durch  die  Pforte  des  Todes  durchgeht,  dasjenige, 
was  sonst  auch  im  Schlafesleben  immer  mit  dem  Menschen 
vereint  bleibt,  der  sogenannte  atherische  Leib,  mit  den 
hoheren  Seelengliedern  des  Menschen  sich  aus  dem  phy- 
sischen  Leibe  heraushebt  und  in  die  geistige  Welt  ubergeht. 
Wir  entwerfen  auf  dem  Gebiete  der  Geistesforschung  ein 
Bild  davon,  wie  der  Leichnam  zuriickbleibt,  wie  der  Mensch 
dann  mit  seinem  Atherleibe  Stuck  fur  Stuck,  Glied  fiir 
Glied  sich  herauslost  aus  dem  physischen  Leibe,  und  wie 
der  atherische  Leib  dann  noch  eine  Zeitlang  der  Einhiiller 
der  hoheren  Seelenglieder  des  Menschen  ist.  Das  ist  eine 
Vorstellung,  wie  sie  denen,  die  der  Geistesforschung  nahe 
treten,  immer  gelaufiger  werden  kann.  Im  folgenden  wer- 
den  wir  nun  betrachten  konnen,  in  wie  wunderbarer  Weise 
die  Kiinstlerseele  Herman  Grimms  an  diese  Tatsachen  der 
geistigen  Welt  riihrt,  und  wiederum  wird  uns  diese  Betrach- 
tung  zu  der  Frage  fiihren,  warum  aus  tieferen  Griinden 
heraus  Herman  Grimm  seine  Kulturdarstellungen  nicht  in 
einem  umf  assenden  Werk  vollendet  hat. 

Herman  Grimm  hat  aufier  seinen  Novellen  noch  ein  an- 
deres  kiinstlerisches  Werk  geschrieben,  den  Roman  «Un- 
iiberwindliche  Machte»,  an  dem  uns,  wie  iiberhaupt  an 


seinem  ganzen  Lebenswerke,  der  vornehme  Stil  entgegen- 
tritt,  der  sich  iiberall  hinauf lenkt  zu  einer  Welt-  und  Le- 
bensbetrachtung.  Audi  alles  andere  ist  grofiartig.  Besonders 
das,  was  man  nennen  mochte:  das  Zusammenstofien  zweier 
Menschheitszeitalter  im  kleinen.  Die  eine  Welt  ist  die,  die 
nur  auf  Titel,  Rang  und  Wtirden  halt  und  sich  ganz  dar- 
innen  fiihlt.  Aus  ihr  heraus  stammt  ein  Graf  aus  altem 
Geschlecht,  der  verarmt  ist,  der  aber  nodi  ganz  im  Nach- 
klange  und  Nachf iihlen  seines  graf  lidien  Standes  lebt.  Wun- 
derbar  wird  nun  in  diesem  Roman  kontrastiert,  wie  der 
Welt  der  alten  Vorurteile  und  Rangordnungen  entgegen- 
tritt  die  «neue  Welt».  Es  spielen  die  Anschauungen  Ame- 
rikas  herein.  Amerikaner  sind  es,  die  dem  Manne  entgegen- 
treten,  der  ganz  in  seinen  Standesvorurteilen  und  Standes- 
empfindungen  lebt,  und  den  Herman  Grimm  Arthur  nennt. 
Es  tritt  diesem  Grafen  entgegen  Emmy,  die  Tochter  der 
Frau  Forster,  die  aus  amerikanischem  Wesen  herausgewach- 
sen  ist,  und  wir  sehen  diesen  Grafen  in  leidenschaftlicher 
Liebe  zu  Emmy  entflammt. 

Es  ist  unmoglich,  den  reichen  Inhalt  dieses  Romanes  auch 
nur  anzudeuten.  Tritt  uns  doch  der  ganze  Gegensatz  von 
Europa  und  Amerika  entgegen,  der  ganze  Gegensatz  des 
alten  preufiischen  Wesens  und  des  durch  die  Kriege  neu- 
geschaffenen  preufiischen  Wesens  -  ein  ungeheuer  bedeut- 
sames  Kulturgemalde,  in  das  die  Personen  hineingepragt 
sind,  und  aus  dem  sie  wieder  hervorwachsen.  Nur  das  kann 
angedeutet  werden,  dafi  durch  die  Impulse,  welche  aus  die- 
sen  verschiedenen  Stromungen  zusammenwachsen,  der  Graf 
Arthur,  gerade  als  er  davorsteht,  sich  mit  Emmy  zu  ver- 
mahlen,  eines  tragischen  Todes  dahinstirbt.  EinMensch,der 
zwar  zu  seiner  Verwandtschafl  gehort,  der  sich  aber  in 
seinen  Wahnideen  fur  den  berechtigten  Erben  des  graf- 
lichen  Geschlechtes  halt  und  den  wirklichen  Erben,  den 


Grafen  Arthur,  als  einen  Bastard  ansieht,  dieser  Mensch 
tritt  dem  Grafen  Arthur  entgegen,  von  Neid  und  Eifer- 
sucht  aufgestachelt,  und  es  fugen  sich  die  Verhaltnisse  so, 
dafi  am  Vorabend  seiner  Hochzeit  Graf  Arthur  von  diesem 
Menschen  niedergeschossen  wird. 

Man  kann  vielleicht  niemals  Gelegenheit  fmden,  das  Wort 
«Uniiberwindliche  Machte»  -  das  vielleicht  mancher,  der 
blofi  rationalistisch  diesen  Roman  betrachten  will,  nur  als 
das  Unuberbriickbare  der  Standesvorurteile  halt  -  fur  be- 
rechtigter  zu  halten  als  gerade  dann,  wenn  man  sieht,  wie 
Herman  Grimm,  ohne  es  zu  wollen,  die  Karma-Idee,  die 
Idee  der  ursachlichen  Verkntipfung  der  Schicksale,  die  im 
Menschenleben  zum  Ausdruck  kommen,  Knoten  uber  Kno- 
ten  schiirzen  laftt  und  zu  einer  Entwickelung  bringt,  und 
wie  er  in  der  Tat  in  diesem  Wirken  Krafte  darstellt,  die  nur 
wirken  konnen,  wenn  sie  aus  friiheren  Verkorperungen,  aus 
friiheren  Erdenleben  heriiberwirken.  Nicht  indem  er  theo- 
retisch  von  «Kraften»  oder  von  «Karma»  spricht,  schildert 
er  das,  sondern  indem  er  einfach  die  Tatsachen  sprechen 
lafit  und  diesen  Machten  einen  Ausdruck  gibt,  so  dafi  sie 
uns  iiberall  wie  die  Ideen  der  Geistesforschung  anmuten. 
Wir  sehen  ein  karmisches  Schicksal  sich  vollziehen,  sehen 
uniiberwindliche  karmische  Machte  sich  zum  Ausdruck  brin- 
gen,  und  sehen  noch  etwas  anderes. 

Emmy  bleibtzuriick.  Der  letzteBlick,  der  in  die  verloschen- 
den  Augen  Arthurs  gef  alien  ist,  als  er  mit  durchschossenem 
Herzen  dalag,  war,  als  sie  sich  iiber  den  Sterbenden  beugte, 
und  die  Augen  in  einem  bestimmten  Ausdruck  erschienen. 
Unvergefilich  bleibt  ein  Wort  von  Herman  Grimm  selbst, 
indem  er  hier  davon  spricht,  wie  der  Geist  aus  den  Augen 
wich  in  dem  Momente,  wo  die  Augen  jene  Eigentiimlich- 
keit  annehmen,  durch  die  sie  nur  mehr  als  physische  Werk- 
zeuge  erscheinen.  Aber  nun  tritt  uns  wieder  entgegen  jenes 


Herandringen  Herman  Grimms  bis  an  die  Welten,  die  jen- 
seits  des  Todes  liegen,  jenes  man  mochte  sagen  keusche  Her- 
andringen bis  an  die  Welten,  aus  denen  herein  die  real  ge- 
bliebenen  Seelen  wirken,  wenn  sie  durch  die  Pforte  des 
Todes  gegangen  sind. 

Es  zeigt  uns  Herman  Grimm  in  einem  kurzen  Schlufi- 
kapitel  Emmy,  wie  sie  nach  und  nach  dahinsiecht,  wie  sie 
stirbt.  Es  ist  so  recht  charakteristisch  fur  das  Verbundensein 
der  Seele  Herman  Grimms  mit  seelisch-geistigen  Problemen, 
wie  er  diesen  herannahenden  Tod  Emmys  schildert.  Nadi 
Montreux  wird  sie  gebradit.  In  einzigartiger  Weise  wird 
Montreux  selbst  geschildert,  wird  die  ganze  Umgebung  ge- 
schildert,  in  welcher  Emmy  stirbt.  Aber  nidit  wie  ein 
anderer  Darsteller,  der  dem  geistigen  Leben  fernersteht, 
schildert  er  den  Tod  Emmys,  sondern  er  schildert  ihn  wie 
einer,  der  herangeht  bis  dahin,  wo  die  Geheimnisse  des 
Todes  und  die  Geheimnisse  des  Landes  jenseits  des  Todes 
zu  den  Seelen  sprechen,  und  ich  wiirde  etwas  Unvollstan- 
diges  geben,  wenn  ich  nicht  zum  Schlusse  die  Worte  hinzu- 
fugte,  die  Herman  Grimm  selbst  iiber  den  Tod  Emmys  gibt: 

«Dies  Emmys  Traum  aber. 

Zwischen  Mitternacht  und  Morgen  glaubte  sie  zu  er- 
wachen. 

Ihr  erster  Blick  auf  das  Fenster,  durch  das  matte  Hellig- 
keit  einstromte,  war  frei  und  klar  und  sie  wufite,  wo  sie 
war.  Auch  ihre  Mutter,  die  neben  ihr  schlief,  horte  sie 
atmen.  Noch  einen  Moment  weiter  aber,  und  mit  einem 
Druck,  den  sie  nie  zuvor  empfunden,  befiel  sie  uberwal- 
tigende  Angst.  Es  waren  nicht  mehr  jene  einzelnen  Gedan- 
ken,  die  sie  in  den  letzten  Tagen  qualten,  sondern  als  hielte 
eine  Riesenhand  alle  Gebirge  der  Erde  an  einem  diinnen 
Faden  iiber  ihr  und  jeden  Moment  konnten  sich  die  Finger 


ofFnen,  die  ihn  hielten  und  die  Masse  herabstiirzen,  urn 
ewige  Zeiten  auf  ihr  liegenzubleiben.  Sie  irrte  mit  den 
Blicken  umher  in  sich  und  aufier  sich,  nach  einem  Schimmer 
von  Licht  suchend,  nichts  aber  bot  sidi  dar,  der  Schein  des 
Fensters  erloschen,  der  Atem  ihrer  Mutter  nicht  mehr  hor- 
bar,  und  erstickende  Einsamkeit  sie  umgebend,  als  wiirde 
sie  niemals  wieder  Lebendiges  erreichen.  Sie  wollte  rufen, 
aber  sie  konnte  nicht,  sie  wollte  sich  riihren,  aber  kein  Glied 
mehr  gehorchte  ihr.  Ganz  still  war  es,  ganz  finster,  keine 
Gedanken  selbst  mehr  moglich  zu  fassen  in  dieser  furchtbar 
eintonigen  Angst:  die  Erinnerung  sogar  ihr  fortgenommen 
—  da  ein  Gedanke  endlich  zuriickkehrend:  Arthur! 

Und  wunderbar  jetzt:  es  war,  als  hatte  sich  dieser  eine 
Gedanke  in  einen  Lichtpunkt  verwandelt,  der  den  Augen 
sichtbar  wurde.  Und  in  dem  Mafie,  wie  der  Gedanke  an- 
wuchs  zu  grenzenloser  Sehnsucht,  wuchs  dieses  Licht,  kam 
und  dehnte  sich  aus,  und  plotzlich  als  sprange  es  auseinan- 
der  und  entfaltete  sich  und  nahme  Gestalt  an  -  Arthur 
stand  vor  ihr!  Sie  sah  ihn,  sie  erkannte  ihn  endlich.  Er  war 
es  sicherlich  selbst.  Er  lachelte  und  war  dicht  neben  ihr.  Sie 
sah  nicht,  ob  er  nackt  sei,  nicht  ob  er  bekleidet  sei:  er  aber 
war  es,  sie  kannte  ihn  zu  wohl,  er  selbst,  kein  Phantom  nur, 
das  seine  Gestalt  angenommen.» 

So  sehr  riickt  Herman  Grimm  den,  der  langst  durch  die 
Pforte  desTodes  gegangen  ist,  an  die  heran,die  zurSeherin 
wird,  riickt  sie  im  Momente  ihres  Hinsterbens  so  an  den 
Toten  heran,  daft  sie  seine  Seele  so  anspricht:  «Sie  sah  nicht, 
ob  er  nackt  sei,  nicht  ob  er  bekleidet  sei:  er  aber  war  es,  sie 
kannte  ihn  zu  wohl,  er  selbst,  kein  Phantom  nur,  das  seine 
Gestalt  angenommen.» 

«Er  streckte  ihr  die  Hand  entgegen  und  sagte:  <Komm!> 
Niemals  hatte  seine  Sprache  so  sufi  und  lockend  geklungen 
wie  heute.  Mit  aller  Kraft,  deren  sie  fahig  war,  suchte  sie 


ihre  Arme  zu  erheben  ihm  entgegen;  aber  sie  vermochte  es 
nicht.  Er  kam  noch  naher  und  streckte  die  Hand  naher  auf 
sie  zu:  <Komm!>  sagte  er  noch  einmal. 

Emmy  war,  als  miisse  die  Gewalt,  mit  der  sie  ein  Wort 
wenigstens  iiber  die  Lippen  zu  bringen  versuchte,  Berge  zu 
verriicken  imstande  sein,  nicht  aber  dies  eine  Wort  zu  sagen 
vermochte  sie. 

Arthur  sah  sie  an  und  sie  ihn.  Nur  die  Moglichkeit  jetzt, 
einen  Finger  zu  bewegen,  und  sie  hatte  ihn  beruhrt.  Und 
nun  das  Furchtbarste:  er  schien  zuruckzuweichen  wieder! 
<Komm!>  sagte  er  zum  dritten  Male.  Und  sie  im  Gefuhle, 
dafi  er  zum  letzten  Male  gesprochen,  dafi  die  furchtbare 
Finsternis  wieder  hereinbrechen  werde  auf  seinen  himm- 
lischen  Anblick,  von  einer  Angst  jetzt  erfullt,  die  sie  zerrifi, 
wie  der  Frost  Baume  spaltet,  machte  den  letzten  Versuch, 
die  Arme  zu  ihm  zu  erheben.  Unmoglich  aber,  die  Schwere 
und  Kalte  zu  iiber winden,  die  sie  gefesselt  hielten  -  da 
aber,  wie  eine  Knospe  piatzt,  aus  der  eine  Bliite  wachst  vor 
unseren  Augen,  herauswachsend  aus  ihren  Armen  leuchtend 
andere  Arme,  glanzende  andere  Schultern  aus  ihren  Schul- 
tern,  und  diese  Arme  sich  hebend  Arthurs  Armen  entgegen, 
und  er  mit  seinen  Handen  ihre  Hande  fassend,  und  lang- 
sam  zuriickschwebend  sie  nach  sich  ziehend,  und  die  ganze 
herrliche  Gestalt  mit  ihnen,  die  sich  erhob  aus  der  Emmys.» 

Man  kann  nicht  wunderbarer  den  Hervorgang  des  athe- 
rischen  Leibes  aus  dem  physischen  Leibe  schildern,  wenn 
man  mitkeuscherKunstlerseele  eine  solche  Schilderung  vor- 
nimmt.  Das  war  ein  Geist,  das  war  eine  Seele,  die  in  Her- 
man Grimm  lebte,  von  der  wir  sagen  durfen,  dafi  sie  nahe 
herangekommen  ist  an  das,  was  wir  so  sehnsiichtig  in  der 
Geistesforschung  suchen.  Das  war  eine  Seele,  das  war  ein 
Geist,  von  dem  wir  sagen  durfen,  dafi  er  uns  beweisend  da- 


f  iir  ist,  wie  die  moderne  Seele  bei  ihrem  Herannahen  an  das 
zwanzigste  Jahrhundert  die  Wege  zum  geistigen  Leben 
gesucht  hat. 

So  wenden  wir  uns  gern  zu  Herman  Grimm  hin,  den  wir 
belauschen,  wie  er  auf  dem  Wege  ist,  den  wir  nur  weiter 
wandeln  wollen.  Und  so  schauen  wir,  wie  er  die  Schopf  ungen 
Raff  aels,  wie  er  die  Schopfungen  Michelangelos,  wie  er  die 
Erlebnisse  Goethes,  wie  er  die  Griechenseele  Homers  hinauf- 
hebt  bis  zu  dem  Strom,  der  als  « schopf erische  Phantasie» 
fiir  seinen  Geist  durch  die  Jahrtausende  fliefit.  Wir  wissen 
dann,  wie  nahe  Herman  Grimm  mit  seinem  ganzen  Fiihlen 
und  Empfinden  dem  lebendigen  Weben  und  Wirken  des 
Geistig-Seelischen  war,  das  hinter  allem  physisch  Tatsach- 
lichen  ist.  Denn  nicht  mit  Abstraktheiten  haben  wir  es  zu 
tun,  wenn  Herman  Grimm  von  seiner  «sch6pferischen 
Phantasie»  spricht.  Soweit  wir  es  bei  ihm  vielleicht  noch  im 
Anfluge  mit  Abstraktheiten  zu  tun  haben,  soweit  kann  uns 
audi  die  Notwendigkeit  erscheinen,  daft  wir  die  diinne 
Wand  durchbrechen  miissen,  durch  die  Herman  Grimm  noch 
von  dem  lebendigen  Geist  getrennt  ist,  der  nicht  nur  als 
schopf  erische  Phantasie  wirkt,  sondern  der  im  unmittelbaren 
geistigen  Wirken  hinter  aller  Sinneswelt  lebt.  Es  kommt 
einem  vor  wie  eine  Keuschheit,  die  noch  nicht  mehr  in  ihrer 
Seele  zu  sagen  wagt,  als  sie  sagt,  wenn  wir  Herman  Grimm 
von  der  durch  die  Jahrtausende  fortwirkenden  Phantasie 
der  Menschheit  sprechen  sehen,  da  er  doch  als  Kunstler  so 
nahe  an  die  lebendig  gebliebene  Seele  gervihrt  hat,  die  durch 
die  Pforte  des  Todes  geschritten  ist.  So  wird  es  uns  nicht 
schwer  werden,  dort,  wo  Herman  Grimm  von  der  schop- 
ferischen  Phantasie  spricht,  die  lebendigen  Geistwesen  zu 
sehen,  die  wir  als  Geistesforscher  hinter  der  Sinneswelt 
suchen. 

Vielleicht  wird  es  dann  nicht  ungerechtf  ertigt  erscheinen, 


wenn  sogar  behauptet  wird,  dafi  einem  soldien  Geiste,  der 
so  ehrlich  und  auf  richtig  nach  der  Wahrheit  gerungen  hat, 
diese  sdiopferische  Phantasie,  wenn  er  sich  wieder  und  im- 
mer  wieder  ihr  nahern  wollte,  ihm  doch  zu  sehr  ein  Ab- 
straktum  war;  dafi  es  seine  Seele  drangte,  das  lebendige 
Geistige  zu  erfassen,  und  dafi  deshalb  das  beabsichtigte 
grofie  Werk  nicht  werden  konnte,  weil  es,  wenn  es  geschrie- 
ben  worden  ware,  ein  Werk  hatte  werden  miissen,  welches 
die  geistige  Welt  nicht  blofi  als  schopferische  Phantasie,  son- 
dern  als  eine  Welt  schopf  erischer  Wesenheiten  und  Indivi- 
dualitaten  hatte  darstellen  miissen. 

Nicht  willkiirlich  hingestellt  durch  diesen  oder  jenen  ist 
die  Geistesforschung  in  der  neueren  Zeit,  sondern  gefordert 
von  den  suchenden  Seelen  der  neueren  Zeit,  jenen  suchen- 
den  Seelen,  denen  Herman  Grimm  so  deutlich  und  charak- 
teristisch  angehorte,  wie  wir  gesehen  haben.  Daher  konnen 
wir  gerade  bei  dieser  merkwiirdigen  Personlichkeit  gewahr 
werden,  wie  wir  mit  der  Geistesforschung  nicht  fremd  und 
isoliert  im  modernen  Geistesleben  stehen.  Wir  haben  gerade 
zu  einer  solchen  Gestalt  wie  Herman  Grimm  wie  zu  einer 
verwandten  hinsehen  durfen.  Steht  er  auch  noch  nicht  vollig 
auf  unserem  Standpunkte,  so  stehen  wir  ihm  doch  -  oder 
konnen  ihm  wenigstens  stehen  -  unendlich  nahe.  Und  bes- 
ser  ist  es  auch,  bei  der  Betrachtung  einer  solchen  Gestalt, 
weniger  jede  Einzelheit  ins  Auge  zu  fassen,  als  ihre  Ganz- 
heit,  sie  anschauend  mit  all  jener  Harmonie  des  Seelischen, 
mit  der  sie  auf  uns  wirken  kann,  mit  all  jener  Milde  und 
doch  wieder  kvihnen  Scharfe  und  Starke  des  Seelenlebens 
auch,  mit  welcher  sie  auf  uns  wirken  kann.  Mogen  wir  nun 
diese  oder  jene  Lebensfrage  mehr  oder  weniger  abweichend 
von  Herman  Grimm  behandeln  —  ich  wei£,  dafi  es  nicht 
ganz  aus  seinem  Stile  herausfallt,  wenn  ich  zusammen- 
fassend  sage,  was  ich  eigentlich  habe  ausdriicken  wollen. 


Man  konnte  zu  dem  Gedanken,  nennen  wir  es  meinetwegen 
zu  dem  Wahn-Gedanken,  kommen,  der  als  ein  schoner 
Wahn  dann  in  der  Seele  leben  kann:  Wenn  hohere  Geister, 
erd-entriickte  Geister  durch  Lesen,  durch  Lektiire  sich  mit 
dem  bekannt  machen  wollten,  was  auf  der  Erde  vorgeht, 
so  wiirden  sie  am  liebsten  solche  Schriften  lesen  wie  die,  in 
welchen  Herman  Grimm  die  irdischen  Schicksale  von  Men- 
schen  zur  Darstellung  gebracht  hat. 

Dieses  Gefiihl  kann  einem  fast  aus  jeder  Zeile  von  Her- 
man Grimms  Schriften  entgegenklingen,  und  dieses  Gefiihl 
hebt  einem  die  ganze  Personlichkeit,  man  mochte  sagen  zu 
einer  erd-entruckten  Sphare  empor.  Man  fiihlt  sich  dann 
doch  wieder  dieser  Personlichkeit  so  nahe,  dafi  einem,  wenn 
man  charakterisieren  will,  was  heute  iiber  Herman  Grimm 
gesagt  worden  ist,  ein  schones  Wort  in  den  Sinn  kommen 
kann,  das  er  selber  einem  Freunde  ins  Grab  nachgerufen 
hat,  seinem  Freunde  Treitschke,  den  er  so  sehr  schatzte: 

«Wie  daseinsfroh  stand  dieser  Mensch  im  Leben  drin. 
Wie  kampfmutig.  Wie  bot  die  Sprache  sich  ihm  zu  Dienst 
an.  Wie  neu  war  immer  sein  neuestes  Buch.  Wie  wenig 
konnten  selbst  die  ihm  hose  sein,  die  im  Gedrange  des  gei- 
stigen  Verkehrs  seine  Ellenbogen  zu  kosten  bekamen.  Auch 
diese  werden  mitrufen:  <Ja,  er  war  unser!>» 

Diese  Worte  sind  zugleich  die  letzten,  die  Herman  Grimm 
geschrieben  hat  und  drucken  liefi,  wie  wir  von  dem  Heraus- 
geber  seiner  Werke,  Reinhold  Steig,  wissen.  Und  ich  mochte 
die  Betrachtung  des  heutigen  Abends  auch  wohl  zum  Schlusse 
in  die  Worte  zusammenfassen:  Wie  daseinsfroh  stand  die- 
ser Mensch,  Herman  Grimm,  im  Leben  drinnen,  wie  mild 
-  und  doch  auch  wie  individuell!  Und  wie  harmonisch  be- 
riihrt  sein  ganzes  Lebenswerk!  Wie  bot  sich  ihm  die  Sprache 
zu  Dienst  an!  Wie  neu  war  immer  sein  neuestes  Buch!  Wie 
wenig  konnen  selbst  jene  ihm  fernestehen,  wenn  sie  nur 


sich  selbst  ordentlich  verstehen,  die  in  manchen  Ideen  und 
in  mancher  Art  von  ihm  abweichen!  Und  wie  nahe  miissen 
sich  aber  diejenigen  ihm  fiihlen,  die  von  irgendeinem  Ge- 
biete  der  Geistesforschung  ausgehend,  die  Wege  zum  Geiste 
suchen!  Wie  nahe  miissen  sich  diese  ihm  fiihlen,  und  wie 
sehr  mochten  sie,  wenn  seine  Gestalt,  geistig  so  milde  leuch- 
tend,  vor  ihnen  auftritt,  in  die  Worte  ausbrechen:  Ja,  er 
war  audi  unser! 


RAFFAELS  MISSION  IM  LICHTE  DER 
WISSENSCHAFT  VOM  GEISTE 


Berlin,  30.  Januar  1913 


Raffael  gehort  zu  denjenigen  Ges taken  der  menschliclien 
Geistesgeschichte,  weldie  wie  ein  Stern  auftauchen,  die  ein- 
fach  da  sind,  so  da£  man  das  Gefiihl  hat,  sie  kommen  aus 
unbestimmten  Untergriinden  der  geistigen  Entwicklung  der 
Menschheit  plotzlich  herauf  und  verschwinden  dann  wie- 
der,  nachdem  sie  durch  gewaltige  Schopfungen  ihre  Wesen- 
heit  in  diese  Geistesgeschichte  der  Menschheit  eingegraben 
haben.  Bei  genauerem  Zusehen  stellt  sich  allerdings  dem 
forschenden  Blicke  heraus:  eine  solche  menschliche  Wesen- 
heit,  von  der  man  erst  angenommen  hat,  daft  sie  wie  ein 
Stern  aufglanzt  und  wieder  verschwindet,  fiigt  sich  in  das 
ganze  menschliche  Geistesleben  wie  ein  Glied  in  einen  gro- 
ISen  Organismus  ein.  Dieses  Gefiihl  hat  man  insbesondere 
bei  RarFael. 

Herman  Grimm,  der  bedeutsame  Kunstbetrachter,  von 
dem  ich  das  letztemal  hier  sprechen  durfle,  hat  versucht, 
Raffaels  Wirkung,  Raffaels  Ruhm  durch  die  Zeiten  zu  ver- 
folgen,  die  auf  Raffaels  eigenes  Zeitalter  gefolgt  sind,  bis 
in  unsere  Tage  herein.  Er  konnte  zeigen,  daft  dasjenige,  was 
Raffael  geschaffen  hat,  nach  seinem  Tode  fortwirkte  wie 
ein  Lebendiges,  dafi  ein  einheitlicher  Strom  geistigen  Wer- 
dens  vom  Leben  Raffaels  bis  iiber  seinen  Tod  hin  fortgeht 
und  sich  eben  bis  in  unsere  Tage  hereinzieht.  Hat  Herman 
Grimm  so  gezeigt,  wie  die  nachfolgende  Menschheitsent- 
wickelung  hiniiberlebt  iiber  Raffaels  Schaffen,  so  mochte 


man  auf  der  andern  Seite,  der  geistigen  Geschichtsbetrach- 
tung  gegeniiber,  sagen:  audi  die  vorhergehenden  Zeiten 
konnen  einem  aus  dem  oder  jenem  den  Eindruck  geben,  als 
ob  sie  dodi  in  einer  gewissen  Beziehung  schon  so  hinwiesen 
auf  den  erst  spater  in  die  Weltentwickelunghineintretenden 
Raffael,  wie  eben  ein  Glied  sich  einreiht  in  einen  ganzen 
Organismus. 

Man  mochte  sich  an  einen  Ausspruch  erinnern,  den  Goethe 
einmal  getan  hat,  und  ihn  sozusagen  von  der  Raumeswelt 
auf  die  Zeitenwelt  anwenden.  Goethe  tat  einmal  den  be- 
deutsamen  Ausspruch:  «Wie  kann  sich  der  Mensch  gegen 
das  Unendliche  stellen,  als  wenn  er  alle  geistigen  Krafte, 
die  nach  vielen  Seiten  hingezogen  werden,  in  seinem  Inner- 
sten,  Tiefsten  versammelt,  wenn  er  sich  fragt:  darfst  du 
dich  in  der  Mitte  dieser  ewig  lebendigen  Ordnung  auch  nur 
denken,  sobald  sich  nicht  gleichfalls  in  dir  ein  beharrlich 
Bewegtes  um  einen  reinenMittelpunktkreisendhervortut?» 

Mit  Anwendung  dieses  Ausspruches  auf  die  Zeiten  twicke- 
lung  mochte  man  sagen,  dafi  in  einer  gewissen  Beziehung 
die  Gotter  Homers,  die  von  Homer  fast  ein  Jahrtausend 
vor  der  Begriindung  des  Christentums  so  grandios  geschil- 
dert  worden  sind,  in  unseren  nach  der  Vorzeit  blickenden 
Augen  etwas  verlieren  wiirden,  wenn  wir  nicht  schauen 
konnten,  wie  sie  wiedererstanden  sind  in  der  Seele  Raffaels 
und  da  erst  in  einer  gewissen  Beziehung  durch  den  mach- 
tigen  bildhaften  Ausdruck,  den  sie  in  Raffaels  Schopfungen 
gefunden  haben,  eine  besondere  Vollendung  erfahren  ha- 
ben.  So  gliedert  sich  uns  das,  was  Homer  lange  Zeit  vor  der 
Entstehung  des  Christentums  geschaffen  hat,  mitdemjenigen, 
was  im  sechzehnten  Jahrhundert  aus  der  Seele  Raffaels  ent- 
sprungen  ist,  zusammen  zu  einem  organischen  Ganzen. 

Und  wiederum:  lenken  wir  den  Blick  hin  auf  die  bibli- 
schen  Gestalten,  von  denen  uns  das  Neue  Testament  spricht 


und  betraditen  dann  die  Bildwerke  Raff aels,  so  haben  wir 
das  Gefiihl,  die  Empfindung,  als  wiirde  uns  sogleich  etwas 
fehlen,  wenn  zu  der  Schilderung  der  Bibel  nicht  hinzu- 
gekommen  ware  die  gestaltenschaffende  Kraft  in  Raffaels 
Madonnen  und  ahnlichen  Bildern,  die  aus  der  biblischen 
Tradition  und  Legende  entsprungen  sind.  Daher  mocbte 
man  sagen:  Raffael  lebt  nicht  nur  fort  in  den  auf  ihn  fol- 
genden  Jahrhunderten,  sondern  was  ihm  vorangegangen 
ist,  das  gliedert  sich  mit  seinem  eigenen  Schaffen  zu  einem 
organischen  Ganzen  zusammen  und  weist,  gleichsam  um 
seine  Vollendung  durch  ihn  zu  erhalten,  auf  ihn  schon  hin, 
wenn  das  audi  erst  in  der  spateren  geschichtlichen  Betrach- 
tung  zum  Ausdruck  kommt. 

So  erscheint  ein  Wort,  das  Lessing  an  bedeutsamer  Stelle 
gebr audit  hat,  das  Wort  «die  Erziehung  des  Menschen- 
geschlechts»,  gerade  dann  in  einem  besonderen  Lichte,  wenn 
wir  sehen,  wie  in  soldier  Art  ein  einheitliches  geistiges  Wesen 
hinflutet  durch  die  Entwickelung  der  Menschheit,  und  wie 
dieses  einheitliche  Wesen  besonders  aufstrahlt  in  solchen 
hervorragenden  Gestalten,  wie  Raffael  eine  ist.  Und  das, 
was  wir  oftmals  vom  geisteswissenschaftlichen  Standpunkte 
aus  in  Beziehung  auf  die  Geistesentwickelung  der  Mensch- 
heit betonen  konnten,  die  wiederholten  Erdenleben  des 
Menschenwesens,  sie  lassen  sich  in  einer  ganz  besonderen 
Weise  empfinden,  wenn  man  das  eben  Gesagte  ins  geistige 
Auge  falk.  Da  gewahrt  man  erst,  wie  es  einen  Sinn  hat, 
dafi  dieses  Menschenwesen  in  wiederholten  Erdenleben 
durch  die  Epochen  der  Menschheit  hindurch  immer  wieder 
und  wieder  erscheint  und  selber  von  einem  Zeitalter  zum 
andern  dasjenige  tragt,  was  der  Geistesentwickelung  der 
Menschheit  eingepflanzt  werden  soli.  Sinn  und  Bedeutung 
suchtdieGeisteswissenschaftin  der  Entwickelung  der  Mensch- 
heit. Nicht  will  sie  blofi  wie  in  einer  gerade  fortlaufenden 


Entwicklungslinie  darstellen,  was  aufeinanderfolgend  ge- 
schehen  ist,  sondern  den  einzelnen  Zeitaltern  will  sie  einen 
Gesamtsinn  zuerteilen,  so  daiS  die  Menschenseele,  wenn  sie 
immer  wieder  und  wieder  in  den  aufeinanderfolgenden 
Erdenleben  erscheint,  diese  Erde  so  betritt,  dafi  sie  immer 
wieder  und  wieder  Neues  erleben  kann.  So  dafi  wir  wirk- 
Hch  spredben  konnen  von  einer  Erziehung,  welche  die  Men- 
schenseele durch  ihre  versdiiedenen  Erdenleben  durchmacht, 
eine  Erziehung  durch  alles  das,  was  von  dem  gemeinsamen 
Geiste  der  Menschheit  geschaffen  und  ausgebildet  wird. 

Was  hier  vom  geisteswissenschaftlichen  Standpunkte  aus 
iiber  das  Verhaltnis  Raffaels  zu  der  gesamten  Menschheits- 
entwicklung  der  letzten  Jahrhunderte  vorgebracht  werden 
soil,  das  soil  nicht  eine  philosophische  Geschichtskonstruk- 
tion  sein,  sondern  etwas,  das  sich  auf  naturgemafie  Weise 
durch  mancherlei  Betrachten  von  Raffaels  SchafFen  ergeben 
hat.  Und  nicht  weil  es  sozusagen  eine  Art  von  Trieb  sein 
konnte,  das  Geistesleben  der  Menschheit  philosophisch  zu 
konstruieren,  soil  das  gesagt  werden,  was  die  Betrachtung 
des  heutigen  Abends  ausmacht,  sondern  weil  alles,  was  sich 
mir  selbst  ergeben  hat  nach  mancherlei  Anschauen  und  Be- 
trachten der  verschiedenen  Schopfungen  Raffaels,  sich  ganz 
naturgema£  zu  dem  zusammenkristallisiert  hat,  was  ich 
darstellen  mochte.  Allerdings  wird  es  unmoglich  sein,  auf 
einzelne  Schopfungen  Raffaels  einzugehen.  Das  kann  man 
nur,  wenn  man  in  der  Lage  ist,  durch  irgendwelche  Mittel 
zugleich  die  Bildwerke  Raffaels  den  Zuhorern  vorzuf iihren. 
Aber  das  Gesamtschaffen  Raffaels  drangt  sich  ja  auch  zu 
einem  Gesamteindruck  in  der  Empfindung  zusammen.  Man 
tragt,  wenn  man  Raff  ael  studiert  hat,  sozusagen  etwas  von 
einem  Gesamteindruck  in  der  Seele.  Und  dann  mag  man 
wohl  fragen:  Wie  nimmt  sich  dieser  Gesamteindruck  gegen- 
iiber  der  Entwickelung  der  Menschheit  aus? 


Da  f allt  der  Blidk  auf  ein  bedeutsames  Zeitalter,  mit  dem 
Raffael  innig  zusammenhangt,  wenn  man  ihn  auf  sich  wir- 
ken  lafit,  jenes  Zeitalter,  das  ja  die  Menschheit  dadurch 
besonders  charakterisiert,  dafl  sie  es  zusammenfallen  lafit 
mit  der  Entwicklung  des  griechischen  Volkes.  Und  in  der  Tat : 
wenn  wir  die  Menschheitsentwicklung  der  letzten  Jahrtau- 
sende  betraditen,  so  stellt  sich  wie  eine  Art  von  mittlerer 
Epoche  in  diese  Menschheitsentwicklung  der  letzten  Jahr- 
tausende  das  hinein,  was  die  Griechen  nicht  nur  geschaffen, 
sondern  was  sie  durch  ihre  ganze  Wesenheit  erlebt  haben. 
Was  der  griechischen  Kultur,  die  in  einer  gewissen  Bezie- 
hung  zusammenfallt  mitderBegriindungdesChristentums, 
vorangegangen  ist,  das  stellt  sich  uns  mit  einem  ganz  an- 
deren  Charakter  dar  als  das,  was  dieser  griechischen  Kul- 
tur nachgefolgt  ist.  Wenn  wir  die  Menschen  in  der  Zeit  be- 
traditen, die  der  griechischen  Kultur  vorangegangen  ist,  so 
finden  wir,  dafi  damals  Seele  und  Geist  der  Menschen  viel 
inniger  zusammenhingen  mit  allem  Leiblichen,  mit  dem 
aufierlich  Korperlichen,  als  das  in  der  spateren  Zeit  der  Fall 
ist.  Was  wir  heute  Verinnerlichung  der  Menschenseele,  Sich- 
zuruckziehen  der  Menschenseele  nennen,  wenn  sich  diese 
dem  Geist  zuwenden,  zum  Besinnen  iiber  das  kommen  will, 
was  als  Geistiges  der  Welt  zugrunde  liegt,  das  gab  es  fur 
die  der  griechischen  Zeit  vorangegangenen  Zeiten  nicht  in 
solchem  Mafie  wie  heute.  Damals  war  es  so,  dafi,  wenn  sich 
der  Mensch  seiner  leiblichen  Organe  bediente,  ihm  gleich- 
zeitig  die  geistlgen  Geheimnisse  des  Daseins  in  seme  Seele 
hereinleuchteten.  Eine  soldi  abgeschlossene  Betrachtung  der 
Sinnenwelt,  wie  sie  in  der  heute  gebrauchlichen  Wissen- 
schaft  vorhanden  ist,  war  in  alteren  Zeiten  nicht  vorhan- 
den.  Der  Mensch  schaute  mit  seinen  Sinnen  die  Dinge  an 
und  empfand,  indem  er  den  Sinneseindruck  vor  sich  hatte, 
zugleich  dasjenige,  was  geistig-seelisch  in  den  Dingen  lebte 


und  webte.  Mit  den  Dingen  und  ihrer  Betrachtung  durch 
die  Sinne  ergab  sich  zugleich  dem  Mensdien  das  Geistige. 
Ein  besonderes  Zuriickziehen  von  den  sinnlichen  Eindriik- 
ken,  ein  besonderes  Sichhingeben  der  Innerlichkeit  der  Seele, 
um  zum  Geistigen  der  Welt  vorzuschreiten,  war  in  der 
alteren  Zeit  nicht  notwendig. 

Wenn  wir  in  der  Menschheitsentwickelung  sehr  weit  zu- 
riickgehen,  so  finden  wir,  dafi  selbst  das,  was  wir  irn  besten 
Sinne  des  Wortes  «hellsichtige  Betrachtung  der  Dinge»  nen- 
nen,  ein  allgemeines  Gut  der  Menschheit  der  Urzeiten  war, 
und  dafi  dieses  hellsichtige  Betrachten  nicht  durch  abgeson- 
derte  Zustande  erreicht  wurde,  sondern  da  war  und  etwas 
so  Naturgemafies  war,  wie  die  sinnliche  Betrachtung.  Dann 
kam  das  Griechentum  mit  seiner  ihm  eigentiimlichen  Welt, 
von  der  man  sagen  kann,  dafi  zwar  damit  die  Verinner- 
lichung  des  Geisteslebens  beginnt,  dafi  aber  das,  was  der 
Geist  innerlich  erlebt,  iiberall  noch  im  Zusammenhange  ge- 
sehen  wird  mit  dem  Au£eren,  das  in  der  Sinneswelt  vor- 
geht.  Im  Griechentum  halten  sich  das  Sinnliche  und  das 
Seelisch-GeistigedieWaage.  Nicht  mehr  so  unmittelbar  wie 
in  der  vorgriechischen  Zeit  war  mit  der  Sinnesbetrachtung 
zugleich  das  Geistige  gegeben.  Es  stieg  gleichsam  in  der 
griechischen  Seele  das  Geistige  auf  als  ein  innerlich  Abge- 
sondertes  zwar,  aber  als  etwas,  was  man  empfand,  wenn 
man  die  Sinne  nach  aufien  lenkte.  Nicht  in  den  Dingen, 
sondern  an  den  Dingen  wurde  der  Mensch  das  Geistige 
gewahr.  So  war  in  der  vorgriechischen  Zeit  die  Seele  des 
Menschen  gleichsam  ausgegossen  in  die  Leiblichkek.  Von 
der  Leiblichkeit  befreit  hatte  sie  sich  im  Griechentume  in 
einer  gewissen  Weise,  aber  das  Seelisch-Geistige  hielt  dem 
Leiblichen  im  ganzen  Griechentum  noch  die  Waage.  Daher 
kam  es,  dafi  das,  was  die  Griechen  schufen,  ebenso  durch- 
geistigt  erscheint  wie  das,  was  ihnen,  durch  die  Sinne  er- 


moglicht,  vor  die  Augen  trat.  -  Dann  kommen  die  nach- 
griediischen  Zeiten,  jene  Zeiten,  in  denen  sich  der  Menschen- 
geist  verinnerlicht,  in  denen  es  ihm  nicht  mehr  gegeben  war, 
dafi  er  mit  dem  Sinneseindruck  zugleich  das  empfangen 
konnte,  was  in  den  Dingen  lebt  und  webt  als  Geistiges.  Das 
sind  die  Zeiten,  in  denen  sich  die  Menschenseele  in  sich  zu- 
riickziehen  mufke  und  abgesondert  in  einem  besonderen 
Innenleben  ihre  Krafte,  ihre  Oberwindungen  erleben  mufke, 
wenn  sie  zum  Geistigen  vordringen  wollte.  Geistige  Be- 
trachtung  der  Dinge  und  sinnliche  Anschauung  der  Dinge 
wurden  sozusagen  zwei  Welten,  welche  die  menschliche 
Seele  zu  durchleben  hatte. 

Wie  erscheint  uns  das  eben  Gesagte  anschaulich,  wenn 
wir  einen  Geist  wie  zum  Beispiel  Augustinus  betrachten, 
der  ja  in  der  nachchristlichen  Zeit  von  der  Begriindung  des 
Christentums  kaum  so  wek  getrennt  ist  als  wir  etwa  von 
der  Reformation.  Wie  charakteristisch  erscheint  uns  der  an- 
gedeutete  Fortschritt  der  Menschheit,  wenn  wir  das,  was 
Augustinus  eriebt  und  in  seinen  Schriften  dargestellt  hat, 
mit  dem  vergleichen,  was  aus  der  griechischen  Welt  iiber- 
liefert  ist!  Was  Augustinus  in  seinen  «Confessiones»  dar- 
legt,  was  er  uns  zeigt  als  die  Kampfe  der  verinnerlichten 
Seele,  was  er  uns  zeigt  als  einen  Schauplatz,  der  sich  rein 
abgezogen  von  der  Aufienwelt  in  der  inneren  Seele  dar- 
stellt,  wie  unmoglich  erscheint  uns  das  bei  den  Geistern 
Griechenlands,  bei  denen  wir  iiberall  sehen,  wie  sich  das, 
was  in  der  Seele  vorhanden  ist,  ankniipft.  an  das,  was  sich 
in  der  Aufknwelt  abspielt. 

Man  darf  sagen,  wie  durch  einen  machtigen  Einschnitt 
getrennt  erweist  sich  die  Entwickelungsgeschichte  der 
Menschheit.  Und  in  diese  Entwickelungsgeschichte  stellt 
sich  hinein  auf  der  einen  Seite  das  Griechentum,  das  uns 
zeigt,  wie  das  Menschentum  die  Waage  halt  in  bezug  auf 


das  Geistig-Seelische  und  auf  das  aufierlich  Leibliche.  Auf 
der  anderen  Seite  stellt  sich  in  diesen  Einsdinitt  hinein 
die  Begriindung  des  Christentums,  die  zunachst  darauf 
ausging,  alles,  was  die  menschliche  Seele  erleben  konnte, 
gleichsam  innerlich,  in  inneren  Kampfen  und  Oberwindun- 
gen  zu  erleben,  den  Blick  hmzuwenden  nicht  auf  die  Sinnes- 
welt,  um  die  Ratsel  des  Daseins  zu  fuhlen,  sondern  auf  das, 
was  der  Geist  erahnend  erschauen  konnte,  wenn  er  sich 
rein  den  geistig-seelischen  Kraften  hingab.  Wie  unendlich 
verschieden  und  wie  durdi  eine  tiefe  Kluft  getrennt  sind 
die  schonen  Griechen,  die  majestatischen  und  so  vollendet 
schonen  griechischen  Gotter  Zeus  oder  Apollon  von  dem 
am  Kreuze  sterbenden,  von  innerer  Tiefe  und  innerer  Grofie, 
aber  nicht  von  aufterer  Schonheit  getragenen  Christus  am 
Kreuz.  Das  ist  schon  das  aufiere  Symbol  fur  jenen  tiefen 
Einsdinitt,  den  das  Christentum  und  das  Griechentum  in 
die  Entwickelung  der  Menschbeit  machen.  Diesen  Einschnitt 
sehen  wir  bei  den  Geistern,  die  auf  die  griechische  Zeit  fol- 
gen,  wie  eine  immer  starker  werdende  Verinnerlichung  der 
Seele  sich  auswirken. 

Diese  Verinnerlichung,  die  so  stattgefunden  hat,  cha- 
rakterisiert  nun  den  weiteren  Fortgang  der  menschheit- 
Hchen  Entwickelung.  Will  man  geisteswissenschafllich  diese 
Menschheitsentwickelung  begreifen,  so  muE  man  sich  schon 
klarmachen,  dafi  wir  in  einem  Zeitalter  leben,  das,  je  mehr 
wir  es  seinen  unmittelbaren  Vergangenheiten  und  den  Aus- 
blicken  nach  betrachten,  die  wir  in  eine  eventuelle  Zukunfl 
tun  konnen,  immer  mehr  nach  dem  eben  Gesagten  sich  uns 
darstellt  als  eine  fortschreitende  Verinnerlichung.  So  dafi 
wir  hinschauen  auf  eine  Zukunfl,  in  welcher  in  der  Tat  eine 
noch  tief  ere  Kluft,  als  sie  jetzt  schon  aus  den  Betrachtungen 
der  Vergangenheit  vorgestellt  werden  kann,  sich  auf turmen 
wird  zwischen  allem,  was  draufien  in  der  Welt  vorgeht, 


was  sich  abspielt  in  dem  mehr  oder  weniger  mechanischen, 
maschinellen  Leben  der  aufteren  Welt,  und  dem,  was  die 
menschliche  Seele  zu  erreidien  versucht,  wenn  sie  die  Hohen 
eines  Geistigen  erfassen  will,  die  sie  ersteigen  will,  die  sich 
nur  auftun,  wenn  wir  im  Inneren  die  Schritte  hinauf  zu  tun 
versuchen,  die  zum  Geistigen  fuhren.  Immer  mehr  und 
mehr  schreiten  wir  einem  Zeitalter  der  Verinnerlichung 
entgegen.  Ein  bedeutender  Einschnitt  aber  in  bezug  auf 
dieses  Vorschreiten  der  Menschheit  zur  Verinnerlichung  in 
der  nachgriechischen  Zeit  ist  das,  was  uns  hinterblieben  1st 
in  den  Schopfungen  Raffaels. 

Als  ein  ganz  besonderer  Geist  stellt  sich  Raffael  hin  wie 
an  eine  Wasserscheide  der  Menschheitsentwicklung.  Was  vor 
ihm  liegt,  ist  wieder,  man  mochte  sagen  in  einer  ganz  be- 
sonderen  Weise  der  Beginn  menschlicher  Verinnerlichung. 
Und  was  nach  ihm  liegt,  das  stellt  ein  neues  Kapitel  dar  in 
dieser  menschlichen  Verinnerlichung.  Wenn  auch  manches, 
was  ich  in  der  heutigen  Betrachtung  zu  sagen  habe,  wie  eine 
Art  symbolischer  Betrachtung  klingen  mag,  so  soil  es  doch 
nicht  blo£  in  symbolischer  Ausdrucksweise  genommen  wer- 
den,  sondern  so,  daft  versucht  wird,  zu  fassen  das,  was 
wegen  RafTaels  so  uberragender  Grofte  doch  nur  in  mensch- 
liche triviale  BegrifTe  zu  kleiden  ist,  indem  es  in  moglichst 
weite  Begriffe  und  Ideen  gedrangt  wird. 

Wenn  wir  in  RafTaels  Seele  einen  Blick  zu  tun  versuchen, 
so  fallt  uns  vor  allem  auf,  wie  diese  Seele  im  Jahre  1483 
wie  eine  Friihlingsgeburt  fiir  die  Seele  erscheint,  dann  eine 
innere  Entwickelung  durchmacht,  glanzvoll  in  glanzvollen 
Schopfungen  sich  entwickelt  und  als  Raffael  siebenund- 
dreifiigjahrig,  also  noch  jung  stirbt.  Man  mochte,  um  sich 
in  diese  Seele  Raffaels  so  recht  zu  vertiefen,  so  dafi  man 
ihrem  Schritte  folgen  kann,  eine  Weile  den  Blick  ganz  von 
dem  ablenken,was  in  der  Weltgeschichte  sonst  vorgegangen 


ist,  und  rein  den  Blick  hinlenken  auf  das  Innerlidie  der 
Raffael-Seele. 

Herman  Grimm  hat  zuerst  auf  gewisse  Regelma&gkeiten 
der  inneren  Entwicklung  der  Raffael-Seele  hingewiesen, 
und  man  mochte  sagen:  es  braucht  sich  schon  einmal  die 
Geisteswissenschaft.  nicht  zu  schamen,  wenn  sie  heute  gegen- 
iiber  der  unglaubigen  Menschheit  auf  gewisse  zyklische  Ge- 
setze,  Gesetze  eines  regelmafiigen  Geistesweges  in  jeder  Ent- 
wicklung, audi  in  der  menschlichen  Einzelentwicklung,  hin- 
weist,  da  ein  so  bedeutsamer  Kopf  wie  Herman  Grimm 
selber  schon,  ohne  diese  Geisteswissenschaft  anzuerkennen, 
zu  einer  solchen  regelmafiigen  inneren  zyklischen  Entwick- 
lung fur  die  Raffael-Seele  hingeleitet  worden  ist.  Herman 
Grimm  macht  namlich  darauf  aufmerksam,  dafi  das  Werk, 
das  uns  heute  ja  in  Mailand  so  ergotzt,  die  «Vermahlung 
der  Maria»,  wie  eine  vollige  Neuerscheinung  in  der  ganzen 
Kunstentwickelung  dastehe  und  mit  nichts  Vorhergehendem 
sich  unmittelbar  zusammenstellen  lasse,  so  dafi  man  sagen 
konne,  Raffaels  Seele  habe  wie  aus  unbestimmten  Unter- 
griinden  einer  menschlichen  Seele  heraus  etwas  geboren,  das 
aus  diesen  Untergriinden  sich  in  die  Gesamtentwickelung 
des  Geistes  hineinstellt  wie  ein  vollig  Neues. 

Bekommen  wir  so  eine  Empfindung  von  dem,  was  in 
dieser  Seele  Raff aels  von  der  Geburt  an  veranlagt  war,  so 
konnen  wir  auch  fiihlen  mit  Herman  Grimm,  wenn  wir 
nun  die  Raffael-Seele  weiter  verfolgen,  wenn  wir  die  Ent- 
wicklung Raffaels  fortschreiten  sehen,  wie  er  in  regel- 
mafiigem  Entwicklungslauf  gewisse  Etappen  betritt,  Etap- 
pen  von  vier  zu  vier  Jahren.  Merkwurdig  schreitet  Raffaels 
Seele  vorwarts  in  Zyklen  von  vier  zu  vier  Jahren.  Und 
wenn  wir  ein  solches  Jahrviert  betrachten,  so  sehen  wir 
Raffael  jeweils  auf  einer  fiir  seine  Seele  hoheren  Stuf e.  Vier 
Jahre  etwa  nach  der  «Vermahlung  der  Maria»  make  er  die 


«Grablegung»,  weitere  vier  Jahre  spater  die  Bilder  der 
«Camera  della  Segnatura»,  und  so  in  Etappen  von  vier  zu 
vier  Jahren  bis  zu  jenem  Werke,  das  unvollendet  neben 
seinem  Sterbebett  stand,  der  «Verklarung  Christi». 

Weil  in  dieser  Seele  alles  so  harmonisdi  fortschreitet,  des- 
halb  mochte  man  sie  ganz  fur  sich  betrachten.  Dann  be- 
kommt  man  aber  einen  Eindruck  davon,  da£  in  dem  Zeit- 
alter  Raffaels  audi  in  bezug  auf  die  Kunst  der  Malerei  eine 
solche  Innerlichkeit  sich  entwidkeln  mufke,  und  wie  das- 
jenige,  was  zur  Gestaltung  drangte  in  Gestalten,  wie  sie 
nur  Raffael  schaffen  konnte,  herausgeboren  ist  aus  den  Tie- 
fen  der  seelischen  Erlebnisse,  obwohl  es  in  Bildern  der  Sinn- 
lichkeit  auftritt.  Und  hebt  es  sich  denn  nicht  ebenso  wie  die 
Geschichte  selbst  her  aus? 

Lassen  wir,  nachdem  wir  so  eine  Weile  das  Innerliche  der 
Seele  Raffaels  betrachtet  haben,  die  Zeit  auf  uns  wirken, 
in  die  er  hineingestellt  war,  und  das,  was  um  ihn  herum 
war.  Da  finden  wir  allerdings,  dalS  Raffael,  solange  er  noch 
mehr  oder  weniger  Kind  war  und  in  Urbino  heranwuchs, 
sich  in  einer  Umgebung  befand,  die  auf  bedeutsame  An- 
lagen,  die  sich  geltend  machten,  weekend  wirkte.  War  doch 
in  Urbino  ein  Palastbau  zustande  gekommen,  der  damals 
ganz  Italien  in  Aufregung  versetzte.  Das  war  etwas,  was 
fur  die  ersten  Anlagen  Raffaels  etwas  gab  wie  ein  harmo- 
nisch  mit  diesen  Anlagen  Zusammenfliefiendes.  Dann  aber 
sehen  wir  ihn  verpflanzt  nach  Perugia,  dann  nach  Florenz, 
dann  nach  Rom.  In  einem  engen  Kreise  hat  sich  im  Grunde 
genommen  das  Leben  Raffaels  abgespielt.  Wie  nahe  zusam- 
men  liegen  heute  fur  uns  die  Orte,  wenn  wir  sein  ganzes 
Leben  betrachten!  Raffaels  ganze  Welt  war  in  diesem  Kreise 
eingeschlossen,  soweit  die  Sinneswelt  in  Betracht  kam.  Nur 
im  Geiste  erhob  er  sich  in  andere  Spharen. 

Aber  nun  sehen  wir,  wie  in  Perugia,  wo  Raffael  jene 


jugendliche  Entwicklung  in  der  Seele  durchmacht,  blutige 
Kampfe  an  der  Tagesordnung  waren.  Von  einem  leiden- 
schaftlich  aufgeregten  Volke  war  die  Stadt  bevolkert.  Adels- 
familien,  die  miteinander  in  Zank  und  Hader  lebten,  be- 
kriegten  sich.  Die  einen  vertrieben  die  anderen  aus  der 
Stadt.  Nach  kurzer  Vertreibung  versuchten  dann  die  an- 
deren, sich  wieder  der  Stadt  zu  bemachtigen,  und  niclit 
wenige  Male  waren  die  Strafien  Perugias  mit  Blut  bedeckt, 
mit  Leichen  ubersat.  Ein  Geschichtsschreiber  schildert  uns 
eine  merkwiirdige  Szene,  wie  iiberhaupt  die  Darstellungen, 
welche  die  Geschichtsschreiber  aus  jener  Zeit  geben,  ganz 
eigentiimlich  sind.  Da  sehen  wir  durch  einen  Geschichts- 
schreiber lebendig  auftauchen  einen  Adligen  der  Stadt,  der, 
um  seine  Verwandten  zu  rachen,  die  Stadt  als  Krieger  be- 
tritt.  Der  Geschichtsschreiber  schildert  ihn  uns,  wie  er  zu 
Pferde  gleich  dem  verkorperten  Kriegsgeist  selber  durch 
die  Strafien  reitet  und  alles,  was  sich  ihm  in  den  Weg  stellt, 
niedermacht,  so  aber,  dafi  der  Geschichtsschreiber  oflFenbar 
den  Eindruck  gehabt  hat:  eine  gerechte  Rache  ist  es,  die 
dieser  Adlige  da  nimmt.  Und  es  taucht  auf  vor  dem  Geiste 
des  Geschichtsschreibers  das  Bild  jenes  Kriegers,  der  den 
Feind  unter  seine  Fiifie  zwingt.  In  einem  Bilde  Raffaels, 
dem  «St.  Georg»,  fiihlen  wir  formlich  aus  der  Darstellung 
auftauchen  dieses  Bild,  das  der  Chronist  entwirft,  und  wir 
haben  unmittelbar  den  Eindruck:  es  konnte  nicht  anders 
sein,  als  dafi  RafFael  diese  Szene  habe  auf  sich  wirken  las- 
sen,  und  dafi  dann,  was  aufierlich  so  furchtbar  uns  erschei- 
nen  mufi,  aus  Raffaels  Seele  verinnerlicht  aufersteht  und 
zum  Ausgangspunkt  fur  seine  Darstellung  eines  der  grofi- 
ten  und  bedeutsamsten  Bilder  der  Menschheitsentwickelung 
geworden  ist. 

So  sah  Raffael  kampfende  Menschheit  um  sich.  So  hatte 
er  Verwirrung  iiber  Verwirrung,  Krieg  iiber  Krieg  um  sich 


in  der  Stadt,  in  der  er  seine  Lehrzeit  durchmachte  bei  sei- 
nem  ersten  Lehrmeister  Pietro  Perugino,  und  wir  haben 
den  Eindruck,  als  ob  es  damals  in  der  Stadt  zwei  Welten 
gegeben  hat:  die  eine,  in  der  sich  Grausames  und  Furcht- 
bares  abspielte,  und  eine  andere  Welt,  die  verinnerlicht  in 
RafFaels  Seele  lebte  und  die  im  Grunde  genommen  nicht 
viel  zu  tun  hatte  mit  dem,  was  ringsherum  sinnlich  vorging. 

Dann  wieder  sehen  wir  Raffael  im  Jahre  1504  nach 
Florenz  verpflanzt.  Wie  war  Florenz,  als  Raffael  die  Stadt 
betrat?  Zunachst  so,  dafi  die  Einwohner  das  Gebaren  und 
den  Eindruck  von  ermudeten  Leuten  machten,  die  durch 
Aufregungen  des  Inneren  und  Au£eren  durchgegangen  wa- 
ren  und  mit  einem  gewissen  Oberdrufi  und  einer  gewissen 
Mudigkeit  lebten.  Was  war  doch  alles  iiber  Florenz  ergan- 
gen!  Kampfe  ebenso  wie  in  Perugia,  blutige  Verfolgungen 
verschiedener  Geschlechter,  allerdings  auch  Kampfe  mit  der 
AulSenwelt;  dann  aber  das  einschneidende,  alle  Seelen  der 
Stadt  aufregende  Erleben  Savonarolas,  der,  kurze  Zeit  be- 
vor  RafFael  die  Stadt  betrat,  den  Marty rertod  gestorben 
war.  Da  stent  sie  vor  uns,  diese  eigentumliche  Gestalt 
Savonarolas,  mit  dem  feurigen  Wort  gegen  die  damaligen 
Mifistande  wetternd,  ja,  gegen  die  Grausamkeiten  der  Kir- 
che,  gegen  die  Verweltlichung,  gegen  das  Heidentum  der 
Kirche.  Da  klingen  in  uns  nach,  wenn  wir  uns  der  Betrach- 
tung  hingeben,  die  sturmischen  Worte  Savonarolas,  durch 
die  er  ganz  Florenz  hinrifi,  so  dafi  die  Leute  nicht  nur  an 
seinen  Lippen  hingen,  sondern  ihn  so  verehrten,  wie  wenn 
ein  hoherer  Geist  in  diesem  asketischen  Leibe  vor  ihnen  ge- 
standen  hatte. 

Umgestaltet  hatte  das  Wort  Savonarolas  die  Stadt 
Florenz,  als  ob  unmittelbar  eine  Art  von  religiosem  Re- 
formator  die  religiosen  Ideen  und  die  ganze  Stadt  auch 
staatlich  durchzogen  hatte.  Wie  wenn  eine  Art  Gottesstaat 


gegriindet  worden  ware,  so  stand  Florenz  unter  dem  Ein- 
flufi  Savonarolas.  Und  dann  sehen  wir,  wie  Savonarola 
denjenigen  Machten  verfallt,  gegen  die  er  moralisdi  und 
religios  aufgetreten  war.  Vor  unserer  Seele  taucht  das  er- 
greifende  Bild  auf,  wie  Savonarola  mit  seinen  Gefahrten 
zum  Martyrerfeuer  gefiihrt  wird,  und  wie  er  von  jenem 
Galgen,  von  dem  er  auf  den  Scheiterhaufen  herunterf alien 
sollte,  die  Augen  hinunterwendete  -  es  war  im  Mai  1498  — 
zu  dem  Volke,  das  einst  an  seinen  Lippen  hing,  das  ihn  nun 
audi  verlassen  hatte  und  wie  abtrunnig  hinschaute  auf  den, 
der  es  so  lange  begeistert  hatte.  Wenige  waren  es,  darunter 
audi  Kunstler,  in  denen  noch  die  Worte  Savonarolas  nach- 
klangen.  Es  gibt  einen  Maler  jener  Zeit,  der,  nachdem 
Savonarola  den  Martyrertod  erlitten  hatte,  selber  das 
Monchskleid  anzog,  um  in  seinem  Orden  in  seinem  Geiste 
weiterzuwirken. 

Man  kann  sich  jene  mude  Atmosphare  vorstellen,  die 
uber  Florenz  lag.  In  diese  Atmosphare  hinein  sehen  wir  im 
Jahre  1504  Raffael  versetzt,  der  den  Friihlingshaudi  des 
Geistes  durdi  die  Mittel  seines  SchafTens  mitbrachte,  der 
gleichsam  ein  geistiges  Feuer,  allerdings  in  ganz  anderer 
Art,  als  es  Savonarola  geben  konnte,  in  diese  Stadt  herein- 
brachte.  Wenn  wir  so,  recht  unahnlich  der  Stimmung  dieser 
Stadt,  die  Seele  Raffaels  sehen,  die  uns  so  recht  in  ihrer 
Isolierung  erscheint,  wenn  wir  sie,  vereint  mit  Kunstlern 
und  Malern,  an  einsamer  Werkstatte  in  Florenz  oder  sonst- 
wo  schaffen  sehen,  so  taucht  ja  sogleich  vor  uns  ein  anderes 
Bild  auf,  das  uns,  man  mochte  sagen,  noch  historisch  an- 
schaulich  zeigt,  wie  Raffaels  Seele  etwas  innerlich  Abgeson- 
dertes  war  audi  von  dem  Aufierlichen,  mit  dem  sie  un- 
mittelbar  in  Beriihrung  stsind.  Da  tauchen  auf  die  Gestalten 
der  romischen  Papste,  Alexander  VI.,  Julius  II.,  Leo  X., 
das  ganze  papstliche  System,  gegen  das  Savonarola  seine 


Zornesworte  gerichtet  hatte,  gegen  das  sich  die  Reforma- 
toren  gewandt  haben.  Da  taucht  es  aber  so  auf ,  dafi  wir  in 
diesem  papstlichen  System  zugleidi  den  Protektor  Raffaels 
sdiauen,  dafi  wir  Raffaels  Seele  im  Dienste  des  Papsttumes 
sehen,  so  sehen,  dafi  seine  Seele  innerlich  wahrhaftig  wenig 
mit  demjenigen  gemeinsam  hatte,  was  uns  zum  Beispiel  an 
seinem  Protektor,  dem  Papst  Julius  II.,  entgegentritt,  der 
ja  sagte,  er  komme  den  Menschen  so  vor  wie  jemand,  der 
einen  Teufel  im  Leibe  habe  und  seinen  Feinden  am  liebsten 
immer  die  Zahne  zeigen  mochte. 

Grofie  Gestalten  sind  sie,  diese  Papste,  aber  das  waren 
sie  gewift  nicht,  was  etwa  Savonarola  oder  seine  Gesin- 
nungsgenossen  «Christen»  genannt  hatten.  In  ein  neues, 
aber  jetzt  nicht  im  alten  Sinne  gehaltenes  Heidentum  war 
das  Papsttum  tibergegangen.  Von  christlicher  Frommigkeit 
war  in  diesen  Kreisen  nicht  viel  zu  spiiren,  wohl  aber  von 
Glanz,  Herrschsucht,  Machtgelusten,  bei  den  Paps  ten  so- 
wohl  wie  bei  ihrer  Umgebung.  Gleichsam  den  Diener  die- 
ser  heidnisch  gewordenen  Christenheit  sehen  wir  inRaffael. 
Aber  wie?  Wir  sehen  ihn  so,  dafi  etwas  geschaffen  wird  aus 
seiner  Seele  heraus,  durch  welches  die  christlichen  Ideen  viel- 
fach  in  einer  neuen  Gestalt  erscheinen.  Wir  sehen  das  In- 
nigste,  das  Lieblichste  der  christlichen  Legendenwelt  auf 
den  Madonnen-Bildern  und  in  anderen  Werken  Raffaels 
erstehen.  Welcher  Kontrast  zwischen  dem  seelisch  Inner- 
lichen  in  Raffaels  Schaffen  und  dem,  was  um  ihn  herum 
vorging,  als  er  in  Rom  dann  der  auftere  Diener  der  Papste 
geworden  ist!  Aber  wie  war  das  alles  moglich?  Sehen  wir 
schon  an  der  ersten  Lehrstatte  in  Perugia,  sehen  wir  dann 
in  Florenz,  wie  unahnlich  das  Aufiere  seinem  InnerHchen 
ist,  so  sehen  wir  dies  in  Rom  ganz  besonders,  wo  er  inmit- 
ten  einer  -  fur  Savonarola  etwa,  der  ihm  allerdings  auch 
nicht  gleicht-unerhortenKardinale-  und  Priesterwirtschaft 


seine  weltbeherrschenden  Bilder  schuf.  Und  dennoch:  man 
mufi  Raffael  und  seine  Umgebung  dodi  so  betrachten,  wenn 
man  sich  ein  richtiges  Bild  fur  das  schaffen  will,  was  in 
seiner  Seele  lebte. 

Lassen  wir  einmal  die  Bilder  RafFaels  auf  uns  wirken! 
Das  kann  allerdings  heute  abend  nicht  im  einzelnen  ge- 
sdiehen,  aber  wenigstens  eines  der  bekannteren  Bilder  darf 
herausgehoben  werden,  damit  wir  uns  besonders  uber  das 
ganz  eigentiimliche  Seelenhafle  der  Raffael-Seele  verstan- 
digen  konnen.  Es  ist  die  uns  ja  so  nahe  «Sixtinische  Ma- 
donna*, die  sich  in  Dresden  befindet,  und  die  wohl  fast 
jeder  aus  den  iiberaus  zahlreichen  Nachbildungen  kennt, 
die  in  der  ganzen  Welt  verbreitet  sind.  Wie  sie  uns  da  ent- 
gegentritt  als  eines  der  herrlichsten,  edelsten  Kunstwerke 
der  Menschheitsentwickelung,  wie  uns  da  die  Mutter  mit 
dem  Kind  erscheint,  heranschwebend  auf  Wolkenhohen, 
welche  die  Erdkugel  iiberdecken,  aus  dem  Unbestimmten, 
mochte  man  sagen,  der  geistig-iibersinnlidien  Welt  heran- 
schwebend, von  Wolken  umkleidet  und  umringt,  die  sich 
wie  von  selbst  zu  menschenahnlichen  Gestalten  formen,  von 
denen  eine,  wie  verdichtet,  dem  Kinde  der  Madonna  ahn- 
lich  ist,  wie  sie  da  erscheint  ruft  sie  in  uns  ganz  besondere 
Empfindungen  hervor,  von  denen  wir  wohl  sagen  konnen, 
dafi  wir,  wenn  sie  unsere  Seele  durchziehen,  alle  die  legen- 
denhaften  Vorstellungen  vergessen  konnten,  aus  denen  das 
Bild  der  Madonna  herausgewachsen  ist,  und  von  alien 
christlichen  Traditionen  vergessen  konnten,  was  sie  uns 
iiber  die  Madonna  sagen. 

Nicht  um  in  trockener  Weise  zu  charakterisieren,  mochte 
ich  das  vorbringen,  sondern  um  moglichst  weitherzig  zu 
charakterisieren,  was  wir  gegeniiber  der  Madonna  emp- 
finden  konnen.  Wer  im  geisteswissenschaftlichen  Sinne  die 
Menschheitsentwickelung  betrachtet,  kommt  ja  iiber  alle 


materialistische  Anschauung  hinaus.  Im  Sinne  der  natur- 
wissenschaftlichen  Anschauung  haben  sich  zuerst  die  nie- 
deren  Lebewesen  entwickelt  und  dann  ist  die  Entwickelung 
bis  zum  Menschen  herauf  geschritten.  Geisteswissenschaft- 
lich  miissen  wir  im  Menschen  aber  ein  Wesenhaftes  sehen, 
das  hinauslebt  iiber  alles,  was  unter  ihm  in  den  Natur- 
reichen  steht.  Tritt  uns  der  Mensch  entgegen,  so  erscheint 
uns,  geisteswissenschaftlich  betrachtet,  in  ihm  etwas,  was 
viel  alter  ist  als  alle  die  Wesen,  die  ihm  in  den  verschie- 
denen  Naturreichen  mehr  oder  weniger  nahestehen. 

Der  Mensch  ist  fur  die  Geisteswissenschaft  vorhanden, 
bevor  die  Wesen  des  tierischen,  des  pflanzlichen  und  selbst 
des  mineralischen  Reiches  vorhanden  waren.  In  weiter  Per- 
spektive  sehen  wir  zuriick  in  die  Zeiten-Entwickelung,  in 
welcher  das,  was  jetzt  unser  Innerstes  ist,  schon  da  war, 
was  sich  spater  erst  den  Reichen  eingegliedert  hat,  die  jetzt 
unter  dem  Menschen  stehen.  So  sehen  wir  aus  einer  iiber- 
irdischen  Welt  des  Menschen  Wesenheit  heranschweben, 
sehen,  dafi  wir  in  Wahrheit  diese  menschliche  Wesenheit 
erst  begreif en  konnen,  wenn  wir  von  alledem,  was  die  Erde 
aus  sich  selber  erschafFen  und  hervorbringen  kann,  uns  zu 
etwas  Aufierirdischem  erheben,  zu  etwas  audi  Vorirdischem. 
Wissen  konnen  wir  durch  die  Geisteswissenschaft:  wenn  wir 
alle  Krafte,  alles  Wesenhafte,  was  mit  der  Erde  selber  zu- 
sammenhangt,  auf  uns  wirken  lassen,  so  ist  doch  aus  all 
diesem  kein  Bild  des  ganzen  wesenhaften  Menschen  zu  ge- 
winnen,  sondern  wir  miissen  von  allem  Irdischen  den  Blick 
erheben  in  uberirdische  Regionen  und  aus  ihnen  dieses  Men- 
schen Wesenheit  heranschweben  sehen.  Wir  miissen,  wenn 
wir  im  Gleichnis  sprechen  wollen,  einmal  fuhlen,  wie  zu 
dem  Irdischen  etwas  heranschwebt,  wenn  wir  zum  Beispiel 
des  Morgens,  insbesondere  in  einer  solchen  Gegend  wie  die 
ist,  in  welcher  Raffael  gelebt  hat,  unsere  Blicke  zu  einem 


Sonnenaufgang  hinwenden,  zu  dem  goldglanzenden  Son- 
nenaufgang,  und  da  ein  Gefuhl  erhalten  konnen,  wie  selbst 
im  naturlichen  Dasein  zu  dem,  was  irdisch  ist,  etwas  hin- 
zukommen  mufi  an  Kraften,  die  in  das  Irdische  herein- 
wirken,  an  Kraften,  die  wir  immer  mit  dem  Sonnensein 
verbinden  mussen.  Dann  steigt  vor  unserer  Seele  aus  dem 
goldigen  Glanze  das  Sinnbild  dessen  auf ,  was  heranschwebt, 
urn  sich  mit  dem  Irdischen  zu  umkieiden. 

Man  kann  insbesondere  in  Perugia  das  Gefuhl  haben, 
dafi  das  Auge  denselben  Sonnenaufgang  sehen  darf,  den 
einst  RafTael  erlebt  hat,  und  dafi  man  in  den  Naturerschei- 
nungen  der  aufgehenden  Sonne  ein  Gefuhl  von  dem  be- 
kommen  kann,  was  im  Menschen  uberirdisch  ist.  Aus  den 
von  dem  Sonnengolde  durchglanzten  Wolken  kann  einem 
aufgehen  -  oder  man  kann  wenigstens  empfinden,  als  ob  es 
einem  so  erscheint  -  das  Bild  der  Madonna  mit  dem  Kinde 
als  ein  Sinnbild  des  ewig  Uberirdischen  im  Menschen,  das 
an  die  Erde  eben  aus  dem  Aufierirdischen  herankommt  und 
unter  sich  noch,  durch  Wolken  getrennt,  alles  das  hat,  was 
nur  aus  dem  Irdischen  hervorgehen  kann.  Zu  hochsten  gei- 
stigen  Hohen  kann  sich  unser  Empfinden  erhoben  fiihlen, 
wenn  man  sich,  nicht  theoretisch,  nicht  im  Abstrakten,  aber 
mit  ganzer  Seele,  dem  hingeben  und  sich  damit  durchdringen 
kann,  was  in  Raffaels  Madonna  auf  uns  wirkt.  Es  ist  eine 
naturgemaiKe  Empfindung,  die  wir  so  vor  dem  weltberxihm- 
ten  Dresdner  Bilde  haben  konnen.  Und  dafi  es  auf  manche 
Menschen  so  gewirkt  hat,  dafiir  mochte  ich  einen  Beleg 
anfiihren,  indem  ich  die  Worte  mitteile,  welche  der  Freund 
Goethes,  Karl  August,  damals  noch  Herzog  von  Weimar, 
uber  die  Sixtinische  Madonna  nach  einem  Besuche  in  Dres- 
den geschrieben  hat: 

«Bei  dem  Raffael,  der  die  Sammlung  dort  schmuckt,  ist 
mir  nicht  anders  gewesen,  als  wenn  man  den  ganzen  Tag 


durch  die  Hohe  des  Gotthard  gestiegen  ist,  durchs  Urseler 
Loch  kam  und  nun  auf  einmal  das  bliihende  und  griinende 
Tal  sah,  Mir  war's,  so  oft  ich  ihn  sah  und  wieder  weg  sah, 
immer  nur  wie  eine  Erscheinung  vor  der  Seele;  selbst  die 
schonsten  Correggios  waren  mir  nur  Menschenbilder;  ihre 
Erinnerung,  wie  die  schonen  Formen,  sinnlich  palpabel. 
Raffael  blieb  mir  aber  immer  blofi  wie  ein  Hauch,  wie  eine 
von  den  Erscheinungen,  die  uns  die  Gotter  in  weiblicher 
Gestalt  senden,  um  uns  gliicklich  oder  ungliicklich  zu  ma- 
chen;  wie  die  Bilder,  die  sich  uns  im  Schlaf  wachend  oder 
traumend  wieder  darstellen  und  der  en  uns  einmal  getrof- 
fener  Blick  uns  ewig  Tag  und  Nacht  anschaut  und  das  In- 
nerste  bewegt.» 

Und  merkwiirdig:  wenn  man  die  Literatur  verfolgt  bei 
denjenigen,  welche  aus  ihrer  Empfmdung  heraus  ein  Tiefes 
gerade  beim  Anblick  der  Sixtinischen  Madonna,  aber  auch 
bei  anderen  Raffael-Bildern  aussprechen  konnen,  dann  tre- 
ten  einem  immer  wieder,  wenn  die  Menschen  charakte- 
risieren  wollen,  was  sie  empfinden,  Vergleiche  mit  dem 
Licbt,  mit  der  Sonne,  mit  dem  Erhellenden  und  mit  dem 
Fruhlingsmafiigen  entgegen. 

Da  konnen  wir  einen  Blick  tun  in  die  Raffael-Seele,  wie 
sie  aus  den  geschilderten  Zustanden  ihrer  Umgebung  heraus 
ihr  Gesprach  halt  mit  den  ewigen  Geheimnissen  des  Men- 
schenwerdens.  Da  fuhlen  wir,  wie  ein  Einzigartiges,  nicht 
aus  der  Umgebung  Herauswachsendes,  sondern  auf  eine 
ungeheure  menschliche  Vergangenheit  Hinweisendes  diese 
Seele  Raffaels  ist.  Man  braucht  dann  nicht  zu  spekulieren. 
Eine  solche  Seele,  die  in  den  Umkreis  der  Welt  hinaus- 
schaut  und  aus  sich  heraus  das  Geheimnis  des  Daseins  nicht 
in  Ideen  ausdriickt,  sondern  empfindet  und  in  einem  sol- 
chen  Bilde  formt,  eine  solche  Seele  stellt  sich  dann  wie  etwas 
ganz  Selbstverstandliches  durch  eine  solche  innere  Voll- 


kommenheit  als  eine  reif  ste  Seele  dar,  die  wahrhaftig  in  ihren 
Anlagen  etwas  tragt  an  Kraften  der  Menschheit,  eine  Seele, 
die  hindurchgegangen  sein  mufi  durch  andere  Epochen  der 
Menschheitsentwickelung  und  besonders  durch  manche  die- 
ser  Epochen,  welche  GrofSes,  Gewaltiges  in  diese  Seele  hin- 
eingegossen  haben,  so  dafi  es  wieder  zutage  treten  kann  in 
dem,  was  wir  das  Lebea  Raffaels  nennen.  Aber  wie  tritt  es 
heraus? 

Wir  sehen  das,  was  in  den  christlichen  Legenden,  in  den 
christlichen  Traditionen  lebt,  in  den  Bildern  Raffaels  auf- 
tauchen  mitten  in  einer  Zeit,  in  welcher  das  Christentum 
wie  heidnisch  geworden  war  und  ganz  aufierer  Gestalt  und 
aufierer  Pracht  hingegeben  lebte,  so  etwa,  wie  das  griechische 
Heidentum  in  seinen  Gottern  dargestellt  war  und  vor  allem 
verehrt  wurde  von  den  schonheitstrunkenen  Griechen.  "Wir 
sehen  Raffael  diese  Gestalten  christlicher  Oberlieferungen 
auspragen  in  einem  Zeitalter,  in  welchem  das,  was  lange 
Jahrhunderte  unter  Schutt  und  Triimmern  auf  romischem 
Boden  vergraben  war,  wieder  ausgegraben  wurde.  Wir 
sehen,  dafi  RafTael  selber  mit  unter  den  Ausgrabenden  war. 
Merkwiirdig  erscheint  uns  dieses  Rom,  in  das  RafFael  in 
dieser  Zeit  hineinversetzt  war. 

Was  ging  dieser  Zeit  voraus?  Wir  sehen  zuerst  die  Jahr- 
hunderte, da  Rom  auftaucht,  sehen  es  auftauchen  ganz  auf- 
gebaut  auf  dem  Egoismus  einzelner  Menschen,  die  vor  alien 
Dingen  im  Auge  haben,  auf  Grundlage  dessen,  was  der 
Mensch  als  Burger  eines  Staates  bedeuten  sollte,  eine  mensch- 
liche  Gemeinschaft  zu  begriinden,  eine  Gemeinschaft  in  der 
aufieren  physischen  Welt.  Dann,  als  Rom  zu  einer  gewissen 
Hohe  gelangt  war,  als  die  Kaiserzeit  herauf gekommen  war, 
sehen  wir,  wie  es  aufsaugt  das  Griechentum,  indem  in  das 
romische  Geistesleben  das  Griechentum  hineinstromt,  und 
wir  erleben,  wie  Rom  zwar  politisch  Griechenland  iiber- 


waltigt,  wie  aber  Griechenland  geistig  Rom  iiberwaltigt.  Es 
lebt  das  Griechentum  dann  im  Romertum  fort.  Wir  sehen, 
wie  griechische  Kunst,  so  weit  sie  von  Rom  aufgesogen 
wurde,  im  romischen  Wesen  fortlebt,  sehen  Rom  ganz  und 
gar  von  griechischem  Wesen  durchgossen. 

Aber  warum  bleibt  dieses  griechische  Wesen  in  den  fol- 
genden  Jahrhunderten  nicht  eine  charakteristische  Eigen- 
schaft  der  Entwicklung  Italiens?  Warum  kam  doch  etwas 
ganz  anderes  heraus?  Weil  bald,  nachdem  dieses  Griechen- 
tum sich  in  die  romische  Welt  hmeinergossen  hatte,  das  an- 
dere  kam,  das  eine  starkere  Signatur  dem  aufdriickte,  was 
sich  auf  dem  Boden  Italiens  als  Geistesleben  entwickelte: 
das  Christentum,  die  Verinnerlichung  des  Christentums, 
dasjenige,  was  nun  nicht  zur  Menschheit  so  sprechen  sollte 
wie  das  aufiere  Sinnliche  der  griechischen  Stadte,  der  grie- 
chischen  Bildwerke  oder  der  griechischen  Philosophic,  son- 
dern  das  zur  inneren  Menschenseele  das  sprechen  sollte,  was 
gestaltenlos  in  diese  Seele  einziehen,  was  diese  Menschen- 
seele nur  in  inneren  Kampfen  ergreifen  sollte.  Deshalb 
sehen  wir  solche  Gestalten  auf tauchen  wie  Augustinus,  ganz 
innerliche  Gestalten. 

Dann  aber  sehen  wir,  weil  alles  in  der  Entwicklung 
zyklisch  ablauft,  Kreislaufe  durchlauft,  nach  der  Verinner- 
lichung bei  diesen  Menschen,  welche  diese  Verinnerlichung 
durchgemacht  haben  und  in  ihrer  Seele  lange  gewisser- 
ma£en  ohne  Zusammenhang  mit  schoner  Aufierlichkeit 
gelebt  haben,  jene  Sehnsucht  nach  Schonheit  auftreten. 
Sie  schauen  wieder  im  Aufieren  das  Innerliche.  Da  ist  es  ein 
Bedeutsames,  wenn  wir  in  Assisi  das  verinnerlichte  Leben 
des  Franz  von  Assisi  durch  Giotto  vor  unseren  Augen  auf- 
treten sehen,  wenn  wir  in  den  Bildern  Giottos  die  inneren 
Erlebnisse  sprechen  sehen,  die  sozusagen  das  Christentum 
in  der  menschlichen  Seele  auswirken  kann.  Und  wenn  wir 


audi  noch  -  der  Ausdruck  sei  gestattet  -  etwas  ungelenk 
und  unvollkommen  in  Giottos  Bildern  das  Innere  der  Men- 
schenseele  sprechen  fiihlen,  so  sehen  wir  dann  doch  einen 
geraden  Aufstieg  bis  zu  jenem  Punkte,  wo  das  Innerlichste, 
das  Hehrste  und  Edelste  in  aufterer  Gestalt  uns  bei  Raff  ael 
und  seinen  Zeitgenossen  entgegentritt.  Da  werden  wir  wie- 
der  auf  eine  Eigentiimlichkeit  dieser  Raffael-Seele  hinge- 
lenkt. 

Versudien  wir,  uns  in  die  Art  hineinzufiihlen,  wie  Raffael 
selber  empfinden  mufite,  so  miissen  wir  uns  sagen:  Ja,  wenn 
wir  solche  Bildwerke  auftreten  sehen  wie  zum  Beispiel  die 
«Madonna  della  Sedia»,  so  fallt  uns  auf,  wie  die  Madonna 
mit  dem  Kinde,  und  davor  das  Kind  Johannes,  so  vor  uns 
stehen,  dafi  wir,  wenn  wir  sie  betrachten,  alle  iibrige  Welt 
vergessen  konnten,  vor  allem  audi  vergessen  konnten,  dafi 
dieses  Kind,  welches  von  der  Madonna  gehalten  wird,  ein- 
mal  mit  jenen  Erlebnissen  verkniipft  sein  kann,  welche  wir 
als  die  Erlebnisse  auf  Golgatha  kennen.  Vor  dem  Bilde 
Raffaels  vergessen  wir  alles,  was  dann  als  das  «Christus- 
Jesus-Leben»  folgte.  Wir  gehen  ganz  auf  in  dem  Augen- 
blick,  der  hier  festgehalten  ist.  Wir  schauen  einfach  eine 
Mutter  mit  einem  Kinde,  von  dem  Herman  Grimm  gesagt 
hat,  dafi  es  das  vornehmste  Geheimnis  ist,  welches  uns  in 
der  aufteren  Welt  entgegentreten  kann.  Wir  schauen  diesen 
Augenblick  in  einer  Ruhe,  wie  wenn  vorher  und  nachher 
sich  nichts  an  ihn  anschliefien  konnte.  Wir  gehen  ganz  auf 
in  dem  Verhaltnis  der  Madonna  zu  ihrem  Kinde,  reiEen  es 
fur  uns  selbst  aus  allem  heraus,  womit  es  sonst  verknupft 
ist.  Und  so  in  sich  vollendet,  immer  das  Ewige  in  einem 
Augenblicke  sich  uns  zeigend,  erscheinen  im  Grunde  genom- 
men  Raffaels  Schopfungen. 

Ja,  wie  mufi  eine  Seele  fiihlen,  die  so  schafft?  Sie  kann 
nicht  fiihlen  etwa  wie  die  Seele  Savonarolas,  die,  von  in- 


nerer  Feuersglut  erfafit,  die  ganze  Tragodie  Christi  in  sich 
fiihlt,  wenn  sie  ihre  Zornesworte  spricht,  oder  audi,  wenn 
sie  zu  den  Horern  christlicher  Andadit  ihre  religios  erhe- 
benden,  f rommen  Worte  spricht.  Wir  konnen  uns  nicht  vor- 
stellen, dafi  Raffaels  Seele  Schwung  habe  in  Savonarolas 
oder  ahnlicher  Geistesart,  konnen  uns  nicht  vorstellen,  dafi 
jenes  sogenannte  christliche  Feuer  in  Raffaels  Seele  gewaltet 
hatte.  Dennoch  aber  diirfen  wir  uns  nicht  vorstellen,  wenn 
wir  einigermafiendasWeseneinerMenschenseeleauf  uns  wir- 
ken  lassen  konnen,  dafi  in  soldier  Innerlichkeit,  in  solcher 
inneren  Vollendung  das,  was  die  christlichen  Vorstellungen 
sind,  bildhafl  durch  Raff  ael  vor  uns  hintreten  konnten,  wenn 
diese  Seele  dem  christlichen  Feuer  so  ganz  fremd  gewesen 
ware,  wie  sie  uns  diesem  christlichen  Feuer  fremd  entgegen- 
tritt,  wenn  sie  ganz  objektiv  an  solchen  Bildern  schafft. 

Man  kann  nicht  objektiv  und  gerundet  die  Gestalten 
schaffen,  wenn  man  etwa  von  dem  Feuer  Savonarolas  durch- 
drungen  ist,  wenn  man  von  der  ganzen  tragischen  Stim- 
mung  des  Christus  in  seiner  Seele  getragen  ist  und  sich  da- 
von  befliigelt  fiihlt.  Es  mufi  ganz  andere  Ruhe  und  ein  ganz 
anderes  Empfinden  in  der  christlichen  Empfindung  in  die 
Seele  ausgeflossen  sein.  Dennoch  konnte  nicht  aus  der  Seele 
herauskommen,  was  in  Raffaels  Bildern  zum  Ausdruck  ge- 
kommen  ist,  wenn  nicht  das,  was  der  tiefste  Nerv  christ- 
licher  Innerlichkeit  ist,  in  dieser  Seele  gelebt  hatte.  Ist  es 
dann  nicht  fast  naturlich,  wenn  wir  uns  sagen:  Ja,  da  haben 
wir  eben  eine  Seele  vor  uns,  welche  jenes  Feuer,  das  wir  in 
Savonarola  auf  uns  wirkend  vernehmen,  schon  mit  in  das 
physische  Dasein  brachte,  das  sie  als  der  Maler  Raff  ael  be- 
trat.  "Wenn  wir  sie  sehen,  aus  fruheren  Erdenleben  durch  die 
Geburt  dieses  Feuer  ins  Dasein  bringend,  dann  begreifen 
wir,  wie  es  so  abgeklart,  so  innerlich  vollendet  sein  konnte, 
dafi  uns  dieses  Feuer  nicht  als  das  sozusagen  Verzehrende 


und  den  Enthusiasmus  Storende  entgegentritt,  sondern  als 
das  Abgeklarte  des  bildhaft  SchafFenden  ersdieinen  kann. 
Da  mochte  man  sagen:  man  fuhlt  schon  in  den  Anlagen 
RafFaels  etwas  durch,  was  einem  vorkommt,  wie  wenn  es 
in  diesen  Anlagen  so  lebte,  als  ob  er  in  einem  friiheren 
Leben  mit  demselben  Feuer  hatte  sprechen  konnen,  wie  dann 
spater  Savonarola  sprach.  Und  man  brauchte  sich  nicht 
zu  verwtmdern,  wenn  man  in  RafFaels  Seele  eine  wieder- 
erstandene  Seele  hatte  aus  einer  Zeit,  in  welcher  das  Chri- 
stentum  nicht  bildhaft,  nicht  in  der  Kunst  stehend  empfun- 
den  wurde,  sondern  als  unmittelbar  an  seiner  Begriindung 
stehend,  als  es  den  grofien  Impuls,  durch  den  es  dann  im 
Laufe  der  Jahrhunderte  gewirkt  hat,  an  seinem  Ausgangs- 
punkt  hatte. 

Vielleicht  ist  es  nicht  zu  gewagt,  zum  Verstandnis  einer 
solchen  Seele,  wie  es  die  RafFaels  ist,  sich  so  etwas  herbei- 
zutragen,  wie  es  eben  ausgesprochen  worden  ist.  Denn  wer 
gelernt  hat,  in  immer  wieder  erneuerter  Vertiefung  in  die 
Werke  RafFaels  diese  Seele  in  ihren  Tiefen  zu  verehren,  in 
ihren  Tiefen  so  anzuschauen,  wie  sie  unergrundlich  tief 
wirkt,  der  vermag  nicht  anders,  als  durch  solche  weitgehende 
Empfindung  sich  begreiflich,  sich  verstandlich  zu  machen, 
was  da  zu  uns  spricht,  wo  RafFael  seine  Seele  in  seine  Wun- 
derwerke  hineingegossen  hat. 

So  erscheint  uns  die  Mission  RafFaels  eigentlich  erst  im 
rechten  Lichte,  wenn  wir  nach  einem  Ausdruck  Goethes  in 
einem  «abgelebten  Leben»  das  christliche  Feuer  suchen,  das 
uns  dann  in  einem  spateren  Leben  als  die  Abgeklartheit  in 
seinem  RafFael-Dasein  erscheint.  Dann  verstehen  wir  auch, 
wie  diese  Seele  so  isoliert  sich  in  die  Welt  hineinstellen 
mufite,  und  wir  begreifen  auch,  wie  jene  Seele,  die  wir  eben 
zu  charakterisieren  versuchten,  die  vielleicht,  nur  in  gestei- 
gertem  Mafie,  etwas  «Savonarolahaftes»  in  einem  friiheren 


Dasein  hatte,  als  ein  Neues  empfinden  konnte,  was  nun 
wieder  zur  Zeit  Raffaels  in  der  geistigen  Entwicklung  Ita- 
liens  aufgetreten  war. 

Hatte  in  die  Zeit,  als  das  Kaisertum  heranruckte  und 
dann  da  war,  in  die  romische  Entwicklung  das  Griechen- 
tum  hereingespielt,  wie  es  geschildert  worden  ist,  und  war 
dann  eine  Verinnerlichung  eingetreten,  so  sehen  wir  jetzt 
im  Zeitalter  Raffaels,  der  Renaissance,  auf  der  einen  Seite 
dieses  alte  Griechentum,  das  unter  Schutt  und  Triimmern 
begraben  war,  wieder  herauskommen,  sehen  Rom  sich  mit 
dem  uberbliebenen  Griechentume  bevolkern,  sehen  auf- 
tauchen,  was  einst  als  griechischer  Geist  die  Stadt  geziert 
und  verschont  hatte,  sehen  die  Augen  der  romischen  Bevol- 
kerung  sich  wieder  hinlenken  auf  die  Formen,  die  einst  der 
griechische  Geist  geschaffen  hatte.  Auf  der  anderen  Seite 
sehen  wir  in  diesem  Zeitalter  aber  audi,  wie  der  Geist 
Platos,  der  Geist  des  Aristoteles,  der  Geist  der  griechischen 
Tragiker  in  das  romische  Leben  eindringt.  Noch  einmal 
sehen  wir  die  Eroberung  der  romischen  Welt  durch  das 
Griechentum.  Vielleicht  gerade  fur  einen  solchen  Geist,  der 
einstmals  in  einseitiger  Weise  der  moralisch-religiosen  An- 
schauung  des  Christentums  hingegeben  war  und  in  einem 
vorhergehenden  Leben  seine  Seele  ganz  diesen  moralisch- 
religiosen  Eindriicken  hingegeben  hat,  mufke  das  Griechen- 
tum, wie  ihn  selbst  befruchtend,  erneuernd  wirken,  so  wie 
es,  aus  Schutt  und  Triimmern  hervorgezogen,  auf  der  ita- 
lienischen  Halbinsel  auftrat. 

Sieht  man  also  den  moralisch-religiosen  Impuls  des  Chri- 
stentums wie  in  den  Anlagen  Raffaels  Hegend,  so  sieht  man 
das,  was  in  diesen  Anlagen  noch  nicht  da  war,  vor  seinen 
schauenden  Augen  auftreten  in  dem  wiedererstandenen 
Griechentum.  Wie  in  keiner  anderen  Seele  wirkten  die  aus 
Schutt  und  Triimmern  wiedererstandenen  Statuen  und  die 


griechischen  Geistesprodukte,  die  aus  den  wiederaufgefun- 
denen  Manuskripten  herausgeholt  wurden,  auf  die  Seele 
Raffaels.  Was  sich  aus  seinen  Anlagen  heraus,  aus  dem 
christlichen  Empfinden  heraus  verband  mit  einem  uber- 
geistigen  Hingegebensein  an  das  Kosmische,  das  wirkte  zu- 
sammen  mit  dem,  was  als  griechischer  Geist  aus  seinem 
Zeitalter  heraus  wiedererstand.  Das  waren  die  zwei  Dinge, 
die  sich  in  seiner  Seele  verbanden  und  die  bewirkten,  dafi 
uns  in  den  Werken  Raffaels  das  entgegentritt,  was  an  In- 
nerlichkeit  die  nachgriechische  Zeit  geschaffen  hat,  was  an 
Innerlichkeit  das  Christentum  hineinergossen  hat  in  die 
Menschheitsentwkkelung  und  was  sich  zum  Ausdruck 
brachte  in,  man  mochte  sagen,  vollstandig  aufterer  Offen- 
barung  in  einer  malerischen  Gestaltenwelt,  aus  welcher 
iiberall  der  reinste  griechische  Geist  spricht. 

So  sehen  wir  die  merkwiirdige  Erscheinung,  da£  uns 
durch  Raffael  das  Griechentum  im  Christentum  wieder- 
ersteht.  So  sehen  wir  in  Raffael  ein  Christentum  auftreten 
in  einer  Zeit,  die  eigentlich  in  einer  gewissen  Weise  um  ihn 
herum  das  Antichristliche  darstellt.  Wir  sehen,  dafi  sich  in 
ihm  ein  Christentum  darstellt,  das  weit  hinausging  iiber 
alleEngedesvorhergehenden  Christen tumes  und  sich  erhob 
zu  einer  weiten  Betrachtung  gegeniiber  der  damaligen  Welt. 
Und  doch  sehen  wir  ein  Christentum,  das  nicht  in  unend- 
liche  Spharen  des  blofi  Spirituellen  ahnend  hinausweist, 
sondern  sich  zusammenschlie£t  so,  wie  einst  die  Griechen 
in  der  kiinstlerischen  Form  ihre  Gotter-Ideen  zusammen- 
geschlossen  haben  mit  dem,  was  gestaltenlos  die  Welt  durch- 
lebt  und  durchwebt,  und  es  hineingedrangt  haben  in  die 
Gestalten,  aus  denen  heraus  es  zugleich  unsere  Sinne  ergotzt. 

Das  ist  es,  was  vor  unsere  Seele  tritt,  wenn  wir  uns  ein 
Gesamtbild  zu  formen  versuchen,  wenn  in  unsere  Seele  ein- 
stromt  die  eine  oder  die  andere  der  Schopfungen  Raffaels, 


wenn  wir  auf  uns  wirken  lassen,  was  alles  in  hochster  Voll- 
endung-und  dodi  in  wunderbarstem  Jugenduberflufi,  denn 
Raffael  starb  mit  37  Jahren  -  auf  uns  wirken  kann.  Nicht 
einer  grauen  Theorie  und  audi  wahrlich  nicht  einer  philo- 
sophischen  Geschichtskonstruktion  zuliebe,  sondern  der  un- 
mittelbaren  Empfindung  entsprungen,  welche  die  Werke 
Raffaels  geben,  mul5  gesagt  werden:  An  einem  so  iiber- 
ragenden  Geiste  wie  Raffael  erscheint  so  recht  das  Gesetz- 
mafiige  im  Fortlaufe  des  menschlichen  Geisteslebens. 

Wer  sich  als  eine  gerade  Linie,  wo  sich  immer  Wirkung 
an  Ursache  anschliefk,  diesen  Fortgang  des  Geisteslebens 
vorstellt,  der  ist  wahrhaftig  nidit  mit  den  Tatsachen  im 
Einklang.  Man  hat  so  leicht  einen  Aussprudi  bei  der  Hand, 
der  gewifi  zu  den  goldenen  Ausspruchen  der  Mensdihek 
gehort:  dafi  das  Leben  und  die  Natur  keine  Spriinge  mache. 
Gewifi,  aber  in  vieler  Beziehung  machen  das  Leben  und 
die  Natur  fortwahrend  Spriinge.  Das  konnen  wir  sehen  an 
der  Entwickelung  der  Pflanze  vom  griinen  Blatt  zur  Bliite, 
von  der  Bliite  zur  Frucht.  Da  sehen  wir,  wie  zwar  alles  sich 
«entwickelt»,  wie  aber  tatsachlich  Spriinge  das  Selbstver- 
standliche  sind. 

So  ist  es  audi  im  Geistesleben  der  Menschheit,  und  das  ist 
noch  mit  mancherlei  Geheimnissen  verkniipft.  Eines  dieser 
Geheimnisse  ist,  daft  immer  eine  spatere  Epoche  zuriick- 
greifen  mufi  auf  eine  friihere  Epoche.  So  mochte  man  sagen: 
wie  das  Mannliche  und  das  Weibliche  zusammenwirken 
miissen,  so  miissen  die  verschiedenen  Zeitengeister,  sich 
gegenseitig  befruchtend,  zusammenwirken,  damit  die  Fort- 
entwicklung  geschieht.  So  mufite  das  Romertum  schon  um 
die  Kaiserzeit  herum  vom  Griechentum  befruchtet  werden, 
damit  ein  neuer  Zeitgeist  entstiinde.  Und  so  mufrte  wieder 
dieser  Zeitgeist,  der  da  entstand,  befruchtet  werden  von 
dem  christlichen  Impuls,  damit  jene  Verinnerlichung  mog- 


lich  werde,  die  wir  dann  in  Augustinus  und  in  anderen 
erblicken.  So  mufite  spater  neuerdings  diese  innerlich  so 
fortgeschrittene  Menschenseele  RafiFael  befruchtet  werden 
von  dem  Griechentume,  das  doppelt  begraben  war  und 
doch  wieder  hervorkam,  das  doppelt  entzogen  war:  den 
Blicken  in  den  Bildwerken,  die  unten  im  Boden  Italiens 
vom  Erdreidi  bedeckt  ruhten,  und  den  Seelen  in  den  begra- 
benen  Literaturwerken,  die  den  griechischen  Geist  ausprag- 
ten.  Wenig,  aufierordentlich  wenig  beriihrt  waren  diese 
Jahrhunderte  des  ersten  christlichen  Jahrtausends  in  Italien 
von  dem,  was  in  der  griechischen  Philosophic,  in  der  grie- 
chischen Dichtung  lebte. 

Doppelt  begraben  war  das  Griechentum  und  wartete 
gleichsam  wie  in  einem  jenseitigen  Reich  auf  einen  Zeit- 
punkt,  wo  es  neuerdings  die  inzwischen  durch  eine  neue 
Religion  hindurchgeschrittene  Menschenseele  befruchten 
konnte.  Begraben,  sich  den  aufteren  Augen  der  Menschen 
entziehend,  und  begraben  wieder  audi  fiir  die  Seelen,  die 
nicht  ahnten,  dafi  es  sich  fortentwickeln  wiirde,  daft  man  es 
hatte,  wahrend  es  nur  fortflofi  wie  ein  Flu£,  der  manch- 
mal  eine  Strecke  weit  unter  einem  Berge  fortfliefk,  sich  den 
Blicken  entzieht  und  nachher  wieder  an  die  Oberflache 
kommt.  Begraben,  aufierlich  fiir  die  Sinne,  innerlich  fiir  die 
Tiefen  der  Seelen,  war  dieses  Griechentum.  Jetzt  kam  es 
wieder  hervor.  Fiir  die  sinnliche  Anschauung  grub  man  es 
heraus  aus  dem  Boden  Italiens  in  den  kunstlerischen  Wer- 
ken;  fiir  die  geistige  Anschauung  grub  man  es  aus,  indem 
man  es  nicht  nur  aus  den  alten  Manuskripten  hervorholte, 
sondern  indem  man  wieder  anfing,  im  griechischen  Sinne 
zu  empfinden,  wie  der  Geist  in  allem  Sinnlichen  lebt,  wie 
ailes  Sinnliche  die  OfFenbarung  des  Geistigen  ist.  Man  fing 
wieder  an  zu  empfinden,  was  einst  Plato  und  Aristoteles 
gedacht  hatten. 


Der  aber,  auf  den  das  am  meisten  befruchtend  wirken 
konnte,  weil  seine  Seele  in  ihren  Anlagen  die  christlichen 
Impulse  am  meisten  verarbeitet  hatte,  das  war  Raffael.  Bei 
ihm  wirkte  sich  dieses  doppelt  vorher  begrabene  und  dop- 
pelt  wiedererstehende  Griechentum  jetzt  so  aus,  daiS  er  im- 
stande  war,  die  ganze  Entwicklung  der  Menschheit  in  Ge- 
stalten  zu  pragen.  Wie  wunderbar  vermochte  er  es  in  den 
Bildern  der  « Camera  della  Segnatura»,  wo  wir  das  alte 
Geistesringen  auf  den  Biidern  wiedererstehen  sehen,  das 
Ringen  jener  Geister,  die  sich  herausgebildet  haben  in  der 
Zeit  der  Verinnerlichung,  die  nicht  da  waren  in  der  Zeit 
des  Griechentums.  Da£  sie  so  angescliaut  werden  konnten 
zur  Zeit  Raffaels,  dazu  war  die  ganze  Periode  der  Verin- 
nerlichung notwendig.  Jetzt  sehen  wir  diese  Verinnerlichung 
an  die  Wande  der  papstlichen  Zimmer  gemalt. 

Was  sich  die  Griechen  nur  in  Gestalten  geformt  gedacht 
hatten,  das  sehen  wir  jetzt  verinnerlicht.  Die  inneren  Stre- 
bungen  undKampfstimmungen,  welche  die  Menschheit  selbst 
durchgemacht  hat,  sehen  wir  nut  griechischem  Gestalten- 
geist,  mit  griechischer  Kunststimmung  und  Schonheit  an  die 
Wande  des  papstlichen  Palastes  gezaubert.  Wie  sich  die 
Griechen  vorstellten,  dafi  die  Gotter  auf  die  Welt  wirkten, 
das  gossen  sie  aus  iiber  ihre  Statuen.  Wie  die  Menschen  es 
erlebt  hatten,  dafi  sie  fortschreiten  zu  den  Griinden  der 
Dinge,  das  tritt  uns  in  dem  Bilde  entgegen,  das  so  oft  die 
«Schule  von  Athen»  genannt  wird.  Wie  die  Menschenseele 
gelernt  hat  die  griechischen  Gotter  anzuschauen,  das  tritt 
uns  in  einer  eigentiimiichen  Neugestaltung  der  Gotter  Ho- 
mers in  dem  «Parnafi»  vor  die  Seele.  Das  sind  nicht  die 
Gotter  der  Ilias  und  Odyssee,  sondern  das  sind  die  Gotter, 
wie  sie  eine  Seele  anschaute,  die  bereits  durch  die  Epoche 
der  Verinnerlichung  durchgegangen  war! 

An  der  anderen  Wand  sehen  wir  das  Bild,  das  jedem, 


gleichgiiltig,  welchem  religiosen  Bekenntnisse  er  angehoren 
mag,  unvergefilich  bleiben  mufi  -  so  wenig  man  jetzt  nodi 
eine  Vorstellung  davon  bekommen  kann  — ,  das  Bild,  auf 
dem  ein  Inner stes  dargestellt  wird,  die  «Disputa».  Wah- 
rend  die  anderen  Bilder  darstellen,  wozu  man  sich  durch 
ein  gewisses  philosophisdies  Streben  hindurchringt,  aber  in 
griechischer  Formenschonheit,  tritt  uns  in  dem  gegeniiber- 
liegenden  Bilde  das  Tiefste  entgegen,  was  die  Menschen- 
seele  erleben  kann.  Und  wie  wir  nicht  an  ein  enges  christ- 
liches  Bewufttsein  zu  denken  brauchen,  das  zeigt  sich  uns 
hier,  wenn  wir  das  Brahma-,  Vishnu-,  Shiva-Motiv  in 
einer  ganz  anderen  Art  ausgedriickt  finden.  Wir  sehen  als 
die  Dreieinigkeit  uns  entgegentreten,  was  die  menschliche 
Seele  innerlich  erleben  kann,  jede  Seele,  welchem  Bekennt- 
nisse sie  audi  angehort.  Es  tritt  uns  entgegen,  aber  nicht 
blofi  symbolisch  dargestellt,  in  der  Symbolik  der  Dreieinig- 
keit in  dem  oberen  Teile  des  Bildes.  Es  tritt  uns  weiter  ent- 
gegen in  jedem  Antlitz  der  Kirchenvater  und  der  Philo- 
sophen,  in  jeder  Handbewegung,  in  der  ganzen  Verteilung 
der  Gestalten,  in  der  wunderbaren  Farbengebung.  Es  tritt 
uns  entgegen  in  der  Totalitat  des  Bildes,  welches  uns  ein 
Inner liches  der  Menschenseelegibt  in  der  schonen,  vom  grie- 
chischen  Geiste  durchzogenen  Form.  So  sehen  wir  die  In- 
nerlichkeit,  welche  die  Menschenseele  im  Verlaufe  von  an- 
derthalb  Jahrtausenden  erlebt  hat,  als  aufiere  Offenbarung 
wieder  auferstehen.  Wir  sehen  das  Christen  turn  nicht  als 
das  Heidentum  der  romischen  Papste  und  Kardinale,  son- 
dern  als  das  schone,  herrliche  Gestalten  schafTende  grie- 
chische  Heidentum  -  und  doch  Christentum  -  in  den  Bil- 
dern  RafTaels  wiedererstehen. 

So  stent  diese  Raffael-Seele  an  der  Wende,  gleichsam  an 
der  Wasserscheide  der  Zeiten,  hinweisend  auf  ihre  Vorzeit, 
heraufholend,  was  sich  bis  zum  Christentum  in  der  Schon- 


heit  der  aufieren  Offenbarungen  entwickelt  hat,  und  zu- 
gleich  hingewendet  zu  dem,  was  sidi  in  der  Menschheitsent- 
wickelung  herausgebildet  hat  als  das,  was  man  die  «Erzie- 
hung  des  Menschengeschlechts»  nennt  und  was  die  wieder- 
erstehende  Seele  zeigt,  als  die  Verinnerlichung  dieser  Men- 
sdienseele.  Daher  stehen  wir  vor  diesen  Bildern  Raffaeis, 
vor  diesen  Wunderwerken  einer  einzigartigen  Kunst  so, 
dafi  sie  uns  wie  ein  ZusammennuJS  zweier  Zeitalter  er- 
scheinen,  die  klar  und  deutlich  voneinander  geschiedensind: 
das  vorhergehende  nachgriechische  Zeitalter,  das  Zeitalter 
des  AuEenerlebens  und  das  des  Innenerlebens. 

Aber  wir  stehen  vor  diesen  Bildern  so,  dafi  sie  uns  zu- 
gleich  eine  PerspektiveindieZukunfthineineroffnen.  Denn 
wer  von  denen,  die  das  erf iihlen,  was  im  Zusammenflufi  von 
aufierer  Schonheit  und  innerem  weisheitsvollen  Drange  der 
Menschenseele  werden  konnte,  sollte  nicht  die  Hoffnung 
und  die  Gewahr  dafiir  empfinden,  trotz  aller  Aufierlich- 
keit,  die  sich  auch  im  Fortgange  der  Menschheit  immer  wei- 
ter  und  weiter  entwickeln  mufi,  dafi  diese  Verinnerlichung 
im  Laufe  der  Entwickelung  fortschreiten  mufi,  da6  die 
Menschenseele  immer  innerlichere  Perioden  in  den  folgen- 
den  Leben  finden  mui5? 

Man  kann  verstehen,  was  einem  in  der  Literatur  ent- 
gegentritt,  freilich  nur  entgegentritt,  wenn  man  nicht  als 
Kunstgelehrter  oder  als  blofier  Leser  an  die  Werke  eines 
Geistes  wie  Herman  Grimm  herangeht,  der  mit  ganzer 
Seele  das  Wirken  der  menschlichen  Phantasie  darzustellen 
versuchte,  man  kann  es  verstehen,  wenn  man  gerade  an 
einer  gewissen  Stelle  von  Herman  Grimms  RafFael-Werk 
Worte  findet,  die  einem  dann  zu  etwas  ganz  Besonderem 
werden,  wenn  man  mit  innigem  Anteil  einen  solchen  Geist 
wie  Herman  Grimm  betrachtet  und  sieht,  wie  dieser  selber 
wieder  mit  so  innigem  Anteile  vor  Raffaeis  Schopfungen 


stand.  Aber  man  mufi  es  empfinden  an  jener  S telle  des 
Raffael- Werkes,  was  Herman  Grimm  durch  die  Seele  ge- 
zogen  ist,  als  er  ein  Wort  gebrauchte,  das  er  nur  keusdi  an- 
deutet,  schon  auf  den  allerersten  Seiten  seines  Buches,  an 
der  S  telle,  bei  der  seinBlick  auf  das  Her auswachsen  Raff  aels 
aus  alten  Zeitaltern  fallt.  Man  sieht  eigentlich  aus  dem 
Aufieren  der  Darstellung  des  Raffael-Werkes  bei  Herman 
Grimm  nicht  recht  ein,  woher  dieser  Gedanke  stammt. 
Mitten  unter  weiten  historischen  Betraditungen,  in  die 
Raffael  hineingefiigt  wird,  geht  Herman  Grimm  der  Ge- 
danke auf  und  wird  hingeschrieben,  keusch  hingeschrieben: 
«Es  stehen  mir  Entwicklungen  der  Menschheit  vor  den 
Augen,  die  mitzumachen  mir  versagt  sein  wird,  die  mir 
aber  als  so  glanzend  schon  erscheinen,  daft  es  um  ihret- 
willen  wohl  der  Miihe  wert  ware,  das  menschliche  Leben 
noch  einmal  zu  beginnen.» 

Merkwiirdig,  diese  Sehnsucht  nacb  «Wiederverkorpe- 
rung»  in  der  Einleitung  zu  seinem  Raffael-Buche  bei  Her- 
man Grimm,  tief  bezeichnend  fur  ein  seelisches  Fiihlen  bei 
einem  Menschen,  der  sich  ganz  hinemzufiihlen  versuchte  in 
die  Seele  Raffaels  und  in  den  Zusammenhang  Raffaels  mit 
den  anderen  Zeitaltern.  Fiihlt  man  da  nicht  etwas,  was  man 
etwa  so  ausdriicken  kann:  Solche  Werke  wie  die  von  Raffael 
sind  nicht  nur  ein  Ergebnis.  Sie  fiihren  nicht  nur  zu  einer 
Betrachtung,  die  uns  sagen  lafk,  wie  dankbar  wir  sein  miis- 
sen  gegeniiber  dem,  was  uns  die  Vergangenheiten  bis  zu 
unserem  Zeitalter  gegeben  haben,  sondern  solche  Werke 
konnen  noch  eine  ganz  andere  Empfindung  in  uns  erstehen 
lassen,  die  Empfindung  der  Hoffnung,  weil  sie  uns  bef estigen 
in  dem  Glauben  an  die  f  ortschreitende  Menschheit,  und  weil 
wir  uns  sagen  miissen,  dafi  diese  Werke  nicht  so  sein  konn- 
ten,  wenn  die  Menschheit  nicht  eine  Wesenhaftigkeit  ware, 
der  das  Fortschreiten  Natur  ist.  So  wird  uns  Sicherheit,  so 


wird  uns  Hoffnung,  wenn  wir  Raffael  im  richtigen  Sinne 
auf  uns  wirken  lassen,  und  dann  durfen  wir  sagen:  Raffael 
hat  durch  das,  was  er  kiinstlerisch  geschaffen  hat,  zur 
Menschheit  gesprochen! 

Wenn  wir  die  Fresken  in  der  « Camera  della  Segnatura* 
betrachten,  dann  fiihlen  wir  wohl  die  Verganglichkeit  des 
aufieren  Werkes,  und  dafi  wir  aus  den  oft  iibermalten  Wer- 
ken  keine  Vorstellung  mehr  von  dem  bekommen  konnen, 
was  RafTael  einst  dort  auf  die  Wand  gezaubert  hat.  Wir 
fiihlen,  dafi  einst  eine  Menschheit  auf  der  Erde  leben  wird, 
die  nicht  in  der  Lage  sein  wird,  die  Originalwerke  auf  sich 
wirken  zu  lassen.  Aber  wir  wissen,  dafi  die  Menschheit  im- 
mer  weiterschreiten  wird. 

Im  Grunde  genommen  haben  die  Werke  Raffaels  erst 
ihren  Siegeszug  genommen,  als  mit  Hingabe  und  Liebe  von 
diesen  Werken  unzahKge  Bilder  und  Stiche  und  Nachbil- 
dungen  hergestellt  worden  sind.  Sie  wirken  fort,  diese 
Werke  Raffaels,  bis  in  dieNachbildungen  hinein.  Mankann 
es  verstehen,  wenn  wiederum  Herman  Grimm  erzahlt,  er 
habe  sich  einmal  eine  grofie  Phototypie  der  «Sixtinischen 
Madonna»  in  sein  Zimmer  gehangt,  und  es  sei  ihm,  wenn 
er  dieses  Zimmer  betrat,  dann  immer  so  gewesen,  als  ob  er 
nicht  recht  hineingehen  diirfe,  als  ob  es  wie  ein  Heiligtum 
der  Madonna,  dem  Bilde  gehore.  Wohl  mancher  wird  es 
schon  erlebt  haben,  wie  die  Seele  eigentlich  ein  anderes 
Wesen  wird  als  sie  sonst  im  gewohnlichen  Leben  ist,  wenn 
sie  einem  Raffaelschen  Bilde  wirklich  hingegeben  sein  kann, 
auch  einer  blolSen  Nachbildung.  Gewifi,  die  Originale  wer^ 
den  einstmals  nicht  mehr  sein.  Aber  sind  denn  die  Originale 
auf  anderen  Gebieten  vorhanden? 

Wahr  ist  es,  was  Herman  Grimm  in  seinem  Homer- 
Buche  gesteht:  Wir  konnen  auch  die  Originale  des  Homer 
nicht  mehr  rich  tig  genie£en,  weil  wir  im  gewohnlichen  Leben, 


ohne  hohere  geistige  Krafte,  nidit  mehr  in  der  Lage  sind, 
in  alle  Fiigungen  und  Wendungen  der  griechisclien  Sprache, 
in  ihre  Schonheit  und  Gewalt  uns  hineinzuvertiefen,  wenn 
wir  jetzt  Homer  in  seiner  «Ilias»  und  «Odyssee»  auf  uns 
wirken  Iassen.  Die  Originale  haben  wir  auch  da  nicht  mehr; 
dennoch  sprechen  die  Diditungen  Homers  zu  uns.  Aber  was 
Raffael  aufierlich  gegeben  hat,  das  wird  audi  dann  nodi  als 
ein  lebendiges  Zeugnis  dafur  leben,  dafi  es  einmal  in  der 
Entwicklung  der  Mensdiheit  eine  2eit  gegeben  hat,  in  der 
man  sich  im  weitesten  Umkreise  nicht  in  Gedrucktes  und 
Geschriebenes  vertiefen  konnte  -  denn  das  war  damals  bei 
weitem  nicht  gang  und  gabe  -,  in  der  aber  in  den  Schop- 
fungen  Raff  aels  die  Geheimnisse  des  Daseins  zu  den  Augen 
der  Menschen  gesprochen  haben.  Das  Zeitalter  Raff  aels  war 
ein  solches,  welches  weniger  las,  daf  iir  aber  mehr  sah.  Zeugnis 
von  diesem  Zeitalter,  das  anders  geartet  war,  das  aber  fort- 
wirken  wird  in  alle  kommenden  Zeiten,  weil  die  Mensch- 
heit  ein  ganzer  Organismus  ist,  Zeugnis  daf  iir  wird  das  sein, 
was  Raff  ael  immerdar  derMenschheit  zu  sagen  haben  wird. 
So  wird  Raff  aels  Schopfung  f  ortleben  im  Gange  der  Mensch- 
heitsentwickelung,  fortleben  auch  innerlich  in  den  auf  einan- 
derfolgenden  Leben,  die  der  Geist  Raffaels  zu  durchleben 
und  in  denen  er  der  Menschheit  immer  Grofteres  und  immer 
Verinnerlichteres  zu  geben  hat. 

So  weist  die  Geisteswissenschaft  sozusagen  auf  ein  dop- 
peltes  Fortleben  hin:  auf  jenes  Fortleben,  das  in  den  bereits 
gehaltenen  Vortragen  geschildert  ist  und  noch  weiter  be- 
sprochen  werden  wird,  und  auf  ein  anderes  Geistesleben, 
das  wir  ja  immer  anstreben,  das  zu  unserm  Erzieher  wird, 
wenn  wir  in  immer  neuen  Epochen  dieses  Erdendasein 
durchlaufen.  Und  richtig  ist  es,  was  Herman  Grimm  mit 
Worten  gesagt  hat,  in  die  er  zusammenfafite,  was  sich  in 
seinem  Gefiihl,  in  seiner  Empfindung  ergeben  hat  aus  seiner 


Gesamtbeschreibung  RafFaels:  Wenn  audi  einmal  Raffaels 
Werk  Iangst  verblichen,  vernichtet  sein  wird,  dann  wird 
Raffael  der  Menscliheit  doch  leben;  denn  in  ihm  ist  der 
Mensdiheit  etwas  geworden,  was  demGeistedieserMensch- 
heit  in  jeglicher  Beziehung  eingepflanzt  ist,  was  immerdar 
keimen  und  Friichte  tragen  wird. 

Das  wird  die  Menschenseele  empfinden,  welche  sich  ge- 
niigend  in  RafFael  vertiefen  kann.  Im  Grunde  genommen 
haben  wir  Raffael  erst  ganz  verstanden,  wenn  wir  eine 
Empfindung,  von  der  sidi  Herman  Grimm  durchdrungen 
fiihlte  -  wir  haben  das  letztemal  dargestellt,  wie  nahe  er 
der  Geisteswissenschaft  stand  -  als  er  Raffael  immer  wie- 
der  betrachtete,  wenn  wir  diese  Empfindung  auch  geistes- 
wissenschaftlich  erhohen  und  vertiefen  konnen.  Wir  ver- 
stehen  uns  selber  in  unserem  Verhaltnis  zu  RafFael,  wir 
verstehen,  wie  solcbe  Betrachtungen,  wie  sie  heute  an  der 
Anschauung  RafFaels  darzustellenversuchtworden  sind,  als 
Keime  aufgehen  konnen,  wenn  wir  zum  Schluft  zusammen- 
fassen,  was  eigentlich  heute  hat  gesagt  sein  wollen,  in  Satze 
Herman  Grimms:  «Von  RafFael  werden  die  Mensdien  im- 
mer wissen  wollen.  Von  dem  jungen  schonen  Maler,  der 
alle  anderen  iibertraf.  Der  friih  sterben  mufke.  Dessen  Tod 
ganz  Rom  betrauerte.  Wenn  die  Werke  Raffaels  einmal 
verloren  sind,  sein  Name  wird  eingenistet  bleiben  in  das 
Gedachtnis  der  Menschen.» 

So  Herman  Grimm,  als  er  begann,  in  seiner  Art  RafFael  zu 
beschreiben.  Wir  verstehen  es.  Und  wieder  verstehen  wir  ihn, 
wenn  er  am  Schlusse  seines  Raffael-Werkes  seine  Betrach- 
tung  in  die  Worte  ausklingen  lafit:  «Von  der  Lebensarbeit 
eines  solchen  Menschen  wird  jeder  wissen  wollen.  RafFael  ist 
zu  einem  der  Elemente  geworden,  auf  dem  die  hohere  Bil- 
dung  des  menschlichen  Geistes  beruht.  Wir  mochten  ihm 
naher  treten,  weil  wir  seiner  zu  unserem  Wohlseinbedur fen. » 


MARCHENDICHTUNGEN 
IM  LICHTE  DER  GEISTESFORSCHUNG 


Berlin,  6.Februar  1913 


Es  gibt  mancherlei,  was  es  gewagt  erscheinen  lalk,  gerade 
iiber  Marchendichtung  im  Lichte  der  Geistesforsdhiung  zu 
sprechen.  Das  eine  ist  die  Schwierigkeit  des  Gegenstandes, 
denn  in  der  Tat  miissen  die  Quellen  in  der  menschlichen 
Seele,  aus  denen  die  Marchenstimmung,  die  echte  wahre 
Marchenstimmung  fliefit,  so  tief  in  dieser  mensdilidien  Seele 
gesudit  werden,  dafi  jene  Methoden  der  Geistesforschung, 
die  von  mir  ja  immer  wieder  geschildert  worden  sind,  kom- 
plizierte  und  lange  Wege  durdizumachen  haben,  bis  gerade 
diese  Quellen  gefunden  werden  konnen.  Viel  tiefer  als  man 
eben  meint,  liegen  in  der  menschlichen  Seele  die  Quellen, 
aus  denen  echte,  wahre  Marchendichtungen  fliefien,  wie  sie 
als  etwas  Zauberhaftes  aus  alien  Jahrhunderten  der  Mensch- 
heitsentwickelung  zu  uns  sprechen. 

Das  zweite  ist,  daft  man  gerade  dem  Zauberhaften  der 
Marchendichtungen  gegenuber  in  einem  erhohten  Mafie  das 
Gefuhl  hat,  dafi  durch  Betrachtungen,  durch  ideelles  Durch- 
dringen  des  Wesens  des  Marchens  fiir  die  Seele  das  Elemen- 
tare,  der  urspriingliche  Eindruck  vernichtet  werde,  ja,  das 
ganze  Wesen  der  Marchenwirkung  selbst.  Hat  man  schon, 
und  das  mit  vollem  Recht,  Erklarungen,  Kommentierungen 
von  Dichtungen  gegenuber  das  Urteil,  dafi  sie  den  un- 
mittelbaren  asthetischen  Eindruck,  den  unmittelbaren  Le- 
benseindruck  zerstoren,  den  die  Dichtung  machen  soil, 
wenn  man  sie  einfach  elementar  auf  sich  wirken  lalk, 


so  sollte  man  noch  viel  mehr  Erklarungen  nicht  gelten  las- 
sen  gegeniiber  dem  unendlich  Feinen  und  unendlich  Zauber- 
haften  jener  Dichtung,  die  als  Marchen  aus  scheinbar  so 
tiefen  und  scheinbar  so  unergriindlichen  Quellen  des  Volks- 
gemUtes  oder  des  einzelnen  Menschengemiites  hervorquillt. 
Es  ist  wirklich  so,  als  ob  man  die  Bliite  einer  Pflanze  zer- 
storen  wiirde,  wenn  man  mit  der  Urteilskraft  in  das  ein- 
greifen  wollte,  was  so  urspriinglich  aus  der  Mensdienseele 
hervorquillt  wie  diese  Marchendichtung. 

Dennoch  scheint  es,  daft  es  auf  der  einen  Seite  den  Me- 
thoden  der  Geistesforschungmoglich  ist,  wenigstens  einiger- 
mafien  in  jene  Regionen  des  Seelenlebens  hineinzuleuchten, 
aus  denen  Marchendichtung  und  Marchenstimmung  hervor- 
quillt. Auf  der  anderen  Seite  scheint  eine  Erfahrung  auch 
gegen  das  zweite  Bedenken  zu  sprechen.  Gerade  weil  man 
die  Quellen  der  Marchendichtung  und  Marchenstimmung 
so  tief  in  der  Seele  suchen  mufi,  kommt  man,  ganz  erfah- 
rungsgemaft,  zu  der  Oberzeugung,  daft  das,  was  man  dann 
wie  eine  geisteswissenschaftliche  Erklarung  zu  geben  hat, 
doch  nur  etwas  bleibt,  was  so  leise  die  charakterisierte 
Quelle  beriihrt,  daft  sie  durch  eine  solche  Forschung  nicht 
nur  nicht  ruiniert  wird,  sondern  im  Gegenteil:  das  Bedeu- 
tungsvolle,  Wesenstiefe  in  der  menschlichen  Seele,  aus  dem 
die  Marchenstimmung  quillt,  liegt  so,  daft  man  das  Gefuhl 
hat,  die  Dinge,  die  da  liegen,  sind  jederzeit  fur  diese  Men- 
sdienseele doch  wiederum  so  neu,  so  individuell,  so  ur- 
sprunglich, daft  man  sie  selbst  am  liebsten  in  einer  Art  von 
Marchen  zum  Ausdruck  bringen  mochte,  weil  man  fuhlt, 
wie  unmoglich  alles  andere  ist,  um  aus  diesen  tiefen  Quel- 
len heraus  zu  sprechen. 

Es  konnte  durchaus  sein,  daft  es  eine  ganz  natiirliche 
Stimmung  ist,  daft  gerade  jemand,  der  etwa  so  wie  Goethe 
neben  seiner  kunstlerischen  Betatigung  tief  hineinzudringen 


versuchte  in  die  Quellen  und  Griinde  des  Daseins,  dann, 
wenn  er  ein  tiefstesErlebenderMenschenseele  zugebenhat, 
doch  nicht  zu  theoretischen  Auseinandersetzungen  greifl, 
doch  niditdurchForsdiungdieMarchenquelle  zerstort,  son- 
dern  dafi  er  gerade  dann,  wenn  er  in  diese  Quelle  einen 
Einblick  gewonnen  hat,  fur  die  hochsten  Ausspriiche  und 
Auslebungen  der  menschlichen  Seele  naturgemafi  wieder 
zum  Marchen  greift.  So  hat  es  Goethe  ja  getan  in  semem 
«Marchen»  von  der  griinen  Schlange  und  der  schonen  Lilie, 
als  er  in  seiner  Art  jene  tiefen  Erlebnisse  der  Menschenseele 
zum  Ausdruck  bringen  wollte,  die  Schiller  mehr  philo- 
sophisch  abstrakt  in  seinen  Brief  en  «t)ber  die  asthetische  Er- 
ziehung  des  Menschen»  zum  Ausdruck  gebracht  hat.  Gerade 
die  Natur  des  Marchenhaften  bringt  es  mit  sich,  dafi  Mar- 
chenerklarung  und  Marchen- Verstehen  wohl  niemals  die 
produktive  Stimmung  gegeniiber  dem  Marchen  zerstoren 
konnen,  denn  wer.  vom  Standpunkte  der  Geistesforschung 
zu  den  besagten  Quellen  vorzudringen  versucht,  der  findet 
etwas  ganz  Eigentiimliches.  Sollte  ich  alles  sagen,  was  ich 
gern  iiber  das  Wesen  des  Marchens  sagen  mochte,  dann 
miifite  ich  viele  Vortrage  halten.  Daher  wird  es  heute  nur 
moglich  sein,  einige  Andeutungen  und  Forschungsergebnisse 
zu  bringen. 

Wer  vom  Standpunkte  der  Geistesforschung  aus  zu  den 
besagten  Quellen  vorzudringen  versucht,  findet  namlich, 
daiS  diese  Quellen  zur  Marchendichtung  eigentlich  viel  de- 
fer in  der  Menschenseele  liegen  als  die  Quellen  der  schaffen- 
den  und  Geistiges  geniefienden  Menschenseele,  welche  sich 
auslebt  auch  in  den  hinreifiendsten  sonstigen  Kunstwerken, 
zum  Beispiel  in  den  erschiitterndsten  Tragodien.  Die  Tra- 
godie  bringt  zur  Darstellung,  was  die  Menschenseele  erleben 
kann  an  den  Machten,  von  denen  der  Dichter  sagt,  dafi  sie 
herriihren  von  dem  grofien,  gigantischen  Schicksal,  das  den 


Menschen  erhebt,  indem  es  den  Menschen  zermalmt.  Tra- 
godienerschutterungen  riihren  her  von  diesem  Schicksal  und 
seiner  Schilderung,  aber  so,  dafi  wir  sagen  konnen:  Esliegen 
verhaltnismafiig  die  Verwicklungen,  die  Faden,  welche 
durch  die  Tragodie  gesponnen  und  wieder  entsponnen  wer- 
den  sollen,  in  gewissen  individuellen  Erlebnissen  der  Men- 
schenseele  an  der  Aufienwelt,  die  gewifi  in  vieler  Beziehung 
schwer  zu  ahnen  sind,  weil  man  nur.  schwer  in  das  Indi- 
viduelle  der  Mensdienseele  eindringt,  die  aber  doch  geahnt, 
ergrundet  werden  konnen,  wenn  man  Sinn  fur  das  hat,  was 
in  der  Mensdienseele  durch  deren  Verhaltnis  zu  dem  Leben 
geschieht.  Man  hat  das  Gefuhl,  so  oder  so  ist  eine  Seele  in 
dieses  oder  jenes  Schicksal  des  Lebens  verstrickt,  wenn  sie 
Tragisches  erlebt,  wie  es  uns  etwa  dargestellt  wird. 

Tiefer  als  diese  Verstrickungen  des  Tragischen  liegen  die 
Quellen  der  Marchenstimmung  und  der  Marchendichtung. 
Wir  fiihlen,  dafi  das  Tragische  und  auch  manches  andere 
Kiinstlerische  sich  ergibt,  wenn  wir  den  Menschen  zum 
Beispiel  in  einembestimmtenLebensalter,  in  einer  bestimm- 
ten  Lebensperiode  den  oder  jenen  Schicksalsschlagen  ausge- 
setzt  sehen.  Wir  miissen  voraussetzen,  wenn  eine  Tragodie 
auf  uns  wirkt,  dafi  der  Mensch  zu  den  entsprechenden  Ver- 
wicklungen hingefiihrt  ist  durch  ein  individuelles  Erleben, 
und  wir  haben  dann  das  Gefuhl:  dieser  eine  Mensch,  der 
uns  da  in  der  Tragodie  vorgefuhrt  wird  mit  seinen  beson- 
deren  Erlebnissen,  der  ist  es,  den  wir  verstehen  miissen.  Ein 
gewisser  umgrenzter  Kreis  des  Menschlichen  tritt  uns  in  der 
Tragodie  und  in  anderen  Kunstwerken  entgegen. 

Wenn  wir  verstandnisvoll  an  Marchendichtung  und 
Marchenstimmung  herantreten,  so  haben  wir  ein  anderes 
Gefuhl,  nicht  dieses  eben  geschilderte,  weil  eben  die  Wir- 
kung  des  Marchens  auf  die  menschliche  Seele  eine  urspriing- 
liche  und  elementare  ist,  so  dafi  sie  zuden  unbewufiten  Wir- 


kungen  gehort.  Aber  wenn  wir  versuchen,  ein  Gefiihl  von 
dem  zu  bekommen,  was  da  vorliegt,  so  ist  dieses  Gefiihl 
dahingehend,  daft  wir  uns  sagen  konnen,  was  sich  in  den 
verschiedenen  Marchen  zum  Ausdruck  bringt,  i$t  nicht  das- 
jenige,  in  was  der  Mensch  durch  eine  bestimmte  Lebens- 
situation  hineingebracht  werden  kann,  ist  nicht  ein  engbe- 
grenzter  Kreis  menschlichen  Erlebens,  sondern  etwas  so 
Tiefes  in  den  Erlebnissen  der  Menschenseele,  daft  es  allge- 
mein  menschlich  ist.  Wir  konnen  nicht  sagen,  dafi  irgend- 
eine  Menschenseele  in  einem  bestimmten  Lebensalter,  die 
sich  in  eine  bestimmte  Situation  hineinlebt,  so  etwas  finden 
kann,  sondern  was  im  Marchen  zum  Ausdruck  kommt, 
wurzelt  so  tief  in  der  Seele,  dafi  der  Mensch  das  erlebt, 
gleichgultig,  ob  er  Kind  im  ersten  Kindheitsalter  ist,  ob  er 
Mensch  in  mittleren  Jahren  ist,  oder  ob  er  Greis  gewor den  ist. 

Durch  unser  ganzes  Leben  zieht  sich  in  den  tiefsten 
Seelenerlebnissen  dasjenige,  was  im  Marchen  zum  Ausdruck 
kommt.  Nur  ist  das  Marchen  von  dem,  was  Erlebnis  ist  und 
als  Erlebnis  zugrunde  liegt,  ein  freier,  offcmals  sogar  spie- 
lerischer,  bildhafter  Ausdruck.  Der  asthetische,  kunstlerische 
Genufi  des  Marchens  ist  von  dem,  dem  das  Marchen  in  den 
inneren  Seelenerlebnissen  entspricht,  fur  die  Seele  vielleicht 
so  weit  entf ernt  -  der  Vergleich  kann  gewagt  werden  -,  wie 
etwa  das  Geschmackserlebnis  auf  der  Zunge,  wenn  wir  eine 
Speise  genieften,  entfernt  ist  von  den  verborgenen,  kompli- 
zierten  Vorgangen,  welche  diese  Speise  im  Gesamtorganis- 
mus  durchmacht,  um  ihrerseits  zum  Aufbau  des  Organis- 
mus  beizutragen.  Was  da  die  Speise  durchmacht,  entzieht 
sich  zunachst  der  menschlichen  Beobachtung  und  Erkenntnis, 
und  alles,  was  der  Mensch  hat,  ist  der  Genufi  im  Geschmack. 
Beide  haben  zunachst  scheinbar  recht  wenig  miteinander 
gemein,  und  niemand  ist  imstande,  aus  dem,  wie  er  eine 
Speise  schmeckt,  irgend  etwas  zu  ergrunden  iiber  die  Auf- 


gabe  dieser  Speise  in  dem  ganzen  Lebensprozesse  des  mensch- 
lichen Organismus.  So  ist  das,  was  der  Mensch  im  asthe- 
tischen  Genusse  des  Marchens  erlebt,  wohl  weit,  weit  ent- 
fernt  von  dem,  was  in  der  menschlichen  Seele,  tief  unten  im 
Unbewufiten,  geschieht,  wenn  das,  was  das  Marchen  von 
sidi  ausstromt  und  ausgiefit,  mit  der  menschlichen  Seele 
sich  verbindet,  weil  diese  Seele  ein  untilgbares  Bediirfms 
hat,  durch  ihre  geistigen  Adern  den  Stoff  des  Marchens 
rinnen  zu  lassen,  wie  der  Organismus  ein  Bediirfnis  hat,  die 
Nahrungsstoffe,  die  Nahrungssubstanzen  durch  sich  zirku- 
lieren  zu  lassen. 

Wenn  man  diejenigen  Methoden  anwendet,  welche  hier 
als  die  Methoden  der  Geistesforschung,  als  die  Methoden 
des  Eindringens  in  die  spirituellen  Welten  geschildert  wor- 
den  sind,  dann  bekommt  man  auf  einer  bestimmten  Stufe 
der  geistigen  Erkenntnis  ein  Wissen  davon,  wie  fortwah- 
rend,  der  menschlichen  Seele  ganz  unbewufit,  geistige  Pro- 
zesse  sich  in  den  Tiefen  dieser  Menschenseele  abspielen.  Im 
gewohnlichen  normalen  Leben  ist  es  mit  diesen  geistigen 
Prozessen,  welche  sich  in  den  Tiefen  der  Seele  abspielen,  so, 
dafi  sie  manchmal  nur  herauftauchen  in  leisen,  auch  fur  das 
Bewufitsein  zu  erhaschenden  Traumerlebnissen.  Wenn  etwa 
der  Mensch  unter  besonders  gunstigen  Umstanden  aus  dem 
Schlafe  erwacht,  kann  er  das  Gefiihl  haben:  Du  tauchst  auf 
aus  einer  geistigen  Welt,  in  der  gedacht  worden  ist,  in  der 
gesonnen  worden  ist,  in  der  sich  etwas  abspielte  in  den  tief 
unergriindlichen  Untergriinden  des  Daseins,  was  zwar  den 
Erlebnissen  des  Tages  ahnlich  ist  und  was  innig  zusammen- 
hangt  mit  deinem  ganzen  Wesen,  was  aber  diesem  bewuft- 
ten  Tagesleben  tief  verborgen  ist. 

Wenn  der  Geistesforscher  einige  Fortschritte  gemachthat, 
ja,  wenn  er  schon  einige  Erfahrungen  machen  kann  in  der 
Welt,  in  welcher  geistige  Wesenheiten  und  geistige  Tat- 


sachen  sind,  so  geht  es  ihm  doch  oftmals  ebenso.  Er  mag 
nodi  so  weit  vordringen,  er  kommt  doch  gleichsam  immer 
wieder  nur  an  das  Ufer  einer  Welt,  in  welcher  ihm  geistige 
Vorgange  aus  dem  tief  Unbewufken  entgegenkommen,  von 
denen  er  sich  sagt:  Sie  hangen  zusammen  mit  deinem  Wesen, 
du  kannst  sie  einfangen  fast  wie  eine  Fata  Morgana,  die 
vor  deinem  geistigen  Blicke  auftritt,  aber  sie  ergebeh  sich 
dir  doch  nicht  vollstandig. 

Das  ist  das  eigentiimlichste  Erlebnis,  das  man  haben 
kann,  dieses  Hineinschauen  in  das  Unergriindliche  der  gei- 
stigen Zusammenhange,  in  denen  die  Menschenseele  drin- 
nensteht.  Beim  aufmerksamen  Verfolgen  gewisser  intimer 
Seelenvorgange  ergibt  sich  zum  Beispiel,  daft  diejenigen 
Seelenkonflikte,  die  der  Mensch  auch  in  den  Tiefen  der 
Seele  erlebt  und  die  er  in  Kunstwerken,  in  den  Tragodien 
darstellt,  verhaltnismaftig  leicht  zu  uberschauen  sind  gegen- 
iiber  gewissen  allgemein  menschlichen  Seelenkonflikten,  von 
denen  das  tagliche  Leben  eigentlich  nichts  ahnt,  und  die 
doch  jeder  Mensch  in  jedem  Lebensalter  durchmacht. 

Ein  soldier  Seelenkonflikt,  den  man  durch  die  Geistes- 
forschung  entdeckt,  spielt  sich  zum  Beispiel,  ohne  dafi  das 
alltagliche  Bewufttsein  etwas  da  von  weifi,  jeden  Tag  beim 
Aufwachen  ab,  wenn  die  Seele  aus  der  Welt  heraustritt,  in 
welcher  sie  unbewuftt  wahrend  des  Schlafes  ist,  wenn  sie 
wieder  untertaucht  in  ihren  physischen  Leib.  Wie  gesagt, 
das  alltagliche  Bewufksein  ahnt  nichts  davon,  und  doch 
spielt  sich  da  als  Erlebnis  der  Seele  alltaglich  auf  dem 
Grunde  dieser  Seele  ein  Kampf  ab,  den  man  auch  in  der 
Geistesforschung  nur  leise  erhaschen  kann,  ein  Kampf,  der 
alles  das  in  sich  schlieftt,  was  man  nennen  kann  den  Kampf 
der  in  sich  geschlossenen,  sich  in  sich  erlebenden,  einsamen 
und  ihre  Geisteswege  suchenden  Seele  mit  den  gigantischen 
Kraften  des  Naturdaseins,  denen  wir  ja  im  aufieren  Leben 


gegeniiberstehen,  wenn  wir  gewissermaften  menschlich-hilf- 
los  dastehen  und  erleben,  wie  Donner  und  Blitz,  wie  die 
Elemente  sich  iiber  den  hilflosen  Menschen  entladen. 

Aber  das  alles,  und  selbst,  wenn  es  so  gigantisch  auf tritt, 
wie  manche  nur  seltenen  elementarischen  Naturerlebnisse 
in  ihrem  Verhaltnis  zum  Menschen,  ist  eine  Kleinigkeit 
gegeniiber  dem  Kampfe,  der  im  Unbewuftten  bleibt,  der 
sich  abspielt  beim  Aufwachen,  wenn  die  Seele,  die  in  sich 
ihr  seeKsches  Dasein  erlebt,  sich  nun  verbinden  mufi  mit 
den  Kraften  und  Substanzen  des  rein  natiirlichen  Leibes,  in 
welchen  sie  untertaucht,  um  sich  ihrer  Sinne  wieder  zu  be- 
dienen,  die  von  Naturkraften  beherrscht  werden,  und  um 
sich  der  GliedmaEen  zu  bedienen,  in  denen  Naturkrafte 
spielen.  Es  ist  wie  eine  Sehnsucht  der  Menschenseele,  in  das 
rein  Natiirliche  unterzutauchen,  eine  Sehnsucht,  die  sich  ja 
bei  jedem  Aufwachen  erfullt,  und  zu  gleicher  Zeit  ist  es  wie 
ein  Zuruckbeben,  ein  Sichhilf losfuhlen  gegeniiber  dem,  was 
wieder  als  ewiger  Gegensatz  zur  Menschenseele  existiert, 
gegeniiber  dem  rein  Natiirlichen,  das  in  der  aufieren  Leib- 
lichkeit  waltet,  in  die  hinein  man  erwacht.  So  sonderbar  es 
klingt,  dafi  ein  soldier  Kampf  sich  taglich  abspielt  auf  dem 
Grunde  der  Menschenseele,  so  ist  es  doch  ein  Erlebnis,  das 
an  der  Menschenseele  eben  unbewulk  vorbeizieht.  Wissen 
kann  die  Menschenseele  nicht,  was  sich  da  vollzieht,  aber 
sie  erlebt  diesen  Kampf  jeden  neuen  Morgen,  und  es  stent 
jede  Seele,  trotzdem  sie  nichts  davon  weifi,  durch  alles,  was 
sie  ist,  durch  ihre  ganzen  Eigenschaften,  durch  ihr  ganzes 
Wesen,  durch  die  individuelle  Nuance  ihres  Seins  doch 
unter  dem  Eindrucke  dieses  Kampfes. 

Ein  anderes,  was  sich  in  den  Tiefen  der  Menschenseele 
abspielt  und  durch  die  Geistesforschung  wie  erhascht  wer- 
den kann,  ist  das,  was  der  Moment  des  Einschlafens  dar- 
stellt.  Wenn  die  Menschenseele  sich  aus  den  Sinnen  und  aus 


den  Gliedmafien  herausgezogen  hat,  wenn  sie  gewisser- 
maften  den  aufieren  Leib  in  der  physisch-sinnlichen  Welt 
zuriickgelassen  hat,  dann  tritt  an  sie  heran  das,  was  man 
nennen  kann  ein  Fuhlen  ihrer  InnerKchkeit.  Dann  erst 
erlebt  sie  unbewufit  die  inneren  Kampfe,  die  sich  dadurch 
abspielen,  daft  diese  menschliche  Seele  im  Leben  an  die 
auftere  Materie  gebunden  ist  und  Dinge  tun  mufi,  die  da- 
von  herkommen,  daft  sie  mit  der  aufteren  Materie  verstrickt 
ist.  Sie  fiihlt  die  Anhangsel  mit  der  Sinneswelt,  mit  denen 
sie  belastet  ist,  und  sie  fiihlt  diese  Anhangsel  als  die  Hin- 
dernisse,  welche  sie  moralisch  zuruckhalten.  Eine  moralische 
Stimmung,  von  der  alle  aufteren  moralischen  Stimmungen 
keinen  BegrifT  geben  konnen,  spielt  sich  unbewufit  und  nach 
dem  Einschlafen  in  den  Schlaf  hinein  in  der  Menschenseele 
ab,  wenn  sie  mit  sich  allein  ist.  Und  mancherlei  andere 
Stimmungen  gehen  in  der  Seele  gerade  dann  vor,  wenn 
diese  Seele  leibfrei  ist,  wenn  sie  ein  rein  geistiges  Dasein 
fuhrt  vom  Einschlafen  bis  zum  Aufwachen. 

Aber  man  darf  sich  nicht  vorstellen,  daft  diese  in  der 
Tiefe  der  Seele  sich  abspielenden  Ereignisse  im  wachen  Zu- 
stande  nicht  da  waren.  Geistesforschung  zeigt  zum  Beispiel 
eines  als  ein  sehr  interessantes  Ergebnis.  Sie  zeigt,  daft  der 
Mensch  nicht  etwa  nur  dann  traumt,  wenn  er  zu  traumen 
glaubt,  sondern  daft  er  den  ganzen  Tag  hindurch  traumt. 
In  Wahrheit  ist  die  Seele  immer  voll  von  Traumen,  nur 
merkt  sie  der  Mensch  noch  nicht,  weil  das  Tagesbewufttsein 
gegemiber  dem  Traumbewufttsein  das  Starkere  ist.  Wie  ein 
schwacheresLichtdurchdieWirkung  eines  starkerenLichtes 
ausgeloscht  wird,  so  wird  durch  das  Tagesbewufttsein  das 
ausgeloscht,  was  sich  gerade  wahrend  des  Tageslebens  als 
ein  ganz  kontinuierliches  Traumerlebnis  immer  abspielt, 
was  immer  auf  dem  Grunde  der  Seele  vorhanden  ist.  Der 
Mensch  traumt  immer,  nur  ist  er  sich  dessen  nicht  immer 


bewufit,  und  aus  der  Fiille  von  Traumerlebnissen,  von  un- 
bewufk  bleibenden  Traumen,  die  ein  Unendliches  gegen- 
iiber  den  Erlebnissen  des  Tagesbewufttseins  darstellen,  he- 
ben  sich  heraus  -  wie  sidi  aus  einem  weiten  See  ein  einzelner 
Wassertropf  en  herausheben  wiirde,  der  in  der  iibrigen  Was- 
sermenge  enthalten  ist  -  die  dem  Menschen  zum  Bewuik- 
sein  kommenden  Traume.  Aber  dieses  unbewufk  bleibende 
Traumen  ist  ein  geistiges  Erleben  der  Seele.  Da  gehen  also 
Dinge,  Erlebnisse  auf  dem  Grunde  der  Seele  vor.  Geistige, 
tief  in  unbewulken  Regionen  gelegene  Erlebnisse  der  Seele 
gehen  so  vor  sich,  wie  sich  im  Leibe  chemische  Vorgange 
abspielen,  die  im  Unbewufiten  liegen. 

Wenn  wir  nun  mit  den  eben  entwickelten  Tatsachen  eine 
andere  zusammenbringen,  die  sich  uns  hier  aus  diesen  Vor- 
tragen  schon  ergeben  hat,  so  wird  noch  ein  anderes  Licht 
geworfen  auf  die  verborgenen  Seiten  des  Seelenlebens,  von 
denen  eben  die  Rede  war.  Wir  habenes  ofter  hervorgehoben, 
und  besonders  wurde  es  wieder  gelegentlich  des  letzten 
Vortrages  betont,  daft  sich  im  Laufe  der  Entwickelung  der 
Menschheit  auf  der  Erde  das  ganze  menschliche  Seelenleben 
geandert  hat.  Wenn  wir  weit,  weit  in  den  Verlauf  der 
Menschheitsentwickelung  zuruckblicken,  dann  finden  wir 
die  Seele  des  Urmenschen  mit  ganz  anderen  Erlebnissen  als 
die  heutige  Menschenseele.  Wir  haben  schon  davon  gespro- 
chen  und  werden  in  kunftigen  Vortragen  noch  weiter  davon 
sprechen,  daE  der  Urmensch  in  friihenZeiten  der  Entwicke- 
lung ein  gewisses  urspriingliches  Hellsehen  hatte.  Dasjenige 
Anschauen  der  Welt,  welches  heute  im  wachen  Zustande 
der  Seele  das  normale  ist,  wo  wir  die  Sinneseindrucke  hin- 
nehmen  durch  die  aufiere  Anregung,  und  wo  wir  durch 
Verstand,  Vernunft,  Gef iihl  und  Wille  im  heutigen  Bewufit- 
sein  diese  Sinneseindrucke  verbinden,  dieses  Bewufksein  ist 
nur  dasjenige  der  Gegenwart.  Es  hat  sich  herausentwickelt 


aus  alteren  Bewufttseinsformen  der  Menschheit,  die,  wenn 
wir  das  "Wort  im  guten  Sinne  anwenden,  mehr  hellseherische 
Zustande  waren,  in  denen  die  Menschen  in  der  Lage  waren, 
in  gewissen  Zwischenzustanden  zwischen  Wachen  und  Schla- 
fen  in  ganz  normaler  Weise  von  geistigen  Welten  etwas  zu 
erleben,  so  dafi  der  Mensch,  wenn  er  damals  audi  noch  nicht 
seiner  selbst  sidi  bewulk  werden  konnte,  doch  fiir  sein  nor- 
males  Bewufitsein  weniger  fremd  war  jenen  Erlebnissen, 
die  sich  in  den  Tiefen  der  Seele  so  abspielen,  wie  sie  heute 
erwahnt  worden  sind. 

Der  Mensdi  sah  in  der  Urzeit  mehr  seinen  Zusammen- 
hang  mit  der  geistigen  Welt  aufier  ihm.  Er  sah,  wie  die 
Dinge,  die  sich  in  seiner  Seele  abspielen,  diese  tief  in  der 
Seele  liegenden  Ereignisse,  zusammenhangen  mit  gewissen 
geistigen  Tatsachen,  die  im  Universum  leben.  Er  sah  diese 
geistigen  Tatsachen  durch  seine  Seele  gehen,  fuhlte  sich  noch 
viel  mehr  verwandt  mit  den  geistig-seelischen  Wesenheiten 
und  Tatsachen  des  Universums.  Das  war  eine  Eigenschaft 
des  urspriinglich  hellseherischen  Zustandes  der  Menschheit. 
Und  wie  man  heute  nur  in  ganz  besonderen  Stimmungen 
das  folgende  Gefuhl  haben  kann,  so  hatte  man  es  in  alteren 
Zeiten  oft  und  oft,  hatte  es  vielleicht  nicht  nur  als  kunst- 
lerischer  Mensch,  sondern  als  ganz  primitiver  Mensch. 

Es  kann  sich  ergeben,  da£  in  den  Tiefen  der  Seele  ganz 
unbestimmt,  so  unbestimmt  wie  moglich,  ein  Erlebnis  ruht, 
das  nicht  in  das  Bewufitsein  herauf  kommt,  ein  Erlebnis  wie 
die  eben  geschilderten,  das  sich  in  den  Tiefen  der  Seele 
abspielt.  Es  kommt  gar  nichts  von  diesem  Erlebnis  in  das 
bewufite  Tagesleben  herein.  Aber  es  ist  etwas  da  in  der 
Seele,  wie  im  Organismus  der  Hunger  da  ist,  richtig  wie  im 
Organismus  Hunger  vorhanden  ist.  Und  wie  man  fiir  den 
Hunger  etwas  braucht,  so  braucht  man  etwas  fiir  diese  un- 
bestimmte  Stimmung,  die  aus  dem  tief  in  der  Seele  ge- 


legenen  Erlebnis  stammt.  Dann  fiihlt  man  sich  gedrungen, 
zu  einem  entweder  vorliegenden  Marchen,  zu  einer  Sage  zu 
greifen,  oder  vielleicht,  wenn  man  eine  kunstlerische  Natur 
ist,  selber  so  etwas  auszugestalten,  was  man  so  empfindet, 
dafi  alle  Worte,  die  man  theoretisch  brauchen  kann,  einem 
diesen  Erlebnissen  gegeniiber  wie  ein  Stammeln  vorkorn- 
men,  und  so  entstehen  eben  Marchenbilder.  Dieses  bewulke 
Erfiillen  der  Seele  mit  den  Marchenbildern  ist  dann  das, 
was  Nahrung  der  Seele  ist  gegeniiber  dem  Hunger,  der  eben 
charakterisiert  worden  ist. 

Weil  in  alteren  Zeiten  der  Menschheitsentwickelung  jede 
Mensdbenseele  noch  einem  hellseherischen  Wahrnehmen  der 
geistigen  Innenerlebnisse  der  Seele  naher  stand,  deshalb 
konnte  unter  Umstanden  das  einfache  Volksgemut,  indem 
es  viel  deutKcher,  als  es  heute  der  Fall  sein  kann,  den  eben 
charakterisierten  Hunger  empfand,  die  Nahrung  in  solchen 
Bildern  suchen,  die  dann  durch  die  schaffende  Menschen- 
seele  entstanden  sind  und  die  wir  heute  in  den  Marchen- 
uberlief erungen  der  verschiedenen  Volker  haben.  Verwandt 
fuhlte  sich  die  Menschenseele  mit  dem,  was  geistiges  Dasein 
ist.  Sie  fuhlte  mehr  oder  weniger  bewufit  die  inneren  Kampf  e, 
die  sie  zu  durchleben  hatte,  ohne  sie  zu  verstehen,  und 
pragte  sie  aus  in  Bildern,  die  daher  nur  eine  entfernte  Ahn- 
lichkeit  mit  dem  haben,  was  sich  in  den  Untergriinden  der 
Seele  abspielte.  Und  doch  -  man  kann  fuhlen,  wie  ein  Zu- 
sammenhang  besteht  zwischen  dem,  was  sich  im  Marchen 
ausdruckt,  und  diesen  unergriindlich  tiefen  Erlebnissen  der 
Menschenseele. 

Ein  kindliches  Gemiit  -  die  Erfahrung,  das  Erlebnis  kann 
das  durchaus  zeigen  -  kommt  oftmals  dazu,  in  seinem  In- 
nern  sich  etwas  zu  erschaffen  wie  einen  einfachen  Genossen, 
einen  Genossen,  der  eigentlich  nur  fiir  dieses  kindliche  Ge- 
miit da  ist,  der  es  aber  doch  begleitet,  der  mittut  bei  den 


verschiedensten  Lebensereignissen.  Wer  sollte  zum  Beispiel 
nidit  Kinder  kennen,  welche  gewisse  unsichtbare  Freunde 
mit  sich  durchs  Leben  fiihren,  Freunde,  von  denen  Sie  sich 
vorstellen  miissen,  dafi  sie  da  sind,  wenn  etwas  geschieht, 
was  die  Kinder  freut,  welche  teilnehmen  miissen  als  un- 
sichtbare Geistesgenossen,  Seelengenossen,  wenn  das  Kind 
dieses  oder  jenes  erlebt?  Man  kann  im  Bereiche  des  mensch- 
lichen  Erfahrens  recht  oft  zu  dem  Erlebnis  kommen,  wie 
schlimm  es  auf  das  kindliche  Gemiit  wirkt,  wenn  dann  der 
«  verstandige»  Mensch  kommt  und  hort,  wie  das  Kind  einen 
solchen  Seelengenossen  hat,  und  ihm  nun  diesen  Seelen- 
genossen ausreden  mochte,  es  vielleicht  sogar  fiir  das  Kind 
heilsam  halt,  diesen  Genossen  ihm  auszureden.  Das  Kind 
trauert  um  seinen  Seelengenossen.  Und  wenn  es  empfang- 
lich  ist  fiir  geistig-seelische  Stimmungen,  so  bedeutet  diese 
Trauer  noch  viel  mehr,  kann  ein  Krankeln,  ein  Siechwerden 
des  Kindes  bedeuten.  Das  ist  ein  durchaus  reales  Erlebnis, 
das  mit  tief  innern  Ereignissen  der  Menschenseele  zusam- 
menhangt. 

Ohne  dafi  wir  das  «Aroma»  des  Marchens  zerstauben, 
konnen  wir  dieses  einfache  Erlebnis  fiihlen  im  Marchen 
vom  Kinde  und  der  Unke,  das  die  Briider  Grimm  mit- 
geteilt  haben.  Sie  erzahlen  uns  von  dem  Kinde,  welches  im- 
mer  eine  Unke  mitessen  laftt.  Die  Unke  geniefit  aber  nur 
die  Milch.  Das  Kind  spricht  mit  dem  Tiere  wie  mit  einem 
Menschen.  Da  will  es  ernes  Tages,  dafi  die  Unke  auch  von 
seinem  Brot  mitessen  soil.  Da  hort  das  die  Mutter,  sie 
kommt  herzu  und  schlagt  das  Tier  tot.  Das  Kind  siecht 
dahin,  es  krankelt  und  stirbt. 

Wir  fiihlen  in  dem  Marchen  Seelenstimmungen  nach- 
schwingen,  die  absolut,  tatsachlich  in  den  Tiefen  der  Seele 
sich  abspielen  und  wirklich  so  sich  abspielen,  dafi  die  Men- 
schenseele mit  den  Stimmungen  nicht  nur  in  gewissen  Le- 


bensperioden  bekannt  ist,  sondern  einfach  dadurch,  daE  der 
Mensch  Mensch  ist,  gleichgiiltig,  ob  Kind  oder  Erwachsener. 
Daher  kann  jede  Menschenseele  nachschwingen  fiihlen,  wie 
das,  was  sie  erlebt  und  nicht  versteht,  was  sie  gar  nicht  ein- 
mal  ins  Bewulksein  herauf  bringt,  zusammenhangt  mit  dem, 
was  dann  in  den  Marchen  fur  die  Seele  ebenso  wirkt,  wie 
die  Speise  auf  den  Geschmack  der  Zunge.  Und  dann  wird 
das  Marchen  etwas  Xhnliches  fiir  die  Seele,  wie  der  Nah- 
rungsstoff,  wenn  er  fiir  den  Organismus  verwendet  wird. 
Reizvoll  ist  es,  in  den  tiefen  Seelenerlebnissen  das  zu  suchen, 
was  dann  in  den  verschiedenen  Marchen  nachklingt.  Es 
ware  natiirHch  eine  ganz  erhebliche  Aufgabe,  die  einzelnen 
Marchen,  die  so  zahlreich  gesammelt  sind,  wirklich  gerade 
daraufhin  zu  priifen.  Das  wiirde  sehr  viel  Zeit  in  Anspruch 
nehmen.  Aber  was  vielleicht  an  einzelnen  Marchen  veran- 
schaulicht  werden  kann,  das  kann  auf  alle  Marchen  ange- 
wendet  werden,  die  man  als  echte  Marchen  finden  kann. 

Nehmen  wir  ein  anderes  Marchen,  das  auch  die  Gebriider 
Grimm  gesammelt  haben,  das  Marchen  vom  Rumpelstilz- 
chen.  Der  Miiller,  der  von  seiner  Tochter  dem  Konige  ge- 
geniiber  behauptet,  daft  sie  Stroh  zu  Gold  spinnen  kann, 
wird  vom  Konig  aufgefordert,  die  Tochter  ins  Schlofi  kom- 
men  zu  lassen,  damit  man  dort  ihre  Kunst  gewahr  werden 
kann.  Die  Tochter  kommt  ins  SchlolL  Sie  wird  in  eine 
Kammer  eingesperrt  und  es  wird  ihr,  damit  sie  ihre  Kunst 
zeigen  kann,  ein  Biindel  Stroh  gegeben.  Als  sie  in  der  Kam- 
mer ist,  ist  sie  ganz  hilf los.  Und  wie  sie  nun  so  hilflos  ist,  da 
erscheint  vor  ihr  ein  kleines  Mannchen.  Das  sagte  zu  ihr:  "Was 
gibst  du  mir,  wenn  ich  dir  das  Stroh  zu  Gold  verspinne?  Die 
Mullerstochter  gibt  ihm  ihr  Halsband,  und  das  kleine 
Mannchen  verspinnt  ihr  darauf  das  Stroh  zu  Gold.  Der 
Konig  ist  dariiber  sehr  verwundert,  aber  er  will  noch  mehr 
haben,  und  sie  soil  noch  einmal  Stroh  zu  Gold  verspinnen. 


Wieder  wird  die  Miillerstochter  in  eine  Kammer  einge- 
sperrt,  und  wie  sie  vor  dem  vielen  Stroh  sitzt,  da  erscheint 
wiederum  das  kleine  Mannchen  und  sagt:  Was  gibst  du  mir, 
wenn  ich  dir  das  Stroh  zu  Gold  verspinne?  Sie  gibt  ihm  ein 
Ringlein,  und  es  wird  wiederum  von  dem  Mannlein  das 
Stroh  zu  Gold  versponnen.  Der  Konig  aber  will  nodi  mehr 
haben.  Und  als  sie  nun  zum  drittenmal  in  der  Kammer 
sitzt  und  das  Mannlein  wieder  erscheint,  da  hat  sie  nichts 
mehr,  was  sie  ihm  geben  kann.  Da  sagt  das  Mannlein,  dafi 
sie,  wenn  sie  einmal  Konigin  sein  werde,  ihm  das  erste  Kind 
geben  solle,  das  sie  gebiert.  Sie  verspricht  es.  Und  als  das 
Kind  da  ist  und  das  kleine  Mannchen  dann  kommt  und  sie 
an  ihr  Versprechen  erinnert,  da  mochte  die  Miillerstochter 
Aufschub  haben.  Darauf  sagt  das  Mannchen  zu  ihr:  «Wenn 
du  meinen  Namen  mir  nennst,  dann  kannst  du  dich  von 
deinem  Versprechen  befreien.»  Die  Miillerstochter  schickt 
nun  iiberall  herum.  Sie  will  alle  Namen  wissen  und  audi 
jenen  Namen,  den  das  Mannchen  hat.  Schliefilich  gelingt  es 
ihr  wirklich,  nachdem  vorher  einige  vergebliche  Versuche 
gemacht  worden  sind,  den  Namen  des  Mannchens  -  Rum- 
pelstilzchen  -,  zu  nennen. 

Wirklich  keinem  anderen  Kunstwerke  als  dem  Marchen 
gegeniiber  hat  man  so  sehr  das  Gefiihl,  dafi  man  an  dem 
unmittelbaren  Bilde  die  innerste  Freude  haben  und  dennoch 
wissen  kann  von  dem  tiefinneren  Seelenerlebnis,  aus  dem 
ein  solches  Marchen  herausgeboren  worden  ist,  Wenn  auch 
der  Vergleich  trivial  ist,  so  konnte  er  vielleicht  doch  tref- 
fend  sein:  Geradeso,  wie  ein  Mensch  ganz  gut  die  Chemie 
der  Nahrungsmittel  kennen,  und  doch  Geschmack  haben 
kann  an  einem  guten  Bissen,  so  ist  es  auch  moglich,  dafi 
man  etwas  wissen  kann  liber  die  tief  en  inneren  Seelenerleb- 
nisse,  die  nur  erlebt,  nicht  «gewujSt»  werden,  und  die  sich 
auf  die  angedeutete  Weise  in  den  Marchenbildern  ausleben. 


Ja,  diese  einsame  Menschenseele  —  denn  im  Schlafe,  aber 
audi  wahrend  des  ubrigen  Lebens  ist  sie  ja  doch  fur  sich 
einsam,  wenn  sie  audi  mit  dem  Korper  verbunden  ist- sie 
fiihlt,  aber  unbewufit,  sie  erlebt  und  versteht  es  nicht,  den 
ganzen  Gegensatz,  in  welchem  sie  zu  ihren  eigenen  unend- 
lichen  Aufgaben  ist,  zu  ihrem  eigenen  Hineingestelltsein  in 
die  Welt  des  Gottlichen. 

Wie  wenig  die  Menschenseele  vermag,  das  fiihlt  sie  schon, 
wenn  sie  ihr  Konnen  vergleicht  mit  dem,  was  die  Natur 
draufien  kann,  die  alle  Dinge  ineinarider  verwandelt,  die 
wirklich  die  groiKe  Zauberin  ist,  welche  die  Menschenseele 
so  gern  sein  mochte.  Im  Bewuiksein  mag  es  hingehen,  leich- 
ten  Herzens  hinwegzukommen  tiber  diesen  Abstand  des 
menschlichen  Innern  gegeniiber  der  Allweisheit  und  All- 
macht  des  Geistes  der  Natur.  Aber  in  den  tiefen  Seelen- 
erlebnissen  geht  die  Sache  nicht  so  einfach  ab.  Da  miilke 
die  menschliche  Seele  zugrunde  gehen,  wenn  sie  in  sich  nicht 
doch  eine  noch  tiefere  Wesenheit  in  der  zunachst  wahrnehm- 
baren  Wesenheit  fiihlen  wiirde,  eine  Wesenheit,  auf  die  sie 
bauen  darf,  von  der  sie  sich  sagen  darf :  Wie  unvollkommen 
du  jetzt  audi  noch  dastehen  mufit  -  diese  Wesenheit  ist  klii- 
ger  in  dir,  sie  waltet  in  dir,  sie  kann  dich  emportragen  zu 
hochstem  Konnen,  sie  kann  dir  Fliigel  verleihen,  indem  du 
vor  dir  eine  unendliche  Perspektive  ausgebreitet  siehst  in 
eine  unendliche  Zukunft  hinein.  Du  wirst  konnen,  was  du 
jetzt  noch  nicht  kannst,  denn  es  gibt  etwas  in  dir,  was 
unendlich  mehr  ist,  als  dein  «Wissendes».  Das  ist  dir  ein 
treuer  Heifer.  Du  mulk  nur  ein  Verhaltnis  dazu  gewinnen, 
du  mufit  nur  wirklich  einen  BegrifF  verbinden  konnen  mit 
dieser  in  dir  selber  wohnenden  kliigeren,  weiseren,  geschick- 
teren  Wesenheit,  als  du  selbst  bist. 

Und  nun  versuche  man  wieder,  diesen  Umgang  der  Men- 
schenseele mit  sich  selbst,  diesen  unbewufiten  Umgang  mit 


dem  geschickteren  Teile  in  der  Seele  sich  zu  vergegenwar- 
tigen,  und  man  versuche,  nachschwingen  zu  fiihlen  in  die- 
sem  Marchen  vom  Rumpelstilzchen,  was  da  die  Seele  erlebt 
in  der  Miillerstochter,  die  nicht  das  Stroh  zu  Gold  verspin- 
nen  kann,  die  aber  in  dem  Mannchen  einen  geschickten, 
treuen  Heifer  findet.  Man  hat  da  tief  in  den  Untergriinden 
der  Seele  liegend,  in  Bildern,  deren  Aroma  nicht  vernichtet 
wird,  wenn  man  den  Ursprung  kennt,  tiefinneres  Seelen- 
leben  gegeben. 

Oder  nehmen  wir  ein  anderes,  und  seien  Sie  mir  nicht 
bose,  wenn  ich  dieses  andere  mit  gewissen  Dingen  ver- 
kniipfe,  die  vielleicht  einen  scheinbar  personlichen  Anstrich 
haben,  die  aber  durchaus  nicht  personlich  gemeint  sind.  Aber 
es  wird  sich  das,  um  was  es  sich  dabei  handelt,  erklaren, 
wenn  ich  diese  kleine  personliche  Nuance  dabei  zur  Gel- 
tung  bringe. 

In  meiner  «Geheimwissenschaft  im  Umrifi»  finden  Sie 
eine  Schilderung  der  Weltenevolution.  Ober  diese  selbst 
will  ich  jetzt  nicht  sprechen,  das  kann  bei  anderer  Gelegen- 
heit  geschehen.  In  dieser  Weltenevolution  wird  davon  ge- 
sprochen,  daiS  unsere  Erde  selber  als  Planet  im  Weltenall 
gewisse  Stadien  durchgemacht  hat,  welche  wir  mit  den  auf- 
einanderfolgenden  Leben  des  einzelnen  Menschen  verglei- 
chen  konnen,  Wie  der  einzelne  Mensch  durch  aufeinander- 
f olgende  Leben  geht,  so  hat  unsere  Erde  verschiedene  plane- 
tarische  Lebensstufen,  Verkorperungen  durchgemacht.  Aus 
gewissen  Grunden  heraus  sprechen  wir  in  der  Geisteswissen- 
schaft  davon,  dafi  die  Erde,  bevor  sie  ihr  «Erden»-Dasein 
begonnen  hat,  eine  Art  von  «Monden»-Dasein  durchge- 
macht hat,  und  vor  diesem  eine  Art  von  «Sonnen»-Dasein; 
so  dafi  wir  davon  sprechen  konnen,  da£  ein  Sonnen-Dasein 
als  planetarisches  Vorganger-Dasein  unseres  Erden-Daseins 
in  urferner  Vergangenheit  vorhanden  war,  eine  uralte 


Sonne,  die  noch  mit  der  Erde  verbunden  war.  Dann  trat  im 
Laufe  der  Entwickelung  eine  Spaltung  zwischen  Sonne  und 
Erde  ein.  Aus  dem,  was  urspriinglich  Sonne  war,  spaltete 
sidi  audi  der  Mond  ab  und  die  heutige  Sonne,  die  nicht  jene 
urspriingliche  Sonne  ist,  sondern  gleichsam  nur  ein  Stuck 
davon,  so  daft  wir  von  der  urspriinglichen  Sonne  und  sozu- 
sagen  von  ihrer  Nachfolgerin,  der  heutigen  Sonne,  sprechen 
konnen.  Und  auch  von  dem  heutigen  Monde  konnen  wir 
sprechen  wie  von  einem  Erzeugnis  der  alten  Sonne.  Wenn 
nun  die  geisteswissenschaftliche  Forschung  im  riicklaufigen 
Anschauen  die  Erdenentwkkelung  bis  zu  dem  Zeitpunkte 
verfolgt,  wo  sich  die  zweite  Sonne,  die  jetzige  Sonne,  als 
selbstandigerWeltenkorper  entwickelte,  somufi  man  sagen, 
daft  damals  unter  den  Wesen,  die  schon  aufterlich  sinnlich 
hatten  wahrnehmbar  sein  konnen,  in  der  Tierreihe  nur 
die  Wesen  waren,  die  hinauf  bis  zur  Anlage  der  Fische  sich 
entwickelt  hatten. 

Diese  Dinge  kann  man  alle  genauer  in  der  «Geheimwis- 
senschafl»  nachlesen  -  und  auch  einsehen.  Gefunden  werden 
konnen  sie  allerdings  bloft  aus  den  geisteswissenschaftlichen 
Forschungsmethoden  heraus.  Damals,  als  sie  gefunden  und 
von  mir  niedergeschrieben  worden  sind,  das  heiftt,  gefun- 
den wurden  sie  nicht,  als  sie  gerade  in  der  «Geheimwissen- 
schafU  von  mir  niedergeschrieben  wurden,  aber  als  sie  so- 
zusagen  fur  mich  gefunden  wurden  und  dann  niederge- 
schrieben worden  sind,  da  war  mir  -  und  das  ist  das  Per- 
sonliche,  was  ich  einfugen  mochte  -  jenes  Marchen  ganz 
unbekannt,  und  ich  kann  es  sehr  genau  konstatieren,  daft  es 
mir  ganz  unbekannt  war,  da  ich  es  erst  spater  in  der  «V6l- 
kerpsychologie»  von  Wundt  fand,  dessen  Quellen  ich  dann 
erst  weiterverfolgt  habe. 

Ich  will  nun,  bevor  ich  das  Marchen  kurz  skizziere,  nur 
das  eine  noch  vorausschicken:  Alles,  was  so  der  Geistes- 


forscher  in  der  geistigen  Welt  erforschen  kann  -  und  diese 
Dinge,  die  eben  angefiihrt  worden  sind,  miissen  ja  in  der 
geistigen  Welt  erforscht  werden,  denn  sie  sind  ja  sonst  audi 
nicht  mehr  da  -,  alles  was  so  erforscht  wird,  stellt  doch  die 
Welt  dar,  mit  der  die  Menschenseele  verbunden  ist.  Wir 
sind  in  den  tiefsten  Untergriinden  unserer  Seele  mit  dieser 
Welt  verbunden.  Sie  ist  immer  da,  ja,  wir  treten  sogar  un- 
bewufit  in  diese  geistige  Welt  ein,  wenn  wir  im  normalen 
Leben  in  Schlaf  versinken.  Unsere  Seele  ist  damit  verbun- 
den, und  sie  hat  in  sich  nicht  nur  jene  Erlebnisse,  die  sie 
wahrend  des  Schlafes  bekommt,  sondern  auch  diejenigen, 
welche  mit  der  ganzen  Entwickelung  zusammenhangen,  die 
eben  angedeutet  worden  ist.  Wenn  es  nicht  paradox  ware, 
mochte  man  sagen:  im  unbewufiten  Zustande  wei£  die  Seele 
davon,  erlebt  die  Seele  sich  selber  in  dem  fortgehenden 
Strome,  der  da  ausging  von  der  ursprunglichen  Sonne  und 
dann  von  der  Tochter-Sonne,  die  wir  jetzt  am  Himmel  er- 
glanzen  sehen,  und  von  dem  Monde,  der  auch  die  Nach- 
kommenschaft  der  ursprunglichen  Sonne  ist.  Und  auch  das 
erlebt  die  Menschenseele,  daJS  sie,  geistig-seelisch,  ein  Dasein 
durchgemacht  hat,  in  welchem  sie  noch  nicht  mit  der  irdischen 
Materie  verkniipft  war,  in  dem  sie  aber  auf  die  irdischen 
Vorgange  hinunterschauen  konnte,  zum  Beispiel  auf  die 
Zeit,  wahrend  welcher  die  hochsten  tierischen  Organismen 
die  Fisch-Anlagen  waren,  wo  die  jetzige  Sonne,  der  jetzige 
Mond  entstanden  und  sich  von  der  Erde  abspalteten.  Im 
Unbewufiten  ist  die  Seele  mit  diesen  Vorgangen  verkniipft. 

Jetzt  verfolgen  wir  ganz  kurz  und  skizzenhaft  ein  bei 
primitiven  Volkern  sich  findendes  Marchen.  Jene  Volker 
erzahlen:  Es  war  einmal  ein  Mann.  Der  war  aber  eigentlich 
als  Mensch  von  der  Wesenheit  des  Baumharzes  und  konnte 
seine  Arbeit  immer  nur  wahrend  der  Nacht  verrichten,  denn 
er  wiirde,  wenn  er  bei  Tag  seine  Arbeit  verrichtet  hatte,  von 


der  Sonne  zerschmolzen  worden  sein.  Eines  Tages  passierte 
es  ihm  aber,  dafi  er  doch  bei  Tage  ausging,  urn  Fische  zu 
fangen.  Und  siehe  da,  der  Mann,  der  das  Baumharz  eigent- 
lich  darstellt,  schmolz  dahin.  Seine  Sonne  beschlossen,  ihn 
zu  rachen.  Und  sie  schossen  Pfeile.  So  schossen  sie  Pfeile, 
dafi  diese  Pfeile  gewisse  Figuren  bildeten,  sich  iibereinander 
auftiirmten,  und  dafi  eine  Leiter  entstand  bis  in  den  Him- 
mel  hinauf.  Auf  dieser  Leiter  kletterten  sie  hinauf ,  der  eine 
wahrend  des  Tages,  der  andere  wahrend  der  Nacht.  Und 
es  wurde  der  eine  die  Sonne,  und  der  andere  wurde  der 
Mond. 

Es  ist  nicht  meine  Gewohnheit,  in  abstrakter  Weise  solche 
Dinge  zu  deuten  und  verstandesmafiige  Begriffe  hineinzu- 
bringen.  Aber  etwas  anderes  ist  es,  das  Forschungsergebnis 
zu  f uhlen,  dafi  die  Menschenseele  in  ihren  Tief en  verbunden 
ist  mit  dem,  was  in  der  Welt  geschieht  und  nur  geistig  zu 
erfassen  ist,  dafi  diese  Menschenseele  mit  alledem  verbun- 
den ist  und  einen  Hunger  hat,  das,  was  ihre  tiefsten  unbe- 
wufiten  Erlebnisse  sind,  in  Bildern  zu  geniefien.  Wenn  man 
das  fuhlt,  dann  fuhlt  man  nachvibrieren,  was  die  Menschen- 
seele erlebte  als  die  ursprungliche  Sonne  und  als  das  Ent- 
stehen  von  Sonne  und  Mond  zur  Fischzeit  der  Erde,  wenn 
man  das  eben  skizzierte  Marchen  anfiihrt.  Und  es  war  mir 
in  gewisser  Beziehung  -  das  ist  wieder  die  personliche 
Nuance  -  ein  ganz  gewichtiges  Erlebnis,  als  ich,  lange  nach- 
dem  diese  erwahnten  Dinge  in  meiner  «Geheimwissenschaft» 
standen,  dieses  Marchen  entdeckte.  Wenn  es  mir  nun  auch 
durchaus  nicht  einfallt,  in  abstrakter  Weise  dieses  Ganze  zu 
deuten,  so  verschwistert  sich  mir  doch  ein  ganz  bestimmtes 
Gefuhl,  das  ich  habe,  wenn  ich  die  Weltenevolution  be- 
trachte,  mit  einem  anderen,  wenn  ich  mich  dann  den  wun- 
derbaren  Bildern  dieses  Marchens  hingebe. 

Oder  nehmen  wir  ein  anderes,  ein  merkwiirdiges  me- 


lanesisches  Marchen.  Erinnern  wir  uns,  bevor  wir  von  die- 
sem  Marchen  sprechen,  daran,  dafi  die  Menschenseele,  wie 
es  die  Geistesforschung  ergibt,  eben  durchaus  zusammen- 
hangt  audi  mit  den  gegenwartigen  Ereignissen  und  Tat- 
sachen  des  Universums.  Wenn  das  auch  zu  bildhajft  gespro- 
chen  ist,  so  ist  es  doch  geisteswissenscliaftlich  in  einer  ge- 
wissen  Beziehung  richtig,  wenn  wir  sagen:  Wenn  die  Men- 
schenseele im  Schlafe  den  physischen  Leib  verlafit,  so  fiihrt 
sie  einDasein  unmittelbar  zusammenhangend  mit  dem  gan- 
zen  Kosmos,  f iihlt  sich  verwandt  mit  dem  ganzen  Kosmos. 
Es  gibt  eine  Moglichkeit,  urn  sich  leicht  an  die  Verwandt- 
schafb  der  Menschenseele,  zum  Beispiel  des  menschlichen  Ichs 
mit  dem  Kosmos  zu  erinnern,  oder  wenigstens  mit  etwas 
Bedeutungsvollem  im  Kosmos.  Wir  richten  den  Blick  hin 
auf  die  Pflanzenwelt  und  sagen  uns:  Diese  Pflanze  wachst, 
aber  sie  kann  nur  wachsen  unter  dem  Einflufi  von  Sonnen- 
licht  und  Sonnenwarme.  Da  haben  wir  vor  uns  in  der  Erde 
wurzelnd  die  Pflanze.  "Wir  sagen  in  der  Geisteswissenschaft: 
Diese  Pflanze  besteht  aus  ihrem  physischen  Leibe  und  aus 
dem  Lebensleibe,  der  sie  durchzieht.  Aber  das  geniigt  nicht, 
damit  die  Pflanze  wachst  und  sich  entfaltet.  Dazu  sind  die 
Krafte  notwendig,  die  von  der  Sonne  auf  die  Pflanze 
wirken. 

Wenn  wir  nun  den  Menschenleib  betrachten,  wahrend 
der  Mensch  schlaft,  dann  hat  dieser  schlaf  ende  Menschenleib 
gewissermafien  den  Wert  einer  Pflanze.  Er  ist  als  schlafen- 
der  Leib  etwas  Ahnliches  wie  die  Pflanze,  denn  er  hat  die 
Kraft  zu  wachsen,  welche  die  Pflanze  in  sich  hat.  Aber  der 
Mensch  ist  emanzipiert  von  jener  kosmischen  Ordnung,  in 
welche  die  Pflanze  eingesponnen  ist.  Die  Pflanze  mu£  ab- 
warten,  damit  das  Sonnenlicht  auf  sie  wirken  kann,  Auf- 
gang  und  Untergang  der  Sonne.  Sie  ist  an  die  aufiere  kos- 
mische  Ordnung  gebunden.  Der  Mensch  ist  nicht  an  diese 


Ordnung  gebunden.  Warum  nicht?  Weil  in  derTat  wahrist, 
was  die  Geistesforschung  zeigt:  da£  der  Mensch  von  seinem 
Ich  aus  -  das  im  Schlaf  e  aufierhalb  seines  physischen  Leibes 
ist,  der  dann  wie  eine  Pflanze  uns  erscheint  -  dasjenige  fiir 
den  physischen  Leib  entfaltet,  was  die  Sonne  fiir  die  Pflan- 
zen entfaltet.  Wie  die  Sonne  ihr  Licht  ausgieik  iiber  die 
Pflanzen,  so  das  menschliche  Ich,  wenn  der  Mensch  schlaft, 
iiber  den  pflanzenahnlichen  physisdien  Leib.  Wie  die  Sonne 
iiber  den  Pflanzen,  so  ruht  das  menschliche  Ich,  geistig,  iiber 
dem  pflanzenhaften  schlaf  enden  physischen  Leib.  Verwandt 
mit  dem  Sonnen-Dasein  ist  das  Ich  des  Menschen.  Ja,  das  Ich 
des  Menschen  ist  selber  eine  Art  Sonne  fiir  den  schlafenden 
Menschenleib,  bewirkt  sein  Gedeihen  wahrend  des  Schlafes, 
bewirkt,  dafi  diejenigen  Krafte  ausgebessert  werden  kon- 
nen,  die  wahrend  des  Wachens  abgeniitzt  worden  sind. 
Wenn  wir  das  empfinden,  dann  merken  wir,  wie  das 
menschliche  Ich  verwandt  ist  mit  der  Sonne.  Wie  die  Sonne, 
das  zeigt  uns  dann  die  Geisteswissenschaft  immer  mehr  und 
mehr,  iiber  das  Himmelsgewolbe  hinzieht  -  ich  spreche 
natiirlich  von  der  scheinbaren  Bewegung  der  Sonne  -,  und 
wie  in  einer  gewissen  Beziehung  die  Wirksamkeit  ihrer 
Strahlen  sich  andert,  je  nachdem  die  Sonne  vor  diesem 
oder  jenem  Sternbild  des  Tierkreises  steht,  so  durchlauft 
auch  das  menschliche  Ich  verschiedene  Phasen  seiner  Er- 
lebnisse,  so  dafi  es  von  der  einen  Phase  so,  von  der  anderen 
Phase  anders  auf  den  physischen  Leib  wirkt.  Man  fiihlt  in 
der  Geisteswissenschaft  die  Sonne  anders  auf  die  Erde  wir- 
ken,  je  nachdem  sie  zum  Beispiel  das  Sternbild  des  Widders, 
das  Sternbild  des  Stiers  und  so  weiter  bedeckt.  Man  spricht 
daher  nicht  von  der  Sonne  im  allgemeinen,  sondern  von 
der  Wirkung  der  Sonne  von  den  zwolf  Sternbildern  aus, 
meint  aber  immer  den  Durchgang  der  Sonne  durch  die 
zwolf  Tierkreisbilder  -  und  weist  dann  hin  auf  die  Ver- 


wandtschaft  des  sich  verandernden  Ichs  mit  der  sich  wan- 
delnden  Sonnenwirkung. 

Nehmen  wir  nun  alles,  was  hier  nur  skizziert  werden 
konnte,  was  aber  in  der  «Geheimwissenschaft»  weiter  aus- 
gefiihrt  ist,  als  etwas,  was  als  geistig-seelische  Erkenntnis 
gewonnen  werden  kann;  betrachten  wir  es  als  das,  was 
sich  also  auf  dem  Grunde  der  Menschenseele  abspielt  und 
unbewufk  bleibt,  aber  sich  so  abspielt,  dafi  es  ein  innerliches 
Sich-Miterleben  mit  den  geistigen  Kraften  des  Kosmos  be- 
deutet,  die  sich  in  den  Fixsternen  und  Planeten  ausleben, 
und  vergleichen  wir  alles  dieses,  was  uns  die  Geisteswissen- 
schaft  als  die  Geheimnisse  des  Universums  kiindet,  mit 
einem  melanesischen  Marchen,  das  ich  wieder  nur  kurz 
skizzieren  will: 

Auf  der  Landstrafte  liegt  ein  Stein.  Dieser  Stein  ist  die 
Mutter  von  Quatl.  Und  Quad  hat  noch  elf  andere  Bruder. 
Nachdem  die  elf  anderen  Bruder  und  Quatl  geschaff en  sind, 
beginnt  Quatl  die  gegenwartige  Welt  zu  schaffen.  In  dieser 
Welt,  die  er  damals  geschaffen  hat,  kennt  man  noch  nicht 
den  Unterschied  von  Tag  und  Nacht.  Nun  erfahrt  Quatl, 
da£  irgendwo  eine  Insel  ist,  auf  der  ein  Unterschied  ist 
zwischen  Tag  und  Nacht.  Er  reist  nach  dieser  Insel  und 
bringt  einige  Wesen  von  dieser  Insel  in  sein  Land  zuriick. 
Und  durch  den  Einflufi  dieser  Wesen  auf  die  Wesen  in 
seinem  Lande  kommen  seine  Wesen  in  den  Wechselzustand 
von  Schlaf  und  Wachen,  und  Aufgang  und  Untergang  der 
Sonne  spielt  sich  fur  sie  seelisch  ab. 

Es  ist  merkwiirdig,  was  wieder  in  diesem  Marchen  nach- 
vibriert.  Wenn  man  das  ganze  Marchen  vor  sich  hat,  so 
vibriert  gleichsam  in  jedem  Satze  etwas  nach  von  dem,  was 
mit  den  Weltgeheimnissen  zusammenhangt,  wie  etwas  vi- 
briert von  dem,  was  die  Seele  im  Sinne  der  Geisteswissen- 
schafl  in  ihren  Tiefen  erlebt.  1st  es  dann  nicht  so,  daft  man 


sagen  mufi:  Die  Quellen  der  Marchenstimmung,  der  Mar- 
chendichtung  liegen  in  den  Tiefen  der  Menschenseele!  Diese 
Marchen  sind  als  Bilder  dargestellt,  weil  auftere  Vorgange 
zu  Hilfe  genommen  werden  miissen,  um  das  zu  geben,  was 
wie  eine  geistige  Nahrung  fur  den  Hunger  sein  soil,  der  aus 
den  charakterisierten  Erlebnissen  quillt.  Wir  miissen  auch 
sagen :  Ja,  wir  sind  weit  entf ernt  von  den  Erlebnissen,  aber 
wir  konnen  die  Erlebnisse  in  den  Marchenbildern  nach- 
schwingen  fuhlen. 

Wenn  wir  uns  das  vor  Augen  halten,  brauchen  wir  uns 
nicht  mehr  dariiber  zu  verwundern,  da£  uns  die  schonsten, 
die  charakteristischsten  Marchen  gerade  aus  jenen  alteren 
Zeiten  bekannt  und  von  diesen  her  liber  lief  ert  sind,  als  die 
Menschen  noch  ein  gewisses  hellseherisches  Bewufitsein 
hatten  und  daher  leichter  zu  dem  kommen  konnten,  was 
die  Quellen  dieser  Marchenstimmung  und  Marchendichtun- 
gen  sind,  und  wir  wundern  uns  weiter  nicht,  daft  in  den 
Gegenden  der  Erde,  wo  die  Menschen  in  ihren  Seelen  noch 
den  geistigen  Quellen  naherstehen  als  etwa  die  Seelen  des 
Abendlandes,  zum  Beispiel  in  Indien,  im  Morgenlande  uber- 
haupt,  die  Marchen  einen  noch  viel  ausgepragteren  Charak- 
ter  haben  konnen. 

Dann  wundern  wir  uns  aber  auch  nicht,  dafi  wir  in  den 
deutschen  Marchen,  die  Jakob  und  Wilhelm  Grimm  in  der 
Gestaltung  sammelten,  wie  sie  sie  horen  konnten  von  Ver- 
wandten  oder  anderen,  oft  einfachen  Menschen,  Darstellun- 
gen  wiederfinden,  die  an  jene  Zeiten  des  europaischen 
Lebens  erinnern,  in  denen  auch  die  groften  Heldensagen 
entstanden  sind,  und  dafi  die  Marchen  Ziige  enthalten,  die 
wir  auch  bei  den  grofien  Gotter-  und  Heldensagen  finden. 
Wir  wundern  uns  auch  weiter  nicht,  wenn  wir  horen,  dafi 
skh  nachtraglich  herausgestellt  hat,  dafi  die  bedeutsamsten 
Marchen  noch  alter  sind  als  die  Heldensagen,  weil  die  Hel- 


densagen  dodi  nur  den  Menschen  in  einem  gewissenLebens- 
alter  und  in  einer  bestimmten  Situation  zeigen,  wahrend 
das,  was  im  Marchen  lebt,  allgemein  menschlidi  ist,  mit  der 
Menschenseele  vom  ersten  bis  zum  letzten  Atemzuge  geht, 
den  wir  tun,  durch  alle  Lebensalter.  Und  wir  wundern  uns 
nicht,  wenn  das  Marchen  audi  zum  Beispiel  dasjenige  ins 
Bild  drangt,  was  als  ein  tiefes  Erlebnis  der  Seele  genannt 
worden  ist,  jenes  Sich-unangemessen-Fuhlen  der  Seele  im 
Aufwachen  den  Naturkraflen  gegeniiber,  denen  man  hilflos 
gegeniibersteht,  und  denen  man  nur  dann  gewachsen  ist, 
wenn  man  in  der  Seele  zugleich  den  Trost  hat:  in  dir  gibt 
es  etwas,  was  iiber  dich  hinausgeht  und  dich  in  einer  ge- 
wissen  Beziehung  wieder  zum  Sieger  iiber  die  Naturkrafte 
macht. 

Wenn  man  diese  Stimmung  fiihlt,  dann  fiihlt  man  audi, 
warum  im  Marchen  so  oft  Riesen  auftreten,  mit  denen  der 
Mensch  zu  tun  hat.  Warum  treten  diese  Riesen  auf?  Ja, 
diese  Riesen  entstehen  ganz  selbstverstandlich  als  Bild  aus 
der  Stimmung  heraus,  welche  die  Seele  hat,  wenn  sie  sich 
wieder  am  Morgen  in  ihren  physischen  Leib  hineinbegeben 
will  und  sich  nun  den  fiir  die  Menschenseele  «riesenhaften» 
Naturkraflen  gegeniiber  sieht,  die  den  Leib  einnehmen.  Was 
die  Seele  da  als  Kampf  fiihlt,  was  sie  da  empfinden  kann, 
das  ist  ganz  richtig  -  aber  nicht  verstandesgemafi  begrifT- 
lich  -,  wie  es  der  Menschenseele  entspricht,  in  den  mannig- 
f altigen  Kampfen  des  Menschen  mit  Riesen  dargestellt.  Die 
Seele  fiihlt,  wenn  das  alles  vor  sie  hintritt,  wie  sie  in  diesem 
ganzen  Kampf  e  und  der  ganzen  Stellung  den  Riesen  gegen- 
iiber nur  eines  hat,  ihre  Schlauheit.  Denn  das  gehort  dazu, 
so  zu  fiihlen:  Du  kdnntest  jetzt  in  deinen  Leib  hinein,  aber 
was  bist  du  gegeniiber  den  ganzen  riesigen  Kraften  des  Uni- 
versums!  Etwas  hast  du  jedoch,  was  da,  in  diesen  Riesen, 
nicht  drinnen  ist:  das  ist  die  Schlauheit,  der  Verstand!  Das 


stent  unbewufit  doch  vor  der  Seele,  wenn  sie  sich  audi  sagen 
mu£,  daft  sie  nichts  gegen  die  riesenhaften  Krafte  des  Uni- 
versums  vermag,  und  wir  sehen  formlich,  wie  sich  die  Seele 
dahinein  versetzt,  wenn  sie  im  Bilde  die  eben  charakteri- 
sierte  Stimmung  ausdriickt: 

Da  ist  ein  Mensch,  der  zieht  die  Landstrafte  entlang  und 
kommt  an  ein  Wirtshaus.  In  dem  Wirtshause  laftt  er  sich 
eine  Milchsuppe  geben.  Die  Fliegen  fliegen  in  die  Suppe 
hinein.  Er  iftt  die  Milchsuppe  aus  und  laftt  die  Fliegen 
iibrig.  Dann  schlagt  er  auf  den  Teller  und  zahlt  die  Fliegen, 
die  er  getotet  hat,  und  renommiert:  Hundert  auf  einmal! 
Der  Wirt  hangt  ihm  eine  Tafel  um:  Der  hat  Hundert 
auf  einmal  erschlagen.  Nun  geht  dieser  Mensch  weiter  die 
Landstrafte  entlang,  kommt  in  eine  andere  Gegend,  und 
dort  schaut  ein  Kb'nig  zum  Fenster  seines  Schlosses  hinaus. 
Er  sieht  diesen  Menschen  mit  der  Tafel  umgehangt  und  sagt 
sich:  Den  kann  ich  gut  brauchen.  Er  nimmt  ihn  in  seine 
Dienste  und  iibertragt  ihm  eine  ganz  bestimmte  Aufgabe. 
Er  sagt  ihm:  Sieh  einmal,  da  kommen  immer  ganze  Rotten 
von  Baren  in  mein  Land  herein.  Wenn  du  Hundert  auf 
einmal  erschlagen  hast,  dann  kannst  du  mir  sicher  auch  die 
Baren  erschlagen.  Der  Betreffende  sagt:  Jch  will  es  schon 
tun!  Aber  er  will  noch,  solange  die  Baren  noch  nicht  da 
sind,  einen  guten  Lohn  und  ordentliches  Essen  haben,  denn 
er  bedenkt  sich  und  meint:  Wenn  ich  es  nicht  kann,  so  habe 
ich  doch  bis  dahin  gut  gelebt.  -  Als  nun  die  Zeit  kommt,  wo 
die  Baren  heranrucken,  sammelt  er  alle  moglichen  Nah- 
rungsmittel  und  sonstige  guteDinge,  welche  die  Baren  gerne 
essen.  Nun  zieht  er  den  Baren  entgegen  und  legt  die  Sachen 
aus.  Die  Baren  kommen  heran  und  fressen  so  lange,  bis  sie 
ganz  vollgefr essen  sind,  daft  sie  wie  gelahmt  daliegen,  und 
nun  erschlagt  er  einen  nach  dem  anderen.  Der  Konig  kommt 
dann  und  sieht,  was  er  geleistet  hat.  Der  Mensch  aber 


sagt:  Ja,  ich  habe  die  Baren  einfach  iiber  den  Stock  sprin- 
gen  lassen  und  habe  ihnen  dann  dabei  die  Kopfe  abgeschla- 
gen!  Der  Konig  ist  davon  sehr  erbaut  und  Ubertragt  ihm 
eine  andere  Aufgabe.  Er  sagt  ihm:  Sieh,  jetzt  werden  audi 
die  Riesen  bald  wieder  in  mein  Land  kommen,  und  du 
muftt  mir  auch  gegen  sie  helfen.  Der  Mensch  versprach  es. 
Und  als  die  Zeit  herankam,  nahm  er  wieder  eine  Menge 
guter  Nahrungsmittel  mit,  aber  auch  eine  Lerche  und  ein 
Stuck  Kase.  Er  traf  dann  auch  wirklich  die  Riesen  und 
lieft  sich  zunachst  mit  ihnen  auf  ein  Gesprach  iiber  seine 
Starke  ein.  Der  eine  Riese  sagte:  Wir  wollen  es  dir  schon 
zeigen,  daft  wir  starker  sind.  Und  er  nahm  einen  Stein  und 
zerrieb  den  Stein  in  seiner  Hand.  Dann  sagte  er  zu  dem 
Menschen:  So  stark  sind  wir!  Was  willst  du  gegen  uns? 
Der  andere  Riese  nahm  einen  Pfeil,  schoft  ihn  ab  und  schoft 
so  hoch,  daft  der  Pfeil  erst  nach  langer  Zeit  wieder  her- 
unterkam,  und  sagte:  So  stark  sind  wir!  Was  willst  du 
gegen  uns?  Da  sagte  der  Mann,  der  die  Hundert  auf  einmal 
erschlagen  hatte:  Das  alles  kann  ich  noch  viel  besser!  Er 
nahm  ein  kleines  Stuckchen  Kase  und  einen  Stein  und  ver- 
suchte,  den  Stein  mit  dem  Kase  zu  umschmieren  und  sagte 
zu  den  Riesen:  Ich  kann  aus  dem  Stein  Wasser  heraus- 
pressen!  Und  zerdriickte  den  Kase,  so  daft  Wasser  heraus- 
spritzte.  Die  Riesen  waren  erstaunt  iiber  die  Kraft,  daft  er 
Wasser  aus  dem  Stein  herauspressen  konnte.  Dann  nahm 
der  Mensch  die  Lerche  und  lieft  sie  fliegen  und  sagte  dann 
zu  dem  Riesen:  Dein  Pfeil  ist  zuriickgekommen,  mein  Pfeil 
aber,  den  ich  abgeschossen  habe,  geht  so  hoch,  daft  er  iiber- 
haupt  nicht  wieder  zuruckkommt!  Denn  die  Lerche  kam 
nicht  zuriick.  Da  waren  die  Riesen  so  erstaunt,  dafi  sie  sich 
einig  waren,  daft  sie  ihn  nur  mit  List  iiberwinden  konnten; 
denn  daft  sie  ihn  mit  der  Riesenstarke  iiberwinden  konnten, 
daran  dachten  sie  schon  nicht  mehr.  Dagegen  gelang  es  ihnen 


nicht,  den  Menschen  zu  iiberlisten,  sondern  er  uberlistete 
sie.  Als  sie  alle  miteinander  schliefen,  stiilpte  er  sich  eine 
aufgeblasene  Schweinsblase  iiberdenKopf,  inderem  Innern 
etwas  Blut  war.  Die  Riesen  sagten  sich:  Wachend  werden 
wir  ihn  doch  nicht  iiberwinden  konnen,  daher  wollen  wir 
ihn  schlafend  iiberwinden.  Als  er  nun  schlief,  schlugen  sie 
auf  ihn  los  und  schlugen  die  Schweinsblase  ein,  und  als  sie 
das  Blut  herausspritzen  sahen,  dachten  sie,  sie  hatten  ihn 
schon  iiberwunden.  Und  sie  schliefen  bald  ein.  Und  in  der 
Ruhe,  die  dann  iiber  sie  kam,  schliefen  sie  so  stark,  dafi  er 
sie  im  Schlaf  iiberwinden  konnte. 

Trotzdem  hier  das  Marchen,  wie  manche  Traume,  unklar 
und  wenig  befriedigend  ausklingt,  so  haben  wir  darin  doch 
das  vor  uns,  was  den  Kampf  der  Menschenseele  gegen  die 
Naturkrafte  darstellt,  erst  gegen  die  «Baren»,  dann  aber 
geht  es  iiber  in  den  Kampf  gegen  die  «Riesen».  Aber  noch 
etwas  anderes  sehen  wir  in  diesem  Marchen.  Wir  haben  den 
Menschen,  der  die  Hundert  auf  einmal  erschlagen  hat,  so 
vor  uns,  dal$  wir  nachvibrieren  fiihlen,  was  im  tiefsten 
Unbewufiten  der  Seele  lebt:  daft  er  durch  seine  Schlauheit 
immer  getrostet  werden  kann  iiber  die  starkeren  Krafte, 
die  er  als  riesenmaftige  empfinden  mufi.  Es  ist  nicht  gut, 
wenn  man  das,  was  kunstlerisch  in  Bildern  verarbeitet  ist, 
ganz  abstrakt  und  in  einzelnen  Ziigen  deutet.  Darauf  kommt 
es  gar  nicht  an.  Denn  nichts  wird  zerstort  an  der  Marchen- 
gestaltung,  wenn  man  fuh.lt,  daft  das  Marchen  so  das  Nach- 
klingen  ist  von  tiefen  in  der  Seele  sich  abspielenden  Vor- 
gangen.  Diese  Vorgange  sind  wiederum  so,  dafi  wir  viel, 
viel  wissen  konnen,  so  viel  man  durch  Geistesforschung 
nur  von  ihnen  wissen  kann,  und  dennoch:  wenn  man  in 
sie  wieder  und  wieder  verstrickt  wird,  wenn  man  sie  so 
erlebt,  dann  sind  sie  doch  ursprunglich  und  elementar. 
Und  kein  Wissen,  wenn  es  sonst  vorhanden  ist,  zerstort 


das  Vermogen,  dasjenige,  was  man  so  in  den  Tiefen  der 
Seele  erlebt,  in  Marchenstimmung  hineinzubringen. 

Daher  ist  es  ganz  gewifi  fur  die  Forschung  reizvoll,  zu 
wissen,  wie  man  im  Marchen  das  vor  sich  hat,  was  die 
Seele  braucht  wegen  ihrer  tiefsten  Ertebnisse  in  der  an- 
gedeuteten  Weise.  Zu  gleicher  Zeit  wird  keine  Marchenstim- 
mung zerstort,  denn  gerade  der,  welcher  vielleicht  in  An- 
lehnung  an  das  Wesen  des  Marchens  zu  einem  tief  eren  Hin- 
einschauen  in  die  Quellen  des  unterbewufken  Lebens  kommt, 
findet  in  diesen  Quellen  etwas,  das  fiir  das  Bewufksein  ver- 
armt,  wenn  es  nur  abstrakt  dargestellt  wird,  und  er  findet 
eigentlich,  dafi  die  Darstellung  im  Marchen  wirklich  die 
umfassendere  ist  fiir  das  Tiefste  der  seelischen  Erlebnisse. 

Man  begreifl  dann,  da£  Goethe  das,  was  er  reich  erleben 
konnte  und  was  Schiller  in  abstrakt-philosophischen  Be- 
griffen  ausdriickte,  in  den  vielsagenden  und  vieldeutigen 
Bildern  des  «Marchens»  von  der  griinen  Schlange  und  der 
schonen  Lilie  ausdriickte.  Also  in  Bildern  wollte  Goethe, 
trotzdem  er  viel  gedacht  hat,  das  aussprechen,  was  er  liber 
das  Tiefste  in  den  Untergriinden  und  in  dem  Unterbewuftt- 
sein  des  menschlichen  Seelenlebens  empfand.  Und  weil  das 
Marchen  so  mlt  dem  Innersten  der  Seele  zusammenhangt, 
mit  dem,  was  so  tief  mit  dem  Innersten  der  Menschenseele 
zusammenhangend  ist,  deshalb  ist  das  Marchen  gerade  die- 
jenige  Form  der  Darstellung,  die  fiir  das  kindliche  Gemut 
am  angemessensten  ist.  Denn  man  darf  vom  Marchen  sagen, 
es  habe  es  dahin  gebracht,  das  Allertiefste  im  geistigen 
Leben  in  der  allereinfachsten  Weise  zum  Ausdruck  zu  brin- 
gen.  Man  empfindet  eigentlich  nach  und  nach,  dafi  es  in 
allem  bewufiten  kunstlerischen  Leben  keine  so  grofie  Kunst 
gibt  als  die  Kunst,  die  den  Weg  vollendet  von  den  unver- 
standenen  Tiefen  des  Seelenlebens  zu  den  reizvollen,  oft- 
mals  spielerischen  Bildern  des  Marchens. 


Wenn  man  das  Schwerstverstandliche  in  den  selbst- 
verstandlichsten  Formen  auszudriicken  vermag,  dann  ist 
das  grofite  Kunst,  natiirlichste  Kunst,  wesenhaft  mit  dem 
Menschen  zusammenhangende  Kunst.  Und  weil  im  Kinde 
die  menschliche  Wesenheit  in  einer  noch  urspriinglicheren 
Art  mit  dem  Gesamtdasein,  mit  dem  Gesamtleben  zusam- 
menhangt, deshalb  braucht  auch  das  Kind  als  Nahrung 
fiir  seine  Seele  das  Marchen.  Freier  noch  kann  sich  im  Kinde 
das  bewegen,  was  geistige  Kraft  darstellt.  Das  kann  noch 
nicht,  wenn  die  kindliche  Seele  nicht  veroden  soli,  in  die 
abstrakten  theoretischen  Begriffe  eingesponnen  werden.  Das 
mufi  noch  zusammenhangen  mit  dem,  was  in  den  Tiefen 
des  Daseins  wurzelt. 

Daher  tun  wir  dem  Kinde  fiir  die  Seele  keine  grofiere 
Wohltat,  als  wenn  wir  auf  seine  Seele  wirken  lassen,  was  so 
Menschen- Wurzeln  mit  Daseins- Wurzeln  zusammenbringt. 
Weil  das  Kind  noch  an  der  eigenen  Gestaltung  schopferisch 
tatig  sein  mufi,  weil  es  noch  die  gestaltenden  Krafte  selbst 
fiir  sein  Wachstum,  fiir  die  Entfaltung  aller  seiner  Anlagen 
hervorbringen  mufi,  deshalb  empfindet  es  so  wunderbare 
Nahrung  fiir  seine  Seele  in  den  Bildern  des  Marchens,  in 
denen  es  wurzelhaft  mit  dem  Dasein  zusammenhangt.  Und 
weil  der  Mensch,  selbst  wenn  er  sich  dem  Rationalistisch- 
Verstandesmafiigen  hingibt,  doch  nie  von  des  Daseins  Wur- 
zeln losgerissen  werden  kann,  und  weil  er,  wenn  er  gerade 
am  meisten  dem  Leben  hingegeben  sein  mufi,  am  intimsten 
mit  des  Daseins  Wurzeln  zusammenhangt,  deshalb  kehrt 
er,  wenn  er  nur  gesunden,  geradsinnigen  Gemiites  ist,  in 
jedem  Lebensalter  freudig  zum  Marchen  zuriick.  Denn  es 
gibt  kein  Lebensalter,  es  gibt  keine  menschliche  Lage,  die 
uns  demjenigen  entfremden  konnte,  was  aus  dem  Marchen 
stromt,  weil  wir  aufhoren  mufiten  mit  dem  Tiefsten,  was 
mit  der  Menschennatur  zusammenhangt,  wenn  wir  keinen 


Sinn  mehr  fur  das  hatten,  was  sich  von  diesem  Sinn  der 
Menschennatur,  der  so  unverstandlich  ist  fur  den  Verstand, 
ausdriickt  in  den  selbstverstandlichen  Marchen  und  in  der 
selbstverstandlichen,  einfachen,  primitiven  Marchenstim- 
mung. 

Daher  kann  man  es  begreifen,  dafi  Menschen,  die  sich 
lange  Zeit  damit  befaftt  haben,  der  Menschheit  die  etwas 
durch  die  Kultur  iibertiinchten  Marchen  wiederzugeben, 
Menschen  wie  zum  Beispiel  die  Briider  Grimm,  wenn  sie 
sich  audi  nicht  geisteswissenschaftlich  zu  der  Sache  stellen, 
doch  aber  aus  der  ganzen  Art,  wie  sie  mit  den  Marchen 
lebten,  die  sie  aus  der  Volkskultur  heraufholten,  die  Emp- 
findung  hatten,  dafi  sie  der  Menschheit  etwas  gaben,  was 
innig  zu  dieser  Menschennatur  gehort.  Dann  begreift  man 
es  auch,  dafi,  nachdem  eine  Verstandeskultur  durch  Jahr- 
hunderte  so  manches  getan  hat,  um  die  Menschenseele  und 
auch  die  Kindesseele  dem  Marchen  zu  entfremden,  solche 
Marchensammlungen  wie  die  der  Briider  Grimm  wieder 
bei  alien  Menschen  Eingang  gefunden  haben,  die  fur  so 
etwas  empfanglich  sind,  und  dafi  sie  wieder  Gemeingut 
gerade  der  Kinderseele  geworden  sind,  aber  wohl  auch  Ge- 
meingut aller  Seelen,  und  dies  namentlich  immer  mehr  und 
mehr  werden,  je  mehr  die  Geisteswissenschafl;  nicht  nur 
Theorie  sein  wird,  sondern  Stimmung  der  Seele,  jene  Stim- 
mung,  welche  die  Seele  immer  mehr  und  mehr  zusammen- 
f iihren,  gef iihlsmafiig  zusammenfiihren  wird  mit  ihren  gei- 
stigen  Wurzeln  des  Daseins. 

So  wird  gerade  durch  die  Verbreitung  der  Geisteswissen- 
schaft  das  bewahrheitet,  was  echte  Marchensammler,  echte 
Marchenerfiihler  und  Marchendarsteller  wollten,  und  was 
ein  Mann,  der  selber  ein  tiefer  Freund  der  Marchendar- 
stellung  war,  oftmals  in  Vortragen  sagte,  die  ich  horen 
durfle,  wiederholend  ein  schones  dichterisches  Wort,  in  das 


wir  zusammenfassen  konnen,  was  sich  audi  aus  der  geistes- 
wissenschaftlichen  Betrachtung  des  Marchens  ergibt,  wenn 
wir  sie  im  heutigen  Sinne  anstellen.  Wir  konnen  es  zu- 
sammenfassen in  die  Worte,  die  eben  in  seinen  Vortragen 
jener  Mann  sprach,  der  Marchen  zu  lieben  verstand,  der 
Marchen  zu  sammeln  verstand,  der  Marchen  zu  wiirdigen 
verstand  und  deshalb  immer  gern  an  das  Wort  anknupfte: 
Marchen  und  Sagen  sind  wie  ein  guter  Engel,  der  von  Ge- 
burt  an,  von  Heimat  wegen  dem  Menschen  mitgegeben 
wird  auf  seiner  Lebenswanderung,  damit  er  ihm  ein  ver- 
traulicher  Genosse  durch  diese  ganze  Lebenswanderung  hin- 
durch  sei  und  ihm  dadurch,  dafi  er  ihm  diese  Genossenschaft 
bietet,  erst  das  Leben  zu  einem  wahrhaft  innerlich  beseelten 
Marchen  macht! 


LIONARDOS  GEISTIGE  GROSSE 
AM  WENDEPUNKT  ZUR  NEUEREN  ZEIT 


Berlin,  13.Februar  1913 


Lionardos  Name  wird  f  ortwahrend  an  unzahlige  Menschen- 
seelen  herangebracht  durch  die  weite  Verbreitung  des  viel- 
leicht  allerbekanntesten  Bildes,  des  beriihmten  «Abend- 
mahles».  Wer  kennt  es  nicht, dieses Abendmahl  des Lionardo 
da  Vinci,  und  wer  hat  nicht,  wenn  er  es  kennt,  die  gewal- 
tige  Idee  bewundert,  welche  gerade  in  diesem  Bilde  zum 
Ausdruck  kommt!  Da  sehen  wir  bildhaft  verkorpert  einen 
bedeutungsvollen  Augenblick,  einen  Augenblick,  der  ja  von 
unzahligen  Seelen  als  einer  der  bedeutendsten  des  Erd- 
geschehens  empfunden  wird:  die  Christus-Gestalt  in  der 
Mitte,  zu  beiden  Seiten  angeordnet  die  zwolf  Gefahrten 
des  Christus  Jesus.  Wir  sehen  diese  zwolf  Gefahrten  in 
tief  ausdrucksvollenBewegungen  und  Haltungen.  Wir  sehen 
diese  Gesten,  diese  Haltungen  bei  jeder  einzelnen  dieser 
zwolf  Gestalten  so  individualisiert,  dafi  wir  wohl  den  Ein- 
druck  bekommen  konnen:  jede  Art  von  menschlichem 
Seelencharakter  kommt  in  diesen  zwolf  Gestalten  zum 
Ausdruck,  jede  Art,  wie  sich  irgendeine  Seele  nach  Tem- 
perament und  Charakter  verhalten  kann  zu  dem,  was  das 
Bild  zum  Ausdruck  bringt. 

Am  eindrucksvollsten  hat  wohl  Goethe  in  seiner  Abhand- 
lung  iiber  «Leonard  da  Vincis  Abendmahl»  den  Moment 
hingestellt,  jenen  Augenblick,  wo  der  Christus  Jesus  eben 
die  Worte  ausgesprochen  hat:  Einer  ist  unter  euch,  der  mich 
verrat! 


Was  in  jeder  der  zwolf  Seelen,  die  so  innig  mit  dem 
Sprechenden  verbunden  sind  und  so  andachtig  zu  ihm  auf- 
schauen,  vorgeht,  nachdem  diese  Worte  ausgesprochen  sind, 
wir  sehen  das  alles  in  den  zahlreichen  Nachbildungen  dieses 
Werkes,  die  durdi  die  Welt  gehen,  aus  jeder  dieser  Seelen 
heraus  ausdrucksvoll  an  uns  herandringen. 

Es  gibt  Darstellungen  des  «Abendmahl»-Ereignisses,  die 
aus  einer  friiheren  Zeit  herruhren.  Wir  konnen  Darstellun- 
gen des  «Abendmahles»  verfolgen  zum  Beispiel,  wenn  wir 
nicht  weiter  zuriickgehen,  von  Giotto  bis  Lionardo  da  Vinci 
und  werden  finden,  daft  Lionardo  in  die  Darstellung  des 
«Abendmahles»  das  hereingebracht  hat,  was  man  nennen 
kann  das  dramatische  Element;  denn  es  ist  ein  wunderbar 
dramatischer  Augenblick,  der  uns  in  seiner  Darstellung  ent- 
gegentritt.  Ruhig,  gleichsam  nur  um  das  Beisammensein  aus- 
zudriicken,  so  erscheinen  uns  die  friiheren  Darstellungen; 
einen  Ausdruck  bedeutsamsten  Seelenseins  mit  voller  dra- 
matischer Kraft  vor  uns  hinzaubernd,  so  erscheint  uns  das 
«Abendmahl»  bildhaft  zuerst  bei  Lionardo.  Aber  hat  man 
aus  den  weltberuhmten  Nachbildungen  diesen  Eindruck 
von  der  Idee  dieses  Bildes  in  seiner  Seele,  in  seinem  Herzen 
aufgenommen  und  kommt  nun  nach  Mailand  in  jene  alte 
Dominikanerkirche  Santa  Maria  delle  Grazie  und  sieht 
dort  auf  der  Wand  alle  die  -  man  kann  es  ja  nicht  anders 
nennen  —  ineinander  verschwimmenden  undeutlichen  f euch- 
ten  Farbenkleckse,  das  letzte,  was  von  dem  Original  vorhan- 
den  ist,  das  in  seinen  Nachbildungen  weltberiihmt  geworden 
ist,  dann  forscht  man  vielleicht  zuriick  und  bekommt  durch 
die  Forschung  den  Eindruck,  dafi  man  eigentlich  ziemlich 
lange  schon  an  jener  Wand  der  alten  Dominikanerkirche 
nicht  mehr  viel  von  dem  hat  sehen  konnen,  wovon  einst- 
mals  die  Menschen,  die  es  gesehen  haben,  nachdem  es  von 
Lionardo  gemalt  worden  ist,  in  so  enthusiastischen,  in  so 


iiberschaumend  hinreifienden  Worten  gesprochen  haben. 
Was  einstmals  von  dieser  Wand  herunter  wie  ein  kiinstle- 
risches  Wunder  nicht  nur  durdi  die  Idee,  die  jetzt  eben 
stammelnd  zum  Ausdruck  gebracht  worden  ist,  zu  den  See- 
len  gesprodien  haben  mufi,  sondern  was  durch  die  aus- 
drucksvollen  Farbenwunder  des  Lionardo  so  gesprochen 
haben  mu£,  dafi  in  diesen  Farben  zum  Ausdruck  kam  das 
Intimste  der  Seelen,  ja,  der  Herzschlag  der  zwolf  Gestalten, 
das  mulS  lange,  lange  schon  nicht  mehr  auf  dieser  Wand  zu 
sehen  gewesen  sein.  Was  hat  dieses  Bild  alles  im  Laufe  der 
Zeiten  erdulden  miissen! 

Lionardo  fuhlte  sich  gedrangt,  in  der  Technik  von  der 
Art,  wie  man  vor  ihm  an  solchen  Wanden  gemalt  hat,  ab- 
zugehen.  Er  fand  die  Art  von  Farben,  die  man  vorher  ver- 
wendet  hatte,  nicht  ausdrucksvoll  genug.  Er  wollte  eben 
die  feinsten  Seelenregungen  dort  an  die  Wand  hinzaubern 
und  daher  versuchte  er,  was  man  fruher  fur  Wandgemalde 
nicht  getan  hatte,  olartige  Farben  zu  verwenden.  Da  kam 
dann  eine  ganze  Summe  von  Hindernissen  zutage.  Die 
Lage  der  Wand,  die  Lage  des  ganzen  Ortes  war  so,  dafi 
verhaltnismafiig  bald  diese  Farben  von  der  Feuchtigkeit 
angegriffen  werden  mufiten;  aus  der  Wand  selbst  kam  die 
Feuchtigkeit  heraus.  Der  ganze  Raum,  der  ein  Refektorium 
der  Dominikaner  darstellte,  wurde  einmal  durch  eineUber- 
schwemmung  vollig  unter  Wasser  gesetzt.  Viele  andere 
Dinge  kamen  hinzu,  Einquartierung  von  Soldaten  in  Kriegs- 
zeiten  und  anderes.  Durch  alle  diese  Dinge  ist  das  Bild  mit- 
genommen  worden. 

Es  gab  eine  Zeit,  in  welcher  die  Monche  des  Klosters  sich 
auch  nicht  gerade  mit  besonderer  Pietat  gegeniiber  diesem 
Bilde  benommen  haben.  So  fanden  sie,  dafi  die  Tur  zu 
niedrig  war,  die  unterhalb  des  Bildes  in  diesen  Speisesaal 
des  Klosters  f  iihrte,  und  haben  sie  eines  Tages  hoher  machen 


lassen.  Dadurdi  wurde  ein  Teil  des  Bildes  verwustet.  Dann 
wurde  einmal  ein  Wappenschild  gerade  iiber  dem  Kopfe 
des  Christus  angebracht;  kurz,man  ist  in  der  barbarischsten 
Weise  gegeniiber  dem  Bilde  vorgegangen.  Und  dann  fanden 
sich  -  man  mufi  sie  so  nennen  -  malerische  Scharlatane,  die 
es  iibermalten,  so  dafi  kaum  noch  viel  von  der  Farben- 
gebung  zu  sehen  ist,  die  es  einst  hatte.  Dennodi  geht,  wenn 
man  vor  dem  Bilde  stent,  ein  unbeschreiblicher  Zauber  da- 
von  aus.  Alle  Barbarei,  alle  Obermalung,  alle  Aufweichung 
konnte  im  Grunde  genommen  nicht  ganz  den  Zauber  ver- 
nichten,  der  von  dem  Bilde  ausgeht.  Es  ist  ja  heute  nur 
noch  ein  Schatten,  der  sich  so  iiber  die  Wand  hinzieht,  aber 
es  geht  ein  Zauber  von  diesem  Bilde  aus.  Es  ist  zum  grofiten 
Teil  nur  noch  halb  das  Malerische,  es  ist  die  Idee,  die  auf 
die  Seele  wirkt,  aber  sie  wirkt  gewaltig. 

Wer  sich  nun  ein  wenig  mit  anderen  Arbeiten  Lionardos 
bekannt  gemacht  hat,  wer  gesucht  hat,  durch  die  Nach- 
bildungen  seiner  Werke  oder  auch  durch  das,  was  in  den 
verschiedenen  Galerien  Europas  verbreitet  ist  an  Werken, 
die  dem  Lionardo  zugeschrieben  werden  und  die  noch  mehr 
oder  weniger  so  erhalten  sind,  wie  er  sie  selber  gemalt  hat, 
wer  also  gesucht  hat,  sich  mit  Lionardos  SchafFen  bekannt 
zu  machen  und  sich  auch  in  das  zu  vertiefen,  was  er  im 
Laufe  der  Zeit  geschrieben  hat,  wer  sich  bekannt  gemacht 
hat  mit  seinem  Leben,  wie  es  verflossen  ist  vom  Jahre  1452 
bis  1519,  der  stent  noch  mit  ganz  besonderen  Gefiihlen  vor 
diesem  Bilde  im  Speisesaal  der  Dominikaner  in  Mailand, 
im  Kloster  Santa  Maria  delle  Grazie.  Denn  im  Grunde 
genommen,  so  viel  uns  noch  von  der  Zauberschopfung  er- 
halten ist,  die  Lionardo  einst  an  diese  Wand  hingemalt 
hat,  so  viel,  fuhlt  man,  ist  eigentlich  fur  das  allgemeine 
Menschheitsbewufitsein  auch  nur  noch  vorhanden  von  der 
gewaltigen  Grofie,  von  der  Gewalt  und  dem  Inhalt  dieser 


umfassenden  Personlidikeit  dieses  Lionardo  selbst.  Was 
man  heute  von  Lionardo  auf  seine  Seele  wirken  lassen  kann, 
das  verhalt  sich  wohl  kaum  anders  zu  dem,  was  sich  einst- 
mals  als  diese  umfassende  Personlidikeit  in  die  Weltent- 
wickelung  hineingestellt  hat,  als  diese  ineinander  verlau- 
fenden  Farbenkleckse  sich  zu  dem  verhalten,  was  Lionardo 
einst  an  die  Wand  gezaubert  hat.  Und  wie  man  mit  Weh- 
mut  vor  diesem  Bilde  in  Mailand  steht,  so  steht  man  mit 
Wehmut  vor  der  ganzen  Gestalt  des  Lionardo. 

Goethe  macht  noch  darauf  aufmerksam,  wie  man,  wenn 
man  die  Lebensbeschreibungen  friiherer  Biographen  auf 
sich  wirken  lafit,  den  Eindruck  bekommt,  dafi  in  Lionardo 
der  Menschheit  eine  Personlidikeit  erschienen  ist,  mit  f  rischer 
Lebenskrafl  iiberall  wirkend,  freudig  das  Leben  betrach- 
tend  und  freudig  auf  das  Leben  wirkend,  alles  ergreifend 
in  Liebe,  mit  einem  ungeheueren  Erkenntnisdrange  alles 
erfassen  wollend,  frisch  an  Seele  und  frisch  an  Leib.  Dann 
wendet  man  vielleicht  audi  den  Blick  hin  auf  jenes  Bild, 
das  als  ein  Selbstbildnis  gilt  und  in  Turin  erhalten  ist,  und 
sieht  dann  dieses  Selbstbildnis  des  alien  Lionardo,  dieses 
Gesicht  mit  den  ausdrucksvollen,  aber  durch  den  Schmerz 
ausdrucksvoll  gewordenen  Furchen,  mit  dem  verbitterten 
Munde  und  mit  den  Ziigen,  die  so  vieles  von  dem  verraten, 
was  Lionardo  fiihlen  mufite  als  seinen  Gegensatz  gegen  die 
Welt  und  gegen  alles,  was  er  erleben  mufke.  So  steht  tat- 
sachlich  diese  Personlidikeit  merkwixrdig  an  der  Wende  der 
neueren  Zeit  vor  uns. 

Wenn  wir  uns  noch  einmal  zu  dem  Bilde  in  Santa  Maria 
delle  Grazie  zuriickwenden  und  mit  diesem  Schatten  an  der 
Wand  des  Refektoriums  zusammen  zu  schauen  versuchen 
die  altesten  Stiche,  die  altesten  Nachbildungen,  die  von 
diesem  Bilde  erhalten  sind,  und  wenn  wir  ein  wenig  sozu- 
sagen  mit  den  «Augen  des  Geistes»,  um  dieses  Goethesche 


Wort  zu  gebraudien,  versuchen,  in  uns  dieses  Bild  wieder- 
erstehen  zu  lassen,  dann  kann  vielleicht  ein  Gefiihl,  eine 
Empfindung  in  uns  auftauchen:  der,  der  dieses  Bild  einst 
gemalt  hat,  ging  er,  als  er  den  letzten  Pinselstrich  getan, 
befriedigt  von  diesem  Bilde  fort?  Sagte  er  sich:  du  hast 
hier  geleistet,  was  in  deiner  Seele  lebte? 

Es  scheint  mir,  daft  man  auf  ganz  naturgemafte  Weise 
zu  diesem  Geftihle,  zu  dieser  Frage  kommen  kann.  Warum? 
Wenn  man  das  ganze  Leben  Lionardos  betrachtet,  so  muft 
man  sagen:  es  floftt  einem  dieses  Leben  die  eben  charakteri- 
sierte  Empfindung  ein.  Wenn  man  beginnt,  Lionardo  auf 
sich  wirken  zu  lassen,  wie  er  als  ein  naturliches  Kind  ge- 
boren  wird,  als  der  Sohn  eines  mittelmaftigen  Kopfes,  des 
Ser  Pietro  in  Vinci,  und  einer  Bauerin,  welche  einem  dann 
ganz  aus  dem  Blick  entschwindet,  wahrend  der  Vater  stan- 
desgemaft  heiratet  und  den  Sohn  in  Pflege  gibt;  wenn  man 
das  Kind  dann  einsam  aufwachsen  sieht,  nur  Umgang  pfle- 
gend  mit  der  Natur  und  der  eigenen  Seele,  so  sagt  man 
sich:  eine  ungeheuere  Summe  von  Lebenskrafl:  muftte  in 
diesem  Menschen  sein,  daft  er  frisch  blieb!  Und  er  blieb  es 
zunachst.  Dann  kam  er,  da  er  friih  Zeichentalent  zeigte,  in 
die  Schule  des  Verrocchio.  Der  Vater  hatte  ihn  dorthin  ge- 
geben,  weil  er  glaubte,  daft  sich  sein  Zeichentalent  ausnutzen 
lie£e.  Der  junge  Lionardo  wird  nun  dazu  verwendet,  um 
an  den  Bildern  des  Meisters  mitzumalen.  Es  wird  als  eine 
Anekdote  aus  dieser  Zeit  erzahlt,  daft  Lionardo  einmal  eine 
Figur  zu  malen  hatte,  und  daft  der  Meister,  als  er  sie  sah, 
sich  entschloft,  iiberhaupt  nicht  mehr  zu  malen,  weil  er  sich 
von  seinem  Schiller  iiberflugelt  sah,  eine  Anekdote,  die 
mehr  ist  als  eine  solche,  wenn  man  den  ganzen  Lionardo 
betrachtet. 

Wir  finden  ihn  dann  in  Florenz  heranwachsend,  sein 
malerisches  Talent  sich  immer  mehr  und  mehr  erhohend. 


Aber  wir  finden  noch  etwas  anderes.  Wenn  man  das  male- 
rische  Talent  verfolgt,  so  bekommt  man  den  Eindruck:  er 
ging  Jahr  auf  Jahr  mit  den  grolken  kiinstlerischen  Planen 
urn,  mit  fortwahrend  neuen  Planen.  Er  hatte  audi  Auf- 
trage  von  Leuten,  die  seine  grofie  Begabung  erkannten  und 
etwas  von  ihm  haben  wollten.  Lionardo  liefi  zunachst  die 
Idee  zu  dem  auftreten,  was  er  schaffen  wollte,  und  fing 
dann  mit  dem  Studium  an.  Aber  wie  war  dieses  Studium? 

Dieses  Studium  ging  in  einer  ungeheuer  charakteristischen 
Weise  ein  auf  alle  Einzelheiten,  die  in  Betracht  kamen. 
Hatte  er  zum  Beispiel  ein  Bild  zu  malen,  bei  dem  drei  bis 
vier  Gestalten  vorkamen,  so  ging  er  so  zu  Werke,  daft  er 
nicht  nur  an  einem  einzelnen  Modell  studierte,  sondern  er 
ging  herum  in  der  Stadt  und  betrachtete  Hunderte  und 
Hunderte  von  Menschen.  Er  konnte  oft  einen  ganzen  Tag 
einer  Person  nachgehen,  wenn  ihn  ein  Zug  an  ihr  inter- 
essierte.  Er  konnte  zuweilen  alle  moglichen  Menschen  der 
allerverschiedensten  Stande  zu  sich  einladen  und  konnte 
ihnen  alle  moglichen  Dinge  erzahlen,  die  sie  belustigten  oder 
die  sie  erschreckten,  denn  daran  wollte  er  die  Gesichtszuge 
fiir  die  mannigfaltigsten  Seelenerlebnisse  studieren.  Als 
einmal  ein  Aufriihrer  eingefangen  worden  war  und  ge- 
henkt  wurde,  da  begab  sich  Lionardo  zur  Richtstatte,  und 
es  ist  die  Zeichnung  erhalten,  wie  er  den  Gehenkten  im  Ge- 
sichtsausdruck  und  mit  der  ganzen  Geste  festzuhalten  suchte; 
unten  in  der  Ecke  des  Blattes  ist  noch  besonders  ein  Kopf 
gezeichnet,  um  den  genauen  Eindruck  festzuhalten. 

Wir  besitzen  von  Lionardo  erhalten  gebliebene  Karika- 
turen,  unglaubliche  Gestalten,  und  konnen  daran  sehen, 
was  er  eigentlich  damit  wollte.  Er  hatte  zum  Beispiel  ein 
Antlitz  gezeichnet  und  probierte  nun,  was  sich  ergibt,  wenn 
man  das  Kinn  grofier  und  grofier  macht.  Um  zu  sehen, 
welche  Bedeutung  die  einzelnen  Teile  der  menschlichen 


Gestalt  haben,  vergrofierte  er  ein  einzelnes  Glied,  um  dar- 
auf  zu  kommen,  wie  sich  in  seiner  natiirlichen  Grofie  dieses 
Glied  dem  ganzen  menschlichen  Organismus  einfiigt.  Frat- 
zenhafte  Gestalten  in  den  verschiedensten  Verzerrungen, 
das  alles  finden  wir  bei  Lionardo.  Zeichnungen  sind  von 
ihm  erhalten,  in  denen  er  immer  wieder  und  wieder  das 
einzelne  skizziert  hat,  Zeichnungen,  die  er  dann  verwenden 
wollte  fur  entsprechende  Werke.  Wenn  audi  manches  von 
seinen  Schiilern  herstammt,  so  ist  doch  audi  viel  von  ihm 
selbst  vorhanden. 

Wenn  man  das  alles  auf  sidi  wirken  lafk,  so  bekommt 
man  den  Eindruck,  dafi  es  ihm  oft  in  folgender  Weise  geht. 
Er  hat  irgendeinen  Bildauftrag;  er  soil  dieses  oder  jenes 
darstellen.  Da  studiert  er  in  der  eben  geschilderten  Weise 
die  Einzelheiten.  Dann  beginnt  ihn  irgend  etwas  Besonderes 
zu  interessieren,  und  nun  studiert  er  nicht  mehr  zum  Zwecke 
des  Bildes,  sondern  um  die  Einzelheiten  eines  Tieres  oder 
desMenschenkennenzulernen.  Hat  er  eineSchlacht  zu  malen, 
so  geht  er,  um  die  Einzelheiten  zu  studieren,  in  die  Reit- 
schule,  oder  er  geht  irgend wohin,  wo  die  Pferde  sich  selbst 
uberlassen  sind,  und  dadurch  kommt  er  dann  ab  von  der 
eigentlichen  Idee,  zu  der  er  das  Studium  hat  verwenden 
wollen.  So  haufen  sich  Studien  auf  Studien,  und  es  ist  ihm 
zuletzt  gar  nicht  mehr  darum  zu  tun,  zu  dem  Bilde  wieder 
zuruckzukommen. 

So  sehen  wir  denn  von  bedeutungsvolleren  Bildern  in 
seiner  ersten  Florentiner  Zeit,  obwohl  alle  diese  Bilder 
heute  ubermalt  sind  und  die  ursprungliche  Gestalt  nicht 
mehr  ganz  zu  erkennen  ist,  den  «Heiligen  Hieronymus» 
und  die  «Anbetung  der  K6nige»  entstehen,  zu  denen  ja 
audi  Studien  vorhanden  sind,  wie  sie  eben  charakterisiert 
worden  sind,  und  man  hat  im  iibrigen  das  Gefiihl,  dieser 
Mensch  iebte  in  der  Fiille  der  Weltengeheimnisse.  Er 


sudite  die  Weltengeheimnisse  zu  durchdringen,  suchte 
in  origineller.  Art  gleichsam  nachzuzeichnen  diese  Natur- 
geheimnisse,  und  kam  dodi  eigentlich  nie  zu  einem  solchen 
Schaffen,  von  dem  er  sich  hatte  sagen  konnen,  es  sei  in 
irgendeiner  Weise  zu  Ende  gebracht.  Man  mufi  sich  in 
eine  solche  Seele  hineinversetzen,  die  zu  reich  ist,  um 
in  irgendeiner  Weise  abschliefien  zu  konnen,  was  sie  in 
Angriff  nahm,  in  eine  solche  Seele,  auf  welche  die  Welten- 
geheimnisse so  wirken,  dafi  sie,  wenn  sie  irgendwo  an- 
fangt,  von  Geheimnis  zu  Geheimnis  schreiten  mufi  und 
nirgends  fertig  wird.  Man  mufi  diese  Lionardo-Seele  ver- 
stehen,  die  zu  grofi  in  sich  war,  um  ihre  eigene  Grofie  je 
offenbaren  zu  konnen. 

Dann  verfolgen  wir  Lionardo  weiter,  wie  ihm  von  dem 
Herzoge  Lodovico  il  Moro  in  Mailand,  der  ihn  dort  an 
seinem  Hofe  aufgenommen  hat,  zwei  Aufgaben  iibertragen 
werden,  wovon  die  eine  das  «Abendmahl»  ist,  und  die  an- 
dere  die  war,  ein  Reiterstandbild  fur  den  Vater  des  Her- 
zogs  zu  schaffen.  Wir  sehen  nun,  wie  Lionardo  funfzehn 
bis  sechzehn  Jahre  an  diesen  beiden  Werken  arbeitete.  Aller- 
dings  ging  vieles  andere  nebenher.  Denn  wenn  wir  Lionardo 
charakterisieren  wollen,  wie  wir  es  eben  getan  haben,  so 
mussen  wir,  um  ihn  vollig  zu  verstehen,  hinzufugen,  dafi 
ihn  der  Herzog  nicht  nur  als  Maler  beruf  en  hatte.  Lionardo 
war  audi  ein  ausgezeichneter  Musiker,  vielleicht  einer  der 
ausgezeichnetsten  Musiker  seiner  Zeit,  und  an  seiner  musi- 
kalischen  Begabung  hatte  der  Herzog  besonderen  Gef  alien 
gefunden.  Aber  der  Herzog  behielt  ihn  auch  deshalb,  weil 
Lionardo  einer  der  bedeutendsten  Kriegsingenieure,  einer 
der  bedeutendsten  Wasserbauingenieure  und  einer  der  be- 
deutendsten Mechaniker  seiner  Zeit  war,  und  weil  er  dem 
Herzog  versprechen  konnte,  ihm  Kriegsmaschinen  zu  lie- 
fern,  die  etwas  ganz  Neues  waren,  ferner  Maschinen,  die 


die  Wasserkraft  verwerten  sollten,  ferner  fliegende  Briicken, 
die  leidit  aufgebaut  und  sdinell  wieder  weggenommen  wer- 
den  konnten.  Und  gleichzeitig  arbeitete  er  daran,  eine  Flug- 
maschine  zu  konstruieren.  Um  diese  herzustellen,  beschaf- 
tigte  er  sich  damit,  zu  beobachten,  wie  der  Vogelflug  zu- 
stande  kommt.  Was  an  Studien  Lionardos  erhalten  ist  iiber 
den  Vogelflug,  gehort  wohl  zu  dem  Originellsten,  was  dar- 
iiber  erforscht  worden  ist.  Dabei  mufi  man  immer  gewartig 
sein,  wenn  man  heute  Schriften  von  Lionardo  in  die  Hand 
bekommt,  dafi  es  zum  Teil  Kopien  sind,  die  vieles  ungenau 
enthalten  und  so  audi  in  ihrer  Gestalt  dem  entsprechen,  was 
man  heute  nodi  von  dem  «Abendmahl»  sieht.  Aber  iiberall 
leuchtet  durch,  was  fiir  einen  umfassenden  Geist  man  in 
Lionardo  vor  sich  hat. 

Nun  aber  sehen  wir,  wie  Lionardo  den  Hof  in  Mailand 
nicht  nur  bei  alien  moglichen  Gelegenheiten  unterstutzt,  wie 
er  dieses  oder  jenes  Malerische  oder  Theatralische  zustande 
bringt,  sondern  wir  sehen  ihn  audi  alle  moglichen  Kriegs- 
und  andere  Plane  ausarbeiten  und  audi  beim  Dombau  den 
Ausfuhrungen  mit  Rat  und  Tat  beistehen.  Dazu  wissen 
wir  audi,  wie  er  unzahlige  Schiiler  ausgebildet  hat,  die 
dann  an  den  verschiedensten  Werken  in  Mailand  arbeite- 
ten,  so  dafi  man  heute  kaum  mehr  ahnt,  wieviel  Arbeit 
Lionardos  in  den  ganzen  Bestand  der  Stadt  Mailand  und 
ihrer  Umgebung  eingeflossen  ist. 

Neben  alledem  her  laufen  nun  unendliche  Studien  Lio- 
nardos zu  dem  Reiterstandbilde  des  Vaters  des  Herzogs, 
Francesco  Sforza.  Es  gab  fiir  ihn  kein  Glied  des  Pferdes, 
das  er  nicht  hundertfach,  in  hundertfaltigen  Stellungen 
studierte,  und  im  Laufe  von  vielen  Jahren  brachte  er  das 
Modell  des  Pferdes  zustande,  Es  ging  dann  zugrunde,  als 
die  Franzosen  im  Jahre  1499  in  Mailand  einfielen,  und  die 
Soldaten  wie  auf  eine  Zielscheibe  nach  diesem  Modell 


schossen  und  es  eben  zerschossen.  Es  ist  nichts  davon  er- 
halten,  nichts  erhalten  von  der  Riesenarbeit  einer  Person- 
lidikeit,  welche,  man  darf  so  sagen,  Weltengeheimnis  nach 
Weltengeheimnis  zu  erforsdien  suchte,  urn  ein  Werk  zu- 
standezubringen,  in  dessen  totem  Materiale  Leben  sich  so 
offenbarte,  wie  sich  Leben  gemafS  seinen  Geheimnissen  in 
der  Natur  selber  offenbart. 

Von  dem  «Abendmahl»  konnen  wir  wissen,  wie  Lionardo 
daran  gearbeitet  hat.  Oftmals  ging  er  hin,  setzte  sich  auf 
das  Gerust  und  briitete  stundenlang  vor  der  Wand.  Dann 
nahm  er  den  Pinsel,  machte  einige  Pinselstriche  und  ging 
wieder  fort.  Zuweilen  ging  er  hin,  starrte  auf  das  Bild, 
ging  wieder  fort.  Wenn  er  an  der  Christus-Gestalt  malen 
will,  zittert  seine  Hand.  Und  wenn  man  alles  zusammen- 
nimmt,  was  man  davon  wissen  kann,  dann  mull  man  sagen: 
aufierlich  und  innerlich  wurde  Lionardo  nicht  froh,  als  er 
dieses  heute  weltberuhmte  Bild  make.  Zunachst  gab  es  da- 
mals  in  Mailand  Leute,  denen  das  langsame  Fortschreiten 
des  Bildes  nicht  recht  gefiel.  Da  war  zum  Beispiel  der  Prior 
des  Klosters,  der  nicht  einsehen  konnte,  weshalb  ein  Maler 
ein  solches  Bild  nicht  schnell  sollte  heruntermalen  konnen, 
und  er  beschwerte  sich  deshalb  beim  Herzog.  Dem  Herzog 
dauerte  die  Sache  eigentlich  auch  schon  zu  lange,  und  er 
stellte  den  Kiinstler  zur  Rede.  Da  antwortete  Lionardo, 
dafi  auf  dem  Bilde  dargestellt  werden  sollten  der  Christus 
Jesus  und  der  Judas,  also  die  zwei  allergroftten  Gegen- 
satze;  die  konne  man  nicht  in  einem  Jahre  malen,  und  es 
gabe  keine  Modelle  fur  diese  beiden  in  der  Welt,  weder  fur 
den  Judas  noch  fur  den  Christus  Jesus.  Er  wisse  auch  noch 
nicht  -  das  sagte  er,  nachdem  er  jahrelang  an  dem  Bilde 
gemalt  hatte  -,  ob  er  es  iiberhaupt  fertigbringen  werde. 
Und  dann  fiigte  er  hinzu:  wenn  sich  schlie£lich  gar  kein  Mo- 
dell  fande  fiir  den  Judas,  so  konne  er  ja  noch  immer  den 


Prior  dafiir  nehmen!  So  war  also  das  Bild  auflerordentlich 
schwer  zu  Ende  zu  fiihren.  Aber  Lionardo  wurde  audi  in- 
nerlich  nicht  froh.  Denn  gerade  an  diesem  Bilde  zeigte  es 
sich,  was  in  seiner  Seele  lebte  gegeniiber  dem,  was  er  auf  die 
Wand  hinbringen  konnte. 

Und  hier  bin  idi  genotigt,  eine  geisteswissenschaftliche 
Hypothese  vorzubringen,  zu  weldier  derjenige  kommen 
kann,  der  sich  in  alles  vertiefl,  was  man  nach  und  nach  iiber 
das  Bild  wissen  kann.  Diese  Hypothese  ergab  sich  mir,  als 
ich  Antwort  zu  gewinnen  versuchte  auf  die  vorhin  auf- 
gestellte  Frage.  Wenn  man  namlich  so  das  Leben  des 
Lionardo  verfolgt,  dann  sagt  man  sich:  in  diesem  Manne 
lebte  so  ungeheuer  vieles,  was  er  nicht  aufierlich  der  Mensch- 
heit  offenbaren  konnte,  wofiir  die  aufieren  Mittel  viel  zu 
ohnmachtig  war  en,  um  es  darzustellen;  sollte  er  ein  Gro£- 
tes,  wie  er  es  im  Abendmahl  zweifellos  wollte,  wirklich  so 
ohne  weiteres  zu  seiner  Befriedigung  in  diesem  Werke  haben 
hinmalen  konnen?  Diese  Frage  ergibt  sich  ganz  selbstver- 
standlich.  Wenn  man  sieht,  wie  er  immer  wieder  und  wie- 
der  Geheimnis  nach  Geheimnis  durch  seine  Studien  zu  er- 
forschen  gesucht  hat,  um  irgend  etwas  zustandezubringen 
und  es  schliefilich  doch  nicht  zustandebrachte,  dann  kommt 
man  zu  einer  solchen  Frage.  Dann  ergibt  sich  fast  von  selbst 
die  Antwort:  wenn  Lionardo  auf  der  einen  Seite  das  Reiter- 
standbild,  das  er  zu  einem  Wunderwerke  der  plastischen 
Kunst  hat  machen  wollen,  nur  bis  zum  Modell  gebracht  hat, 
das  verlorengegangen  ist,  und  er  den  Guft  des  Reiterstand- 
bildes  selbst  uberhaupt  niemals  in  Angriff  nahm,  wenn  er 
also  nach  sechzehnjahriger  Arbeit  unverrichteter  Dinge  von 
diesem  Reiterstandbilde  vollstandig  Abschied  genommen 
hat,  wie  ging  er  dann  wohl  von  diesem  «Abendmahl»  weg? 
Man  hat  das  Gefiihl,  er  ging  unbefriedigt  von  diesem 
Abendmahl  weg!  Wenn  man  audi  heute  von  diesem  Bilde 


nur  nodi  eine  Ruine,  nur  noch  ineinanderfliefiende  feuchte 
Farbeniflecke  vor  sich  hat,  und  wenn  man  audi  schon  seit 
langem  nidits  mehr  sah  von  dem,  was  Lionardo  einst  dort 
auf  die  Wand  gemalt  hat,  so  darf  man  vielleicht  doch  be- 
haupten,  was  er  auf  die  Wand  gemalt  hat,  konnte  nicht  im 
entferntesten  das  darstellen,  was  davon  in  seiner  Seele  ge- 
lebt  hat. 

Um  einen  solchen  Eindruck  zu  bekommen,  mufi  man 
allerdings  das  Verschiedenste  zusammenhalten,  was  man 
an  Eindriicken  gegeniiber  dem  Bilde  bekommen  kann.  Aber 
es  gibt  audi  einige  aufiere  Griinde.  Unter  all  den  Schriften, 
die  von  Lionardo  erhalten  sind,  gibt  es  audi  einen  wunder- 
baren  «Traktat  iiber  die  Malerei».  Die  Malerei  wird  ihrem 
Wesen  nach  als  Kunst  dargestellt,  wie  sie  zu  arbeiten  hat 
entsprechend  der  Perspektive  und  aus  der  Farbengebung 
heraus;  es  wird  dargestellt,  wie  sie  der  Auffassung  nach  zu 
arbeiten  hat.  Dieses  Buch  von  Lionardo  iiber  die  Malerei 
ist,  trotzdem  wir  es  auch  nur  wie  einen  Torso  vor  uns  haben, 
ein  wunderbares  Werk,  wie  ein  gleiches  wohl  nie  in  der 
Welt  verfafit  worden  ist.  Die  Prinzipien  der  malerischen 
Kunst  sind  darin  so  dargestellt,  wie  sie  nur  der  hochste 
Genius  darstellen  konnte.  Wunderbar  ist  zum  Beispiel  zu 
lesen,  wie  Lionardo  zeigt,  in  welcher  Weise  man  bei  einer 
Schlacht  die  Pferde  darzustellen  hat,  iiberhaupt  den  bestia- 
lischen  Eindruck  und  doch  das  Grandiose,  das  durch  die 
Schilderung  einer  Schlacht  zur  Anschauung  kommen  soli. 
Kurz,  dieses  Werk  zeigt  uns  alle  Grofie  Lionardos  und,  wir 
diirfen  sagen,  auch  alle  Ohnmacht  Lionardos.  Davon  wird 
noch  zu  sprechen  sein.  Aber  vor  alien  Dingen  verrat  es,  wie 
er  iiberall  darauf  bedacht  war,  fur  seine  malerische  Dar- 
stellung  die  Art  zu  studieren,  wie  sich  die  Wirklichkeit  dem 
menschlichen  Auge  darbietet.  Das  Hell-Dunkel,  die  Farben- 
gebung, das  alles  ist  in  diesem  Werke  Lionardos  iiber  die 


Malerei  genial  dargestellt,  wie  es  in  der  Malerei  zu  verwer- 
ten  ist.  Und  wenn  wir  in  Lionardos  Seele  die  Gewissens- 
sehnsucht  zu  bestatigen  hatten,  niemals,  audi  nicht  in  der 
geringsten  Kleinigkeit  gegen  das  zu  verstofien,  was  er  —  wie 
wir  an  anderer  Stelle  noch  sehen  werden  -  so  hoch  schatzt 
wie  die  Wahrheit,  wenn  wir  zeigen  wollten,  wie  das  in 
seiner  Seele  gelebt  hat,  dann  konnten  wir  sagen,  es  tritt 
das  in  dem  Traktat  von  der  Malerei  iiberall  hervor,  nie- 
mals gegen  die  Wahrheit  des  Eindruckes  zu  verstoften,  aber 
so  niemals  zu  verstofien,  da£  dieser  Eindruck  iiberall  ge- 
rechtfertigt  ist  gegeniiber  den  inneren  Geheimnissen  der 
Natur. 

Wenn  wir  sein  «Abendmahl»  auf  uns  wirken  lassen,  so 
gibt  es  zwei  Dinge,  gegeniiber  denen  man  sich  sagt,  man 
kommt  mit  ihnen  nicht  zurecht  im  Hinblick  auf  die  Forde- 
rungen  Lionardos  gegeniiber  der  Malerei.  Das  eine  ist  die 
Judasfigur.  An  den  Nachbildungen  und  audi  gewissermaften 
noch  an  dem  schattenhaften  Bild  der  Malerei  in  Mailand 
hat  man  den  Eindruck:  der  Judas  ist  ja  ganz  mit  Schatten 
bedeckt,  ist  ganz  dunkel.  Nun  studiere  man,  wie  das  Licht 
von  den  verschiedenen  Seiten  einfallt,  und  wie  iiberall  bei 
den  elf  anderen  Jungern  die  Beleuchtungsverhaltnisse  in 
der  wunderbarsten  Weise  der  Wahrheit  gemafi  dargestellt 
sind.  Nichts  erklart  uns  recht  das  Dunkel  auf  dem  Gesichte 
des  Judas!  Wir  bekommen  nach  den  au£eren  Lichtverhalt- 
nissen  keine  befriedigende  Antwort  auf  das  Warum  die- 
ser Dunkelheit.  Und  wenn  man  an  die  Christus-Jesus-Ge- 
stalt  herankommt,  so  kann  sich  fur  das  aufiere  Anschauen, 
wenn  man  nicht  geisteswissenschaftlich  vorgeht,  eigentlich 
nur  etwas  wie  eine  Ahnung  ergeben.  Denn  ebensowenig  wie 
die  Schwarze,  das  Dunkel  bei  der  Judasfigur  berechtigt  ist, 
ebensowenig  scheint  das  Sonnenhafte  der  Christus-Gestalt, 
das  Heraustreten  aus  den  anderen  Figuren  im  angedeuteten 


Sinne  berechtigt  zu  sein.  Alle  anderen  Antlitze  verstehen 
wir  aus  den  Beleuchtungen,  nicht  das  des  Judas  und  nicht 
das  Christus- Jesus- Antlitz. 

Geht  man  aber  geisteswissenschaftlich  vor,  dann  baut  sich 
wie  von  selbst  in  unserer  Seele  der  Gedanke  auf :  der  Maler 
hat  wohl  dahin  gestrebt,  wahrmachen  zu  konnen,  dafi  in 
diesen  beiden  Gegensatzen  « Jesus »  und  « Judas »  Licht  und 
Finsternis  nidit  von  auiSen,  sondern  kmerlich  motiviert  uns 
entgegentreten.  Er  hat  vielleicht  wahrmachen  wollen,  dafi 
dieses  Christus-Antlitz  so  vor  uns  steht,  dafi  wir  es  durch  die 
aufieren  Lichtverhaltnisse  wohl  unmotiviert  finden  in  aufie- 
rer  Art,  dafi  wir  aber  dennoch  glauben  konnen:  diese  Seele, 
die  hinter  diesem  Antlitze  ist,  verleiht  durch  sich  diesem 
Antlitze  eine  Leuchtkrafl,  und  dieses  Antlitz  darf  leuchten 
im  Widerspruche  mit  den  Lichtverhaltnissen.  Und  ebenso 
kann  man  dem  Judas  gegeniiber  den  Eindruck  bekommen: 
diese  Gestalt  darf  gewissermaften  auf  sich  selber  einen 
Schatten  hinzaubern,  der  durch  nichts  gerechtfertigt  ist, 
was  von  ringsherum  an  Schatten  geworfen  wird. 

Es  ist,  wie  gesagt,  eine  geisteswissenschaftliche  Hypothese, 
aber  eine  solche,  die  sichmir  in  vielen  Jahren  herausgearbeitet 
hat,  eine  Hypothese,  von  der  man  glauben  kann,  dafi  sie 
sich  um  so  mehr  bestatigen  wird,  je  weiter  man  sich  in  das 
ganze  Problem  hineinleben  wird.  Man  kann  es  nach  dieser 
Hypothese  verstehen,  wie  Lionardo,  der  iiberall  in  seinen 
Werken  und  Studien  die  Naturwahrheit  anstrebte,  mit  zit- 
terndem  Pinsel  arbeitete,  um  ein  Problem  darzustellen,  das 
jeweils  nur  an  dieser  einzelnen  Gestalt  gerechtfertigt  sein 
konnte.  Und  dann  kann  man  verstehen,  da£  Lionardo  wohl 
bitter  enttauscht  sein  mochte,  ganz  unzweifelhaft,  weil  es 
durch  die  Mittel  der  damaligen  Darstellungskunst  unmog- 
lich  war,  mit  voller  Wahrhaftigkeit  und  Wahrscheinlichkeit 
dieses  Problem  zum  Ausdruck  zubringen,  weil  er  noch  nicht 


konnte,  was  er  wollte  und  schliefiiich  an  der  Moglichkeit 
der  Ausfuhrung  verzweifelte  und  so  ein  Bild  hinterlassen 
mu£te,  welches  ihn  doch  nicht  befriedigte. 

Dann  beantwortet  man  sich  so  ganz  im  Einklange  mit 
der  ganzen  Gestalt  und  mit  der  ganzen  geistigen  Grofie  des 
Lionardo  die  aufgeworf  ene  Empfindungsfrage:  Ja,  mit  dem 
bitteren  Gefuhl,  daft  er  sich  an  seinem  bedeutendsten  Werke 
eine  Aufgabe  gesetzt  hatte,  deren  Ausfuhrung  ihn  nach 
den  den  Menschen  zuganglichen  Mitteln  nicht  befriedigen 
konnte,  ging  wohl  Lionardo  von  diesem  Bilde  hinweg;  und 
wenn  audi  kein  Auge  in  spateren  Jahrhunderten  das  sehen 
wird,  was  Lionardo  in  Mailand  an  die  Wand  gezaubert 
hatte,  so  war  es  doch  auch  seinerzeit  ganz  gewifi  nicht  das, 
was  in  seiner  Seele  gelebt  hat.  Ja,  wenn  man  ihn  so  gegen- 
iiber  seiner  bedeutendsten  Schopfung  ansieht,  dann  ist  man 
erst  recht  versucht,  sich  zu  fragen:  Welches  Geheimnis  ver- 
birgt  sich  eigentlich  hinter  dieser  Gestalt? 

Als  hier  vor  vierzehn  Tagen  die  Personlichkeit  Raffaels 
betrachtet  worden  ist,  da  wurde  zu  zeigen  versucht,  wie 
man  eine  solche  Personlichkeit  ganz  anders  verstehen  kann, 
wenn  man  sich  auf  geisteswissenschaftliche  Untergriinde 
stutzt,  wenn  man  sich  dariiber  klar  ist,  da£  die  Menschen- 
seele  etwas  ist,  was  in  vielen  Erdenleben  immer  wieder- 
kehrt,  so  dafi  eine  Seele,  die  in  ein  gewisses  Zeitalter  hin- 
eingeboren  ist,  eben  nicht  dieses  eine  Leben  nur  lebt,  son- 
dern  in  der  ganzen  Anlage  und  in  der  ganzen  Art  der 
Entwicklung  sich  die  Anlagen  aus  friiheren  Erdenleben  mit- 
bringt  und  nun  mit  dem,  was  sie  als  Anlage  aus  friiheren 
Erdenleben  in  das  jetzige  hereintragt,  sich  demjenigen  ge- 
geniibergestellt  findet,  was  die  geistige  Umgebung  hergibt. 
Wenn  man  so  die  Seele  betrachtet,  erkennend,  da£  sie  mit 
einem  inneren  geistigen  Gut  ins  Dasein  tritt,  das  aus  wie- 
derholten  Erdenleben  stammt,  und  wenn  man  dazunimmt, 


dafi  die  ganze  Entwicklung  sinnvoll  und  weisheitsvoll  er- 
scheint,  wenn  man  voraussetzt,  dafi  nicht  zufallig  etwas  in 
gewissen  Epochen  auftritt,  sondern  regelmafiig  und  gesetz- 
maflig,  wie  die  Bliite  der  Pflanze  nach  den  griinen  Blattern 
erscheint,  wenn  man  also  weisheitsvolle  Gestaltung  im 
gesdiichtlichen  Werden  der  Mensdiheit  annimmt  und  dann 
die  Menschenseele  immer  wieder  und  wieder  zuriickkehren 
sieht  aus  geistigen  Regionen,  dann  erst  werden  die  einzel- 
nen  Gestalten  erklarbar.  Aber  was  an  dem  einzelnen  Men- 
sdienleben  zu  studieren  ist,  das  enthiillt  sich  ganz  besonders, 
wenn  man  solche  aus  der  Mittelmafligkeit  herausfallende 
Mensdienseelen  ins  Auge  fafit.  Wenn  man  Lionardo  so  be- 
trachtet,  wie  wir  die  einzelnen  Momente  seines  Lebens 
nur  skizzenma  fiig  zusammenzuf  assen  versucliten,  dann  kann 
man  immer  wieder  und  wieder  hingefuhrt  werden  zu  dem 
Hintergrunde,  von  dem  diese  Seele  sich  abhebt.  Und  dieser 
Hintergrund  ist  die  Zeit,  in  welche  diese  Seele  hineinge- 
stellt  ist  vom  Jahre  1452  bis  zum  Jahre  1519. 

Was  ist  das  fur  eine  Zeit?  Das  ist  die  Zeit  vor  dem  Auf- 
bliihen  der  neueren  naturwissensdiaftlichen  Weltbetrach- 
tung.  Es  ist  die  Zeit,  bevor  die  Weltanschauung  des  Koper- 
nikus  gekommen  ist,  bevor  Giordano  Bruno 3  Kepler,  Galilei 
gewirkt  haben.  Wie  betrachten  wir  geisteswissenschafllich 
diese  Zeit? 

Wir  haben  wiederholt  darauf  aufmerksam  gemacht,  dafi 
je  weiter  wir  im  Laufe  der  Menschheitsentwickelung  zu- 
riickkommen,  desto  anders  das  ganze  menschliche  Anschauen 
und  das  menschliche  Zusammenleben  mit  der  Umgebung 
wird.  In  uralten  Zeiten  der  Menschheitsentwickelung  finden 
wir  in  jeder  Seele  eine  Art  von  Hellsehen,  wodurch  die 
Seelen  in  gewissen  Zwischenzustanden  zwischen  Schlafen 
und  Wachen  in  die  geistige  Welt  hineinschauten.  Dieses  ur- 
spriingliche  Hellsehen  verliert  sich  im  Laufe  der  Zeit,  aber 


bis  in  die  Zeiten  des  funfzehnten  Jahrhunderts  hinein  blieb 
dennodi  aus  den  alteren  Zeiten  ein  Rest  dieses  Hellsehens. 
Nicht  das  Hellsehen  selber,  das  war  schon  lange  abhanden 
gekommen;  was  aber  geblieben  war,  das  war  ein  Gefuhl 
von  dem  Verbundensein  der  Menschenseele  mit  dem  gei- 
stigenHintergrunde  der  Welt.  Was  einst  die  Seelen  geschaut 
hatten,  das  fiihlten  sie  weiter,  und  obzwar  dieses  Fiihlen 
schon  schwach  geworden  war,  so  empfanden  die  Seelen  den- 
noch,  dafi  sie  in  ihrem  Mittelpunkte  zusammenhingen  mit 
dem  Geistigen,  das  die  Welt  durchlebt  und  durchwebt,  so 
wie  dasjenige  was  die  physischen  Vorgange  im  Menschen- 
leibe  sind,  physisch  zusammenhangt  mit  dem  physischen 
Geschehen  der  Welt. 

Es  gehort  nun  zu  den  Gesetzmafiigkeiten  der  Entwick- 
lung,  dafi  das  alte  Zusammengehen  der  Menschenseele  mit 
der  geistigen  Welt  f  iir  eine  Weile  abhanden  kommen  muftte. 
Niemals  hatte  die  neuere  Naturwissenschaft  erbliihen  kon- 
nen,  wenn  das  alte  Hellsehen  geblieben  ware.  Es  mufite 
diese  ganze  alte  Art  des  Anschauens  verlorengehen,  damit 
sich  die  Seelen  hinwendeten  zu  dem,  was  sich  den  Sinnen 
darbietet  und  was  durch  den  Verstand,  der  an  das  Gehirn 
gebunden  ist,  wissenschafllich  ergrundet  werden  kann.  Nur 
dadurch  war  jene  naturwissenschaftliche  Weltanschauung 
moglich,  die  sich  seit  den  Zeiten  des  Lionardo  bis  heute 
herausgebildet  hat,  dafi  das  alte  geistige  Anschauen  der 
Menschheit  abhanden  gekommen  war,  und  dafi  sich  der 
Mensch  «objektiv»,  wie  man  sagt,  «gegenstandlich»  zu  der 
aufieren  sinnlichen  Anschauung  hinneigte  und  zu  dem,  was 
der  Verstand  in  der  Sinnesanschauung  erfassen  kann. 

Heute  stehen  wir  wieder  an  einem  neuen  Wendepunkte, 
an  dem  Wendepunkte  zu  jener  Zeit,  in  welcher  es  dem 
Menschen  durch  die  moderne  Geisteswissenschafi:  wieder 
moglich  ist,  zu  einem  geistigen  Anschauen  der  Dinge  zu 


kommen.  Denn  die  naturwissenschaftliche  Entwicklung  hat 
eine  doppelte  Bedeutung.  Einmal  sollte  sie  der  Menschheit 
ein  gewisses  naturwissenschaftliches  Gut  uberliefern.  Dieses 
hat  sich  im  Lauf e  der  Jahrhunderte  seit  dem  Auftreten  von 
Kopernikus,  Kepler  und  so  weiter,  seit  die  Naturwissen- 
schaft von  Triumph  zu  Triumph  geschritten  ist,  in  wunder- 
barer  Weise  in  das  praktische  und  theoretische  Leben  ein- 
gelebt.  Das  ist  das  eine,  was  durch  die  Naturwissenschaft  in 
den  letzten  Jahrhunderten  seit  der  Zeit  Lionardos  erobert 
worden  ist.  Das  andere  ist  das,  was  nicht  auf  einmal  kom- 
men konnte,  sondern  was  erst  in  unserer  Zeit  moglich  ge- 
worden  ist.  Denn  nicht  nur,  dafi  man  der  Naturwissen- 
schaft das  verdankt,  was  man  durch  die  kopernikanische 
Weltanschauung,  durch  die  Beobachtungen  und  Untersu- 
chungen  Keplers  und  Galileis,  was  man  durch  die  moderne 
Spektralanalyse  und  so  weiter  erfahren  hat,  sondern  man 
verdankt  ihr  auch  eine  gewisse  Erziehung  der  Menschen- 
seele. 

Zunachst  richtete  die  Menschenseele  den  Blick  hinaus  auf 
die  Sinneswelt;  dadurch  bildete  sich  die  Naturwissenschaft 
aus.  Aber  durch  die  Naturwissenschaft  bildeten  sich  neue 
Ideen,  neue  Begriffe  aus.  Und  wo  die  Naturwissenschaft 
Allergrofites  geleistet  hat,  da  ist  sie  nicht  durch  die  sinn- 
liche  Anschauung  grofi  geworden,  sondern  durch  etwas  ganz 
anderes.  Es  ist  bereits  darauf  hingewiesen  worden.  Gerade 
auf  einem  bestimmten  Gebiete  hat  man  sich  in  der  Zeit  vor 
Kopernikus  auf  das  sinnliche  Anschauen  verlassen.  Was  hat 
es  ergeben?  Man  hatte  geglaubt,  dafi  die  Erde  im  Welten- 
raume  stille  stehe,  und  dafi  sich  die  Sonne  und  die  iibrigen 
Planeten  um  sie  herumbewegten.  Dann  kam  Kopernikus, 
der  den  Mut  hatte,  sich  nicht  auf  das  sinnliche  Anschauen  zu 
verlassen.  Er  hat  den  Mut  gehabt,  zu  sagen,  dafi,  wenn  man 
sich  auf  die  Sinnesanschauung  verlafit,  man  keine  einzige 


empirische  Entdeckung  macht,  dafiman  aber  zu  empirischen 
Entdeckungen  kommt,  wenn  man  In  einer  strengen  Weise 
alles  zusammen  denkt,  was  man  vorher  beobachtet  hat.  In 
seinen  Fufkapfen  sind  dann  die  Menschen  weitergeschrit- 
ten,  und  es  ist  durchaus  ein  Verkennen  der  Sachlage,  wenn 
man  glauben  wollte,  die  Naturwissenschaft  sei  dadurch  zu 
ihrer  heutigen  Hohe  gelangt,  dafi  die  Menschheit  sidi  nur 
auf  die  Sinne  verlassen  hat. 

Aber  was  durch  die  Naturwissenschaft  in  die  Menschheit 
gekommen  ist,  das  hat  sich  auch  den  Seelen  eingepragt;  die 
Ideen  der  Naturwissenschaft  leben  in  unseren  Seelen,  haben 
unsere  Seelen  erzogen.  Die  Naturwissenschaften  sind  neben 
dem,  was  sie  als  Inhalt  gegeben  haben,  auch  ein  Erziehungs- 
mittel  fur  die  Seelen  gewesen,  und  heute  sind,  indem  die 
naturwissenschaftlichen  Ideen  wirklich  in  der  Seele  nicht  nur 
gedacht,  sondern  gelebt  werden,  die  Seelen  dazu  reif  ge- 
worden,  ganz  von  selbst  in  die  Geisteswissenschaft  hinein- 
getrieben  zu  werden.  Dazu  mufite  aber  die  Menschheit  erst 
reif  werden.  Dazu  mufiten  die  Jahrhunderte  seit  der  Zeit 
Lionardos  verfliefien. 

Jetzt  betrachten  wir  Lionardo.  Er  kommt  in  seine  Zeit 
hinein  mit  einer  Seele,  die  in  einem  friiheren  Dasein  zu 
jenen  Eingeweihten  gehort  hat,  die  in  der  alten  Art  sich 
zu  den  Geheimnissen  des  Weltanschauens  erhoben  hatten. 
Das  konnte  er  in  der  Zeit,  als  er  im  fiinfzehnten  Jahrhun- 
dert  geboren  wurde,  nicht  ausleben.  Denn  man  kann  in 
friiheren  Verkorperungen  nach  der  Art,  wie  es  diese  frii- 
heren Erdenleben  moglich  machten,  sich  in  grolter,  gewal- 
tiger  Weise  in  die  Weltengeheimnisse  eingelebt  haben;  wie 
man  sie  in  einem  neuen  Dasein  ins  Bewulksein  hereinbringt, 
das  hangt  von  der  aufieren  Leiblichkeit  ab.  Ein  Leib  des 
fiinfzehnten  Jahrhunderts  konnte  nicht  das  an  inneren  Ge- 
danken,  an  inneren  Empfindungen  und  an  innerer  Gestal- 


tungskraft  zum  Ausdruck  bringen,  was  Lionardo  in  f riiheren 
Daseinsstufen  in  sich  aufgenommen  hatte.  Was  er  von  fru- 
her  hatte,  das  wirkte  nur  als  Kraft,  aber  er  war  unmittelbar 
in  dem  Zeitalter  vor  dem  Aufbliihen  der  Naturwissen- 
schaflen  in  einen  Leib  hineingebannt,  fiihlte  sich  iiberall 
beengt.  Es  kam  die  Zeit  heran,  ihre  Morgenrote  war  schon 
da,  in  der  man  blofi  hinausschauen  wollte  mit  den  Sinnen 
in  die  Welt  des  sinnlichen  Daseins  und  nur  mit  dem  Ver- 
stande  denken  wollte,  der  an  das  Instrument  des  Gehirnes 
gebunden  ist.  Lionardo  drangte  es  iiberall  nach  dem  Geiste, 
denn  das  hatte  er  sich  aus  f  riiheren  Leben  mitgebracht.  Und 
in  grandioser  Weise  drangte  es  ihn  nach  dem  Geiste. 

Sehen  wir  ihn  jetzt  zunachst  alsKiinstler  an.  Ganz  anders 
ist  die  Kunst  geworden  in  der  Zeit,  da  Lionardo  gelebt 
hat,  als  etwa  in  der  Griechenzeit.  Versuchen  wir  einmal, 
uns  in  das  Schaffen  zum  Beispiel  einer  plastischen  Gestalt 
bei  einem  griechischen  Kunstler  zu  versetzen.  Was  fur  eine 
Empfindung  bekommen  wir,  selbst  noch  dann,  wenn  wir 
zum  Beispiel  die  Mark-Aurel-Statue  in  Rom  ansehen?  Nie- 
mals  wiirden  die,  welche  so  etwas  geschaffen  haben,  in 
der  Weise  wie  etwa  Michelangelo  oder  Lionardo  in  den 
Einzelheiten  Studien  gemacht  haben,  derartiges  in  den  ein- 
zelnen  Formen  nach  einem  aufieren  Modell  nachgebildet 
haben.  Das  wunderbare  Pferd  der  Mark-Aurel-Statue  ist 
ganz  gewifi  nicht  so  studiert  worden,  wie  Lionardo  sein 
Pferd  zu  der  Reiterstatue  des  Francesco  Sforza  hat  studie- 
ren  konnen.  Und  dennoch,  wie  lebendig  stehen  die  alten 
Statuen  vor  uns!  Woher  kommt  das?  Das  kommt  daher, 
weil  sich  die  Menschenseelen  in  den  griechischen  Zeiten  un- 
mittelbar als  Schopfer  ihres  Leibes  fiihlten,  weil  sie  sich 
mit  den  Seelenkraflen  aller  Welt  eins  fiihlten.  In  jenen 
Zeiten  der  griechischen  Kunst  fiihlte  man  zum  Beispiel  an 
einem  Arme  alle  die  Krafte,  welche  den  Arm  formten.  Man 


fiihlte  sidi  hinein  in  das  selbstandige  Innensein  der  eigenen 
Gestalt.  Man  schaute  die  Gestalten  nicht  von  aufien  an, 
sondern  sdiuf  von  innen  wissend,  indem  man  sich  der 
gestaltbildenden  Kraft  nodi  bewufit  war.  Das  kann  man 
selbst  nodi  im  Aufieren  nadiweisen.  Man  sehe  sich  die  grie- 
diisdien  Frauengestalten  an:  sie  sind  alle  unmittelbar  emp- 
funden.  Daher  sind  sie  alle  in  dem  Lebensalter  dargestellt, 
in  welchem  ein  aufwarts  gehendes  Wachstum  vorhanden 
ist.  Da  fuhlen  wir  uberall,  daiS  der  Kunstler  der  Natur 
nachgeschaffen  hat,  weil  er  innerhalb  des  Geistes  der  Natur 
stand,  sich  in  seiner  Seele  mit  dem  Geiste  der  Natur  ver- 
bunden  fiihlte. 

Dieses  Sich-verbunden-Fuhlen  mit  dem  Geist,  der  durch 
die  Dinge  webt  und  lebt,  sollte  in  dem  Zeitalter  Lionardos 
verlorengehen,  und  es  mufite  verlorengehen,  weil  sonst  die 
ganze  neue  Zeit  nicht  hatte  kommen  konnen.  Das  ist  nicht 
eine  Kritik  der  Zeit,  sondern  eine  Darstellung  des  Sinnes 
der  Tatsachen. 

Sehen  wir  nun,  wie  Lionardo  zu  Werke  geht,  wenn  er 
die  Bewegungen  der  Hand,  der  einzelnen  Teile  eines  Tieres 
oder  die  menschliche  Physiognomie  studiert!  So  geht  er  vor, 
dafi  er  in  der  Seele  ein  inneres  Wissen,  ein  inneres  Erleben 
hat,  das  aber  nicht  zum  Bewufitsein  kommt.  Es  ist  etwas, 
was  da  lebendig  an  diesen  Gestalten  schafFt,  aber  Lionardo 
kann  es  nicht  von  innen  f assen.  Er  fuhlt  sich  wie  abgetrennt 
davon,  von  diesem  Von-innen-Erf assen.  Und  nun  ist  ihm 
nichts  genug.  Nun  steht  er  da  —  denn  die  neuere  natur- 
wissenschaftliche  Weltanschauung  istnoch  nicht  vorhanden - 
in  Erwartung  dieser  naturwissenschaftlichen  Weltanschau- 
ung; aber  er  kann  sie  noch  nicht  selber  haben.  Nehmen  wir 
seine  Schriften:  Auf  jeder  Seite  springen  Dinge  her  vor, 
welche  die  Menschen  im  Laufe  der  nachsten  drei  Jahrhun- 
derte  erstwieder  finden  und  manchmal  selbst  bis  heute  noch 


nicht  gefunden  haben.  Lionardo  hatte  die  wunderbarsten 
Ideen,  die  zu  seiner  Zeit  oft  gar  keine  Wirkung  gehabt 
haben.  Wir  finden  sie  in  seinen  Werken,  audi  in  seinem 
kunstlerischen  Schaff  en. 

So  empfinden  wir  bei  ihm  die  Ohnmacht,  mit  der  eine 
Seele  auftreten  mufite  in  einem  Zekalter,  das  zu  Ende  ging 
fur  die  alte  Art  der  Weltauffassung,  und  dem  die  neue 
Weltauffassung  nodi  nicht  heraufgekommen  war.  Diese 
neue  Weltauffassung  brachte  es  aller dings  mit  sich,  dafi  sie 
das  gesamte  menschliche  Anschauen  in  ein  Anschauen  der 
Einzelheiten  zerspHtterte.  Wir  sehen  heraufkommen  eine 
Spezialisierung  der  einzelnen  Wirkenszweige.  Bei  Lionardo 
ersdieint  nodi  alles  vereinigt.  Er  ist  zugleich  umfassender 
Maler,  umfassender  Musiker,  umfassender  Philosoph,  um- 
fassender Techniker.  Er  hat  dies  in  sich  vereinigt,  weil  seine 
Seele  aus  der  alten  Zeit  mit  grofien  Fahigkeiten  heriiber- 
kommt  und  nun  in  der  neuen  Zeit  iiberall  «tippen»  kann 
an  die  Dinge,  aber  nicht  hinein  kann.  Und  so  ersdieint 
dann,  menschlich  gesehen,  Lionardo  wie  eine  tragische  Ge- 
stalt,  ersdieint  aber,  von  einem  hoheren  Gesichtspunkte  aus 
gesehen,  ungeheuer  bedeutungsvoll  am  Wendepunkte  zu 
einer  neueren  Zeit. 

Das  kann  man  selbst  sehen,  wenn  man  durchgeht,  was 
Lionardo  weiter  geschaflen  hat.  Er  hat  da  die  bedeutend- 
sten  Dinge  nur  bis  zu  einem  gewissen  Punkte  gebracht; 
dann  haben  seine  Schiller  daran  gearbeitet.  Und  selbst  an 
solchen  Dingen  wie  dem  « Johannes »  oder  der  «Mona  Lisa» 
im  Louvre  in  Paris  sehen  wir,  wie  sie  durch  die  technische 
Behandlungsart  so  hergestellt  waren,  dafi  sie  bald  ihren 
Glanz  verlieren  mufiten.  Dann  sehen  wir  aber  iiberall  audi, 
wie  eigentlich  Lionardo  sich  selber  nirgends  genugtun 
konnte.  Es  ist  nicht  moglich,  ohne  die  Bilder  zur  Hand  zu 
haben,  uber  die  Einzelheiten  von  Lionardos  Malereien  zu 


sprechen.  Vertieft  man  sich  in  sie,  so  zeigt  sidi  iiberall,  wie 
Lionardo  als  Kiinstler  an  Grenzen  kam,  iiber  die  er  nicht 
hmauskonnte,  und  wie  iiberall  das,  was  in  seiner  Seele 
lebte,  tiberhaupt  nicht  einmal  bis  zu  dem  Punkt  kommen 
konnte,  wo  es  vom  seelischen  Erleben  ins  Bewufitsein  her- 
aufleuchtet,  wie  es  aus  jenem  Stadium  des  seelischen  Er- 
lebens  in  einem  Momente  so  aufleuchtet,  dafi  man  auf- 
jauchzt,  und  wieder  in  Schmerz  versinken  mochte,  weil  es 
nicht  zum  deutlichen  Bewufitsein  kam.  Nicht  einmal  das 
trat  fur  Lionardo  ein. 

Wir  folgen  eigentlich  Lionardo  mit  recht  bitteren  Ge- 
fiihlen,  wenn  wir  sehen,  wie  er  zuletzt  von  Franz  I.  von 
Frankreich  fiir  die  drei  letzten  Lebensjahre  geholt  wird 
und  in  dem  Wohnskz,  den  ihm  Franz  I.  angewiesen  hat, 
in  geistiger  Betrachtung,  in  die  Geheimnisse  des  Daseins 
vertieft,  diese  Jahre  verbringt.  Denn  er  tritt  uns  da  entgegen 
als  der  einsame  Mann,  der  eigentlich  mit  der  Welt,  die  ihn 
umgibt,  nichts  Rechtes  mehr  gemeinsam  haben  kann,  und 
der  einen  ungeheuern  Kontrast  empflnden  mufite  zwischen 
dem,  was  er  als  die  Urgriinde  des  Daseins  empfand,  die 
durch  die  Kunst  Gestalt  annehmen  konnen,  und  dem,  was 
er  doch  nur  fragmentarisch  der  Welt  hat  geben  konnen. 

Wenn  man  die  Dinge  so  nimmt,  dann  sieht  man  auf 
Lionardo  hin  und  sagt  sich:  Eine  Seele  ist  da,  in  der  geht 
vieles  vor.  Vieles,  unendlich  vieles  geht  in  ihr  vor.  Er- 
schutternd  ist  der  Eindruck,  den  sie  auf  den  Betrachter 
macht,  wenn  man  sich  vorstellt,  was  dem  Menschheitspro- 
zesse  von  dieser  Seele  iibergeben  wird.  Was  sich  dem  Mensch- 
heitsprozesse  von  dieser  Seele  auch  aufierlich  offenbart,  so- 
gar  schon  beim  Tode  Lionardos,  wie  ist  das  geringftigig 
gegeniiber  dem,  was  in  dieser  Seele  lebte!  Wie  stehen  wir 
da  vor  der  Ukonomie  des  Daseins,  wenn  wir  der  Anschau- 
ung  huldigen  sollten,  dafi  sich  das  Menschendasein  in  dem- 


jenigen  erschopft,  was  nur  aufierlich  zum  Dasein  kommt? 
Wie  sinn-  und  zwecklos  ersdieint  das  Leben  einer  solchen 
Seele  wie  der  Lionardos,  wenn  wir  sehen,  was  in  ihr  vor 
sich  gegangen  ist,  und  was  sie  wegen  dieses  Vorsichgehens 
leiden  und  dulden  konnte,  und  wenn  wir  es  vergleichen  mit 
dem,  was  sie  dann  der  Welt  hat  geben  konnen?  Welcher 
Kontrast  ergabe  sich,  wenn  wir  sagen  wollten,  diese  Seele 
diirfe  nur  nach  dem  betrachtet  werden,  wie  sie  sich  im 
aufieren  Leben  offenbart  hat!  Nein,  so  konnen  wir  sie  nicht 
betrachten!  Wir  miissen  uns  auf  einen  anderen  Standpunkt 
stellen  und  miissen  sagen:  Was  sie  audi  immer  der  Welt 
gegeben  hat,  was  sie  erlebt  hat,  was  sie  im  Innern  durch- 
gemacht  hat,  das  gehort  einer  anderen  Welt  an,  die  gegen- 
uber  unserer  Welt  eine  ubersinnliche  ist.  Und  solche  Men- 
schen  sind  vor  allem  ein  Beweis  dafiir,  dafi  der  Mensch  mit 
seiner  Seele  im  iibersinnlichen  Dasein  steht,  und  dafi  solche 
Seelen  mit  dem  iibersinnlichen  Dasein  etwas  auszumachen 
haben  und  dafi  nur  ein  «Abfallprodukt»  das  ist,  was  sie 
der  aufieren  Welt  iibergeben  von  dem,  was  sie  im  ganzen 
durchzumachen  haben. 

Erst  dann  kommen  wir  zu  einem  richtigen  Eindruck, 
wenn  wir  zu  dem  Strom,  der  sich  im  aufieren  Menschen- 
geschehen  abspielt,  einen  anderen,  iibersinnlichen  Strom 
hinzufiigen  und  sagen:  Es  geschieht  etwas  parallel  mit  dem 
sinnlichen  Strome,  und  in  dem  Obersinnlichen  sind  solche 
Seelen  eingebettet.  Darin  miissen  sie  leben,  damit  sie  die 
Verbindungsglieder  sind  zwischen  dem  Sinnlichen  und  dem 
Obersinnlichen.  Sinnvoll  erscheint  das  Dasein  soldier  Seelen 
erst,  wenn  wir  ein  iibersinnliches  Dasein  annehmen  konnen, 
in  welches  sie  eingebettet  sind.  So  schauen  wir  wenig  von 
Lionardo,  wenn  wir  auf  sein  aufieres  Schaffen  hinblicken; 
so  bekommen  wir  eine  Anschauung  davon,  dafi  diese  Seele 
noch  etwas  abzumachen  hat  im  iibersinnlichen  Dasein,  und 


sagen  uns  claim:  wir  verstehen!  -  Damit  diese  Seele  in 
ihrem  Gesamtleben,  das  durch  viele  Erdenleben  verlauft, 
immer  der  Menschheit  dieses  oder  jenes  offenbaren  kann, 
muflte  sie  in  jenem  «Lionardo-Dasein»  das  durchmachen, 
dafi  nur  das  wenigste,  was  in  dieser  Seele  war,  zum  aufieren 
Ausdruck  hat  kommen  konnen.  So  sind  solche  Seelen  wie 
die  Lionardo-Seele  selber  rechte  Weltratsel  und  Lebens- 
ratsel,  verkorperte  Weltenratsel. 

Was  Ich  heute  ausfiihren  wollte,  sollte  nicht  in  scharf  ab- 
gezirkelten  Begriffen  hingestellt  werden,  sondern  es  sollte 
einen  Hinweis  darauf  geben,  wie  man  sich  solchen  Seelen 
nahern  kann.  Denn  Geisteswissenschaft  soil  wahrhaftig  nicht 
Theorien  geben!  Geisteswissenschaft  soil  durch  alles,  was 
sie  vermag,  das  ganze  Gefuhls-  und  Empfindungsleben  des 
Menschen  ergreifen  und  soil  selber  Lebenselixier  werden, 
soli  so  Lebenselixier  werden,  dafi  wir  durch  sie  ein  neues 
Verhaltnis  zu  Welt  und  Leben  gewinnen.  Geister  wie  Lio- 
nardo  sind  ganz  besonders  geeignet,  dazu  anzuleiten,  dafi 
dieses  neue  Verhaltnis  zu  Welt  und  Leben,  das  wir  durch 
die  Geisteswissenschaft  gewinnen  konnen,  zur  Welt  komme. 
Wenn  wir  hinschauen  auf  Geister  wie  Lionardo,  so  konnen 
wir  sagen:  Ratselvoll  treten  sie  ins  Dasein,  weil  sie  ein 
Grofieres  auszuleben  haben,  als  ihnen  ihr  Zeitalter  geben 
kann.  Weil  sie  Friiheres  heruberbringen,  treten  Seelen  wie 
Lionardo  nicht  nur  in  unscheinbarem  Stande  ins  Dasein, 
sondern  sogar  so,  wie  Lionardo  ins  Leben  tritt.  Von  einem 
mittelmafiigen  Vater,  und  geboren  von  einer  Mutter,  die 
bald  iiberhaupt  ganz  aus  dem  Gesichtskreis  verschwindet, 
nachdem  sie  das  natiirliche  Kind  geboren  hat,  ward  Lio- 
nardo erzogen  unter  mittelmafiigen  Leuten.  So  sehen  wir 
ihn  ganz  auf  sich  selbst  gestellt  und  das  zum  Ausdruck 
bringend,  was  er  aus  friiheren  Leben  heriibergetragen  hat. 
Gerade  wenn  wir  auf  die  ungiinstigen  Verhaltnisse  seiner 


Geburt  hinsehen,  erkennen  wir,  dafi  sie  nicht  verhinderten, 
den  grofiten  Seeleninhalt  zur  Offenbarung  kommen  zu 
lassen. 

So  sehen  wir  Lionardos  Seele  so  gesund,  so  umfassend, 
dafi  wir  es  nachfiihlen  konnen,  wenn  Goethe  aus  seiner 
groflen  Seele  heraus  sagt:  «Regelmafiig,  schon  gebildet  stand 
er  als  ein  Mustermensch  der  Menschheit  gegeniiber,  und 
wie  des  Auges  Fassungskraft  und  Klarheit  dem  Verstande 
eigentlich  angehort,  so  war  Klarheit  und  Verstandigkeit 
unserm  Kiinstler  vollkommen  zu  eigen.»  Wenn  wir  diese 
Worte  auf  Lionardo  anwenden  wollen  -  und  sie  sind  an- 
wendbar  -,  dann  konnen  wir  sie  anwenden  auf  den  jugend- 
lichen  Lionardo,  der  uns  korperlich  und  geistig  frisch,  voll- 
kommen, schaffensfreudig,  weltenfreudig,  weltensehnsuch- 
tig  zugleich  entgegentritt  -  ein  vollkommener  Mensch,  ein 
Mustermensch,  zum  Eroberer  geboren,  ein  Mensch,  der 
audi  zum  Humor  geboren  ist,  denn  das  hat  er  bei  den  ver- 
schiedensten  Gelegenheiten  seines  Lebens  gezeigt.  Und  dann 
wenden  wir  den  Blick  zu  jener  Zeichnung  hin,  die  als  ein 
Selbstbildnis  gilt  und  gelten  darf,  zu  dem  alten  Manne,  in 
dessen  Gesicht  vieles  Erleben,  vieles  schwere,  schmerzliche 
Erleben  tiefe  Furchen  eingegraben  hat,  dessen  Ziige  um  den 
Mund  herum  uns  die  ganze  Disharmonie  andeuten,  in  der 
wir  endlich  den  einsamen  Mann  sehen,  fern  von  seinem 
Vaterlande,  im  Asyl  bei  dem  Konig  von  Frankreich,  noch 
ringend  mit  dem  Weltendasein,  aber  einsam,  verlassen,  un- 
verstanden,  wenn  auch  geliebt  von  Freunden,  die  es  nicht 
unterlassen  haben,  ihn  zu  begleiten. 

So  tritt  uns  die  Grofie  dieses  Geistes,  die  durchviel  Leiden 
hindurchgeht,  an  Lionardo  ganz  besonders  entgegen,  wie 
sie  sich  hineinbegibt  ih  diesen  Leib,  ihn  erst  vollkommen 
gestaltend  und  ihn  dann,  verbittert,  verlassend.  Wir  schauen 
hinein  in  dieses  Antlitz  und  fiihlen  den  Genius  der  Mensch- 


heit  selber  uns  aus  diesem  Menschenantlitz  en  tgegenschauend. 
Ja,  wir  beginnen  die  Zeit  zu  begreif  en,  die  Zeit  der  Abend- 
rote,  in  der  Lionardo  gelebt  hat,  und  die  Zeit,  in  der 
Kopernikus,  Kepler,  Giordano  Bruno,  Galilei  gelebt  haben, 
mit  denen  eine  neue  Morgenrote  anbridit,  und  wir  schauen 
alle  die  Beschranktheiten  und  Beengungen,  die  Lionardos 
grofie  Seele  erleben  mufite.  Wir  verstehen  das  Zeitalter  und 
verstehen  den  grofkn  Kiinstler,  der  hinter  alien  mensch- 
lichen  Mitteln  steht,  und  der  schliefilich  auch  nur  mit 
menschlichen  Mitteln  arbeiten  kann.  Wir  miissen  unser 
ganzes  menschliches  Verstandnis  hinzubringen  und  blicken 
in  Lionardos  Antlitz  hinein,  nachdem  wir  uns  geisteswissen- 
schaftlich  dazu  vertieft  haben  -  und  die  ganze  Natur  des 
Zeitalters  blickt  uns  aus  diesem  Antlitz  entgegen.  Ja,  aus 
diesen  verbitterten  Gesichtsziigen  blickt  uns  entgegen  der 
sich  zunachst  nach  abwarts  neigende  Menschengeist.  Wir 
miissen  ihn  so  kennenlernen,  damit  wir  wieder  die  ganze 
Grofie  der  Kraft  kennenlernen,  die  vorhanden  sein  mulke, 
damit  ein  Kopernikus,  ein  Kepler,  ein  Galilei,  ein  Giordano 
Bruno  haben  erstehen  konnen. 

Wahrhaftig,  dann  erst  bekommen  wir  die  richtige  Ehr- 
furcht  vor  dem  Gang  und  der  Entwickelung  des  Menschen- 
geistes,  wenn  wir  jene  Tragik,  die  wir  gegeniiber  Giordano 
Brunos  Scheiterhaufen  empfinden,  audi  noch  vertiefen  ler- 
nen  durch  den  Anblick  der  an  dem  vorhergehenden,  nieder- 
gehenden  Zeitalter  ohnmachtig  sich  f  iihlenden  Seele  Lionar- 
dos. Lionardos  Grofie  wird  uns  erst  klar,  wenn  wir  eine 
Ahnung  von  dem  bekommen,  was  er  nicht  vermochte.  Und 
das  hangt  mit  etwas  zusammen,  in  das  wir  zum  Schlufi  die 
heutigen  Betrachtungen  zusammenf  assen  wollen.  Das  hangt 
damit  zusammen,  dafi  die  menschliche  Seele  dochbefriedigt, 
ja,  beseligt  sein  kann  beim  Anblick  der  Unvollkommenheit, 
wenn  auch  am  beseligtsten  nicht  beim  Anblick  der  kleinen, 


sondern  der  grofien  Unvollkommenheit,  beim  Anblick  jenes 
Schaffens,  das  wegen  seiner  Gro&e  an  der  Ausfiihrung  er- 
stirbt.  Denn  in  den  ersterbenden  Kraften  ahnen,  ja  schauen 
wir  zuletzt  die  sich  fiir  die  Zukunft  vorbereitenden  Krafte, 
und  in  der  Abendrote  geht  uns  auf  die  Ahnung  und  die 
HofTnung  der  Morgenrote. 

Immerdar  mufi  unsere  Seele  gegenuber  der  Menscliheits- 
entwickelung  so  empfinden,  dafi  wir  uns  sagen,  alles  Wer- 
den,  es  verlauft  so,  dafi  wir  sehen:  Da,  wo  das  Geschaffene 
zur  Ruine  wird,  da  wissen  wir,  dafi  stets  aus  den  Ruinen 
neues  Leben  bliihen  werde. 


IRRTOMER  DER  GE I STESFORS CHUNG 


Berlin,  6.  Marz  1913 


Wenn  es  schon  auf  alien  Gebieten  des  menschlichen  Strebens 
und  Forschens  von  einer  grofien  Bedeutung  ist,  nicht  nur 
die  Wege  der  Wahrheit,  sondern  audi  die  Quellen  des  Irr- 
tums  zu  kennen,  so  ist  dies  in  ganz  besonderem  Ma£e  der 
Fall  auf  dem  Gebiete,  von  dem  diese  Vortrage  hier  handeln, 
auf  dem  Gebiete  der  Geistesforschung,  der  Geisteswissen- 
schafl.  Auf  diesem  Gebiete  hat  man  es  ja  nicht  blofi  mit 
Irrtumsquellen  zu  tun,  die  man  sich  gewissermafien  aus  dem 
Wege  scharft  durch  Urteil  und  Oberlegung,  sondern  man 
hat  es  zu  tun  mit  Irrtumsquellen,  welche  sich  auf  Schritt 
und  Tritt  bei  der  geistigen  Wahrheitsforschung  finden.  Man 
hat  es  zu  tun  mit  Irrtiimern,  die  auf  dem  Wege  zur  Wahr- 
heit nicht  blofi  zu  widerlegen  sind,  sondern  welche  zu  uber- 
winden,  zu  besiegen  sind.  Und  nur  dadurch,  dafi  man  sie 
kennt,  daf5  man  die  entsprechenden  Erlebnisse  in  ihrem 
Charakter  als  Irrtum  ins  geistige  Auge  f  assen  kann,  ist  man 
imstande,  sich  vor  ihnen  zu  behiiten  und  zu  bewahren.  Es 
ist  nicht  moglich,  auf  diesem  Gebiete  von  einzelnen  Wahr- 
heiten  oder  Irrtiimern  zu  sprechen,  sondern  es  ist  notwen- 
dig,  sich  daruber  klar  zu  werden,  durch  welche  Verrich- 
tungen  der  Seele,  durch  welche  Verirrungen  der  Seele  der 
Mensch  auf  dem  Wege  der  Geistesforschung  in  die  Unwahr- 
heit  hineinverfallen  kann. 

Nun  ist  es  leicht  begreiflich,  dafi  derjenige,  welcher  im 
Sinne  des  in  den  bisherigen  Vortragen  Ausgefuhrten  sich 
hindurchringen  will  zu  den  iibersinnlichen  Welten,  zunachst 


sozusagen  ein  gesundes  Wahmehmungsorgan  braucht,  ge- 
radeso,  wie  wir  auf  dem  Gebiete  der  aufieren  sinnlidien 
Beobachtung  gesunde  Sinne  braudien.  Und  das  zweite  ist, 
dafi  man  aufier  dem  Wahrnehmungsorgan  eine  entsprechende 
Ausbildung,  eine  vollstandige  Ausbildung  und  Klarheit  des 
Bewufitseins  habe,  welches  die  entsprechenden  Beobachtun- 
gen  zu  iiberschauen,  zu  beurteilen  in  der  Lage  ist.  Auch  in 
der  gewohnlichen  sinnlichen  Beobachtung  des  Lebens  ist 
dies  ja  notwendig,  dafi  wir  nicht  nur  gesunde  Sinne  haben, 
sondern  dal5  auch  unser  Bewufitsein  gesund  ist,  das  heilk, 
sich  nicht  umnebeln  lafk,  nicht  benommen  und  nicht  be- 
taubt,  nicht  in  einer  gewissen  Weise  gelahmt  ist.  Beide 
Eigenschaften  des  Seelenlebens  auf  einer  hoheren  Stufe 
kommen  noch  mehr  zur  Bedeutung  auf  dem  Gebiete  der 
geistigen  Forschung. 

Um  uns  zu  verstandigen,  wollen  wir  einen  Vergleich 
aus  der  gewohnlichen  sinnlichen  Beobachtung  nehmen.  An- 
genommen,  es  habe  jemand  zum  Beispiel  ein  unnormal  ent- 
wickeltes  Auge.  Dann  wird  er  nicht  in  der  Lage  sein,  mit 
diesem  unnormal  entwickelten  Auge  in  unbefangener,  rich- 
tiger  Art  die  Dinge  zu  beobachten,  welche  gesehen  werden 
sollen.  Unter  Hunderten  und  aber  Hunderten  von  Bei- 
spielen,  die  angefuhrt  werden  konnen,  soil  nur  das  eine 
angef iihrt  werden.  Ein  sehr  bedeutender  Naturf orscher  der 
Gegenwart,  der  ganz  und  gar  nicht  geneigt  ist,  sich  irgend- 
welchen  Tauschungen  willkurlich  hinzugeben,  hatte  einen 
gewissen  Einschlufi  im  Auge,  und  er  hat  in  seinem  Lebens- 
abrifi  angegeben,  wie  dieser  Einschlufi  im  Auge  ihn  ver- 
leitete,  namentlich  in  Zeiten  der  Dammerung  die  Dinge 
ungenau  zu  sehen,  und  durch  das  ungenaue  Sehen  zu  einem 
falschen  Urteil  zu  kommen.  Er  schildert  zum  Beispiel,  er 
gehe  oft  durch  die  Dunkelheit,  und  durch  den  EinschlufS  im 
Auge  sehe  er  irgend welche  Gestalt,  die  er  fur  wirklich  halte, 


die  aber  durch  nichts  anderes  hervorgerufen  wird  als  durch 
sein  unnormales  Auge.  Er  erzahlt  dann,  wie  er  einmal  in 
einer  ihm  fremden  Stadt  um  die  Ecke  ging,  und  weil  er  die 
Stadt  fur  unsicher  hielt,  verfuhrte  ihn  sein  Auge,  jemanden 
zu  sehen,  der  um  die  Ecke  herum  ihm  entgegenkam  und 
ihn  anfallen  wollte,  und  er  zog  sogar  seine  Waffe,  um  sich 
zu  verteidigen.  Er  war  also  nicht  einmal  imstande,  trotz 
der  vollstandigen  Kenntnis  seines  Organes,  die  Situation 
richtig  zu  beurteilen,  um  das,  was  das  Auge  hervorrief,  als 
ein  Nichts  zu  erkennen.  Und  so  konnen  Fehler  in  alien 
unseren  Sinnesorganen  vorkommen.  Das  sei  nur  zum  Ver- 
gleich  angefuhrt. 

Nun  ist  in  den  bisherigen  Vortragen  ausgefuhrt  worden, 
wie  der  Mensch  durch  gewisse  intime  Ausbildungen,  Heran- 
entwicklungen  seiner  Seele,  sich  zum  wirklichen  Geistes- 
forscher  ausbilden  kann,  wie  er  die  wirklichen  Geistes- 
organe,  durch  die  er  in  die  iibersinnliche  Welt  hineinschauen 
kann,  in  sich  zur  Entfaltung  bringt.  Auch  diese  geistigen 
Organe  miissen  in  der  richtigen  Weise  ausgebildet  sein, 
wenn  es  moglich  sein  soli,  ganz  nach  Analogie  der  sinn- 
lichen  Wahrnehmung,  nicht  Karikaturen  und  Unwahr- 
haftigkeiten  zu  schauen,  sondern  das  Wahre,  Wirkliche  der 
hoheren,  geistigen  Welten  zu  sehen.  Nun  hangt  die  Aus- 
bildung  der  hoheren  Geistorgane,  die,  wie  wir  gesehen 
haben,  durch  die  richtig  angewendeten  Meditationen,  Kon- 
zentrationen,  Kontemplationen  herbeigef  iihrt  werden  kann, 
von  dem  Ausgangspunkte  schon  des  gewohnlichen  Lebens 
ab.  Ein  jeder  Mensch,  der  sich  zur  Anschauung  der  geistigen 
Welten  heraufentwickeln  will,  mufi  ja  -  das  ist  ganz  natiir- 
lich  und  sachgemaft  -  seinen  Ausgangspunkt  von  der  ge- 
wohnlichen Seelenentwickelung  nehmen,  von  dem,  was  fur 
das  alltagliche  Leben  und  auch  fiir  die  gewohnliche  Wissen- 
schaft  das  Richtige,  das  Normale  ist.  Nur  von  diesem  Aus- 


gangspunkte  aus,  durch  Hereinnehmen  in  die  Seele  derjeni- 
gen  Vorstellungsarten,  die  wir  als  die  Meditationen  und  als 
die  anderen  Obungen  angefiihrt  haben,  kann  die  Seele  zur 
Beobadhitung  der  geistigen  Welten  heraufriicken. 

Da  handelt  es  sich  nun  darum,  dafi  im  Ausgangspunkte, 
das  heiftt  vor  dem  Beginn  der  geistigen  Schulung,  bei  dem 
werdenden  Geistesforscher  eine  gesunde  Urteilskraft  vor- 
handen  sein  mufi,  ein  auf  diewirklichen  Verhaltnisse  gehen- 
des  Urteilsvermogen.  Jeder  Ausgangspunkt,  der  nicht  von 
einer  gesunden,  sidi  an  die  Dinge  hingebenden  Urteilskraft 
herkommt,  ist  vom  Obel,  denn  er  fiihrt  solche  ungesunde 
geistige  Beobaditungsorgane  herbei,  die  sich  vergleicben 
lassen  mit  nicht  normal  ausgebildeten  Sinnesorganen.  Und 
hier  sind  wir  wieder  auf  dem  Punkt,  der  an  der  einen  oder 
anderen  Stelle  der  bisherigen  Vortrage  schon  erwahnt  wor- 
den  ist,  und  der  zeigt,  wie  wichtig  und  bedeutungsvoll  das 
ist,  was  man  als  das  Seelenleben  des  Geistesforschers  be- 
zeichnen  kann,  bevor  er  seine  Ausbildung  als  Geistesfor- 
scher, seine  geistesf orscherische  Schulung  antritt.  Ungesunde 
Urteilskraft,  mangelhafte  Fahigkeit,  die  Dinge  in  ihrer 
Wirklichkeit  zu  beobachten,  fiihrt  dazu,  dafi  der  Mensch 
die  Tatsachen  und  Wesenheiten  der  geistigen  Welt  verzerrt 
oder  -  wie  wir  heute  noch  sehen  werden  -  in  der  mannig- 
faltigsten  Weise  unrichtig  sieht.  Das  ist  sozusagen  der  erste 
wichtige  Satz  fiir  alle  Entwicklung  zur  Geistesf orschung. 
Gerade  geisteswissenschaftliche  Schulung  macht  notwendig, 
dafi  der  Ausgangspunkt  von  einer  gesunden  Urteilskraft 
genommen  werden  mu£,  von  einem  solchen  Interesse  an 
den  Dingen,  das  immer  losgehen  will  auf  die  wahrhaftigen 
Zusammenhange  des  Daseins,  schon  bevor  der  Weg  zu  den 
ubersinnlichen  Welten  beschritten  wird.  Alles,  was  sich  in 
der  Seele  gern  Tauschungen  hingibt,  was  gern  willkurlich 
urteilen  will,  was  in  der  Seele  eine  gewisse  ungesunde  Logik 


darstellt,  das  alles  fiihrt  audi  zur  Ausbildung  ungesunder 
Geistorgane. 

Der  andere  Ausgangspunkt,  der  von  einer  wesentlichen 
Bedeutung  ist,  ist  die  moralische  Stimmung  der  Seele.  Die 
moralische  Tiichtigkeit,  die  moralische  Kraft,  sie  ist  ebenso 
wichtig  wie  die  gesunde  Logik,  wie  die  gesunde  Intellek- 
tualitat.  Denn  fiihrt  die  ungesunde  Logik,  fiihrt  die  un- 
gesunde Intellektualitat  zu  mangelhaft  ausgebildeten  Geist- 
organen,  so  fiihrt  die  schwachmiitige  oder  unmoralische 
Stimmung,  welche  der  in  die  geistigen  Welten  Aufsteigende 
vor  dem  Beginn  der  geistigen  Schulung  hat,  zu  einer  ge- 
wissen  Benebelung,  Betaubung  konnten  wir  es  nennen, 
so  dafi  er,  wenn  er  den  hoheren  Welten  gegeniibersteht, 
etwas  hat,  was  man  wie  eine  Art  von  Lahmung,  sogar  von 
Ohnmacht  bezeichnen  mufi.  Nur  mufi  bemerkt  werden,  dafi 
auf  der  Stufe  der  Seelenentwickelung,  die  hier  gemeint  ist, 
das,  was  Ohnmacht,  was  Betaubung  genannt  wurde,  durch- 
aus  nicht  verglichen  werden  kann  mit  der  Ohnmacht,  mit 
der  Lahmung  des  gewohnlichen,  alltaglichen  Bewufitseins. 
Da  bedeutet  sie  eine  gewisse  Bewufitlosigkeit  gegemiber  den 
Gebieten  des  Lebens.  Auf  dem  geistigen  Gebiete  bedeutet  Be- 
taubung, Umnebelung,  das  Durchsetztsein  des  Bewufitseins 
mit  alledem,  was  noch  aus  der  gewohnlichen  Sinneswelt  oder 
aus  dem  gewohnlichen  Erleben  des  Tages  stammen  kann. 
Nicht  in  einem  solchen  Grade  kann  der  im  Irrtumbefangene 
Geistesforscher  umnebelt  oder  ohnmachtig  sein  wie  das  ge- 
wohnliche  Bewufitsein.  Aber  er  kann  den  geistigen  Welten 
gegeniiber  dadurch  ohnmachtig  sein,  dafi  sich  sein  geistiges 
Bewufitseinsfeld  erfiillt  mit  dem,  was  nur  Berechtigung  hat 
durch  seine  Eigenschaft,  durch  die  Art  seines  Auftretens  im 
gewohnlichen  sinnlichen  und  Verstandesbewufitsein.  Da- 
durch, dafi  der.  Geistesforscher  solches  in  die  geistigen  Wel- 
ten hinaufnimmt,  triibt  er  sich  sein  hoheres  Bewufitsein. 


Man  kann  die  Sadie  audi  in  der  folgenden  Weise  dar- 
stellen.  Bewufitseinstriibung,  Beeintrachtigung  der  gewohn- 
lichen Seelenart  im  alltaglichen  Leben  1st  wie  ein  Herein- 
spielen  des  Schlafes  oder  des  Traumens  in  das  klare  All- 
tagsbewuiksein.  Betaubung,  Benebelung  des  hoheren,  iiber- 
sinnlichen  Bewufitseins  ist  aber  wie  ein  Hereinspielen  des 
gewohnlichen  Alltagsbewufitseins,  desjenigen  Bewuftt- 
seins,  das  wir  mit  uns  in  der  gewohnlichen  Welt  herum- 
tragen,  in  jenes  Bewuiksein  hinauf,  in  welchem  es  nicht 
mehr  sein  sollte,  in  das  Bewufitsein,  das  rein  und  klar  die 
Tatsachen  der  hoheren,  der  ubersinnlichen  Welten  beur- 
teilen  und  iiberschauen  sollte.  Jede  Art  unmoralischer  oder 
schwachmoralischer  Stimmung,  jede  Art  von  moralischer 
Unwahrhaftigkeit  fiihrt  zu  einer  solchen  Benebelung  des 
ubersinnlichen  Bewufitseins.  Daher  gehort  wiederum  zu  dem 
Wesentlichen  und  Bedeutungsvollsten  im  Ausgangspunkte 
der  geisteswissenschaftlichen  Schulung  eine  entsprechende 
moralische  Verfassung,  und  wenn  Sie  meine  Scjirift  «Wie 
erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  durch- 
nehmen,  so  werden  Sie  darin  besondere  SeelenmaJ&nahmen 
angegeben  sehen,  durch  welche  diese  geeignete  moralische 
Verfassung  hergestellt  werden  kann. 

Von  besonderem  Schaden  ist  nach  dieser  Richtung  hin 
alles,  was  den  Menschen  im  gewohnlichen  Leben  befallt 
an  Eitelkeit,  an  Ehrgeiz,  an  gewohnlichem  Selbstsinn,  an 
einer  gewissen  Sympathie  fur  diese  oder  jene  Erlebnisse. 
Gelassenheit,  Unbefangenheit,  ein  liebevolles  Eingehen  auf 
Dinge  und  Welten,  ein  aufmerksames  Interesse  auf  alles, 
was  sich  im  Leben  darbieten  kann,  und  ahnliche  Dinge, 
namentlich  aber  ein  gewisser  moralischer  Mut,  ein  gewisses 
Eintreten  fur  das  als  wahr  Erkannte,  das  sind  richtige  Aus- 
gangspunkte fur  eine  geisteswissenschaftliche  Schulung. 

Es  ist  aus  den  bisherigen  Vortragen  klar,  dafi  alle  geistige 


Schulung  darauf  beruht,  dafi  gewisse  geistige  Krafte,  die  in 
der  Seele  vorhanden  sind,  aber  im  gewohnlichen  Leben  in 
derselben  schlummern,  aus  dieser  herausgeholt  werden 
miissen.  Denn  die  geistigen  Organe  und  das  iibersinnliche 
Bewufitsein  konnen  sich  nur  dadurch  entwickeln,  dafi  die 
im  gewohnlichen  Leben  gar  nicht  oder  nur  schwach  aus- 
gebildeten,  in  den  Tiefen  der  Seele  ruhenden  Krafte  her- 
auskommen,  wirklich  ins  Bewufitsein  eindringen.  Und 
audi  das  Folgende  ging  schon  aus  den  bisherigen  Betrach- 
tungen  hervor.  Zweierlei  tritt  auf,  wenn  der  Mensch  durch 
gehorige  Meditation,  durch  Konzentrieren  seines  ganzen 
Seelenlebens  auf  einzelne,  durch  seine  Willkiir  in  das  Be- 
wufitsein  hereingerufene  Vorstellungen  diese  in  der  Tiefe 
der  Seele  ruhenden  Krafte  herauszuholen  sucht.  Erstens 
wird  eine  Eigenschaft,  die  sonst  in  der  Seele  immer  vor- 
handen ist,  die  aber  im  gewohnlichen  Leben  durch  verhalt- 
nismafiig  leichte  Mafinahmen  besiegt  werden  kann,  mit  den 
anderen  in  den  Tiefen  der  Seele  sonst  schlummernden  Eigen- 
schaften  mitverstarkt,  mitgekraftigt.  Denn  anders  geht  die 
geistige  Entwickelung  nicht  vor  sich,  als  da£  man  in  einer 
gewissen  Beziehung  das  ganze  Seelenleben  innerlich  reg- 
samer,  energischer  macht.  Diejenige  Eigenschaft,  welche  so 
mit  dem,  was  man  gerade  zu  verstarken  sucht,  mitverstarkt 
wird,  ist  das,  was  man  den  Selbstsinn,  die  Selbstliebe  des 
Menschen  nennen  kann.  Ja,  man  darf  sagen,  diesen  Selbst- 
sinn, diese  Selbstliebe  des  Menschen  lernt  man  eigentlich 
erst  recht  kennen,  wenn  man  eine  geisteswissenschaftliche 
Schulung  durchmacht.  Man  weifi  dann  erst,  wie  tief  diese 
Selbstliebe  in  des  Menschen  Seele  vorhanden  ist,  dort 
schlummert.  Wer  durch  die  in  den  verflossenen  Vortragen 
geschilderten  Ubungen  seine  Seelenkrafte  verstarkt,  merkt 
zu  einer  bestimmten  Zeit  seiner  Entwickelung,  wie  in  sein 
Seelenleben  eine  andere  Welt  eintritt.  Er  mufi  aber  zugleich, 


das  gehort  zu  seiner  geistigen  Entwickelung,  die  Bemer- 
kung  madien  konnen,  mufi  die  Erkenntnis  dafiir  haben 
konnen,  dafi  die  erste  Gestalt  der  neuen,  der  iibersinnlichen 
Welt,  welche  da  auftritt,  nidits  anderes  ist  als  ein  Schatten- 
bild,  eine  Projektion  seines  eigenen  inneren  Seelenlebens. 
Was  er  in  seinemSeelenlebenherangebildet  hat,  diese  Krafle 
treten  ihm  zuerst  wie  in  einem  Spiegelbilde  entgegen.  Das 
ist  es  auch,  weshalb  der  aufiere  materialistisdie  Denker  sehr 
leicht  das,  was  beim  Geistesf orscher  im  Seelenleben  auftritt, 
mit  dem  verwechseln  kann,  was  beim  krankhaften  Seelen- 
leben an  Illusionen,  Halluzinationen,  Visionen  und  der- 
gleidien  auftreten  kann.  Dafi  ein  von  dieser  Seite  kommen- 
der  Einwurf  nur  auf  einer  Unkenntnis  der  Tatsachen  be- 
ruht,  ist  oft  ausgefiihrt  worden.  Allein  auf  diesen  Unter- 
schied  mufi  immer  wieder  hingewiesen  werden,  dafi  das 
krankhafle  Seelenleben,  das  aus  sich  heraus  seine  eigene 
Wesenheit  wie  in  einem  Spiegelbilde  vor  sich  hat,  dieses 
Spiegelbild  fiir  eine  wirkliche  Welt  halt  und  diese  Anschau- 
ung  nicht  durch  innere  Willkiir  wegzuschaffen  in  der  Lage 
ist.  Dagegen  mufi  gerade  in  der  richtigen  Geistesschulung 
das  enthalten  sein,  dafi  der  Geistesforscher  die  ersten  Er- 
scheinungen,  die  da  auftreten,  als  Widerspiegelungen  seines 
eigenen  Wesens  erkennt,  und  dafi  er  sie  nicht  nur  als  solche 
erkennt,  sondern  dafi  er  auch  imstande  ist,  sie  aus  seinem 
Bewufitseinsfeld  hin wegzuschaffen,  auszuloschen. 

Wie  der  Geistesforscher  auf  der  einen  Seite  durch  seine 
Ubungen  dazu  kommt,  seine  Seelenkrafte  zu  verstarken, 
so  da£  sie  ihm  eine  neue  Welt  vorzaubern,  so  mu£  er  auf 
der  anderen  Seite  wieder  imstande  sein,  diese  ganze  Welt 
in  ihrer  ersten  Gestalt  auszuloschen,  muJS  sie  nicht  nur  als 
ein  Spiegelbild  seines  eigenen  Wesens  erkennen,  sondern 
auch  wieder  ausloschen  konnen.  Wenn  er  dazu  nicht  im- 
stande ist,  dann  ist  er  in  einer  Lage,  die  sich  vergleichen 


lafk  mit  einer  solchen,  welche,  wenn  sie  entsprechend  in  der 
Sinnesbeobachtung  auf  treten  wiirde,  ganz  unertraglich,  ganz 
unmoglich  fiir  eine  wirkliche  Entwickelung  der  Menschen- 
seele  ware.  Nehmen  wir  an,  in  der  gewohnlichen  Sinnes- 
beobaditung  wiirde  der  Mensch,  wenn  er  seine  Augen  auf 
einen  Gegenstand  richtet,  von  diesem  so  angezogen  werden, 
dafi  er  nicht  wieder  den  Blick  frei  wegwenden  konnte.  Der 
Mensch  wiirde  also  nicht  mehr  imstande  sein,  den  Blick  frei 
herumschweifen  zu  lassen,  sondern  wiirde  von  dem  Gegen- 
stande  festgehalten  werden.  Das  ware  eine  unertragliche 
Lage  gegeniiber  der  aufieren  Welt.  Genau  dasselbe  wiirde 
es  bei  einer  geistigen  Entwickelung  in  bezug  auf  die  iiber- 
sinnliche  Welt  bedeuten,  wenn  der  Mensch  nicht  in  der  Lage 
ware,  sozusagen  das  geistige  Beobachtungsorgan  herumzu- 
wenden  und  wieder  auszuloschen,  was  sich  seinem  geistigen 
Beobachtungsorgan  als  Bild  darbietet.  Denn  nur,  wenn  er 
die  Probe  machen  kann:  Du  kannst  dein  Bild  ausloschen 
und  es  dann  doch,  nachdem  er  sich  zuerst  in  diesem  Aus- 
loschen uberwunden  hat,  in  der  entsprechenden  Weise 
wiederkommt,  so  dafi  er  seine  Wirklichkeit  in  der  entspre- 
chenden Weise  kennenlernen  kann,  dann  nur  stent  er  der 
Wirklichkeit  und  nicht  seiner  eigenen  Einbildung  gegen- 
iiber. So  mufi  der  Geistesforscher  nicht  nur  seine  geistigen 
Erscheinungen  herstellen  konnen,  an  sie  herandringen  kon- 
nen,  sondern  er  mufi  sie  auch  wieder  ausloschen  konnen. 
Was  bedeutet  das  aber? 

Es  bedeutet  nichts  Geringeres  als  die  Notwendigkeit  einer 
ungeheuer  starken  Kraft,  die  notwendig  ist  zur  Besiegung 
des  Selbstsinnes,  der  Eigenliebe.  Denn  warum  sieht  das  un- 
normale  Seelenleben,  das  zu  Halluzinationen,  Visionen, 
Wahnvorstellungen  kommt,  diese  Gebilde  als  Wirklich- 
keiten  und  nicht  als  Ausfliisse  seines  eigenen  Wesens  an? 
Eben  deshalb,  weil  der  Mensch  sich  mit  dem,  was  er  selber 


hervorbringt,  womit  er  zusammenhangt,  so  verbunden 
fiihlt,  dafi  er  sidi  selber  wie  verniditet  glaubt,  wenn  er  das, 
was  er  selber  hervorbringt,  nicht  als  eine  Wirklichkeit  an- 
sehen  konnte.  Und  wenn  der  Mensdi  aus  der  gewohnlichen 
Welt  heraustritt  und  sein  Seelenleben  nicht  normal  ist,  dann 
verstarkt  sich  die  Selbstliebe  so,  dafi  sie  wie  eine  Natur- 
kraft  wirkt. 

Innerhalb  des  gewohnlichen  Seelenlebens  konnen  wir  sehr 
genau  unterscheiden,  was  sozusagen  Phantasie-Einbildung 
oder  was  Wirklichkeit  ist.  Denn  innerhalb  des  gewohn- 
lichen Seelenlebens  haben  wir  eine  gewisse  Kraft  iiber  unsere 
Vorstelhmgen.  Jeder  kennt  diese  Kraft,  welche  die  Seele 
iiber  die  Vorstellungen  hat,  wodurch  sie  in  der  Lage  ist, 
gewisse  Vorstellungen  wegzuschaifen,  wenn  ihre  Irrtiim- 
lichkeit  erkannt  ist.  In  einer  anderen  Weise  stehen  wir  der 
Aufienwelt  gegeniiber,  wenn  wir  den  Naturkraften  gegen- 
uberstehen.  Wenn  der  Blitz  zuckt,  wenn  der  Donner  rollt, 
da  miissen  wir  die  Erscheinungen  ablaufen  lassen,  da  kon- 
nen wir  nicht  dem  Blitz  verbieten,  zu  zucken  oder  dem 
Donner  verbieten,  zu  rollen.  Aber  mit  derselben  inneren 
Kraft  tritt  bei  uns  der  Selbstsinn  auf,  wenn  wir  aus  dem 
gewohnlichen  Seelenleben  herausgehen.  Und  ebensowenig, 
wie  man  dem  Blitz  verbieten  kann,  zu  leuchten,  so  wenig 
kann  man  der  zu  einer  Naturkraft  erwachsenen  Selbstliebe 
verbieten,  wenn  sie  nur  eine  Widerspiegelung  des  Eigen- 
wesens  ist,  das,  was  sich  der  Seele  so  als  Bild  des  eigenen 
Wesens  darstellt,  als  eine  wirkliche  auftere  Welt  aufzu- 
fassen. 

Daraus  ist  also  ersichtlich,  dafi  des  Geistesf  orschers  Selbst- 
erziehung  vor  alien  Dingendarauf  gerichtet  sein  mull,  Stuck 
fur  Stuck  Selbstliebe,  Eigensinn,  Selbstsinn  zu  besiegen. 
Und  nur,  wenn  dies  auf  jeder  Stufe  der  Geistesentwickelung 
durch  eine  scharf  e  Selbstbeobachtung  versucht  wird,  kommt 


man  zuletzt  dazu,  wenn  eine  geistige  Welt,  wie  sie  geschil- 
dert  worden  ist,  vor  uns  auftritt,  diese  auch  ausloschen  zu 
konnen,  das  heilk,  in  der  Lage  zu  sein,  dasjenige,  was  man 
zuerst  mit  alien  moglichen  Anstrengungen  herbeigefiihrt 
hat,  wiederum  wie  in  die  Vergessenheit  herunter fallen  zu 
lassen.  Es  mufi  -  was  man  genauer  in  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  derhoherenWelten?»  dargestelltfindenkann- 
zur  geistigen  Schulung  hier  etwas  entwickelt  werden,  was 
im  gewohnlichen  Leben  gar  nicht  eigentlich  in  des  Menschen 
Willkiir  gestellt  ist. 

Wenn  der  Mensch  im  gewohnlichen  Leben  etwas  zu  tun 
unternimmt,  so  will  er  es;  wenn  er  irgend  etwas  unterlaftt, 
so  will  er  es  nicht.  Man  mufi  sagen,  der  Mensch  ist  im  ge- 
wohnlichen Leben  in  der  Lage,  seine  Willensimpulse  anzu- 
wenden.  Damit  aber  die  in  der  geschilderten  Weise  auf- 
tretende  geistige  Welt  ausgeloscht  werden  kann,  mu!5  der 
Wille  nicht  nur  die  eben  geschilderte  Fahigkeit  haben,  son- 
dern  er  muft,  nachdem  die  geistige  Welt  auftritt,  sich  lang- 
sam,  Stuck  fur  Stuck,  abschwachen  konnen  bis  zur  volligen 
Willenslosigkeit,  bis  eben  die  Ausloschung  erfolgt  ist.  Eine 
solche  Ausbildung  des  Willens  wird  eben  nur  erlangt,  wenn 
die  in  dem  genannten  Buche  geschilderten  Ubungen  syste- 
matisch  von  der  Seele  durchgefiihrt  werden. 

Das  ist  auf  der  einen  Seite  das,  was  in  unserer  Seele  ver- 
starkt  wird,  wenn  wir  die  in  ihr  schlummernden  Krafle 
energischer  machen  wollen:  die  Selbstliebe,  der  Selbstsinn, 
und  diese  Verstarkung  fiihrt  uns  immerzu  dahin,  dafi  wir 
unter  Umstanden  dasjenige,  was  wir  eigentlich  selber  sind, 
was  nur  in  uns  selber  Uegt,  fur  eine  aufiere  Wirklichkeit 
halten.  Ein  anderes,  das  auftritt,  wenn  die  Seele  die  ent- 
sprechenden  Ubungen  zur  geistigen  Schulung  durchmacht, 
ist,  da£  der  Mensch  auf  einer  bestimmten  Stufe  dieser  Ent- 
wickelung  im  Grunde  genommen  mit  seinem  Bewufksein 


alles  verlassen  mufi,  was  ihm  imbisherigen  Leben,  im  aufieren 
Alltagsleben  und  in  der  gewohnlichen  Wissenschaft  Wahr- 
heitshalt  und  Wahrheitssicherheit  gibt,  was  ihm  die  Mog- 
lichkeitgibt,etwas  als  Wirklichkek  anzuerkennen.  Das  wird 
audi  schon  aus  den  bereits  gehaltenen  Vortragen  hervor- 
gegangen  sein,  dafi  alle  Stutzen,  die  wir  fur  unser  Urteilen 
im  gewohnlichen  Leben  haben,  dafi  alle  Anhaltspunkte,  die 
uns  die  Sinneswelt  gibt  und  die  uns  lehren,  wie  wir  von 
der  Wahrheit  zu  denken  haben,  verlassen  werden  miissen. 
Denn  wir  wollen  ja  eben  durch  die  Geistesschulung  in  eine 
hohere  Welt  eintreten.  Wenn  der  Geistesforscher  nunmehr 
auf  einer  entsprechenden  Stufe  seiner  Entwickelung  sieht: 
Du  kannst  nicht  mehr  in  der  Welt,  in  die  du  da  eintreten 
willst,  irgendwie  einen  Halt  haben  an  der  aufieren  Sinnes- 
wahrnehmung,  du  kannst  audi  nicht  an  dem,  was  du  dir 
als  dein  Verstandesurteil  heranerzogen  hast,  das  dich  sonst 
durch  das  Leben  richtig  fuhrt,  einen  Halt  haben  -  dann 
kommt  der  Moment,  der  bedeutungsvoll  und  ernst  im  Leben 
des  Geistesforschers  ist,  wo  er  sich  so  fuhlt,  wie  wenn  ihm 
der  Boden  unter  den  Fiifien  entzogen  ist,  wie  wenn  der  Halt 
fort  ist,  den  er  im  gewohnlichen  Leben  gehabt  hat,  wie  wenn 
alle  Sicherheit  dahin  ware,  und  wie  wenn  er  einem  Abgrunde 
entgegen  ginge  und  mit  jedem  weiteren  Schritte  in  einen 
Abgrund  hineinf alien  muftte.  Dies  mufi  in  einer  gewissen 
Beziehung  ein  Erlebnis  der  Geistesschulung  werden.  Dafi 
es  ein  Erlebnis  wird,  welches  nicht  mit  alien  moglichen  Ge- 
fahren  verkniipfl  ist,  dafiir  sorgt  eine  wirkliche  Geistes- 
sdiulung,  die  auf  der  Hohe  der  Gegenwart  steht. 

Das  ist  ebenfalls  weiter  auszufiihren  versucht  worden 
in  dem  Buche  «Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren 
Welten?»  Wenn  man  die  dort  angegebenen  Obungen  durch- 
macht,  kommt  man  Schritt  fiir  Schritt  zu  einem  Punkte, 
wo  man  das  fuhlt,  was  jetzt  geschildert  worden  ist,  wo 


man  sich  fiihlt  wie  iiber  einem  Abgrunde.  Aber  man  ist 
bereits  in  seiner  Seele  so  ruhig  geworden,  daft  man  die 
Situation  mit  einer.  nun  erlangten  besonderen  Urteilsf  ahig- 
keit  uberschaut,  so  daft  nicht  das  auftritt,  was  sonst  in  die 
menschliche  Seele  gef ahrvoll  hereinbrechen  miiftte  an  Furcht, 
an  Schrecken  und  Grausen,  dodi  nicht  als  die  gewohnliche 
Furcht  und  so  weiter  des  Alltages.  Man  lernt  sie  kennen, 
die  Griinde  zu  Furcht,  Schrecken  und  Grausen,  aber  man 
hat  sich  bereits,  wenn  man  so  weit  ist,  zu  einer  Verf assung 
erhoben,  daft  man  es  aushalten  kann  ohne  Furcht. 

Da  haben  wir  wieder  einen  Punkt,  wo  es  notwendig  ist, 
daft  die  Seele  die  Wahrheit  erkennen  muft  und  nicht  in  den 
Irrtum  hineinf alien  darf,  weil  der  Halt,  den  man  im  ge- 
wohnlichen Leben  hat,  dahinschwindet,  und  die  Seele  wie 
iiber  einen  Abgrund  gestellt  sich  fiihlt.  Das  muft  eintreten, 
damit  aus  dem  Leeren  heraus  das  voile  Geistige  der  Welt 
an  die  Seele  herantreten  kann.  Was  man  im  gewohnlichen 
Leben  Angstlichkeit,  Furchtsamkeit  nennt,  das  wird  durch 
eine  solche  Schulung  ebenso  verstarkt,  vergroftert,  wie 
Selbstsinn  und  Eigenliebe  verstarkt  und  vergroftert  werden. 
Sie  erwachsen  sozusagen  wie  zu  einer  Art  Naturkraft.  Und 
hier  muft  etwas  gesagt  werden,  was  vielleicht  paradox  klin- 
gen  konnte.  Wir  konnen  im  gewohnlichen  Leben,  wenn  wir 
uns  nicht  zu  einem  gewissen  Mut  durchgerungen  haben, 
wenn  wir  sozusagen  Hasenf iifte  sind,  vor  diesem  oder  jenem 
Ereignis  erschrecken.  Wenn  wir  das  aber  nicht  sind,  halten 
wir  es  aus.  Auf  dem  geschilderten  Gebiete  des  Seelenlebens 
treten  Furcht  und  Schrecken  und  Grausen  an  uns  heran, 
aber  wir  miissen  sozusagen  in  der  Lage  sein,  uns  vor  der 
Furcht  nicht  zu  furchten,  uns  vor  dem  Schrecken  nicht  zu 
erschrecken,  uns  vor  der  Angstlichkeit  nicht  zu  angstigen. 
Das  ist  das  Paradoxe,  aber  es  entspricht  durchaus  einem 
wirklichen  Seelenerlebnis,  das  auf  diesem  Gebiete  auftritt. 


Alles,  was  der  Mensch  so  beim  Eintritt  in  die  geistige 
Welt  erlebt,  wird  gewohnlich  als  ein  Erlebnis  bezeichnet, 
was  man  nennt  das  Erlebnis  mit  dem  Hiker  der  Schwelle. 
Einiges  Konkrete  iiber  dieses  Erlebnis  habe  ich  in  meinem 
Mysteriendrama  «Der  Hiiter  der  Schwelle»  auszufiihren 
versucht.  Hier  soil  nur  erwahnt  werden,  dafi  der  Mensch 
auf  einer  bestimmten  Stufe  der  geistigen  Entwicklung  sein 
eigenes  Inneres  kennenlernt,  wie  es  sich  selbst  lieben  kann 
mit  der  Kraft  eines  Naturereignisses,  wie  es  in  Furcht  und 
Angst  versetzt  werden  kann  gegenuber  dem  Eintreten  in 
die  geistige  Welt.  Dieses  Erlebnis  des  eigenen  Selbstes,  des 
verstarkten  eigenen  Selbstes  desjenigen  Innern,  das  uns 
sonst  gar  nicht  vor  die  Seele  tritt,  das  ist  das  erschiitternde 
Ereignis,  das  man  die  Begegnung  mit  dem  Hiiter  der 
Schwelle  nennt.  Und  dadurch,  daft  man  diese  Begegnung 
hat,  erlangt  man  erst  die  Fahigkeit,  Wahrheit  in  der  gei- 
stigen Welt  von  Irrtum  zu  unterscheiden. 

Es  wird  leicht  begreiflich  sein,  warum  man  dieses  Erleb- 
nis die  Begegnung  mit  dem  Hiiter  der  Schwelle  nennt.  Es 
ist  ja  klar,  daft  die  geistige  Welt,  in  welche  da  der  Mensch 
eintritt,  immer  um  uns  herum  ist,  und  dafi  der  Mensch  ihr 
im  gewohnlichen  Leben  nur  deshalb  nicht  gegeniibersteht, 
weil  er  nicht  die  entsprechenden  Wahrnehmungsorgane  fur 
sie  hat.  Die  geistige  Welt  umgibt  uns  immer,  und  sie  ist 
auch  immer  hinter  dem,  was  die  Sinne  wahrnehmen.  Aber 
be  vor  der  Mensch  in  sie  eintreten  kann,  mufi  er  sein  Ich 
verstarken.  Mit  der  Verstarkung  des  Ichs  treten  aber  die 
genannten  Eigenschaften  auf.  Daher  mufi  er  vor  alien  Din- 
gen  sich  kennenlernen,  damit  er,  wenn  er  einer  geistigen 
Aufienwelt  so  gegeniibertreten  kann,  wie  er  sich  einer  ob- 
jektiven  Wesenheit  gegeniiberstellt,  sich  abgrenzen  kann 
von  dem,  was  die  Wahrheit  ist.  Lernt  er  sich  nicht  so  ab- 
grenzen, dann  vermischt  er  immerzu  das,  was  nur  in  ihm 


ist,  was  nur  seine  eigenen  subjektiven  Erlebnisse  sind,  mit 
dem  geistigen  Weltbilde,  und  er  kann  nie  zu  einem  wirk- 
lidien  Erfassen  der  geistigen  Wirklichkeit  kommen. 

Inwiefern  die  Furcht  eine  gewisse  Rolle  beim  Eintritt 
in  die  geistigen  Welten  spielt,  das  konnen  wir  besonders 
an  den  Menschen  sehen,  welche  diese  geistige  Welt  ableug- 
nen.  Unter  diesen  Menschen  gibt  es  ja  viele,  die  audi  andere 
Griinde  zur  Ableugnung  dieser  geistigen  Welt  haben.  Aber 
ein  gro£er  Teil  derjenigen  Menschen,  die  theoretische  Ma- 
terialisten  oder  materialistisch  gefarbte  Monisten  sind, 
leugnet  aus  einem  bestimmten  Grunde,  der  fur  den  Seelen- 
kenner  ganz  ersichtlich  ist,  diese  geistige  Welt  ab.  Dazu 
miissen  wir  jetzt  hervorheben,  dafi  das  Seelenleben  des 
Menschen  gewissermaften  ein  doppeltes  ist.  In  der  Seele 
ist  nicht  nur  das  vorhanden,  wovon  der  Mensch  gewohnlich 
weift,  sondern  in  den  tiefen  Untergriinden  des  Seelenlebens 
gehen  Dinge  vor,  die  ihre  Schatten,  oder  ihre  Lichter,  her- 
aufwerfen  in  das  gewohnliche  Bewulksein.  Aber  das  ge- 
wohnliche Bewufksein  reicht  nicht  bis  zu  ihnen  hinunter. 
Wir  konnen  in  den  verborgenen  Seelentiefen  Hafi  und 
Liebe,  Freude  und  Furcht  und  Aufgeregtheit  haben,  ohne 
dafi  wir  diese  Affekte  im  bewufken  Seelenleben  tragen. 
Daher  ist  es  durchaus  richtig,  dafi  fiir  eine  besondere  Er- 
scheinung  des  Hasses  von  einer  Person  zur  anderen,  der  im 
Bewulksein  spielt,  schuld  sein  kann  eine  in  den  Tiefen  der 
Seele  eigentlich  wurzelnde  Liebe.  Es  kann  eine  Sympathie, 
eine  tiefe  Sympathie  in  den  tiefen  Untergriinden  der  Seele 
bei  einer  Person  fiir  eine  andere  vorhanden  sein.  Aber  weil 
diese  Person  zugleich  Grunde  hat,  iiber  die  sie  vielleicht 
auch  nichts  wei£,  deshalb  betaubt  sie  sich  iiber  diese  Liebe, 
iiber  diese  Sympathie,  und  tauscht  sich  Hafi  und  Antipathie 
vor. 

Das  ist  etwas,  was  in  den  Untergriinden  unserer  Seele 


waltet,  so  dafi  es  in  den  Tiefen  der  Seele  ganz  anders  aus- 
schauen  kann  als  in  dem,  was  wir  das  Oberbewufitsein 
nennen.  So  konnen  Furchtzustande,  Angstzustande  in  den 
Tiefen  der  Seele  sein,  ohne  dafi  der  Mensch  in  seinem  ge- 
wohnlichen  Oberbewufitsein  etwas  davon  weifi.  Es  kann 
der  Mensch  jene  Furcht,  jene  Angst  vor  der  geistigen  Welt- 
weil  er  den  Abgrund,  der  geschildert  worden  ist,  iiber- 
schreiten  mufi,  bevor  er  in  sie  eintritt  -  in  den  Tiefen  seiner 
Seele  haben,  aber  in  seinem  Oberbewufitsein  nichts  davon 
merken.  Ja,  im  Grunde  genommen  haben  alle  Menschen, 
die  noch  nicht  in  die  geistige  Welt  eingetreten  sind,  aber 
sich  ein  Verstandnis  dafiir  angeeignet  haben,  in  einem  ge- 
wissen  Grade  diesen  Schrecken,  diese  Furcht  vor  der  geisti- 
gen Welt.  Was  man  auch  iiber  diese  Furcht  und  Angst 
denken  mag,  die  auf  dem  Grunde  der  Seele  sind  -  sie 
treten  nur  bei  dem  einen  starker,  bei  dem  anderen  schwa- 
cher  auf.  Und  weil  die  Seele  dadurch  Schaden  nehmen 
konnte,  deshalb  ist  der  Mensch  durch  die  weise  Einrichtung 
seines  Wesens  davor  geschiitzt,  dafi  er  so  ohne  weiteres  in 
die  geistige  Welt  hineinschauen  kann,  so  dafi  er  das  Erleb- 
nis  mit  dem  Hiiter  der  Schwelle  erst  haben  kann,  wenn  er 
dazu  reif  ist.  Sonst  ist  er  davor  geschiitzt.  Daher  spricht 
man  von  dem  Erlebnis  mit  dem  Hiiter  der  Schwelle. 

Nun  konnen  wir  bei  den  materialistisch  oder  monistisch 
gesinnten  Menschen  merken,  dafi  sie  zwar  nichts  von  die- 
sem  Erlebnis  wissen,  dafi  aber  doch  in  den  Tiefen  ihrer 
Seelen  diese  Furcht  vor  der  geistigen  Welt  vorhanden  ist. 
Es  lebt  in  ihnen  eine  gewisse  Antipathie  vor  dem  Abgrund, 
den  man  zu  uberschreiten  hat.  Uber  diese  Furcht,  iiber  diese 
in  der  Seele  sitzende  Angst  vor  der  geistigen  Welt  helfen 
sich  die  Materialisten  oder  Monisten  hinweg,  indem  sie  ihre 
Theorien  ersinnen  und  die  geistige  Welt  ableugnen,  und 
die  Ableugnung  ist  nichts  anderes  als  die  Betaubung  vor 


ihrer  Furcht.  Das  ist  der  wirkliche  Erklarungsgrund  fiir 
den  Materialismus.  So  unsympathisch  es  klingen  mag,  fiir 
den  Seelenkenner  ist  es  ersichtlich,  dafi  in  einer  Versamm- 
lung  von  materialistischen  Monisten,  von  Seelen-  oder  Gei- 
stesleugnern,  auf  dem  Grunde  ihrer  Seelen  nur  die  Furcht 
vor  der  geistigen  Welt  ruht.  Man  konnte  spotten  und  sagen, 
die  besondere  Angstmeierei  sei  der  Grund  des  Materialis- 
mus. Aber  wenn  man  auch  spottet,  wahr  ist  es  doch.  In  den 
materialistischen  Schriften,  in  den  materialistischen  Welt- 
anschauungen  erkennt  der  Geistesforscher  zwischen  den 
Zeilen  iiberall  hervorschauend  die  Furcht  und  die  Angst 
vor  der  geistigen  Welt. 

Was  aber  fiir  das  gewohnliche  Leben  als  Materialismus 
auftritt,  als  die  Seelenverfassung,  die  vorhanden  ist,  wenn 
der  Mensch  Materialist  oder  materialistisch  gef arbter  Monist 
ist,  das  kann  auch  vorhanden  sein,  wenn  der  Mensch  durch 
bestimmte  Mafinahmen  zu  einem  gewissen  geistigen  Schauen 
kommt.  Denn  man  kann  gewisse  Ubungen  in  seiner  Seele 
durchmachen.  Man  kann  auch  durch  das  Ausgehen  von 
einem  mehr  oder  weniger  krankhaften  Seelenleben  zu  einem 
mehr  oder  weniger  geistigen  Erfassen  kommen,  braucht 
aber  darum  noch  nicht  zu  einem  wirklichen  Verstandnis  des 
Wesens  der  geistigen  Welt  zu  kommen.  Man  kann  in  einer 
gewissen  Weise  das,  was  eben  charakterisiert  worden  ist, 
was  den  materialistisch  gesinnten  Menschen  in  der  gewohn- 
lichen  Welt  ausmacht,  auch  hinauftragen  in  die  geistige 
Welt,  etwas,  das  wie  die  Furcht  ist,  wovon  man  nichts  weilS. 
Man  kann  etwas  hinauftragen,  wenn  man  auch  den  Zusam- 
menhang  nicht  durchschaut,  was  im  gewohnlichen  Leben 
ungeheuer  verbreitet  ist:  die  Bequemlichkeit  des  Denkens, 
die  Bequemlichkeit  des  Fiihlens. 

Die  Furcht  ist  verwandt  mit  der  Bequemlichkeit,  mit 
dem  Hangen  an  Gewohnheiten.  Denn  warum  furchtet  sich 


der  Mensch  vor  einer  Veranderung  seiner  Lage?  Weil  er 
bequem  ist!  Diese  Bequemlichkeit  ist  mit  der  Furcht  ver- 
wandt.  Wenn  wir  vorhin  auf  der  einen  Seite  schilderten, 
was  manchmal  der  Grand  fur  den  Haft  ist,  so  kann  man 
von  der  Furcht  audi  sagen,  die  Lassigkeit,  die  Bequemlich- 
keit ist  damit  verwandt.  Aber  man  kann  die  Bequemlich- 
keit hinauftragen  in  die  geistige  Welt.  Niemand  darf  nun 
einwenden,  daft  die  Menschen,  auf  die  gleich  hingewiesen 
werden  soil,  nichts  von  der  Furcht  oder  der  Bequemlichkeit 
verraten,  denn  das  ist  wieder  das  Charakteristische,  daft 
die  gewohnliche  Seelenstimmung  nichts  davon  weift,  daft 
diese  Dinge  im  Unterbewuftten  wurzeln.  Wenn  der  Mensch 
die  Furcht  mit  in  die  geistigen  Welten  hinauftragt,  nach- 
dem  er  sich  also  schon  dazu  entwickelt  hat,  die  geistigen 
Welten  anzuerkennen,  dann  entsteht  da  eine  Verirrung  auf 
einem  geistigen  Gebiete,  die  aufterordentlich  wichtig  ist  zu 
beach  ten:  der  Hang  zum  Phanomenalismus. 

Die  Menschen,  welche  diesem  Hange  unterliegen,  werden 
statt  Geistesforscher,  wenn  man  sich  kraft  ausdriicken  will, 
Gespensterschauer;  sie  werden  besessen  von  einem  Hang 
zum  Phanomenalismus.  Das  heiftt,  sie  wollen  die  geistigen 
Welten  so  schauen,  wie  auch  die  Sinneswelten  sich  schauen 
lassen.  Sie  wollen  nicht  geistige  Tatsachen,  nicht  geistige 
Wesenheiten  wahrnehmen,  sondern  etwas  Xhnliches  wie  ein 
Wesen,  welches  das  Sinnesauge  schauen  kann,  kurz,  sie 
wollen  statt  Geister  Gespenster  schauen.  Die  Verirrungen 
des  Spiritismus  —  wobei  nicht  etwa  gesagt  werden  soil,  daft 
aller  Spiritismus  unberechtigt  ist  -  beruhen  durchaus  auf 
diesem  Hang  zum  Phanomenalismus.  Wenn  der  gewohn- 
liche Materialist  des  Alltags  uberall  nur  Materie  sehen  will 
und  nicht  den  Geist  hinter  der  Materie,  so  will  der,  welcher 
dieselbe  Seelenverfassung,  die  im  Grunde  genommen  auch 
im  Materialismus  vorhanden  ist,  den  geistigen  Welten  ent- 


gegenbringt,  nur  iiberall  wie  bis  zum  Gespensterhaften  ver- 
dichtete  Geister  schauen. 

Das  ist  das  eine  gefahrliche  Irrtums-Extrem,  wozu  es 
kommen  kann.  Man  mufi  sagen,  dieser  Hang,  das  gewohn- 
liche  Bewufitseinsfeld  hinaufzutragen  in  das  ubersinnliche 
Bewulkseinsfeld,  ist  im  weitesten  Umfange  audi  bei  denen 
vorhanden,  die  voller  Anerkennung  fiir  eine  geistige  Welt 
sind,  die  sogar  mochten,  daft  Beweise  geliefert  werden  fiir 
eine  geistige  Welt.  Aber  der  Irrtum  liegt  schon  in  dem,  daft 
sie  nur  solche  Beweise  zulassen  wollen,  die  im  Gebiete  des 
Phanomenalismus  verlauf  en,  daft  alles  wie  bis  zum  Gespen- 
stigen  verdichtet  sein  soil.  Hier  tritt  das  ein,  was  im  Be- 
ginne  unserer  heutigen  Betraditung  die  Betaubung,  die 
Ohnmacht  gegeniiber  der  geistigen  Welt  genannt  worden 
ist.  Wahrend  Ohnmacht  im  gewohnlichen  Leben  ein  Her- 
einspielen  eines  Schlaf-  oder  Traumzustandes  ist,  bedeutet 
gegeniiber  der  geistigen  Welt  das  nur  Geltenlassenwollen 
dessen,  was  so  aussieht,  wie  die  Dinge  der  gewohnlichen 
Welt,  dafi  man  ohnmachtig  ist  gegenuber  den  geistigen  Wel- 
ten.  Denn  man  verlangt,  dafi  Beweise  geliefert  werden  sol- 
len,  welche  ganz  nach  Art  und  Eigenschaft  der  gewohn- 
lichen Welt  zu  nehmen  seien.  Wie  man  den  Schlaf  in  die 
gewohnliche  Welt  hineinnimmt,  wenn  man  ohnmachtig 
wkd,  so  wird  man  gegenuber  den  Wesenheiten  und  Vor- 
gangen  der  geistigen  Welt  ohnmachtig,  wenn  man  das,  was 
nur  ein  Extrakt  des  Sinnlichen  ist,  in  die  ubersinnliche  Welt 
hereinnimmt. 

Wer  ein  wirklicher  Geistesforscher  ist,  der  kennt  audi 
diese  Gebiete  der  geistigen  Welt,  die  sich  bis  zum  Gespen- 
sterhaften verdichten,  aber  er  weifi,  dafi  alles  das,  was  bis 
zu  einer  solchen  Verdichtung  kommt,  lediglich  das  Abster- 
bende,  das  Vertrocknende  in  der  geistigen  Welt  ist.  Wenn 
also  zum  Beispiel  mit  Zuhilfenahme  eines  Mediums  etwas 


zutage  gefordert  wird  als  Gedanken  eines  verstorbenen 
Menschen,  dann  haben  wir  es  nur  mit  dem  zu  tun,  was  von 
dem  Verstorbenen  sozusagen  zuruckgeblieben  ist.  Dann 
haben  wir  nicht  das  vor  uns,  was  durch  die  Pf orte  des  Todes 
geht,  die  geistige  Welt  durchschreitet  und  in  einem  neuen 
Erdenleben  wieder  auftritt;  dann  haben  wir  es  nicht  mit 
dem  zu  tun,  was  in  der  Individualist  des  verstorbenen 
Menschen  vorhanden  ist,  sondern  mit  dem,  was  in  der 
Schale  ist,  was  abgeworfen  wird,  wie  die  verholzenden 
Teile  eines  Baumes  oder  wie  die  Schale  eines  Schalentieres, 
oder  wie  die  Haut  einer  Schlange  abgeworfen  wird. 

So  werden  fortwahrend  von  den  Wesen  der  geistigen 
Welt  solche  Hulsen,  solche  unbrauchbaren  Dinge  abgewor- 
fen, und  die  konnen  dann  durch  Medialitat,  aber  eben  als 
Unrealitat,  sichtbar,  wahrnehmbar  gemacht  werden.  Der 
Geistesforscher  weifi  aller dings,  da£  er  es  nicht  mit  Un- 
realitaten  zu  tun  hat.  Aber  er  gibt  sich  nicht  dem  Irrtume 
hin,  daft  er  es  bei  den  angedeuteten  Erscheinungen  mit 
etwas  Fruchtbarem,  mit  etwas  Spriefiendem  und  Sprossen- 
dem  zu  tun  hat,  sondern  mit  etwas  Absterbendem,  Ver- 
trocknendem.  Und  es  mufi  gleich  hervorgehoben  werden: 
Wahrend  man  es  im  Gebiete  der  Sinneswelt  mit  etwas  zu 
tun  hat,  was  man  f  allenlassen  mufi,  wenn  man  einen  Irrtum 
vor  sich  hat,  was  man  ausschalten  mufi,  sobald  man  es  als 
Irrtum  erkannt  hat,  hat  man  es  nicht  in  derselben  Weise 
mit  dem  Irrtum  in  der  geistigen  Welt  zu  tun.  Sondern  dort 
entspricht  der  Irrtum  eben  dem  Absterbenden,  dem  Ver- 
trocknenden,  und  der  Irrtum  besteht  darin,  dafi  man  das 
Absterbende,  das  Vertrocknende  in  der  geistigen  Welt  fur 
ein  Fruchtbares  oder  Bedeutungsvolles  halt.  Also  schon  im 
Leben  der  gewohnlichen  Menschen  ist  der  Irrtum  das,  was 
man  wegwirft.  In  der  geistigen  Welt  entsteht  der  Irrtum 
dadurch,  dafi  man  das  Tote,  das  Absterbende  fur  ein  Sprie- 


fiendes,  Fruchtbares  halt,  indem  man  das,  was  von  den 
Verstorbenen  abgeworfen  wird,  als  fiir  die  Unsterblichkeit 
bestimmt  halt. 

Wie  tief  audi  die  besten  Geister  unserer  Zeit  in  diese  Art 
von  Phanomenalismus  verrannt  sind  und  nur  solche  charak- 
terisierten  Beweise  gelten  lassen  wollen,  das  konnen  wir 
besonders  wieder  bei  einem  Geiste  sehen,  der  ja  manches 
Feine  iiber  die  Welt  geschrieben  hat,  und  der  jetzt  ein  Buch 
iiber  diese  verschiedenen  Erscheinungen  der  Geistesforschung 
geschrieben  hat.  Ich  meine  Maurice  Maeterlinck  und  sein 
Buch  «Vom  Tode».  Wir  lesen  da,  wie  er  immer  geneigt  ist, 
eine  geistige  Welt  gelten  zu  lassen,  aber  als  Beweise  nur  das 
hinzunehmen  geneigt  ist,  was  im  Phanomenalismus  auftritt. 
Und  dann  merkt  er  nicht,  wie  er  versucbt,  dasjenige,  was 
man  niemals  im  Phanomenalismus  auftreten  lassen  kann, 
im  Phanomenalismus  auftreten  zu  lassen.  Dann  kritisiert 
er  die  Phanomene,  sehr  scharfsinnig,  sehr  schon.  Aber  er 
bemerkt,  dafi  das  alles  im  Grunde  genommen  nichts  Beson- 
deres  bedeute,  und  dafi  die  Menschenseele  nach  dem  Tode 
nicht  eine  besonders  tiefe  Lebendigkeit  zeige,  dafi  sie  sich 
wie  ungeschickt  und  im  Finstern  tappend  benimmt.  Weil  er 
aber  nur  diese  entsprechende  Art  der  Beweise  anerkennen 
will,  deshalb  kommt  er  uberhaupt  nicht  zu  einer  Anerken- 
nung  der  Geistesforschung,  sondern  er  bleibt  stecken.  Und 
wir  sehen,  wie  sich  die  Irrtumsmoglichkeit  auftut  bei  je- 
mandem,  der  gern  die  geistige  Welt  anerkennen  mochte, 
der  sie  aber  deshalb  nicht  anerkennen  kann,  weil  er  nicht 
Geistesforschung  sondern  Gespensterforschung  verlangt 
und  sich  nicht  an  das  wenden  will,  was  die  Wirklichkeit 
geben  kann.  Gerade  sein  neuestes  Buch  ist  von  diesem  Ge- 
sichtspunkte  aus  aufierordenthch  interessant. 

So  haben  wir  in  dem  Hang  zum  Phanomenalismus  das 
eine  Extrem  der  Irrtumsmoglichkeit  der  Geistesforschung. 


Das  andere  Extrem  der  Irrtumsmoglichkeit  ist  die  Ekstase, 
und  im  Grunde  genommen  liegt  zwisdien  dem  Phanome- 
nalismus  und  der  Ekstase,  indem  man  beide  kennt,  die 
Wahrheit,  oder  wenigstens  ist  sie  zu  erreichen,  indem  man 
beide  kennt.  Aber  der  Weg  zum  Irrtum  liegt  sowohl  nach 
der  Seite  des  Phanomenalismus  wie  nach  der  Seite  der  Ek- 
stase. Wir  haben  gesehen,  welche  Seelenverfassung  in  das 
blofie  Anerkennenwollen  des  Phanomenalismus  hineinf  iihrt. 
Es  ist  Furcht,  Schrecken,  die  sich  der  Mensch  nur  nictit  ge- 
steht,  die  er  gerade  herunterdrangen  will.  Weil  er  scheut, 
alles  Sinnliche  zu  verlassen  und  den  Sprung  iiber  den  Ab- 
grund  zu  tun,  deshalb  nimmt  er  das  Sinnliche,  fordert  das 
Gespenstige  und  kommt  dadurch  nur  zu  dem  Absterben- 
den,  zu  dem  Sich-Ertotenden.  Das  ist  die  eine  Irrtumsquelle. 

Die  andere  Kraft  der  Seele,  die  sich  durch  die  oft  hier 
geschilderten  Ubungen  verstarkt,  ist  die  Selbstliebe,  der 
Selbstsinn.  Die  Selbstliebe  hat  zu  ihrem  anderen  Pol  das 
«Au£ersichkommen».  Das  —  verzeihen  Sie  den  Ausdruck, 
er  ist  zwar  radikal  gewahlt,  aber  bezeichnet  doch  das,  um 
was  es  sich  handelt  -  das  «In-sich-seinen-Gefallen-Finden» 
ist  nur  die  eine  Seite.  Die  andere  besteht  in  dem  «Sich-an- 
die-Welt-Verlieren»,  in  dem  Sichhingeben  und  Aufgehen 
und  Sichwohlfiihlen  in  dem  andern,  und  die  entsprechende 
Verstarkung  dieses  selbstsiichtigen  AuEersichkommens  ist 
die  Ekstase  in  ihrem  Extrem.  Das  ist  die  Herbeifuhrung 
eines  Zustandes,  wobei  der  Mensch  in  einer  gewissen  Be- 
ziehung  sich  sagen  kann,  er  sei  von  sich  losgekommen.  Aber 
er  ist  nur  so  von  sich  losgekommen,  dafi  er  in  dem  Aufier- 
sichsein  eigentlich  so  recht  das  Wohlsein  seines  Selbstes 
fiihlt. 

Nun,  wenn  der  Seelenkenner  die  mystische  Entwickelung 
der  Welt  durchgeht,  so  findet  er,  dafi  ein  grofier  Teil  der 
Mystik  auf  der  eben  charakterisierten  Erscheinung  beruht. 


So  Grofies,  so  Gewaltiges  im  Seelenerleben,  so  Tiefes  und 
Bedeutsames  die  Mystik  auf  der  einen  Seite  zutage  fordern 
kann  -  die  Irrtumsmoglichkeiten  der  Ekstase  wurzeln  im 
Grunde  genommen  in  der  falschen  Ausbildung  des  mysti- 
schen  Sinnes  des  Menschen.  Wenn  der  Menschdanachstrebt, 
immer  mehr  und  mehr  in  sich  hineinzugehen,  wenn  er  so- 
zusagen  durch  das,  was  er  oflmals  die  Vertiefung  seines 
Seelenlebens  nennt,  danach  strebt,  wie  er  sagt,  «in  sich  den 
Gott  zu  finden»,  so  ist  dieser  Gott,  den  der  Mensch  in  sei- 
nem  Inneren  findet,  oft  nichts  anderes  als  sein  eigenes,  zum 
Gott  gemachtes  Ich.  Bei  vielen  Mystikern  finden  wir,  wenn 
sie  von  dem  «Gott  im  Innern»  sprechen,  nichts  anderes  als 
das  zum  Gott  hinaufgestempelte  Ich.  Und  mystische  In- 
Gott-Versenkung  ist  manchmal  nichts  anderes  als  Versen- 
kung  in  das  eigene  Hebe  Ich,  namentlich  in  Partien  des 
eigenen  Ichs,  in  die  man  nicht  mit  dem  vollen  Bewufitsein 
hineindringt,  so  dafi  man  sich  an  dasselbe  hingibt,  sich  an 
dasselbe  verliert,  aufier  sich  kommt,  und  doch  nur  in  sich 
bleibt.  Vieles,  was  als  Mystik  uns  entgegentritt,  zeigt,  wie 
Gottesliebe  oft  nur  verkappte  Selbstliebe  bei  den  falschen 
Mystikern  ist. 

Der  wirkliche  Geistesforscher,  der  sich  auf  der  einen  Seite 
hiiten  mufi  vor  dem  Hereintragen  der  au£eren  Sinneswelt 
in  die  hoheren  Welten,  er  mufi  sich  auf  der  anderen  Seite 
audi  vor  dem  anderen  Extrem  hiiten,  vor  der  falschen  My- 
stik, dem  Aufiersichkommen.  Er  darf  nie  verwechseln  die 
Liebe  zum  geistigen  Wesen  der  Welt  mit  Selbstliebe.  In  dem 
Augenblick,  wo  er  dies  verwechselt,  tritt  dann  -  wie  der 
wirkliche  Geistesforscher,  der  sich  richtig  entwickelt,  kon- 
statieren  kann  -  das  Folgende  ein.  Wie  der  nach  dem  Pha- 
nomenalismus  Drangende  nur  gieichsam  die  Abfalle,  das 
Sich-Ertotende  der  geistigen  Welt  schaut,  so  sieht  der,  wel- 
cher  sich  nur  dem  anderen  Extrem  hingibt,  nicht  geistige 


Tatsadien  und  Wesenheiten,  sondern  nur  ihre  einzelnen 
Teile.  Er  madit  in  der  geistigen  Welt  das,  was  etwa  nicht 
der  macht,  welcher  die  Blumen  einer  Wiese  betrachtet,  son- 
dern was  derjenige  macht,  der  das,  was  auf  dem  Felde 
wachst,  abtrennt,  zerteilt,  zerkocht  und  ifit.  Der  Vergleich 
ist  ja  sonderbar,  aber  durchaus  zutreffend.  Durdi  die  Ek- 
stase  werden  die  geistigen  Tatsadien  nicht  in  ihrer  Ganzheit, 
nicht  in  ihrer  Totalitat  erfafit,  sondern  nur  in  dem,  was  der 
eigenen  Seele  wohltut  und  f rommt,  was  sie  geistig  verzehren 
kann.  Im  Grunde  genommen  ist  es  ein  Verzehren  geistiger 
Substantialitat,  was  sich  durch  die  Ekstase  im  Menschen 
ausbildet.  Und  ebensowenig,  wie  man  die  Dinge  dieser 
Sinneswelt  in  ihrem  innern  Wesen  dadurch  erkennt,  dafi 
man  sie  ilk,  ebensowenig  erkennt  man  die  Krafte  und  We- 
senheiten  der  geistigen  Welt  dadurch,  dafi  man  sich  in  Ek- 
*  stase  begibt,  um  nur  das  eigene  Selbst  zu  durchgluhen  mit 
dem,  was  einem  wohltut.  Man  kommt  da  nur  zu  einer  be- 
stimmten  Erkenntnis  des  eigenen  Selbst  im  Verhaltnis  zur 
geistigen  Welt.  Man  lebt  nur  in  einem  gesteigerten  Selbst- 
sinn,  in  einer  gesteigerten  Selbstliebe,  und  weil  man  aus  der 
geistigen  Welt  nur  das  hereinnimmt,  was  man  geistig  ver- 
zehren kann,  was  man  geistig  essen  kann,  macht  man  sich 
dessen  verlustig,  was  man  nicht  so  behandeln  kann,  was 
aufier  dem  durch  die  Ekstase  zu  Geniefienden  steht.  Das  ist 
aber  der  grofite  Teil  der  geistigen  Welt.  Dadurch  verarmt 
der  in  der  Ekstase  stehende  Mystiker  immer  mehr  und 
mehr,  und  wir  finden  bei  dem  durch  die  Ekstase  in  die 
geistige  Welt  aufsteigenden  Mystiker  so  recht,  wie  er  in 
sich  immer  wiederholenden  Gefuhlen  und  Empfindungen 
schwelgt.  Manche  Darstellung  nimmt  sich  so  aus,  daft  man 
herausfuhlt  nicht  eine  objektive  Darstellung  der  Verhalt- 
nisse  der  geistigen  Welt,  sondern  das  Schwelgen  desjenigen, 
der  die  Darstellung  gegeben  hat,  in  dem,  was  er  darin  dar- 


stellt.  Viele  Mystiker  sind  eigentlich  nichts  anderes  als 
geistige  Feinschmecker,  und  die  iibrige  geistige  Welt,  die 
ihnen  nicht  schmeckt,  ist  nicht  fiir  sie  da. 

Wir  sehen  wieder,  wie  sich  dieBegriffe  umwandeln,  wenn 
wir  aus  der  gewohnlidien  Welt  in  die  hoheren  Welten  auf- 
steigen.  In  der  gewohnlidien  Welt  werden  wir,  wenn  wir 
uns  nur  mit  unsern  eigenen  Begriffen  beschaftigen,  immer 
armer  und  armer.  Unsere  Logik  wird  immer  armer  und 
armer.  Wir  finden  uns  zuletzt  nicht  mehr  zurecht,  undjeder, 
der  die  Tatsachen  kennt,  kann  uns  korrigieren.  In  der  ge- 
wohnlidien Welt  korrigieren  wir  diese  Verarmung  eben 
dadurch,  dafi  wir  unsere  BegrifTe  erweitern.  Auf  dem  gei- 
stigen  Felde  fuhrt  das  Entsprechende  der  Ekstase  zu  etwas 
anderem.  Denn  dadurch,  dafi  wir  Realitaten  in  uns  herein- 
nehmen  und  nicht  etwas  Unwirkliches,  aber  nur  einzelne 
Teile  hereinnehmen,  nachdem  wir  uns  das  Passende  heraus- 
gesucht  haben,  bekommen  wir  eine  Anschauung  von  der 
geistigen  Welt,  die  nur  uns  selber  angepalk  ist.  Wir  tragen 
uns  in  die  geistige  Welt  hinein,  wie  wir  auf  der  anderen 
Seite,  im  Phanomenalismus,  die  Sinneswelt  in  die  geistige 
Welt  hereintragen.  Es  wird  sich  immer  bei  demjenigen,  der 
zur  Ekstase  und  dadurch  zu  einem  falschen  Weltbilde 
kommt,  nachweisen  lassen,  dafi  er  von  einer  ungesunden 
Urteilskraft  ausgeht,  von  einer  nicht  umfassenden  Tat- 
sachenlogik. 

So  sehen  wir,  wie  der  Geistesforscher  die  beiden  Extreme 
vermeiden  mufi,  die  ihm  alle  moglichen  Quellen  des  Irr- 
tums  in  den  Weg  bringen,  Phanomenalismus  auf  der  einen 
Seite,  die  Ekstase  auf  der  anderen  Seite.  Und  zur  Vermei- 
dung  der  Irrtumsquellen  wird  nichts  besser  sein,  als  wenn 
der  Geistesforscher  namentlich  eine  Seelenstimmung  aus- 
bildet,  die,  durch  welche  er  in  der  Lage  ist,  wenn  er  sich  in 
die  geistige  Welt  versetzen  will,  in  dieser  geistigen  Welt 


audi  sein  zu  konnen,  ruhig  in  derselben  beobachten  zu  kon- 
nen;  dann  aber,  weil  man  ja  nicht  immer  in  der  geistigen 
Welt  sein  kann,  so  lange  man  im  physischen  Leibe  ist,  son- 
dern  audi  mit  der  physischen  Welt  leben  mu£,  in  der  phy- 
sischen Welt  moglichst  nach  dem  zu  streben,  daft  man  mit 
gesundem  Sinn,  ohne  Schwelgerei  und  Unwahrhaftigkeit, 
die  Tatsachen  des  Lebens  auf  f  afit. 

In  einem  noch  viel  hoheren  Mafte  als  gewohnlich  ist  fur 
den  Geistesforscher  notwendig  ein  gesunder  Tatsachensinn, 
ein  echtes  Gefiihl  fur  Wahrhaftigkeit.  Alle  Schwarmerei, 
alle  Ungenauigkeit,  die  so  leicht  iiber  das  hinweghuscht, 
was  wirklich  ist,  ist  beim  Geistesforscher  vom  Obel.  Sieht 
man  es  schon  im  gewohnlichen  Leben,  so  wird  es  auf  dem 
Gebiete  der  Geistesschulung  sofort  klar,  daft  der,  welcher 
sich  nur  ein  wenig  gehenlaftt  in  bezug  auf  Ungenauigkeit, 
merken  lassen  wird,  daft  von  der  Ungenauigkeit  bis  zur 
Luge,  zur  Unwahrhaftigkeit,  nur  ein  ganz  kleiner  Schritt 
ist.  Daher  mufi  beim  Geistesforscher  das  Bestreben  vor- 
liegen,  sich  verpflichtet  zu  fiihlen,  der  schon  im  gewohn- 
lichen Leben  vorhandenen  unbedingten  Wahrheit  in  nichts 
nachzugeben  und  nichts  zu  vermischen,  denn  jedes  Ver- 
mischen  fiihrt  in  der  geistigen  Welt  von  Irrtum  zu  Irrtum. 

Es  sollte  in  denjenigen  Kreisen,  die  irgend  etwas  mit 
Geistesforschung  zu  tun  haben  wollen,  vorallemdieberech- 
tigte  Meinung  sich  verbreiten,  daft  ein  aufteres  Kennzeichen 
des  wahren  Geistesf  orschers  seine  Wahrhaftigkeit  sein  mufi, 
und  daft  der  Geistesforscher  in  dem  Augenblick,  wo  er  zeigt, 
daft  er  keine  Verpflichtung  fuhlt,  das  zu  priifen,  was  er 
sagt,  sondern  Dinge  hinspricht,  die  er  iiber  die  physische 
Welt  nicht  wissen  kann,  audi  bruchig  wird  als  Geistesfor- 
scher und  nicht  mehr  ein  voiles  Vertrauen  geniefien  kann. 
Das  hangt  mit  den  Bedingungen  der  Geistesforschung  selber 
zusammen. 


Immer  und  immer  muE  aber,  wenn  so  wie  heute  wieder 
iiber  die  Gebiete  der  geistigen  Forschung  und  der  geistigen 
Wissenschaft  gesprochen  wird,  darauf  aufmerksam  gemacht 
werden,  daft  jenes  Urteil  unberechtigt  ist,  welches  etwa 
lautet:  Es  kann  aber  dann  doch  nur  der  Geistesforscher  in 
die  geistige  Welt  hineinschauen,  und  der  jenige  kann  sie  nicht 
erkennen  und  verstehen  und  begreifen,  der  noch  nicht  ein 
Geistesforscher  geworden  ist.  -  Nun  ersehen  Sie  zwar  aus 
den  Schilderungen  des  Buches  «Wie  erlangt  man  Erkennt- 
nisse  der  hoheren  Welten?  »  und  auch  aus  den  Darstellun- 
gen  in  meiner  «Geheimwissenschaft»,  daft  in  unserem  heu- 
tigen  Zeitalter  bis  zu  einem  gewissen  Grade  jeder  Mensch, 
wenn  er  sich  nur  die  entsprechende  Miihe  gibt,  ein  Geistes- 
forscher werden  kann,  in  welcher  Lebenslage  er  auch  steht. 
Aber  trotzdem  ist  es  auch  moglich,  daft  man,  ohne  Geistes- 
forscher zu  sein,  die  Schilderungen  iiber  die  geistigen  Welten 
verstehen  kann. 

Nicht,  um  die  Mitteilungen  aus  den  geistigen  Welten  zu 
verstehen,  sondern  um  sie  aufzufmden,  um  zu  erforschen, 
was  in  den  geistigen  Welten  vorhanden  ist,  ist  es  notwendig, 
daft  man  Geistesforscher  sein  mufi.  Wie  man  ein  Maler 
sein  muf$,  um  ein  Bild  zu  malen,  aber  kein  Maler  sein 
braucht,  um  das  Bild  zu  verstehen,  so  geniigt  fur  das  Ver- 
stehen der  Mitteilungen  aus  den  geistigen  Welten  der  ge- 
sunde  Menschenverstand.  Zum  Forschen  in  der  geistigen 
Welt  gehort,  daft  der  Mensch  mit  den  hoheren  Beobach- 
tungsorganen  ausgenistet  ist.  Wenn  aber  das,  was  so  er- 
forscht  ist,  in  die  Begriffe  der  gewohnlichen  Welt  gebracht 
wird,  wie  es  hier  ofl  versucht  worden  ist,  dann  kann  der 
gesunde  Menschenverstand,  wenn  er  nur  vorurteilslos  genug 
ist  und  sich  nicht  irgendwelche  Steine  in  den  Weg  werfen 
laJ&t,  das  begreifen,  was  durch  die  Geistesforschung  zutage 
gef ordert  wird.  Man  mochte  sagen,  mit  der  Geistesforschung 


ist  es  so  wie  mit  dem,  was  unter  der  Erde  wachst,  und  was 
nur  gefunden  wird,  wenn  man  bergmannisch  in  die  Erde 
hineinbohrt.  Was  man  da  findet,  das  kann  nur  so,  wie  es 
innerhalb  der  Erde  vorhanden  ist,  entstehen,  wenn  es  in 
den  Schichten  der  Erde  gedeiht,  die  von  den  oberen  bedeckt 
sind.  Auf  der  Oberflache  der  Erde,  die  taglich  von  der 
Sonne  beschienen  ist,  konnte  das  nicht  entstehen  und  ge- 
deihen,  was  unten  in  den  Tiefen  ist.  Aber  wenn  wir  dann 
eine  OfFnung  machen  und  das  Sonnenlicht  hineinlassen, 
dann  kann  die  Sonne  beleuchten,  was  unten  ist,  dann  kann 
im  Sonnenlichte  alles  ersdieinen.  So  ist  es  mit  dem,  was 
durch  die  geisteswissenschaftliche  Forschung  gewonnen  wird: 
es  kann  nur  zutage  gefordert  werden,  wenn  sich  die  Seele 
zum  Wahrnehmungsorgan  fiir  die  geistige  Welt  umgebildet 
hat.  Ist  es  aber  in  die  Begriffe  und  Vorstellungen  des  ge- 
wohnlichen Lebens  gebracht,  dann  kann  der  Menschenver- 
stand,  wenn  er  nur  gesund  genug  dazu  ist,  gleichsam  wie 
geistiges  Sonnenlicht  alles  beleuchten  und  verstehen.  So  ist 
die  ganze  geistige  Wissenschaft  fiir  den  gesunden  Menschen- 
verstand  zu  begreifen.  Wie  die  ganze  Malerei  nicht  blofi 
fiir  den  da  ist,  der  selbst  Maler  ist,  so  sind  die  Mitteilungen 
iiber  die  geistigen  Welten  nicht  nur  fiir  den  geisteswissen- 
schaftlichen  Forscher  selbst  da,  trotzdem  Bilder  nur  ent- 
stehen konnen  durch  die  Maler,  und  die  geistigen  Welten 
nur  erforscht  werden  konnen  durch  die  Geistesforscher. 

Wer  da  glaubt,  daiS  mit  den  Mitteln  des  gewohnlichen 
Verstandes  nicht  begriffen  werden  konne,  was  aus  den  Mit- 
teilungen des  Geistesforschers  kommt,  der  sieht  die  Natur 
und  Wesenheit  des  menschlichen  Denkvermogens  gar  nicht 
richtig  an.  Im  Denkvermdgen  des  Menschen  sind  Fahig- 
keiten,  die  durchaus  im  Zusammenhange  stehen  mit  der 
Natur  der  hoheren  Welten.  Und  nur  weil  der  Mensch  ge- 
wohnt  ist,  mit  seinen  BegrifFen  nur  an  die  gewohnlichen 


Sinnesdinge  heranzutreten,  deshalb  glaubt  er,  dafi  ihm  die 
gewohnliche  Urteilsfahigkeit  entschwindet,  wenn  ihm  die 
iibersinnlichen  Tatsachen  vorgehalten  werden.  Wer  aber 
seine  Denkmoglichkeiten  entwickelt,  der  kann  sie  so  aus- 
bilden,  dafi  sie  erfassen  konnen,  was  durch  die  Geistes- 
forschung  zutage  gefordert  wird.  Man  darf  sich  nur  nicht 
von  vorneherein  eine  gewisse  Vorstellung  machen,  wie  man 
etwas  begreifen  kann.  Das  ergibt  sich  aus  der  Betrachtung 
selbst.  Wenn  man  sich  eine  bestimmte  Vorstellung  macht, 
wie  man  begreifen  soli,  dann  gibt  man  sich  wieder  gegen- 
iiber  der  Geistesforschung  einem  bedenklichen  Irrtume  hin. 

Das  ist  der  zweite  Gesichtspunkt,  der  besonders  krafi 
wieder  in  dem  neuen  Buche  von  Maurice  Maeterlinck  her- 
vortritt.  Denn  es  ist  besonders  krafi,  daiS  ein  Geist,  dessen 
Blick  auf  die  geistige  Welt  hingerichtet  sein  will,  der  feine 
Bemerkungen  iiber  verschiedene  Dinge  gemacht  hat  und 
auch  selbst  versucht  hat,  die  Geheimnisse  der  geistigen  Welt 
dramatisch  darzustellen,  dafi  dieser  Geist  in  dem  Augen- 
blicke,  wo  er  an  die  wirkliche  Geisteswissenschaft  heran- 
treten  soil,  sich  so  recht  unzulanglich  erweist.  Denn  er  ver- 
langt  eine  bestimmte  Art  des  Begreifens:  nicht  die  Art, 
welche  sich  aus  den  Dingen  selbst  ergibt,  sondern  die, 
welche  er  sich  ertraumt,  von  der  er  glaubt,  dafi  sie  als  be- 
weisend  auftreten  mull.  So  entsteht  das  hochst  Sonderbare, 
dafi  Maeterlinck  nur  einen  gewissen  Glauben  iiberhaupt 
findet  in  dem,  was  Theosophie  oder  Geisteswissenschaft  zu 
sagen  hat  —  und  zwar  mit  einer  gewissen  aufieren  Berech- 
tigung  zu  sagen  hat,  nicht  mit  einer  nur  inneren  Berech- 
tigung,  die  verwandt  ware  mit  einem  gewissen  Urglauben 
der  Menschheit  — ,  wenn  sie  heute  iiber  die  wiederholten 
Erdenleben  spricht.  Er  nennt  es  einen  Glauben,  weil  er  nicht 
einsehen  kann,  dafi  es  sich  hierbei  nicht  um  einen  Glauben, 
sondern  um  ein  Wissen  handelt.  So  findet  er,  dafi  das  Sich- 


fortentwickelnde  im  Menschen,  das  von  Leben  zu  Leben 
geht,  sich  nicht  beweisen  lasse,  weil  er  eine  bestimmte  Vor- 
stellung  vom  Beweisen  hat. 

Es  gleicht  Maeterlinck  auf  diesem  Gebiete  gewissen  an- 
deren  Leuten.  Bis  vor  kurzer  Zeit  hat  es  eine  Art  Glauben, 
einen  gewissen  geometrisch-mathematischen  Glauben  ge- 
geben,  der  sich  zusammenfafite  in  den  Worten  «die  Qua- 
dratur  des  Zirkels  «,  das  heifit,  man  suchte  durch  ein  ge- 
wisses  mathematisch-rechnerisches  und  konstruktives  Den- 
ken  dasjenige  Quadrat,  welches  an  Flacheninhalt  oder  Urn- 
fang  dem  Kreise  gleichkame.  Diese  Aufgabe  war  sozusagen 
ein  Ideal,  nach  dem  man  immer  gestrebt  hat,  die  Verwand- 
lung  des  Kreises  in  ein  Quadrat.  Nun,  kein  Mensch  wird 
daran  zweif ein,  dafi  es  ein  Quadrat  geben  kann,  das  genau 
so  grofi  ist  wie  ein  Kreis.  In  der  Realitat  kann  das  selbst- 
verstandlich  durchaus  vorhanden  sein.  Aber  unmoglich  ist 
es,  mit  mathematischen  Konstruktionen  oder  mit  rechneri- 
schen  Dingen  zu  zeigen,  wie  etwa  der  Durchmesser  eines 
Kreises  sein  miifite,  der  einem  bestimmten  Quadrat  gleich- 
kame. Das  heilk,  das  mathematische  Denken  reicht  nicht 
aus,  um  das,  was  ja  wirklich  ist,  was  physisch  ist,  zu  be- 
weisen. Es  hat  unzahlige  Menschen  gegeben,  welche  an  der 
Quadratur  des  Zirkels  arbeiteten,  bis  neuere  Mathematiker 
den  Beweis  geliefert  haben,  daft  es  uberhaupt  nicht  mog- 
lich  ist,  dieses  Problem  auf  diesem  Wege  zu  losen.  Heute 
gilt  jemand,  der  noch  das  Problem  der  Quadratur  des  Zir- 
kels zu  losen  versuchte,  als  einer,  der  die  Mathematik  auf 
diesem  Gebiete  nicht  kennt. 

Genauso,  wie  solche  Leute  sich  zur  Quadratur  des  Zirkels 
verhalten  haben,  so  verhalt  sich  Maeterlinck  zu  dem,  was 
er  zu  beweisen  sucht.  Man  kann  die  geistige  Welt  verstehen, 
kann  erfassen,  dafi  das,  was  durch  die  Geistesforschung  zu- 
tage  kommt,  real  ist.  Aber  man  kann  nicht,  wenn  man  aus 


Vorurteilen  heraus  eine  bestimmte  Art  des  Beweises  ver- 
langt,  diese  geistige  Welt  beweisen,  ebensowenig  wie  man 
in  mathematischer  Weise  die  Quadratur  des  Zirkels  bewei- 
sen kann.  Es  mufite  daher  Maeterlinck  auf  seine  Ausfiih- 
rungen  hin  erwidert  werden,  dafi  er  auf  geistigem  Gebiete 
die  Quadratur  des  Zirkels  sucht.  Oder  es  mufite  ihm  gezeigt 
werden,  wie  die  Begriffe,  durch  weldie  er  eine  geistige  Welt 
beweisen  mochte,  verschwinden,  wenn  der  Mensdi  durch 
die  Pforte  des  Todes  tritt.  Wie  sollte  man  mit  solchen  Be- 
griffen,  die  aus  der  Sinneswelt  entnommen  sind,  die  geistige 
Welt  beweisen  konnen!  Aber  Maeterlinck  steht  auf  solchem 
Boden,  und  es  ist  aufierordentlich  interessant,  dafS  er,  wenn 
er  sich  seinem  gesunden  Gefuhl  iiberlafit,  gar  nicht  einmal 
umhin  kann,  die  wiederholten  Erdenleben  anzuerkennen. 
Es  ist  aufterordentlich  interessant,  wie  er  sich  iiber  das  aus- 
spricht,  was  ein  Wissen  ist,  was  er  einen  Glauben  nennt, 
und  ich  mochte  dariiber  seine  Worte  selbst  in  der  Ober- 
setzung  hier  vorlesen: 

«...  Denn  nie  gab  es  einen  Glauben,  der  schoner,  gerech- 
ter,  reiner,  moralischer,  fruchtbarer,  trostlicher  und  in  einem 
gewissen  Sinne  wahrschemlicher  ist,  als  der  ihre.  Er  allein 
gibt  mit  seiner  Lehre  von  der  allmahlichen  Siihne  und  Lau- 
terung  alien  korperlichen  und  geistigen  Ungleichheiten, 
allem  sozialen  Unrecht,  alien  emporenden  Ungerechtig- 
keiten  des  Schicksals  einen  Sinn.  Aber  die  Giite  eines  Glau- 
bens  ist  kein  Beweis  fur  seine  Wahrheit.  Obwohl  sechshun- 
dert  Millionen  Menschen  dieser  Religion  huldigen,  obwohl 
sie  den  in  Dunkel  gehiillten  Urspriingen  am  nachsten  steht, 
obwohl  sie  die  einzige  nicht  gehassige  und  von  alien  am 
wenigsten  abgeschmackt  ist,  hatte  sie  das  tun  miissen,  was 
die  andren  nicht  taten:  uns  unverwerfliche  Zeugnisse  zu 
bringen.  Denn  was  sie  uns  bisher  gab,  ist  nur  der  erste 
Schatten  vom  Anfang  eines  Beweises. » 


Das  heiftt  mit  anderen  Worten:  Maeterlinck  sudit  auf 
diesem  Gebiete  die  Quadratur  des  Zirkels.  Wir  sehen  ge- 
rade  an  diesem  Beispiele  so  recht  klar  und  deutlich,  wie 
jemand,  der  nur  dies  denken  kann,  daft  das  Heil  der  Gei- 
stesforschung  in  dem  einen  Extrem,  in  dem  Phanomenalis- 
mus  liegt  -  das  zeigen  alle  seine  Ausfiihrungen  — ,  gar  nicht 
dieBedeutung  und  das  wirkliche  Wesen  dieser  geisteswissen- 
schaftlichen  Forschung  ins  Auge  fassen  kann.  Aus  einer 
soldien  Erscheinung  wie  gerade  Maeterlinck  ist  viel  zu  ler- 
nen.  Es  ist  das  zu  lernen,  daft  die  Wahrheiten,  die  sich  der 
Weltentwickelung  des  Menschen  einzufiigen  haben,  da,  wo 
sie  zunachst  auftreten,  wirklich  in  der  Lage  sind,  die 
Schopenhauer  mit  den  hier  schon  einmal  bezeichneten  Wor- 
ten charakterisiert  hat:  In  alien  Jahrhunderten  hat  die  arme 
Wahrheit  dariiber  erroten  miissen,  dafi  sie  paradox  war  — 
Maeterlinck  kommt  sie  sogar  «unglaubhafl»  vor  und  es 
ist  dock  nicht  ihre  Schuld.  Sie  kann  nicht  die  Gestalt 
des  thronenden  allgemeinen  Irrtums  annehmen.  Da  sieht 
sie  seufzend  auf  zu  ihrem  Schutzgott,  der  Zeit,  welcher 
ihr  Sieg  und  Ruhm  zuwinkt,  aber  dessen  Flugelschlage 
so  grofi  und  langsam  sind,  daft  das  Individuum  dariiber 
hinstirbt. 

So  geht  es  mit  dem  Gange  der  Geistesentwickelung  der 
Menschheit.  Und  interessant  und  lehrreich  mufi  es  uns  sein, 
daft  selbst  die  Besten  in  der  Gegenwart,  ja,  gerade  solche 
Menschen,  die  mit  vielen  Fasern  ihres  Seelenlebens  mit  einer 
geistigen  Welt  zusammenhangen  wollen,  den  Nerv  der 
eigentlichen  Geisteswissenschaft  nicht  zu  erfassen  in  der 
Lage  sind.  Sondern  gerade,  wo  es  sich  um  die  Kennzeich- 
nung  des  Weges  zu  den  beiden  Irrtumsmoglichkeiten  han- 
delt,  da  straucheln  sie,  weil  sie  nicht  wagen  den  Sprung 
iiber  den  Abgrund,  weil  sie  benutzen  wollen  die  Anlehnung 
an  die  gewohnliche  Welt  im  Phanomenalismus.  Oder  wenn 


nicht  das,  so  suchen  sie,  wenn  sie  es  audi  nicht  bemerken, 
eine  Erhohung  des  Selbstsinnes  in  der  Ekstase. 

Nicht  um  den  Charakter  einzelner  IrrtumsmogHchkeiten 
nur  kennenzulernen,  kann  es  sich  handeln,  sondern  um 
das,  was  die  Menschheit  zu  vermeiden  hat,  wenn  man  die 
Quellen  des  geisteswissenschaftlichen  Irrtums  kennenlernen 
und  verstopfen  lernen  soli.  Aus  der  Art  und  Weise,  wie 
die  heutige  Betrachtung  angestellt  worden  ist,  kann  sich 
aber  das  eine  vielleicht  ergeben:  Die  Geistesforschung  mufi 
die  Quellen  der  Irrtiimer  kennen.  Denn  die  Versuchung  ist 
in  der  Seele  immer  vorhanden,  entweder  nach  dem  Phano- 
menalismus  abzuirren,  also  geistig  ohnmachtig  der  geistigen 
Welt  gegeniiberzustehen,  oder  nach  der  Seite  der  Ekstase 
abzuirren,  das  heiftt  mit  unzulanglichen  Geistesorganen  in 
die  geistige  Welt  hineingehen  zu  wollen  und  nur  einzelne 
Stiicke  und  keine  zusammenhangenden  Tatsachen  aufzu- 
nehmen.  Zwischen  beiden  Extremen  geht  der  Weg  hindurch. 
Man  mu£  die  Irrtumsmoglichkeiten  kennen.  Aber  man 
mufi,  weil  sie  bei  jedem  Schritt  in  das  geistige  Leben  auf- 
treten  konnen,  sie  nicht  nur  kennen,  sondern  man  mufi  sie 
iiberwinden.  Denn  die  Ergebnisse  der  Geistesforschung  sind 
nicht  nur  Forschungsresultate,  sondern  sie  sind  auch  Siege, 
Oberwindungen  der  Irrtiimer,  Uberwindungen  von  An- 
schauungen,  die  vorher  gewonnen  sind,  Oberwindungen  des 
Selbstsinnes  und  anderes. 

Wer  tiefer  in  das  eindringt,  was  heute  nur  skizzenhaft 
zu  schildern  versucht  worden  ist,  der  wird  bemerken,  daft 
wir,  wenn  auch  alluberall,  wo  wir  zur  Erforschung  des  gei- 
stigen Lebens  hintreten  konnen,  die  Irrtumsmoglichkeiten 
so  furchtbar  lauern  konnen,  daft  wir  trotzdem  den  Irrtum 
immer  wieder  iiberwinden  miissen.  Er  wird  bemerken,  daft 
die  Geistesforschung  nicht  nur  einer  umiberwindlichen  Sehn- 
sucht  entspricht  nach  dem,  was  der  Mensch  zur  Sicherheit 


seines  Lebens  braucht,  sondern  daft  audi  ihr  Ziel  fiir  den, 
der  ihreBewegungverstandnisvoll  betrachtet,  durchaus  dem 
gesunden  Mensdiensinne  als  ein  erreidibares  erscheinen 
mu£.  Empfindungsgemafi  zusammenfassend,  was  der  heu- 
tige  Vortrag  nahebringen  sollte,  mochte  ich  sagen:  Trotz 
alien  Widerstanden,  trotz  alien  Dingen,  die  sich  der  Geistes- 
forsdiung  feindlich  in  den  Weg  stellen  konnen,  kann  dodi 
derjenige,  welcher  mit  gesundem  Sinn  in  die  Ergebnisse 
geisteswissenschafllicher  Forschung  eindringt,  fiihlen  und 
empfinden,  daft  diese  Ergebnisse  der  Geistesforschung 
dringen 

durch  sdiwere  Seelenhindernisse, 
durch  wirre  Geistesfinsternisse, 
zur  ernsten  Klarheit, 
zur  liditen  Wahrheit! 


DIE  MORAL 
IM  LICHTE  DER  GEISTESFORSCHUNG 


Berlin,  3.April  1913 


Als  Plato,  der  grofie  griechische  Philosoph,  das  Gottliche  ge- 
wissermaften  definieren  oder  charakterisieren  wollte,  da  be- 
zeichnete  er  es  als  das  «Gute».  Und  Schopenhauer y  welcher 
in  vieler  Beziehung  Plato  nachstrebte,  sagte  einmal  in  seinen 
Schriften,  dafi  er  seine  philosophische  Anschauung  viel  mehr 
eine  «Ethik»  nennen  konnte,  als  Spinoza  das  tun  durfte, 
aus  dem  Grunde,  weil  er,  Schopenhauer,  ja  seine  ganze 
Weltanschauung  auf  die  Urkrafl:  des  Willens  begriindet 
habe,  und  also  etwas,  das  mit  den  innersten  moralischen 
Impulsen  der  menschlichen  Seele  zugleich  zusammenhangt, 
zu  der  Grundkraft  des  Weltalls  gemacht  habe;  wahrend 
Spinoza  -  so  meint  Schopenhauer  -  sein  System  so  aufge- 
baut  habe,  daft  in  den  hochsten  Weltenprinzipien  noch 
nicht  das  Moralische,  das  Ethische  als  solches  enthalten  sei. 

Schopenhauer  wollte  wie  Plato  damit  andeuten  -  und 
dasselbe  haben  ja  viele  philosophische  Weltanschauungen 
getan,  dafi  alles,  was  wir  in  der  Menschheitsentwickelung 
das  Moralische  nennen,  so  innig  und  so  tief  in  dieser 
Menschheitsentwickelung  begriindet  sei,  dafi  man  gar  nicht 
denken  konne,  das  Reich  des  Moralischen  umfasse  letzten 
Endes  nicht  auch  alles  blofi  natiirliche  Geschehen,  das  Reich 
des  Moralischen  lage  nicht  allem  zugrunde,  was  der  Mensch 
in  der  natiirlichen  oder  geistigen  Welt  ergriinden  kann  als 
das  Grundprinzip  und  die  Grundwesenheiten  der  Dinge. 
So  ware  ja  im  Sinne  solcher  Philosophen  das  Moralische 


im  Menschen  ein  Hereinnehmen  und  Hereinleuchten  des  die 
ganze  Welt  durchleuchtenden  Gottlich-Moralischen.  Und 
damit  ware  schon  gegeben,  dafi  selbstverstandlich  jede  Er- 
hebung  im  Sinne  einer  Weltanschauung  zu  den  Urgriinden 
des  Daseins  den  Menschen  audi  immer  naher  und  naher  den 
Quellen  der  moralischen  Weltimpulse  bringen  miifite. 

Wenn  man  nun  auch  mit  solchen  philosophischen  Welt- 
anschauungen  keineswegs  vollstandig  einverstanden  zu  sein 
braucht,  so  wird  man  doch  wieder  sagen  konnen,  dafi  solche 
Weltanschauungen  gerade  zu  einer  solchen  Meinung,  zu  einer 
solchen  Anschauung,  wie  sie  bei  Plato  und  Schopenhauer 
gezeichnet  worden  ist,  dadurch  kommen,  dafi  sie  die  ganze 
Wurde  und  Bedeutung  des  Moralischen  in  der  Menschheits- 
entwickelung  empfinden  und  daher  die  moralischen  Impulse 
in  den  Urgriinden  des  Weltendaseins  nicht  missen  mochten. 
Man  wird,  wenn  man  auch  theoretisch  nicht  vollstandig 
mit  solchen  Weltanschauungen  einverstanden  ist,  dennoch 
das  an  ihnen  lernen  und  begriindet  finden  konnen,  dafi  eine 
jegliche  Weltanschauung,  welche  in  das  menschliche  Leben 
und  in  das  menschliche  Handeln  eingreifen  soil,  gewisser- 
maften  gerechtfertigt  erscheinen  mujS  vor  dem  Richterstuhle 
der  Moral,  so  erscheinen  mufi,  da£  die  Moral  zu  ihr  ein 
unbedingtes  Ja  sagen  kann.  Daher  ist  die  Auseinander- 
setzung  einer  jeden  Weltanschauung  mit  den  moralischen 
Impulsen  des  Daseins  eine  Notwendigkeit.  Aus  solchen 
Untergrunden  heraus  ist  das  Thema  der  heutigen  Betrach- 
tung  gewahlt  worden,  welches  das  Verhaltnis  dessen,  was 
hier  als  Geisteswissenschaft  gemeint  ist,  zu  den  moralischen 
Prinzipien  und  Impulsen  der  Menschenseele  behandeln  soil. 

Nun  wird,  wenn  anmoralischeDingeherangetretenwird, 
fur  eine  einigermafien  sinnige  Betrachtungsweise  der  Dinge 
eine  gewisse,  man  mochte  sagen  heilige  Scheu  vor  dem  Ge- 
biete,  das  man  da  betritt,  von  vornherein  notwendig  ge- 


geben  sein.  Betritt  man  doch  dasjenige  Gebiet,  welches  zu 
Urteilen  hinblickt,  die  im  intensivsten  Sinne  iiber  Wert  und 
Unwert  der  Menschenseele  entscheiden  wollen,  und  ahnt 
man  doch  sofort,  wenn  man  dieses  Gebiet  betritt,  dafi  man 
damit  in  unergrundliche  Tiefen  des  menschlichen  Seelen- 
seins  hineingreift,  in  soldi  unergrundliche  Tiefen,  dajR  man 
gerade  auf  diesem  Gebiete  nicht  leichten  Herzens  mit 
irgendeinem  abschliefienden  Urteile  bei  der  Hand  sein 
mochte.  Auch  in  dieser  Beziehung  hat  Schopenhauer  einen 
bedeutungsvollen,  oft  zitierten  Ausspruch  getan:  «Moral 
predigen  ist  leicht,  Moral  begr linden  schwer.»  Was  meint 
Schopenhauer  mit  diesem  Ausspruch? 

Dafl  Moral  predigen  leicht  ist,  merkt  man  ja  gleich,  so- 
bald  man  in  das  menschliche  Leben  nur  ein  wenig  hinein- 
schaut.  Denn  es  wird  wohl  kaum  etwas  anderes  so  viel  in 
diesem  menschlichen  Leben  gepredigt,  als  Moral.  Es  wird 
iiber  nichts  so  viel  geurteilt  als  iiber  den  moralischen  Wert 
oder  Unwert  der  Seele.  Und  wenn  man  dieses  menschliche 
Leben  grundlich  betrachtet,  so  mufi  man  wieder  sagen:  Wie 
wenig  sind  doch  die  eigentlichen  Moralpredigten  geeignet, 
wirklich  in  die  Seelen  hineinzugreifen,  so  dafi  sie  diese 
Seelen  so  erfassen  wiirden,  dafi  die  Moralgrundsatze,  die 
der  eine  oder  andere  meint,  selbst  wenn  sie  klar  eingesehen 
werden,  auch  wirkliche  moralische  Impulse  in  den  Seelen 
seinkonnen!  -  Ja,  wie  leicht  kann  sich  mancher  selber  Moral 
predigen,  dem  es  ganz  und  gar  schwer  wird,  wirklich  mora- 
lischen Impulsen  zu  folgen.  Schopenhauer  meint,  alles,  was 
man  an  Grundsatzen,  an  moralischen  Formeln  oder  an 
moralischen  Vorschriften  predigen  kann,  sei  eigentlich  nicht 
bedeutungsvoll.  Bedeutungsvoll  ist  in  seinem  Sinne  nur, 
wenn  man  in  der  menschlichen  Seele  eine  Seelenkraft,  einen 
seelischen  Impuls  aufweisen  kann,  der  eben  als  eine  Wirk- 
lichkeit  in  der  Seele  ist  und  aus  dem  heraus  moralisches 


Handeln  entspringt.  Dann  wiirde  man  sagen  konnen,  man 
habe  auf  etwas  in  der  menschlichen  Seele  hingewiesen,  was, 
wenn  man  es  nur  sich  selber  iiberlaftt,  zu  einem  moralischen 
Handeln  hindrangt;  dann  habe  man  den  Grund  des  mora- 
lischen Handelns  in  der  Seele  gefunden.  Dann  habe  man 
Moral  begriindet,  weil  man  den  wirklichen  Impuls  in  der 
Seele  klargelegt  habe.  Dann  habe  man  nicht  blo£  Moral 
gepredigt. 

Nun  merkt  man  gerade  bei  einer  solchen  Forderung,  die 
so  berechtigt  wie  moglich  ist,  wie  schwierig  es  ist,  in  jene 
Tiefen  der  Menschenseele  hineinzudringen,  wo  die  mora- 
lischen Impulse  wirklich  schlummern,  wo  jene  Impulse  sit- 
zen,  aus  denen  Moralisches  oder  Unmoralisches  entspringt. 
Schwer  wird  es,  mit  unserem  Urteil  in  diese  Tiefen  hinein- 
zudringen. Setzen  wir  einen  bestimmten  Fall,  einen  Fall, 
der  uns  lehren  kann,  wie  schwierig  es  einer  gewissenhaften 
Seele  ist,  ein  Urteil  iiber  den  moralischen  Wert  oder  Un- 
wert  einer  menschlichen  Handlung  aufzubringen.  Nehmen 
wir  an,  irgendeine  bedeutende  Personlichkeit  setze  sich  aufs 
Pferd  und  reite  aus.  Auf  dem  Wege  finde  diese  bedeutende 
Personlichkeit  eine  arme  Frau,  welche  am  Wege  kauert. 
Diese  Personlichkeit,  die  auf  dem  Pferde  dahingaloppiert, 
sieht  da  die  Frau,  greift  in  die  Tasche,  nimmt  den  vollen 
Geldbeutel  heraus,  wirft  ihn  dieser  Frau  zu. 

Nun  haben  wir  eine  Handlung  vor  uns.  Es  handelt  sich 
jetzt  darum:  Wie  wollen  wir  im  Lichte  der  Moral  eine 
solche  Handlung  beurteilen?  Herman  Grimm,  von  dem  ich 
auch  schon  gesprochen  habe,  sagt  iiber  diese  Handlung,  die 
wirklich  einmal  bei  einer  weltberuhmten  Personlichkeit  vor- 
gekommen  ist,  das  Folgende.  Nehmen  wir  an,  die  Frau 
ware  aberglaubisch,  und  der  Fall  lage  so,  daft  die  Frau  eben 
vorgehabt  hatte,  fur  ihre  Kinder,  die  in  der  bittersten  Not 
sind,  in  der  nachsten  Zeit  einen  Diebstahl  zu  begehen.  Sie 


sei  dadurch,  dafi  ihr  der  Geldbeutel  von  diesem  Manne 
zugeflogen  ist,  behiitet  worden,  den  Diebstahl  zu  begehen 
und  zu  dem  Elend  ihrer  Familie  noch  grofteres  Elend  her- 
aufzubeschworen.  Sie  ist  aber  aberglaubisch,  sagt  Herman 
Grimm.  Warum  sollte  die  Frau  nun  nicht  sagen:  Durch 
diesen  Mann  ist  mir  ein  Engel  der  hoheren  Welten  erschie- 
nen,  und  dadurch  bin  ich  vor  dem  Abgrund  gerettet  worden. 

Da  haben  wir  durch  diese  Dinge,  die  durchaus  in  der 
Seele  dieser  Frau  vorkommen  konnen,  eine  Art  moralischer 
Behandlung.  Nehmen  wir  aber  an,  sagt  Herman  Grimm 
weiter,  diese  Personlichkeit,  welche  den  vollen  Geldbeutel 
jener  Frau  zugeworfen  hat,  komme  nachher  in  eine  Gesell- 
schafl  verschiedener  Menschen.  Der  erste  der  Menschen,  der 
von  dieser  Personlichkeit  selber  erzahlen  hort,  da£  sie  dies 
getan  habe,  meint:  Nun  ja,  ich  habe  ja  immer  gehort,  dafi 
diese  Personlichkeit  aufierordentlich  geizig  sei;  jetzt  sehe 
ich,  wie  unbedeutend  solche  Urteile  iiberall  sind!  -  Und  es 
konnte  sich  nun  eine  solche  Personlichkeit  des  weiteren  fur 
diesen  Mann  ins  Zeug  legen  -  meint  Herman  Grimm  -  und 
konnte  gleichsam  iiberall  zu  einer  Rektifizierung  des  Geruch- 
tes  iiber  den  Geiz  jener  hochstehenden  Personlichkeit  durch 
Verbreitung  der  «Gro$herzigkeit»  dieser  Personlichkeit 
beitragen.  Nehmen  wir  aber  an  —  meint  Herman  Grimm  — , 
eine  zweite  Personlichkeit  horte  dieselbe  Sache  erzahlen 
und  fiihlte  sich  dadurch  ganz  eigentiimlich  beruhrt;  denn 
diese  Personlichkeit,  nehmen  wir  an,  habe  vor  kurzer  Zeit 
sich  erst  eine  viel  geringere  Summe  von  jenem  Manne  aus™ 
leihen  wollen  als  in  der  Geldborse  war,  und  der  Mann  habe 
ihr  die  Summe  nicht  geliehen.  Wird  diese  Personlichkeit 
nicht  ganz  anders  urteilenPOder  eine  dritte  Personlichkeit— 
meint  Herman  Grimm  -  konnte  dabei  sein,  welche  in  dem 
Augenblick,  wo  sie  dies  hort,  selber  veranlalk  wird,  zu 
sagen:  Ja,  ich  bin  in  Verlegenheit;  kann  ich  nicht  selber 


etwas  bekommen?  -  Eine  solche  Personlichkeit  konnte  nun 
wieder  zu  einem  Urteile  kommen,  das  ganz  verschieden 
ware  sowohl  von  dem  der  Frau,  wie  von  dem  der  anderen 
Personlichkeiten.  Eine  vierte  Personlichkeit  konnte  viel- 
leicht  wissen,  wenn  dieses  Vorkommnis  erzahlt  wird,  dafi 
der  betreffende  Mann  gerade  in  jenem  Zeitpunkte  unge- 
heuer  viel  Schulden  hatte,  und  diese  Personlichkeit  wird 
nun  die  Handlung  wiederum  in  einem  ganz  anderen  mora- 
lischen  Lichte  sehen.  Sie  wird  vielleicht  sagen,  es  sei  ein 
grofies  Unrecht,  die  Geldborse  so  ohne  weiteres  hinzuwer- 
fen,  wenn  man  verpflichtet  ist,  seine  Schulden  zu  bezahlen, 
auf  welche  die  Glaubiger  uberall  warten.  Eine  weitere  Per- 
sonlichkeit konnte  wissen  -  meint  Herman  Grimm  -  dafi 
die  Geldborse  gar  nicht  jenem  Mann  selbst,  sondern  seiner 
Frau  gehort  habe,  und  dafi  der  Mann  leichtsinnig  die  Geld- 
borse seiner  Frau  hinge worf en  hat,  und  die  Frau  konnte 
also  klagen  iiber  den  Leichtsinn  dieses  Mannes.  Und  noch 
verschiedene  andere  Standpunkte  waren  moglich. 

So  sehen  wir,  wie  Menschen,  die  von  verschiedenen  Stand- 
punkten  ausgehen,  eine  solche  Handlung  ganz  verschieden 
beurteilen  konnten  und  gar  nicht  das  zu  tref¥en  brauchten, 
was  in  der  Seele  als  der  wahre  Impuls  lebte.  Herman  Grimm 
ergeht  sich  iiber  diesen  Fall  besonders  aus  dem  Grunde, 
weil  er  nachweisen  will,  wie  sehr  moralische  Urteile  mit 
einer  gewissen  Reserve  aufzunehmen  sind,  wenn  sie  uns 
iiber  eine  soldi  bedeutende  Personlichkeit  zum  Beispiel  in 
Memoiren  entgegentreten.  Alle  solche  Urteile  konnten  uns  ja 
in  Memoiren  entgegentreten,  denn  es  hat  sich  die  ganzeSache, 
die  ich  hier  vorbrachte,  wirklich  in  einer  ahnlichen  Lage 
abgespielt,  namlich  mit  dem  grofien  Dichter  Lord  Byron. 
Und  bei  Besprechung  eines  seiner  Memoirenschreiber,  der 
mit  Byron  bekannt  war,  kommt  Herman  Grimm  auf  den 
Fall  zu  sprechen.  Hier  soli  er  aus  dem  Grunde  angefiihrt  wer- 


den,  weil  dadurdi  so  recht  anschaulich  wird,  was  sicli  alles 
vorlagert  an  Lebensurteilen,  die  wir  auf  ganz  verschiedene 
Weisen  gewonnen  haben,  wenn  wir  darangehen,  irgendeine 
moralische  Tat  eines  Menschen  zu  beurteilen.  So  mufi  man 
tatsachlich  sagen,  ist  es  schon  im  allgemeinen  im  Sinne 
Schopenhauers  sdiwierig,  Moral  zu  begrunden,  so  wird  es 
geradezu  zu  etwas  Unmoglichem,  im  einzelnen  Falle  sich 
mit  einem  absdilieftendenmoralischen  Urteile  so  dem  Seelen- 
leben  eines  Menschen  zu  nahern,  dafi  dieses  abschliefiende 
moralische  Urteil  wirklich  den  Tatbestand  treffen  wiirde. 

Man  sollte  nun  aber  aus  diesen  Voraussetzungen  heraus 
nicht  etwa  selber  das  Urteil  gewinnen,  als  ob  man  der 
Moral  gegeniiber  gleichgiiltig  zu  sein  habe.  Im  Gegenteil! 
Wer  das  Leben  in  seiner  Ganzheit  erfafit,  wird  trotzdem 
die  Moral  als  das  Heiligste  im  Menschenleben  ansehen  und 
dabei  zu  dem  Urteile  kommen,  dafi  das  Heiligste  im  Men- 
schenleben zugleich  audi  mit  einer  heiligen  Scheu  angefafk 
werden  mufi.  Denn  es  ist  in  vieler  Beziehung  eine  Ver- 
messenheit,  sich  einem  anderen  Menschen  mit  einem  mora- 
lischen  Urteile  gegeniiberzustellen,  in  Anbetracht  des  Um- 
standes,  wie  vieles  die  eine  Seele  von  der  anderen  trennt. 

Stellen  wir,  nachdem  diese  Voraussetzungen  gemacht 
worden  sind,  nun  dasjenige  hin,  was  iiber  den  Charakter 
der  Geisteswissenschaft  in  diesen  verschiedenen  Vortragen 
hier  vorgebracht  ist.  Geisteswissenschan:  fiihrt  uns  auf  der 
einen  Seite  defer  in  die  geistigen  Grundlagen  der  Dinge 
hinein.  Aber  wir  haben  zugleich  gesehen,  wodurch  sie  dazu 
imstande  ist:  Es  ist  dadurch  moglich,  da£  wir  tieferliegende 
Krafte  unseres  Seelenlebens  blofilegen,  so  dafi  wir  die  gei- 
stigen Untergriinde  der  Welt  nur  dadurch  erfassen,  da£  wir 
die  in  den  Tiefen  der  Menschenseele  schlummernden  Krafte 
herauf holen.  Wir  nahern  uns  also  gerade  mit  den  Methoden 
der  Geistesforschung  den  tieferen  Untergriinden  des  mensch- 


lichen  Seelenlebens,  jenen  Untergrunden,  aus  denen  in  oft- 
mals  so  geheimnisvoller  Weise  die  moralischen  Impulse  her- 
vorquellen.  Und  die  Frage  mufi  sein:  Was  geschieht,  wenn 
in  den  Seelenuntergninden  jene  Forschungen,  welche  diese 
Seelenuntergriinde  heraufholen  wollen,  zusammentreffen 
mit  den  moralischen  Impulsen?  1st  es  ja  doch  im  gewohn- 
lichen  alltaglichen  Leben  der  physischen  Welt  so,  dafi  zu 
der  allereinfachsten  Menschenseele,  zu  der  ungelehrtesten 
Menschenseele  die  moralischen  Impulse  mit  einer  grofien 
Sicherheit  aus  den  Tiefen  herauf  sprechen  konnen.  Und  gar 
manchen  hochgelehrten  Menschen,  gar  manchen,  der  sich  viel- 
leicht  zu  den  Philosophen  zahlt  oder  ein  Wissenschaftler  ist, 
kann  auf  moralischem  Gebiete  eine  einfache  Personlichkeit 
beschamen,  welche  in  bezug  auf  Erkenntnis  nicht  viel  ihr 
eigen  nennt,  und  die  dennoch  aus  den  Tiefen  ihrer  Seele 
heraus  in  den  schwierigsten  Fallen  aufopferndste  Taten 
echter  Menschenliebe  zu  vollfiihren  vermag.  Gewohnliches 
Wissen,  aufiere  physische  Erkenntnis,  braucht  gewifi  nicht 
in  die  Tiefen  hinunterzufuhren,  aus  denen  die  moralischen 
Impulse  hervorquellen,  die  Impulse,  aus  denen  Moral  be- 
griindet  werden  soil. 

Nun  zeigt  sich  aber  sofort,  wenn  Geisteswissenschafl  zu 
den  geistigen  Urquellen  des  Daseins  emporsteigen  will,  dafi 
dann  des  Menschen  Seele  in  gewisser  Weise,  wenn  sie  zum 
Geistesforscher  werden  will,  dreierlei  entwickeln  mujS.  Die- 
ses Dreierlei  ist  ja  im  Verlauf e  dieser  Wintervortrage  als  die 
drei  Stufen  der  ubersinnlichen  Erkenntnis  angefiihrt  wor- 
den.  Da  ist  zunachst  das  angefiihrt  worden,  was  wh*  die 
imaginative  Erkenntnis  nennen,  das  heilk  diejenige  Er- 
kenntnis, welche  vor  der  menschlichen  Seele  auf tritt,  wenn 
sich  diese  ganz  freigemacht  hat  von  aller  Sinnesbeobachtung 
und  aller  Verstandestatigkeit,  die  an  das  Instrument  des 
Gehirnes  gebunden  ist.  Ist  die  Seele  dazu  gelangt,  dafi  sie 


aus  ihrenTiefen  eine  Welt  von  Bildern  herauf  dringen  f iihlt, 
dann  werden  diese  Bilder  bei  weiterer  Ausbildung  des  Gei- 
stesforschers  zu  Bildern  der  wirklichen  geistigen  Realitaten 
werden,  die  hinter  der  aufieren  Sinneswelt  vorhanden  sind. 
Imaginative  Erkenntnis  ist  das  erste.  —  Man  findet  diese 
Stufen  der  iibersinnlichen  Erkenntnis  audi  in  dem  Buche 
«Wie  erlangt  man  Erkenntnisse  der  hoheren  Welten?»  aus- 
einandergesetzt. 

Das  zweite,  zu  dem  die  Menschenseele  kommen  mufi  - 
man  kann  solche  Dinge  nur  mehr  oder  weniger  bildmafiig 
ausdriicken  und  es  ist  iiber  alles  dieses  audi  bereits  gespro- 
chen  worden,  doch  soil  es  zur  Vermeidung  von  Miftver- 
standnissen  heute  kurz  angefiihrt  werden  besteht  darin, 
dafi  dasjenige,  was  erst  bildhaft  aufgetreten  ist,  was  aber 
nicht  mit  den  Bildern  eines  einzelnen  Sinnes  zu  vergleichen 
ist,  gleichsam  wie  aus  sich  her  aus  durch  eine  «  Weltensprache» 
als  inspirierte  Erkenntnis  auftritt.  Das  heifk,  dafi  zu  dem 
Geistesforscher,  wenn  sein  Inspirationsvermogen  erwacht 
ist,  die  geistigen  Wesenheiten  und  Tatsachen  spreclien,  die 
jenseits  der  Sinneswelt  liegen. 

Die  dritte  Stufe,  wodurch  der  Geistesforscher  wirklich 
in  das  Wesen  der  geistigen  Tatsachen  und  Wesenheiten  ein- 
dringt,  nennt  man  die  Intuition.  Nicht  diejenige  Intuition 
ist  gemeint,  welche  in  derTrivialsprache  manchmal  mit  die- 
sem  Worte  bezeichnet  wird,  sondern  etwas,  das  ein  wirk- 
liches  Hiniibertreten  des  eigenen  Seelenlebens  in  fremdes 
Wesen  ist,  wodurch  der  Mensch  fahig  wird,  indem  er  sein 
Wesen  mit  fremdem  Wesen  verbindet,  in  das  Innere  au&er 
ihm  befindlicher  geistiger  Wesen  einzudringen.  Demjenigen, 
was  Sinneserkenntnis  und  Verstandeserkenntnis  ist,  treten 
also  auf  anderen  Erkenntnisstuf  en  Imagination,  Inspiration 
und  Intuition  gegeniiber. 

Durch  diese  drei  Erkenntnisstuf  en  dringt  die  Menschen- 


seek  in  die  geistige  Welt  ein.  Die  Krafte  zur  Imagination, 
das  heifit  zum  Schauen  von  Bildern  aus  der  iibersinnlichen 
Welt,  ebenso  wie  die  Krafte  der  Inspiration,  das  heifit  zum 
Vernehmen  desjenigen,  was  die  geistigen  Tatsadien  und  gei- 
stigen Wesen  des  Obersinnlichen  uns  zu  offenbaren  haben, 
und  die  Krafte  der  Intuition,  sie  schlummern  in  jeder  Men- 
schenseele.  Sie  werden  durdi  die  Methoden,  die  hier  audi 
geschildert  worden  sind,  hervorgeholt.  Die  Menschenseele 
mufi  also  als  Geistesforscher  in  ihre  Tiefen  dringen,  um  zu 
den  Urgriinden  des  Daseins  zu  kommen. 

Nun  wurde  schon  darauf  aufmerksam  gemacht,  insbe- 
sondere  audi,  als  die  «Irrtiimer  der  Geistesforschung»  be- 
sprochen  worden  sind,  wie  wichtig  der  Ausgangspunkt  ist, 
von  dem  die  Seele  zu  jenen  Stufen  ihres  Daseins  hingelangt, 
auf  denen  sie  in  die  geistige  Welt  hineinschauen  kann.  Da 
ist  besonders  hervorgehoben  worden,  daft  eine  Art  von 
Ohnmacht  in  bezug  auf  die  Erkenntnis  der  geistigen  Welt 
bei  jener  Seele  eintritt,  die  nicht  von  moralischer  Tuchtig- 
keit,  von  moralischer  Stimmung  ihren  Ausgangspunkt 
nimmt.  Eine  solche  Seele  wird  fur  die  hdheren  Welten  eine 
gewisse  Betaubung  zeigen  und  nur  dasjenige  aus  diesen 
hoheren  Welten  offenbaren  konnen,  was  eben  wie  durch 
eine  Art  Betaubung  gesehen,  was  also  verf  alscht  ist.  So  ist 
schon  hingewiesen  worden  auf  den  Zusammenhang  von 
moralischer  Seelenstimmung  im  Ausgangspunkte  mit  dem, 
was  die  Seele  erlangen  kann,  wenn  sie  durch  Imagination, 
Inspiration  und  Intuition  wirklich  in  die  geistigen  Welten 
eintritt.  Aber  wir  konnen  noch  genauer  die  Bedeutung  der 
moralischen  Seelenverfassung  fur  die  hoheren  Erkenntnis- 
stufen  charakterisieren. 

Die  Imagination  tritt  ja  beim  Geistesforscher  so  auf,  dafi 
gleichsam  wie  auf  dem  Horizonte  seines  Bewufitseins  zu- 
nachst  aus  seinem  Seelenleben,  dann  aus  dem  Wesen  des 


allgemeinen  Geisteslebens  Bilder  auftauchen.  Diese  Bilder, 
welche  so  auftauchen,  und  deren  Bedeutung  wir  bereits  ge- 
schildert  haben,  miissen  verschieden  sein,  je  nachdem  der 
Mensch  von  dieser  oder  jener  Seelenverfassung  ausgeht,  die 
er  schon  hier  in  der  physischen  Welt  hat.  Eine  solche  Seele, 
welche  hier  in  der  physischen  Welt  den  Sinn  fiir  den  rechten, 
wahren  Zusammenhang  von  Tatsachen  entwickelt,  sie  wird, 
wenn  sie  durch  die  geschilderten  Methoden  zur  Imagination 
emporsteigt,  die  innere  Verfassung  fiir  den  wahrhaflen 
Zusammenhang  der  Dinge  mit  sich  in  die  hoheren  Welten 
hinauftragen.  Daher  konnen  wir  sagen,  eine  Seele,  die 
wahrhaft  innerhalb  der  Tatsachen  in  der  physisch  sinnlichen 
Welt  zu  leben  versteht,  tragt  ihre  WahrhafKgkeit  mit  hin- 
auf  in  die  geistigen  Welten.  Eine  Seele  aber,  welche  durch 
Ungenauigkeit  -  und  von  der  Ungenauigkeif,  das  ist  schon 
angedeutet  worden,  bis  zum  Irrtum,  ja  sogar  bis  zur  Liigen- 
hafligkeit,  ist  nur  ein  kleiner  Schritt  -,  welche  durch  Un- 
wahrhaftigkeit hier  in  bezug  auf  die  Sinnestatsachen  der 
physischen  Welt  gekennzeichnet  ist,  eine  solche  Seele  bringt 
sich  die  innere  Verfassung  der  Unwahrhaftigkeit  mit  hin- 
auf  in  die  Welt,  wo  die  Imaginationen,  die  Bilder  der  gei- 
stigen Welt  auftauchen  sollen.  Und  dieFolge  davon  ist,  dafi 
aus  ihrer  Unwahrhaftigkeit,  die  ja  nicht  mit  der  Welt  iiber- 
einstimmt,  sondern  die  nur  dem  eigenen  Innern  entspringt, 
sich  eine  solche  Welt  von  Bildern  aufbaut,  die  selber  nur  ein 
Ausflufi  der  betreffenden  Personlichkeit  ist. 

Unwahrhaftigkeit  wird  daher,  wo  die  Seele  zu  den  Ima- 
ginationen aufsteigt,  bewirken,  dafi  eine  solche  Seele  aus 
den  geistigen  Welten  nichts  anderes  offenbaren  kann  als 
das,  was  nur  der  Spiegel  ihrer  eigenen  Unwahrhaftigkeit 
ist.  Daher  hat  es  bei  aller  Schulung  in  die  geistige  Welt 
hinauf  Geltung,  dafi  die  Seele  vor  ihrem  Eintritt  in  die 
imaginative  Welt  als  Vorbereitung  fiir  die  imaginative  Er- 


kenntnis  sich  schon  hier  in  der  physischen  Welt  zu  festigen 
hat  durch  das,  was  man  nennen  kann,  Tatsachensinn,  Sinn 
fiir  die  Tatsachen.  Und  es  ist  zu  betonen,  sdiarf  zu  betonen, 
dafi  alles,  was  von  dem  Tatsachensinn  abfiihrt,  keine  rechte 
Vorbereitung  fiir  die  Betrachtung  der  geistigen  Welt  liefern 
kann.  Es  wird  fiir  den,  der  ein  Geistesforscher  werden  will, 
eine  gute  Vorbereitung  sein,  wenn  er  sich  moglichst  zuriick- 
halt  mit  aller  blofi  personlichen  und  subjektiven  Kritik, 
mit  allem  nur  Beurteilen  der  Dinge  «von  seinem  Stand- 
punkte  aus»,  allem  Geltendmachen:  «das  finde  ich  richtig», 
«das  finde  ich  falsch».  -  Eine  gute  Vorbereitung  fiir  die  gei- 
stige  Erkenntriis  ist  es  vielmehr,  wenn  man  versucht,  so  gut 
es  geht  und  so  viel  es  geht,  hier  in  der  physischen  Welt  alles 
Beurteilen  nur  vom  personlichen  Standpunkte  aus,  alles 
Geltendmachen  seines  personlichen  subjektiven  Standpunk- 
tes  zuriicktreten  zu  lassen;  wenn  man  sich  bemuht,  den  Tat- 
sachen des  Lebens  gegeniiber  moglichst  nur  diese  sprechen 
zu  lassen.  Daher  werden  wir  denjenigen,  der  auf  dem 
rechten  Pfad  ist  zur  geistigen  Welt  hin,  bemuht  finden, 
in  allem,  was  er  erzahlt  oder  schildert,  nicht  das  vorzu- 
bringen,  was  er  iiber  die  Dinge  urteilt,  sondern  die  Dinge 
fiir  sich  sprechen  zu  lassen,  indem  er  bestrebt  sein  wird, 
mehr  nur  die  Tatsachen  zusammenzustellen. 

Wenn  wir  daher  einem  Menschen  gegeniibertreten,  der 
bei  jeder  Gelegenheit  sagt:  Da  und  dort  hat  sich  dieses  oder 
jenes  ereignet,  das  finde  ich  abgeschmackt;  da  oder  dort 
hat  sich  etwas  ereignet,  das  finde  ich  nicht  gut;  da  oder 
dort  hat  sich  etwas  ereignet,  das  finde  ich  hafilich,  das  finde 
ich  schon  -  und  wie  die  Abstufungen  alle  lauten  mogen, 
so  ist  ein  solcher  Mensch  auf  keinem  guten  Wege  zum  Hin- 
aufdringen  in  die  geistigen  Welten.  Er  ist  vielmehr  auf 
einem  guten  Wege,  wenn  er  sich  bemuht,  ein  solches  Urteilen 
zu  unterdriicken  und  schlicht  und  einfach  die  Tatsachen  er- 


zahlt,  wenn  er  hinsdiaut  auf  die  Tatsachen  und  diese  fiir 
sich  sprechen  lafk  und  sich  zum  Grundsatz  macht:  Wenn 
ich  jemandem  mein  Urteil  aufdrange,  so  ist  es  eben  mein 
Urteil  -  dann  ist  er  nicht  nur  angewiesen,  mir  zu  glauben, 
dafi  es  Wahrheit  ist,  was  ich  sage,  sondern  audi,  dafi  ich 
ein  Urteil  habe.  Wenn  ich  mich  aber  anschicke,  dem  Men- 
schen  zu  erzahlen,  was  ich  da  und  dort  getroffen  habe,  so 
kann  er  sich  selber  sein  Urteil  bilden.  Je  mehr  man  sich 
zu  der  letzteren  Art  zwingt,  die  Welt  anzuschauen  und  die 
Dinge  zu  erzahlen,  desto  mehr  stattet  man  sich  mit  dem 
Tatsachensinn  aus  und  bereitet  sich  fiir  die  imaginative  Er- 
kenntnis vor.  Wer  sich  fiir  das  imaginative  Erkennen  vor- 
bereiten  will,  sollte  sich,  vor  allem  der  Denkweise  nach, 
abgewohnen,  bei  jedem  Erlebnis  zugleich  zu  sagen:  Ichfinde 
die  Dinge  so  oder  so.  -  Er  sollte  es  fiir  unwesentlich  halten, 
was  er  uber  die  Dinge  finden  kann  und  sollte  sich  bemuhen, 
nur  das  Werkzeug  zu  sein,  durch  welches  die  Dinge  oder 
Tatsachen  sprechen. 

Wenn  man  dies  ins  Auge  faik,  wird  man  sich  klar  sein, 
dafi  eine  ganz  wesentlicheTugend,  die  Wahrhaftigkeit,  schon 
von  vornherein  zu  den  richtigen  Vorbereitungsmitteln  ge- 
hort  fiir  eine  methodische  Schulung  zur  Erkenntnis  der 
hoheren  Welten.  Man  wird  gar  nicht  in  die  Verlegenheit 
kommen  konnen,  daran  zu  zweif eln,  da£  eine  richtige  Schu- 
lung fiir  die  Erkenntnis  hoherer  Welten  moralfordernd  ist 
oder  wenigstens  sein  mufi.  Ja,  man  wird  die  Sache  noch 
von  einer  anderen  Seite  her  darstellen.  Man  kann  den  Fall 
setzen,  jemand  bereite  sich  nicht  durch  die  eben  geschilderte 
Wahrhaftigkeit  fiir  die  hoheren  Welten  vor.  Dann  wer  den 
ihm,  wenn  er  nur  die  entsprechenden  Seelentrainierungen, 
die  entsprechenden  Obungen  durchmacht,  in  der  Tat  die 
schlummernden  Krafte  seiner  Seele  erweckt  werden  konnen, 
und  er  wird  zuletzt  vor  eine  imaginative  Welt  gebracht 


werden  konnen.  Aber  was  ist  diese  dann?  Diese  Welt  ist 
dann  nichts  anderes  als  das  Spiegelbild  seines  eigenen  We- 
sens.  Und  weil  man  in  dem  Augenblick,  wo  man  von  der 
Sinneswelt  absieht,  wo  man  audi  von  dem  Verstande,  der 
an  das  Gehirn  gebunden  ist,  absieht,  diese  imaginative  Welt 
als  etwas  Wirkliches  vor  sich  hat,  gleichgiiltig,  ob  sie  etwas 
Reales  ausdriickt  oder  ob  sie  nur  das  Spiegelbild  des  eigenen 
Wesens  dessen  ist,  der  sie  hat,  so  wird,  wer  nicht  richtig  durch 
Wahrhaftigkeit  vorbereitet  ist,  eben  auch  eine  imaginative 
Welt»  vor  sich  haben,  weil  sie  ihm  vor gaukelt,  eine  richtige  zu 
sein  und  doch  nur  das  Spiegelbild  der  eigenen  Seele,  seines 
eigenen  Innern  ist.  Diese  Welt  ist  dann  eine  fortwahrende 
Verfuhrerin  zur  Unwahrhaftigkeit.  Deshalb  kann  man  sa- 
gen,  dafi  jemand,  der  nicht  durch  Obung  der  Wahrhaftigkeit 
in  die  geistige  Welt  eindringt,  sich  in  eine  Lage  versetzt,  wo 
fortwahrend  in  seiner  Umgebung,  wenn  er  in  der  iibersinn- 
lichen  Welt  wahrnimmt,  die  Verlockungen  zu  Unwahr- 
haftigkeit und  Luge  vorhanden  sind.  Daraus  mull  sich  von 
selbst  das  Urteil  ergeben,  dafi  ein  jeder  Aufstieg  in  die 
ubersinnliche  Welt  verbunden  sein  mufi  mit  der  Pflege  der 
Tugend  der  Wahrhaftigkeit,  mit  der  Pflege  vor  alien  Din- 
gen  des  Tatsachensinnes.  Denn  nur  wenn  wir  Tatsachen- 
sinn  haben,  Sinn  fur  den  aufier  uns  befindlichen  Zusam- 
menhang  der  Tatsachen  in  der  physischen  Welt,  konnen  wir 
uns  zur  Wahrhaftigkeit  erziehen. 

In  einer  ahnlichen  Weise  stellt  sich  dieselbe  Sache  fur  die 
Inspiration  dar,  nur  wird  sie  auf  diesem  Gebiete  noch  an- 
schaulicher,  noch  bedeutungsvoller.  Durch  die  Inspiration 
beginnen  die  Dinge,  die  in  unserer  Umgebung  geistig  vor- 
handen sind,  gleichsam  zu  uns  zu  sprechen;  sie  enthullen, 
sie  offenbaren  uns  ihr  Wesen.  Wir  horen  sie  nicht  durch 
Stimmen  und  Tone,  die  den  aufieren  ahnlich  sind,  sondern 
wir  horen  sie  geistig. 


Nun  ist  eine  andere  Vorbereitung  notwendig,  damit  der 
Mensch  nicht  wieder  blofi  das  vernimmt,  was  ihm  sein 
eigenes  Wesen  enthiilrt,  sondern  damit  er  eine  objektive, 
wirkliche  "Welt  kennenlernt.  Dazu  ist  notwendig  die  Er- 
hohung  einer  ganz  besonderen  Tugend  der  Seele.  Solche 
Dinge  lassen  sich  ja  nur  durch  Erfahrung  feststellen.  Wer 
zur  Inspiration  gelangen  will,  mufi  in  einer  hoheren  Weise, 
als  es  fiir  die  gewohnliche  Welt  notwendig  ist,  in  sich  die 
Tugend  des  moralischen  Mutes,  der  Standhaftigkeit,  des 
Starkmutes  zur  Ausbildung  bringen.  Denn  nur  wer  mora- 
lischen Mut  hat,  wer  nicht  vor  irgend  etwas  zuriickschreckt, 
was  seine  eigene  Personlichkeit  unter  Umstanden  gef ahrden 
kann,  wird  demjenigen  standhalten  konnen,  was  aus  den 
geistigen  Wirklichkeiten  heraus  durch  Inspiration  zu  ihm 
spricht.  Und  jeder,  der  zu  wenig  Starkmut  und  morali- 
schen Mut  entwickelt  hat,  bevor  er  in  die  geistigen  Welten 
eintritt,  wird  sehr  bald  bemerken  -  oder  vielmehr  wird  er 
es  nicht  so  leicht  bemerken,  aber  die  andern,  die  etwas  von 
der  Sache  verstehen,  werden  es  bemerken  — ,  dafi  zwar  ge- 
wisse  Dinge  aus  der  geistigen  Welt  zu  ihm  sprechen,  aber 
dafi  alles  dieses,  was  so  zu  ihm  spricht,  nur  ein  Echo  seiner 
eigenen  Wesenheit  ist.  Weil  seine  Seele  nicht  stark  genug 
ist,  weil  sie  nicht  in  sich  selber  vollen  Halt  hat,  deshalb 
kann  sie  nicht  das  in  sich  bewahren,  was  sie  ist,  sondern 
strahlt  es  aus,  und  es  kommt  das  zu  ihr  zuriick,  was  sie 
selber  ist.  Eine  Seele,  die  nicht  durch  moralischen  Mut  fiir 
die  Inspiration  vorbereitet  wird,  wird  sich  sehr  bald  als  eine 
solche  darstellen,  die  etwas  wie  «geistige  Stimmen»  hort, 
aber  diese  geistigen  Stimmen  werden  nichts  anderes  sein  als 
das,  was  sie  selber  in  sich  tragt,  was  nur  ein  Echo  des  eigenen 
Wesens  ist.  Wenn  dann  eine  solche  Seele  daraufkommt,  dafi 
es  so  ist,  dann  wird  sie  erst  recht  durch  das,  was  da  aus 
der  geistigen  Welt  zu  ihr  dringt,  niedergeschlagen  werden. 


So  sehen  wir,  dafi  wiederum  eine  wesentliche  Eigenschaft 
der  Seele,  eine  Eigenschaft,  welcher  der  moralisdie  Charak- 
ter  nicht  abgesprochen  werdenkann,  verstarkt  und  befestigt 
werden  mufi,  wenn  diese  Seele  in  die  ubersinnliche  Welt 
hinaufdringen  will:  der  moralische  Mut,  der  Starkmut.  Der 
ist  notwendig  als  Vorbereitung  fiir  die  wirklidie  Inspira- 
tion. Daraus  kann  nun  leicht  abgeleitet  werden,  daft  es  vor 
alien  Dingen  notig  ist,  semen  moralischen  Mut  schon  in 
der  physischen  Welt  zu  starken,  bevor  man  zum  Geistes- 
forscher  werden  will,  damit  die  Seele  wirklich  die  Offen- 
barungen  desjenigen,  was  durch  Imaginationen  gegeben 
wird,  audi  durch  Inspirationen  wahrnehmen  kann. 

Gar  mancher,  der  die  Sache  nicht  griindlich  genug  ver- 
standen  hat,  glaubte  sich  auf  den  moralischen  Mut  dieser 
oder  jener  Seele  verlassen  zu  konnen,  gab  dann  der  Seele 
die  Mittel,  urn  in  die  ubersinnliche  Welt  aufzusteigen, 
konnte  dann  die  Seele  nach  einiger  Zeit  treffen  -  und  sie 
verriet  nichts  anderes,  als  dafi  sie  nur  ihr  eigenes  Wesen, 
das  sie  als  «T6ne»,  als  «Worte»  deutete,  widerspiegelte. 

So  hangt  geistige  Schulung  innig  zusammen  mit  der  Er- 
hohung  der  moralischen  Kraft,  und  deshalb  wird  jede  rich  tig 
mitgeteilte  geistige  Schulung  vor  alien  Dingen  auf  Starkung 
und  Erfestigung  der  moralischen  Kraft  hinwirken.  Daher 
konnen  Sie  iiberall,  wo  Sie  die  Darstellung  der  Methoden 
finden,  durch  welche  man  in  die  hoheren  Welten  hinauf- 
dringt,  zum  Beispiel  in  meiner  Schrift  «Wie  erlangt  man 
Erkenntnisse  der  hoheren  Welten? »,  zugleich  die  Hinweise 
finden  auf  die  Notwendigkeit  der  Starkung  der  moralischen 
Kraft.  Denn  die  moralische  Kraft  darf  nicht  bloft  so  bleiben, 
wie  sie  im  gewohnlichen  Leben  der  physischen  Welt  ist, 
sondern  sie  mufi  erhoht  und  befestigt  werden. 

Ganz  besonders  tritt  uns  aber  entgegen,  was  in  dieser 
Beziehung  notwendig  ist,  wenn  wir  zur  Intuition  gehen, 


durch  welche  sich  die  Seele,  die  ein  Geistesf orscher  geworden 
ist,  geradezu  hineinzuversetzen  vermag  in  das  Innere  eines 
anderen  geistigen  Wesens  oder  einer  anderen  geistigen  Tat- 
sache.  Da  werden  wir  finden,  da£  es  geradezu  zur  Unmog- 
lichkeit  wird,  sich  nach  der  geistigen  Schulung  wirklich  in 
andere  Wesenheiten  hineinzuversetzen,  wenn  man  nicht 
schon  hier  in  der  physischen  Welt  dafur  gesorgt  hat,  dafi 
dasjenige  erhoht  werde,  was  man  nennen  kann  offenes  In- 
teresse  fur  alles,  was  uns  umgibt,  freies,  offenes  Inter  esse. 
Alle  engherzige  Verschlossenheit  der  Seele,  alles  Verkrie- 
chen  der  Seele  in  sich  selber,  alles,  was  nicht  die  Aufmerk- 
samkeit  der  Seele  hinlenken  will  zu  Mitleiden  und  Mit- 
freuden  von  Mitgeschopfen  und  von  allem,  was  uns  in  der 
Sinneswelt  schon  umgibt,  das  alles  halt  die  Seele  ab,  wenn 
sie  in  die  geistige  Welt  hinaufgestiegen  ist,  zur  wahren 
Intuition,  zu  wahren  Erkenntnissen  hoherer  Wesenheiten 
zu  kommen.  Und  hier  stehen  wir  auf  dem  Gebiete,  auf 
welchem  sich  unsere  Betrachtungen  mit  dem  benihren,  was 
Schopenhauer  seine  «Begriindung  der  Moral»  nennt. 

Schopenhauer  war  ja  keineswegs  GeisteswissenschafUer 
in  dem  Sinne,  wie  Geisteswissenschaft  hier  gemeint  ist.  Da- 
her  legt  sich  auch  flir  ihn  die  Seele,  die  in  ihre  Tiefen 
heruntersteigt,  nicht  so  auseinander,  dafi  sie  eine  Dreiheit 
von  Kraften  entwickelt,  die  den  drei  Stufen  der  Erkennt- 
nis  -  Imagination,  Inspiration,  Intuition  -  entspricht,  son- 
dern  es  verschmilzt  fur  ihn  alles.  Die  «Seele»  ist  ein  Nebu- 
loses  aller  in  ihren  Tiefen  lebenden  Krafte.  So  kann  auch 
Schopenhauer  nicht  die  moralischen  Tugenden  auseinander- 
legen,  deren  Ausbildung  die  Vorbereitung  sein  mufi  f iir  eine 
geistige  Schulung:  Tatsachensinn  als  Grundlage  der  Tugend 
der  WahrhafKgkeit  fur  die  Imagination,  Starkmut  als 
Grundlage  fur  das,  was  zur  Inspiration  fiihrt,  und  das 
dritte  -  was  Schopenhauer  griindlich  erortert  -,  das  in  den 


Tiefen  der  Seele  schlummert,  und  das  man  im  allgemeinen 
nennen  kann  Interesse  fur  Umwelt  und  Umwesen.  Aber 
Schopenhauer  macht  auf  etwas  anderes  aufmerksam,  und 
hier  ist  er  in  einem  gewissen  Sinne  tief  genial.  Er  macht  auf 
das  aufmerksam,  was  in  der  Tat  zu  den  wenigen  Seeleneigen- 
schaften  und  Seelenimpulsen  gehort,  die  schon  in  der  physi- 
schen  Welt  zeigen,  wie  eine  gleichsam  unterirdische  Verbin- 
dung  zwischen  Seele  und  Seele  unmittelbar  besteht.  Schopen- 
hauer macht  aufmerksam  auf  das  Mitleid,  man  konnte  besser 
sagen  auf  das  Mitgefiihl.  Man  braucht  ja  nur  das  Wort  Mit- 
leid, Mitgefiihl  erwahnen,  von  dem  Schopenhauer  sagt,  daft 
es  in  jeder  Seele  vorhanden  sein  mufi,  die  moralisch  genannt 
werden  kann,  so  wird  man  erstens  fiihlen,  daft  mit  diesem 
Mitgefiihl  etwas  bervihrt  wird,  was  in  der  Tat  mit  dem  in- 
nersten  moralischen  Impuls  zusammenhangt,  mit  dem,  was 
wirklich  Moral  begriinden  kann.  Auf  der  anderen  Seite 
wird  man  fiihlen,  daft  man  mit  dem  Worte  Mitgefiihl  etwas 
beruhrt  hat,  was  eine  in  der  physischen  Welt  schon  vor- 
handene  Intuition  ist,  ein  Sich-hiniiber- Versetzen  der  eigenen 
Seele  in  die  andere  Seele.  Ein  Beweis,  daft  eine  unter- 
physische  Verbindung  zwischen  Seele  und  Seele  besteht,  ein 
Beweis,  daft  der  Geist  mit  seinen  Kraften  zwischen  Seele 
und  Seele  vorhanden  ist,  ein  Beweis  dafur  ist  fur  jeden, 
der  die  Welt  sinnig  betrachten  kann,  das,  was  mit  dem 
Worte  Mitleid  bezeichnet  werden  kann. 

Mit  Recht  nennt  daher  Schopenhauer  -  und  nannten  es 
viele  andere,  die  in  diese  Dinge  hineinblickten  -  Mitleid, 
Mitgefiihl  das  eigentliche  Mysterium  der  Menschenseele, 
das  schon  hier  in  der  physischen  Welt  beobachtet  werden 
kann.  Denn  es  hat  etwas  unendlich  Tief  es,  wenn  eine  Seele, 
die  in  einem  Leibe  eingeschlossen  ist,  etwas  fuhlt,  woriiber 
sich  die  andere  Seele  freut,  oder  wodurch  die  andere  Seele 
leidet,  so  daft  in  dem  Heriiber-  und  Hiniibergehen  der 


Krafte  der  einen  Seele  zur  anderen  Seele  wirklich  eine  Art 
geistigen  Mysteriums  schon  hier  in  der  physischen  Welt  ge- 
geben  ist.  Daher  sagt  Schopenhauer:  Man  mag  noch  so  viel 
Moral  predigen:  begriindet  ist  Moral  auf  dieses  Leben  der 
einen  Seele  in  der  anderen  Seele,  begriindet  ist  Moral  doch 
nur  auf  Mitgefiihl,  oder  auf  Mitleid.  -  Daher  kann  man 
eigentlich  ganz  gut  sagen,  im  Sinne  Schopenhauers  ware 
so  viel  Moral  in  der  Welt,  als  Mitgefiihl  vorhanden  ist. 
Mit  einem  gewissen  Recht  machte  Schopenhauer  darauf 
aufmerksam,  dafi  es  unertraglich  ware,  den  Satz  zu  horen: 
«Dieser  Mensch  ist  tugendhaft,  aber  er  kennt  kein  Mit- 
leid.»  Schopenhauer  meint:  Jeder  wird  die  Unmoglich- 
keit  verspiiren,  dafi  ein  solcher  Satz  ausgesprochen  werden 
konnte,  dafi  Tugendhaftigkeit  und  Mitleidlosigkeit  in  einer 
Seele  verbunden  sein  konnten.  Also  meint  Schopenhauer,  es 
sei  unertraglich,  den  Satz  zu  horen:  «Er  ist  ein  ungerechter 
und  boshafter  Mensch,  jedoch  ist  er  sehr  mitleidig»,  obwohl 
man  ja  sagen  kann,  dafi  die  Innengriinde  der  menschlichen 
Seele  manchmal  so  verworren  sind,  dafi  man  auch  das  er- 
fahren  kann,  wie  jemand  ohne  Zweifel  recht  schlimme, 
untugendhafte  Taten  verrichten  und  doch  ein  gewisses  Ge- 
fiihl  entwickeln  kann,  zum  Beispiel  fiir  Tauben  und  ahn- 
liche  Tiere.  Im  grofien  und  ganzen  aber  kann  man  doch 
sagen,  dafi  Schopenhauer  hier  an  die  Tiefen  der  Moral- 
begriindung  riihrt,  wo  er  von  Mitleid  spricht. 

Wenn  man  im  Sinne  der  Geisteswissenschaft  spricht,  so 
mufi  man  das  Prinzip  des  Mitleids  noch  etwas  erweitern, 
und  es  tritt  dann  vor  unsere  Seele  hin,  was  man  bezeichnen 
kann  als  das  teilnehmende  Interesse,  als  die  teilnehmende 
Aufmerksamkeit  fiir  alles,  was  in  der  Umwelt  um  uns  her- 
um  geschieht.  Denn  wahres,  inneres  Interesse  an  einer 
Freude,  die  erlebt  wird,  hat  der  Mensch  nicht,  der  nicht 
diese  Freude  miterleben  kann,  und  wahres,  tiefes  Interesse 


an  dem  Leide  eines  anderen  "Wesens  hat  der  Mensch  nicht, 
der  das  Leid  nicht  in  sich  mitleiden  kann.  In  vieler  Bezie- 
hung  fallen  Mitleid,  Mitgefiihl  und  Interesse  zusammen. 
Wirkliches,  wahres  Interesse  haben,  heiftt  Liebe  haben. 
Denn  man  kann  nicht  Interesse  haben,  ohne  im  wahren 
Sinne  des  Wortes  Liebe,  ohne  Mitgefiihl  zu  haben. 

Nun  ist  wieder  die  richtige  Vorbereitung  fiir  eine  intui- 
tive Erkenntnis  hier  in  der  physischen  Welt  diejenige,  die 
moglichst  darauf  ausgeht,  die  Seele  dadurch  zu  starken,  zu 
kraftigen,  daft  die  Seele  sich  gewohnt,  Interesse  zu  haben 
fiir  alles,  was  lebt,  atmet  und  ist,  fiir  alles  Aufmerksamkeit 
haben  zu  konnen,  was  die  Seele  umgibt.  Je  tiefer  unser 
Interesse  sein  kann,  desto  besser  bereiten  wir  uns  vor  als 
Geistesforscher  fiir  die  Intuition  der  hoherenWelten.  Daher 
kann  man  sagen:  Gerade  fiir  die  Geisteswissenschaft  er- 
scheint  das  Hereinleuchten  des  Mitleides  in  der  physischen 
Welt  wie  ein  Abglanz  der  Tatsache,  daft  jene  tiefen  Krafte 
der  Seele,  die  zur  Intuition  fiihren,  iiberhaupt  sich  nur  dann 
wahr  und  richtig  entwickeln  konnen,  wenn  die  Seele  sich 
dazu  vorbereitet  durch  ein  wirkliches  Interessehaben  an  der 
Umwelt,  das  heiftt  durch  Liebehaben,  durch  Mitgefuhl- 
haben. 

So  sehen  wir  iiberall,  wo  von  dem  rechten  Wege  zur  Gei- 
stesschulung  hin  gesprochen  wird,  daft  dieser  rechte  Weg 
von  demjenigen  untrennbar  ist,  was  zugleich  die  bedeu- 
tendste  moralische  Tugend  des  Menschen  ist.  Denn  in  der 
interessevollen  Liebe,  in  dem  aufmerksamen  Hinschauen 
auf  alles  Leid  und  alle  Freude,  auf  alles  Sein  iiberhaupt, 
in  dem  charaktervollen  Standhalten  der  Seele  und  in  der 
"Wahrhaftigkeit  liegen  sozusagen  erschopft  die  bedeutungs- 
vollsten,  ja,  die  prinzipiellsten  moralischen  Tugenden.  Wer 
irgendeine  Tugend  wird  begreifen  wollen,  zum  Beispiel 
eine  Tugend,  wie  die  Treue  es  ohne  Zweifel  ist,  der  wird 


sie  leicht  als  eine  besondere  Gestaltung  der  Standhafligkeit 
kenneniernen  konnen.  Der  Menscb,  der  standhaft  ist,  wird 
audi  in  der  entspredienden  Weise  die  Treue  zu  halten  ver- 
stehen.  Alle  Tugenden,  man  mochte  sagen  der  Umfang  der 
Tugenden,  werden  in  einer  gewissen  prinzipiellen  Weise 
auf  diese  drei  Eigenschaften  der  Seele  zuruckzufiihren  sein. 

Nun  mufi  man,  wenn  das  Verhaltnis  der  Geisteswissen- 
schaft  zur  Moral  geschildert  werden  soil,  audi  noch  darauf 
aufmerksam  machen,  wie  der  Mensch,  wenn  er  wirklicli  zur 
Betrachtung  der  geistigen  Welt  gelangt,  sei  es  durch  Geistes- 
sdiulung,  sei  es,  dafi  er  nur  mit  unbefangenem  Sinn  das 
hinnimmt,  was  die  Geistesforschung  ihm  darbietet,  hintritt 
vor  eine  Welt,  die  ganz  besondere  Anforderungen  an  ihn 
stellt,  Anforderungen,  die  ganz  gewifi  umfassen  werden, 
was  die  Seele  braucht  an  Zuversidit,  an  Hoffnungen,  was 
sie  braucht  an  Kraft  und  so  weiter.  Aber  der  Mensch  kommt 
audi  an  den  Punkt,  wo  er  sich  selber  gegeniibersteht,  wo 
er  in  voller  Selbsterkenntnis  aus  seinem  Personlichen  ge- 
wissermafien  herausgetreten  ist,  wo  er  in  eine  Welt  einge- 
treten  ist,  die  nicht  mehr  nur  allein  seine  personlichen  In- 
teressen,  seine  personlichen  Intentionen  in  sich  tragt.  2u 
jenem  Punkte  kommt  unsere  Seele  auf  dem  Wege  zur  Gei- 
stesforschung, wo  sie  sich,  wo  sie  ihrer  Personlichkeit  gegen- 
ubersteht,  wo  sie  dem  Wesen  gegenubersteht,  das  sie  bisher 
war.  Es  ist  schon  darauf  aufmerksam  gemacht  worden,  dafi 
dieses  Gegenuberstehen  dem  Wesen,  das  man  bisher  war, 
in  der  Geistesforschung  bezeichnet  wird  als  die  Begegnung 
mit  dem  Hiker  der  Schwelle,  jener  Schwelle,  welche  die 
iibersinnliche  Welt  von  der  gewohnlichen  physischen  Welt 
trennt.  Bei  diesem  Hiker  der  Schwelle  merkt  man  erst, 
was  man  ist,  was  man  bisher  seine  Personlichkeit,  seine 
Interessen  genannt  hat,  was  man  gewollt  hat,  was  man 
gefuhlt  hat  als  etwas,  was  mit  Sympathie  oder  And- 


pathie  verbunden  war.  Das  alles  tritt  einem  wie  ein  frem- 
des  Wesen  gegeniiber,  tritt  aus  einem  heraus.  Man  schaut 
es  an  wie  ein  fremdes  Wesen  und  lernt  sagen:  Das  hast  du 
alles  bisher  gesprochen.  Jetzt  hast  du  es  vor  dir,  und  es 
zeigt  sich  dir  wie  ein  anderes  Wesen;  du  bist  aufter  dir.  - 
Ebenso  ist  es  mit  dem  Fiihlen,  mit  dem  Wollen  des  Men- 
schen  in  dem  Augenblicke  des  Begegnens  mit  dem  Hiker 
der  Schwelle.  Wenn  man  dies  erfahrt,  weifi  man  audi,  wie 
stark  alle  die  magnetisdi  wirkenden  Krafte  sind,  die  einen 
zu  der  Personlichkeit  hinziehen,  die  man  war,  und  die  man 
eigentlich  verlassen  mufi. 

Das  ist  das  bedeutsame,  hier  friiher  erschutternd  ge- 
nannte  Erlebnis,  dafi  man  merkt:  Ja,  man  mufi  von  sich 
loskommen,  aber  dieses  Wesen,  das  man  war,  dem  man  da 
gegenubersteht,  das  will  einen  nicht  loslassen,  das  zieht  einen 
mit  hundert  und  aber  hundert  Kraften  an  sich.  —  Und  ver- 
fallt  man  diesen  Kraften,  kann  man  nicht  frei  werden  von 
dem,  was  man  bisher  «sich»  genannt  hat,  so  kann  man 
nicht  in  die  geistige  Welt  eintreten.  Indem  man  sich  kennen- 
lernt,  lernt  man  das  Band  kennen  zwischen  der  hoheren 
Welt,  zwischen  den  im  Menschen  immer  schlummernden 
hoheren  Erkenntniskraften,  und  zwischen  dem,  was  man 
in  der  physischenWelt  ist.Theoretisch  ausgesprochen,  konnte 
dieses  Von-sich-Loskommen  leicht  erscheinen.  Wird  die- 
ses Ereignis  erlebt,  nicht  nur  erlebt  durch  Geistesschulung, 
sondern  durch  das  erlebt,  was  der  Mensch  durch  Geistes- 
schulung erkennen  kann,  so  zeigt  es  sich,  dafi  diese  wie 
magnetisch  wirkenden  Krafte  nicht  durch  das  Urteil  so  un- 
bedingt  zu  iiberwinden  sind,  sondern  dafi  mit  dem  Von- 
sich-Loskommen  audi  die  Starke  der  fesselnden  Krafte 
wachst,  so  dafi  man  fiihlt:  Alles,  was  einen  zuriickziehen 
will,  wird  starker,  je  mehr  man  von  sich  loskommt.  Man 
merkt  immer  mehr  und  mehr,  was  einen  zu  der  gewohn- 


lichen  Personlichkeit  hinzieht,  und  man  merkt  audi  immer 
mehr,  wie  es  notwendig  ist,  dafi  man  vorher  Kraft  gewon- 
nen  hat,  urn  diesen  magnetischen  Kraften  zu  widerstehen. 
Das  heifit,  man  mufi  dem  eigentlichen  Eintreten  in  die  gei- 
stige  Welt  tatsachlich  vorangehen  lassen  ein  solches  Erstar- 
ken  der  Seelenkrafte  im  Guten,  im  Moralischen,  ein  solches 
Hinneigen  zu  dem,  was  der  Geist  von  uns  f ordert,  dafi  man 
mit  einer  starkeren  Kraft,  als  es  in  der  physischen  Welt  not- 
wendig ist,  den  Verlockungen  der  niederen  Personlichkeit 
widerstehen  kann. 

So  wird  man  erst  gewahr,  wenn  man  vor  dem  charakte- 
risierten  erschiitternden  Ereignisse  stent,  wie  jedes  Sich- 
nahern  dem  Geiste  zugleich  ein  Sichnahern  den  moralischen 
Forderungen  ist.  So  hat  man  wieder  durch  die  Erfahrung 
etwas,  was  Plato,  den  grofien  griechischen  Philosophen, 
rechtfertigt,  wenn  er  das  Gottliche  «das  Gute»  nennt.  Wenn 
man  den  Naturerscheinungen  gegeniibersteht,  so  wird  man 
iiber  sie  ein  urn  so  richtigeres  Urteil  gewinnen,  je  mehr  man 
sich  ihnen  gegeniiber  des  moralischen  Urteils  enthalt.  Wer 
wollte  etwa  einen  Salzkristall  oder  eine  Pflanze,  die  in  ihrer 
Entwicklung  verkiimmert  sind,  deshalb  moralisch  beurtei- 
len?  In  der  gewohnlichen  physischen  Welt  laufen  die  natiir- 
Hche  und  die  moralische  Weltordnung  ineinander,  so 
dafi  man  die  Tiefe  der  moralischen  Weltordnung  erst  ver- 
spiirt,  wenn  man  gewahr  wird,  dafi  man  nur  mit  morali- 
scher  Starke  wirklich  in  die  geistige  Welt  eingelassen  wird. 
Daher  gilt  es  als  ein  Grundsatz  der  geistigen  Welt,  und  das 
ist  wieder  eine  Erfahrung:  Bis  zum  Hitter  der  Schwelle  kann 
jeder  kommen;  an  ihm  vorbeikommen  kann  nur  der,  wel- 
cher  durch  seine  moralische  Kraft  an  ihm  vorbeikommt.  - 
Wer  aber  nur  bis  zu  ihm  kommt  und  dann  zuriickgehen 
mufi,  der  hat  dann  eine  geistige  Welt  vor  sich,  die  nur  das 
Spiegelbild  seiner  eigenen  Innenwelt  ist.  So  kann  jemand 


glauben,  dafi  er  eine  ganze  geistige  Welt  vor  sich  habe, 
kann  den  anderen  Menschen  audi  vormachen,  was  er  als 
geistige  Welt  vor  sich  zu  haben  meint.  Und  die  anderen 
Menschen  konnen  es  glauben,  da£  es  eine  geistige  Welt  sei, 
die  der  Wahrheit  entspreche.  -  Wenn  er  nicht  vermocht 
hat,  durch  seine  moralische  Kraft  und  durch  seine  moralische 
Seelenverfassung  an  dem  Hiiter  der  Schwelle  vorbeizu- 
kommen,  dann  ist  seine  geistige  Welt  nicht  von  Wahrheit, 
nicht  von  Objektivitat  durchdrungen.  Daher  wird  es  sich 
von  selbst  ergeben,  dajR  jede  wirkliche  Erkenntnis  der  gei- 
stigen  Welt  eine  solche  Darstellung  der  geistigen  Verhalt- 
nisse  geben  wird,  welche  durch  die  Art  der  Darstellung  in 
der  Seele  zugleich  nicht  blofi  Moral  predigt,  sondern  Moral 
begriindet. 

Das  ergibt  sich  insbesondere  noch,  wenn  man  in  Betracht 
zieht,  was  als  eine  notwendige  Erkenntnis  der  Geistes- 
wissenschaft  hier  von  den  verschiedensten  Gesichtspunkten 
aus  ofter  dargestellt  worden  ist:  das  Leben  der  Menschen- 
seele  durch  wiederholte  Erdenleben  hindurch.  Alles,  was 
wir  in  einem  Leben  sind,  bildet  ja  Ursachen  fur  die  Eigen- 
schaften,  welche  wir  in  einem  nachsten  Leben  haben.  Und 
wie  wir  in  einem  Leben  sind,  so  sind  die  Eigenschaften,  die 
wir  in  uns  tragen,  die  Wirkungen  vorheriger  Erdenleben. 
Eine  Seele,  welche  keinen  Tatsachensinn  entwickelt,  wird 
durch  diesen  mangelnden  Tatsachensinn  solche  Ursachen 
vorbereiten,  welche  in  dem  nachsten  Erdenleben  die  An- 
lagen  fur  eine  Seele  bilden,  welche  von  vornherein  Un- 
wahrhafligkeit  in  der  Anlage  zeigt.  Unwahrhaftigkeit,  so- 
zusagen  geiibt  durch  ein  solches  Seelenleben,  erzeugt  An- 
lagen  der  Unwahrhaftigkeit  fur  ein  nachstes  Erdenleben. 
Wahrhaftigkeit  allein,  geiibt  in  einem  Seelenleben,  erzeugt 
fur  das  nachste  Erdenleben  schon  in  der  Anlage,  in  dem 
aufierlichen  Talent,  Wahrhaftigkeit,  so  dafi  man,  wenn  man 


Wahrhaftigkeit  als  eine  notwendige  Vorbereitung  fur  die 
geistige  Schulung  zeigt,  zugleich  auf  etwas  hinweist,  was 
liber  den  Tod  hinaus  fiir  das  nachste  Erdenleben  die  Seele 
moralischer  gestaltet,  als  sie  vorher  war. 

Wenn  in  der  Seele  statt  Starkmut,  statt  moralischem  Mut, 
eine  gewisse  innere  Gleichgultigkeit  entwickelt  wird,  eine 
gewisse  innere  Leichtigkeit,  ein  gewisses  Zuriickweichen  vor 
dem  Sichtreusein  in  der  Seele,  vor  dem  Durchbringen  des- 
jenigen,  was  man  als  wahr  und  richtig  erkannt  hat,  so  wird, 
weil  dies  auf  die  Inspiration  wirkt,  ein  solches  Leben  der 
Seele,  in  welcher  diese  Erziehung  zum  Starkmut  aufter  acht 
gelassen  wird,  dadurch  gleichsam  solche  Ursachen  legen,  die 
wie  inspirierend  ins  nachste  Leben  hiniiberwirken  und  dort 
die  Seele  zum  Selbstling,  zum  Egoisten  machen.  Egoismus 
in  einem  Leben  ist  gleichsam  inspiriert  aus  dem  vorher- 
gehenden  Leben  dadurch,  daft  in  diesem  letzteren  nicht  in 
der  Seele  moralischer  Mut  gewaltet  hat.  Und  Gleichgultig- 
keit gegenuber  aller  Aufienwelt,  Interesselosigkeit,  Unauf- 
merksamkeit,  selbstsuchtiges  verschlossenes  Wesen  iiben, 
wirkt  so,  daft  es,  gleichsam  wie  eine  Intuition,  dieses  gegen- 
wartige  Wesen  hiniiberschickt  in  die  nachste  Verkorperung, 
in  das  nachste  Erdenleben,  und  dieses  so  intuitiert,  daft 
dieses  nachste  Leben  auch  die  Friichte  davon  tragt,  das 
heifit,  daft  es  dann  in  seinen  Anlagen  schon  eine  Entfrem- 
dung  mit  der  Umwelt,  ein  Nichtzusammenhangen  mit  der 
Umwelt  erzeugt. 

Was  heifit  es  denn  aber,  in  der  menschlichen  Seele  «der 
Umwelt  entfremdet  sein?»  Oh,  es  heiftt  sehr  viel.  Wer  der 
Umwelt  entfremdet  ist,  wer  nicht  angepaftt  ist  der  Umwelt, 
auf  den  wirkt  sie  so,  daft  sie  ihn  fortwahrend  krank  macht, 
und  das  wirkt  dann  nicht  nur  auf  die  Seele,  sondern  das 
wirkt  auch  bis  in  den  Leib  hinein.  Krankhafte,  ungesunde 
Anlagen  werden  wie  eine  Intuition  aus  einem  vorhergehen- 


den  Erdenleben  in  ein  folgendes  Leben  dadurch  hineinge- 
schickt,  dafi  diese  Seele  interesselos,  unaufmerksam  durch 
das  Leben  wandelt.  Was  in  einer  Verkorperung  mehr  see- 
lisch  ist  -  mangelndes  Interesse,  mangelndes  Mitgefiihl  mit 
der  Welt  um  uns  herum  -  das  geht  in  die  nachste  Inkar- 
nation  tiefer  hinein,  bis  in  das  leibliche  Wesen  hinein  und 
erscheint  als  Ungesundheit. 

So  sehen  wir,  wenn  wir  imgeisteswissenschaftlichen  Sinne 
die  moralischen  Grundlagen  der  Mensdienseele  betrachten, 
dafi  wir  tatsachlich  an  das  ru'hren,  was  in  dieser  Mensdien- 
seele tatig  ist,  was  in  ihr  als  Impulse  vorhanden  ist,  indem 
die  Seele  sich  von  dem  einen  Leben  in  das  andere  hinuber- 
lebt  und  das  neue  Leben  nach  dem  aufbaut,  was  sie  sich 
als  Ursachen  aus  dem  vorherigen  mitgebracht  hat.  So  wird 
Moral  zur  gestaltenden  Kraft  von  dem  einen  Leben  in  das 
andere  hinuber,  und  wir  predigen  dann  nicht  nur  Moral, 
sondern  wir  zeigen,  was  Moral  tut,  wie  sie  als  Kraft  in 
der  Mensdienseele  wirkt,  und  dann  fallen  in  der  Tat  alle 
diejenigen  Einwande  hinweg,  die  manchmal  mit  einem 
scheinbaren  Recht  gegen  die  Geisteswissenschaft  gemacht 
werden.  Es  wird  oftmals  gesagt,  wenn  die  Geisteswissen- 
schaft von  wiederholten  Erdenleben  in  dem  Sinne  spreche, 
dafi  sich  durch  das  Karma  in  einem  folgenden  Leben  aus- 
gleichen  wiirde,  was  ein  Mensch  an  Freud  oder  Leid  er- 
f  ahren  hat,  so  begriinde  dies  einen  gewissen  Egoismus.  Aber 
wenn  man  sich  nicht  um  Worte  streitet,  sondern  auf  das- 
jenige  sieht,  worauf  es  ankommt,  wenn  man  nicht  blofi  von 
Moral-Predigen,  sondern  von  Moral-Begriinden  sprechen 
will,  dann  mufi  gesagt  werden:  Um  immer  moralischer  und 
moralischer  zu  werden,  mufi  die  Seele  immer  vollkommener 
und  vollkommener  werden,  das  heifit,  es  miissen  fiir  ihr 
Vollkommenerwerden  die  inneren  Impulse  aufgezeigt  wer- 
den. Es  mufi  also  aufgezeigt  werden,  wie  moralische  Im- 


pulse  mit  der  Vollkommenheit  oder  Unvollkommenheit 
der  Seele  zusammenhangen.  Wenn  es  sich  also  darum  han- 
delt,  das  Verhaltnis  von  Geisteswissenschaft  zur  Moral  dar- 
zustellen,  dann  konnen  wir  sagen:  Diese  Geisteswissen- 
schaft ist  vor  den  berechtigten  Anforderungen  der  Moral 
ganz  gewifi  gerechtf ertigt,  denn  in  ihre  bedeutsamsten  For- 
derungen  mufi  sie  die  moralischen  Forderungen  zugleich 
aufnehmen.  Ja,  sie  rechtf  ertigt  in  einer  gewissen  Weise  jene 
Impulse,  die  bei  einem  solchen  Denker  wie  zum  Beispiel 
Plato  gewaltet  haben,  der  das  Gottlich-Geistige  als  das 
«Gute»  bezeichnet  hat,  indem  sie  zeigt,  wie  das  Geistige 
nur  das  Gute  vertragt,  das  heifit  mit  dem  Guten  innig  ver- 
wandt  sein  mul 

So  darf  die  Geisteswissenschaft  als  etwas  gel  ten,  was  nicht 
in  einer  aufterlichen  Weise,  sondern  in  einer  innerlichen 
Weise  die  Prinzipien,  welche  Moral  begriinden,  schon  in 
sich  enthalt.  Und  neben  vielem  anderen,  wovon  wir  im 
nachsten  Vortrage  noch  zu  sprechen  haben,  was  die  Geistes- 
wissenschaft dem  Menschen  geben  soil  fur  den  inneren  Halt 
seiner  Seele,  fur  die  Gesundheit  seiner  Seele,  fur  alles,  was 
er  braucht  an  Kraft  zur  Arbeit,  an  Sicherheit,  um  sich  im 
aufieren  Leben  aufrechtzuhalten  und  durchzudringen  zu 
dem,  was  seine  Aufgabe  ist,  zu  alledem  kann  uns  die  Gei- 
steswissenschaft noch  etwas  hinzugeben,  was  eine  wichtige 
Beigabe  zur  Auffassung  des  menschlichen  Lebens  ist,  was 
die  Menschenseele  befriedigen  soil.  Haben  wir  doch  im  Be- 
ginne  dieses  Vortrages  darauf  aufmerksam  gemacht,  wie 
Moral  und  moralische  Beurteilung  in  jene  Tiefen  der  Men- 
schenseele hinweisen,  wo  die  Seele  mit  heiliger  Scheu  stille 
'  steht  vor  der  anderen  Seele,  weil  sie  sich  der  Schwierigkeit 
bewufit  ist,  an  das  heranzudringen,  wo  die  moralischen  Im- 
pulse in  der  Seele  liegen.  Haben  wir  also  gesehen,  dafi  der, 
welcher  von  den  moralischen  Prinzipien  im  Leben  spricht, 


an  jene  unbekannten  Tiefen  der  Menschenseele  riihrt,  vor 
denen  wir  mit  hochster  Achtung  stehen  miissen,  so  stehen, 
dafi  wir  uns  sagen  miissen,  ein  jeder  unberechtigte  Eingriff 
in  diese  Menschenseele  1st  selber  ein  Unmoralisches  -;  stellt 
uns  Moral  vor  jeden  unserer  Mitmenschen  so  hin,  dafi  wir 
unmittelbar  ahnen:  Wir  stehen  da  mit  der  moralischen  Be- 
urteilung  vor  den  Tiefen  seiner  Seele  -  so  zeigt  uns  die 
Geisteswissenschaft,  da£  diese  Tiefen  der  Menschenseele, 
wenn  sie  gestarkt  werden,  wenn  sie  gekraftigt  und  erfestigt 
werden,  in  der  Tat  in  die  objektive  geistige  Welt  hinauf- 
fiihren,  nur  allein  dann  die  Seele  zum  Mitbiirger  der  geisti- 
gen  Welten  machen. 

Dasjenige  also,  vor  dem  wir  im  moralischen  Urteile  mit 
heiliger  Scheu  stehen,  das  erweist  sich  uns  zugleich  als 
das,  was  allein  eigentlich  den  «Passierschein»  hat,  um  die 
Schwelle  zu  iibertreten,  hinter  welcher  der  Geist  mit  seinen 
Geheimnissen  waltet.  Das  aber  macht  uns  aufmerksam  auf 
das  Wesen  der  Menschenseele,  auf  die  Verwandtschaft  der 
Menschenseele,  wo  diese  sich  in  ihren  Tiefen  ergreift,  mit 
dem  guten  Geist.  Und  das  ist  etwas,  was  uns  das  Leben 
in  jenem  tiefen  Sinne  verstandlich  macht,  dafi  wir  uns  denn 
doch  sagen  miissen  -  auch  da,  wo  wir  nicht  mit  dem  morali- 
schen Verhalten  einer  Menschenseele,  die  uns  entgegentritt, 
einverstanden  sein  konnen,  ja  selbst  wo  wir  ihr  Verhalten 
hart  verurteilen  miissen  -  dafi  wir  uns  sagen  diirfen,  indem 
wir  auf  das  Durchgehen  der  Menschenseele  durch  wieder- 
holte  Leben  hinschauen:  Ja,  selbst  in  den  Tiefen  der  Men- 
schenseele, die  wir  sogar,  berechtigterweise,  moralisch  ver- 
urteilen miissen,  lebt  etwas,  was  sie  verwandt  macht  mit 
der  geistigen  Welt,  wenn  sie  nur  in  ihre  Tiefen  dringen 
will,  und  sich  bewufk  werden  will  der  Quellen  der  Moral 
in  ihren  Tiefen! 

So  versohnt  uns  die  geisteswissenschaftliche  Auffassung 


der  Moral  mit  dem,  was  wir  den  wahren  Wert  der  Men- 
schenseele  nennen  konnen.  Sie  legt  uns  die  Worte  in  den 
Mund,  die  uns  gegeniiber  vielem,  was  wir  brauchen  -  an 
Krafb  der  Freude  und  des  Oberflusses,  an  Kraft  des  Geistes 
und  der  Seele,  an  Trost  fur  viele  Leiden  des  Lebens  — ,  an- 
nehmen  lassen,  daft  es  in  jeder  Lage  der  Menschenseele,  audi 
wenn  sich  diese  Seele  in  diesem  oder  jenem  nicht  bewuftt 
ist,  vieles  gibt,  wo  die  Seele  von  sich  sagen  darf :  Wenn  es 
noch  so  sehr  verborgen  ist,  etwas  ist  in  mir,  was  sich  zum 
Guten  bekennt!  Und  das  tragt  am  meisten  bei,  wenn  die 
Seele  Kraft  braucht,  um  sich  aufrechtzuerhalten,  tragt  am 
meisten  bei  zur  Kraft  des  Lebens  und  zur  Kraft  der  Arbeit, 
wenn  die  Menschenseele,  trotz  vieler  Verirrung  auf  mora- 
lischem  Gebiete,  sich  dennoch  sagen  darf  -  und  sie  darf  es 
sich  sagen,  wenn  sie  sich  durch  Geisteswissenschaft  selbst 
erkennt  -,  was  Theone  in  dem  Drama  «Helena»  des  grie- 
chischen  Dichters  Euripides  sagt: 

Ich  will  das  Gute  von  Natur,  und  Hebe  es, 
weil  ich  mich  selber  achten  mufi! 


DAS  ERBE  DES  NEUNZEHNTEN  JAHRHUNDERTS 


Berlin,  10.  April  1913 


Der  Vortragszyklus  dieses  Winters  suchte  von  verschie- 
denen  Seiten  her  die  Geistesstromung  zu  charakterisieren, 
welche  der  Versuch  sein  soil,  die  Menschenseele  durch  Ver- 
tiefung  in  ihre  eigene  Wesenheit  zu  jenen  Erkenntnissen  zu 
f iihren,  weldie  sie  ersehnen  mufi  in  bezug  auf  die  allerwich- 
tigsten  Daseins-  und  Lebensratsel.  Es  wurde  versucht,  zu 
zeigen,  wie  sich  in  ganz  naturgemafier  Weise  durch  die  Be- 
trachtung  gegenwartiger  oder  sich  fiir  die  Zukunft  anbah- 
nender  Geistesstromungen  die  hier  gemeinte  Geisteswissen- 
schaft  als  das  richtige  Instrument  zeigen  wird,  um  gerade 
im  Sinne  unserer  Gegenwart  und  der  nachsten  Zukunft  die 
Menschenseele  so  in  das  Gebiet  der  Geisteserkenntnis  hin- 
einzufiihren,  wie  es  gemafi  den  durch  die  Entwickelung  des 
menschlichen  Geistes  gegebenen  Gesetzen  fiir  diese  Gegen- 
wart und  nachste  Zukunft  angemessen  ist.  Dabei  wurde 
gleichsam  als  ein  Unterton  dieser  Winterbetrachtungen  im- 
mer  versucht,  anklingen  zu  lassen,  was  an  Errungenschaften 
und  Ergebnissen  das  Geistesleben  und  Geistesstreben  im 
neunzehnten  Jahrhundert  der  Menschheit  gebracht  hat. 
Denn  man  kann  ja  wahrhaftig  sagen,  bei  der  Art,  wie  ge- 
rade das  Geistesstreben  und  Geistesleben  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  die  Menschheit  ergriffen  hat,  wie  es  diese 
Menschheit  zu  dem  grofien  Triumph  des  materiellen  Da- 
seins gebracht  hat,  wiirde  es  ein  aussichtsloses  Unternehmen 
scheinen  mussen,  wenn  diese  Geisteswissendiaft,  wie  sie  hier 
gemeint  ist,  mit  Auflehnung  oder  Abweisung  gegeniiber 


den  berechtigten  Anf  orderungen  der  Naturwissenschaft  oder 
iiberhaupt  der  geistigen  Ergebnisse  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts  auftreten  mufite. 

So  wird  es  denn  vielleicht  als  ein  angemessener  Abschlufi 
erscheinen  konnen,  diesen  Vortragszyklus  damit  zu  beendi- 
gen,  dafi  ein  BHck  auf  das  geworfen  werde,  was  wir  nennen 
konnen  das  geistige  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts, 
um  vielleicht  durch  die  Betrachtung  dieses  geistigen  Erbes 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  darauf  hinweisen  zu  konnen, 
wie  naturgemafi  die  hier  gemeinte  Geisteswissenschafl;  ftir 
den  gegenwartigen  Entwicklungszyklus  der  Menschheit  ist. 

Was  versucht  diese  Geisteswissenschafl  der  Seele  zu  sein? 
Sie  versucht,  der  Seele  eine  Erkenntnis  ihres  im  Geistigen 
liegenden  Ursprunges  zu  sein,  sie  versucht  eine  Erkenntnis 
jener  Welten  zu  sein,  jener  iibersinnlichen  Welten,  welchen 
die  Seele  als  geistiges  Wesen  angehort,  abgesehen  davon,  daft 
diese  Seele  innerhalb  der  physisch-sinnlichen  Welt  durch  die 
Werkzeuge  und  Instruments  ihres  Korpers  lebt.  Sie  ver- 
sucht also,  diese  Seele  als  einen  Burger  der  iibersinnlichen 
Welten  zu  erweisen.  Sie  versucht  zu  zeigen,  dafi  die  Seele, 
wenn  sie  jene  Methoden  auf  sich  anwendet,  von  denen  hier 
im  Laufe  dieses  Winters  oft  gesprochen  worden  ist,  zu  einer 
solchen  Entwickelung  kommen  kann,  durch  welche  in  der 
Seele  Erkenntniskrafte  wachgerufen  werden,  die  im  son- 
stigen  Leben  des  Menschen  kaum  wie  ein  Unterton  dieses 
Lebens  mitschwingen,  die  aber,  wenn  sie  entfaltet  und  ent- 
wickelt  werden,  diese  Seele  wirklich  in  die  Welten  hinein- 
stellen,  denen  sie  mit  ihrem  hoheren  Sein  eigentlich  ange- 
hort. Dadurch,  dafi  die  Seele  diese  Krafte  in  sich  entdeckt, 
gelangt  siedazu,  sich  als  eineWesenheit  zu  erkennen,  gegen- 
uber  welcher  Geburt  und  Tod  oder,  sagen  wir,  Empf angnis 
und  Tod  in  demselben  Sinne  Grenzen  darstellen,  wie  das 
blaue  Himmelsfirmament  f ur  die  im  naturwissenschaftlichen 


Geiste  erkennende  Seele  seit  der  Morgenrote  der  neueren 
Naturwissensdiaft  Grenzen  darstellt,  etwa  seit  dem  Wirken 
von  Giordano  Bruno  und  derjenigen,  die  ihm  gleichgesinnt 
waren.  Dadurdi  dafi  sidi  die  Seele  der  in  ihr  schlummern- 
den  Krafte  bewufit  wird,  geht  in  ihr  fiir  das  Zeitlich-Gei- 
stige  etwas  Ahnliclies  vor,  wie  es  in  ihr  vorgegangen  ist  fiir 
die  aufiere  Erkenntnis  des  Raumlich-Materiellen  in  der  Zeit 
der  Morgenrote  der  neueren  Naturwissensdiaft,  als  zum 
Beispiel  Giordano  Bruno  darauf  hingewiesen  hat,  dafi  dieses 
blaue  Himmelsgewolbe,  weldies  Jahrhunderte  und  aber 
Jahrhunderte  fiir  eine  Wirklichkeit  gehalten  haben,  nichts 
weiter  ist  als  eine  Grenze,  die  sich  die  menschliche  Erkennt- 
nis durch  eine  Art  Unvermogen  selbst  setzt  und  iiber  die 
sie  hinauskommen  kann,  wenn  sie  sich  selbst  versteht. 

Wie  Giordano  Bruno  gezeigt  hat,  dafi  sich  hinter  diesem 
blauen  Himmelsgewolbe  das  unendliche  Meer  des  Raumes 
auftut  mit  den  unendlichen  darin  eingebetteten  Welten,  so 
hat  die  Geisteswissenschaft  zu  zeigen,  dafi  jene  Grenze,  die 
durch  Geburt  und  Tod  oder  durch  Empfangnis  und  Tod 
gesetzt  ist,  nur  dadurch  besteht,  dafi  zunachst  das  mensch- 
liche  Seelenvermogen  sich  in  der  Zeit  ebenso  begrenzt,  wie 
es  sich  einst  durch  das  blaue  Himmelsgewolbe  im  Raume 
begrenzt  hat,  dafi  aber  dann,  wenn  sich  iiber  Geburt  und 
Tod  hinaus  die  Unendlichkeit  auf  die  Auffassung  der  gei- 
stigenTatsachen  ausdehnen  lafit,  in  welche  die  Seele  hinein- 
verwoben  ist,  die  Seele  sich  erkennt  als  durchgehend  durch 
wiederholte  Erdenleben.  So  dafi  das  Leben  der  Seele  auf 
der  einen  Seite  in  dem  Dasein  zwischen  Geburt  und  Tod 
verfliefit,  auf  der  anderen  Seite  in  der  Zeit  vom  Tode  bis 
zu  einer  neuen  Geburt. 

Wenn  wir  mit  unseremBlick  in  die  zeitlich-geistigen  Wei- 
ten  hinausgehen,  wie  die  Naturwissensdiaft  hinausgegangen 
ist  in  raumliche  Weiten,  dann  erkennt  sich  die  Menschen- 


seele,  indem  sie  aus  dem  Leben,  das  sie  zwischen  dem  Tode 
und  der  letzten  Geburt  durchgemacht  hat,  in  das  Leben 
zwischen  Geburt  und  Tod  hereintritt,  sowohl  als  mit- 
schaffend  an  der  feineren  Organisation  des  eigenen  Leibes, 
wie  sie  sich  auch  erkennt  als  schaffend  an  dem  Zimmern 
des  eigenen  Schicksals.  Im  weiteren  ist  gesagt  worden  -  das 
ist  vielleicht  gerade  in  diesem  Winter  weniger  beriihrt  wor- 
den, in  friiheren  Jahren  aber  schon,  doch  es  kann  in  der 
geisteswissenschafllichen  Literatur  nachgelesen  werden  -, 
dafi  die  Seele,  wenn  sie  sich  so  selber  in  ihren  tieferen  Kraf- 
ten  erfafit,  sich  auch  zuruckverfolgt  bis  in  jene  Zeiten,  in 
denen  mit  dem  Leben  in  korperlichen  Daseinsformen  der 
Anfang  gemacht  worden  ist;  dafi  sie  sich  zuriickverfolgen 
kann  bis  in  jene  Zeiten,  in  denen  sie  schon  da  war,  bevor 
unser  Erdplanet  seine  materielle  Form  angenommen  hat, 
bevor  die  Erde  als  materielle  Form  selber  hervorgegangen 
ist  aus  einer  rein  geistigen  Urwesenheit,  in  welcher  die  Men- 
schenseele  in  ihrer  ersten  Anlage  schon  vorhanden  war, 
selbst  vor  der  Entstehung  der  uns  umgebenden  Naturreiche, 
des  Tier-,  Pflanzen-  und  Mineralreiches.  Und  wiederum 
eroffnet  sich  der  Ausblick  auf  eine  Zukunft,  in  welche  die 
Menschenseele  einzugehen  hat,  wenn  sich  die  Erdenverkor- 
perungen  erfullt  haben  werden,  in  welcher  sie  dann  iiber- 
gehen  wird  in  eine  rein  geistige  Welt,  welche  die  Erde  ab- 
losen  wird;  so  dafi  man  hinblicken  kann  auf  eine  Zukunft, 
in  welche  die  Menschenseele  rein  geistig  eintreten  wird,  so 
eintreten  wird,  dafi  sie  die  Friichte  der  irdischen  Lebens- 
formen  hinzutragen  hat  zu  dem,  was  sie  als  ein  geistiges 
Reich  wie  in  einem  Urzustande  wieder  erreichen  wird.  Aber 
nicht  in  derselben  Form  wird  sie  es  erreichen,  wie  sie  davon 
ausgegangen  ist,  sondern  mit  dem  Ergebnis  alles  dessen, 
was  in  den  Erdenverkorperungen  erworben  werden  kann. 
Wenn  sich  die  Seele  so  selbst  ergreift,  dafi  sie  sich  mit 


den  in  ihr  schlummernden  Kraften  verdichtet,  dann  erkennt 
sie  sich  audi  im  Zusammenhange  mit  Welten,  die  Ur- 
sprungswelten  selbst  gegeniiber  unserm  Erdplaneten  sind; 
sie  erkennt  sich  als  ein  Burger  des  gesamten  Weltalls.  Von 
den  aufeinanderfolgenden  Erdenleben  der  einzelnen  Seele 
kann  die  Geisteswissenschaft  den  Aufschwung  nehmen  zu 
den  aufeinanderfolgenden  Leben  der  Planeten,  ja,  audi  der 
Sonnen  im  Weltenall.  Die  Methodeist  also  diejenige,  welche 
in  der  Selbsterziehung  der  Seele  zu  ihren  tiefsten  Kraften 
besteht.  Das  Ergebnis  ist  die  Erkenntnis  von  Ursprung  und 
Richtung  des  seelischen  Lebens,  die  Erkenntnis  davon,  dafi 
das  erste  der  Geist  ist,  dem  die  Seele  angehort,  dafi  der 
Geist  es  ist,  welcher  die  Materie  aus  sich  hervorgehen  lafit 
und  in  ihre  Formen  bringt,  und  die  wichtigste  Form,  die 
uns  im  Erdendasein  zunachst  interessiert,  ist  die  Form  des 
menschlichen  Leibes.  Diese  Erkenntnis  wird  sich  also  in  der 
nachsten  Zukunft  in  das  Bewufttsein  der  Menschheit  einzu- 
leben  haben,  dafi  der  Geist  das  erste  und  oberste  ist,  dafi 
der  Geist  die  Materie  aus  sich  entlalk,  wie  das  Wasser  das 
Eis  aus  sich  hervorgehen  lafit,  dafi  der  Geist  es  ist,  der  sich 
im  Menschenleibe  seine  aufiere  Form  gibt,  dafi  der  Geist 
zusammenhangt  mit  den  geistigen  Wirksamkeiten,  Tat- 
sachen  und  Wesenheiten  der  Welt,  und  dafi  die  Menschen- 
seele  ein  Burger  dieser  Welt  der  geistigen  Tatsachen  und 
Wesenheiten  ist,  die  alles  aufiere  materielle  Dasein  aus  sich 
entlassen,  es  in  die  entsprechenden  Formen  giefien,  die  dann 
das  sichtbare,  das  mit  den  Sinnen  wahrnehmbare  Weltall 
um  uns  herum  ausmachen.  So  mochte  ich  in  kurzen  Worten 
das  charakterisieren,  was  Methode  und  was  Ergebnis  des- 
jenigen  sein  kann,  was  hier  Geisteswissenschaft  genannt 
wird. 

Diese  Geisteswissenschaft  steht  in  unserer  gegenwartigen 
Zeit  erst  am  Anfange.  Oft  ist  es  betont  worden,  dafi  es 


durchaus  begreiflich  erscheinen  mufi,  wenn  sich  heute  noch 
Feinde  und  Gegner  dieser  Geisteswissenschaft  von  alien  Sei- 
ten  erheben.  Gerade  f  ur  den  mufi  dies  begreiflich  erscheinen, 
der  selber  auf  dem  Boden  dieser  Geisteswissenschaft  steht 
und  sozusagen  ihre  ganze  Eigenart  gegenuber  dem  son- 
stigen  Kulturleben  der  Gegenwart  kennt.  Verwunderlich 
ist  es  nicht,  dafi  diese  Geisteswissenschaft  Feinde  und  Geg- 
ner findet,  dafi  man  sie  als  Phantasterei,  als  Traumerei, 
vielleicht  zuweilen  als  etwas  noch  Schlimmeres  ansieht.  Ver- 
wunderlich wiirde  es  vielmehr  sein  konnen,  wenn  sich  bei 
der  Eigenart  dieser  Geisteswissenschaft  schon  in  der  Gegen- 
wart mehr  Stimmen  der  Anerkennung  und  des  Zuspruches 
ergeben  wiirden  als  es  der  Fall  ist.  Denn  es  scheint  gar  sehr, 
als  ob  nicht  nur  die  Ergebnisse  dieser  Geisteswissenschaft, 
sondern  auch  die  ganze  Art  des  Denkens  unddesVorstellens, 
wie  sie  hier  gepflogen  werden  mufiten,  alien  Denkgewohn- 
heiten  und  alien  Vorstellungsarten  widersprachen,  die  sich 
gerade  durch  das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  fur 
die  Menschheit  ergeben  haben.  Es  scheint  aber  nur  so.  Und 
man  darf  sagen,  am  meisten  erscheint  das  denjenigen,  welche 
glauben,  auf  dem  festen  Boden  dieses  Erbes  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  so  stehen  zu  miissen,  dafi  sie  nur  eine  mate- 
rialistische  Art  oder  eine  materialistisch  gefarbte  Art  der 
Weltbetrachtung  mit  diesem  Erbe  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts vereinbar  halten. 

Durchaus  nicht  im  Widerspruche  mit  dem  Erbe  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts  erscheint  dem  Geisteswissenschafller 
selber  das,  was  er  als  diese  Geisteswissenschaft  eben  aner- 
kennen  mufi.  Denn  man  darf  auch  vom  Standpunkte  dieser 
Geisteswissenschaft  aus  sagen,  hellglanzend  wird  in  einer 
gewissen  Weise  f ur  alle  kommenden  Entwickelungsepochen 
der  Menschheit  dasjenige  dastehen,  was  dieses  neunzehnte 
Jahrhundert  auf  den  verschiedensten  Gebieten  der  Evolu- 


tion  so  hofFnungsvoll  und  audi  schon  so  ergebnisreich  der 
Mensdiheit  verliehen  hat.  Es  ist  naturlich  unmoglich,  den 
Umkreis  der  ganzen  Welt  in  bezug  auf  diese  Frage  des 
Erbes  des  neunzehnten  Jahrhunderts  zu  erschopfen.  Aber 
selbst,  wenn  man  zum  Beispiel  nur  bei  dem  stehen  bliebe, 
was  die  Struktur  des  Geisteslebens  Mitteleuropas  oder  des 
Abendlandes  zelgt,  dann  wiirde  man  sagen  miissen:  Viel, 
viel  Licht  geht  von  einem  wirklichen  Erfassen  der  Bedeu- 
tung  desjenigen  aus,  was  sich  da  darbietet.  Aber  es  ist  audi 
au£erordentlich  viel,  mochte  man  oftmals  sagen,  schwindel- 
erregende  Abwechslung  und  Mannigfaltigkeit  in  der  geisti- 
gen  Entwickelung  des  neunzehnten  Jahrhunderts  gewesen, 
so  dafi  der  Betrachter  von  diesem  oder  jenem  mandimal 
fasziniert  sein  konnte,  dafi  er  leicht  veranlafit  sein  konnte, 
einseitig  zu  werden  und  dieses  oder  jenes  zu  iiberschatzen. 
Vielleicht  wird  er  von  einer  solchen  Oberschatzung  nur  da- 
durdi  geheilt,  dafi  sich  die  Erfolge  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts und  die  veranderten  Bilder  des  Kulturablaufes  so 
ergeben,  dajS  Bild  auf  Bild  ablauft  und  eine  grofie  Mannig- 
faltigkeit sich  darbietet.  Wir  konnen  natiirlich  nur  einiges 
herausnehmenund  wollen  da  denBlick  auf  folgendes  lenken. 

Wie  hoffnungsvoll  fur  das,  was  der  Menschenseele  im 
Innern  aufgehen  kann,  was  sie  werden  kann,  wenn  sie  sich 
ihrer  Krafte  bewufk  wird  und  bedient,  steht  gerade  an  der 
Wende  des  achtzehnten  und  neunzehnten  Jahrhunderts  der 
grofie  Philosoph  des  Abendlandes  Jobann  Gottlieb  Fichte, 
der  gerade  damals  seine  beriihmte  Schrifl  «Die  Bestimmung 
des  Menschen»  schrieb.  Wenn  man  verfolgt,  wie  er  sich 
wahrend  der  Arbeit  an  dieser  Schrifl  zu  seinen  vertraute- 
sten  Freunden  und  zu  ihm  nahestehenden  Personlichkeiten 
dariiber  ausgesprochen  hat,  so  ist  es  dies,  dafi  er  in  die  tief- 
sten  Geheimnisse  des  menschlichen  Erkenntnisempfindens 
und  religiosen  Empfindens  einen  Blick  habe  tun  diirfen. 


Wenn  man  dann  diese  Schrift  durchnimmt,  so  kann  man 
fasziniert  sein  von  einer  Art  von  Selbstzeugnis,  welches  in 
dieser  Schrift  die  menschliche  Seele  sucht  um  ihrer  Sicherheit 
willen,  um  ihrer  HofTntmg  willen.  Wie  darin  Fichte  in 
einem  ersten  Kapitel  davon  ausgeht,  dafi  das  durch  die 
aufiere  Betrachtung  der  Natur  und  der  physischen  Welt 
gewonnene  Wissen  im  Grande  genommen  nur  einen  aufie- 
ren  Schein,  kaum  dasjenige  darbietet,  was  man  im  ernsten 
Sinne  einen  Traum  nennen  konnte,  wie  er  dann  in  den 
nachsten  Kapiteln  zeigen  will,  wie  die  Seele  sich  selbst  er- 
greift,  in  ihrem  Willen  sich  selbst  ergreifl,  wie  sie  sicher 
wird  ihres  eigenen  Daseins,  so  bekommt  man  noch  mehr 
als  durch  die  einzelnen  Ausfuhrungen  dieser  Schrift  durch 
den  ganzen  Zusammenhang,  in  den  sie  sich  hineinstellt,  einen 
Eindruck,  der  sich  etwa  so  charakterisieren  lafit.  Diese 
menschliche  Seele  hat  versucht,  sich  die  Frage  vorzulegen: 
Kann  ich  selber  vor  mir  bestehen,  wenn  ich  auch  kein  Ver- 
trauen  habe  zu  all  dem  Wissen,  das  sich  mir  durch  meine 
Sinne,  ja  auch  durch  die  Betrachtung  des  aufteren  Verstan- 
des  darbietet?  -  Im  Stile  seiner  Zeit  hat  Fichte  in  grandioser 
Weise  diese  Frage  bejahend  beantwortet.  Das  Eindrucks- 
volle  dieser  Schrift  ist  gerade  das,  was  sie  der  Seele  werden 
kann  durch  die  Art  der  Sprache,  durch  den  inner lich  sicheren 
Ton,  der  so  sicher  ist,  trotz  des  Verzichtes  auf  aufieres 
Schein  wissen. 

Nun  steht  allerdings  diese  Schrift  mitten  drinnen  in  einem 
Streben  gerade  des  abendlandischen  Geisteslebens  nach  den 
Quellen  menschlicher  Zuversicht  und  menschlichen  Erken- 
nens.  Es  folgte  auf  die  Zeit,  in  der  Fichte  zu  einer  solchen 
kraftvollen  Art  die  Menschenseele  zu  erfassen  sich  auf- 
schwang,  sozusagen  die  Glanzperiode  des  philosophischen 
Strebens.  Was  noch  Fichte  selber  versucht  hat,  was  Schel- 
ling,  was  Hegel,  was  Schopenhauer  versucht  haben,  was 


auf  philosophischem  Gebiete  im  ersten  Drittel  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts  versucht  worden  ist,  um  mit  der  Kraft 
des  menschlichen  Denkens  in  die  Geheimnisse  der  Welt 
hineinzudringen,  das  alles  wirkte  -  man  mag  sich  heute  zu 
denErgebnissen  dieses  Geistesaufschwunges  stellenwie  man 
will  —  durch  die  ganze  Art,  wie  man  in  diesem  Streben  ge- 
fiihlt  hat,  wie  man  gewollt  hat,  grandios  auf  jede  fiihlende 
und  empfindende  Menschenseele. 

Wenn  man  auf  sich  wirken  laEt,  was  Schelling,  man 
mochte  sagen,  aus  einer  durch  den  Intellekt  sicher  gewor- 
denen,  dann  aber  mehr  phantasievollen  Auffassung  der 
Welt  zu  gewinnen  sucht  an  einem  Weltbild,  das  ihn  wirk- 
lich  iiber  alle  Materie  in  die  geistige  Weltentwickelung  zu 
tragen  vermag,  wenn  man  dann  iibergeht  zu  dem  Gedan- 
kenstreben  Hegels,  welches  dem  Menschen  die  Kraft  zu- 
traut,  allein  durch  die  Gedankenkraft  in  das  Innere  der 
Dinge  hineinzudringen,  so  dafi  Hegel  der  Menschenseele 
klarmachen  wollte,  dafi  sie  in  der  Gedankenkraft  die  Quel- 
len  hat,  worin  alle  Krafte  der  Welt  hineinfliefien  und 
worin  man  alles  hat,  um  sich  sozusagen  im  Ewigen  zu  er- 
fassen  -  dann  sieht  man  hin  auf  ein  kraftvolles  Ringen 
der  Menschheit.  Man  braucht  sich  nur  an  die  Hoffnung 
und  an  die  Zuversicht  zu  halten,  die  an  dieses  kraftvolle 
Ringen  geknupft  waren. 

Und  wieder,  wenn  man  den  Blick  zuruckwendet,  dann 
fallt  einem  vielleicht  etwas  auf,  was  den  tieferen  Betrach- 
ter  dieser  ganzen  Zeitepoche,  von  der  jetzt  fluchtig  die  Rede 
ist,  einigermafien  iiber  ihren  Ursprung  aufklaren  kann.  So 
fallt  fur  das  Jahr  1784  der  betrachtende  Blick  auf  eine 
kleine  charakteristische  Abhandlung  von  Kant,  die  den 
Titel  tragt:  «Was  ist  Aufklarung?»  Der  fast  pedantische 
Stil  lafit  nicht  immer  erahnen,  wie  tief  die  zuweilen  recht 
verstandesmafiigen  Gedanken  dieser  Abhandlung  in  dem 


ganzen  Ringen  der  Menschenseele  in  der  neueren  Zeit  wur- 
zeln.  «Was  ist  Aufklarung?»  Diese  Frage  stellte  sich  Kant, 
derselbe  Kant,  der  durch  das  oftmals  chaotische  aber  dodi 
kraftvolle  Streben  des  menschlichen  Geistes,  wie  es  zum 
Beispiel  bei  Rousseau  zutage  getreten  ist,  so  ergriffen  wurde, 
dafi  er,  als  er  Rousseau  in  seinen  Schriften  kennenlernte  - 
was  mehr  ist  als  eine  Anekdote  -,  keine  Ruhe  hatte,  son- 
dern  seine  ganze  Tagesordnung  durchkreuzte  und  zu  ganz 
unregelma£iger  Zeit  -  Kant,  nach  dessen  Spaziergang  man 
sich  sonst  die  Uhr  stellen  konnte  -  in  Konigsberg  spazieren 
ging!  Aber  man  weiJft,  wie  Kants  Seele  durcb  die  Freiheits- 
bewegung  des  achtzehnten  Jahrhunderts  aufgeruttelt  war. 
Dies  tritt  uns  denn,  wenn  wir  diese  kleine  Scbrift  in  die 
Hand  nehmen,  in  den  Satzen,  die  wir  da  lesen,  man  mochte 
sagen  recht  monumental  entgegen.  Aufklarung,  meint 
Kant,  ist  das  Heraustreten  der  Menschenseele  aus  ihrer 
selbstverschuldeten  Unmiindigkeit.  -  Erkiihne  dich,  dich 
deiner  Vernunft  zu  bedienen!  -  Dieser  Satz  stent  in  Kants 
Schrift  vom  Jahre  1784.  Man  wiirdigt  eigentlich  diesen 
Satz;  Erkiihne  dich,  dich  deiner  Vernunft  zu  bedienen!,  wie 
audi  den  anderen  erst  recht,  wenn  man  sich  klar  ist,  dafi  sich 
in  ihnen  wirklich  etwas  ausdruckt  wie  ein  in  gewisser  Be- 
ziehung  erst  Zusichkommen  der  Menschenseele.  Versuchen 
wir  einmal  an  einem  einfachen  Gedanken  diese  zwei  Kan- 
tischen  Satze  aus  seinem  Aufsatze  vom  Jahre  1784  in  ihrem 
rechten  Lichte  zu  sehen. 

Cartesius,  der  ja  als  Philosoph  nicht  lange  dem  Kanti- 
schen  Wirken  vorangegangen  ist  -  wenn  man  das  «nicht 
lange»  im  Sinne  der  Weltentwickelung  betrachtet  — ,  ging 
auf  einen  markanten,  bedeutungsvollen  Satz  zuriick.  Er 
verwies  die  Menschenseele  auf  ihr  eigenes  Denken  und  tat 
damit  noch  einmal  dasselbe,  was  in  den  ersten  christlichen 
Jahrhunderten  schon  Augustinus  getan  hat.  Es  klang  wie 


ein  Grundton  des  Seelenlebens  von  Cartesius  der  Satz  aus: 
«Ich  denke,  also  bin  ich»,  und  er  sagte  damit  etwas,  was 
schon  Augustmus  ahnlich  gesagt  hat:  Man  kann  an  der 
ganzen  Welt  zweifeln,  aber.  indem  man  zweifelt,  denkt 
man,  und  indem  man  denkt,  ist  man,  und  indem  man  sich 
so  im  Denken  erf afk,  hat  man  in  sich  selber  das  Sein  erfa£t. 

Es  kann  ein  Mensch  mit  gesundem  Sinn,  meint  Carte- 
sius, unmoglich  sich  als  denkende  Seele  erkennen  und  an 
seinem  Sein  zweifeln.  Ich  denke,  also  bin  ich  -  das  war, 
trotzdem  schon  Augustinus  in  dem  Fassen  eines  solchen 
Satzes  vorangegangen  ist,  dennoch  f iir  das  Jahrhundert  des 
Cartesius  und  fur  das,  was  dann  im  achtzehnten  Jahrhun- 
dert nachwirkte,  etwas  aufierordentlich  Bedeutsames.  Aber 
wenn  man  nun  Cartesius  verfolgt,  wie  er  weiter  darauf 
ausgeht,  eine  Weltanschauung  zu  zimmern,  von  diesem 
Satze  als  Grundlage  eben  weiterblickend,  dann  sieht  man, 
dafi  er  uberall  aufnimmt,  was  von  den  Jahrhunderten  her- 
ein an  Traditionen,  an  Oberlieferungen  da  ist.  Man  sieht, 
wie  er  mit  seinem  Denken,  mit  dem,  was  aus  der  Menschen- 
seele  selber  aufquellen  will,  Halt  macht  vor  den  aus  den 
Jahrhunderten  zusammengebrachten  Oberlief erungen,  Halt 
macht  vor  den  geistigen  Wahrheiten,  vor  den  Fragen  nach 
dem  Schicksal  der  Menschenseele  nach  dem  Tode  und  so 
weiter.  Vor  den  eigentlichen  geistigen  Wahrheiten  macht 
Cartesius  Halt. 

Wenn  man  das  bedenkt,  dann  geht  einem  auf,  was  es 
heifit,  dafi  mitten  aus  dem  Zeitalter  der  Aufklarung  her- 
aus  im  achtzehnten  Jahrhundert  die  Kantischen  Satze  er- 
klungen  haben:  Aufklarung  ist  das  Heraustreten  der  Men- 
schenseele aus  ihrer  selbstverschuldeten  Unmiindigkeit,  - 
und:  Erkiihne  dich,  dich  deiner  Vernunft  zubedienen!-Das 
heifit,  man  hat  sich  jetzt  an  die  Absicht  herangewagt  -  und 
gerade  der  charakterxsierte  Kantische  Satz  ist  dafiir  ein  Be- 


weis  der  menschlichen  Seele  die  Kraft  zuzutrauen,  zu  den 
Quellen  ihres  Daseins,  zu  den  Quellen  Hirer  Krafte  durdi 
ihre  eigene  Macht,  durdi  ihre  eigene  Grofie  zu  kommen. 

Von  da  ging  dann  alles  aus,  was  in  den  kuhnen  Satzen 
der  angefiihrten  Fichteschen  Sdirifl  liegt,  von  da  ging  aus 
jene  kiihne  Gedankenarbeit,  die  so  grandios  dasteht  in  der 
Philosophic  des  Abendlandes  vom  ersten  Drittel  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts.  Wenn  man  dann  diesen  Auf schwung 
des  menschlichen  Geistes  betrachtet,  den  wir  heute  nicht  in 
bezug  auf  Wahrheit  oder  Unwahrheit  seines  Inhaltes  be- 
trachten  wollen,  sondern  in  bezug  auf  das,  was  die  Men- 
schenseele  an  innerer  Zuversicht  und  HofTnungssicherheit 
daraus  zu  gewinnen  hoffte,  und  wenn  man  den  Blick  weiter 
in  die  Mitte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  hereinwendet, 
da  wird  man  dann  vielleicht  recht  wehmiitig  beriihrt  durch 
ein  Wort  eines  solchen  Mannes  wie  des  Philosophiegeschicht- 
schreibers,  auch  des  selbstandigen  Philosophen,  namentlich 
aber  des  Biographen  Hegels,  Karl  Rosenkranz.  So  schreibt 
er  in  seiner  Vorrede  zu  dem  «Leben  Hegels»  (1844):  «Nicht 
ohne  Wehmut  trenne  ich  mich  von  dieser  Arbeit,  miifite 
man  doch  nicht  irgend  einmal  das  Werden  auch  zum  Dasein 
kommen  lassen!  Denn  scheint  es  nicht,  als  seien  wir  Heu- 
tigen  nur  dieTotengraber  und  Denkmalsetzer  fiir  die  Philo- 
sophen,  welche  die  zweite  Halfte  des  vorigen  (achtzehnten) 
Jahrhunderts  gebar,  um  in  der  ersten  des  jetzigen  zu  ster- 
ben?»  Man  fiihlt  aus  einem  solchen  Ausspruche  vielleicht 
mehr  als  aus  sonstigen  Schilderungen,  wie  um  die  Mitte  des 
neunzehnten  Jahrhunderts  der  ganze  Glanz  des  philosophi- 
schen  Strebens  von  der  Wende  des  achtzehnten  zum  neun- 
zehnten Jahrhundert  und  aus  dem  ersten  Drittel  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts  schnell  erloschen  war. 

Aber  ein  anderer  Glanz  erhebt  sich  sofort.  Indem  in  den 
dreifiiger,  vierziger  Jahren  des  neunzehnten  Jahrhunderts 


der  Glanz  des  philosophischen  Geisteslebens  sdinell  hin- 
sdiwand,  stieg  auf  eine  neue  Zuversicht,  man  mochte  sagen 
eine  neue  Hoffnungsseligkeit.  Vorbereitet  war  das  sdion 
durdi  die  grofien  naturwissenschaftlichen  Oberblicke"  eines 
Physiologen  wie  Johannes  Miiller  und  durdi  alles,  was 
Leute  wie  Alexander  Humboldt  und  andere  getan  haben. 
Aber  dann  kamen  solche  bedeutsamen  Errungenschaften 
wie  die  Entdeckung  der  Zelle  und  ihrer  Wirkung  im  leben- 
digen  Organismus  durdi  Schleiden  und  Schwann.  Damit 
war  eine  neue  Epoche  des  Glanzes  naturwissenschaftlicher 
Erkenntnis  eingeleitet.  Und  jetzt  sehen  wir  an  das,  was 
da  getan  worden  ist,  alles  sich  anschlie£en,  was  tatsachlich 
in  der  Evolution  des  neunzehnten  Jahrhunderts  unsterblich 
glanzen  wird.  Wir  sehen,  wie  sich  anschliefien  die  grofien 
Errungenschaften  der  Physik:  noch  in  den  vierziger  Jahren 
die  Entdeckung  des  Gesetzes  von  der  Erhaltung  der  Kraft 
und  von  der  Umwandlung  der  Warme  durch  Julius  Robert 
Mayer  und  durch  Helmholtz.  Wer  die  Physik  der  Gegen- 
wart  kennt,  der  weifi,  da£  erst  durch  diese  Entdeckung  die 
Physik  in  der  neueren  Auffassung  moglich  geworden  ist. 
Wir  sehen,  wie  die  Physik  von  Triumph  zu  Triumph  ge- 
fiihrt  wird,  wie  durch  die  Entdeckung  der  Spektralanalyse 
durch  Kirch h off  und  Bunsen  der  Blick  hinausgelenkt  wird 
von  den  materiellen  Erdverhaltnissen  in  die  Anschauung 
der  materiellen  Himmelsverhaltnisse,  indem  erkannt  wird, 
wie  sich  die  gleichen  Stoffe  in  den  ganzen  Himmelsverhalt- 
nissen  ofFenbaren.  Wir  sehen,  wie  die  Physik  dazu  gelangt, 
ihre  theoretischen  Grundlagen  zu  verbinden  mit  der  prak- 
tischen  Verwertung  ihrer  Grundsatze,  wie  es  ihr  gelingt, 
in  die  Technik  einzudringen,  und  wie  sie  die  Kultur  des 
Erdplaneten  verandert.  Wir  sehen  Naturgebiete  wie  die 
der  Elektrizitat  und  des  Magnetismus,  indem  sie  mit  der 
Technik  verbunden  werden,  als  etwas  Grofies  dastehen.  Zu- 


kunftsverheifiungen  im  hochsten  Mafie  sehen  wir  sich  an- 
schliefien  an  die  Betrachtung  des  Lebendigen,  des  Organi- 
schen,  die  Darwin  und  in  ihren  weiteren  Ausgestaltungen 
Haeckel  gaben. 

Das  alles  sehen  wir  sich  einverleiben  dem  Geistesleben 
der  Mensdiheit.  Wir  sehen,  wie  sich  an  Lyell's  Forschungen 
aus  dem  Anfange  des  neunzehnten  Jahrhunderts  die  heutige 
Geologie  anschliefit,  die  von  dem  AblaufedesErdgeschehens 
im  materiellen  Sinne  ein  Bild  zu  geben  versucht.  Wir  sehen, 
wie  auch  da  immerhin  grandiose  Versuche  gemacht  werden, 
durch  rein  materielle  Gesetze  das  Menschenwerden  in  das 
Erdgeschehen  einzugliedern,  das  Biologische  mit  dem  Geo- 
logischen  zu  verbinden.  Das  alles,  was  sich  dann  an  die 
S telle  hinges tellt  hat,  welche  im  ersten  Drittel  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts  die  Zuversicht  zu  der  Kraft  des  Ge- 
dankens  eingenommen  hat,  das  alles  hat  aber  tief  einge- 
griffen  nicht  blofi  in  die  theoretischen  Weltanschauungen. 
Denn  wenn  bloft  das  der  Fall  gewesen  ware,  so  konnte  man 
sagen:  das  alles  ging  zunachst  wie  auf  einer  Art  oberem 
Horizont  der  Geistesentwickelung  vor;  aber  darunter  ist 
der  Horizont  der  ubrigen  Bevolkerung,  die  sich  damit  nicht 
befafk.  -  Nein,  es  gibt  nichts  in  der  Menschheitsentwicke- 
lung,  wohinein  nicht  seine  Triebe  getrieben  hat,  was  jetzt 
mit  fluchtigen  Strichen  gezeichnet  worden  ist.  Wir  sehen  es 
sich  iiberall  hineinerstrecken  in  die  geheimnisvollen  Bildun- 
gen  dieses  Geistesganges  der  Mensdiheit. 

Die  Menschenseele  selber  ist  in  ihrem  innersten  Wesen 
und  Sein  durchaus  nicht  unberiihrt  geblieben  von  dem,  was 
sich  da  vollzogen  hat.  Es  konnte  zusammengestellt  werden, 
was  sich  da  vollzogen  hat,  gleichsam  charakterisierend  das 
Erbe,  das  uns  das  neunzehnte  Jahrhunderthinterlassenhat, 
etwa  in  einer  Seele,  die  noch  hatte  hinhorchen  diirfen  auf 
das,  was  aus  Fichtes  Munde  gekommen  ist,  was  zum  Bei- 


spiel  enthalten  ist  in  seiner  Schrift  «Die  Bestimmung  des 
Menschen».  Eine  solche  Seele  wiirde  gewisse  Empfindungen 
und  Gefiihle  gehabt  haben  iiber  ihr  eigenes  Wesen,  iiber  die 
Art,  wie  sie  sich  selber  erleben  kann.  Diese  innere  Struktur 
in  bezug  auf  das  Sich-selber-Erleben  im  Beginne  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts  wiirde  sich.  wesentlich  anders  dar- 
stellen,  wenn  wir  eine  Seele  betrachten,  die,  ich  will  nicht 
sagen  sidi  zu  einem  materialistischen  Bekenntnisse  halt,  son- 
dern  die  sidi  mit  ofFenen  Sinnen  und  mit  Interesse  alledem 
hingibt,  was  als  berechtigt  aus  dem  Erbe  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  fliefit.  Diese  Mensdienseele  ist  bis  in  ihrem 
innersten  Wesen  nicht  unberiihrt  geblieben  von  dem,  was 
sich  um  sie  herum  entfaltet  an  Ausdehnung  der  GrolSstadt- 
zentren,  ist  nicht  unberiihrt  geblieben  von  den  Kultur- 
errungenschaften,  die  wie  eine  Verkorperung  des  neuen 
Geisteslebens  dastehen,  jenes  Geisteslebens,  das  an  der  An- 
schauung  der  neuen  Gesetze  der  mechanischen  Weltordnung 
gewonnen  worden  ist.  Von  diesen  Anschauungen,  die  sich 
sozusagen  geneigt  erweisen,  das  Weltall  in  seinen  Gesetzen 
ahnlich  anzusehen  wie  die  Gesetze,  die  audi  die  Maschinen, 
die  Lokomotive  beherrschen,  war  eine  Seele  noch  frei,  die 
sich  mit  ganzem  Herzen  einer  Schrift  hat  hingeben  konnen 
wie  Fichtes  «Bestimmung  des  Menschen».  Man  hat  mit 
Recht  hervorgehoben,  dafi  diese  Mensdienseele  ihre  Um- 
gestaltung  erfahren  mufite  unter  dem  Eindrucke  alles  dessen, 
was  sich  ganz  notwendig  ergeben  hat  als  ein  materielles 
Kulturergebnis  des  sich  im  charakterisierten  Sinne  umgestal- 
tenden  Denkens,  Fiihlens  und  Empfindens  des  neunzehnten 
Jahrhunderts. 

Man  versuche  einmal,an  einzelnen  Symptomen  sichklar- 
zumachen,  was  alles  eingetreten  ist  als  Folge  dessen,  was 
das  naturwissenschaftliche  Denken  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts geliefert  hat.  Man  denke  daran,  wie  der  Maler 


in  friiheren  Zeiten  vor  der  Leinwand  gestanden  hat,  wie 
er  seine  Farben  gemischt  hat,  wie  er  gewufit  hat,  dafi  sie 
halten  werden;  denn  er  wufke,  was  er  da  hineingemischt 
hat.  Das  neunzehnte  Jahrhundert  mit  seinen  gro£en  Er- 
rungenschaften  und  den  Fortschritten  seiner  Technik  weist 
den  Maler  an,  sich  seine  Farben  zu  kaufen.  Er  wei£  nicht 
mehr,  was  sidi  seinen  Sinnen  darbietet,  er  weifi  nicht,  wie 
lange  der  Glanz,  den  er  damit  auf  der  Leinwand  hervor- 
ruft,  wie  lange  der  Eindruck  halten  wird.  Ja,  es  ist  ja  nur 
unter  dem  EinfluiS  der  aus  den  naturwissenschafllichen  Er- 
rungenschaften  hervorgegangenen  Technik  moglich,  was  wir 
heute  als  offentliche  Publizistik  haben,  als  unser  modernes 
Zeitungswesen  und  alles,  was  dann  doch  auf  die  Menschen- 
seele  Eindruck  macht,  was  vor  allem  das  ganze  Tempo  der 
Menschenseele  geandert  hat,  damit  die  Gedankenformen, 
den  ganzen  Einflufi  auf  die  Gefuhle  und  damit  auch  die 
Struktur  der  Gefuhle.  Es  braucht  nicht  nur  daran  erinnert 
werden,  mit  welcher  Schnelligkeit  heute  durch  dieErrungen- 
schaften  der  modernen  Technik  die  Dinge  an  den  Menschen 
herantreten,  sondern  es  muS  auch  darauf  hingewiesen  wer- 
den, wie  schnell  das,  was  der  menschliche  Geist  erringt, 
durch  die  Publizistik  an  die  menschlichen  Geister  heran- 
dringt,  und  welche  Fiille  an  den  menschlichen  Geist  heran- 
dringt. 

Nun  vergleiche  man,  was  heute  ein  Mensch  durch  diese 
Publizistik  von  dem  erfahrt,  was  in  der  Welt  vorgeht,  auch 
von  dem,  was  der  menschliche  Geist  erforscht,  mit  der  Art, 
wie  er  die  ganzen  Vorgange  im  Beginne  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  erfahren  konnte.  Nehmen  wir  einen  Geist 
wie  Goethe!  Wir  konnen  ihn  ja  gerade  betrachten,  weil  wir 
aus  der  sorgfaltigen  Art,  wie  sich  sein  Briefwechsel  er- 
halten  hat,  beinahe  wissen,  was  er  von  Stunde  zu  Stunde 
getrieben  hat,  wissen  konnen,  was  er  mit  diesem  oder  jenem 


Gelehrten  gesprochen  und  getrieben  hat.  Dadurch  fliefien 
langsam  in  seiner,  einsamen  weimarischen  Stube  die  Er- 
rungenschaften  des  menschlichen  Geisteslebens  zusammen. 
Aber  es  war  doch  der  Zentralpunkt  Goethe  notwendig,  da- 
mit  sich  das  hat  vollziehen  konnen,  was  heute  jeder  durch 
die  Publizistik  haben  kann.  Aber  das  verandert  die  ganze 
Menschenseele,  die  ganze  Stellung  der  Menschenseele  zur 
Umwelt. 

Gehen  wir  an  etwas  anderes  heran.  Wir  schreiben  heute 
Biicher  oder  lesen  Biicher.  Wer  heute  ein  Buch  schreibt,  der 
weifi,  dafi  es  nach  etwa  sechzig  Jahren  nicht  mehr  gelesen 
werden  kann,  wenn  es  auf  demjenigen  Papier  gedruckt  ist, 
das  den  grofien  Errungenschaften  der  Technik  zu  verdanken 
ist,  denn  es  wird  dann  pulverisiert  sein.  So  weifi  man,  wenn 
man  sich  keiner  Illusion  hingibt,  wie  sehr  das,  was  man 
fruher  getrieben  hat,  von  dem  absticht,  was  heute  vorhan- 
den  ist. 

In  einem  Vortrage  dieses  Zyklus  habe  ich  einen  Geist  zu 
charakterisieren  gesucht,  der,  wenn  er  auch  mit  dem  ganzen 
Geist  der  ersten  Halfte  des  neunzehnten  Jahrhunderts  zu- 
sammenhangt,  doch  ein  Geist  der  zweiten  Halfte  dieses  Jahr- 
hunderts ist:  Herman  Grimm.  Wir  haben  gesehen,  daft  er 
sich  darstellt  wie  ein  Bewahrer  des  Erbes  der  ersten  Halfte 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  in  die  zweite  Halfte  hinein. 
Aber  wer  mit  innerem  Verstandnis  Herman  Grimms  Kunst- 
aufsatze  liest,  wird  unter  anderem  zweierlei  bemerken.  Bei 
ihm  klingt  iiberall  durch,  gerade  durch  die  wertvollsten 
Auf  satze,  eine  gewisse  Schule,  die  er  durchgemacht  hat,  eine 
Schule,  die  man  aus  jedem  Aufsatze  herausklingen  horen 
kann.  Das  ist  die  Schule,  die  er  nur  durchmachen  konnte, 
weil  er  in  verhaltnismafiig  fruhen  Zeiten,  durch  das,  was 
man  so  Zufall  nennt,  in  die  Hand  eines  grofien  Geistes  kam, 
in  die  Hand  Emersons,  eines  grofien  Predigers  und  Schrift- 


stellers,  der  nicht  im  Sinne  alterer  Zeiten,  sondern  im 
modernsten  Sinne  ein  Prediger  und  Weltanschauungsschrifl- 
steller  war.  Man  versuche,  sich  von  Emerson  eine  Vor- 
stellung  zu  machen,  versuche,  sich  in  ihn  zu  vertiefen,  und 
man  wird  finden:  ein  Geist  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
stent  in  ihm  vor  uns.  Man  versuche,  den  Pulsschlag  der  Ge- 
danken  zu  empfinden,  die  selbst  dann  mit  der  Farbung  und 
der  Nuance  des  neunzehnten  Jahrhunderts  auf  treten,  wenn 
sie  sich  auf  Plato,  den  Philosophen,  oder  auf  Swedenborg, 
den  Mystiker,  beziehen.  Audi  wenn  sie  noch  so  vorurteils- 
frei  sind,  sind  es  Gedanken  des  neunzehnten  Jahrhunderts, 
die  man  nur  denken  kann  in  einem  Jahrhundert,  das  be- 
stimmt  war,  den  Telegraphen  zum  Mitteilungsapparat  der 
Welt  zu  machen.  Gerade  an  Emerson  hat  man  einen  Geist, 
der,  ganz  wurzelnd  in  der  Kultur  des  Abendlandes,  diese 
Kultur  des  Abendlandes  zu  dem  erhebt,  was  sie  im  eminen- 
ten  Sinne  geworden  ist,  gerade  an  ihm  hat  man  einen  Geist, 
der  einem  die  Beschleunigung  des  Denkens  darstellt.  Man 
versuche,  eine  Seite  bei  Emerson  zu  vergleichen  mit  einer 
Seite  bei  Goethe,  wo  man  Goethe  auch  aufschlagen  mag. 
Man  versuche  dann  -  was  man  allerdings  bei  Goethe  als 
naturlich  wird  finden  miissen  -,  das  Bild  des  gemachlich 
noch  mit  dem  Schritte  des  achtzehnten  und  dem  Beginne 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  hingehenden  Goethe  zu  ver- 
gleichen mit  dem  rasch  eilenden  Wesen  des  Menschen  des 
neunzehnten  Jahrhunderts,  das  nachwirkt  in  dem  Gedan- 
kenschlage  von  Herman  Grimm.  Das  ist  das  eine. 

Dann  aber  haben  wir  gesehen,  wie  Herman  Grimm  in 
seinem  wunderbarenZeitroman  «Unuberwindliche  Machte» 
sogar  auf  den  Bestand  des  menschlichen  Atherleibes  oder 
Lebensleibes  hingewiesen  hat,  wie  er  hinwies  auf  vieles, 
was  erst  in  der  Geisteswissenschaft  seine  Vollendung  er- 
fahren  hat.  Man  kann  aber  auch  sehen,  wie  Herman  Grimm 


in  einer  durchaus  personlich  interessanten,  hervorragenden 
Weise  auf  alles  Kiinstlerisdie  eingeht,  wie  er  entferntere 
Zeitraurne  kiinstlerisch  nebeneinander  hinzustellen  vermag, 
wie  er  eine  interessante,  feinsinnige  Kunstbetrachtung  zu 
geben  vermag.  Unmoglich  ist  es  fur  den,  der  auf  solche 
Dinge  hinzuschauen  vermag,  zu  denken,  dafi  die  Gedanken, 
welche  die  schonsten  Aufsatze  Herman  Grimms  bilden,  in 
einem  anderen  Zei taker  batten  verfalk  werden  konnen 
als  in  dem,  wo  es  Herman  Grimm  moglich  war,  nicht  an- 
ders  als  im  Eilzuge  von  Berlin  nach  Florenz  oder  Sudtirol 
zu  fahren.  Denn  dieses  ist  die  Voraussetzung,  dafi  sich  man- 
dies  aus  seinem  SchafFen  hat  bilden  konnen.  Man  stelle  sich 
vor,  dafi  jemand  wie  Herman  Grimm  in  friiheren  Jahr- 
hunderten  hatte  sagen  konnen:  Die  wichtigsten  Partien 
meines  Homer-Buches  habe  ich  immer  in  Gries  bei  Bozen 
in  den  Wochen  des  Friihlings  geschrieben,  weil  ich  da  die 
Wirkung  des  Friihlings  empfinde!  -  Dafi  sich  so  etwas  in 
das  Menschenleben  eingliedert,  ist  nur  in  der  ganzen  Atmo- 
sphare  des  neunzehnten  Jahrhunderts  moglich.  Da  fiihlen 
wir  zusammenstromen,  was  wie  eine  wunderbare  Kunst- 
betrachtung  bei  Herman  Grimm  hervorquillt,  was  sich  er- 
weist  als  hineingehend  in  die  Seele  des  ganzen  Kulturein- 
schlages  des  neunzehnten  Jahrhunderts,  mit  dem,  was  aus- 
geht  von  der  Technik,  und  in  diese  wieder  hineinstromend, 
von  den  Triumphen  des  neunzehnten  Jahrhunderts. 

Es  ist  unmoglich,  etwas  von  den  tief  sten  Dingen  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts  zu  verstehen,  wenn  man  sie  nicht 
zusammenzufassen  vermag  mit  dem,  was  das  wichtigste 
Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ist:  mit  den  natur- 
wissenschaftlichen  Gedanken,  mit  denen  das  neunzehnte 
Jahrhundert  die  Welt  zu  erfassen  suchte.  Wir  konnen  heute 
gar  nicht  anders  als  zugeben,  dafi  in  unserer  Seele  etwas 
lebt  als  eines  ihrer  wichtigsten  Instrumente,  was  gar  nicht 


da  sein  wiirde  ohne  die  Struktur  des  naturwissenschafl- 
lichen  Denkens,  wie  wir  es  als  Erbe  des  neunzehnten  Jahr- 
hunderts  haben.  Das  ist  die  eine  Seite,  die  Seite,  die  sich  uns 
in  dem  darstellt,  was  diese  Menschenseele  aus  sidi  gemacht 
hat,  nachdem  sie  das  mit  sich  vorgenommen  hat,  was  Kant 
so  monumental  charakterisiert  hat,  indem  er  sagte:  Auf- 
klarung ist  das  Heraustreten  der  Menschenseele  aus  ihrer 
selbstverschuldeten  Unmundigkeit,  und:  Erkiihne  dich,  dich 
deiner  Vernunft  zu  bedienen!  -  Durch  den  philosophi- 
schen  Aufschwung  hindurch,  hinuber  in  das  Zeitalter  der 
Naturwissenschaft  ging  diese  Tendenz  der  Aufklarung,  das 
heifit,  das  Sichbedienen  der  Forschungsmittel  der  mensch- 
lichen  Seele,  so,  wie  diese  menschliche  Seele  nun  einmal  ist. 
Wie  ist  das  aber  im  ganzen  gekommen? 

Geisteswissenschafllich  betrachtet,  miissen  wir  einen  gro- 
fieren  Zusammenhang  vor  uns  hinstellen,  wenn  wir  nun 
verstehen  wollen,  was  da  eigentlich  zum  Ausdruck  gekom- 
men ist,  wenn  wir  die  Konfiguration,  die  Struktur  unserer 
Seele  verstehen  wollen,  in  die  wir  da  auf  der  einen  Seite 
hereinspielen  sehen  den  Willen  zur  Aufklarung,  auf  der 
anderen  Seite  alles,  was  die  naturwissenschaftliche  Kultur 
gegeben  hat.  Da  miissen  wir  mindestens  drei  aufeinander- 
folgende  Kulturepochen  der  menschlichen  Entwickelung 
nebeneinanderstellen.  Auf  diese  Kulturzyklen  wurdein  An- 
kniipfung  an  diese  Vortrage  bereits  hingewiesen  im  Sinne 
derjenigen  Betrachtung,  welche  sich  einer  Erkenntnis  des 
menschlichen  Geisteslebens  ergibt,  die  da  zu  ergriinden  ver- 
sucht,  wie  die  menschliche  Seele  durch  die  Zeitalter  hin- 
durch in  auf  einanderf olgenden  Erdenleben  wiederkehrt  und 
aus  fruheren  Zeitalter n  in  spatere  nicht  nur  ihre  eigene 
Schuld  hiniibertragt,  um  sie  im  Sinne  eines  gro/Sen  Schick- 
salsgesetzes  zu  siihnen,  sondern  auch  das  hiniibertragt,  was 
sie  an  Kulturerrungenschaf  ten  innerlich  erlebt  hat.  Im  Sinne 


dieser  geistigen  Erkenntnis  unterscheiden  wir  zunachst  drei 
Zeitalter.  Andere  Zeitalter  gehen  diesen  dreien  voran.  Es 
ist  aber  heute  nicht  die  Zeit  vorhanden,  urn  auf  sie  einzu- 
gehen. 

Das  Zeitalter,  das  fur  uns  zunachst  Wichtigkeit  hat,  sei 
genannt  das  agyptisch-chaldaische  Zeitalter,  das  etwa  seinen 
Abschlufi  gefunden  hat  im  achten  Jahrhundert  der  vor- 
christlichen  Zeitrechnung.  Wenn  man  es  charakterisieren 
will,  so  kann  man  etwa  sagen:  Die  Menschenseele  hat 
innerhalb  dieses  Zeitalters  so  gelebt,  dafi  sie  noch  etwas 
ahnte  von  ihrem  Zusammenhange  mit  dem  ganzen  Univer- 
sum,  mit  dem  ganzen  Kosmos.  Sie  fuhlte  sich  noch  in  ihrem 
Schicksale  auf  der  Erde  abhangig  von  dem  Gang  der  Sterne 
und  von  den  Ereignissen  des  grofienWeltalls.  Betrachtungen 
iiber  die  Abhangigkeit  des  menschlichen  Lebens  von  den 
Sternenwelten,  von  dem  groften  Weltall,  fiillen  dieses  Zeit- 
alter friiherer  Jahrtausende  aus,  eben  bis  etwa  zum  achten 
Jahrhundert  vor  unserer  Zeitrechnung.  In  einer  wunder- 
baren  Weise  fuhlte  sich  die  Seele  beriihrt,  wenn  sie  sich  in  die 
alt-agyptische  oder  alt-chaldaische  Weisheit  vertiefte,  wenn 
sie  sah,  wie  alles  darauf  hinging,  den  Zusammenhang  der 
Seele  mit  dem  Kosmos  iiber  das  enge  Menschendasein  hinaus 
zu  fiihlen.  Etwas,  was  wichtig  war,  um  diesen  Zusammen- 
hang der  Seele  mit  dem  Kosmos  zu  erfuhlen,  war  in  dieser 
Kulturepoche  die  Erscheinung  zum  Beispiel  des  Sirius.  Und 
wichtig  in  bezug  auf  das,  was  der  Mensch  fur  die  Kultur 
der  Seele  tat,  was  er  fur  die  Seele  verwertete  oder  selbst 
vollbrachte,  war  die  Beobachtung  der  Himmelsgesetze.  Der 
Mensch  fuhlte  sich  aus  dem  ganzen  Weltall  heraus  geboren, 
fuhlte  ebenso  seinen  Zusammenhang  mit  dem  Aufierirdi- 
schen  wie  mit  dem  Irdischen;  er  fuhlte  sich  gleichsam  aus 
geistigen  Welten  herunterversetzt  in  die  Erdenwelt.  Dieses 
Empfinden  war  ein  letzter  Nachklang  des  uralten  Hell- 


sehens,  von  dem  die  Menschenseele  ausgegangen  ist,  und  das 
hier  ofter  erwahnt  worden  ist.  Dieses  uralte  Hellsehen  war 
in  Urzeiten  vorhanden,  und  der  Mensch  hat  es  im  Laufe 
der  Entwickelung  verloren,  damit  er  die  Welt  in  der  jetzigen 
Art  betrachten  kann.  Damals,  in  der  agyptisch-chaldaischen 
Zeit,  war  noch  ein  Nachklang  an  das  alte  Hellsehen  vor- 
handen. Der  Mensch  konnte  noch  den  geistigen  Zusammen- 
hang  seelisch-geistiger  Gesetze  in  allem  naturlichen  Dasein 
erf assen  und  wollte  ihn  erf assen.  Die  Menschenseele  war  da 
in  einer  gewissen  Beziehung  nicht  allein  mit  sich.  Sie  war, 
indem  sie  sich  auf  der  Erde  fiihlte,  verbunden  und  ver- 
wachsen  mit  den  Kraften,  die  aus  dem  Weltall  in  die  Erde 
hereinspielten. 

Dann  kam  die  griechisch-lateinische  Zeit,  die  wir  etwa 
mit  dem,  was  sie  in  ihrer  Wesenheit  ausmacht  und  in  ihren 
Nachwirkungen  dann  rechnen  konnen  von  dem  achten  vor- 
christlichen  Jahrhundert  bis  in  das  dreizehnte,  vierzehnte, 
fiinfzehnte  nachchristliche  Jahrhundert  hinein,  denn  so  lange 
dauern  noch  die  Nachwirkungen  dieser  Kulturepoche.  Wenn 
man  dieses  Zeitalter,  namentlich  in  seinem  ersten  Aufgange, 
betrachtet,  dann  findet  man  als  das  Eigentumliche,  dafi  die 
Menschenseele  sich  in  einem  hoheren  Sinne  freigemacht  hat 
von  dem  Universum,  freigemacht  hat  in  ihrem  Wissen,  in 
ihrem  Glauben,  in  der  Anerkennung  der  in  ihr  wirkenden 
Krafte.  Da  kann  man  insbesondere  sehen,  wenn  man  den 
Griechen  betrachtet:  der  gesunde  Mensch,  wie  er  sich  in  der 
Seele  entfaltete,  fiihlte  sich  aber  audi,  so  wie  er  auf  der 
Erde  dastand,  im  Zusammenhange  mit  seinem  natiirlich- 
leiblichen  Wesen.  Das  ist  es,  was  die  Griechenseele  fiihlte 
und  empfand  in  dem  zweiten  der  jetzt  fur  uns  in  Betracht 
kommenden  Zeitraume.  Es  ist  heute  eigentlich  schwer  zu 
charakterisieren,  was  damit  gemeint  ist.  Wir  versuchten,  es 
unserem  Verstandnisse  nahezubringen  bei  Gelegenheit  der 


Betrachtungen  iiber  Raffael  und  Lionardo  da  Vinci.  Der 
Grieche  lebte  ganz  anders  in  bezug  auf  das  Geistig-Seelische. 
Besonders  war  das  zum  Beispiel  beim  griechischen  Kunstler 
der  Fall.  Man  wird  heute  gar  nicht  einmal  recht  zugeben 
wollen,  was  das  Besondere  im  Fuhlen  und  Empfinden  der 
griechischen  Seele  war.  Da£  der  Bildhauer,  der  die  mensch- 
liche  Gestalt  im  echten  Sinne  hinstellte,  das  vor  sich  haben 
konnte,  was  wir  heute  das  Modell  nennen,  dafi  er  die 
menschliche  Gestalt  dem  Modell  nachformte,  ist  fur  den 
Griechen  unmoglich  zu  denken.  So  war  es  nicht.  Das  Ver- 
haltnis  des  heutigen  Kiinstlers  zu  seinem  Modell  ware  in 
Griechenland  undenkbar  gewesen.  Denn  der  Grieche  hat 
gewufit:  In  meinem  ganzen  Leibe  lebt  mein  Geistig-Seeli- 
sches.  Er  empfand,  wie  die  Kraffce  dieses  Geistig-Seelischen 
hineinflossen  in  die  Formung  des  Armes,  in  die  Bildung  der 
Muskeln,  in  die  Bildung  der  ganzen  Menschengestalt.  -  Und 
er  wuike  dann,  so  wie  sie  in  die  Menschengestalt  hinein- 
flossen, so  mufite  er  sie  in  seinen  Skulpturwerken  zum  Aus- 
druck  bringen.  Gemafi  der  inneren  Erkenntnis  der  Leibes- 
natur  wufite  er  nachzuschaffen,  was  er  selber  im  aufieren 
Materiellen  empfinden  konnte.  So  konnte  er  sich  etwa 
sagen:  Ich  bin  schwach,  aber  ich  konnte,  wenn  ich  meinen 
Willen  entwickelte,  diesen  Willen  in  die  Bildung  der  Mus- 
keln, in  die  Bildung  des  Armes  hineinwirken  lassen  und 
dadurch  starker  werden.  -  Was  er  so  erlebte,  das  gofi  er  in 
seine  Gestalten  hinein.  Die  Anschauung  der  aufieren  For- 
men  war  fur  ihn  nicht  das  Wesentliche,  sondern  das  Fuhlen 
des  Hineingestelltseins  des  Menschen  in  die  Erdenkultur  in 
dem  eigenen  Leiblich-Seelischen  und  Nachbildung  dessen, 
was  in  dem  Aufieren  erlebt  wurde. 

So  aber  war  auch  das  Erleben  der  ganzen  Personlichkeit 
im  Griechentum.  Sich  einen  Perikles  oder  einen  anderen 
Staatsmann  etwa  so  zu  denken  wie  die  modernen  Staats- 


manner,  ist  ganz  unmoglich.  Wir  sehen  heute  einen  moder- 
nen  Staatsmann  aus  allgemeinen  Prinzipien  heraus  das  ver- 
treten,  was  er  denkt  und  will.  Wenn  Perikles  im  alten  Athen 
vor  die  Leute  hintritt  und  etwas  ausfiihrt,  so  ist  es  nicht 
deshalb,  weil  er  sich  sagt:  Weil  ich  es  einsehe,  muiS  es  aus- 
gefiihrt  werden.  -  Das  ist  nicht  der  Fall.  Sondern  wenn 
Perikles  vor  die  Leute  hintritt  und  geltendmacht  was  er 
will,  dann  ist  es  sein  personlicher  Wille.  Und  wenn  es  ein- 
gehalten  wird,  so  geschieht  es,  weil  der  Grieche  die  Erkennt- 
nis  hat,  welche  weifi,  daft  Perikles  das  Richtige  wollen  kann, 
weil  der  als  Personlichkeit  es  empfindet.  Da  ist  der  Grieche 
eine  in  sich  geschlossene  Natur,  er  lebt  sich  selber,  sich  ge- 
schlossen  denkend.  Er  kann  es,  weil  er  nicht  mehr,  wie  der 
Angehorige  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit,  den  Zusam- 
menhang  fiihlt  mit  den  Gdttern  und  so  weiter.  Das  ist  nur 
noch  als  Nachklang  vorhanden.  Was  er  aber  unmittelbar 
erlebt,  das  ist,  dafi  er  mit  dem  Geistig-Seelischen  verbunden 
fiihlt  sein  Korperlich-Leibliches.  So  dafi  er  auf  diese  Weise 
zwar  mit  seiner  Seele  schon  mehr  allein  steht  als  der  Mensch 
der  agyptisch-chaldaischen  Zeit,  dafi  er  aber  noch  mit  der 
ganzen  iibrigen  Natur  verbunden  ist,  weil  ihm  sein  Korper, 
sein  Leib,  dieses  Verbundensein  gegeben  hat.  Man  mufi  das 
fiihlen:  Die  Seele  in  der  griechisch-lateinischen  Zeit,  schon 
mehr  frei  von  dem  allgemeinen  Universum  als  in  dem  vor- 
hergehenden  Zeitraume,  mufi  sie  aber  noch  verbunden  fiih- 
len mit  alledem,  was  in  den  Naturreichen  ringsherum  ist. 
Denn  die  Seele  fiihlte  sich  verbunden  mit  dem,  was  ein 
Extrakt  aus  diesen  Naturreichen  ist,  dem  Korperlich-Leib- 
lichen.  Dieses  Fiihlen  ist  das,  was  man  als  das  Charakteri- 
stische  dieses  griechisch-lateinischen  Zeitraumes  ansehen 
mufi,  in  den  dann  hineinfiel  das  Mysterium  von  Golgatha. 

Nun  sehen  wir  heraufkommen  -  und  wir  sind  mit  unse- 
rem  Denken  und  Fiihlen  mittendrinnen  stehend  -  den  drit- 


ten  Zeitraum,  den  wir  zu  betrachten  haben.  Wie  unter- 
sdieidet  er  sich  von  dem  griechisch-lateinischen  Zeitraume? 
Wieder  viel  mehr  allein  ist  die  Menschenseele,  denn  der 
Grieche  fiihlte  sidi  mit  dem,  was  er  im  Leibe  war,  mit  der 
Natur  verbunden.  Stellen  wir  vor  den  Griechen  die  Mog- 
lidikeit  hin,  er  hatte  sich  durch  ein  neuzeitliches  Mikroskop 
die  kleinsten  Lebewesen  anschauen  sollen,  er  hatte  die 
Zellentheorie  denken  sollen.  Unmoglich  fiir  die  griechische 
Seele!  Denn  sie  wiirde  gegeniiber  diesen  mikroskopischen 
Betrachtungen,  wenn  sie  iiber  die  erste  Neugier  hinausge- 
kommen  ware,  empfunden  haben:  Das  ist  ja  ganz  unnatur- 
lich  und  unnaturgemafi,  da  Instrumente  zu  ersinnen,  durch 
die  man  die  Dinge  anders  sieht,  als  sie  sich  dem  naturlichen 
Auge  des  Leibes  darstellen!  -  So  verbunden  fiihlte  sich  der 
Grieche  mit  seiner  Natur,  dafi  es  ihm  unnatiirlich  vorge- 
kommen  ware,  die  Dinge  anders  zu  sehen  als  sie  sich  dem 
Auge  darbieten.  Und  durch  das  Teleskop  die  Weltendinge 
sichtbar  zu  machen,  ware  ihm  ebenso  unnatiirlich  vorge- 
kommen.  Es  gleicht  hier  die  alte  griechische  Denkweise  in 
vieler  Beziehung  dem  Empfinden  einer  Personlichkeit,  die 
von  dieser  Denkweise  belebt  war,  und  die  den  schonen  Aus- 
spruch  getan  hat:  Was  sind  alle  Instrumente  der  Physik 
gegeniiber  dem  menschlichen  Auge,  das  doch  der  wunder- 
barste  Apparat  ist!  -  Das  heifit,  das  griechische  Weltbild 
war  das  naturgemafieste,  das  man  gewinnt,  wenn  man 
moglichst  wenig  die  Sinne  mit  Instrumenten  bewaffnet  und 
so  die  Dinge  anders  macht,  als  man  sie  erblickt,  wenn  der 
Mensch  unmittelbar  die  Natur  wahrnimmt,  wie  er  eben  in 
die  Umwelt  hineingestellt  ist. 

Ganz  anders  unsere  Zeit!  In  unserer  Zeit  war  es  ganz 
naturlich,  und  immer  mehr  und  mehr  kam  es  so  durch  die 
Geistesentwickelung  seit  dem  eben  charakterisierten  Zeit- 
raume, dafi  man  das,  was  man  als  objektives  naturwissen- 


schaftliches  Weltenbild  erstrebte,  ganz  von  dem  abtrennte, 
was  in  der  menschlichen  Seele  lebt.  So  nur  konnte  die  An- 
schauung  entstehen,  die  Wahrheit  iiber  die  menschlicbe  Or- 
ganisation erfahre  man  erst,  wenn  man  das  bewaffnete 
Auge  auf  die  Dinge  richtet,  wenn  man  mit  dem  Mikroskop 
die  Lebewesen  untersucht  und  das  Fernrohr  auf  die  Him- 
melsverhaltnisse  anwendet,  wenn  man  ein  Instrument  an- 
wendet,  welches  der  Ungenauigkeit  des  Auges  zu  Hilfe 
kommt.  Wenn  man  aber  diesen  ganzen  Geist  ins  Auge  f  afit, 
der  sich  darin  ausspricht,  so  mufi  man  sagen,  nunmehr  zieht 
der  Mensch  das,  was  in  seinem  Innern  lebt,  was  mit  seinem 
Ich  zusammenhangt,  ganz  ab  von  seinem  Weltbilde.  Noch 
mehr  einsam  und  allein  ist  das  menschliche  Ich,  das  mensch- 
liche  Selbst,  als  in  der  griechischen  Zeit.  Versuchen  wir,  das 
griechische  Weltbild  mit  unserem  Weltbilde  zusammenzu- 
stellen,  wie  es  uns  die  Naturwissenschaft  gegeben  hat,  so 
miissen  wir  sagen:  Auch  in  der  Praxis  hat  man  angestrebt, 
dieses  Weltbild  unabhangig  zu  machen  von  dem,  was  in 
der  tiefstinneren  Menschenseele  vor  sich  geht,  was  im  Ich 
des  Menschen  lebt  und  webt  und  ist.  -  So  waren  in  der  alten 
agyptisch-chaldaischen  Zeit  fiir  das  Empfinden  des  Men- 
schen Seele  und  Welt  eins.  In  der  griechischen  Zeit  waren 
Menschenseele  und  Menschenleib  eins,  aber  durch  den  Men- 
schenleib  war  der  Mensch  noch  verbunden  mit  seinem  Welt- 
bilde. Nun  hat  sich  das  Geistig-Seelische  immer  mehr  und 
mehr  gelost,  ganz  gelost  von  dem,  was  es  fiir  den  berech- 
tigten  Inhalt  des  Weltenbildes  halt.  Einsam,  in  sich  ge- 
schlossen  ist  die  Menschenseele. 

Nun  betrachten  wir  die  merkwiirdige  Polaritat,  die  uns 
zutage  tritt,  indem  wir  von  dem  agyptisch-chaldaischen 
Zeitraume  durch  den  griechisch-lateinischen  zu  dem  unsri- 
gen  herauf  ziehen.  Was  der  Mensch  gegeniiber  der  friiheren 
griechischen  Epoche  in  unserer  Epoche  vor  alien  Dingen  er- 


strebt,  das  ist,  ein  von  seinem  Seelischen  unabhangiges  natur- 
wissenschaftliches  Weltbild  zu  gewinnen.  Was  sidi  daneben 
als  notwendig  ergab,  das  ist,  die  Mensdienseele  loszulosen 
von  dem,  womit  sie  in  friiheren  Zeiten  verbunden  war,  die 
Seele  auf  sich  selber  zu  stellen,  sie  ganz  in  ihr  Bewufitsein 
zuriickzudrangen.  In  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit  rich- 
tete  die  Mensdienseele  den  geistig-seelischen  Blick  audi  nodi 
hinaus  in  die  Weltenweiten  und  liefi  sich  inspirieren  von 
den  Weltenweiten,  liefi  in  sich  hineinfliefien,  was  es  in  den 
Weltenweiten  gab.  Selbst  in  der  griechischen  Zeit  nahm  der 
Mensch  noch  das,  was  sich  seinem  Weltenbilde  ergab  und 
pragte  es  in  die  Kunst  ein.  In  der  neueren  Zeit  steht  das 
Weltbild  fur  sich  da,  abgetrennt  von  dem  seelischen  Er- 
leben  des  Menschen.  Und  dennoch  miissen  wir  sagen:  In  der 
neueren  Zeit,  als  die  Mensdienseele  sich  aus  dem  objektiven 
Weltbilde  herausgeworfen  hat,  wo  sie  sich  nicht  mehr  see- 
lisch  in  dem  findet,  was  draufien  mechanisch-objektiv  ver- 
fliefit,  als  sie  den  Zusammenhang  mit  dem  aufieren  Welten- 
dasein  unterbrochen  hat,  da  will  sie  in  sich  doch  die  Kraft 
fur  die  Erkenntnis,  als  Weltbild,  fur  ihr  ganzes  Sein  ge- 
winnen. Dem  Griechen  noch  ware  es  unglaublich  gewesen, 
wenn  jemand  ihm  gesagt  hatte:  Erkiihne  dich,  dich  deiner 
Vernunft  zu  bedienen!  oder:  Aufklarung  ist  das  Heraus- 
treten  der  Mensdienseele  aus  ihrer  selbstverschuldeten  Un- 
miindigkeit.  -  Man  hat  sokratische  Worte  in  Griechenland 
sprechen  konnen,  diese  Worte  nicht,  denn  der  Grieche  wiirde 
sie  nicht  verstanden  haben.  Er  wurde  gefiihlt  haben:  Was 
will  ich  denn  durch  meine  Vernunft?  Hochstens  ein  Bild  der 
Welt  gewinnen.  Aber  dieses  Bild  der  Welt  lebt  fortwahrend 
in  mir,  indem  die  Welt  einstromt  in  meine  Krafte  und  mein 
Geistig-Seelisches.  Es  ware  unnatiirlich  gegeniiber  dem,  was 
in  mich  einstromt,  mich  meiner  Vernunft  zu  bedienen.  - 
Und  der  Angehorige  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit  wiirde 


noch  merkwiirdiger  und  noch  unnaturlicher  die  Aufforde- 
rung  empfunden  haben,  sich  seiner  Vernunft  zu  bedienen. 
Auf  den  Satz:  Erkiihne  dich,  dich  deiner  Vernunft  zu  be- 
dienen! wiirde  er  geantwortet  haben:  Da  entgingen  mir  die 
besten  Intuitionen  und  Inspirationen,  die  mir  aus  dem 
Weltall  zufliefien.  Warum  sollte  ich  mich  nur  meiner  Ver- 
nunft bedienen,  die  mich  in  meinem  Erleben  verarmen 
wtirde,  wenn  ich  mich  ihrer  bediente,  gegeniiber  dem,  was 
aus  dem  Weltall  in  mich  einstromt? 

So  sehen  wir,  wie  die  Menschenseelen,  die  aus  friiheren 
Epochen  heriiberkommen,  jedesmal  ein  anderes  Zeitalter 
antreffen.  So  werden  sie  -  mit  dem  Ausdrucke  Lessings  — 
erzogen:  in  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit,  in  der  die  Seele 
sich  mit  der  Welt  eins  fuhlt;  dann  im  griechisch-lateinischen 
Zeitalter,  in  dem  sich  die  Seele  mit  der  eigenen  Leiblichkeit 
eins  fuhlt,  und  jetzt  machen  die  Seelen  die  Zeit  durch,  in 
welcher  sie  sich  selber  in  sich  finden  miissen,  weil  sie  sich 
aus  ihrem  objektiven  Weltbilde  herausgenommen  haben. 

Damit  finden  wir  es  schon  im  Einklange,  wenn  dieses 
Zeitalter  einen  Fichte  hervorbringen  mufi  mit  seinem  Buche 
«Die  Bestimmung  des  Menschen»,  und  wenn  er  die  Frage 
aufwirft:  Wie,  wenn  dieses  Weltbild  vielleicht  nur  Schein, 
Tauschung,  nur  ein  Traum  ware?  Wie  kann  dann  das  Ich, 
das  sich  jetzt  verarmt  fuhlt  -  das  ist  eine  Empfindung,  die 
aus  der  Zeit  heraus  kommt  -  zu  innerer  Zuversicht  kom- 
men?  Wie  kann  es  sich  selber  finden? 

So  sehen  wir  die  Ich-Lehre  Fichtes  als  ein  notwendiges 
Ergebnis  der  ganzen  Evolution.  Wir  sehen,  wie  gerade  im 
neunzehnten  Jahrhundert  wegen  des  naturwissenschaft- 
lichen  Weltbildes  -  wie  in  Fichtes  Zeitalter,  als  noch  die 
Kraft  des  Gedankens  voll  bliihte  -  das  Ich  sich  durch  sich 
selber  Klarheit  verschaffen  will.  Und  die  auf  Fichte  folgen- 
den  Versuche  von  Schelling  und  Hegel  konnen  wir  nur  so 


charakterisieren,  dafi  wir  in  ihnen  das  Bestreben  sehen,  von 
dem  vom  Weltbilde  emanzipierten  Ich  durch  denGedanken 
den  Zusammenhang  mit  der  Welt  zu  gewinnen.  Aber  wir 
sehen,  wie  das  naturwissenschaftliche  Weltbild  in  dem  drit- 
ten  dieser  charakterisierten  Zeitraume  nach  und  nach  so- 
zusagen  audi  aus  dem  Ich  hinwegnimmt,  indem  es  dasselbe 
verarmen  lalk,  aile  Nachklange  mit  den  alten  Weltbildern. 
Solche  Dinge  werden  in  unserer  Zeit  gewohnlich  nicht  ge- 
niigend  beobachtet. 

Sehen  wir  zu  einem  derjenigen  Menschen  zuriick,  die  im 
eminenten  Sinne  zu  unserem  naturwissenschaftlichen  Welt- 
bilde beigetragen  haben,  zu  Kepler,  der  so  unendliches  ge- 
leistet  hat,  was  jetzt  noch  in  unserer  naturwissenschaftlichen 
Anschauung  fortwirkt,  so  finden  wir  in  seiner  «Welten- 
harmonie»  eine  merkwurdige  Idee.  Er  erhebt  von  der  Wel- 
tenharrnonie  den  Blick  zu  der  ganzen  Erde.  Aber  diese  Erde 
ist  fiir  Kepler  ein  Riesenorganismus,  der  lebt,  etwa  wal- 
fischartig.  Wenigstens  findet  er,  wenn  er  unter  den  lebenden 
Wesen  einen  Organismus  sucht,  der  eine  Ahnlichkeit  hat 
mit  dem  Erdenorganismus,  den  Walfisch,  und  er  sagt:  Die- 
ses Riesentier,  auf  dem  wir  herumgehen,  das  atmet,  atmet 
nicht  so  wie  der  Mensch,  sondern  in  den  Zeiten,  die  durch 
den  Sonnengang  bestimmt  werden,  und  das  Steigen  und 
Fallen  des  Ozeans  ist  das  Zeichen  fiir  das  Ein-  und  Aus- 
atmen  des  Erdenorganismus.  -  Kepler  findet  die  mensch- 
liche  Anschauung  fiir  zu  begrenzt,  als  daft  sie  einsehen 
konnte,  wie  dieser  Prozefi  vor  sich  geht. 

Man  sollte  bei  Kepler  nicht  vergessen,  wenn  man  fiir 
eine  einseitige  Weltbetrachtung  die  Verbindung  mit  Gior- 
dano Bruno  hervorhebt.  dafi  audi  Giordano  Bruno  immer 
wieder  und  wieder  darauf  hingewiesen  hat,  dafi  die  Erde 
ein  Riesenorganismus  ist,  der  in  Ebbe  und  Flut  des  Ozeans 
sein  Ein-  und  Ausatmen  hat.  Und  gar  nicht  weit  brauchen 


wir  zurtickzugehen,  urn  in  der  neueren  Zeit  denselben  Ge- 
danken  anzutreffen.  Es  gibt  einen  schonen  Ausspruch  Goethes 
gegenuber  Eckermann,  wo  er  etwa  sagt:  Ich  stelle  mir  die 
Erde  vor  als  ein  Riesentier,  das  in  dem  auf-  und  absteigen- 
den  Luftgange  und  in  Ebbe  und  Flut  des  Meeres  seinen 
Ein-  und  Ausatmungsprozefi  hat.  -  Das  heiftt,  jene  An- 
schauungsweise,  welche  sich  die  Erde  so  vorstellt,  wie  es  die 
heutige  Geologie  tut,  kam  erst  ganz  allmahlich  herauf, 
und  eine  andere  verlor  sich,  die  wir  noch  nachklingen  fuh- 
len  bei  Goethe,  die  uns  noch  ganz  lebendig  entgegentritt 
bei  Kepler  und  Giordano  Bruno.  Was  so  Kepler,  Giordano 
Bruno,  was  so  Goethe  dachte  und  fiihlte,  das  haben  die 
Menschen  ganz  lebendig  empfunden  in  jenen  alten  Zeiten, 
in  denen  sich  die  Seele  eins  fiihlte  mit  der  Welt.  Daft  aber 
dieses  Sicheinsfuhlen  mit  der  Welt  im  Lauf e  der  Zeiten  ver- 
glomm,  war  der  naturgemafte  Gang  der  Entwickelung. 

Wenn  wir  das,  was  so  dargestellt  ist,  im  Sinne  der  Gei- 
steswissenschaft  charakterisieren  wollen,  so  kommen  wir  zu 
der  folgenden  Darstellung.  Die  weitere  Begrtindung  dafur 
findet  man  in  der  «Geheimwissenschaft  im  Umrift». 

Wenn  wir  die  Menschenseele  betrachten,  nicht  in  der 
chaotischen  Weise,  wie  es  oft  die  moderne  Wissenschaft  tut, 
sondern  mit  dem  Blick  der  Geisteswissenschaft,  so  gliedert 
sie  sich  in  drei  Glieder.  Da  ist  zunachst  das  unterste 
Glied  der  menschlichen  Seelennatur,  welches,  wie  man  sagen 
mochte,  noch  in  vieler  Beziehung  nur  die  ganze  chaotische 
Tiefe  der  Menschenseele  auspragt,  wohin  die  oberen  Teile 
der  Menschennatur  nicht  voll  hineinreichen:  die  Empfln- 
dungsseele.  Da  quellen  die  Triebe,  AfTekte,  Leidenschaften 
und  was  alles  an  unbestimmten  Gefiihlen  in  der  Seele 
waltet.  Dann  haben  wir  ein  hoheres  Glied  der  Menschen- 
seele: die  Verstandes-  oder  Gemiitsseele.  Das  ist  die  Seele, 
die  schon  mehr  bewuftt  in  sich  lebt,  die  sich  in  sich  erfaftt, 


die  sich  nicht  nur  erlebt  in  den  Wogen,  die  sie  aus  den  Tie- 
fen  heraufschlagend  fuhlt  in  Trieb,  Begier  und  Leidenschaft, 
sondern  die  vor  alien  Dingen  Mitleid  und  Mitfreude  f  uhlt, 
und  das  in  sich  ausbildet,  was  wir  Verstandesbegriffe  und 
so  weiter  nennen.  Und  dann  haben  wir  jenes  Seelenglied, 
das  wir  die  Bewufitseinsseele  nennen  konnen,  wodurch  die 
menschliche  Seele  so  recht  ihr  Selbst  in  sich  erlebt. 

Im  Verlaufe  der  Menschheitsentwickelung  haben  diese 
verschiedenen  Teile  auf einanderfolgend  ihre  Ausbildung  er- 
fahren.Gehenwirin  die  agyptisch-chaldalsche  Zeit  zuruck,  so 
war  diese  vorzugsweise  die  Erziehung  fiir  dieEmpfindungs- 
seele,  welche  die  Menschen  damals  durchgemacht  haben. 
Denn  zur  Empfindungsseele  konnten  die  Zusammenhange 
aus  dem  grofien  Kosmos  sprechen,  die  sich,  ohne  dafi  es  der 
Mensch  mit  dem  Bewufksein  begleitete,  in  die  Menschen- 
seelen  hereinlebten.  Unbewulk  errungen  ist  daher  die  agyp- 
tisch-chaldaische  Weisheit.  Gehen  wir  zur  griechisch-latei- 
nischen  Zeit,  so  haben  wir  in  jener  die  besondere  Entwicke- 
lung  der  Verstandes-  oder  Gemiitsseele,  wo  durch  Verstand 
und  Gemut  -  wir  konnen  daran  sehen,  dafi  dieses  Seelen- 
glied zwei  Teile  hat  -  die  Innerlichkeit  sich  ausdriickt,  die 
schon  mehr  mit  Bewufksein  durchdrungen  ist.  Und  in  un- 
serer  Zeit  haben  wir  nun  -  und  das  ergibt  sich  unmittelbar 
aus  dem  Geschilderten  -  jene  Kultur  der  Menschenseele, 
wodurch  diese  Menschenseele  in  sich  selber  voll  zum  Be- 
wufitsein  kommen  soli,  das  heifit  die  Bewufitseinsseele  aus- 
bilden  soli.  Das  ist  dasjenige,  was  im  neunzehnten  Jahrhun- 
dert  zur  hochsten  Hohe,  zum  hochsten  Gipfel  gekommen 
ist:  das  objektive  Weltbild,  welches  die  Seele  mit  sich  allein 
damit  sie  mit  ihrer  BewuEtseinsseele  ihr  Selbst,  ihr  Ich 
erfassen  kann.  Gerade  fiir  die  Erfassung  der  innersten  We- 
senheit  des  Menschen  in  ihrer  inneren  Durchleuchtung  war 
es  notwendig,  dafi  nicht  in  der  halb  unbewufiten  Weise 


des  agyptischen  Weltbildes  oder  in  der  Art,  wie  wir  es  fur 
das  griechisch-lateinische  Weltbild  geschildert  haben,  die 
Seele  sich  zur  Welt  stellte,  sondern  dafi  sie  sich  von  dem 
Weltbilde  losrifi,  urn  das,  was  am  starksten  in  ihr  werden 
mulke,  das  Ich,  die  Bewulkseinsseele,  in  sich  zu  entwickeln. 
So  ist  in  den  aufeinanderfolgenden  Erdenleben  fiir  den 
Menschen  nach  und  nach  die  giinstige  Gelegenheit  dagewe- 
sen,  um  in  den  aufeinanderfolgenden  Erdenkulturen  die 
Empfindungsseele,  die  Verstandes-  oder  Gemiitsseele  und 
die  Bewulkseinsseele  zu  entwickeln. 

Aber  nun  schauen  wir  es  an,  dieses  Erbe  des  neunzehnten 
Jahrhunderts,  diese  Bewulkseinsseele:  sie  hat  gerungen  - 
wir  konnen  das  im  Grunde  genommen  insbesondere  im 
neunzehnten  Jahrhundert  verfolgen  -,  gerungen  in  der  Phi- 
losophic eines  Fichte,  in  den  nachfolgenden  philosophischen 
Darstellungen,  hat  gerungen  selbst  noch  bei  den  mehr  ma- 
terialistischen  Philosophien,  zum  Beispiel  eines  Feuerbach3 
der  da  den  Satz  ausgesprochen  hat:  Die  Gottes-Vorstellung 
ist  nur  die  in  den  Raum  hinausprojizierte  Selbstdarstellung 
des  Menschen. 

Der  Mensch  setzte  den  Gottes-Gedanken  aus  sich  selber 
heraus,  weil  er  Halt  brauchte  in  der  einsam  gewordenen 
Bewulkseinsseele,  Und  wenn  man  die  radikalsten  Philo- 
sophen,  Feuerbach  und  andere  bis  zu  Nietzsche  hin,  verf olgt, 
so  sieht  man  iiberall  die  Menschenseele  zu  Macht  und  inne- 
rer  Sicherheit  kommen,  nachdem  sie  sich  logerissen  hat  von 
dem  objektiv  gewordenen  Weltbild.  Ganz  regelmaftig  sehen 
wir  durch  diesen  Gang  sich  die  Menschenseele  entwickeln, 
sehen  das  sich  entwickeln,  was  im  neunzehnten  Jahrhundert 
zu  seinem  Gipfel  gekommen  ist:  die  Emanzipation  der  Be- 
wulkseinsseele und  das  In-sich-Erfassen  der  Bewulkseins- 
seele durch  die  eigene  Kraft. 

Immer  bereitet  sich  nun  das,  was  in  einem  nachsten  Zeit- 


alter  das  Tonangebende  werden  soil,  schon  in  einer  friihe- 
ren  Zeit  vor.  Man  kann  ganz  genau  nachweisen,  wie  die 
Ausbildung  der  Verstandes-  oder  Gemutsseele  doch  schon 
hineinspielt  in  gewisse  Kulturerscheinungen  der  agyptisch- 
chaldaischen  Zeit;  und  man  kann  in  der  griechisch-latei- 
nischen  Zeit  sehen,  besonders  wo  sie  nachchristlich  ist,  zum 
Beispiel  bei  Augustinus,  wie  die  Menschheit  ringt,  um  die 
Bewufitseinsseele  schon  vorzubereiten.  Daher  miissen  wir 
sagen:  unsere  Menschenseele  begreifl  sich  nur  recht,  wenn 
sie  mitten  im  Zeitalter  der  Bewufltseinsseele  das  vorbereitet, 
was  nach  der  Bewulkseinsseele  zu  entfalten  ist.  Was  mufi 
da  ausgebildet  werden? 

Die  innere  Entwickelung  der  Menschenseele  drangt  hin 
nach  dem,  was  ausgebildet  werden  mufi,  aber  auch  das  so- 
genannte  objektive  Weltbild  selbst.  Betrachten  wir  noch 
zum  Schlufi  mehrere  Symptome.  Wozu  hat  es  denn  das 
neunzehnte  Jahrhundert  mit  seiner  glanzvollen  Kultur  ge- 
bracht?  Da  sehen  wir  einen  der  glanzvollsten  Naturf orscher 
des  neunzehnten  Jahrhunderts,  Du  Bois-Reymond,  mit 
seinem  objektiven  Weltbilde.  Retten  will  er  —  man  lese  nur 
seine  Rede  «Uber  die  Grenzen  des  Naturerkennens»  -  fur 
die  Menschenseele,  was  er  fiir  ihre  innere  Sicherheit  braucht, 
und  er  sucht  sich  zurechtzuflnden  mit  dem  Gedanken  der 
«Weltenseele»,  weil  ihm  diese  einsam  gewordene  und  vom 
objektiven  Weltbild  losgerissene  Bewufitseinsseele  uner- 
klarlich  ist.  Aber  das  objektive  Weltbild  steht  ihm  im  Wege. 
Wo  die  Menschenseele  mit  ihrem  Erleben  auf tritt,  zeigt  sie 
sich  wirksam  im  Gehirn,  in  den  Nervenstrangen  und  den 
ubrigen  Werkzeugen.  Nun  steht  Du  Bois-Reymond  an  der 
Grenzscheide  der  Naturerkenntnis  da.  Was  fordert  er, 
wenn  er  eine  Weltseele  anerkennen  soil?  Er  fordert,  dafi 
man  ihm  auch  im  Weltenall  ein  derartiges  Instrument  auf- 
zeige,  wie  es  im  Menschen  vorhanden  ist,  wenn  die  Men- 


schenseele  denkt,  ftihlt  und  will.  Er  sagt  etwa:  Man  zeige 
mir,  in  die  Neuroglia  gebettet  und  mit  warmem  arteriel- 
lem  Blute  unter  richtigem  Druck  gespeist,  dem  gesteigerten 
Vermogen  einer  solchen  Weltenseele  entsprechend,  ein  Kon- 
volut  von  Ganglienkugeln  und  Nervenfaden.  -  Das  findet 
er  nicht.  Derselbe  Du  Bois-Reymond  fordert  das,  der  in 
derselben  Rede  im  iibrigen  ausgesprochen  hat:  Wenn  man 
den  schlafenden  Menschen  betrachtet,  vom  Einschlafen  bis 
zum  Aufwachen,  so  mag  er  naturwissenschaftlich  erklarbar 
sein;  wenn  man  aber  den  Menschen  vom  Aufwachen  bis 
zum  Einschlafen  betrachtet,  was  alles  an  Trieben,  Begier- 
den  und  Leidenschaften,  an  Vorstellungen,  Gefuhlen  und 
Willensimpulsen  in  ihm  auf-  und  abflutet,  so  wird  er  sich 
nimmermehr  durch  die  naturwissenschaftliche  Denkweise 
erklaren  lassen. 

Recht  hat  er!  Aber  verfolgen  wir,  wozu  hier  das  Erbe 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  gefiihrt  hat.  Du  Bois-Rey- 
mond sagt:  Wenn  ich  den  schlafenden  Menschenleib  natur- 
wissenschaftlich betrachte,  so  kann  ich  nichts  finden,  was 
mir  das  Spiel  derjenigen  Krafte  erklarlich  macht,  die  in 
den  Vorstellungen,  Gefiihlen,  Willensimpulsen  und  so  wei- 
ter  wirksam  sind.  -  Denn  es  ist  eben  unlogisch,  eine  Er- 
klarung  fiir  die  innere  Natur  der  Seelenerscheinungen  in 
den  leiblichen  Vorgangen  suchen  zu  wollen,  wie  es  unsinnig 
ware,  wenn  man  aus  der  inneren  Natur  der  Luft  eine  Er- 
klarung  fiir  das  Organ  der  Lunge  suchen  wollte. 

Das  wird  das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  sein, 
dafi  die  Naturwissenschaft  zeigen  wird:  sie  kann,  gerade 
wenn  sie  ganz  streng  auf  ihrem  Boden  steht,  aus  den  Vor- 
gangen, die  ihr  zur  Verfiigung  stehen,  nicht  das  Spiel  des 
Geistig-Seelischen  im  Menschen  erklaren.  Sondern  es  ist 
durchaus  zu  sagen:  Wenn  dieser  Menschenleib  aus  dem 
Schlafe  aufwacht,  so  ist  das  Geistig-Seelische  etwas,  was 


er  einatmet,  wie  die  Lungen  den  Sauerstoff  oder  die  Luft 
einatmen;  und  wenn  er  einschlaft,  so  istdas  Geistig-Seelische 
etwas,  was  er  gleichsam  ausatmet.  Im  Schlafzustande  ist 
das  Geistig-Seelische  als  ein  Selbstandiges  mit  sich  allein 
aufier  dem  Menschenleib. 

Das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  wird  sein,  dafi 
die  Naturwissenschaft  sich  vollig  vereinigen  wird  mit  der 
Geisteswissenschaft,  die  da  sagt:  Der  Mensch  hat  ein  Ich 
und  einen  astralischen  Leib,  mit  denen  verlafk  er  im  Schlafe 
seinen  physischen  Leib  und  seinen  Atherleib,  ist  wahrend 
des  Schlafes  mit  Ich  und  astralischem  Leib  in  einer  rein 
geistigen  Welt  und  uberlaftt  physischen  Leib  und  Atherleib 
den  ihnen  eigenen  Gesetzen.  -  So  wird  die  Naturwissenschaft 
selber  ihr  Gebiet  abtrennen,  und  durch  das,  was  sie  zu  geben 
hat,  wird  sie  zeigen,  wie  die  Geisteswissenschafl  als  Ergan- 
zung  zu  ihr  hinzukommen  mufL  Und  wenn  die  Natur- 
wissenschaft selber  richtig  erkennen  wird,  was  zum  Beispiel 
zu  ihren  grofiten  Errungenschaften  gehort:  die  naturliche 
Entwicklung  der  Organismen  von  den  unvollkommensten 
Zustanden  bis  zu  den  vollkommeneren  herauf,  so  wird  sie 
einsehen,  dajft  gerade  in  dieser  Entwicklung  des  Natiirlichen 
im  Sinne  der  Darwinschen  Theorie  etwas  liegt,  in  welchem 
die  Evolution  der  Menschenseele  nicht  drinnen  ist,  sondern 
das  erst  von  dem  Geistig-Seelischen  ergriften  werden  mufi, 
wenn  das  blo£  Irdische  zum  Menschlichen  herauf organisiert 
werden  soil.  Gerade  die  richtig  verstandene  Naturwissen- 
schaft wird  ein  schones  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
sein,  indem  sie  zeigen  wird,  wie  die  Geisteswissenschaft  not- 
wendig  wird  fiir  die  Erganzung  der  Naturwissenschaft. 
Dann  wird  sich  als  notwendige  Folge  die  voile  Harmonie 
beider  ergeben.  Und  die  menschliche  Seele  wird  sich  er- 
fassen,  indem  sie  die  in  ihr  schlummernden  Krafte  wachruft 
und  sich  erkennt.  Wie? 


In  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit  stand  man  noch  in 
Verbindung  mit  dem  Kosmos.  Dieser  zeigte  dem  Menschen 
seinen  geistigen  Hintergrund.  In  der  griechisch-Iateinischen 
Zeit  war  der  Mensch  noch  durch  den  Leib  mittelbar  mit 
dem  Kosmos  im  Zusammenhange.  Er  fiihlte  noch  den  Kos- 
mos, weil  er  die  Einheit  fiihlte  zwischen  dem  Geistig-Seeli- 
schen  und  dem  Leiblichen.  Nun  ist  das  objektive  Weltbild 
nur  eine  Summe  von  aufieren  Vorgangen  geworden.  Durch 
die  Geisteswissenschaft  aber  wird  sich  die  Seele,  indem  sie 
sich  in  ihren  eigenen  geistig-tiefen  Kraflen  findet,  in  einer 
neuen  Art  in  Verbindung  erkennen  mit  dem  Universum. 
Die  Seele  wird  sagen  konnen:  Schaue  ich  hinunter,  so  fiihle 
ich  mich  verbunden  mit  allem  Lebendigen,  mit  alien  Natur- 
reichen,  die  um  mich  sind.  Aber  nun,  nachdem  ich  durch- 
gegangen  bin  durch  die  Kultur  der  Empflndungsseele  der 
agyptisch-chaldaischen  Zeit,  durch  die  Kultur  der  Verstan- 
des-  oder  Gemiitsseele  der  griechisch-Iateinischen  Zeit,  und 
nachdem  ich  jetzt  aufgenommen  habe  die  Kultur  der  Be- 
wuEtseinsseele,  in  welcher  der  BHck  des  Ichs  auf  die  mate- 
rielle  Kultur  gerichtet  war,  fiihle  ich  mich  angegliedert  an 
eine  Reihe  geistiger  Reiche:  nach  unten  an  das  Tier-,  Pflan- 
zen-  und  Mineralreich,  wenn  ich  materiell  hinausschaue, 
nach  oben  an  geistige  Reiche,  an  die  Reiche  der  geistigen 
Hierarchien,  zu  denen  die  Seele  ebenso  nach  oben  gehort, 
wie  sie  sonst  nach  unten  gewohnt  ist,  zu  den  Naturreichen 
hinzusehen.  Eine  Zukunftsperspektive  stent  ihr  vor  Augen, 
die  sich  voll  anschliefit  an  die  Vergangenheitsperspektiven. 
Hinausgearbeitet  hat  sich  der  Mensch  aus  den  geistigen  Zu- 
sammenhangen  der  Vergangenheit;  hineinarbeiten  wird  er 
sich  in  der  Zukunft  in  die  geistigen  Reiche.  Die  Seele  wird 
sich  angelehnt  fuhlen  an  den  Zusammenhang  mit  den  Na- 
turreichen durch  ihre  geistig-seelischen  Krafle,  und  sie  wird 
sich  in  Zusammenhang  fuhlen  mit  den  geistigen  Reichen 


nach  oben  durch  das  Geistselbst.  Denn  wie  unsere  Zeit 
diarakterisiert  ist  als  die  Zeit  der  Entwicklung  der  Be- 
wufkseinsseele,  so  bereitet  sich  in  unserer  Zeit  vor  fur  die 
Zukunft  der  menschlichen  Geistkultur  die  Entwickelung  des 
Geistselbstes,  das  nach  und  nach  heranreifen  wird. 

Ganz  organisch  notwendig  sehen  wir,  wenn  wir  die  Ent- 
wickelung geisteswissenschaftlich  betrachten,  wie  dieses  Erbe 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  am  charakteristischsten  eine 
Aufgabe  zum  Ausdruck  bringt,  die  da  vorhanden  war:  die 
Aufgabe,  die  Seele  auf  sich  selbst  zuriickzuweisen,  hinaus- 
zuwerf  en  aus  dem  Natiir  lichen,  um  sie  zu  zwingen,  ihre  eige- 
nen  seelisch-geistigen  Krafte  zu  entwickeln.  Und  das  wird 
das  beste  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  sein,  wenn  die 
Seele  sich  schauen  wird  losgerissen  von  allem,  aber  dafiir 
sich  um  so  mehr  angefeuert  fuhlt,  ihre  eigenen  Krafte  zu 
entfalten.  Hat  die  Zeit  der  Aufklarung  sich  der  eigenen 
Vernunft  bedienen  wollen,  so  mufi  die  kommende  Zeit  die 
noch  tieferen  Krafte  aus  dem  Schlummer  in  den  seelischen 
Untergriinden  heraufholen,  wodurch  dann  das  Hinaus- 
blicken  in  eine  geistige  Welt  kommen  wird,  wie  das  die 
Seele  in  der  Zukunft  mufi. 

So  wird  einst  die  Zukunft  dem  neunzehnten  Jahrhundert 
dankbar  sein,  dafi  es  die  Seele  in  die  Moglichkeit  versetzt 
hat,  um  aus  sich  selbst  heraus  die  hoheren  Krafte  der  ob- 
jektiven  Wissenschaft  zu  entwickeln.  Das  ist  auch  ein  Erbe 
des  neunzehnten  Jahrhunderts.  Wenn  man  die  innere  Ent- 
wickelung der  Menschenseele  betrachtet,  so  mufi  sie  von  der 
Entfaltung  der  Empfindungsseele  durch  diejenige  der  Ver- 
standes-  oder  Gemutsseele  und  die  der  Bewufkseinsseele  in 
die  Entwickelung  des  Geistselbstes  hineingehen.  Aber  der 
Mensch  findet  das  Geistselbst  nur,  wenn  er  durch  die  natur- 
wissenschaftliche  Betrachtung,  die  das  Erbe  des  neunzehnten 
Jahrhunderts  ist,  erst  losgerissen  wird  von  aller  Aufienwelt. 


Wenn  man  so  das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
betrachtet  und  dann  auf  die  Einzelheiten  weiter  eingeht, 
dann  wird  man  schon  sehen:  das  Beste  gerade  an  den  posi- 
tiven  Resultaten  des  wissenschaftlichen  Erbes  des  neunzehn- 
ten Jahrhunderts  ist  das  Erstarken  der  Seele,  weil  sie  sich 
dann  selbst  findet  in  dem,  was  ihr  diese  Wissenschaft  nicht 
geben  kann.  Die  Seele  wird  einst  dastehen  und  mit  Du  Bois- 
Reymond  fiihlen:  Ja,  mit  den  Gesetzen  der  Physiologie 
ist  der  schlafende  Menschenleib  zu  erklaren,  nicht  aber  das, 
was  von  diesem  als  Geistig-Seelisches  eingeatmet  wird.  Die 
Seele  wird  fiihlen,  dafi  sie  das,  was  im  Schlafe  bewufitlos 
ist,  durch  die  geisteswissenschaftlichen  Methoden  zur  Be- 
wufitheit  erheben  mu6,  um  den  Ausblick  in  die  geistigen 
Welten  zu  haben.  -  Und  dann  wird  ein  spaterer  Du  Bois- 
Reymond  bei  der  Betrachtung  des  Menschenleibes  nicht 
mehr  so  ratios  davorstehen,  wenn  er  ihn  naturwissenschaft- 
lich  erklaren  will,  denn  er  wird  sich  sagen:  Da  ist  ja  die 
Menschenseele  gar  nicht  drinnen,  in  der  Neuroglia  und 
in  den  Ganglienkugeln;  also  warum  sollte  ich  dann  Neu- 
roglia und  Ganglienkugeln  in  der  Riesen-Weltseele  nach- 
weisen? 

Bel  einem  ganz  hervorragenden  Geist  des  neunzehnten 
Jahrhunderts,  der  nur  verwenden  wollte,  was  ihm  das  neun- 
zehnte  Jahrhundert  fur  eine  Erkenntnis  der  Quellen  des 
Daseins  geben  konnte,  bei  Otto  Liebmann,  der  in  Jenalange 
Philosophic  vorgetragen  hat,  linden  wir  den  Gedanken  aus- 
gesprochen:  Warum  sollte  man  denn  durchaus  nicht  anneh- 
men  konnen,  dafi  unsere  Planeten,  Monde  und  Fixsterne  die 
AtomeoderauchdieMolekule  eines  Riesengehirns  seien,  das 
im  Weitenall  sich  in  makrokosmischer  Weise  ausbreitet?  - 
Nur  meint  er,  dalS  es  immer  der  menschlichen  Intelligenz 
versagt  sein  wird,  zu  diesem  Riesengehirn  vorzudringen, 
und  dafi  es  ihr  deshalb  auch  versagt  sein  wird,  zur  Erkennt- 


nis  einer  geistigen  Weltenseele  uberhaupt  vorzudringen.  Die 
Geisteswissenschaft  aber  zeigt,  dafi  Otto  Liebmann  durch- 
aus  recht  hatte.  Denn  jener  IntelHgenz,  von  der  er  spricht, 
ist  es  unmoglich,  zu  irgendwelcher  Befriedigung  mensch- 
licher  Sehnsuchten  auf  diesem  Gebiete  zu  kommen.  Weil 
diese  IntelHgenz  zuerst  dadurch  grofi  geworden  ist,  dafi  sie 
sich  von  dem  objektiven  Weltbilde  emanzipiert  bat,  deshalb 
ist  es  nicht  zu  verwundern,  sondern  selbstverstandlich,  dafi 
eine  Philosophie,  die  auf  dieses  objektive  Weltbild  auf  gebaut 
ist,  von  einer  Weltenseele  nichts  find  en  kann.  Wenn  der 
Naturforscher  im  Sinne  Du  Bois-Reymonds  in  den  Gang- 
lienkugeln  und  der  Neuroglia  des  schlafenden  Menschen- 
leibes  nicht  die  Menschenseele  finden  kann,  warum  sollte 
man  dann  in  den  Riesenganglienkugeln  eines  Riesengehirns 
etwas  iiber  die  Natur  der  Weltenseele  finden  konnen?  Kein 
Wunder,  dafi  der  Physiologe  daran  verzweifeln  mu£! 

Aber  diese  Grundlagen  sind  das  beste  Erbe  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts.  Sie  zeigen,  dafi  die  Menschenseele 
nun  auf  sich  selbst  zuruckgewiesen  ist  und  nicht  durch  Be- 
trachtung,  sondern  durch  Ausbildung  ihrer  inneren  Krafte 
den  Zusammenhang  mit  den  geistigen  Welten  suchen  und 
finden  mulL  Der  Menschengeist  wird  finden,  wenn  er  jenes 
Weltenbild  betrachtet,  das  er  als  darwinistische  Evolutions- 
lehre  kennt,  dafi  es  in  seiner  Grofie  erst  darauf  beruht,  dafi 
er  sich  selbst  herausgenommen  hat.  Der  Mensch  ware  nicht 
zu  seiner  Entwickelung  gekommen,  zu  der  er  jetzt  gekom- 
men  ist,  wenn  er  nicht  sich  selbst  aus  dem  Weltbild  heraus- 
genommen hatte.  Wenn  er  aber  dies  versteht,  dann  wird 
er  begreifen,  dafi  er  in  dieser  Evolutionslehre  nicht  das 
finden  kann,  was  er  erst  selbst  herausnehmen  mufite.  Ver- 
steht man  die  darwinistische  Evolutionslehre  richtig,  wird 
man  finden,  wie  es  nicht  im  Widerspruche  zu  ihr  ist,  dem 
Geistesforscher  zu  glauben,  dafi  er,  riickblickend  hinter  die 


Sinneserscheinungen,  einen  Geist  schaut,  in  welchem  die 
Menschenseele  als  Geist  wurzelt. 

So  sollte  dieser  Schlufivortrag  zeigen,  dafi  in  Wahrheit 
nicht  der  geringste  Widerspruch  besteht  zwischen  dem,  was 
hier  als  Geisteswissenschaft  gemeint  ist,  und  den  wahren, 
echten  Errungenschaften  der  Naturwissenschaft,  und  daft, 
wenn  man  sich  richtig  in  das  vertieft,  was  das  naturwissen- 
schaftliche  Weltbild  nach  dem  geisteswissenschaftlich  rich- 
tig  begriffenen  Gang  der  Menschheitsentwickehmg  werden 
mu£te,  man  gerade  weifi,  wie  das  gar  nicht  anders  sein 
kann,  und  wie  das  naturwissenschaftliche  Weltbild,  weil  es 
so  geworden  ist,  das  schonste  Erziehungsmittel  der  Men- 
sdienseele zu  dem  ist,  was  sie  werden  soli:  zu  einem  aus 
der  Bewufitseinsseele  heraus  nach  dem  Geistselbst  streben- 
den  Wesen. 

Damit  ist  aber  auch  die  Geisteswissenschaft  als  dasjenige 
aufgewiesen,  was  in  die  Kultur  unserer  Zeit  heute  gehort. 
Was  sich  vorbereitet  hat  in  der  agyptisch-chaldaischen  Zeit 
mit  der  Kultur  der  Empfindungsseele,  was  weiter  ausge- 
bildet  worden  ist  in  der  griechisch-lateinischen  Zeit  bei  der 
Kultur  der  Verstandes-  oder  Gemiitsseele,  das  hat  seine 
weitere  Entfaltung  in  unserer  Zeit  gefunden  in  der  Kultur 
der  Bewulkseinsseele.  Aber  alles  Spatere  bereitet  sich  f riiher 
schon  vor.  So  wahr  selbst  schon  bei  Sokrates  und  Aristoteles 
eine  Kultur  der  Bewufitseinsseele  vorhanden  war,  die  noch 
lange  in  unserer  Zeit  dauern  wird,  so  wahr  mufi  schon  hier, 
innerhalb  unseres  Zeitalters,  die  Quelle  sein  fur  eine  wahre 
Lehre  fur  das  Geistselbst.  So  erfafit  sich  die  Menschenseele 
im  Zusammenhange  mit  jenen  Welten,  in  denen  sie,  Geist 
im  Geiste,  wurzelt. 

Ein  Erziehungsmittel  neben  alledem,  was  sie  sonst  ist, 
ist  die  Naturwissenschaft  des  neunzehnten  Jahrhunderts, 
und  das  beste  Erziehungsmittel  gerade  fur  die  Geistes- 


wissenschaft.  Vielleicht  geht  aus  den  Wintervortragen  her- 
vor,  dafi  aus  den  geisteswissenschaftlichen  Anschauungen, 
die  hier  iiber  das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts  ver- 
treten  werden,  das  sidiere  Fundament  sich  finden  wird  fur 
die  Geisteswissensdiaft,  die  nicht  ein  Konglomerat  und 
Chaos  von  etwas  Willkiirlichem  werden  soil,  sondern  etwas, 
das  auf  einem  ebenso  sicheren  Fundament  stent  wie  die  be- 
wundernswiirdige  Naturwissenschaft  selbst.  Wenn  man 
glaubt,  es  musse  notwendigerweise  ein  Bruch  bestehen  zwi- 
schen  dem,  was  die  Naturwissenschaft  ist  und  geleistet  hat, 
und  dem,  was  die  Geisteswissensdiaft  ist,  so  konnte  man 
an  dieser  Geisteswissensdiaft  irre  werden.  Wenn  man  aber 
sieht,  wie  die  Naturwissenschaft  ganz  so  werden  mufke, 
wie  sie  geworden  ist,  damit  die  Menschenseele  in  der 
neuen  Art  den  Weg  zum  Geiste  findet,  wie  sie  ihn  finden 
mu£,  so  wird  man  sie  als  das  erkennen,  was  sich  in  die 
Entwickelung  notwendig  hineinstellen  mufi  als  das,  was  die 
Keime  enthalt  fur  denjenigen  Zeitraum,  der  sich  an  den 
unsrigen  ebenso  anschliefien  wird,  wie  sich  der  unsrige  an 
die  vorhergehenden  anschliefk.  Dann  wird  das  ausgesohnt 
sein,  was  sich  scheinbar  an  Widerspriichen  zwischen  dem 
naturwissenschaftlichen  und  dem  geisteswissenschaftlichen 
Weltbilde  ergibt. 

Selbstverstandlich  glaube  ich  nicht  im  entferntesten,  daf$ 
ich  in  der  kurzen  Zeit  des  Vortrages  —  der  so  lange  gedauert 
hat  -  audi  nur  ein  Kleinstes  habe  erschopfen  konnen  von 
dem,  was  aus  der  Geisteswissenschaft  heraus  zeigt  die  fort- 
wirkende  Bedeutung  des  naturwissenschaftlichen  "Weges  des 
neunzehnten  Jahrhunderts  mit  alien  seinen  Formen.  Aber 
vielleicht  kann  durch  die  Erweiterung  des  Ausgefiihrten  in 
den  Seelen  der  verehrten  Zuhdrer,  durch  Weiterverfolgung 
dessen,  was  heute  angeregt  werden  sollte,  besonders  durch 
Vergleichen  der  geisteswissenschaftlichen  Resultate  mit  den 


richtig  verstandenen  Resultaten  der  Naturwissenschaft,  ein- 
gesehen  werden,  wie  durdi  eine  geistgemafie  Betrachtung 
der  Evolution  der  Menschheit  die  Notwendigkeit  des  Her- 
eintretens  der  Geisteswissenschaft  in  den  Fortgang  der 
Menschheitsentwickelung  gegeben  ist.  Von  diesem  Bewufit- 
sein  einer  innerenEntwicklungsnotwendigkeit  wurden  diese 
Vortrage  gestaltet  und  wurde  stets  der  Grundton  genom- 
men.  Dieser  Vortrag  besonders  sollte  das  Gefiihl  hervor- 
rufen,  wie  es  berechtigt  ersdieinen  mag,  dafi  die  blofie  Zu- 
versicht,  die  Geister  wie  Fichte  und  ahnliche  aus  der  Be- 
wufitseinsseele  gewinnen  wollten,  zwar  nicht  aus  der  auf 
sich  selber  gestellten,  in  ihren  Gedanken  eingesdilossen 
lebenden  Bewufitseinsseele  heraus  gewonnen  werden  kann, 
sondern  dann,  wenn  die  Seele  einsieht  und  erkennt,  da#  sie 
nodi  etwas  ganz  anderes  in  sich  findet  als  ihre  blofie  In- 
telligenz  und  Vernunjfl:  wenn  sie  die  Krafte  in  sich  findet, 
die  sie  zur  Imagination,  Inspiration  und  Intuition,  das  heifk 
zum  Leben  in  der  geistigen  Welt  selbst  fiihren,  und  wenn 
sie  einsieht,  dafi  aus  einer  wirklich  inneren  Gewifiheit  her- 
aus dariiber  audi  im  ersten  Drittel  des  zwanzigsten  Jahr- 
hunderts  -  bei  dem  richtig  verstandenen  Erbe  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts  -  wieder  gesprochen  werden  darf . 

Wenn  Hegel,  kuhn  bauend  auf  das,  was  er  in  der  blofien 
BewujStseinsseele  glaubte  ergrifTen  zu  haben,  einmal  bei 
seinen  Vortragen  iiber  die  Geschichte  der  Philosophie  be- 
deutende  Worte  sprach,  so  diirfen  wir,  ubertragend  seine 
Worte,  sie  vielleicht  hier  am  Schlusse  gebrauchen,  um  zu 
charakterisieren  -  nicht  begrifFHch  znsammenfassend,  son- 
dern wie  eine  Empfindung  ausdriickend,  die  wie  ein  Lebens- 
elixier  sich  aus  den  geisteswissenschaftlichen  Betrachtungen 
ergibt.  Mit  einiger  Veranderung  wollen  wir  in  Worten 
Hegels  das  zum  Ausdruck  bringen,  was  die  Seele  fur  die 
Sicherheit  des  Lebens  empfinden  kann  an  notwendigen 


Quellen  und  Unterlagen  fur  das  Dasein  und  fiir  alle  Le- 
bensarbeit,  was  sie  empfinden  kann  in  bezug  auf  die  grofien 
Ratselfragen  des  Daseins,  iiber  Schicksal  und  Unsterblich- 
keit.  Das  alles  ist  so,  dafi  der  Seele  mit  dem  richtigen 
Weltenlichte  begegnet  wird,  wenn  sie  -  aber  jetzt  nicht  aus 
einem  Unbestimmten  und  Abstraktender  Bewufkseinsseele, 
sondern  aus  einer  Erkenntnis  heraus,  dafi  in  der  Seele  Er- 
kenntniskrafle  sdilummern,  die  sie  zum  Burger  geistiger 
Welten  machen  -,  wenn  sie  sich  ganz  mit  einer  Empfindung 
durdidringt,  so  dafi  diese  Empfindung  der  unmittelbare, 
die  Seele  sicher  und  hoffnungsreich  machende  Ausdruck  der 
gedachten  Geisteswissenschaft  wird: 

Der  mensdiliche  Geist  darf  und  soli  an  seine  Grofie  und 
an  seine  Madhit  glauben;  denn  er  ist  Geist  vom  Geiste.  Und 
mit  diesem  Glauben  kann  sich  ihm  nichts  im  Weltenall,  im 
Universum,  so  hart  und  sprode  erweisen,  dafi  es  sich  ihm 
nicht,  insofern  er  seiner  bedarf,  im  Laufe  der  Zeit  ofFen- 
baren  miiftte.  Was  anfangs  verborgen  ist  im  Universum, 
es  mufi  der  suchenden  Seele  in  ihrer  sich  steigernden  Er- 
kenntnis immer  mehr  und  mehr  ofTenbar  werden  und  sich 
ihr  ergeben,  damit  sie  es  entwickeln  kann  zur  inneren  Kraft, 
zur  inneren  Sicherheit,  zum  inneren  Werte  des  Daseins  und 
des  Lebens! 


HINWEISE 


Textgrundlagen :  Die  Vortrage  wurden  von  Walter  Vegelahn  mitstenogra- 
phiert  und  von  ihm  in  Klartext  iibertragen.  Diese  Ubertragungen  liegen  dem 
Druck  zugrunde.  Die  Nachschriften  sind  stellenweise  unzulanglich,  die  Origi- 
nalstenogramme  sind  nicht  erhalten  geblieben. 

Fiir  die  2.  Auflage  wurde  dieser  Band  von  David  Hoffmann  neu  durchge- 
sehen  und  mit  zusatzlichen  Hinweisen,  einem  Namenregister  und  ausfiihr- 
lichen  Inhaltsangaben  versehen. 

DieTitel  der  Vortrage  sind  von  Rudolf  Steiner.  Der  Titel  des  Bandes  wurde 
von  den  Herausgebern  gewahlt. 

Einzelausgaben  und  fruhere  Veroffentlichungen  : 

Friiher  erschienen  als  Reihe  «Ergebnisse  der  Geistesforschung  I-XIV» : 
Berlin  31.  Okt.,  7.  Nov.  1912  «Wie  widerlegt  man  Geistesforschung?  Wie 

begrundet  man  Geistesforschung  ?»  I/II,  Basel  1941 

Berlin  14.  Nov.  1912  «Die  Aufgaben  der  Geistesforschung  fiir  Gegenwart 

und  Zukunft»  III,  Basel  1941 

Berlin  21.  Nov.  1912  «Die  Wege  der  iibersinnlichen  Erkenntnis»  IV,  Basel 

1942 

Berlin  5.  Dez.  1912  «Ergebnisse  der  Geistesforschung  fiir  Lebensfragen  und 
das  Todesratsel*  V,  Basel  1942 

Berlin,  12.  Dez.  1912  «Naturwissenschaft  und  Geistesforschung*  VI,  Basel 
1942;  in  «Durch  den  Geist  zur  Wirklichkeits-Erkenntnis  der  Menschenratsel*, 
Band  I,  Dornach  1965 

Berlin  9.  Jan.  1913  «Jakob  B6hme»  VII,  Basel  1941 

Berlin,  16.  Jan.  1913  «Die  Weltanschauung  eines  Kulturforschers  der 
Gegenwart  (Herman  Grimm)  und  die  Geistesforschung*  VIII,  Basel  1941 

Berlin  30.  Jan.  1913  «RaphaeIs  Mission  im  Lichte  der  Wissenschaft  vom 
Geiste»  IX,  Basel  o.J.  (1941) 

Berlin  6.  Febr.  1913  in  «Marchendichtungen  im  Lichte  der  Geistesfor- 
schung* X  (irrtumlich  XI),  Basel  1942;  in  «Marchendichtungen  im  Lichte  der 
Geistesforschung.  Marchendeutungen»,  Dornach  1960;  1969;  1979 

Berlin  13.  Febr.  1913  «Lionardos  geistige  Grofie  am  Wendepunkt  zur  neue- 
ren  Zeit»  XI,  Berlin  1920;  Basel  1941 

Berlin  6.  Marz  1913  (irrtumlich  16.  Marz  1913)  «Irrtiimer  der  Geistesfor- 
schung* XII,  Basel  1942 


Berlin  3.  April  1913  «Die  Moral  im  Lichte  der  Geistesforschung»  XIII, 
Basel  1942 

Berlin  10.  April  1913  «Das  Erbe  des  neunzehnten  jahrhunderts»  XIV,  Basel 
1942 

Werke  Rudolf  Steiners  innerhalb  der  Gesamtausgabe  (GA)  werden  in  den 
Hinweisen  mit  der  Bibliographie-Nummer  angegeben.  Siehe  auch  im  Namen- 
register  unter :  «Steiner,  Rudolf  (Werke)»  und  die  Ubersicht  am  Schlufi  des 
Bandes. 


Zu  Seite 

20  Lebenskraft,  Lebensprincip,  «vis  vitalis»:  die  seit  Aristoteles  bis  zur 
Mitte  des  19.  Jahrhunderts  durchwegs  angenommene  spezifische,  in- 
nere  Ursache  der  Lebensfunktionen,  eine  unbewulSt  wirkende,  organi- 
sierende  und  regulierende  Kraft.  Diese  Anschauung  wurde  Vitalismus 
genannt.  Der  «Neo-Vitalismus»  des  18.  und  19.  Jahrhunderts  beriick- 
sichtigte  z.T.  die  Ergebnisse  der  «mechanisch-chemischen  Biologie». 
Gegner  der  Lebenskraft  wurden  im  19.  Jahrhundert  die  Vertreter  der 
mechanisch-chemischen  Naturwissenschaft  und  der  materialistischen 
Philosophic  wie  Jakob  Moleschott,  Karl  Vogt,  Wilhelm  Wundt,  Ernst 
Haeckel,  Wilhelm  Preyer,  David  Friedrich  Straufi,  Emil  Du  Bois- 
Reymond  und  Wilhelm  Ostwald,  der  die  Kritik  an  der  Lebenskraft  in 
dem  Satz  formulierte :  «Der  Organismus  ist  wesentlich  ein  Complex 
chemischer  Energien.»  («Vorlesungen  iiber  Naturphilosophie»,  2. 
Auflage  1903,  S.  317,  319). 

21  Justus  von  Liebig  1803-1873,  bahnbrechender  deutscher  Chemiker. 
Seine  Forschungen  mit  Wohler  waren  grundlegend  fiir  die  organische 
Chemie. 

Friedrich  Wohler,  1800-1882,  Chemiker  und  Mediziner,  stellte  1828 
kunstlich  den  Harnstoff  her. 

25  Selbstemeuerung  des  Organismus:  Siehe  z.B.  Max  Verworn,  «Die 
Mechanik  des  Geisteslebens»,  Leipzig  1910,  Seite  85. 

26  Emil  Du  Bois-Reymond,  «Uber  die  Grenzen  des  Naturerkennens», 
Leipzig  1872,  und  «Die  sieben  Weltratsel»,  Leipzig  1882. 

Leibniz:  Zitat  nicht  nachgewiesen. 

Moritz  Benedikt,  «Die  Seelenkunde  des  Menschen  als  reine  Erfahrungs- 
wissenschaft»,  Leipzig  1895,  S.  35. 

29  einen  genialen  Menschen,  wie  zum  Beispiel  Feuerbach:  Vermuthch 
Anselm  Feuerbach  (1829-1880),  im  19.  Jahrhundert  ein  beriihmter 
Maler,  Enkel  des  Juristen  Anselm  Feuerbach  und  Neffe  des  Philoso- 
phen  Ludwig  Feuerbach. 


31      Jean  Reynaud,  «Philosophie  religieuse,  Terre  et  ciel»,  Paris  1854. 


Louis  Figuier,  «Le  lendemain  de  la  mort,  ou  la  vie  future  selon  la 
science»,  Paris  1871. 

36  Einwand  . . .  den  Friedrich  Schlegel  gegen  die  Anschauung  von  den  wie- 
derholten  Erdenleben  gemacht  hat:  Siehe  z.B.  Friedrich  Schlegel,  «Phi- 
losophie  der  Geschichte»,  in  achtzehn  Vorlesungen  gehalten  zu  Wien 
im  Jahre  1828,  Erster  Band,  Wien  1829,  S.  150f.  (Vierte  Vorlesung). 

38  Jacob  Froschammer,  «Die  Philosophic  des  Thomas  von  Aquino,  kri- 
tisch  gewurdigt»,  Leipzig  1889,  S.  418f. 

41  Eduard  von  Hartmann>  «Die  Philosophic  des  Unbewuftten»,  Berlin 
1869. 

«Das  Unbewufite  vom  Standpunkt  der  Deszendenztheorie»,  Eine  kriti- 
sche  Beleuchtung  des  naturphilosophischen  Teils  der  Philosophic  des 
Unbewufiten  aus  naturwissenschaftlichen  Gesichtspunkten,  Berlin 
1872.  Die  zweite  Auflage,  diesmal  mit  dem  Namen  Eduard  von  Hart- 
manns  als  Verfasser,  erschien  1877. 

42  Oscar  Schmidt:  In  seiner  Schrift  «Die  naturwissenschaftlichen  Grund- 
lagen  der  Philosophic  des  UnbewuSten»  (Leipzig  1877)  kritisiert 
Schmidt  Eduard  von  Hartmann  und  lobt  die  Schrift  des  Anonymus 
(siehe  vorangehenden  Hinweis),  sie  habe  «alle,  welche  nicht  auf  das 
Unbewufite  eingeschworen  sind,  in  ihrer  Uberzeugung  vollkommen 
bestatigt,  dafi  der  Darwinismus  im  Rechte  sei.»  (S.  3). 

43  wie . . .  Goethe . . .  seinen  Faust  sagen  lafit:  «Faust»  II,  5.  Akt,  Palast,  Mit- 
ternacht,  Vers  11404. 

wie  Geoffroy  de  Saint-Hilaire  recbt  hat,  wenn  er  sagt:  Etienne  Geoffroy 
de  Saint-Hilaire,  Zitat  nicht  nachgewiesen. 

48  das  Wort  Johann  Gottlieb  Fichtes:  Wortlich :  «Was  fur  eine  Philosophic 
man  wahle,  hangt  sonach  davon  ab,  was  fiir  ein  Mensch  man  ist,  denn 
ein  philosophisches  System  ist  nicht  ein  toter  Hausrat,  den  man  able- 
gen  oder  annehmen  konnte,  wie  es  uns  beliebte,  sondern  es  ist  beseelt 
durch  die  Seele  des  Menschen,  der  es  hat.»  Erste  Einleitung  in  die 
«Wissenschaftslehre»,  1797. 

52ff .  Es  gab  eine  Zeit,  in  welcher  man  . . .  daran  glaubte,  dafl  man  laboratori- 
umsmafiig . . .  lebendige  Substanz . . .  zusammensetzen  konnte:  Schon  der 
italienische  Arzt  und  Naturforscher  Francesco  Redi  (1626- 1697)  zeig- 
te,  dafi  in  faulender  Fliissigkeit  Wurmer  oder  Maden  sich  nicht  «von 
selbst»  erzeugen,  wenn  man  nur  die  Insekten  abzuhalten  wisse,  die 


sonst  ihre  Eier  in  die  Fliissigkeit  legen.  Daraus  pragte  er  den  Grund- 
satz  «Omne  vivum  ex  vivo».  (Siehe  «Osservazioni  di  Francesco  Redi 
accademico  della  crusca.  Intorno  agli  animali  viventi  che  si  trovano 
negli  animali  viventi»,  Florenz  1684.)  Siehe  dazu  auch  die  Ausfuhrun- 
gen  Rudolf  Steiners  auf  S.  155f.  in  diesem  Band. 
Spater  bekampfte  der  Chemiker  Louis  Pasteur  (1822- 1895)  die  Theo- 
rie  der  sog.  «Urzeugung»  aufgrund  seiner  Untersuchungen  iiber  den 
Garungsprozefi  und  die  darin  wirksamen  Hefebakterien.  Siehe  seine 
Schrift  «Nouvel  exemple  de  fermentation  determined  par  des  anima- 
cules  infusoires  pouvant  vivre  sans  oxygene  libre»,  1863. 

Siehe  dazu  auch  Rudolf  Steiner,  «Reinkarnation  und  Karma,  vom 
Standpunkte  der  modernen  Naturwissenschaft  notwendige  Vorstel- 
lungen»,  in  «Lucifer- Gnosis*,  GA  Bibl.-Nr.  34,  S.  67. 

72  Darwin  fragt:  Siehe  «Der  Ausdruck  der  Gemiitsbewegungen  bei  den 
Menschen  und  den  Tieren»,  in  «Gesammelte  Werke»,  iibersetzt  von 
J.V.  Cams,  Band  7,  Stuttgart  1877,  S.  50f.  (2.  Kapitel:  «Allgemeine 
Prinzipien  des  Ausdrucks»). 

73  ein  Feuilleton:  Fritz  Mauthner,  «Die  Theosophen»,  in  «Berliner  Tage- 
blatt»  Nr.  562,  3.  Nov.  1912. 

75  «Moral  predigen  ist  leicht,  Moral  begrunden  schwer»:  Motto  zur  Preis- 
schrift  «Uber  die  Grundlage  der  Moral»  in  Arthur  Schopenhauer, 
Samtliche  Werke  in  zwolf  Banden,  mit  Einleitung  von  Rudolf  Steiner, 
Stuttgart  und  Berlin  o.J.  (1894),  7.  Bd.,  S.  133. 

77  in  der  ersten  Szene  meines  Mysterien-Dramas  «Die  Prufung  der  Seele», 
Szenisches  Lebensbild  als  Nachspiel  zur  «Pforte  der  Einweihung» 
(1911),  in  «Vier  Mysteriendramen»  (1910-13),  GA  Bibl-Nr.  14,  S. 
151-162  (Erstes  Bild:  «Ein  Studierzimmer  des  Capesius»). 

79  Diesem  ruft  Fichte  zu:  Siehe  «Die  Anweisung  zum  seligen  Leben» 
1806,  zweite  Vorlesung. 

8 1      Aber  Fichte  sagt:  a.  a.  O. 

83  «In  deinem  Denken  leben  Weltgedanken»:  «Die  Prufung  der  Seele» 
(Siehe  Hinweis  zu  S-  77),  S.  155  (Erstes  Bild:  «Ein  Studierzimmer 
des  Capesius»). 

84  in  dem  ersten  Vortrag  dieses  Winters:  In  diesem  Band  der  erste  Vortrag. 

86  Kepler,  welcher  der  eigentliche  grofte  Ausgestalter  der  kopernikanischen 
Weltanschauung  ist:  In  seinen  Schriften  «Mysterium  cosmographi- 
cum»  (1596)  und  «Harmonices  mundi  libri  VI»  (1619). 

88f.  Herman  Grimm,  «Goethe»,  Vorlesungen,  2  Bde.,  Berlin  1877,  2.  Bd., 
23.  Vorlesung. 


90  Wir  haben  von  Goethe  ein  merkwurdiges  Wort:  Wortlich :  «Denn  wozu 
dient  alle  der  Aufwand  von  Sonnen  und  Planeten  und  Monden,  von 
Sternen  und  Milchstrafien,  von  Kometen  und  Nebelflecken,  von  ge- 
wordenen  und  werdenden  Welten,  wenn  sich  nicht  zuletzt  ein  gliick- 
licher  Mensch  unbewufit  seines  Daseins  erfreut  ?»  « Winckelmann  und 
sein  Jahrhundert>,  Abschnitt  «Antikes». 

Pbilosophie  ...  des  weltberiihmten  Wundt:  Wilhelm  Wundt,  1832- 
1920,  Physiologe,  Psychologe  und  Philosoph.  «System  der  Philoso- 
phies Leipzig  1889,  3.  Auflage,  2  Bde.,  1907. 

91  Darwin:  Charles  Darwin,  «On  the  Origin  of  Species  by  Means  of 
Natural  Selection*  («Die  Entstehung  der  Arten»),  1859. 

92  Lord  Acton  bei  einer ...  Universitdtsrede:  «Uber  das  Studium  der  Ge- 
schichte»,  Eroffnungssitzung  in  Cambridge  am  11.  Juni  1895,  Berlin 
1897,  S.  15 :  «Ich  hoffe  jedoch,  dafi  selbst  diese  kurze  und  unerbauliche 
Strecke  der  Geschichte  Ihnen  in  der  Erkenntnis  behilflich  sein  wird, 
dafi  das  Werk  des  Auferstandenen  an  der  erlosten  Menschheit  nicht 
nachlafit,  sondern  zunimmt,  dafi  die  Weisheit  der  gottlichen  Regie- 
rung  sich  nicht  in  der  Vollkommenheit,  vielmehr  in  der  Verbesserung 
der  Welt  zu  erkennen  gibt,  und  dafi  vollendete  Freiheit  das  ethische 
Endergebnis  ist,  auf  das  alle  Bedingungen  fortschreitender  Kultur  im 
Vereine  hinzielen.» 

93  Naturforscher  Wettstein  ...  Rede  uber  Biologie:  Zitat  nicht  nachge- 
wiesen. 

94  «Um  zu  begreifen,  dafi  der  Himmel  u'berall  blau  ist»:  Goethe,  «Spriiche 
in  Prosa»,  in:  Goethe,  «Naturwissenschaftliche  Schriften»,  herausge- 
geben  und  kommentiert  von  Rudolf  Steiner  in  Kurschners  «Deutsche 
National-Litteratur»  (1883-1897),  5  Bande,  Nachdruck  Dornach 
1975,  GA  Bibl.-Nr.  la-e,  Bd.  V,  GA  Bibl.-Nr.  le,  S.  368.  Siehe  auch 
Goethe,  «Maximen  und  Reflexionen». 

Moriz  Carriere  ...  sein  grofies  Werk  uber  die  Kulturentwicklung:  «Die 
Kunst  im  Zusammenhange  der  Kulturentwicklung  und  die  Ideale  der 
Menschheit»,  5  Bde.,  Leipzig  1863-74. 

95  Zeuner:  Der  Brief  und  das  Manuskript  Zeuners  sind  abgedruckt  in 
Moriz  Carriere,  «Religi6se  Reden  und  Betrachtungen  fur  das  deutsche 
Volk»,  Leipzig  1894,  S.  152-172  unter  dem  Titel:  «Christus  in  der 
Weltgeschichte.  Kerkergedanken  eines  deutschen  Republikaners. 
(Carl  Zeuner,  geboren  1813  zu  Butzbach  in  der  Wetterau,  gestorben 
hochbetagt  zu  Cincinnati  in  Amerika.)». 


97      Mivart:  Saint  George  Mivart,  «Man  and  apes»,  London  1873. 


97       Wallace:  Alfred  Russel  Wallace,  Mitarbeiter  und  Freund  Darwins. 


100  Lessing  in  seiner  Abhandlung:  «Die  Erziehung  des  Menschenge- 
schlechts»,  (1780),  §  91-100. 

lOOf.  Herman  Grimm:  Siehe  Vortrag  VIII  in  diesem  Band,  S.  249-285  und 
die  Hinweise  dazu. 

101  Jakob  Froschammer,  «Die  Phantasie  als  Grundprinzip  des  Weltprozes- 
ses»,  Miinchen  1877. 

103f.    «2ur Kritik der  Zeit»  von  Walther Rathenau,  Berlin  1912,  Seite  148-150. 

107  Dr.  Eliot:  Charles  William  Eliot,  «The  Religion  of  the  Future»,  A 
Lecture  delivered  at  the  Close  of  the  Eleventh  Session  of  the  Harvard 
Summer  School  of  Theology,  July  22,  1909,  in :  «The  Durable  Satis- 
faction of  Life»,  New  York  1910,  S.  172.  Deutsch:  «Die  Religion  der 
Zukunft»,  autorisierte  Ubersetzung  von  E.  Mullenhoff,  Giessen  1910, 
S.  12f. 

110  Galilei  ...  wollte  zeigen,  wie  die  Nerven  vom  Gebim  ausgehen:  In 
Rudolf  Steiners  nachgelassener  Bibliothek  befindet  sich  folgendes 
Werk,  das  dieses  Erlebnis  Galileis  beschreibt :  Laurenz  Miillner,  «Die 
Bedeutung  Galileis  fur  die  Philosopie»,  Inaugurationsrede  gehalten  am 
8.  Nov.  1894  in  Wien,  Selbstverlag  der  K.K.  Universitat  Wien  1894,  S. 
39f.;  wortlich:  «Als  nun  der  Anatom  [Galilei]  zeigte,  wie  der  Haupt- 
stamm  der  Nerven,  vom  Gehirn  ausgehend,  den  Nacken  entlangzieht, 
sich  durch  das  Riickgrat  erstreckt  und  durch  den  ganzen  Korper  ver- 
zweigt,  und  wie  nur  ein  ganz  feiner  Faden  von  Zwirnsdicke  zum  Her- 
zen  gelangt,  wendete  er  sich  an  einen  Edelmann,  der  ihm  als  Peripate- 
tiker  bekannt  war  und  dessentwillen  er  mit  aufierordentlicher  Sorgfalt 
alles  blofigelegt  und  gezeigt  hatte,  mit  der  Frage,  ob  er  nun  zufrieden 
sei  und  sich  iiberzeugt  habe,  dafi  die  Nerven  im  Gehirn  ihren  Ur- 
sprung  nehmen  und  nicht  im  Herzen.  Worauf  unser  Philosoph,  nach- 
dem  er  eine  Weile  in  Gedanken  dagestanden,  erwiderte :  Ihr  habt  mir 
alles  so  klar,  so  augenfallig  gezeigt,  dafi  man  -  stiinde  nicht  der  Text 
des  Aristoteles  entgegen,  der  deutlich  besagt,  der  Nervenursprung  lie- 
ge im  Herzen  -  sich  zu  dem  Zugestandnis  gezwungen  sahe,  Euch  recht 
zu  geben.» 

111  Francesco  Redi:  Siehe  Hinweis  zu  S.  52ff.  und  die  Ausfiihrungen 
Rudolf  Steiners  auf  S.  155f.  in  diesem  Band. 

114  Giordano  Bruno  ...  nimmt  die  Gesetze  des  Kopernikus  auf,  richtet  den 
Blick  hinaus  in  die  Raumesweiten :  Siehe  «Zwiegesprache  vom  unendli- 
chen  All  und  den  Welten»  («De  1'infinito  universo  et  mondi»,  1584) 


in:  «Giordano  Bruno,  Gesammelte  Werke»,  herausgegeben,  ver- 
deutscht  und  erlautert  von  Ludwig  Kuhlenbeck,  2.  Auflage,  Jena 
1904,  Bd.  3.  Darin  auch  das  Vorwort  des  Ubersetzers :  «Die  wissen- 
schaftliche  Bedeutung  dieser  Dialoge  Brunos.  Brunos  Verhaltnis  zu 
Kopernikus  und  seinen  Vorgangern.  Die  Unendlichkeitsidee»,  S.  I- 
LXXII. 

132  Schopenhauer: « Arthur  Schopenhauers  samtliche  Werke  in  zwolf  Ban- 
den*,  mit  einer  Einleitung  von  Rudolf  Steiner,  Stuttgart  und  Berlin 
o.J.  (1894). 

Schopenhauer  ...  Die  Welt  ist  meine  Vorstellung» :  Wortlich:  ««Die 
Welt  ist  meine  Vorstellung»  -  Dies  ist  eine  Wahrheit,  welche  in  Bezie- 
hung  auf  jedes  lebende  und  erkennende  Wesen  gilt.»  Siehe  «Die  Welt 
als  Wille  und  Vorstellung»,  I,  §  1. 

147  «War  nichtdasAuge  sonnenhafi»:  Goethe,  «Zahme  Xenien»,  III.  Im  er- 
kenntnistheoretischen  Zusammenhang  fiihrt  Goethe  diesen  Spruch 
an  in :  «2ur  Farbenlehre»,  Didaktischer  Teil,  Einleitung,  in :  «Natur- 
wissenschaftliche  Schriften»  (siehe  Hinweis  zu  S.  94),  Bd.  3,  GA  Bibl.- 
Nr.  lc,  S.  88. 

147f.  kann  Gleiches  von  Gleichem  ...  erkannt  werden:  Nach  Empedokles, 
siehe  Diels/Kranz,  «Fragmente  der  Vorsokratiker»,  Fragment  31  B 
109. 

148  Schopenhauer  . . .  daft  die  Sonne  nur  dadurch  vorhanden  ist,  daft  wir  ein 
Auge  haben:  In  der  Einleitung  seiner  Abhandlung  «Uber  das  Sehn  und 
die  Farben»  fuhrt  Schopenhauer  aus,  «da!5  die  Farben,  mit  welchen 
[...]  die  Gegenstande  bekleidet  erscheinen,  durchaus  nur  im  Auge 
sind»  und  an  anderer  Stelle :  «Wie  nun  aber  doch  die  Sonne  eines  Au- 
ges  bedarf  um  zu  leuchten,  die  Musik  eines  Ohres  um  zu  tonen  [. . .]» 
(«Parerga  und  Paralipomena»,  Zweiter  Band,  Kap.  20,  §  240).  Siehe 
auch  Hinweis  zu  S.  132. 

in  Feuerbachs  Sinne . . .  das  Gottliche,  das  wir  erst  in  uns  geschaffen  haben, 
nur  hinausprojizieren :  Siehe  «Das  Wesen  des  Christentums»,  Leipzig 
1841,  1.  Kapitel  und  Anhang,  1.  Abschnitt.  Und  «Das  Wesen  der  Reli- 
gion»,  1851,  20.  Vorlesung. 

150f.  Franz  Brentano  ...  in  seiner  Psychologic:  «Psychologie  vom  empiri- 
schen  Standpunkte»  Leipzig  1874,  1.  Band,  S.  21f.  (1.  Kap.,  §  2). 

152  Huxley  ...  «Grundzuge  der  Physiologie» :  Thomas  Henry  Huxley, 
«Grundziige  der  Physiologie»,  neu  bearbeitet  von  Dr.  I.  Rosenthal, 
Hamburg  und  Leipzig  1910,  S.  23  (1.  Vorlesung). 

Die  Verse  Shakespeares  stehen  im  «Hamlet»,  Funfter  Akt,  Erste  Szene. 


155      Franceso  Redi:  Siehe  Hinweis  zu  S.  52 ff. 

166  Goethe  sprach  den  Satz  aus:  Im  Alter  werden  wir  Mystiker:  Wortlich : 
«Jedem  Alter  des  Menschen  antwortet  eine  gewisse  Philosophic  [. . .] 
Der  Greis  jedoch  wird  sich  immer  zum  Mystizismus  bekennen:  er 
sieht,  dafi  so  vieles  vom  Zufall  abzuhangen  scheint;  das  Unverminftige 
gelingt,  das  Verniinftige  schlagt  fehl,  Gliick  und  Ungliick  stellen  sich 
unerwartet  ins  Gleiche;  so  ist  es,  so  war  es,  und  das  hohe  Alter  beru- 
higt  sich  in  dem,  der  da  ist,  der  da  war  und  der  da  sein  wird.»  Goethe, 
«Spriiche  in  Prosa»,  (siehe  Hinweis  zu  S.  94),  S.  454f.  Auch  in  Goethe, 
«Maximen  und  Reflexionen».  Im  Zusammenhang  mit  dem  «Faust»  er- 
innert  sich  Friedrich  Forster  an  ein  Gesprach  mit  Goethe  (vmtl.  im 
Jahre  1828):  «Ich  erinnere  mich  nur,  dafi,  als  ich  die  Vermutung  aus- 
sprach,  die  Schlufiszene  werde  wohl  doch  in  den  Himmel  verlegt  wer- 
den und  Mephisto  als  iiberwunden  vor  den  Horern  bekennen,  <  dafi 
ein  guter  Mensch  in  seines  Herzens  Drange  sich  des  rechten  Weges 
wohl  bewufit  sei>  -  Goethe  kopfschuttelnd  sagte:  <Das  ware  ja  Auf- 
klarung.  Faust  endet  als  Greis,  und  im  Greisenalter  werden  wir  Mysti- 
ker >.»  «Goethes  Gesprache»,  aufgrund  der  Ausgabe  von  Flodoard  von 
Biedermann  herausgegeben  von  Wolfgang  Herwig,  Bd.  Ill/ 2,  Zurich 
1972,  S.  295  (Gesprach  Nr.  6187). 

171  in  den  Vortrdgen  tiber  Wachen  und  Schlafen:  Siehe  die  beiden  ersten 
Vortrage  dieses  Bandes. 

182  das  soil  spdter  beantwortet  werden:  In  den  Vortragen  im  Architekten- 
haus  in  Berlin,  Winter  1913/14,  die  im  Band  «Geisteswissenschaft  als 
Lebensgut»,  GA  Bibl.-Nr.  63  zusammengefafit  sind,  besonders  die 
Vortrage  IV,  V,  VII,  X. 

188  als  damals  Biicher  erschienen  wie  zum  Beispiel  «Die  Wdrme,  betrachtet 
als  eine  Art  von  Bewegung»,  von  John  Tyndall,  autorisierte  deutsche 
Ausgabe  herausgegeben  durch  H.  Helmholtz  und  G.  Wiedemann, 
Braunschweig  1867,  3.  vermehrte  Auflage  nach  der  5.  Auflage  des  Ori- 
ginals, Braunschweig  1875. 

Schuldirektor  Heinrich  Schramm,  Direktor  der  nieder-osterreichischen 
Landes-Oberrealschule  in  Wiener  Neustadt  (1868-1874)  und  k.k. 
Bezirks-Schulinspektor,  ordentlicher  Lehrer  der  Mathematik.  Vgl.  die 
Beschreibung  in  Rudolf  Steiners  Autobiographic  «Mein  Lebensgang», 
GA  Bibl.-Nr.  28,  S.  34-37  (2.  Kapitel). 

«Die  Anziehungskraft  betrachtet  als  eine  Wirkung  der  Bewegung» 
(Aufsatz)  in:  «Achter  Jahresbericht  der  Nieder-Osterreichischen 
Landes-Oberrealschule  in  Wiener  Neustadt»,  Wien  1873. 
«Die  allgemeine  Bewegung  der  Materie  als  Grundursache  aller  Natur- 
erscheinungen»,  Wien  1872. 


190  Scbleiden  und  Schwann:  Matthias  Jakob  Schleiden,  «Die  Pflanze  und 
ihr  Leben»,  1848. 

Theodor  Schwann,  «Mikroskopische  Untersuchungen  iiber  die  Uber- 
einstimmung  in  der  Struktur  und  dem  Wachstum  von  Tier  und  Pflan- 
ze»,  Berlin  1839. 

grqfie  Tat  Ernst  Haeckels,  der  die  Theorie  Darwins  auch  auf  den  Men- 
schen  ausgedehnt  hatte:  Siehe  Ernst  Haeckel,  «Natiirliche  Schopfungs- 
geschichte.  Gemeinverstandliche  wissenschaftliche  Vortrage  iiber  die 
Entwickelungslehre»,  Zwei  Teile,  Berlin  1868;  und  «Anthropogenie 
oder  Entwickelungsgeschichte  des  Menschen»,  Zwei  Teile,  Leipzig 
1874. 

190f.  Carl  Gegenbaur,  «Grundziige  der  vergleichenden  Anatomie»,  Leipzig 
1859,  zweite,  umgearbeitete  Auflage,  Leipzig  1870,  S.  18f.  (§  8). 

191  Darwin  ...  in  seinen  fruheren  Jabren:  Siehe  Hinweis  zu  S.  91. 

192  Helmholtz  auf  dem  Gebiete  der  Lichterscheinungen :  Hermann  Ludwig 
Ferdinand  von  Helmholtz,  1821-1894,  hervorragender  Naturfor- 
scher.  Er  erf  and  1850  den  Augenspiegel  und  fafke  seine  zahlreichen 
Forschungen  iiber  das  Auge  und  das  Sehen  zusammen  in  seinem 
«Handbuch  der  physiologischen  Optik»,  Leipzig  1856-66.  Seine  phy- 
siologischen  Untersuchungen  iiber  das  Ohr  und  das  Horen  stellte  er 
dar  in  seinem  Werk  «Die  Lehre  von  den  Tonempfindungen»,  Braun- 
schweig 1862. 

195  Psychologie  ...  des  ...  Franz  Brentano:  «Psychologie  vom  empirischen 
Standpunkte»,  Erster  Band,  Leipzig  1874. 

196  A.P.  Sinnett:  Alfred  Percy  Sinnet,  «Esoteric  Buddhism*,  1883.  Deutsch: 
«Die  Esoterische  Lehre  oder  Geheimbuddhismus»,  Leipzig  1884. 

197f.  Blavatsky:  Helena  Petrowna  Blavatsky,  «The  secret  Doctrine.  The 
Synthesis  of  Science,  Religion  and  Philosophy*,  3  volumes,  London 
1888.  Deutsch:  «Die  Geheimlehre.  Die  Vereinigung  von  Wissen- 
schaft,  Religion  und  Philosophies  Aus  dem  Englischen  der  3.  Auflage 
von  Robert  Froebe,  Leipzig  o.J.  (1899). 

199  nicht  etwa  anseben  diirfen  mit  dem  Auge  eines  modernen  Pbilosophen, 
wie  zum  Beispiel  Paul  Deufien:  Rudolf  Steiner  wandte  sich  gegen  Paul 
Deufien  (1845-1919),  weil  dieser  in  seiner  «Allgemeinen  Geschichte 
der  Philosophie»  (7  Bde.,  1894-1917)  schon  die  altindische  Weisheit 
als  Philosophic  behandelt,  wahrend  nach  Steiner  die  eigentliche  Philo- 
sophic erst  mit  Aristoteles  beginnt  und  alles  friihere  Denken  als  Seher- 
tum  bezeichnet  werden  mufi.  Vgl.  dazu  die  Ausfiihrungen  in  den  Vor- 
tragen  Berlin,  14.  Marz  1908  in  GA  Bibl.-Nr.  108  und  Berlin,  8. 
Januar  1914  in  GA  Bibl.-Nr.  63. 


205      Franz  Brentano:  Siehe  Hinweis  zu  S.  195. 


207  Cartesius  . . .  daft  ein  Geistdhnliches  beim  Menschen  vom  Herzen  nacb 
dem  Kopfe  . . .  wirkt :  Nicht  nachgewiesen. 

208  der  englische  Arzt  Harvey:  William  Harvey,  «De  motu  cordis  et 
sanguinis*,  1628. 

Marcello  Malpigi,  1628-1694,  erganzte  durch  seine  mikroskopischen 
Untersuchungen  Harveys  Entdeckungen  des  Blutkreislaufes. 

Francesco  Redi:  Siehe  Hinweis  zu  S.  52ff.  und  die  Ausfiihrungen 
Rudolf  Steiners  auf  S.  155  f.  in  diesem  Band. 

209  Widerstand  gegen  den  Aristotelismus  ...  Galilei  ...  Giordano  Bruno: 
Galilei,  der  in  seiner  Denkfreiheit  eher  seinen  eigenen  Beobachtungen 
und  Erkenntnissen  als  den  uberlieferten  Lehrmeinungen  vertraute, 
widerlegte  die  iiberholren  Ansichten  des  Aristoteles  in  der  Physik, 
Astronomie,  Anatomie  etc.,  was  ihm  erbitterte  Feindschaft  der  ortho- 
doxen,  dogmatischen  Philosophen  einbrachte  (vgl.  die  Ausfiihrungen 
Rudolf  Steiners  auf  S.  HOf.  in  diesem  Band).  Die  kirchliche  Inquisi- 
tion zwang  Galilei  1633  zum  Widerruf  der  ketzerischsten  seiner  An- 
schauungen,  der  Erkenntnis  des  heliozentrischen  Weltsystems. 
Giordano  Bruno  zog  sich  durch  sein  unerschrockenes  Eintreten  fur 
das  von  ihra  fiir  richtig  Erkannte  und  durch  seine  Kritik  der  aristote- 
lischen  Naturlehre  und  Kosmologie  den  Hafi  der  Kirche  zu.  Da  er 
nicht  wie  Galilei  zum  Widerruf  seiner  Lehre  bereit  war,  wurde  er 
1600  als  Ketzer  in  Rom  verbrannt. 

211  Du  Bois-Reymond  ...  Rede  uber  die  «Grenzen  des  Naturerkennens», 
Leipzig  1872,  S.  25f. 

212  in  einem  der  ersten  Vortrdge  dieses  Winterhalbjahres :  Siehe  den  ersten 
Vortrag  in  diesem  Band. 

215  Goethe  in  seinem  scbonen  Aufsatze  uber  «Anschauende  Urteilskraft» : 
Goethe,  Naturwissenschaftliche  Schriften  (siehe  Hinweis  zu  S.  94), 
Bd.  1,  GA  Bibl.-Nr.  la,  S.  116. 

Kant  nannte  es  ein  «gewagtes  Abenteuer  der  Vernunft»:  Siehe  Immanuel 
Kant,  «Kritik  der  Urteilskraft»,  II.  Teil,  Kritik  der  teleologischen 
Urteilskraft,  Anhang,  §  80,  Anmerkung. 

218  alte  griechische  Lehre  und  Ausfuhrung  uber  die  Bewegung:  Siehe  die 
Paradoxa  uber  die  Bewegung  von  Zenon  von  Elea  (ca.  5.  Jh.v.Chr.) 
bei  Diels/Kranz,  «Fragmente  der  Vorsokratiker»  Fragmente  29  A  25 
bis  29  A  28. 


219      Es  mag  sich  Feindliches  eraugnen:  Goethe,  «Zahme  Xenien»,  III. 

222f.  Erlebnis  . . .  das  ein  treuer  Biograph  von  ihm  aus  seinem  Munde  gehort 
hat:  Siehe  die  Biographie  Bohmes:  «Herrn  Abraham  von  Francken- 
berg,  auf  Ludwigsdorf,  eines  gottseligen  Schlesischen  von  Adel  und 
vertrauten  Freundes  des  sel.  Autoris  griindlicher  und  wahrhafter  Be- 
richt  von  dem  Leben  und  Abschied  des  in  Gott  selig  ruhenden  Jakob 
Bohme,  dieser  theosophischen  Schriften  eigentlichen  Autoris  und 
Schreibers»  enthalten  in:  «Schriften  Jakob  B6hmes»,  ausgewahlt  und 
herausgegeben  von  Hans  Kayser,  mit  der  Biographie  Bohmes  von 
Abraham  von  Franckenberg  und  dem  kurzen  Auszug  Friedrich  Chri- 
stoph  Oetingers,  Leipzig  1920,  S.  20f.  (4.  Abschnitt). 

237f.  sagt  Jakob  Bohme:  « Aurora  oder  Morgenrote  im  Aufgang»,  23.  Kapi- 
tel,  Verse  1-6,  in:  Samtliche  Werke,  herausgegeben  von  K.W.Schi- 
bler,  6  Bde.,  Leipzig  1831-1846,  Bd.  2,  S.  268. 

241  So  erscheint  fur  Jakob  Bohme  ein  vorirdisches  Ereignis  so:  Siehe  u.  a. 
«Mysterium  Magnum  oder  Erklarung  iiber  das  erste  Buch  Mosis»,  3. 
Kapitel  «Wie  aus  dem  ewigen  Guten  ein  Boses  ist  worden,  welches  im 
Guten  keinen  Anfang  zum  Bosen  hat;  und  von  dem  Ursprung  der  fin- 
stern  Welt  oder  Holle,  in  welcher  die  Teufel  wohnen»  und  4.  Kapitel 
«Von  den  zwei  Principien,  als  von  Gottes  Liebe  und  Zorn,  von  Fin- 
sternis  und  von  Licht,  dem  Leser  sehr  notig  zu  betrachten»  und  8.  Ka- 
pitel «Von  der  Erschaffung  der  Engel  und  ihrem  Regiment*  und  9.  Ka- 
pitel «Vom  Fall  Luzifers  mit  seinen  Legionen»,  in:  Samtliche  Werke, 
a.a.O.,  Bd.  5,  S.  11-21  und  34-44. 

242  «Kein  Ja  ohne  Nein»:  Siehe  «Theosophische  Fragen,  oder:  177  Fragen 
von  gottlicher  Offenbarung».  Die  3.  Frage,  Antwort,  in:  Samtliche 
Werke,  a.a.O.,  Bd.  6,  S.  597. 

244  Wem  Zeit  wie  Ewigkeit:  Die  Verse  schrieb  Jakob  Bohme  gewohnlich 
in  die  Stammbiicher  guter  Freunde.  Siehe  Abraham  von  Francken- 
berg (siehe  Hinweis  zu  S.  222f.),  S.  37  (26.  Abschnitt). 

245  «Philosopkus  teutonicus» :  So  nannte  ihn  der  Freund  Bohmes,  der  weit- 
gereiste  Arzt  und  Sprachenkenner  Dr.  Balthasar  Walther  von  Grofilo- 
gau  aus  Schlesien.  Siehe  Abraham  von  Franckenberg  (siehe  Hinweis 
zu  S.  222f.),  S.  31  (18.  Abschnitt). 

246  Gegenschrift  gegen  Jakob  Bohme  von  Calov:  Abraham  Calov  «Anti- 
boehmius»,  Vitebergae  1684. 

von  einem  Leipziger  Gelehrten:  Freies  Zitat  aus  Adolf  von  Harles, 
«Jacob  Bohme  und  die  Alchymisten.  Ein  Beitrag  zum  Verstandnis  J. 
B6hnies»,  2.  vermehrte  Auflage,  Leipzig  1882,  S.  113. 


247  Louis  Claude  de  Saint-Martin,  1743-1803,  lernte  noch  in  seinem  50. 
Lebensjahr  Deutsch,  um  die  Schriften  Bohmes  ins  Franzosische  iiber- 
tragen  zu  konnen. 

Matthias  Claudius  iibersetzte  seinerseits  ein  Werk  Saint-Martins  aus 
dem  Franzosischen  ins  Deutsche:  «Irrthumer  und  Wahrheit,  oder 
Ruckweifi  fur  die  Menschen  auf  das  allgemeine  Principium  aller  Er- 
kenntnifi»,  von  einem  unbekannten  Philosophen.  Aus  dem  Franzosi- 
schen iibersetzt  von  Matthias  Claudius,  Breslau  1782. 

254  der  Sohn  Wilhelm  Grimms  und  der  Neffe  Jakob  Grimms:  Wilhelm 
Grimm,  1786-1859,  und  sein  Bruder  Jakob  Grimm,  1785-1863,  gel- 
ten  als  die  Begriinder  der  deutschen  Philologie  und  Altertumswissen- 
schaft.  Sie  waren  unermiidliche  Sammler  des  deutschen  Sprachschat- 
zes  und  Herausgeber,  bzw.  Verfasser  des  «Deutschen  W6rterbuches» 
(1854-1954),  der  «Deutschen  Grammatik»,  der  «Deutschen  Sagen», 
der  «Deutschen  Mythologie»,  der  «Deutschen  Rechtsaltertumer»,  der 
«Deutschen  Weistiimer»,  der  beriihmten  «Kinder-  und  Hausmarchen» 
etc. 

255  «Gdttinger  Sieben»:  1837  hatten  sieben  Gottinger  Professoren  gegen 
die  Aufhebung  der  Verfassung  durch  Konig  Ernst  August  protestiert, 
worauf  sie  entlassen  wurden:  Wilhelm  Eduard  Albrecht,  Friedrich 
Christoph  Dahlmann,  Georg  Heinrich  August  Ewald,  Georg  Gott- 
fried Gervinus,  Jakob  Grimm,  Wilhelm  Grimm,  Wilhelm  Eduard 
Weber. 

256  Goethe-  Vorlesungen:  Herman  Grimm,  «Goethe»,  Vorlesungen  an  der 
Universitat  Berlin,  1874  und  1875  gehalten,  2  Bande,  Berlin  1876. 

260      «Homer»:  Herman  Grimm,  «Homers  Ilias»,  2  Bde.,  Berlin  1890/95. 

263  der  wichtigste  Impuls,  den  er  in  der  Menscbheitsentwicklung  anerkennt: 
Siehe  Hermann  Grimm,  «Fragmente»,  2.  Band,  Berlin  und  Stuttgart 
1902,  S.  175. 

264  «Leben  Jesu»  von  Ernest  Kenan:  Ernest  Renan,  1823-1892,  trat  aus 
dem  katholischen  Priesterseminar  aus  und  verfafite  nach  einer  Palasti- 
nareise  sein  beriihmtes  Werk  «La  vie  de  Jesus»,  Paris  1863 

265  Raffaels  «Vermdhlung  der  Maria  mit  dem  Josef»,  1504,  Mailand,  Pina- 
kothek  Breva. 

266  «Fragmenten  Sammlung»:  Herman  Grimm,  «Fragmente»,  2  Bde.,  Ber- 
lin und  Stuttgart  1900/02. 

267  Raffael-Werk,  Michelangelo- Werk :  Herman  Grimm,  «Das  Leben  Ra- 
phaels»,  Berlin  1872.  «Leben  Michelangelos»,  2  Bde.,  Berlin  1860/63. 


269  ^Raphael  ist  ein  Burger  der  Weltgeschkhte» :  Siehe  «Raphael  als  Welt- 
macht»,  in:  «Fragmente»,  Bd.  2,  Berlin  und  Stuttgart  1902,  S.  153. 

270  «Wiirde  Michaelangelo  ...»:  a.a.  O.  S.  171. 

274  Novellensammlung:  Herman  Grimm,  «Novellen»,  1862;  dritte,  ver- 
mehrte  Auflage,  Berlin  1897. 

276  Roman  «Untiberwindliche  Machte»,  1867;  dritte  Auflage,  2  Bde.,  Berlin 
1902. 

279ff.  «Dies  ist  Emmys  Traum  aber»:  a.a. O.,  2.  Bd.  S.  399-401. 

284  ein  scbdnes  Wort . . .  das  er  selber  einem  Freunde  ins  Grab  nacbgerufen 
hat:  Siehe  «Heinrich  von  Treitschkes  Politik»,  in:  «Fragmente»,  2. 
Bd.,  Berlin  und  Stuttgart  1902,  S.  269. 

286  Herman  Grimm  . . .  Raffael:  Herman  Grimm,  «Das  Leben  Raphaels*, 
die  erste  Auflage  von  1872  wurde  1886  und  1896  vollig  umgearbeitet. 
Die  in  diesem  Vortrag  angefiihrten  Zitate  sind  nach  der  4.  Auflage, 
Stuttgart  und  Berlin  1903  wiedergegeben. 

287  Goethe  tat  einmal  den  bedeutsamen  Ausspruch :  In  «WiIhelm  Meisters 
Wanderjahre»,  I,  10. 

288  Ein  Wort,  das  Lessing . . ,  gebraucht  hat . . .  «Die  Erziehung  des  Menschen- 
geschlechts» :  Titel  seines  1780  erschienenen  philosophischen  Werks. 

289  die  Bildwerke . . .  den  Zuhorern  vorzufiihren:  Dies  verwirklichte  Rudolf 
Steiner  in  seinen  13  Lichtbildervortragen  inDornach,  8.-29.  Oktober 
1916.  Siehe  «Kunstgeschichte  als  Abbild  innerer  geistiger  Impulse*,  GA 
Bibl.-Nr.  292  (Textband  und  Bildband  mit  iiber  700  Abbildungen). 

292  Augustinus  in  seinen  «Confessiones» :  Aurelius  Augustinus,  354-430, 
verfafite  seine  «Bekenntnisse»  um  400. 

296  «Grablegung»,  1507,  Rom,  Galerie  Borghese. 

«Camera  della  Segnatura»,  Rom,  Vatikan,  Stanzen. 

«Verkldrung  Christi»,  auch  «Transfiguration»  genannt,  1519-1520, 
Rom,  Vatikan,  Pinakothek. 

297  der  die  Stadt  als  Krieger  betritt:  Es  handelt  sich  um  Astorre  Bagliones 
(t  1500)  Einzug  in  Perugia  1495.  Siehe  Francesco  Matarazzo,  «Crona- 
che  della  citta  di  Perugia»,  edite  da  Ariodante  Fabretti,  2.  Bd.,  Turin 
1888,  S.  113,  115,  118,  121.  Siehe  auch  Jacob  Burckhardt,  «Die  Kultur 
der  Renaissance  in  Italien.  Ein  Versuch»,  neunte,  durchgearbeitete 


Auflage  von  Ludwig  Geiger,  2  Bde.,  Leipzig  1904,  Bd.  1,  S.  31:  «Da- 
mals  war  Raffael  als  zwolfjahriger  Knabe  in  der  Lehre  bei  Pietro  Peru- 
gino.  Vielleicht  sind  Eindriicke  dieser  Tage  verewigt  in  den  friihen 
kleinen  Bildchen  des  hi.  Georg  und  des  hi.  Michael.» 

297  «St.  Georg»,  1504-05,  Leningrad,  Eremitage.  Ein  zweites  St.  Georg- 
Bild  von  Raffael  befindet  sich  im  Louvre  in  Paris. 

298  Girolamo  Savonarola,  1452-1498,  Dominikaner,  Prior  des  Klosters 
San  Marco  in  Florenz,  radikaler  Bufi-  und  Sittenprediger,  von  pohti- 
schen  und  religiosen  Gegnern  (u.  a.  dem  Borgia-Papst  Alexander  VI.) 
bekampft  und  schliefilich  nach  Folterung  als  Ketzer,  Schismatiker 
und  Verachter  des  Heihgen  Stuhles  gehangt  und  verbrannt. 

299  ein  Maler  ...  der  ...  selber  das  Monchskleid  anzog:  Fra  Bartolomeo, 
1475-1517,  zog  sich  nach  der  Hinrichtung  Savonarolas  1500  in  das 
Kloster  San  Marco  zuriick. 

303  Karl  August . . .  iiber  die  Sixtinische  Madonna:  Herzog  Karl  August  an 
seinen  Freund  Karl  Ludwig  von  Knebel  am  14.  Oktober  1783.  Siehe 
Herman  Grimm,  «Fragmente»,  2.  Bd.,  Berlin  und  Stuttgart  1902,  S. 
167f. 

306  Franz  von  Assisi  durch  Giotto :  Siehe  den  Freskenzyklus  von  28  Bildern 
zur  Franziskus-Legende  in  der  Oberkirche  San  Francesco  in  Assisi 
(urn  1295)  von  Giotto  di  Bondone. 

307  «Madonna  delta  Sedia»,  um  1514/16,  Florenz,  Palazzo  Pitti. 

Mutter  mit  einem  Kinde,  von  dem  Herman  Grimm  gesagt  hat:  Wortlich 
«eine  Mutter  mit  ihrem  Kinde  ist  immer  das  Vornehmste,  das  die 
Welt  bietet.  Die  armste  Mutter  konnte  daskzen  wie  die  Madonna 
delia  Sedia»,  «Das  Leben  Raphaels»,  a.a.O.  S.  162. 

309  Ausdruck  Goethes  ...  «abgelebtes  Leben»:  In  seinem  Gedicht  «Warum 
gabst  du  uns  die  tiefen  Blicke  . . .»  verwendet  Goethe  den  Ausdruck 
«abgelebte  Zeiten»,  wo  er  von  seinen  und  Frau  von  Steins  friiheren 
Erdenleben  spricht: 

«Ach,  du  warst  in  abgelebten  Zeiten 
Meine  Schwester  oder  meine  Frau.» 

312  daft  das  Leben  und  die  Natur  keine  Sprunge  mache:  «Natura  non  facit 
saltus»,  zuerst  bei  Fournier,  «Varietes  historiques  et  litteraires»,  1613, 
LX,  247,  dann  bei  Leibniz,  «Nouveaux  essais  sur  l'entendement 
humain»,  1756,  Vorwort  und  IV,  Kap.  16  und  Linne,  «Philosophia 
botanica»,  1751,  Nr.  77. 


314      «Schule  von  Athen»,  1509-10,  Rom,  Vatikan,  Stanza  della  Segnatura. 


«Parnaj?»,  1510-11,  Rom,  Vatikan,  Stanza  della  Segnatura. 
315      «Disputa»,  1509-11,  Rom,  Vatikan,  Stanza  della  Segnatura. 

317  geht  Herman  Grimm  der  Gedanke  auf:  «Das  Leben  Raphaels*,  a.  a.  O., 
S.  4. 

318  Herman  Grimm  erzdhlt:  a.a.O.,  S.  333 f. 

in  seinem  Homer-Buche:  In  dieser  Form  nicht  nachgewiesen,  siehe  aber 
«Homers  Ilias»,  Berlin  1895,  S.  381  ff. 

320      in  Sdtzen  Herman  Grimms:  «Das  Leben  Raphaels*,  a.  a.O.,  S.  1. 

wenn  er  am  Schlusse  seines  Raphael-Werkes:  «Das  Leben  Raphaels*, 
a.a.O.,  S.  334. 

323  Goethe  ...  in  seinem  Mdrchen:  Goethes  «Marchen»  erschien  1795  in 
Schillers  Zeitschrift  «Die  Horen».  Siehe  Rudolf  Steiner,  «Goethes  Gei- 
stesart  in  ihrer  Offenbarung  durch  seinen  Faust  und  durch  das  Mar- 
chen  von  der  Schlange  und  der  Lilie»  (1918),  GA  Bibl.-Nr.  22.;  und 
«Goethes  geheime  Offenbarung  in  seinem  Marchen  <Von  der  griinen 
Schlange  und  der  schonen  Lilie»>,  Ein  Aufsatz  1918,  elf  Vortrage 
1904/05,  1908/09,  Sonderausgabe,  Dornach  1982. 

Schiller  ...  in  seinen  «Briefen  uher  die  dsthetische  Erziehung  des  Men- 
schen»,  Tubingen  1795. 

333      Bruder  Grimm:  Siehe  Hinweis  zu  S.  254. 

338  in  der  «V6lkerpsychologie» :  Wilhelm  Wundt,  «Vdlkerpsychologie. 
Eine  Untersuchung  der  Entwicklungsgesetze  von  Sprache,  Mythus 
und  Sitte»,  10  Bde.,  Leipzig  1900ff. 

339  ein  hei  primitiven  Volkern  sich  findendes  Mdrchen:  Nicht  nachge- 
wiesen. 

343      melanesisches  Mdrchen:  Nicht  nachgewiesen. 

346  Da  ist  ein  Mensch,  der  zieht  die  Landstrafle  entlang:  Das  Marchen 
«Hundert  auf  einen  Streich»  in:  «Ungarische  Volksmarchen»,  nach 
der  aus  Georg  Gaals  Nachlafi  herausgegebenen  Urschrift  iibersetzt 
von  G.  Stier,  Pesth  1857,  S.  106-113. 

351  ein  Mann,  der  selber  ein  defer  Freund  der  Mdrchendarstellung  war: 
Nicht  nachgewiesen. 


353      Lionardo:  alte  Schreibweise  fur  Leonardo. 


Goethes  Abhandlung:  «Uber  Lenoard  da  Vincis  Abendmahl»,  Bericht 
iiber  Joseph  Bossis  Buch  (1810),  in:  «Kunst  und  Altertum»,  I,  3,  1817. 

Einer  ist  unter  euch,  der  mich  verrdt:  Matth.  26,21;  Mark.  14,  18;  Luk. 
22,  21-22;  Joh.  13,  21. 

357      Selbstbildnis  des  Leonardo:  In  Turin,  Konigliches  Museum. 

Augen  des  Geistes:  Siehe  z.B.  J.  W.  Goethe,  «Erster  Entwurf  einer  all- 
gemeinen  Einleitung  in  die  vergleichende  Anatomie,  ausgehend  von 
der  Osteologie»,  VII,  B,  in :  «Naturwissenschaftliche  Schriften»  (siehe 
Hinweis  zu  S.  94),  Bd.  1,  GA  Bibl.-Nr.  la,  S.  262. 

360      «Heiliger  Hieronymus» :  Rom,  Vatikan. 

«Anhetung  der  Kdnige»:  Florenz,  Uffizien. 
375      «]ohannes»:  Paris,  Louvre. 

«Mona  Lisa» :  Paris,  Louvre. 

383  Ein  sehr  bedeutender  Naturforscher :  Moritz  Benedikt,  1835-1920,  Me- 
diziner,  siehe  «Aus  meinem  Leben»,  Wien  1906,  S.  121  f. 

384  in  den  hisherigen  Vortrdgen:  Siehe  v. a.  Vortrag  IV  in  diesem  Band. 

402  Maurice  Maeterlinck,  «Vom  Tode»,  deutsch  von  Fr.  von  Oppeln- 
Bronikowski,  Jena  1913. 

412  «Denn  nie  gab  es  einen  Glauben  ...»:  a. a. O.  S.  86f.  (VIII.  Kap.  «Die 
Reinkarnation»,  3.). 

413  Schopenhauer . . .  mit  den  Worten  charakterisiert :  In  der  Vorrede  zur  er- 
sten  Aufiage  von  «Die  Welt  als  Wille  und  Vorstellung»,  August  1818. 
Wortlich :  «das  Schicksal  [. . .],  welches  [. . .]  allezeit  der  Wahrhek  zu- 
teil  ward,  der  nur  ein  kurzes  Siegesfest  beschieden  ist,  zwischen  den 
beiden  langen  Zeitraumen  wo  sie  als  paradox  verdammt  und  als  trivial 
geringgeschatzt  wird.»  Arthur  Schopenhauers  samtliche  Werke,  mit 
Einleitung  von  Dr.  Rudolf  Steiner,  Stuttgart  und  Berlin  o.J.  (1894), 
Bd.  2,  S.  13. 

416  Als  Plato  ...  das  Gottliche  ...  definieren  wollte:  Siehe  «Politeia»  («Der 
Staat»),  379 a-d. 

Schopenhauer  ...  sagte  einmal  in  seinen  Schriften:  In  «Skizze  einer  Ge- 
schichte  der  Lehre  vom  Idealen  und  Realen»,  in :  «Parerga  und  Parali- 
pomena»,  I.  Arthur  Schopenhauers  samtliche  Werke,  mit  Einleitung 
von  Dr.  Rudolf  Steiner,  Stuttgart  und  Berlin  o.J.  (1894),  Bd.  8,  S.  26. 


418      Schopenhauer:  Siehe  Hinweis  zu  S.  75. 


419  bedeutende  Persdnlichkeit:  Es  handelt  sich  um  Lord  Byron  (1778- 
1824),  von  dem  Herman  Grimm  in  seinem  Essay  «Lord  Byron  und 
Leigh  Hunt»  berichtet.  Siehe  Herman  Grimm,  «Funfzehn  Essays», 
Erste  Folge,  Dritte,  verbesserte  und  vermehrte  Auflage,  Giitersloh 
1884,  S.  319-336,  das  von  Rudolf  Steiner  angefiihrte  Ereignis  S.  330- 
332. 

423  im  Verlauf  dieser  Wintervortrdge:  Siehe  v.  a.  Vortrag  IV  in  diesem 
Band. 

433  Schopenhauer  . . .  Mitleid:  Siehe  «Preisschrift  iiber  die  Grundlage  der 
Moral*,  in:  Arthur  Schopenhauers  samtliche  Werke,  mit  Einleitung 
von  Dr.  Rudolf  Steiner,  Stuttgart  und  Berlin  o.J.  (1894),  Bd.  7,  S.  234. 

434  «Dieser  Mensch  ist  tugendhaft»:  a.a.O.,  S.  260. 

444  Euripides:  «Helena»,  IV.  Akt,  1.  Szene  (freie  Wiedergabe  von  vier 
Versen  einer  Rede  der  Theone). 

447  Giordano  Bruno  darauf  hingewiesen  hat:  In  seinem  Werk  «De  L'infini- 
to  universo  et  mondi»  (1584)  («Vom  unendlichen  All  und  den  Wel- 
ten»)  kritisiert  Bruno  die  von  Aristoteles  herriihrende  Vorstellung 
von  acht  endhchen  Spharen  des  Kosmos  und  postuliert  die  Unend- 
lichkeit  des  Weltalls. 

451  Johann  Gottlieb  Fichte  «Die  Bestimmung  des  Menschen»  1800;  Johann 
Gottlieb  Fichtes  Samtliche  Werke,  herausgegeben  von  I.  H.  Fichte,  2. 
Band,  Berlin  1845,  S.  245. 

454  Kant ...  zu  ganz  unregelmdfiiger  Zeit ...  in  Konigsberg  spazieren  ging: 
Siehe  Karl  Vorlander,  «Immanuel  Kants  Leben»,  Supplement-Band 
zu:  Immanuel  Kant,  «Samtliche  Werke»,  Leipzig  1911  (=  Philosophi- 
sche  Bibliothek  Bd.  126),  S.  68 :  «Rousseaus  Werke  kannte  er  samtlich, 
sein  Bild  allein  [. . .]  schmiickte  die  sonst  kahlen  Wande  seines  Studier- 
zimmers,  und  als  der  Emile  1762  erschien,  geschah  das  Ungewohnte, 
da£  seine  Lektiire  unseren  Philosophen  mehrere  Tage  hintereinander 
von  seinem  regelmafiigen  Spaziergang  zuriickhielt.» 

Kants  Schrifi  vom  Jahre  1784:  «Was  ist  Aufklarung?»;  Wortlich:  «Auf- 
klarung  ist  der  Ausgang  des  Menschen  aus  seiner  selbstverschuldeten 
Unmiindigkeit.  [. . .]  Habe  Mut,  dich  deines  eigenen  Verstandes  zu  be- 
dienen !» 

454f.  Cartesius . . .  «Ich  denke,  also  bin  ich»:  Descartes  formulierte  diesen  Satz 
im  «Discours  de  la  methode»  (1637)  I,  7  u.  10  und  (nicht  wortlich)  in 
«Meditationes  de  prima  philosophia»  (1641),  2.  Meditation. 


454      Augustinus:  Siehe  z.B.  «Soliloquia»,  II,  1  und  «De  trinitate»,  X,  10, 14. 


456  Karl  Rosenkranz,  «Georg  Wilhelm  Friedrich  Hegels  Leben»,  Berlin 
1844,  Seite  XII. 

461  f.    Emerson :  Zwei  der  von  Ralph  Waldo  Emerson  in  England  gehaltenen 

Vorlesungen  uber  «Reprasentanten  der  Menschheit»  (1847/48)  er- 
schienen  deutsch  in  der  Ubersetzung  von  Herman  Grimm  unter  dem 
Titel  «Ralph  Waldo  Emerson  uber  Goethe  und  Shakespeare»,  Hanno- 
ver 1857.  Siehe  auch  Herman  Grimm,  «Funfzehn  Essays»,  Erste  Fol- 
ge,  Dritte,  verbesserte  und  vermehrte  Auflage  Giitersloh  1884,  S.  426- 
448  (Essay  XV,  «Ralph  Waldo  Emerson»). 

462  Herman  Grimm  ...  «Unuberwindliche  Mdchte»:  Siehe  Hinweis  zu  S. 
276. 

463  Die  wichtigsten  Partien  meines  Homer-Buches :  Herman  Grimm,  «Ho- 
mers  Ilias»,  2.  Bd.,  Berlin  1895,  S.  399  (Schlufikapitel  «Abschied»). 

469  Was  sind  alle  Instrumente  der  Physik:  Wortlich:  «Mikroskope  und 
Fernrohre  verwirren  eigentlich  den  reinen  Menschensinn».  Goethe, 
«Spriiche  in  Prosa»  (siehe  Hinweis  zu  S.  94),  S.  351.  Auch  in  Goethe, 
«Maximen  und  Reflexionen». 

472  mit  dem  Ausdrucke  Lessings:  Rudolf  Steiner  bezieht  sich  auf  den  Titel 
von  Lessings  Schrift  «Die  Erziehung  des  Menschengeschlechts»  (1780). 

473  diese  Erde  ist  fur  Kepler  ein  Riesenorganismus :  Siehe  Johannes  Kepler, 
«Harmonices  mundi»  («Weltharmonik»).  IV.  Buch,  7.  Kapitel. 

Giordano  Bruno  . . .  daft  die  Erde  ein  Riesenorganismus  ist:  Nicht  nach- 
gewiesen. 

474  Ausspruch  Goethes  gegenuber  Eckermann:  Gesprach  vom  11.  April 
1827. 

476  Feuerbach:  Siehe  Hinweis  zu  S.  148. 

477  Emil  Du  Bois-Reymond:  Siehe  Hinweis  zu  S.  26. 

482  bei  Otto  Liebmann  . . .  finden  wir  den  Gedanken  ausgesprochen :  Siehe 
Otto  Liebmann,  «Gedanken  und  Tatsachen,  Philosophische  Abhand- 
lungen,  Aphorismen  und  Studien»,  2  Bde.,  Strafiburg  1882-1904, 
Heft  2,  S.  284 :  «[. . .]  jenes  transmakroskopischen  Riesengehirns  [. . .]». 

486  Hegel . . .  sprach:  Schlufi  des  «Vorworts,  gesprochen  zu  Heidelberg  den 
28.  Oktober  18 16»  zu  den  «Vorlesungen  uber  die  Geschichte  der  Phi- 
losophic*, in:  Georg  Wilhelm  Friedrich  Hegels  Werke,  Bd.  13,  Berlin 
1833,  S.  5f. 


NAMENREGISTER 

Die  kursiv  gesetzten  Zahlen  geben  jeweils  die  Seiten  an,  zu  welchen  ein 

Hinweis  besteht. 


Abraham  von  Franckenberg 

(1593-1652)  222,  224 
Acton,  Lord  John  (1834-1902)  92 
Alexander  VI.  (Papst)  (1430- 1503) 

299 

Alkibiades  (urn  450-404  v.Chr.) 
262 

Aristoteles  (384-322  v.  Chr.)  202- 

205,  209,  310,  313,  484 
Arnim,  Achim  von  (1781-1831) 

251 

Augustinus,   Aurelius  (354-430) 
292  306,  313,  454/.,  477 

Bach  (Musikerfamilie)  70 
Benedikt,  Moritz  (1835-1920)  26, 
383 

Blavatsky,  Helena  Petrowna 

(1831-1891)  197 
Bohme,  Jakob  (1575-1624)  185, 

220ff.,  237,  241,  242,  244,  245, 

246 

Brentano,  Bettina  (1785-1859) 
250f. 

Brentano,  Clemens  (1778-1842) 
250 

Brentano,  Franz  (1838-1917) 

150f.,  195f.,  205 
Bruno,    Giordano  (1548-1600) 

111,  114/.,  209,  220,  243,  369, 

380,  447,  473f. 
Bunsen,  Robert  Wilhelm 

(1811-1899)  457 
Byron,  Lord  George  (1788-1824) 

419,  421 

Caesar,  Gajus  Julius  (100-44  v. 
Chr.)  152,  259 

Calov,  Abraham  (1612-1686)  246 


Carriere,  Moriz  (1817-1895) 
94-96 

Cartesius,   Renatus  (1596-1650) 

207,  454f 
Claudius,   Matthias  (1740-1815) 

246f.,  247 

Dante  Alighieri  (1265-1321)  264, 
271 

Darwin,  Charles  (1809-1882)  72, 

91,  190f„  458,  479 
Descartes,  Rene  s.  Cartesius, 

Renatus 
Deufien,  Paul  (1845-1919)  199 
Du  Bois-Reymond,  Emil 

(1818-1896)26, 156, 21  If.,  477L, 

482f. 

Eckermann,  Johann  Peter 

(1792-1854)  474 
Eliot,  Charles  William 

(1834-1926)  107/.,  113 
Emerson,  Ralph  Waldo 

(1803-1882)  461/ 
Euripides  (484-407  v.  Chr.)  444 

Feuerbach,  Anselm  (1829-1880) 
29 

Feuerbach,  Ludwig  (1804-1872) 

148,  476 
Fichte,  Johann  Gottlieb 

(1762-1814)  48,  79,  81,  451/., 

456,  458f.,  472,  476 
Figuier,  Louis  (*1819)  31 
Franz  von  Assisi  (1181/82-1226) 

306 

Franz  I.,  (Konig  v.  Frankreich) 
(1494-1547)  376 


Froschammer,  Jacob 
(1821-1893)  38,  101 

Galilei,  Galileo  (1564-1642)  110, 

209,  220,  369,  371,  380 
Gegenbaur,     Carl  (1826-1903) 

190f. 

Geoffroy  de  Saint-Hilaire,  Etienne 

(1772-1844)  43/ 
Giotto  di  Bondone 

(um  1266- 1337)  264,  271, 306/., 

354 

Goethe,  Johann  Wolfgang  von 
(1749-1832)  43,  88-90,  91,  94, 
99,  147/.,  166,  214f.,  215,  2171, 
219,  221,  234,  250-252,  256l, 
260,  265,  267 f.,  271-273,  282, 
287,  300,  303,  309,  322f.,  323, 
349, 351,  353, 357,  379, 460-462, 
469,  474 

Grimm,  Gisela  (1827-1899)  251 

Grimm,  Herman  (1828-1901) 
88/.,   100-102,  249-285,  256, 
260,  263,  266,  267,  269,  270,  274, 
286,  295,  307,  316-320,  419- 
421,  461,  462,  463 

Grimm,  Jakob  (1785-1863)  254/., 
333 

Grimm,    Wilhelm  (1786-1859) 
254/,  333 

Haeckel,  Ernst  (1834-1919)  41f., 

156,  190,  458 
Harles,  Adolf  von  (1806-1879) 

246/ 

Hartmann,  Eduard  von 

(1842-1906)  41 
Harvey,  William  (1578-1657)  208 
Hegel,  Georg  Wilhelm  Friedrich 

(1770- 1831)  452f.,  456,  472, 486 
Helmholtz,  Hermann  von 

(1821-1894)  192,  457 
Homer  260f.,  265,  267f.,  272-274, 

282,  287,  313,  318f.,  463 


Humboldt,  Alexander  von 

(1769-1859)  457 
Huxley,  Thomas  Henry 

(1825-1895)  152 

Jean  Paul  (1763-1825)  231 
Julius  II.  (Papst)  (1443-1513)  299L 

Karl  August,  Herzog  (1757-1828) 
303 

Kant,  Immanuel  (1724-1804)  215, 

453,  454,  455 
Kepler    Johannes  (1571-1630) 

86/.,  99,  110,  220,  369,  371,  380, 

473/ 

Kirchhoff,  Gustav  Robert 

(1824-1887)  457 
Kopernikus,  Nikolaus 

(1473-1543)  110,  114,  369,  371, 

380 

La  Roche  (Familie)  250 
Leibniz,  Gottfried  Wilhelm 

(1646-1716)  26 
Leo  X.  (Papst)  (1475-1521)  299 
Leonardo  da  Vinci  (1452-1519) 

264,  270,  353-381,  357,  360, 

375,  467 
Lessing,  Gotthold  Ephraim 

(1729-1781)  100,  288,  472 
Liebig,  Justus  (1803-1873)  21 
Liebmann,  Otto  (1840-1912)  482/ 
Lodovico  il  Moro  s.  Sforza, 

Lodovico 
Lyell,  Charles  (1797-1875)  458 

Maeterlinck,  Maurice  (1862-1949) 

402,  410-413 
Malpigi,  Marcello  (1628-1694)  208 
Mayer,  Julius  Robert  (1814-1878) 

457 

Michelangelo  Buonarroti 

(1475-1564)  264 f.,  2671,  270- 
272,  282,  373 


Mivart,  Saint  George  (1827-1900) 
97f. 

Muller,  Johannes  (1801-1858)  457 

Nietzsche,  Friedrich  Wilhelm 
(1844-1900)  476 

Perikles  (um  500-429  v.  Chr.)  467 f. 
Perugino,  Pietro  (1446-1523)  298 
Pietro  da  Vinci  358 
Plato  (427-347  v.  Chr.)  310,  313, 
416L,  438,  442,  462 

Raffael  Santi  (1483-1520)  264f., 
265,  267-272, 269, 282, 286-320, 
296,  297,  307,  314,  315,  368,  467 

Ranke,  Leopold  von  (1795-1886) 
92 

Rathenau,  Walther  (1867-1922) 

1031,  106 
Redi,  Francesco  (1626-1697)  111, 

155f.,  208 
Renan,  Ernest  (1823-1892)  264 
Reynaud,  Jean  (1806-1836)  31 
Richter,  Gregorius  226 
Rosenkranz,  Karl  (1805-1879)  456 
Rousseau,  Jean  Jaques  (1712- 1778) 

454 

Saint-Martin,  Louis  Claude  de 
(1743-1803)  247 

Savonarola,  Girolamo  (1452  - 1498) 
265,  271,  298,  300,  307-309 

Schelling,  Friedrich  Wilhelm  Jo- 
seph (1775-  1854)  238, 452f.,  472 

Schiller,  Friedrich  von  (1759-1805) 
323,  349 

Schlegel,  Friedrich  (1772- 1829)  36 

Schleiden,  Matthias  Jacob 
(1804-1881)  190,  457 

Schmidt,  Oscar  (1823-1886)  4lL 

Schopenhauer,  Arthur 

(1788-1860)  75,  132,  148,  413, 
416-418, 421,  432,  433-434,  452 

Schramm,  Heinrich  188 


Schwann,  Theodor  (1810-1882) 
190,  457 

Sforza,  Francesco  (1401  - 1466)  362, 
373 

Sforza,  Ludovico  (gen.  11  Moro) 

(1425-1508)  361 
Shakespeare,  William  (1564-1616) 

259,  265 

Sinnett,  Alfred  Percy  (1840-1921) 
196 

Sokrates  (469  -  399  v.  Chr.)  484 
Spinoza,  Benedictus  de 

(1632-1677)  416 
Steig,  Reinhold  284 
Steiner,  Rudolf  (1861-1925) 
Werke:  Wie  erlangt  man  Er- 
kenntnisse  der  hoheren  Wel- 
ten?  (GA  10)  20,  63,  121f., 
128,  141,  229,  387,  392f.,  408, 
424,  431 
Die  Geheimwissenschaft  im  Um- 
rifi  (GA  13)  141,  337f.,  340, 
343,  408,  474 
Mysteriendrama:  Die  Priifung 

der  Seele  (GA  14)  77,  83 
Mysteriendrama:  Der  Hiker  der 
Schwelle  (GA  14)  395 
Swedenborg,  Emmanuel 
(1688-1772)  462 

Treitschke,  Heinrich  von 
(1834-1896)  284 

Verrocchio,  Andrea  del 
(1436-1488)  358 

Wallace,  Alfred  Russel 

(1823-1913)  97i. 
Wettstein,  Richard  (1863  - 1931)  93 
Wohler,  Friedrich  (1800-1882)  21 
Wundt,  Wilhelm  (1832-1920)  90, 

338 

Zeuner,  Carl  (*  1813)  95 


AUSFUHRLICHE  INH ALTS ANG ABEN 


I.  Wie  widerlegt  man  Geistesforschung? 

Berlin,  31.  Oktober  1912   9 

Geisteswissenschaft  mufi  darauf  bedacht  sein,  die  Einwande 
ihrer  Gegner  zu  verstehen  und  zu  tolerieren.  Uber  die  Erkenn- 
barkeit  der  geistigen  Welt.  Die  vier  Glieder  der  menschlichen 
Wesenheit.  Das  Schlafleben.  Leben  und  Tod.  Wiederholte  Er- 
denleben.  Objektive  (natur)wissenschaftliche  Forschung  und 
Geisteswissenschaft.  Geisteswissenschaft,  ein  raffiniertes  Illu- 
sions- und  Halluzinationsvermogen?  1st  der  Glaube  an  die  «Le- 
benskraft»  und  an  den  Atherleib  ein  wissenschaftlicher  Dilet- 
tantismus?  Astrale  oder  organische  Griinde  fur  Wachen  und 
Schlafen?  Selbstandigkeit  des  Geisteslebens.  Wiederholte  Er- 
denleben,  verschiedene  Individualitaten  und  Vererbung.  Gei- 
steswissenschaft und  Scharlatanerie.  Wiederholte  Erdenleben, 
Karmagesetz  und  Egoismus.  Ein  Einwand  Friedrich  Schlegels. 
Das  religiose  Leben.  Die  Gefahr  von  Hochmut  und  «Selbst- 
vergottung»  durch  Geisteswissenschaft.  Ein  Einwand  Jacob 
Froschammers  gegen  die  Praexistenz  der  Seele.  Ein  Beispiel: 
Eduard  von  Hartmann  und  die  Kritik  an  seiner  «Philosophie 
des  Unbewufiten».  Geoff roy  de  Saint-Hilaire  iiber  die  Schwache 
des  Menschen. 


II.  Wie  begriindet  man  Geistesforschung? 

Berlin,  7.  November  1912   46 

Eine  dreifache  Gegnerschaft  der  Geistesforschung:  Wissen- 
schaft,  religiose  Bekenntnisse,  gewohnliches  Tagesbewufitsein. 
Vom  Beweis  in  der  Naturwissenschaft  und  in  der  Geisteswis- 
senschaft. Atherleib  und  «Leberiskraft».  Das  vermeintliche 
«Erzeugen  lebendiger  Substanz»  im  Laboratorium.  Wachen 
und  Schlafen.  Atmungsvorgang  und  Sauerstoff.  Wie  der  Che- 
miker  das  Wasser  als  die  Dualkat  von  Wasserstoff  und  Sauer- 
stoff auffafit,  so  betrachtet  der  Geistesforscher  den  Menschen 
bestehend  aus  physischem  Leib,  Atherleib,  Astralleib  und  Ich. 
Das  Erstarken  der  Seelenkrafte  durch  Meditation  und  Konzen- 


tration  als  Voraussetzung  fur  iibersinnliche  Erkenntnisse  und 
Anschauungen.  Zum  Einwand,  dafi  es  unmoglich  sei,  wahrhaf- 
tig  zu  unterscheiden  zwischen  wahnhaften  Halluzinationen 
und  realen  iibersinnlichen  Erfahrungen.  Vergleich  der  geistes- 
forscherischen  Erlebnisse  mit  mathematischen  Wahrheiten. 
Tatsachen  kann  man  nicht  beweisen,  sondern  nur  erleben.  Der 
Einwand,  dafi  der  Mensch  nicht  aus  friiheren  Leben,  sondern 
allein  aus  der  physischen  Vererbungslinie  seine  Eigentiimlich- 
keiten  empfangt;  die  Musikerfamilie  Bach  als  Beispiel  dafiir. 
Uber  den  Einwand,  Geistesforschung  fordere  den  Egoismus  im 
moralischen  Handeln.  Schopenhauer  uber  Moralpredigten. 
Uber  den  religiosen  Einwand:  Geisteswissenschaft  lege  den 
Funken  des  Gottlichen  in  die  menschliche  Brust.  Fichtes  Ant- 
wort  auf  den  Kampf  gegen  die  Geistesforschung.  Verse  aus 
dem  Mysteriendrama  «Die  Priifung  der  Seele». 


Die  Aufgaben  der  Geistesforschung  fiir 
Gegenwart  und  Zukunft 

Berlin,  14.  November  1912   84 

Geisteswissenschaft  und  Naturwissenschaft.  Kepler.  Die  Fiille 
der  naturwissenschaftlichen  Leistungen  vernichtet  die  Mog- 
lichkeit  der  Menschenseele,  auf  das  Geistige  hinzublicken. 
Herman  Grimm  uber  Goethe.  Die  modernen  Philosophen 
kommen  iiberall  bis  an  das  Geistige  heran,  konnen  es  aber 
nicht  ergreifen.  Wilhelm  Wundt.  Darwin.  Der  Historiker 
Lord  Acton.  Der  Irrtum  der  Naturwissenschaft,  das  Geistige 
abzulehnen.  Moriz  Carrieres  geistige  Weltanschauung  und  der 
einfache  Mann  Carl  Zeuner.  Keine  Weltanschauung  darf  heute 
bestehen,  die  mit  der  Naturwissenschaft  im  Widerspruch  steht. 
Die  gegensatzlichen  Ansichten  der  Naturforscher  Mivart  und 
Wallace  uber  das  Geistig-Seelische  im  Menschen.  Die  Aufgabe 
der  Geisteswissenschaft.  Lessing.  Herman  Grimm  vor  dem 
Tor  der  Geisteswissenschaft.  Der  Drang  der  Zeit  nach  geistiger 
Erkenntnis.  Walther  Rathenaus  «Zur  Kritik  der  Zeit».  Das  ab- 
strakte  Hinweisen  auf  «Geist»  und  «Seele».  Die  Vorurteile 
gegen  die  Erkenntnisse  von  Galilei  und  Francesco  Redi.  Die 
Vorurteile  gegen  die  Erkenntnisse  der  Geisteswissenschaft. 
Giordano  Bruno. 


IV.  Die  Wege  der  iibersinnlichen  Erkenntnis 

Berlin,  21.  November  1912   117 

Wachen  und  Schlafen.  Beim  Schlafen  ist  der  geistig-seelische 
Wesenskern  aufierhalb  des  physischen  Leibes.  Zu  ubersinnli- 
cher  Erkenntnis  gelangt  der  Mensch,  wenn  er  .sich  wach  und 
bewufk  durch  seinen  Willen  aus  dem  physischen  Leibe  in  den 
geistig-seelischen  Wesenskern  zuriickzieht.  Die  vier  Stufen  der 
menschlichen  Erkenntnis:  Die  auftere  Sinnes-  und  Verstandes- 
erkenntnis  und  die  drei  Stufen  der  iibersinnlichen  Erkenntnis : 
Imagination,  Inspiration,  Intuition.  Ein  Mittel,  sich  zur  Imagi- 
nation zu  erheben:  Meditation.  Aus  den  Tiefen  der  Seele  stei- 
gen  reiche  Bilder  auf.  Abgrenzung  gegen  Illusion  und  Halluzi- 
nation.  Imaginationen  als  Spiegelbild  des  eigenen  Wesens.  Der 
Mensch  mufi  Herr  seiner  eigenen  Imaginationen  sein  und  sie 
vergessen  und  wieder  erinnern  konnen.  Geistige  Wesenheiten 
konnen  schon  in  der  Imagination  wahrgenommen  werden. 
Das  Aufsteigen  zur  Inspiration  und  das  Wahrnehmen  von 
schopferischen  Wesenheiten  in  der  Natur.  Die  Intuition  und 
das  Wahrnehmen  vorhergehender  Inkarnationen.  Die  Ergeb- 
nisse  der  Geistesforschung  im  Alltag.  Die  Veroffentlichung  der 
Methoden  der  Geistesforschung.  Der  Wert  des  Menschen  ist 
durch  seine  intellektuellen  und  moralischen  Qualitaten  be- 
stimmt,  nicht  durch  seine  Geistesforschung.  Der  Geistesfor- 
scher  ist  keine  besondere  Autoritat.  Autoritatsglaube  und  blin- 
de  Anhangerschaft  sind  am  allerschlimmsten  auf  dem  Gebiete 
geisteswissenschaftlicher  Forschung.  Schauen  und  Begreifen 
der  geistigen  Welt.  Nur  Gleiches  kann  Gleiches  begreifen. 


V.  Ergebnisse  der  Geistesforschung  fur  Lebensfragen 
und  das  Todesratsel 

Berlin,  5.  Dezember  1912   150 

Franz  Brentanos  «Psychologie».  Thomas  Henry  Huxleys 
«Grundziige  der  Physiologie».  Die  Schicksalsfrage  bei  Neuge- 
borenen  verschiedenen  Standes.  Wie  der  Naturwissenschafter 
Francesco  Redi  gezeigt  hat,  daft  Lebendiges  nur  aus  Lebendi- 
gem  entstehen  kann,  so  zeigt  Geisteswissenschaft,  daft  Geistig- 
Seelisches  nur  aus  Geistig-Seelischem  entstehen  kann.  Verer- 
bung  in  der  Fortpflanzung.  Wiederholte  Erdenleben  in  Natur- 


wissenschaft  und  Geisteswissenschaft.  Die  Entwicklung  des 
Seelenlebens.  In  der  Fortpflanzung  der  Gattung  geschieht  alle 
Entwicklung  nach  auften  (Evolution),  im  individuellen  Leben 
geht  alle  Entwicklung  nach  innen  (Involution).  Goethe:  «Im 
Alter  werden  wir  Mystiker.»  Die  Geburt  des  «hoheren  Men- 
schen»,  des  «zweiten  Ichs».  Ermiidung  und  Schlaf.  Der  Aufbau 
verfallener  Korperkrafte  wahrend  des  Schlafes.  Der  Mensch  ist 
das,  was  er  aus  sich  selbst  gemacht  hat,  sein  konzentriertes 
Schicksal.  Tod  und  Wiedergeburt  in  anderen  Verhaltnissen.  Ist 
das  Genie  das  Ergebnis  der  vererbten  Eigenschaften  seiner  Vor- 
fahren?  Wandel  und  Dauer  des  Lebens. 

VI.  Naturwissenschaft  und  Geistesforschung 

Berlin,  12.  Dezember  1912   185 

Erkenntnisse  der  Naturwissenschaft  am  Ende  des  19.  Jahrhun- 
derts.  Die  Ergebnisse  der  Biologie,  Zoologie  und  Anatomie. 
Die  Schwierigkeit,  zu  unterscheiden  zwischen  naturwissen- 
schaftlichen  Tatsachen  und  hinzuspekulierten  Theorien.  Die 
Strenge  des  naturwissenschaftlichen  Denkens.  Das  Bediirfnis, 
auch  in  der  Seelenlehre  nach  dem  Muster  der  Naturwissen- 
schaft zu  forschen:  Franz  Brentanos  «Psyehologie».  Brentanos 
Scheitern  auf  dem  Weg  in  die  geistige  Welt.  Sinnetts  «Esoteri- 
scher  Buddhismus»  ist  in  nichts  gerechtfertigt  vor  der  strengen 
naturwissenschaftlichen  Wahrhaftigkeit.  Auch  Blavatskys  «Ge- 
heimlehre»  ist  durchmischt  mit  naturwissenschaftlichem  Dilet- 
tantismus.  Indische  Weisheit  und  Yoga.  Aristoteles'  Seelen- 
lehre. Der  Verlust  des  Blickes  auf  die  geistige  Welt  beim  Auf- 
kommen  der  Naturwissenschaft.  Du  Bois-Reymonds  «Uber  die 
Grenzen  des  Naturerkennens».  Der  schlafende  und  der  wache 
Mensch.  Geisteswissenschaft  ist  nur  als  berechtigt  anzuerken- 
nen,  wenn  sie  bekannt  ist  mit  dem  Stande  der  naturwissen- 
schaftlichen Forschung  der  Gegenwart. 

VII.  Jakob  Bohme 

Berlin,  9.  Januar  1913   220 

Originalitat  und  Geistesgrofie  Bohmes.  Bohmes  «Traumerleb- 
nis»  als  Hirtenknabe.  Sein  Erlebnis  als  Schusterlehrling.  Die 
Entriickung  aus  dem  physischen  Leibe  in  eine  andere  Welt 


wahrend  sieben  Tagen.  Sein  Werk  «Die  Morgenrdte  im  Auf- 
gang».  Schreibverbot  fiir  Bohme.  Die  anderen  Werke  Bohmes. 
Was  in  Jakob  Bohmes  Seele  lebt,  ist  zu  vergleichen  mit  der 
ersten  Stufe  der  ubersinnlichen  Erkenntnis,  der  Imagination. 
Das  Untertauchen  und  Wiederauftauchen  von  Jakob  Bohmes 
Imaginationen.  Das  Problem  des  Bosen  bei  Bohme.  Die  Welt 
als  Gegenwurf  der  Gottheit.  Jakob  Bohme  sucht  nicht  nur  den 
Urgrund  des  Bosen,  sondern  auch  den  £/«grund.  Das  Gute  ver- 
richtet  seine  Weltenfunktion,  indem  es  dem  Bosen  gegeniiber- 
gestellt  ist.  Uber  Luzifer.  Bohmes  Formel  des  Problems  des 
Bosen:  «Kein  Ja  ohne  Nein.»  Bohme  als  Runenratselloser  und 
«Philosophus  teutonicus».  Schriften  gegen  Jakob  Bohme. 


VIII.  Die  Weltanschauung  eines  Kulturforschers  der  Gegen- 
wart,  Herman  Grimm,  und  die  Geistesforschung 

Berlin,  16.  Januar  1913   249 

Herman  Grimm  als  Vermittlungsglied  zwischen  der  Goethe- 
zeit  und  dem  modernen  Geistesleben  und  als  geistiger  Statthal- 
ter  Goethes.  Seine  Goethe- Vorlesungen.  Herman  Grimm  als 
Geschichtsbetrachter :  Wer  sich  treu  an  auiSere  historische  Do- 
kumente  halt,  bekommt  ein  gefalschtes  Bild  der  Menschheits- 
entwicklung.  Grimm  dagegen  blickte  auf  den  fortlaufenden 
Strom  der  Schopfungen  der  Volksphantasie  in  Literatur  und 
Kunst.  Grimms  Homer-Buch.  Herman  Grimm  uber  den  Chri- 
stus-Impuls  in  der  Menschheitsentwicklung.  Grimms  «Frag- 
mente».  Sein  Buch  «Raphael»  im  Verhaltnis  zu  seinen  anderen 
Werken.  Grimms  Vorstudien  fiir  seine  Werke  sind  nicht  histo- 
rische sondern  seelische  Studien:  Die  Novellensammlung,  der 
Roman  «Uniiberwindliche  Machte».  Herman  Grimm  vor  dem 
Tor  der  Geisteswissenschaft. 


IX.  Raffaels  Mission  im  Lichte  der  Wissenschaft 
vom  Geiste 

Berlin,  30.  Januar  1913   286 

Die  Erziehung  des  Menschengeschlechts  durch  so  hervorragen- 
,  de  Gestalten  wie  Raffael.  Das  Voranschreiten  der  Menschheit 
zur  Verinnerlichung:  Das  Gleichgewicht  des  Aufierlich-Leib- 


lichen  und  des  Seelisch-Geistigen  im  Griechentum,  die  verin- 
nerlichte  Seele  im  Christentum  (Augustinus),  die  Schopfungen 
Raffaels  als  Wasserscheide  der  Menschheitsentwicklung.  Die 
Entwicklung  Raffaels  in  Etappen  von  vier  Jahren.  Geburts- 
stadt  Urbino.  Lehrzeit  in  Perugia.  Das  Florenz  Savonarolas. 
Die  Papste.  Raffael  in  Rom  gleichsam  als  Diener  der  heidnisch 
gewordenen  Christenheit,  in  seinen  Werken  erscheinen  die 
christlichen  Ideen  aber  in  neuer  Gestalt.  Die  «Sixtinische  Ma- 
donna».  Die  «Madonna  della  Sedia».  Das  innere  christliche 
Feuer  bei  Raffael  und  bei  Savonarola.  Raffaels  Christentum 
und  Griechentum.  Die  «Schule  von  Athen».  Der  «Parnafi». 
Die  «Disputa».  Raffaels  Schopfungen  im  Gang  der  Mensch- 
heitsentwicklung. 

X.  Marchendichtungen  im  Lichte  der 
Geistesforschung 

Berlin,  6.  Februar  1913   321 

Die  Quellen  zur  Marchendichtung  liegen  viel  tiefer  in  der 
Menschenseele  als  die  Quellen  der  iibrigen  Kunstwerke.  Der 
Unterschied  Marchen  -  Tragodie.  Der  Kampf  der  Seele  beim 
Einschlafen  und  Aufwachen  spielt  sich  in  solchen  Tiefen  der 
Menschenseele  ab.  Das  standige  unbewufke  Traumen  der  See- 
le. Das  fruhere  hellseherische  Bewuffosein.  Das  Entstehen  der 
Marchenbilder.  Das  Marchen  vom  Kind  und  der  Unke.  «Rum- 
pelstilzchen.»  Rudolf  Steiners  «Geheimwissenschaft  im  Um- 
rifi»  und  Marchen  aus  Wilhelm  Wundts  «V6lkerpsychologie». 
Die  deutschen  Marchen  der  Briider  Grimm.  Die  Riesen  in  den 
Marchen.  Das  Marchen  «Hundert  auf  einen  Streich».  Die  Mar- 
chen sind  wunderbare  Nahrung  fur  die  Seele  des  Kindes  und 
sind  ein  guter  Engel  auf  der  Lebenswanderung  des  Menschen. 

XL  Lionardos  geistige  Grofie  am  Wendepunkt  zur 
neueren  Zeit 

Berlin,  13.  Februar  1913   353 

Das  «Abendmahl»  in  Mailand.  Der  Lebensweg  Leonardos.  Sein 
Zeichentalent.  Seine  Studien  der  Gesichtsziige  fur  die  mannig- 
faltigsten  Seelenerlebnisse.  Leonardo  am  Hofe  Lodovico  il  Mo- 
ros  in  Mailand.  Seine  technischen  Erfindungen  und  Plane.  Das 


Reiterstandbild  des  Francesco  Sforza.  Leonardos  jahrelanges 
Ringen  um  die  Vollendung  des  «Abendmahls».  Sein  «Traktat 
tiber  die  Malerei».  Die  besonderen  Licht-Schatten-Verhaltnisse 
bei  dem  Antlitz  des  Christus  und  des  Judas  im  «Abendmahl». 
Vom  Geheimnis  der  Personlichkeit  Leonardos.  Die  zweifache 
Bedeutung  der  naturwissenschaftlichen  Entwicklung.  Die 
Kunst  der  Renaissance  und  die  Kunst  der  Griechenzeit.  Die 
Mark  Aurel-Statue  in  Rom.  Der  Verlust  des  Sich-verbunden- 
Fiihlens  mit  dem  Geist  im  Zeitalter  Leonardos.  Leonardo  als 
tragische  Gestalt  am  Wendepunkt  zu  einer  neuen  Zeit.  Seine 
Seele  im  iibersinnlichen  Dasein. 


XII.  Irrtiimer  der  Geistesforschung 

Berlin,  6.  Marz  1913   382 

Gesunde  Wahrnehmungsorgane  und  eine  vollstandige  Ausbil- 
dung  und  Klarheit  des  Bewufitseins  als  Voraussetzung  fur  rich- 
tiges  Beobachten.  Eine  gesunde  Urteilskraft  und  eine  morali- 
sche  Stimmung  der  Seele  als  Ausgangspunkt  fur  die  geisteswis- 
senschaftliche  Schulung.  Die  Visionen  des  Geistesforschers 
sind  zunachst  nur  Wahnvorstellungen  seines  eigenen  Wesens. 
Deshalb  mufi  der  Geistesforscher  seine  geistigen  Erscheinun- 
gen,  die  er  herstellen  kann,  auch  wieder  ausloschen  konnen. 
Das  ist  nur  moglich  durch  den  Sieg  iiber  Selbstliebe  und  Eigen- 
sinn.  Der  Geistesschiiler  darf  sich  vor  der  Furcht  nicht  fiirch- 
ten.  Der  «Huter  der  Schwelle».  Die  Furcht  vor  der  geistigen 
Welt  als  Grund  fur  den  Materialismus,  der  zum  Phanomenalis- 
mus  und  Spiritismus  ftihren  kann.  In  der  geistigen  Welt  ent- 
steht  der  Irrtum  dadurch,  dafi  man  das  Tote  fur  ein  Lebendes 
halt.  Maurice  Maeterlincks  Buch  «Vom  Tode»  ist  Phanomena- 
lismus  und  Gespensterforschung  statt  Geistesforschung.  Das 
andere  Extrem  der  Irrtumsmoglichkeit :  Die  Ekstase.  Der  soge- 
nannte  mystische  «Gott  im  Innern»  ist  oft  nichts  anderes  als 
das  zum  Gott  hinaufgestempelte  Ich.  Wahrhaftigkeit  als  aufie- 
res  Zeichen  des  wahren  Geistesforschers.  Die  Mitteilungen  des 
Geistesforschers  konnen  auch  von  dem  gewohnlichen  Denk- 
vermogen  der  Menschen  begriffen  werden.  Der  Weg  der  Gei- 
stesforschung zwischen  Phanomenalismus  und  Ekstase. 


XIII.  Die  Moral  im  Lichte  der  Geistesforschung 

Berlin,  3.  April  1913   416 

Arthur  Schopenhauers  Moralvorstellung.  Die  Verschiedenheit 
moralischer  Begriindungen  am  Beispiel  einer  moralischen  Tat 
Lord  Byrons.  Die  drei  Stufen  der  Einweihung  (Imagination, 
Inspiration,  Intuition)  und  die  moralische  Seelenstimmung. 
Um  die  Bilder  der  Imagination  als  Spiegelbilder  seines  eigenen 
Wesens  erkennen  zu  konnen,  braucht  der  Geistesforscher  Tat- 
sachensinn  und  Ubung  der  Wahrhaftigkeit.  Um  die  geistigen 
Stimmen  der  Inspiration  als  Echo  seines  eigenen  Wesens  erken- 
nen zu  konnen,  braucht  der  Geistesforscher  moralischen  Mut, 
Starkmut.  Um  in  der  Intuition  zu  wahren  Erkenntnissen  ho- 
herer  Wesenheiten  zu  kommen,  braucht  der  Geistesforscher 
freies  offenes  Interesse.  So  hangt  geistige  Schulung  innig  zu- 
sammen  mit  der  Erhohung  der  moralischen  Kraft.  Schopen- 
hauers moralische  Forderung  nach  Mitleid,  Mitgefiihl.  Die  mo- 
ralische Erfahrung  des  Geistesforschers  bei  der  Begegnung  mit 
dem  Hiker  der  Schwelle.  Moralische  Eigenschaften  in  ihren 
Ursachen  und  Wirkungen  bei  wiederholten  Erdenleben.  Auch 
wenn  es  noch  so  sehr  verborgen  ist,  etwas  ist  im  Menschen,  das 
sich  zum  Guten  bekennt. 


XIV.  Das  Erbe  des  neunzehnten  Jahrhunderts 

Berlin,  10.  April  1913   445 

Geisteswissenschaft  versucht,  der  Seele  eine  Erkenntnis  ihres 
im  Geistigen  liegenden  Ursprungs  zu  sein.  Die  Glanzperiode 
des  philosophischen  Strebens:  Fichte,  Schelling,  Hegel,  Scho- 
penhauer. Kants  Abhandlung  «Was  ist  Aufklarung?».  Das 
Nachlassen  des  philosophischen  Strebens  und  das  Aufkommen 
der  Naturwissenschaft  um  die  Mitte  des  neunzehnten  Jahrhun- 
derts. Goethe,  Herman  Grimm,  Emerson.  Die  Bedeutung  des 
naturwissenschaftlichen  Denkens  fur  die  menschliche  Seele. 
Die  menschliche  Seele  in  fruheren  Kulturepochen:  In  der 
agyptisch-chaldaischen  Zeit  fiihlt  sich  die  Seele  mit  der  Welt 
eins,  in  der  griechisch-romischen  Zeit  fiihlt  sich  die  Seele  mit 
der  eigenen  Leiblichkeit  eins,  in  der  heutigen  Kulturepoche  hat 
sich  die  Seele  herausgeworfen  aus  dem  objektiven  Weltbilde. 


Kepler  und  Giordano  Bruno  iiber  die  Erde  als  Organismus. 
Die  drei  Glieder  der  menschlichen  Seele  und  ihre  Ausbildung 
in  den  Kulturepochen.  Das  Rmgen  der  Bewufitseinsseele  im 
neunzehnten  Jahrhundert  bei  Feuerbach,  Nietzsche,  Du  Bois- 
Reymond.  Die  Vorbereitung  des  Zeitalters  des  Geistselbstes 
schon  in  unserem  Zeitalter  der  Bewufitseinsseele.  Otto  Lieb- 
manns  Gedanke  vom  Kosmos  als  einem  Riesengehirn.  Das  na- 
turwissenschaftliche  Weltbild  des  neunzehnten  Jahrhunderts 
ist  das  schonste  Erziehungsmittel  zu  dem,  was  die  Menschen- 
seele  werden  soil:  zu  einem  aus  der  Bewufitseinsseele  heraus 
nach  dem  Geistselbst  strebenden  Wesen.